Der Prophet Daniel
Halte fest Jahrgang 1977 - Seite: 67 - Verfasser: F. B. H.
Überblick
Einleitung
Jesaja weissagte im Reich Juda, vor und während der Regierung des gottesfürchtigen Königs Hiskia. Unter dem Einfluss dieses Regenten schienen die Dinge äusserlich besser zu werden. Aber der Prophet musste den verborgenen Zerfall, der sich unter der Oberfläche ausbreitete, aufdecken. In unserer Bibel folgt auf sein Buch das des Propheten Jeremia, den Gott erweckte, um in den letzten traurigen Tagen der Geschichte Judas für Ihn zu zeugen. Damals standen die Dinge hoffnungslos schlimm und ohne Aussicht auf Wiederherstellung, und durch den König Nebukadnezar kam das Unglück über das Volk.
Früher bewohnten sieben Nationen das Land Kanaan. Aber sie verübten so schreckliche Sünden, dass Gott das Volk Israel unter Josua gegen sie sandte, mit dem Befehl, alle gänzlich auszurotten. Und jetzt hatte der Herr durch Jeremia ähnliches über Juda zu sagen: «Entsetzliches und Schauderhaftes ist im Lande geschehen: die Propheten weissagen falsch, und die Priester herrschen unter ihrer Leitung, und mein Volk liebt es so. Was werdet ihr aber tun am Ende von dem allen?» (Jer. 5,30.31).Was Gott «am Ende von dem» durch den König von Babylon tat, hatte Jeremia zu seinem tiefen Schmerz mit anzusehen und zu erfahren. Wir bekommen eine Ahnung von der Tiefe seines Kummers, wenn wir die Klagelieder lesen, die ein separates Buch bilden.
Dann folgt das Buch des Propheten Hesekiel Er gehörte zu denen, die unter König Jojakin in die Gefangenschaft geführt wurden. Dies geschah einige Jahre vor dem endgültigen Fall Zedekias und der Stadt Jerusalem, den Jeremia miterlebte. Im fremden Land hatte Hesekiel Gesichte. Er sah, wie die Herrlichkeit, der Ausdruck der Gegenwart Gottes, den Tempel und die Stadt verliess; und wenn Gott sich entfernt hatte, war alles verloren.
Und doch sagte jeder dieser drei Propheten ein zukünftiges Eingreifen Gottes voraus, das von einer ganz neuen Art und Weise sein würde. Jesaja redete von vollkommen neuen Dingen, sogar von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Dies wird zustande kommen durch das zweimalige Kommen des Messias: zuerst als der unterwürfige Knecht, um für die Sünden zu leiden und zu sterben, und dann als der mächtige Arm Jehovas, um das in Kraft zu erlösen, was Er schon mit seinem Blut erkauft hat.
Jeremia schliesst mit seinen Prophezeiungen an, indem er sagt, dass diese neuen Dinge nicht auf der Grundlage des alten Bundes des Gesetzes, sondern auf der des neuen Bundes der Gnade errichtet würden. Wenn wir die Verse 31-34 seines 31. Kapitels lesen, stellen wir fest, wie oft der Ausdruck «Ich werde» vorkommt, im Gegensatz zu «wir wollen», in 2.Mose 19,8. In diesem neuen Bund wird Gott nach seinen eigenen Gedanken und Absichten in Gnaden handeln, gestützt auf das Werk Christi, wie Jesaja es enthüllt.
Hesekiel vervollständigt den prophetischen Überblick, den uns diese drei grossen Propheten geben. In seinem 36. Kapitel kündigt er uns die Wiedergeburt an, die ein Überrest aus Israel erleben wird, bevor sie in die Segnungen des tausendjährigen Reiches eingehen werden. Im nächsten Kapitel spricht er von der geistlichen Wiederbelebung des Volkes und einer neuen Lebensordnung, in die sie gebracht werden.
Das führt uns zu Daniel, den Gott beim Beginn der «Zeiten der Nationen» erweckte (Luk. 21,24), unter Nebukadnezar. Er war von Gott befähigt, uns einen prophetischen Überblick über den Lauf dieser Zeiten zu geben, in denen der Messias weggetan werden wird. Deshalb wird Drangsal das Teil des Volkes sein, aber mit der Hoffnung auf Befreiung am Ende.
Daniels Prophezeiung teilt sich deutlich in zwei Teile, wenn man vom Einführungskapitel absieht. Darin wird uns die mutige Haltung Daniels und seiner drei Freunde gegen den Einfluss des Götzendienstes geschildert, und wie Gott sich zu ihnen bekannte. Von dem Punkt an, da die Chaldäer zu dem König auf aramäisch sprachen (2,4) bis zum Ende von Kapitel 7 wird diese Sprache der Nationen benützt. Erst Kapitel 8 kehrt wieder zu der hebräischen Sprache zurück. Somit werden die geschichtlichen Einzelheiten und die Prophetie, die sich auf die Herrschaft der Nationen beziehen, in der Sprache der Nationen geschrieben. In den letzten fünf Kapiteln werden Daniel Dinge offenbart, die in der Hauptsache sein Volk betreffen, obwohl sich gewisse Einzelheiten auch auf die Nationen beziehen.
Kapitel 1
Dreimal zog Nebukadnezar mit seinen Heeren gegen Jerusalem. Dabei stürzte er die Könige Jojakim, Jojakin und Zedekia. Bei der ersten Begebenheit wurden Daniel und seine drei Freunde mit einer ganzen Anzahl Jugendlicher von königlicher oder fürstlicher Abstammung in die Gefangenschaft geführt. Man betrachtete sie als geistig besonders hochstehend. Der scharfsinnige Babylonierkönig wollte seine Position mit den begabtesten Männern der besiegten Nationen stärken. Er fasste sie zu einem Heer von Magiern zusammen, - Männer, die mit dämonischen Mächten verkehrten und ihm Ratschläge gaben auf Grund ihres okkultistischen Treibens.
Daniel und seinen Freunden stand also eine Ausbildung bevor, die ihnen Kenntnis und Einsicht vermitteln sollte. Dieses Wissen stand aber zweifellos in Verbindung mit den «vorwitzigen Künsten», so genannt in Apostelgeschichte 19,19, wie sie auch zu jener späteren Zeit in Ephesus betrieben wurden. Wenn der grosse babylonische Herrscher die Anzahl der Männer erhöhen konnte, die ihm übernatürliche Weisheit und Beratung zu geben vermochten, wuchs auch seine Macht.
Von jetzt an wurde ihnen die Nahrung nach spezieller Verordnung vorgeschrieben: ein Tagtägliches von der Tafelkost des Königs. Das bedeutete: vom Besten des Landes, das aber zweifellos in Verbindung mit götzendienerischen Riten stand. Und weiter wurden ihnen durch den Obersten der Kämmerer die ursprünglichen Namen abgenommen. Sie waren unter einen neuen Besitzer gekommen und dies wurde hervorgehoben durch neue Namen heidnischen Ursprungs und abgöttischer Bedeutung. Das war die Stellung, in die sich Daniel und seine Gefährten versetzt sahen.
Beim Lesen des 8. Verses werden wir unwillkürlich durch die Worte getroffen: «Und Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht.. zu verunreinigen». Welch eine bedeutungsvolle Aussage! Hätte er es sich nicht vorgenommen, gäbe es kein Buch Daniel in unserer Bibel. Haben wir bemerkt, dass der Geist Gottes in seinem Bericht den heidnischen Namen nicht anerkennt und dafür seinen ursprünglichen verwendet? Daniel bedeutet: «Richter ist Gott». Dieser Mann lebte offensichtlich im Licht seines Namens, denn wir lesen nicht, dass er es sich in seinem Kopf, dem Sitz seiner Intelligenz, vornahm, sondern im Herzen, dem Sitz seiner Liebe zu Gott, vor Dem er lebte. Ein solcher Vorsatz hat Bestand und wird sich nicht verändern.
Im weiteren stellen wir fest, dass es die Verunreinigung war, die er entschieden vermeiden wollte. Vom materiellen Standpunkt aus gesehen, war die Nahrung sicher rein. Es war die geistliche Verunreinigung, an die er dachte. Babylon war von jeher die Brutstätte des Götzendienstes. In Vers 8 werden seine drei Freunde nicht genannt. Aber in Kapitel 3,18 zeigen sie genau die gleiche Einstellung und den gleichen Vorsatz wie er.
Lasst uns die Lektion, die uns hier begegnet, ernsthaft zu Herzen nehmen. Das Geheimnis der ungewöhnlichen Kraft Daniels lag in der vorsätzlichen Absonderung von der bösen Welt, die ihn umgab. Er kannte ihre Macht der Verunreinigung und lehnte sie entschieden ab. Etwa fünf Jahrhunderte später enthüllte sich ihr wahrer Charakter vollkommen und endgültig im Kreuz Christi. Der Herr Jesus selbst sagte damals: «Jetzt ist das Gericht dieser Welt» (Joh. 12,31). Wir leben jetzt im Licht dieser Tatsache. Wir wissen, dass sie durch Satan regiert wird, denn er wird «der Gott dieser Welt» genannt (2.Kor. 4,4). Wie nötig ist es daher für uns, mit ganzem Herzensentschluss uns von der Welt abzusondern, mehr noch als für Daniel.
Trotz seiner grossen Entschiedenheit war ein Geist der Weisheit und Demut in ihm, in welchem er seinen Entschluss bekannt gab. Gott handelte zu seinen Gunsten, indem Er ihm das Wohlwollen des Obersten der Kämmerer sowie des Aufsehers zuwandte. Doch nahm er sich deswegen nichts heraus, um überheblich zu reden. Vielmehr brachte er seinen Wunsch vor und unterbreitete das Gesuch, dass er und seine Freunde zum Test während zehn Tagen Gemüse und Wasser bekommen sollten. Erst nachher, auf Grund der Resultate, sollte endgültig über die Sache beschlossen werden. Gott war mit ihnen und als Ergebnis wurden sie von der Verunreinigung befreit, die sie sonst betroffen hätte.
Lasst uns aus dieser Begebenheit eine Lektion lernen. Absonderung von aller Verunreinigung ist immer der Weg Gottes für die Seinen, aber viel hängt davon ab, in welchem Geist sie ausgelebt wird. Wird sie in einem strengen und überheblichen Geist verwirklicht, anstatt in einem Geist der Sanftmut und Unterwürfigkeit, dann wird das Zeugnis gegenüber andern wirkungslos. Wenn wir sie in einem Geist praktizieren, der da sagt: «Bleib dort, wo du stehst; komm nicht in meine Nähe; denn ich bin heiliger als du» - dieser Geist kennzeichnete die Pharisäer zur Zeit des Herrn Jesus - dann werden wir das Böse fördern, von dem wir bekennen uns abzusondern. Daniel und seine Freunde begehrten sich abzusondern und führten es auch im richtigen Geist aus.
Deshalb war Gott mit ihnen in einer ganz ungewöhnlichen Weise. Nicht nur zeigte sich ihr Aussehen besser und völliger an Fleisch als dasjenige aller Jünglinge, sondern sie waren auch in Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit allen überlegen, die von der Tafelkost des Königs assen. Und zudem wurde Daniel übernatürliches Verständnis zuteil, für alle Gesichte und Träume, durch die Gott in jenen Tagen öfters seine Absichten kundtat.
Die Prüfung vor Nebukadnezar brachte alles klar zu Tage. Die Schriftgelehrten und Beschwörer waren Männer, die mit finsteren Mächten verkehrten, um so zu übernatürlichem Wissen zu kommen. Aber im Vergleich mit den vier Männern, die von Gott belehrt waren, erwiesen sich diese ihnen zehnmal überlegen. Das erstaunt uns eigentlich nicht. Wir finden das Gleiche noch deutlicher ausgedrückt in 1.Korinther 2, wo wir lesen, dass die Fürsten dieses Zeitlaufs nichts wissen von der Weisheit Gottes, sonst «würden sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben». Der einfachste Gläubige hingegen beurteilt oder unterscheidet alles, weil er den Heiligen Geist besitzt und von Ihm geleitet wird.
Bevor wir das erste Kapitel verlassen, ist vielleicht noch zu erwähnen, dass die Frage über Speisen, die durch götzendienerische Handlungen verunreinigt waren, auch die Gläubigen in Korinth beschäftigte. Paulus belehrte sie darüber in 1.Korinther 8 und 10,25-31. Fleisch, das auf dem Markt verkauft wurde, oder das sie als Gast vorgesetzt bekamen, sollten sie essen, ohne Fragen zu stellen. Sobald sie aber sicher wussten, dass es Götzenopferfleisch war, sollten sie nichts davon geniessen. Ein Christ sollte sich von jeder Verbindung mit Götzendienst freihalten, genauso wie es Daniel und seine Freunde taten.
Kapitel 2
Mit dem Aufsehen erregenden Aufstieg Babylons unter Nebukadnezar begannen die Zeiten der Nationen. Aber schon im zweiten Jahr seiner Regierung hatte dieser Herrscher einen ungewöhnlichen Traum, der ihn beunruhigte. Und das war gut so, denn dieses Gesicht enthielt eine von Gott gegebene Offenbarung, um ihn zu demütigen. Die Unruhe liess ihn nicht mehr schlafen; aber noch schlimmer war, dass er jede Erinnerung an seinen Traum verloren hatte. Nun wandte er sich an die Schriftgelehrten, Beschwörer und Zauberer. Sie sollten ihm den Traum erzählen und seine Deutung erklären.
Diese Forderung, und die Drohung, dass alle umgebracht würden, wenn sie die Antwort schuldig blieben, scheint auf den ersten Blick brutal und unzumutbar. Aber denken wir daran, dass zu jener Zeit falsche jüdische Propheten und Wahrsager in Jerusalem und in Babel waren (Jeremia 29), deren Behauptungen und Erklärungen nicht zutrafen. Ohne Zweifel galt das auch für die babylonischen Wahrsager. Nebukadnezar mag gedacht haben, dass dies eine gute Gelegenheit sei, diese Männer, die ihn umgaben und ihn mit übernatürlicher Einsicht zu beraten suchten, auf die Probe zu stellen. Wenn sie schon vorgaben, auf übernatürliche Weise Träume zu deuten, dann konnten diese besonderen Kräfte bestimmt auch den vergessenen Traum rekonstruieren! Jetzt sollten sie ihre Behauptungen unter Beweis stellen. Wenn sie es nicht konnten, wollte er sie aus seinem Königreich vertilgen.
Die Babylonier zählten Daniel und seine Freunde auch zu diesen «Weisen», und so fielen auch sie unter den Befehl des Königs. Nun müssen wir die Handlungsweise Daniels und seiner Freunde beachten. Sie ist sehr lehrreich. Zuerst erbat sich Daniel in einem Geist der Demut vom König eine Fristverlängerung, in der Gewissheit einer bevorstehenden Antwort. Das offenbart den starken Glauben, den Daniel in Gott hatte. Nachdem ihnen die Verlängerung gewährt war, fanden sich Daniel und seine Gefährten zu ernstem Gebet zusammen, damit das Geheimnis des Traumes ihnen offenbart würde.
Da waren also diese vier Männer, umgeben von der gröbsten Form des Götzendienstes in der damals grössten Weltstadt, aber in wahrer Absonderung des Herzens und des praktischen Lebens, in Verbindung mit dem Gott des Himmels, um seine Antwort zu empfangen. Das Geheimnis, um das sie baten, wurde Daniel in einem Gesicht der Nacht offenbart. Er sah das Gleiche, was einige Tage zuvor der König gesehen hatte. Andere schon waren von Gott befähigt, Träume zu deuten, z.B. Joseph. Und den gleichen Traum zwei verschiedene Menschen, nicht einmal zur gleichen Zeit, sehen zu lassen, auch das bringt nur Gott zustande. Nur den seiner Knechte lässt Er ein solches Wunder erleben, der sich von den Verunreinigungen der ihn umgebenden Welt ganz für Ihn absondert.
Das erste, was Daniel tat, war Gott zu loben und zu preisen (Verse 19-23). Er lebte tatsächlich in einer Zeitepoche, da Gott Zeiten und Zeitpunkte ändert, Könige absetzt und einsetzt und zeigt, dass Macht und Weisheit Sein sind. Gott war es, der die Könige aus der Linie Davids wegtat und Nebukadnezar erhob. Daniel beugte sich darunter und pries Gott dafür. Er lobte und rühmte Ihn auch, dass Er denen Weisheit gab, die Verständnis bekommen hatten, um sie zu empfangen, und dass Er ihm das gewünschte Geheimnis kundgetan hatte.
Zeiten und Zeitpunkte in Verbindung mit dieser Erde werden zum ersten Mal in 1.Mose 1,14 genannt. Den gleichen Ausdrücken wie hier begegnen wir noch in Apostelgeschichte 1,7 und 1.Thessalonicher 5,1. Diese Begriffe beziehen sich auf Gottes Regierung und Handeln auf Erden. In Apostelgeschichte 1 sollte die Zeit, wann Gott handeln würde, den Jüngern verborgen bleiben. Die Thessalonicher hingegen wussten um die Art und Weise des vorausgesagten Handelns Gottes und die Ordnung, nach welcher sich die Dinge ereignen würden. Obwohl sie dies wussten, waren sie aber unwissend in Bezug auf das Kommen des Herrn für die Seinen, wie es dann im 4. Kapitel des Briefes mitgeteilt wird. Aber dieses Kommen steht in Verbindung mit der himmlischen Berufung, währenddem sich «Zeiten und Zeitpunkte» auf die Erde beziehen.
Nachdem Daniel der Traum offenbart war, wird er sofort vor den König gebracht, wo er jede eigene Befähigung zur Traumdeutung in Abrede stellt. Er weist den König auf den Gott des Himmels hin, der Geheimnisse offenbart und im Sinn hat, ihn den künftigen Verlauf der Herrschaft der Nationen wissen zu lassen, die mit dem Sturz Jerusalems und seines Königs begann. Nebukadnezar wird klar gesagt, dass Gott so handelte um Daniels und seiner Freunde willen, und damit er erkenne, dass er es mit einem Gott zu tun habe, der die verborgensten Gedanken seines Herzens sieht. In den Versen 31-35 erzählt er dem König den Traum.
Wir wollen nun den Traum in Verbindung mit der Deutung betrachten, die Daniel ab Vers 37 gibt. Das goldene Haupt dieses gewaltigen Bildes mit aussergewöhnlichem Glanz war Nebukadnezar selbst. Er übte uneingeschränkte, absolute Macht aus, so wie es keiner vor ihm noch nach ihm bis jetzt gekannt hat. Diese Absolutheit wird, wie wir glauben, nur im «Tier» aus Offenbarung 13 ihresgleichen finden und übertroffen werden durch den Herrn Jesus, wenn Er kommen wird als König der Könige und Herr der Herren. Der Herr Jesus wird richten und regieren in Gerechtigkeit, im Gegensatz zu Nebukadnezar, von dem es heisst: «Wen er wollte tötete er, und wen er wollte liess er leben» (Dan. 5,19).
Aber das babylonische Weltreich, so grossartig es auch war, beherrschte nur für kurze Zeit die Bühne der Weltgeschichte. Unter Belsazar fiel es von seiner stolzen und hervorragenden Stellung. Das Ganze war so sehr von der Macht und Herrlichkeit Nebukadnezars abhängig, dass in Vers 39 kein weiterer babylonischer König mehr genannt wird. Vielmehr heisst es da, dass nach ihm ein anderes Königreich von niedrigerem Charakter aufstehen würde, das im Bild des Traumes durch die Brust und Arme von Silber dargestellt war. Dieses wiederum würde abgelöst durch ein drittes Reich, charakterisiert durch Bauch und Lenden von Erz.
Der abnehmende Wert der Metalle weist auf eine Verminderung der Qualität der nachfolgenden Weltmächte hin. Es mag hart tönen, wenn wir sagen, dass Autokratie aus Gottes Sicht die ideale Regierungsform ist. Im tausendjährigen Reich wird sie in gerechter und doch gütiger Vollkommenheit durch Christus ausgeübt werden. Es ist bemerkenswert, dass Daniel in diesem Kapitel mehrmals vom Gott des Himmels spricht. Er will damit diesem ersten Herrscher aus den Nationen sagen, dass seine Macht und Autorität ihm vom Himmel anvertraut worden sei. Auf diese Tatsache stützt auch der Apostel seine Belehrungen in Römer 13,1. Die damals herrschende Weltmacht war die vierte aus unserem Kapitel. Jede existierende weltliche Macht, wie sie auch immer sein mag, zu irgend einem Zeitpunkt, besitzt ihre Autorität als anvertraut vom Gott des Himmels.
Über das zweite und dritte Weltreich werden nur kurze Erklärungen gegeben. Unsere Gedanken werden auf das vierte konzentriert, das sich durch Härte (Eisen) auszeichnet. Das römische Weltreich zerbrach alles Vorhandene und unterwarf sich tatsächlich die ganze zivilisierte Welt. Es bestand in dieser vereinheitlichten Form während Jahrhunderten. Obwohl die Einheit zerfiel, wie wir wissen, wird es im Traum als in einer gewissen Form fortbestehend betrachtet, bis zu seiner letzten Entfaltung als einer Vereinigung von zehn Königreichen, am Ende seiner Geschichte. Dann wird Eisen mit lehmigem Ton vermischt gesehen; das Reich wird teilweise hart und stark und teilweise brüchig sein.
Die Mischung aus Ton und Eisen stellt dies treffend dar, denn es sind zwei Materialien von ganz unterschiedlichem Charakter. Eisen ist ein Metall von geringerem Wert als Gold, aber härter; Ton ist kein Metall und weist in der Schrift immer auf den Gegensatz zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen hin (Hiob 10,9; 33,6, der Mensch ist wie Ton in der Hand Gottes, des Töpfers!).
Der Traum deutet also darauf hin, dass das vierte Weltreich in seinen letzten Tagen «Könige» haben wird, nämlich zehn, und dass sich, obwohl immer noch hart, ein brüchiges - ein menschliches - Element beigemischt hat. Dieses Element nennen wir in unseren Tagen Demokratie, das einst ein hochgestellter Mann wie folgt umschrieben hat: Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk. Nichts ist ungewisser und daher brüchiger, als der Wille des Volkes. Nun wird uns klar, dass wir in den Tagen leben, die den Schlussakt der Geschichte dieses Bildes darstellen.
Auf die Füsse dieses Bildes fiel der Stein. Er riss sich los ohne Hände, d.h. ohne irgendein menschliches Dazutun. Es war das Wirken Gottes. Den ersten prophetischen Hinweis auf den Herrn Jesus, als dem Stein finden wir in 1.Mose 49,24, als der alte Jakob seine Söhne segnete und dabei folgenden Ausruf anfügte: «Von dannen ist der Hirte, der Stein Israels». Als Stein erscheint Er auch in Jesaja 28,16 und vielen anderen Stellen bis ins Neue Testament.
In dem Traum, der uns beschäftigt, wird der Stein als ein Königtum gedeutet, das ewiglich nicht zerstört wird. Wir wissen, wer der König dieses Reiches sein wird. Gerade so wie wir das Gesicht aus Habakuk 2,3, das sicher kommen und nicht verziehen wird, in Hebräer 10,37 auf eine Person konzentriert finden («es» in Habakuk wird zu «Er» in Hebräer), wird auch das Königreich, das Daniel erwähnt als der Stein aus Nebukadnezars Traum, eine Person zum Mittelpunkt haben: Gottes König der Könige.
Wir kennen Ihn als den «lebendigen Stein», zu dem wir schon gekommen sind (1.Petr. 2,4.5). Wir gehören Ihm an und sind als lebendige Steine seiner Natur teilhaftig geworden. Als solche werden wir unter seiner Leitung aufgebaut zu einem geistlichen Haus, einem heiligen Priestertum. Als König dieses kommenden Reiches aus Daniel 2 wird Er in Gericht kommen, um zu vernichten. Während der Zeit, in der wir dies erwarten, kennen wir seine anziehende, aufbauende Macht. Was für eine Gnade und welch ein Segen, Ihn so zu kennen!
Es ist wirklich ein ernster Gedanke, dass dieses gewaltige Bild, das die Herrschaft der Nationen auf dieser Erde darstellt, vom Gericht getroffen und zu Staub zermalmt wird. Es sollte einen reinigenden Einfluss auf uns ausüben, wenn wir uns bewusst werden, dass nichts von all der Macht und äusseren Herrlichkeit des Menschen bestehen bleibt. Nicht nur das Eisen und der Ton werden zermalmt, auch das Gold, das Silber und das Erz. Der Wind Gottes wird alles wie Spreu hinweg treiben. Der Gott, der solches tun will, ist gross. Und Er liess es den König wissen, der in den Augen der Menschen gross war. Die Grösse Gottes bürgt für die Zuverlässigkeit der Dinge, die der Traum prophezeite.
Erinnert uns das nicht an 1.Korinther 1,19 und 2,6, wo der Apostel uns mitteilt, dass nicht nur die mächtigen Reiche der Nationen, sondern auch die Verstandesfürsten und ihre Weisheit zunichte werden, wenn Gott zum Gericht erscheinen wird?
Diese Offenbarung, die der König durch Daniel erhielt, hatte eine unmittelbare Wirkung auf ihn, wie wir das in den letzten Versen des Kapitels sehen. Anstatt sich über die Ankündigung der unabwendbaren Katastrophe zu ärgern, wurde ihm klar bewusst, dass er sich in der Gegenwart einer übernatürlichen Macht befand, einer Kraft, die den Chaldäern und seinen Magiern fehlte. Als Folge seiner heidnischen Erziehung war er aber mehr beschäftigt mit dem Mann, in dem sich diese Macht zeigte, als mit ihr selbst. Er anerkannte zwar, dass der Gott Daniels der Gott der Götter und Herr der Könige sei, aber sein Opfer richtete sich mehr an Daniel als an Gott, in dessen Namen dieser sprach. Es ist eine Illustration zu Römer 1,25, wonach die Heiden «dem Geschöpf mehr Verehrung und Dienst dargebracht haben als dem Schöpfer, welcher gepriesen ist in Ewigkeit. Amen.»
Daniel wurde nicht nur angebetet, sondern zu einem Herrscher gemacht und zum Obervorsteher über alle Weisen des Königs eingesetzt. Auf seine Bitte hin wurden auch seine drei Gefährten befördert. Sie wurden mit einem Schlag berühmt. Hatte diese wunderbare Entfaltung göttlicher Macht eine heilsame und bleibende Wirkung auf Nebukadnezar? Das nächste Kapitel überzeugt uns vom Gegenteil.
Kapitel 3
Es wird uns nicht gesagt, wie viel Zeit zwischen den Ereignissen des zweiten und dritten Kapitels vergangen war. Wir haben aber den Eindruck, dass im Geist Nebukadnezars eine Verbindung bestand zwischen dem Bild, das er im Traum sah und dem, das er machen liess. Im Bild seines Traumes war nur das Haupt von Gold. Es stellte ihn und sein Reich dar. Das Bild aber, das er baute, bestand ganz aus Gold.
Eine Eile entsprach der Länge eines menschlichen Unterarms und Mass etwa 50 cm, so dass das Bild ungefähr 30 m hoch und 3 m breit sein musste. Unermessliche Goldvorräte ermöglichten dem König, seinen Plan auszuführen. Vielleicht waren sie nicht so gewaltig, wie die Schätze Salomos, aber es wird uns dadurch doch gezeigt, dass die «Zeiten der Nationen» mit einer eindrücklichen Entfaltung von Macht, Reichtum und Herrlichkeit begannen. Und wie wird die Herrschaft der Nationen enden? Wir finden die Antwort in Offenbarung 13. Ein anderer mächtiger König wird aufstehen und ein anderes grosses Bild wird gemacht werden. Wenn wir die beiden Begebenheiten vergleichen, bemerken wir viele Ähnlichkeiten, aber auch einen bedeutenden Gegensatz: Im zweiten Kapitel lasen wir, dass «der Gott des Himmels» Nebukadnezar das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hatte. Aber der kommende grosse König, das Tier genannt, wird seine Macht und seinen Thron und grosse Gewalt vom «Drachen», d.h. vom Teufel selbst empfangen (Offb. 13,2).
Die Ähnlichkeiten sind ebenso auffallend. Sie zeugen von der Tatsache, dass die sündigen Bestrebungen des gefallenen Menschen zu allen Zeiten die gleichen sind. Der Gott des Himmels verlieh Nebukadnezar grosse Macht und Herrlichkeit. Und sogleich benützte sie dieser, um sich in dem riesigen goldenen Standbild selbst zu verherrlichen. Viele Völker lebten unter seinem Machteinfluss. Jedes hatte seine eigenen Götter, die sie anbeteten. Sie durften ihre eigenen Gottheiten beibehalten, hatten aber darüber hinaus eine übergeordnete Religion anzunehmen, die sie untereinander verband und unter dem Einfluss des Königs hielt. Daher der Ruf des Herolds: «...ihr Völker, Völkerschaften und Sprachen».
Zudem wussten diese Monarchen des Altertums, wie sie die Massen beeinflussen konnten. Jede Art von Musik, sei es gepflegte, klassische oder minderwertige, heidnischen Ursprungs, übt einen sehr feinen Einfluss auf den menschlichen Geist aus. Ja, die niedrigste Art, die hartrhytmische, hat die berauschendste Wirkung. Denken wir nur an die «Totentänze» der Eingeborenen vieler Stämme. Unter dem Einfluss solcher Musik geraten die Menschen, besonders die jungen, leicht in einen rauschähnlichen Zustand, in Ekstase.
So wurde also, um die mächtige Ansammlung von Menschen zur Anbetung des goldenen Bildes und damit zur Huldigung des mächtigen Königs zu bewegen, «allerlei Art von Musik» gespielt. Die gesetzliche Strafe für ein Zuwiderhandeln war die, lebendig in den brennenden Feuerofen geworfen zu werden. Ähnliche Dinge werden in Offenbarung 13 für das Ende des Zeitalters vorausgesagt. Nur sind die Begleiterscheinungen noch viel eindrücklicher. Anstatt allerlei Art von Musik wird der falsche Prophet Macht haben, dem Bild des Tieres Odem und Sprache zu geben. Und es bewirkt, dass alle, die das Bild nicht anbeten, getötet werden. Die Erklärung, dass dem Bild Odem gegeben werden wird, überrascht uns zunächst. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass zu jener Zeit die Dinge «nach der Wirksamkeit des Satans» geschehen, «in aller Macht und allen Zeichen und Wundern der Lüge und in allem Betrug der Ungerechtigkeit denen, die verloren gehen» (2.Thess. 2,9.10).
Im Verlauf unseres Kapitels lernen wir, wie Gott die Absichten Nebukadnezars durchkreuzte. In Offenbarung 19 jedoch lesen wir, wie ein viel drastischeres und ewiges Gericht das Tier, in dem kommenden Bild verkörpert, und den falschen Propheten, der es unterstützt, treffen wird.
Von all den Lüsten und Wünschen, die in der Natur des gefallenen Menschen vorhanden sind, sitzt das Verlangen, sich selbst zu verherrlichen, am tiefsten. Es führt bis zu seiner Selbstvergötterung. Schon am Anfang verfiel er der verführerischen Behauptung Satans: «Ihr werdet sein wie Gott, erkennend Gutes und Böses» (1.Mose 3,5). Natürlich verschwieg ihnen der Widersacher, dass sie Gutes erkennen würden, ohne fähig zu sein, es zu tun, und Böses, ohne in der Lage zu sein, es zu meiden. Seither ist Selbsterhöhung der vorherrschende Gedanke in unserer Welt. So war es mit Nebukadnezar. Für den Augenblick war er die Spitze der Pyramide. Unter ihm, zu seiner Unterstützung, waren «die Satrapen, die Statthalter und die Landpfleger, die Oberrichter, die Schatzmeister, die Gesetzeskundigen, die Rechtsgelehrten und alle Oberbeamten der Landschaften». Diese Aufzählung bedeutender Persönlichkeiten in acht Gruppen finden wir zweimal in unserem Kapitel, um die Festigkeit dieser Pyramide zu unterstreichen. Aus dieser scheinbar unanfechtbaren Stellung heraus erliess der König diese Verfügung, mit der er auch Gott herausforderte. Gott nahm die Herausforderung an, und zwar in den drei treuen Dienern, die Er sich dazu ausersehen hatte.
Lasst uns nicht übersehen, dass Daniel in diesem Kapitel nicht erwähnt wird: eine Tatsache, die uns ermutigen soll. Es wird uns nicht mitgeteilt, warum er nicht erwähnt ist, und auch nicht, wo er sich aufhielt. Aber es ermutigt uns zu wissen, dass bei Abwesenheit von Dienern mit besonderem Mut und Kraft, Gott auch durch weniger begabte Diener Grosses wirken kann. Die drei Freunde Daniels besassen sein Verständnis für Gesichte und Träume nicht. Aber sie teilten mit ihm die Hingabe an den einen wahren Gott, die bei allen eine tiefgehende Absonderung von den Gräueln des Götzendienstes zur Folge hatte. Daher blieben sie aufrecht stehen, als die Menge vom Höchsten bis zum Niedrigsten niederfiel, um das Bild anzubeten. Sie gaben ein Beispiel für den Grundsatz aus Apostelgeschichte 5,29: «Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen».
Ihre Feinde erstatteten sofort Bericht, um die Wut und den Zorn Nebukadnezars anzufachen. Nachdem der König sich wenigstens erkundigt hatte, ob der Bericht über die Missachtung des Gebots wahr sei, stellte er ihnen sein Ultimatum. Er schloss es mit den anmassenden Worten: ,Wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten wird?» Die Antwort der drei Juden ist eine denkwürdige.
Wenn uns unser Gedächtnis nicht täuscht, finden Gottes direkt mit der Todesstrafe bedroht wird, falls wir hier zum ersten Mal den Bericht, dass ein Diener er seinen Gott nicht verleugne und seinen Glauben abschwöre. Früher wurde schon ein Elia bedroht, wenn auch nicht so direkt. Nun aber gab es viele solche Fälle. In Kapitel 6 kam Daniel in diese Lage. Am Anfang der Kirchengeschichte lesen wir von vielen, die den wilden Tieren vorgeworfen wurden, weil sie ihren Herrn und Meister nicht verleugnen wollten. Viele «Ketzer» wurden verbrannt während der Zeit der Inquisition. In unseren Tagen erleiden nicht wenige Ähnliches unter der eisernen Faust des Kommunismus. Aber wie wir des Öfteren feststellen, ist der erste Fall in einer Sache besonders denkwürdig und die eingenommene Stellung bleibt Beispiel durch die Jahrhunderte hindurch.
An erster Stelle behaupteten sie, dass ihr Gott fähig sei, sie zu erretten. Sie priesen seine Macht. An zweiter Stelle verschwiegen sie keineswegs die Tatsache, dass Gott sie aus Ihm eigenen Gründen nicht erretten könnte. Und zuletzt betonten sie mit allem Nachdruck, dass wenn Gott es nicht gefiel, sie zu erretten, sie doch niemals ihren Gott aufgeben würden. Sie würden keineswegs das goldene Bild anbeten, noch die falschen Götter ehren. «Wir werden deinen Göttern nicht dienen», war ihr endgültiges Wort. Die Folge war, dass Gott sich mächtig zu ihnen bekannte.
Wir tun gut, uns daran zu erinnern, dass die Verführung dieser Welt uns meistens mehr schadet, als ihr Widerstand und ihre Unglücks- und Todesdrohung. Am Ende seines Lebens musste der Apostel Paulus schreiben: «Demas hat mich verlassen.» Aber er fügt nicht hinzu: «indem er sich fürchtete vor den Bedrohungen dieser Welt», sondern: «da er den jetzigen Zeitlauf lieb gewonnen hat» (2.Tim. 4,10). Gerade vorher schrieb Paulus: «auch allen, die seine Erscheinung lieben.» Er wusste, dass die Erscheinung des Herrn Jesus eine Welt einführen wird, die gänzlich verschieden ist von der gegenwärtigen und den Gedanken Gottes entsprechen wird. Demas liess sich verführen von der gegenwärtigen Welt, und das ist sicher auch die Gefahr für uns Christen der Länder der freien Welt, die im Grossen und Ganzen nicht durch Verfolgung zu gehen haben, wie an anderen Orten.
Möge Gott uns auch eine solche Charakterstärke geben, wie diese drei Hebräer sie offenbarten, so dass wir den Versuchungen mit den Worten: «Es sei kund ... wir werden nicht ...», entgegen treten können.
Wenn wir die Erzählung weiter verfolgen, stellen wir bei Nebukadnezar eine völlige Veränderung gegenüber dem, was wir am Ende des zweiten Kapitels lesen, fest. Damals lag er auf seinem Angesicht in der Gegenwart Daniels. Das Fallen auf sein Angesicht ist ein Zeichen dafür, dass man in den Hintergrund treten will. Hier steht er auf seinen Füssen und ist so voll Grimmes, dass sein Antlitz sich in brutaler Entschlossenheit verändert. Nicht nur sollen die drei Männer, die seinem Willen trotzten, ins Feuer geworfen werden, sondern der Ofen soll noch siebenmal heisser als normal gemacht werden. Die stärksten Männer seiner Armee mussten sie hineinwerfen. So wurde das Urteil gefällt und die verhängte Strafe ausgeführt.
Nun begann sich die Hand Gottes zu zeigen. Das Gericht traf zuerst die Kräftigsten aus Nebukadnezars berühmter Armee und nicht die drei wehrlosen Juden. Das erste, was der stolze, gottlose König sah, war der Tod seiner stärksten Männer durch die Flammen des übermässig geheizten Ofens. Wie demütigend für ihn! Das Nächste, was er sah, waren vier Männer, die frei und unverletzt mitten im Feuer wandelten, an der gleichen Stelle, wo seine besten Soldaten umgekommen waren. Das Feuer, das für die einen Tod bedeutete, war nicht nur Bewahrung, sondern auch Befreiung für die Diener Gottes. Gebunden waren sie hineingeworfen worden, jetzt wandelten sie frei, denn das einzige, was das Feuer verzehrt hatte, waren ihre Bande. Zudem hatten sie einen himmlischen Besucher bekommen.
Vor diesem höchst erstaunlichen Wunder wurde der wütende König ganz klein. Der Traum in Kapitel 2, den Daniel erklärte, hatte ihn bewegt. Doch, obwohl er erfuhr, dass er das goldene Haupt des Bildes verkörperte, nahm er die Tatsache doch nicht zu Herzen, dass diese höchste irdische Stellung, die er erreicht hatte, ihm vom Gott des Himmels gegeben worden war. Wie hätte er sonst so überheblich fragen können: «Wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten wird?» Der Gott des Himmels, der ihm seine Regierungsgewalt gegeben hatte, nahm die Herausforderung an. Er kehrte die Worte des Königs um, nahm dem siebenfach geheizten Feuer seine Gewalt und machte seine Gegenwart bei denen sichtbar, die des Königs Opfer waren.
Der König erkannte, dass das Aussehen des Vierten göttlich war. Die Worte, mit denen er nun seine Überzeugung ausdrückte, waren zweifellos von Gott gewirkt. Früher schon hatte Bileam Worte ausgesprochen, die er ohne göttlichen Zwang niemals gesagt hätte. Auch Kajaphas brachte Dinge zum Ausdruck, die eine ganz andere Bedeutung hatten, als er beabsichtigte (Joh. 11,51). So war es auch hier. Nebukadnezar anerkannte, dass Gott eingegriffen und dabei seine Gegenwart bei den zum Tod verurteilten Männern offenbart hatte. Er drückte es richtig aus, ohne aber die ganze Wahrheit seiner Worte zu begreifen. Erst im Neuen Testament lesen wir, dass der Vater die Pläne macht und Gott, der Sohn, sie offenbart und ausführt.
Das Wunder war so vollständig, dass weder ihre Kleider verändert, noch ihre Haare versengt waren, noch der Geruch des Feuers an sie gekommen war. Der König musste in allem die Hand Gottes anerkennen und seine Macht bestätigen. Und doch ging seine Erkenntnis nicht weiter, als dass er Ihn «Gott Sadrachs, Mesachs und Abednegos» nannte. Schon in Kapitel 2 ging seine Kenntnis nicht über den «Gott Daniels» hinaus. Obwohl er Ihn nicht als seinen Gott akzeptierte, verhängte Er verschiedene Strafen gegen jeden, der sich wider Ihn auflehnen würde. Dieser grosse Mann, mit dem die Zeiten der Nationen begannen, hatte noch eine gründlichere Lektion zu lernen.
Kapitel 4
Im 4. Kapitel ändert sich die Art der Erzählung. Wir hören Nebukadnezar über eine Erfahrung berichten, die ihn bewog, es allen Nationen und Sprachen, die unter seinem Einfluss standen, kundzutun. Er schildert das Handeln Gottes, - den er jetzt den höchsten Gott nennt - mit ihm persönlich. Es ist die Geschichte seiner eigenen, vollständigen Niederlage und Demütigung durch die Hand Gottes. Dass er so etwas allgemein veröffentlicht, zeigt eine gründliche Änderung seiner eigenen Gesinnung und Haltung.
Das Vorwort zu dieser seiner Geschichte, besonders Vers 3, ist sehr auffallend. Er erwähnt zuerst Gott, «seine Zeichen» und «seine Wunder». Wir leben in einer Zeitperiode, die durch Glauben gekennzeichnet ist. Der Apostel Paulus konnte von einer Zeit schreiben, «bevor der Glaube kam» und von einer Zeit, «da der Glaube gekommen ist» (Gal. 3,23 und 25). Zeichen sieht man. Vor der Zeitepoche des Glaubens war alles auf das Sichtbare ausgerichtet. Eine andere Tatsache ist, dass Gott bei jeder Einführung eines neuen Zeitabschnittes das Neue durch übernatürliche Zeichen beglaubigte. Das war so, als Er Israel aus Ägypten führte und die Zeit des Gesetzes am Sinai begann. Das war in höchstem Mass der Fall, als Er sich selbst offenbarte in der Person seines Sohnes, des Herrn Jesus Christus. Ähnlich war es am Anfang der Geschichte der Kirche. Wir lesen in der Apostelgeschichte davon. Und so war es auch hier, am Anfang der Zeiten der Nationen.
Die besonderen Zeichen und Wunder, die Nebukadnezar im Begriff ist zu erzählen, waren besonders demütigend für ihn. In einer Stunde wich sein Königtum von ihm, obwohl es ihm später wieder gegeben wurde. In Gegensatz dazu bekennt er, dass das Reich Gottes ein ewiges Reich ist. Vermutlich vermochte er es nicht im vollen Ausmass zu erfassen. Aber die zweite oder dritte Generation nach ihm würde seine Herrschaft, vorgebildet durch das Gold, durch eine andere Macht, vorgestellt durch das Silber, stürzen sehen. Gottes Herrschaft hingegen, das anerkannte er, währt von Geschlecht zu Geschlecht.
Das alles bezeugt er, bevor er seine Erfahrung erzählt, die ihn zu dieser Einsicht führte. Gott musste mit Gericht gegen ihn handeln.
Bevor Gott eingriff, warnte Er. So geht Er immer vor. Gott warnte die Menschen durch Noah, bevor die Flut kam. Pharao wurde gewarnt, bevor das Gericht über Ägypten hereinbrach. Jeremia warnte Jerusalem, bevor die Stadt in die Hände der Babylonier fiel. Und heute warnt Gott, bevor das Gericht anbricht und die Gnadenzeit vorüber sein wird. So war es auch hier. Gott warnte den mächtigen Monarchen durch einen Traum. Sein erster Traum mag ihn emporgehoben haben, denn er war ja das Haupt von Gold. Der zweite Traum warnte ihn vor einem tiefen Fall.
Die Warnung kam in dem Augenblick, da der König glaubte, den Höhepunkt seines Gedeihens erreicht zu haben. Seine vielen Kriegszüge waren zu Ende und seine grossen Eroberungen abgeschlossen. Nun war er endlich zur Ruhe gekommen und stand auf der Höhe seiner Macht in dem Palast seiner herrlichen Stadt. Wie wir alle wissen, sind Träume seltsame und unerklärliche Dinge. Bei leichter werdendem Schlaf, wenn der Geist beginnt, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen, flitzen ungewöhnliche Dinge durch das erwachende Bewusstsein. Es ist daher nicht überraschend, dass es Gott wohlgefiel, den Menschen seine Gedanken und Absichten durch Träume mitzuteilen und das besonders in Zeiten grosser Dringlichkeit und Bedeutung. Es ist bemerkenswert, dass z.B. in den ersten beiden Kapiteln des Matthäus-Evangeliums Gott nicht weniger als fünfmal durch Träume redet.
Auch dieser zweite Traum erschreckte und ängstigte Nebukadnezar. Es war ihm bewusst, dass er aus der unsichtbaren Welt kam und eine Botschaft für ihn enthielt. Aber Gottes früheres Wirken hatte keinen bleibenden Eindruck auf ihn hinterlassen. In seiner Unruhe dachte er wieder zuerst an die Beschwörer, Wahrsager und Chaldäer. Erst als sie den Traum nicht zu deuten wussten, wurde, als letzter Ausweg, Daniel geholt.
Obwohl Daniel um Rat gefragt wurde, redet der König ihn doch mit dem heidnischen Namen an, der ihm gegeben worden war. Zweimal finden wir in den V.
8 u. 9 den Namen Beltsazar, der «nach dem Namen meines Gottes» ist, sagt der König. Bei war einer der grossen Götter Babylons. Indem er an dem heidnischen Namen festhielt, anerkannte er in Daniel auch nur «den Geist der heiligen Götter». Den wahren Gott - den Gott des Himmels - der ihm seine grosse Macht gegeben hatte, kannte er noch nicht.
Das war sein eigenes Bekenntnis, bevor er weiterfuhr und den Traum erzählte, der ihn erschreckte und ihn vor dem Schlag warnte, der ihm von Seiten Gottes bevorstand.
In den Versen 10-17 finden wir Nebukadnezars eigene Darstellung seines Traumes. Es genügt, diese Verse zu lesen, um eine starke Betonung des Übernatürlichen darin zu finden. Es gab da nicht nur den Besuch «eines Wächters und Heiligen», sondern auch eine Verfügung «des Höchsten», der über das Königtum der Menschen herrscht. Der König konnte sich nur an Daniel wenden, indem er ihn Beltsazar nannte, «nach dem Namen meines Gottes». Die babylonischen Götter werden in Jesaja 46,1 spöttisch erwähnt: «Bei krümmt sich, Nebo sinkt zusammen». Er erwartete also Erleuchtung von einem Mann, «in dem der Geist der heiligen Götter ist», aber vor dem Höchsten fürchtete er sich.
In Vers 19 lesen wir auch von Daniel, dem die Deutung des Traumes sogleich offenbart wurde, dass er sich entsetzte. Seine Gedanken ängstigten auch ihn. Es wurde ihm bewusst, dass der König dadurch vor einer bevorstehenden Strafe Gottes gewarnt wurde, - vor einem sehr schweren Schlag.
Lasst uns kurz zurückblicken auf das, was dem Traum vorangegangen war. Die Zeiten der Nationen begannen, als Nebukadnezar den Zenith menschlichen Glanzes erreicht hatte und eine unumschränkte Macht ausübte, die seinesgleichen suchte. Durch einen früheren Traum wurde er gewarnt, dass, obwohl er das Haupt von Gold war, der Verfall einsetzen würde. Am Ende würde die Macht, die ihm für eine gewisse Zeit verliehen war, unter dem Gericht Gottes zu Staub zermalmt werden. Wie wenig Eindruck jene Warnung auf ihn machte, sehen wir im dritten Kapitel. Die liebste Leidenschaft im Herzen des gefallenen Menschen ist seine Selbstverherrlichung. Daher liess der König das gewaltige Bild aufrichten, das alle anzubeten hatten, und wehe dem, der sich weigerte! Wieder griff Gott ein. Er gab seinen drei Dienern Mut, um dem Zorn des Königs und seinem siebenmal geheizten Ofen zu trotzen. Nebukadnezar erlitt eine Niederlage. Gott machte ihn einfach lächerlich in Gegenwart der riesigen Menge seiner Untergebenen. Machte das einen bleibenden Eindruck auf ihn zum Guten?
Das vor uns liegende Kapitel zeigt, dass es nicht der Fall war. Er ist immer noch der gleiche selbstherrliche Mann. Darum will Gott jetzt eindrücklicher handeln. Das erste Eingreifen richtete sich an seine Einsicht - an sein Verständnis über die Zukunft. Das zweite war eine Entfaltung göttlicher Macht, die ihn öffentlich demütigte. Trotzdem er vom ersten Traum momentan tief beeindruckt gewesen war, blieb alles beim Alten. Jetzt handelte Gott mit ihm allein; sein Königreich von «Gold» wurde dadurch nicht berührt.
Dieser zweite Traum betraf einen Baum. An anderen Stellen der Heiligen Schrift werden grosse Männer und Völker mit eindrucksvollen Bäumen verglichen, so z.B. in Hesekiel 31. Dieses Bild war also kein ungewöhnliches. Mit einem Mal sah Daniel, dass der König selbst diesen Baum darstellte und das Gericht auf ihn falten würde. Doch Gott wollte ihn nicht ohne vorherige Warnung schlagen. So gütig handelt Gott immer. Er brachte die Flut nicht über die Welt, ohne vorher ernsthaft gewarnt zu haben. Wie lange warnte Er Israel durch die Propheten, bevor Er sie in Gefangenschaft führte. Heute leben wir in einer Zeit, die kurz vor dem Gericht steht. An Warnungen hat es nicht gefehlt. Sind wir uns dessen voll bewusst? Wenn das Evangelium der Gnade gepredigt wird, hören wir, dass dann auch mit genügender Deutlichkeit gewarnt wird? Leider nicht! Nur zu oft wird dies als ein unangenehmes Thema vermieden.
Die Ankündigung des Gerichts mag von den meisten nicht beachtet werden, genau so wenig wie es Nebukadnezar tat. Daniel warnte ihn mutig und empfahl ihm sogar, seine Wege zu ändern, wie wir dies in Vers 27 lesen. Doch die Ermahnung wurde in den Wind geschlagen und der Rat nicht befolgt. Und trotzdem wartete Gott noch zwölf Monate bis Er das Gericht ausführte.
Wandelnd inmitten der Pracht Babylons, erlebte der König einen Augenblick höchsten Stolzes. Alles in seiner Umgebung zeugte von seiner Macht, seiner Ehre und seiner Majestät. Die Ruinen Babylons sind heute noch bemerkenswert. Rekonstruktionen in Bildern zeigen etwas von den Wundern, die darin enthalten waren. Wenn wir sie betrachten und annehmen, dass die Wirklichkeit etwa dem entsprach, müssen wir sagen, dass keine unserer heutigen Städte dem alten Babylon an Glanz gleichkommt. Der König, voll Stolz, fühlte sich über alle Massen erhaben. Dann fiel der Schlag.
Vom Gipfel seiner Herrlichkeit wurde er auf das Niveau eines Tieres erniedrigt, ja, beinahe noch darunter. In diesem elenden, tierischen Zustand gingen sieben Zeiten über ihn. Es war kein schnell vorübergehendes Unglück, sondern zog sich sehr in die Länge. Hier wird nicht erwähnt, ob mit «Zeiten» Jahre gemeint sind, wohl aber an anderer Stelle.
Wir finden in dieser Geschichte auch eine prophetische Seite. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, dass auch am Ende der Herrschaft der Nationen, in Offenbarung 13, von einem Tier die Rede ist. Der letzte Mensch, der diesen höchsten Platz einnehmen wird und den der Herr Jesus bei seiner Erscheinung in Herrlichkeit vernichten wird, wird als Tier bezeichnet. Er wird nicht den Verstand verlieren wie Nebukadnezar, aber, was noch schlimmer ist, von Satan beherrscht sein. Nie wird er seine Augen zum Himmel emporheben, sondern immer nur zur Erde gerichtet halten. Und zudem, wenn es zutrifft, dass der «kommende Fürst» aus Daniel 9,26.27 mit diesem Tier identisch ist, wird seine Herrschaft eine «Woche» von sieben Jahren dauern (Vers 27) die den «sieben Zeiten» entsprechen.
Dennoch gibt es einen beachtlichen Unterschied. Das Tier der letzten Tage findet sein Ende im «Feuersee, der mit Schwefel brennt». Nebukadnezar hingegen wird nach den sieben Zeiten geistig wieder gesund und in sein Königtum eingesetzt. Und zudem hat man den Eindruck, dass Gott dieses Mal eine tiefere Wirkung auf sein Herz ausüben konnte. Nicht nur erhob er seine Augen zum Himmel als ein Mann, dem der Verstand wieder kam, sondern er pries auch Gott und nannte Ihn «den Höchsten». Zum ersten Mal erscheint dieser Name Gottes in 1.Mose 14, wo Melchisedek Priester «Gottes, des Höchsten» genannt wird, der Himmel und Erde besitzt.
Etwas Verständnis über diese Tatsache war nun in das Herz Nebukadnezars gekommen (Verse 34,35). Das öffnete die Augen des Königs über seine eigene Nichtigkeit, denn er bekannte, dass «alle Bewohner der Erde wie nichts geachtet werden». Alle, das schloss auch ihn selbst mit ein. Er anerkannte auch die oberste Gewalt Gottes, um seinen Willen im Himmel und auf Erden durchzusetzen. In der Gegenwart der Grösse und Macht Gottes fühlte er seine eigene Nichtigkeit und sein Unvermögen.
Endlich hatte Nebukadnezar seine Lektion gelernt. Er rühmte öffentlich den Gott des Himmels. Darum wurde die schwere Züchtigung, durch die er gegangen war, aufgehoben. Mit einem gedemütigten Geist wurde er wieder in sein Königtum eingesetzt. Sein öffentliches Bekenntnis und die Verherrlichung des «Königs des Himmels» finden wir in den letzten Versen unseres Kapitels. Ihm schrieb er Ruhm, Wahrheit und Recht zu in allen seinen Werken. Nie wurde ein Mensch zu einer höheren Vorrangstellung erhoben, wie dieser König, und nie wurde ein stolzer Mann offensichtlicher gedemütigt wie er.
Lasst uns die demütigende Macht Gottes nicht vergessen. Oft halten wir uns bei der Gnade Christi auf, wie sie im Hebräerbrief gezeigt wird. Aber lasst uns nicht vergessen, dass Er nicht nur «Mitleid zu haben vermag», nicht nur «zu helfen» und «zu erretten vermag», sondern auch «zu erniedrigen». Er tat es bei Nebukadnezar und wie es scheint zu seinem Guten. Er wird es noch viel gründlicher tun mit dem «Tier» aus Offenbarung 13 (siehe Kapitel 19). Der Hochmut des Menschen, genährt durch seine technischen Fortschritte und wunderbaren Erfindungen, wird seinen Höhepunkt bald erreicht haben. Dann wird das Bekenntnis Nebukadnezars in überwältigender Art und Weise wahr gemacht werden - «der zu erniedrigen vermag, die in Hoffart wandeln.»
Kapitel 5
Die Zeitperiode der babylonischen Oberhoheit war vergleichsweise kurz. Schon bald musste das «Haupt von Gold» der «Brust und den Armen von Silber» weichen. Das 5. Kapitel versetzt uns in die letzten Stunden dieser Periode. Die grosse Stadt zeichnete sich zwar immer noch durch Reichtum und üppige Pracht aus.
Vor Jahren behaupteten gelehrte Bibelkritiker noch, das Buch Daniel hätte zur Hauptsache legendären Charakter und sei einige Jahrhunderte nach den erwähnten Ereignissen geschrieben worden. Sie betrachteten Belsazar als eine imaginäre Figur, da sie in den vorhandenen Unterlagen keinen Hinweis auf ihn fanden. Später wurde jedoch sein Name auf einer ausgegrabenen Tontafel entdeckt. So wurde diese Behauptung wie viele andere ihrer ungläubigen Behauptungen umgestossen, als die Archäologen in den alten Ruinen Babels Ausgrabungen machten. Es scheint, dass Belsazar, einer damaligen Sitte entsprechend, auch als König bezeichnet wurde, wie sein Vater. Und wenn dieser während jener Zeit abwesend war, so war sein Sohn tatsächlich König von Babylon, als die Hauptstadt vor der aufsteigenden medo-persischen Weltmacht fiel.
Was auch immer die bleibende Wirkung des Handelns Gottes auf Nebukadnezars gewesen sein mag, seine Nachfolger stellten die gleiche überhebliche Grossartigkeit zur Schau, wie er in seinen früheren Tagen. Belsazars Name begann mit dem Namen des babylonischen Gottes Bel. Das glänzende Fest mit seinen tausend Gewaltigen, zusammen mit Frauen und Konkubinen, trug einen ausgeprägten heidnischen Charakter. Erregt vom Wein, befahl er die goldenen und silbernen Gefässe zu bringen, die Jahre zuvor aus dem Tempel in Jerusalem weggenommen worden waren. Mit hämischer Schadenfreude wollten sie Jehova öffentlich beleidigen und dafür ihre Götter von Metall, Holz und Stein rühmen. Bewusst warf er Gott den Fehdehandschuh hin und Gott nahm die Herausforderung auf der Stelle an.
Das ist immer die Weise Gottes. Er handelt erst im Gericht, wenn sich das Böse völlig offenbart hat. Das war so bei den Amoritern, wie 1.Mose 15,16 es uns zeigt. Das war auch so bei den Königen und dem Volk in Jerusalem, wie es 2.Chronika 36,11-20 bezeugt. Und am Ende der traurigen Geschichte der Christenheit wird es auch wieder so sein, wie es in Offenbarung 17 und 18 vorausgesagt wird.
So war es in der grossen festlichen Halle in Babylon, und das Resultat ist eine der dramatischsten Szenen, die uns aufgeschrieben sind. Nicht eine Legion Engel erscheint, keine sichtbare Entfaltung göttlicher Macht zeigt sich: nur die Finger einer Menschenhand sind sichtbar. Sie schreiben vier Worte auf den Kalk der Wand, dem Leuchter gegenüber, dort, wo sie am besten sichtbar sind. Der stolze König wird zu einem zitternden Sterblichen und seine Gewaltigen werden bestürzt.
Wenn wir über diese Begebenheit nachdenken, wandern unsere Gedanken in zwei Richtungen. Einerseits kehren sie zurück zum 2. Buch Mose, wo wir lesen, wie das Gesetz gegeben wurde, geschrieben mit dem Finger Gottes auf steinerne Tafeln. Stein war das geeignete Material, denn es kann weder verdreht noch gebogen werden. Dort stand der Finger Gottes in Verbindung mit seinen Forderungen an schuldige Menschen. Anderseits wandern unsere Gedanken weiter zu Johannes 8, wo die eingebildeten Schriftgelehrten und Pharisäer eine schuldige Frau zum Herrn Jesus bringen, damit Er sie verurteile. Aber Er verdammte sie nicht, warum nicht? Er deutete es an, indem Er sich niederbückte, um auf die Erde zu schreiben. Er tat es zweimal, um die Sache zu betonen. Er bückte sich, um in den Staub des Tempels zu schreiben, denn Er hatte sich von der Höhe seiner Herrlichkeit «in den Staub des Todes» (Ps. 22,15) herabgeneigt, um Gottes Gerechtigkeit aufrecht zu halten und Gottes Liebe völlig zum Ausdruck zu bringen. Hier haben wir nicht den fordernden Finger, sondern eher, wenn wir so sagen dürfen, den Finger des Staubes. Hier in Daniel finden wir wieder den «Finger Gottes». Es ist der Finger des Verderbens, der auf Kalk schreibt, der leicht zerbröckelt. Gott offenbarte seine Gegenwart nur durch das Sichtbarwerden seiner Fingerspitzen, und Belsazar erschrak zu Tode. Wenn die letzte Gerichtsstunde kommt und «die Toten, die Grossen und die Kleinen vor dem Throne» Gottes stehen (Offb. 20,12), was werden sie dann empfinden? Wir werden an das Wort erinnert: «Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!» (Hebr. 10,31).
Wieder werden die Weisen Babylons gerufen, aber nur um ihre Unfähigkeit und ihre Unwissenheit zu zeigen. Es wird uns nicht gesagt, dass es sich bei diesen vier Worten um etwas Aussergewöhnliches gehandelt habe. Es waren keine Worte aus einer unbekannten und unzivilisierten Sprache. Da es sich bei dieser Gelegenheit aber um Worte Gottes handelte, waren sie für diese weltlichen Götzendiener völlig unverständlich. Die Tatsache, die der Apostel Paulus in 1.Korinther 2,14 feststellt, wird hier eindrücklich illustriert. Als «natürliche Menschen» hatten sie kein Verständnis für die Dinge, die Gott geschrieben hatte.
Nun änderte sich die ganze Szene. Die Gottlosigkeit Belsazars verwandelte sich in Demütigung. Eine düstere Stimmung verdrängte die festliche Ausgelassenheit der ganzen Gesellschaft. in diese wirre Situation trat nun «die Königin» (Vers 10). Sie bezieht sich, im nächsten Vers, auf Nebukadnezar als dem «Vater» Belsazars. In der Heiligen Schrift ist mit dem Ausdruck «Vater» sehr oft «Vorvater» gemeint, so auch an dieser Stelle. Die Königin ist offensichtlich die Königin-Mutter und sehr wahrscheinlich eine Tochter Nebukadnezars. Daher besass sie eine klare Erinnerung sowohl an das Handeln Gottes mit ihrem Vater als auch an Daniel und sein Verständnis, das Gott ihm gegeben hatte.
Es ist ganz offensichtlich, dass nachdem die Jahre vorbeigingen, Daniel in der öffentlichen Beachtung ganz in Vergessenheit geraten war. Sein Name war in Hofkreisen so unbekannt, dass sie eine ausführliche Beschreibung von ihm und seinen Fähigkeiten machen musste. Noch immer schreibt sie sein Verständnis «der Weisheit der Götter» zu. Daniel wird aus seiner Vergessenheit geholt und vor den König gebracht. Es werden ihm hohe Ehren versprochen, falls er die Schrift lesen und deuten könne. Der Grund, warum ihm der dritte Platz im Königreich versprochen wurde, lag darin, dass Belsazar selbst nur Zweiter war. Der Erste war sein Vater, der sich zu jener Zeit anderswo aufhielt.
Daniels Antwort in Vers 17 ist sehr bemerkenswert. Früher, wir lesen davon am Ende von Kapitel 2, hatte Daniel die Ehre, die ihm zuteil wurde, angenommen; jetzt verschmähte er sie. Die Bedeutung der vier verhängnisvollen Worte war sicher schon in sein Herz gedrungen. Er wusste, dass Gott Belsazar verworfen hatte und sein Königreich im Begriff stand umzustürzen. Die angebotenen Ehren waren daher wertlos.
Noch vor der Deutung der Worte liess Gott durch Daniel eine deutliche Anklageschrift verlesen über das babylonische Weltreich, verkörpert in Belsazar, der dessen Haupt war. Der König wurde erinnert an das demütigende Handeln Gottes mit Nebukadnezar. Belsazar hatte davon gewusst und es doch nicht beachtet. Er hatte sich noch ausdrücklicher als jener über den «Herrn des Himmels» erhoben, indem er die goldenen Gefässe aus dem Tempel, der Offenbarungsstätte Gottes, bringen liess, und anstatt Ihn, die dämonischen Mächte rühmte, die sich hinter den Götzen verbargen. Das führte die Dinge zu einem Höhepunkt und der erste Umsturz, vorausgesagt in Hesekiel 21,32, stand bevor.
Die Schrift an der Wand war eine Warnung. Aber es sollten nur noch wenige Stunden vergehen bis zum Eintreffen des Unglücks. Das Wort «gezählt» wurde wiederholt, wie um diesen Punkt besonders zu betonen. Der Gott, der die Sterne zählen kann und ebenso die Haare des menschlichen Hauptes, hatte die hochmütigen Sünden des babylonischen Weltreiches wahrgenommen und gezählt. Das Wort «gewogen» zeigte, dass Belsazar selbst auf die Probe gestellt worden war und verurteilt wurde. «Zerteilt» der unmittelbar bevorstehende Untergang des Reiches wurde damit angekündigt.
Die Warnung blieb ohne Wirkung auf Belsazar. Er bekleidete Daniel mit Ehren, wie wenn sein Königtum weiter dauern würde, und das, obwohl Daniel darauf verzichten wollte. Er trug diese Ehrung nur während einigen kurzen Stunden; denn in dieser Nacht brach das angekündigte Gericht herein. Darius, der Meder, nahm die Stadt und das Königtum ein, und Belsazar wurde getötet.
So endete das erste der grossen Weltreiche, die die Zeiten der Nationen ausfüllen sollten. Wir finden hier ein Beispiel der Wege Gottes, nach denen Er auch die andern stürzte. Das vierte jedoch, das römische, wird wieder erstehen und zwar in seiner ursprünglichen Form und Grösse. Aber nur, um entscheidend und endgültig zerstört zu werden bei der persönlichen Erscheinung des Herrn Jesus; denn es geschah unter dem römischen Weltreich, dass Er verspottet und gekreuzigt wurde. Zu jener Zeit werden alle grossen Reiche der Menschen zusammen in nichts aufgelöst werden, «wie Spreu der Sommertennen».
Kapitel 6
Nun wurde das medo-persische Weltreich die vorherrschende Weltmacht und Darius König in Babylon. Es scheint, dass die Historiker Mühe haben, diesen Mann zu identifizieren. Es könnte sein, dass er nur ein Vasallenkönig unter der Oberhoheit Cyrus' (Kores), des Königs von Persien, war. Doch dies ist eine Sache, bei der wir uns nicht aufzuhalten brauchen. Im babylonischen Teil des neuen Weltreiches ordnete er jedenfalls die Dinge so an, wie er selbst sie für gut fand.
Wieder finden wir Daniel, der befördert wurde, um eine hohe und einflussreiche Stellung einzunehmen. Darin war das Wirken der Hand Gottes, obwohl menschlich gesprochen zwei Dinge zu seinen Gunsten reden mochten. Erstens war er kein gebürtiger Babylonier. Zweitens hatte Darius bestimmt von der dramatischen Szene gehört, die sich kurz vor seiner Einnahme der unbezwinglich scheinenden Stadt im Palast abgespielt hatte. Somit wusste er von dem aussergewöhnlichen Verständnis Daniels.
Die Begebenheit, die in Kapitel 6 vor uns steht, ist ein wahres Bild von dem Leben und der Natur des Menschen. Daniels erhabene Stellung erfüllte die Herzen der weniger begabten Männer mit Missgunst und Hass. Wenn möglich wollten sie ihn vernichten. Ihre Absicht verhilft dazu, dass ein bemerkenswertes Zeugnis über sein Verhalten ans Licht kommt; «er war treu und kein Vergehen und keine schlechte Handlung wurde an ihm gefunden». Sie kamen zum Schluss, dass sie ihn nur dann erfolgreich angreifen konnten, wenn es um das Gesetz Gottes ging.
Hier müssen wir stehen bleiben und über unsere eigenen Wege nachdenken. Was für einen Angriffspunkt liefern wir denen, die uns mit einem feindseligen Geist kritisch beobachten? Wir fürchten, dass wir ihnen oft mehrere liefern. Daher finden wir in den Briefen des Apostels Paulus die beständige Ermahnung zu einem Leben der Gottseligkeit. Die Philipper, z.B., bittet er dringend, «tadellos und lauter zu sein, unbescholtene Kinder Gottes, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter welchen ihr scheinet wie Lichter in der Welt, darstellend das Wort des Lebens» (Phil. 2,15.16). Wenn diese Beschreibung auf uns zutrifft, wie einst auf die Philipper vor 19 Jahrhunderten, werden die Menschen des «verdrehten und verkehrten Geschlechts», die auch uns anklagen wollen, ihre Angriffe eher auf das Wort des Lebens und die Art, wie wir es ausleben, richten müssen, als auf unseren persönlichen Wandel. Lasst uns alle sehr geübt sein in dieser Sache.
Die Vorsteher und Satrapen waren schlaue Männer. Sie kannten die Macht des Schmeichelns und wussten, wie schnell die Menschen eingebildet werden. Daher schlugen sie Darius ein Gesetz zu seiner Selbstverherrlichung vor. Er sollte sich für die Dauer eines Monats zum Gott machen. Darius ging in die Falle. In diesem Zusammenhang stellen wir fest, dass in diesem Königreich «aus Silber» die Macht des Königs nicht mehr so unumschränkt war wie in dem Reich «von Gold». Nebukadnezar tat gerade das, was er wollte, ohne irgendwelche Einschränkung. Der medo-persische König dagegen hatte die Ratschläge seiner Räte und Landpfleger zu erwägen, und ein Gesetz, einmal öffentlich bekannt gemacht, konnte nicht abgeändert werden. Das Gesetz wurde unterzeichnet, durch das, unter Androhung einer schrecklichen Todesstrafe, jedem, der den Gott des Himmels fürchtete, während dreissig Tagen jegliche Verbindung mit Ihm verboten war. Im Grunde genommen beging Darius die gleiche grosse Sünde, wie sie schon in Kapitel 3 verübt worden war. Nebukadnezar wollte durch das goldene Bild angebetet werden. Das Vorgehen Darius' war weniger aufsehenerregend aber genau gleich gegen Gott gerichtet. Für alle praktischen Belange sollte es während dreissig Tagen keinen Gott mehr geben ausser Darius!
In Kapitel 3 ist Daniel abwesend. Aber seine drei Freunde werden ermutigt, in ihrer Treue zu dem einen wahren Gott standhaft zu bleiben und sich zu weigern, vor dem goldenen Bild niederzufallen. In dem vorliegenden Kapitel sehen wir Daniel allein. Hier sind seine drei Gefährten abwesend. Der gleiche Geist beseelte ihn. Nicht einen Moment lang wollten sich jene vor einem Gott menschlicher Erfindung beugen. Daniel wollte nicht einen Tag aufhören zu dem wahren Gott zu beten. Jene verhielten sich ablehnend, indem sie dem Gebot des Königs, satanische Mächte anzubeten, widerstanden. Er handelte positiv, indem er die Verbindung mit dem Gott des Himmels aufrecht hielt, obwohl dies im Widerspruch zum Gebot des Darius stand. In beiden Fällen schritt Gott ein, bewahrte und befreite seine Diener durch ein Wunder und stellte die Torheit der Könige bloss.
Darius wurde sich seiner Torheit bald bewusst. Daniel protestierte nicht öffentlich. Er tat ganz einfach das, was bis dahin seine Gewohnheit war. Dreimal des Tages kniete er vor Gott nieder mit Danksagung und Gebet. Er machte kein Geheimnis daraus, sondern tat es bei offenem Fenster, so dass jeder es sehen konnte.
Warum war sein Fenster «gegen Jerusalem hin» offen? Lies 1.Könige 8,46-50 und der Grund wird klar. Er glaubte, dass Gott die Bitte in Salomos Gebet beantworten werde. Darum erfüllte er die genannte Bedingung und richtete sein Gebet «nach dem Lande hin ... nach der Stadt, die du erwählt hast». So stand es in der Schrift. Im Gehorsam erfüllte er diese Anweisung auch weiterhin, trotz des Königs Erlass.
Achten wir auch so genau auf die Heilige Schrift, wie Daniel es tat? Sind wir bereit, so zu gehorchen wie er?
Sein Mut wurde beinahe sprichwörtlich. «Fest und treu wie Daniel» ist zu einem bekannten Ausdruck geworden. Solch ein Mut ist nachahmenswert, aber woher nahm er die Kraft, solches zu wagen? Dafür gibt es wohl nur eine Antwort: er hatte unerschütterliches Vertrauen auf Gott und sein Wort. Wir dürfen wohl behaupten, dass bis auf unsere Tage alle Heiligen, die mutig für die Wahrheit einstanden und dafür zu leiden hatten, auf die gleiche Weise gestärkt wurden. Leider sind aber in unseren Ländern, wo Toleranz und Bequemlichkeit vorherrschen, Kompromisse modern und weit verbreitet. Aber das war nicht der Weg Daniels und sollte auch nicht der unsrige sein.
Obwohl in Daniel «ein aussergewöhnlicher Geist» war, fiel es seinen eifersüchtigen Untergebenen nicht schwer, ihn dem König, der in törichter und lästerlicher Weise das unabänderliche und unwiderrufliche Gesetz unterschrieben hatte, anzuzeigen. Nachdem der König seine Torheit erkannte, machte er bis zum Untergang der Sonne verzweifelte Anstrengungen, Daniel zu retten. Dazu versuchte er auch sich selbst aus dem Netz, das er ausgelegt hatte, zu befreien. Doch alles war vergeblich.
So, wie an den drei treuen Hebräern im 3. Kapitel das Urteil vollstreckt wurde, geschah es hier auch gegenüber Daniel. Das Resultat war dasselbe. Gott griff ein, indem Er wider die Natur handelte und seinen Diener befreite. Wir haben hier ein Wunder, das mit dem in Kapitel 3 vergleichbar ist. Gott hat in seiner Schöpfung eine bestimmte Ordnung festgelegt, ob es nun die Wirkung des Feuers betrifft oder das Verhalten von wilden Tieren. Das Feuer verbrennt sowohl Kleider als auch den menschlichen Körper, der damit bedeckt ist. Hungrige wilde Tiere werden sich ausnahmslos auf ihre Beute stürzen und sie verschlingen. Wenn es aber Gott gefällt, kann Er, der diese Ordnung eingesetzt hat, sie jederzeit aufheben. In beiden Fällen hat Er es getan. Auf die gleiche wunderbare Weise wie Er die Wirkung des Feuers aufhob, hält Er hier die Löwen im Zaum.
Wir sind geneigt zu fragen, warum Gott für seine Diener nicht häufiger in ähnlicher Weise handelt. Er wirkt vielfach in göttlicher Vorsehung für seine Heiligen, doch unterstreicht Er sein Tun zu Beginn einer neuen Periode seines Handelns mit den Menschen oft durch Wunder. So war es am Anfang des Christentums. Petrus wurde durch ein Wunder aus dem Gefängnis und damit vom Tod befreit (Apg. 1 2). Seither starben viele Gläubige um des Evangeliums willen in Gefängnissen, andere wieder wurden durch wunderbare Fügungen Gottes daraus befreit.
Wenn wir über dieses nachdenken, wird uns wenigstens ein Grund klar. In den beiden vor uns liegenden Fällen hatten durch den Sturz Israels und die Zerstörung Jerusalems die Zeiten der Nationen begonnen. Daraus wurde die natürliche Schlussfolgerung gezogen, die Götter der Babylonier seien mächtiger als Jehova, dessen Tempel in Jerusalem gestanden hatte. Aber sie waren es nicht. Gott demonstrierte seine Macht durch die Wunder, mit denen Er seine Diener aus dem Rachen der Macht der Finsternis befreite. Am Ende des Zeitalters wird Er es tun durch die Vernichtung seiner und seines Volkes Feinde.
Das Gleiche gilt für die heutige Zeit des Evangeliums. Apostelgeschichte 12 beginnt mit der Befreiung des Petrus und endet mit dem Gericht über Herodes. In beiden Fällen «schlug» ein Engel. Er schlug Petrus an die Seite, um ihn zu seiner Befreiung zu wecken und schlug Herodes, dass er eines entsetzlichen Todes starb. Gott hat diese Handlungen nicht wiederholt, weil wir jetzt in der Zeit der frohen Botschaft leben, die durch Gnade gekennzeichnet ist. Wenn dieses Zeitalter der Gnade endet, werden wir sehen, wie Gott seine Heiligen vollkommen errettet und ihre Unterdrückung endgültig richtet.
In Daniel 6 sehen wir nicht nur, wie Daniel befreit wird, sondern auch das Gericht, das die bösen Männer traf, die sich gegen ihn verschworen hatten. Sie und ihre Familien erlitten das gleiche Schicksal, das sie Daniel zugedacht hatten. Der König selbst, den sie durch dieses böse Gesetz irregeführt hatten, verordnete es.
Der Schluss des Kapitels zeigt uns die heilsame Wirkung, die dieser Vorfall auf die Gesinnung des Darius hatte. Sein Bekenntnis und sein Erlass, die er im ganzen Königreich verbreiten liess, haben viel Ähnlichkeit mit dem Edikt Nebukadnezars. Doch hier, im zweiten der vier grossen Weltreiche, ergeht die Verordnung zur Anerkennung Gottes an alle Menschen. Er wird nicht nur «der Gott Daniels», sondern «der lebendige Gott und er besteht in Ewigkeit» genannt. Es war nicht die Zeit, da Gottes Liebe offenbart wurde, sondern seine Macht. Allen Menschen unter der Herrschaft Darius wurde geboten, zu «beben und sich zu fürchten» vor Ihm.
Lasst uns die beiden gegensätzlichen Verordnungen in den Versen 8 und 26 beachten. Beide wurden in einem Reiche erlassen, das weder Änderung noch Aufhebung eines Gesetzes erlaubte, und doch standen sie im Widerspruch zueinander. Die erste wurde ungültig gemacht bezüglich ihrer Strafe. Die zweite wurde bald aufgehoben durch ihre Nichterfüllung. Die weitere Geschichte dieses Weltreiches zeigt, dass die Menschen nicht zitterten und sich nicht fürchteten vor dem lebendigen Gott. Und doch war es ihnen befohlen worden. Kein Reich kann Gesetze erlassen in göttlichen Dingen. So wurde auch dieses «Gesetz der Meder und Perser» bald nicht mehr beachtet und allgemein gebrochen. Wir sehen das z.B. im Buch Esther.
Kapitel 7
In Kapitel 5 hatten wir den Bericht über das letzte Jahr, eigentlich über die letzten Stunden des Königtums Belsazars. Am Anfang des 7. Kapitels werden wir in das erste Jahr seiner Regierung zurückversetzt. Zu jener Zeit war Daniel gänzlich in Vergessenheit geraten, wie Kapitel 5 es uns bezeugt. Er hatte den Anschluss an weltliche Berühmtheit verloren, aber durch einen Traum stand er immer noch in Verbindung mit dem Himmel. Früher beruhte sein Ruhm im Wesentlichen auf Gott geschenkter Deutung von Träumen. In Kapitel 2 wurde ihm das Geheimnis durch ein Nachtgesicht offenbart. Jetzt, während der Zeit seiner Zurückgezogenheit von weltlichen Angelegenheiten, wird ihm durch einen Traum eine prophetische Offenbarung gegeben. «Dann schrieb er den Traum auf», zu unserem Nutzen, da diese Aufzeichnung in die inspirierten Schriften mit eingeschlossen wurde.
Vers 2 ist sehr aufschlussreich. Was er sah, wurde hervorgerufen durch das Losbrechen der «vier Winde des Himmels ... auf das grosse Meer». Das Meer ist bildlich gebraucht, um die Masse der Menschheit anzuzeigen. So stellen die «vielen Wasser» in Offenbarung 17,1 und 15 «Völker, Völkerscharen, Nationen und Sprachen» vor. «Winde» reden oft von der Macht Satans, da er der «Fürst der Gewalt der Luft» ist (Eph.2,2). Was Daniel im Gesicht sah, war ein Bild des Wirkens der Mächte der Finsternis in der Masse der Menschheit. Das Resultat dieser Tätigkeit waren, wie wir noch sehen werden, die vier Weltreiche, die die Zeiten der Nationen ausfüllen sollten, Israel ist die einzige Nation, die durch Gott zu einer Vorrangstellung erhoben wurde. Aber nachdem dieses Volk beiseite gesetzt ist, entstehen als Folge der Bemühungen satanischer Mächte, und nicht durch die Wirksamkeit der Kraft Gottes, vier Weltmächte.
Die in Erscheinung tretenden Mächte sind durch Tiere dargestellt. Es ist beachtenswert, dass dieses Bild im Buch der Offenbarung wieder auftaucht. Dort wird das in den letzten Tagen wiedererstehende römische Weltreich mit einem Tier verglichen, das aus dem Meer aufsteigt (Offb. 13,1). Dass die vier Reiche durch Tiere dargestellt werden, ist keineswegs schmeichelhaft für sie. Aber Gott macht keine Komplimente, sondern stellt die Dinge vorbildlich genauso dar, wie sie nach ihrem inneren Charakter sind. Die Geschichte, soweit sie bis heute über die Bühne gegangen ist, bestätigt die Genauigkeit der verwendeten Bilder durchaus.
Die vier Tiere erscheinen der Reihe nach und sind in den Versen 4-7 beschrieben. Das erste entspricht dem babylonischen Reich mit der Kraft eines Löwen und der Schnelligkeit eines Adlers. Der zweite Teil von Vers 4 scheint sich auf das erzieherische Handeln Gottes mit Nebukadnezar zu beziehen. Dies hatte sich beinahe erfüllt, als Daniel das Gesicht hatte. Das zweite, beschrieben in Vers 5, war das medo-persische Reich, welches das babylonische stürzte, schon bald nachdem Daniel den Traum hatte. Es gleicht einem Bären, was beachtenswert ist. Babylon glich einem Löwen und einem Adler, wie wir es auch in Jeremia 4,7 und 49,19-22 finden. Der Bär hat von Natur aus nicht die Kraft des Löwen, sein Kennzeichen ist die Raubgier, wie es auch in unserem Vers angedeutet ist. Die Geschichte lehrt uns, dass die eine Seite, die der Meder, zuerst aufkam, denn Darius war ein Meder. Aber bald wurden die Perser unter Kores (Cyrus) vorherrschend. Den Juden gegenüber war dieser König günstig gesinnt, wie es uns die Anfangsverse des Buches Esra zeigen. Im Übrigen war aber seine Macht keineswegs tolerant. Die Worte: «Stehe auf, friss viel Fleisch!» wurden während seiner Zeit tatsächlich erfüllt.
In Vers 6 ist das dritte Weltreich vorgebildet. Es ist das griechische, gegründet durch Alexander dem Grossen. Der Leopard ist ein grausames Tier, ausgezeichnet durch seine grosse Gewandtheit. Der Gedanke der Schnelligkeit und Behändigkeit wird noch durch die «vier Flügel eines Vogels» auf seinem Rücken unterstrichen. Das ist ein passendes Bild für die Schnelligkeit, mit der Alexander seine Eroberungen machte und das persische Weltreich niederwarf. Das Tier hatte zudem vier Köpfe. Es ist ein Hinweis auf die Folgen des frühen Todes Alexanders - die Aufteilung seines Reiches in vier einzelne Königreiche unter vier seiner führenden Generäle.
Aber noch ein viertes Weltreich, nämlich das römische, war im Begriff aufzusteigen. Seine Beschreibung finden wir in Vers 7. Dieses würde so aussergewöhnlich sein, dass es durch kein bekanntes Tier, wie Löwe, Bär oder Leopard, dargestellt werden konnte. «Es war verschieden von allen Tieren, die vor ihm gewesen sind» - «schrecklich und furchtbar und sehr stark». Es würde «grosse eiserne Zähne haben und nicht nur unterwerfen, sondern das Unterworfene auch verschlingen und in Stücke zerbrechen. Wie genau trifft diese Beschreibung auf das römische Weltreich zu! Die Geschichte beweist es.
Wir haben hier wieder die vier Weltreiche vor uns, die uns schon in Nebukadnezars Traum, in Kapitel 2, gezeigt wurden. Nur sehen wir sie hier unter einem anderen Gesichtspunkt. Dort wurde auf die Wertverminderung in der Qualität ihrer Regierungsform hingewiesen, angefangen beim Gold bis zu der unzuverlässigen Verbindung zwischen Eisen und Ton. Hier offenbart sich ihr wahrer innerer Charakter und ihre Gesinnung. Alle vier werden durch Tiere abgebildet, ausgestattet mit grosser Stärke, die sich aber als zerstörende Kraft entfaltet. Welch eine schreckliche Enthüllung über die mächtigen Reiche der Menschen, die die Zeiten der Nationen ausfüllen sollen, zeigt sich uns hier, wo uns der wahre Charakter, wie Gott ihn sieht, vorgestellt wird. Lasst uns ernsthaft über diese Dinge nachdenken, damit wir lernen, die weltpolitischen Dinge in dem Licht, das uns hier gegeben wird, zu betrachten.
Das vierte Tier hatte zehn Hörner, entsprechend den zehn Zehen der Füsse des Bildes von Kapitel 2. Die Verse 8 und 9 unseres Kapitels zeigen, dass diese «Hörner» einflussreiche Männer und Könige vorbilden, die in den letzten Tagen des vierten Tieres aufstehen werden. Drei davon werden durch «ein anderes, kleines Horn» gestürzt. Dieses zeichnet sich durch einen durchdringenden Verstand und grosse Macht in überheblicher Rede aus. Hier begegnen wir zum ersten Mal diesem bösen Menschen, in dem Satans Macht verkörpert wird, wie wir es weiter unten in unserem Kapitel sehen werden.
Während Daniel den ungewöhnlichen Anblick bestaunte, wurden «Throne aufgestellt und ein Alter an Tagen setzte sich». Der Prophet sah also, dass die Stunde des Gerichts gekommen war. Wie majestätisch ist die Sprache dieser Verse! Man wird beim Lesen unwillkürlich an die Art und Weise erinnert, wie der Herr Jesus in Offenbarung 1 dem Johannes erschien. Wir denken dabei auch an das Wort aus Johannes 5,22: «Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohne gegeben». Den Pharisäern und anderen erklärte Johannes der Täufer: «Er wird euch mit Heiligem Geiste und Feuer taufen... die Spreu aber wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer» (Matth. 3,11.12). Und Feuer kennzeichnet auch die Szene hier (V.9-11).
Der Alte an Tagen stellt uns Gott als Den vor, der von Ewigkeit war. Wir müssen daran denken, dass die Personen der Gottheit damals nicht klar unterschieden waren, wie sie es jetzt sind, seit dem Kommen Christi. In Gegenwart des allmächtigen Gottes wird das römische Reich in seinem letzten und schlimmsten Stadium durch Gericht zerstört. Es steht dann unter der Herrschaft des «kleinen Horns», das dem ersten Tier in Offenbarung 13 entspricht. Bis zu dieser Zeit werden die übrigen drei Tiere weiterleben dürfen, obwohl ihnen die Herrschaft weggenommen wurde (Vers 12).
Dieser Traum lässt sich klar in drei Abschnitte unterteilen. Der erste enthält das Gesicht der vier Tiere. Der zweite zeigt das Gesicht des eingesetzten Gerichts und die Zerstörung des vierten Tieres mit seinem kleinen Horn in der Gegenwart des allmächtigen Gottes. Der dritte Teil umfasst das Gesicht über die Erscheinung, die Herrlichkeit und die ewige Herrschaft des «Menschen - Sohnes». Der Hinweis auf den Herrn Jesus ist hier nicht so ausgeprägt wie in Psalm 8,4. In jenem Vers bedeutet im Hebräischen das Wort «Mensch» bei der ersten Erwähnung «sterblicher Mensch», bei der zweiten dagegen «Adam». Jesus war kein sterblicher Mensch, aber Er war wirklich der «Sohn Adams», wie es uns das Lukas-Evangelium zeigt. Hier in Vers 13 dagegen meint der aramäische Ausdruck «eines Menschen Sohn» einen sterblichen Menschen. Daniel schaute in dem Gesicht den Einen, der wie eines Menschen Sohn aussah. Es war Der, der «in Gleichheit der Menschen geworden ist, und in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden» wurde (Phil. 2,7.8) Durch das Licht des Neuen Testamentes sind wir bevorzugt zu wissen, wer dieser Eine tatsächlich ist.
Von Vers 15 bis zum Schluss des Kapitels finden wir die Erklärung des Gesichts, wie sie Daniel gegeben wurde. Vieles davon haben wir schon erwähnt. Aber es gibt darin noch Einzelheiten, die im Traum nicht vorgestellt wurden. In den Versen 18 und 25 lesen wir zum Beispiel den Ausdruck «die Heiligen der höchsten Örter». Wenn das vierte Tier, zusammen mit dem kleinen Horn, seinem kaiserlichen Haupt, zerstört sein wird, werden diese das Reich empfangen und ewig besitzen. Doch einige von ihnen werden vernichtet. Vers 2 sagt, dass das Horn «Krieg wider die Heiligen führte und sie besiegte».
Wir haben hier eine kurze Anspielung auf Dinge, die uns in Offenbarung 13,7 und 14,9-13 klarer offenbart werden. Wir bitten unsere Leser, diese Verse nachzuschlagen und besonders Vers 13 mit Kapitel 20,4 zu vergleichen. Es scheint klar zu sein, dass das Horn, das dem ersten Tier von Offenbarung 13 entspricht, viele dieser Gottesfürchtigen, die seine Anbetung und die Annahme seines Malzeichens verweigern, verfolgen und töten wird. Aber solche werden in einem besonderen Mass gesegnet, wenn sie ruhen von ihren Mühen. Sie werden auferstehen vor Beginn der Regierung Christi, um Anteil an einem himmlischen Teil zu haben. Ihnen wird mit allen andern «der höchsten Örter» Herrschaft gegeben. Sie erfreuen sich also eines himmlischen Teils im Gegensatz zu einem Platz des Segens während den Tausend Jahren auf dieser Erde.
Obwohl gegen sie Krieg geführt wird, werden nicht alle Heiligen, die in Vers 21 unseres Kapitels erwähnt werden, getötet. Die Übrigbleibenden werden selbstverständlich in die irdischen Segnungen des Reiches eingehen. So haben wir in unserem Kapitel «die Heiligen», die entrinnen und auf Erden gesegnet werden; «die Heiligen der höchsten Örter», deren Teil im Himmel ist; und in Vers 27 «das Volk der Heiligen der höchsten Örter», dem das Reich und die Herrschaft und die Grösse der Königreiche unter dem ganzen Himmel gegeben wird. Dieses Volk wird das wahre Israel sein, gereinigt und wiedergeboren (Hes. 36) und so zu geistlichem Leben erweckt (Hes. 37).
Dieses Gesicht wurde Daniel kurz vor dem Fall des ersten Weltreiches gegeben. Und da er ohne das Licht war, das uns durch das Neue Testament geschenkt ist, können wir verstehen, was für eine beängstigende Wirkung das Ganze auf ihn hatte. Das, was ihn ängstigte, darf uns ermutigen. Die tierähnlichen Reiche der Menschen werden im Gericht verschwinden. Dafür wird alle Herrschaft dem Sohn des Menschen übertragen. Er wird dabei himmlische und irdische Heilige bevollmächtigen, sie mit Ihm auszuüben.
Kapitel 8
Wir verlassen nun den Teil der Prophetie, der sich besonders mit den heidnischen Weltreichen beschäftigt. Und darum kehrt mit Beginn des 8. Kapitels auch die Sprache des Grundtextes vom Aramäischen zum Hebräischen zurück. Das Gesicht, das uns in diesem Kapitel aufgezeichnet ist, erschien dem Daniel etwa zwei Jahre nach dem in Kapitel 7 betrachteten. Obwohl sich die Mächte der Nationen immer noch im Blickfeld befinden, liegt das Schwergewicht doch auf ihrem Handeln in Bezug auf Jerusalem, mit dem Heiligtum und seinen Opfern. Daniel sieht sich im Gesicht nicht in Babylon, sondern in der Burg Susan, einem Palast des medo-persischen Reiches, das das babylonische besiegte. Es war vermutlich in der Zeit, kurz bevor der Umsturz stattfand.
Bevor also das medo-persische Reich den Sieg davontrug, wurde dessen eigener Fall schon dem Geist Daniels beschrieben, denn der Widder mit den zwei Hörnern (Vers 3) ist ein deutliches Bild dieser Macht. Das persische Horn wurde das vorherrschende, aber es stieg zuletzt empor. Für eine Zeit war der Widder unbezwingbar, folgte seinem eigenen Willen und stiess in alle Himmelsrichtungen vor.
Der Ziegenbock, der dann kam ist die griechische Weltmacht (Verse 5,21) und das «ansehnliche Horn» weist hin auf Alexander den Grossen, der mit grosser Schnelligkeit vorrückte und die Perser überwältigte. Vers 8 sagt das plötzliche Ende Alexanders voraus und die Aufteilung seiner soeben eroberten Gebiete in vier geringere Herrschaftsbereiche.
Bis dahin wurde uns eine erweiterte Sicht von dem gegeben, was in Kapitel 7,6 in einem einzigen Vers zusammengefasst ist. Aber von Kapitel 8,9 an kommen wir zu neuen Voraussagen. Sie handeln eher von den unmittelbaren Folgen der Auflösung des griechischen Weltreiches, als von Geschehnissen der letzten Tage. Erst in den Versen 19-26, worin das Gesicht erklärt wird, geht es um die Zeit des Endes. Wie das häufig der Fall ist, so geht auch hier die Auslegung weit über die Einzelheiten des Gesichts hinaus.
Die Weissagungen über das «kleine Horn» (Vers 9 ff.) und sein Vorgehen sind verschieden von denen über das «kleine Horn» in Kapitel 7,8. Jenes entsprang dem vierten Weltreich in seinen letzten Tagen. Dieses aber kam aus einem der vier Teile des aufgelösten dritten Weltreiches. Diese eindrucksvolle Person würde sich selbst verherrlichen und sich gegen Süden und Osten und das «Land der Zierde» wenden, womit zweifellos Palästina gemeint ist. Unter den «Sternen», die dieser Mensch niederwerfen werde, verstehen wir leuchtende Knechte Gottes. Er werde das beständige Opfer wegnehmen, das Heiligtum niedertreten und so den «Fürsten des Heeres» verunehren. Dies alles erfüllte sich während der Laufbahn des gottlosen und boshaften Mannes, der in der Geschichte als Antiochus IV mit dem Beinamen Epiphanes bekannt ist. Er entweihte den Tempel und versuchte, den Juden heidnischen Götzendienst aufzuzwingen. Das führte zu den Makkabäer-Aufständen, zu einer Zeit grosser Drangsal, bis schliesslich, nach 2300 Abenden und Morgen, das Heiligtum gerechtfertigt wurde. Wir glauben, dass vieles aus Hebräer 11,35-38 auf die Heiligen jener Tage zutrifft.
Als Daniel Verständnis über das Gesicht erlangte, wurden seine Gedanken bald weitergetragen zu dem, «was in der letzten Zeit des Zornes geschehen wird» (Vers 19). Die Verse 20-22 fassen die Geschichte, die wir bereits betrachtet haben, zusammen. Aber Vers 23 führt uns weiter zu späteren Tagen, in denen sich zwei Dinge ereignen werden. Erstens werden die Frevler «das Mass voll gemacht haben». Zweitens wird in der gleichen Gegend ein König aufstehen, frechen Angesichts und der Ränke kundig. Das ist aus der Tatsache ersichtlich, dass er am Ende ihres Königtums aufstehen wird. Er wird aus dem nördlichen Teil von Syrien kommen, wie einst der berüchtigte Antiochus, der ein Nachkomme von Seleukos war, einem der vier Generäle Alexanders, der nach dessen Tod König über den nördlichen Teil des Reiches wurde. Zur gleichen Zeit hatten Ptolemaios und seine Nachkommen als Könige des Südens die Herrschaft über Ägypten übernommen.
Dieser kommende König des Nordens wird, wie Antiochus, versuchen, die Starken und das Volk der Heiligen, d.h. Israel am Ende der Tage, zu verderben. Sein Tun ist in den Versen 24 und 25 beschrieben. Zuletzt wird er sich wider den «Fürsten der Fürsten» auflehnen, aber als Folge davon, «ohne Menschenhand zerschmettert» werden, d.h. ohne menschliche Mithilfe. Hier haben wir also den «König des Nordens» oder «den Assyrer', der so oft in den prophetischen Schriften des Alten Testaments vorkommt. Er wird durch den Herrn Jesus selbst vernichtet, wenn Er in Herrlichkeit erscheint und seine Füsse auf dem Ölberg stehen werden, (siehe Sacharia 14,3.4).
Es ist wichtig, dass wir den Unterschied zwischen dem kleinen Horn, das vom dritten Tier herrührt und dem, das aus dem vierten kommt, klar festhalten. Das kleine Horn des vierten Tieres (Kapitel 7) wird nach Offenbarung 13 durch den falschen Messias in Jerusalem unterstützt, d.h. es ist verbündet mit den Juden und mit Jerusalem. Der König des Nordens hingegen, das andere kleine Horn, ist ihr entschiedener Feind. Beide, obwohl nicht zum gleichen Zeitpunkt, werden vernichtet werden durch die Erscheinung Christi in Herrlichkeit.
Daniel wurde versichert, dass dieses Gesicht wahr und gewiss sei, obwohl es Dinge enthüllte, die in seinen Tagen noch in weiter Ferne lagen. Doch sein Schrecken über das Gesicht machte ihn krank, er verstand es nicht. Er sollte es verschliessen, denn in seinen Tagen würde es versiegelt bleiben. Für uns aber ist es ein offenbartes Gesicht, da wir das Licht des Neuen Testamentes und den Heiligen Geist in uns wohnend besitzen. Wir mögen wohl ausrufen: «Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!», auch für die Gabe des Geistes.
Kapitel 9
Die Geschehnisse des 9. Kapitels ereigneten sich kurz nachdem Darius Babylon besiegt und das Königtum eingenommen hatte. Das war also nicht lang nach dem Erlebnis Daniels, wie es uns in Kapitel 5 erzählt wird. Zu jener Zeit war er schon ein alter Mann und stand kurz vor dem Ende seines Lebens des Dienstes. Er hatte sich ja unter der ersten Gruppe derer befunden, die Nebukadnezar in die Gefangenschaft führte. Jeremia hingegen, ebenfalls ein älterer Mann, wurde in Jerusalem zurückgelassen. Dort übte er seinen Prophetendienst weiter aus, bis zur endgültigen Zerstörung der Stadt, viele Jahre später.
Der Fall Babylons und der Untergang dieses Reiches brachte eine gewaltige Umwälzung mit sich. Welche Wirkung hatte dies auf Daniel? Es führte ihn dazu, den Teil des Wortes Gottes zu studieren, der ihm zugänglich war. Das ist ein erstklassiges Beispiel für uns heute, denn die Umwälzungen unter den Völkern während der vergangenen 80 Jahre sind weitreichender als der Sturz Babylons. Die Weissagungen Jeremias waren aufgeschrieben worden und ihm daher in den «Schriften» zugänglich. Wir besitzen die ganze Bibel, «die Heilige Schrift».
Für Daniel bedeuteten diese Schriften das Wort Jehovas. Obwohl Jeremia sie geschrieben hatte, nahm er sie als von Gott inspiriert und deshalb als für ihn verbindlich an. Er anerkannte sie, ohne weitere Fragen. Glücklich sind wir, wenn wir seinem Beispiel folgen und unsere Bibel ebenso behandeln. Die besondere Stelle, die Daniel so tief bewegte, war Jeremia 25,8-14, wo vorausgesagt wird, dass die Verwüstung 70 Jahre dauern sollte. Daniel musste es plötzlich zum Bewusstsein gekommen sein, dass die 70 Jahre beinahe um waren und Befreiung irgendwelcher Art bevorstand. Die Wirkung, die diese Entdeckung auf ihn hatte, ist sehr lehrreich und herzerforschend für uns.
Wir an seiner Stelle wären vielleicht sehr erfreut gewesen über diese Entdeckung und daher geneigt, eine Zeit des Frohlockens zu haben. Aber bei Daniel war eher das Gegenteil der Fall. Bei ihm bewirkte es Fasten, Demütigung, Bekenntnis und Gebet, indem er die grosse Sünde seines Volkes erkannte, die dieses ganze Gericht über sie gebracht hatte. Das wird uns klar, wenn wir die Verse 4-19 unseres Kapitels lesen. Er verurteilte sich völlig, da er die Sünde des Volkes zu seiner eigenen machte. Er rechtfertigte Gott in seinen Gerichten, indem er seine Gerechtigkeit in allem anerkannte, was Er getan hatte.
Jeder von uns sollte ernsthaft über diese Worte Daniels nachdenken. Nirgendwo in der Bibel finden wir ein schöneres Beispiel eines so tiefgreifenden Bekenntnisses und Gebets. Esras Gebet im 9. Kapitel seines Buches kommt ihm am nächsten. Daniel erwähnt den Bund der Verheissungen, den Gott mit Abraham gemacht hatte, mit keinem Wort, sondern stellt sich vor Gott auf die Grundlage des Bundes des Gesetzes Moses und des nachfolgenden Dienstes der Propheten. In Bezug auf diesen Bund bekannte er das völlige Versagen und die daraus entstandene Katastrophe, obwohl er persönlich weniger darin verwickelt war, als irgendein anderer in seinen Tagen.
So ist es immer. Diejenigen, die am schlimmsten versagt haben und am stärksten in die Sünde verwickelt sind, haben gerade deshalb das Empfinden für die Tiefe ihres Falls verloren. Hingegen wird denen, die weniger mitschuldig sind, der Zustand der Dinge schmerzlich bewusst. Wie steht es mit der bekennenden Kirche heute? In Offenbarung 2 und 3 finden wir einen prophetischen Überblick der Kirchengeschichte. Der letzte Zeitabschnitt entspricht dem Zustand von Laodicäa. Sind die Empfänger dieses Sendschreibens durch all das Böse in ihrer Mitte geübt und bereit, sich in Bekenntnis und Gebet zu beugen? Nein. Nur die, die kaum etwas damit zu tun haben, werden es tun. Lasst uns alle dies beachten.
Die Merkmale eines echten Bekenntnisses treten hier klar zutage. Das Böse wird eingestanden, und zwar ohne Versuch es zu entschuldigen oder abzuschwächen. Die Richtigkeit des göttlichen Gerichts und seine Zucht werden voll anerkannt. Die Bitte, dass Gott Befreiung und Errettung schenken möge, nach seinem Wort, wird eindringlich vorgestellt: «nicht um unserer Gerechtigkeit willen ... sondern um deiner vielen Erbarmungen willen». Lasst uns in unseren Tagen diesen wesentlichen Punkten in unserem Verhalten nachstreben! Auch wir können nichts auf der Grundlage des eigenen Verdienstes erbitten, nur auf dem Boden der Gnade. Wenn wir über den heutigen Zustand der Christenheit nachdenken und über unseren eigenen Zustand, dann wollen wir uns in einem Geist demütigen Bekennens üben, wie einst Daniel.
Einem solchen Bekenntnis und Gebet wird unmittelbar darauf eine Antwort gegeben, wie wir das in den Versen 20 und 21 sehen. Der Engel Gabriel, Gottes Bote, kam schnell fliegend (Fussnote V.21) mit einer Antwort, um Daniel Verständnis zu lehren bezüglich der bevorstehenden Ereignisse. Er versicherte ihm, dass er in Gottes Augen ein Vielgeliebter sei. Gab es irgendeinen anderen Heiligen, dem es vergönnt war, eine solche Bezeichnung von sich zu hören? Der Herr sagte: «Wer irgend sich selbst erniedrigen wird, wird erhöht werden» (Matth. 23,12). Hier haben wir eine Illustration dieses Verses. Daniel hatte sich selbst in aussergewöhnlichem Mass gedemütigt und darum darf er wissen, dass er im Himmel sehr geliebt wird. Was für eine Erhöhung! Hätte er sich nicht wahrhaftig gedemütigt, könnte eine solche Versicherung ihn aufgeblasen haben, zu seinem eigenen Unglück.
Gabriel war beauftragt, Daniel die Weissagung über die «siebenzig Wochen» zu offenbaren. Das Wort Woche weist auf eine Periode von sieben hin, es können Tage sein, oder Jahre, wie hier. Wir haben soeben gesehen, dass Daniel durch die Entdeckung der Tatsache, dass die 70 Jahre der Verwüstung beinahe vorüber waren, zu Gebot und Bekenntnis aufgerüttelt wurde. Jetzt lernt er, dass 70 mal 7 Jahre vergehen müssen, bis nach göttlicher Berechnung endgültige Befreiung und voller Segen eintreffen werden (Vers 24).
Der Inhalt dieses Verses muss sorgfältig beachtet werden. Als erstes wird die gemachte Zeitangabe auf «dein Volk» und «deine heilige Stadt» und nicht auf die Welt im Allgemeinen bezogen. Zweifellos wird das, was sich in Israel und Jerusalem ereignen wird, auch auf die übrige Welt eine grosse Wirkung haben. Und zweitens wird das zu erreichende Ende die Aufrichtung der vollen Segnungen des Tausendjährigen Reiches sein. Dann wird die traurige Geschichte von Übertretung und Sünde ihren Abschluss finden. Eine ewige Gerechtigkeit wird dann eingeführt werden. Gesicht und Weissagung werden versiegelt, da dann alles erfüllt ist. Dann wird das Allerheiligste gesalbt und für Gott abgesondert werden, wie es auch in Hesekiel 43,12 vorausgesagt wird. Das Ende der 70jährigen Gefangenschaft wird also nur ein sehr schwaches und unvollkommenes Vorbild davon sein.
Die 70 Wochen oder 490 Jahre werden noch in drei Teile aufgeteilt. Beginnen sollte diese Zeit mit der Wiederherstellung und dem Wiederaufbau Jerusalems als Stadt. Die ersten Verse des Buches Esra beginnen mit dem Erlass des Königs Kores, den Tempel wieder aufzubauen. Das Edikt, die Stadt wieder aufzubauen, kam jedoch vom König Artasasta, in Nehemia 2. Erst dann begannen die 70 Wochen, die in unserem Kapitel vorausgesagt werden. Der erste Teil - sieben Wochen oder 49 Jahre -würde ausgefüllt sein mit dem Wiederaufbau und der Wiederherstellung Israels in der Stadt und im Land. Es ist die Zeit bis Maleachi. Die dann kommenden 62 Wochen oder 434 Jahre werden die Zeitperiode «bis auf den Messias, den Fürsten» ausfüllen.
Hier haben wir eine sehr klare und eindeutige Prophetie, die sich erfüllt hat. Bei der Nachprüfung ihrer Erfüllung liegt die Hauptschwierigkeit in der Tatsache, dass die Juden ihre Jahre auf eine andere Art berechnen als wir. Wir vertrauen den Brüdern, die es unternahmen, der Sache auf den Grund zu gehen. Ihre Untersuchungen zeigen nicht nur, dass die 483 Jahre bis auf Christus richtig sind, sondern, dass sie genau an dem Tag abliefen, da der Herr Jesus sich öffentlich seinem Volk vorstellte, reitend auf einem Esel, wie Sacharja es vorausgesagt hatte.
Was war die Folge dieser Vorstellung als König? Genau das, was wir in Vers 26 lesen. Der Messias wird «weggetan werden und nichts haben». So wurde seine Verwerfung vorausgesagt. Obwohl sein Rechtsanspruch alles auf der Erde umfasste, hatte Er nichts: eine geliehene Krippe bei seiner Geburt, nichts um sein Haupt hinzulegen während seines Dienstes, und ein entlohntes Grab bei seinem Tod. Die Juden haben damals eine Sünde verübt, die schrecklicher war, als ihr Brechen des Gesetzes und ihr anhaltender Götzendienst. Die Folgen auf diese grösste aller Sünden worden am Schluss von Vers 26 aufgeführt.
Vor Jahren sprach ein Christ mit einem jüdischen Rabbiner und fragte ihn, was Gott dazu bewogen hätte, die Juden in solches Unglück und solche Not zu bringen, wie sie es in der babylonischen Gefangenschaft erdulden mussten. Er gab sofort zu, dass dies wegen ihres Götzendienstes und ihrer Untreue in Bezug auf das Gesetz geschehen sei. Dann fragte der Christ weiter: «Sagen Sie mir, was hat Ihr Volk getan, das Gott berechtigt, Sie zu viel schlimmerem Unheil und grösserer Not zu verurteilen, seit 70 n.Chr. bis zur heutigen Zeit, und mit noch Schrecklicherem im Blick auf die Zukunft?» Es war eine niederschmetternde Frage. Was konnte er dazu sagen? Wir müssen sie beantworten, indem wir auf den zwischen zwei Räubern gekreuzigten Messias hinweisen.
In dieser Prophetie wird die Folge davon, dass der Messias weggetan werden wird, am Ende von Vers 26, kurz zusammengefasst. Die direkte Folge würde die Zerstörung der Stadt und des Heiligtums durch das Volk des kommenden Fürsten sein. Dieser Fürst ist das kleine Horn, wovon wir in Kapitel 7 gelesen haben, das Haupt des Römischen Reiches in seiner wiederhergestellten und letzten Form. Er entspricht dem ersten Tier aus Offenbarung 13. Dieser römische Gewaltherrscher ist noch zukünftig. Aber die Römer waren schon die beherrschende Macht zur Zeit unseres Herrn auf Erden und sie haben Jerusalem gründlich zerstört.
Diese Zerstörung war der Anfang der Erziehungswege Gottes mit ihnen. Darum geht die Weissagung weiter bis zum Ende und spricht von einer «überströmenden Flut». Das weist darauf hin, dass die Nöte und Verfolgungen, die die Juden während all den Jahrhunderten erlitten haben, am Ende zu einer Flut anschwellen werden. Die letzten Worte dieses Verses: «und bis ans Ende: Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen» sprechen Bände!
In den vergangenen 19 Jahrhunderten war Krieg das vorherrschende Charakteristikum. Wenn alle diesbezüglichen Erwähnungen aus den Geschichtsbüchern entfernt würden, bliebe nicht mehr viel Geschichte übrig. Und dazu sind Kriege vorausgesagt, die erst noch kommen werden. Doch hier sind die Juden und ihre Stadt der besondere Gegenstand der Prophetie und daher finden wir hier wieder das Wort «Verwüstungen». Das Kapitel begann mit der Erwähnung der 70jährigen Verwüstung, die Jeremia prophezeite. Hier an seinem Ende lesen wir die Vorhersage von Verwüstungen, die in Bezug auf Dauer und Heftigkeit die vorangegangene übertreffen worden. Kurz nach dem Tod des Messias erfolgte die Zerstörung der Stadt und daran schloss sich eine in ihrer Länge unbekannte Zeit von Krieg und Verwüstungen an.
Nachdem wir das Ende des Verses 26 erwähnt haben, kommen wir zu den Ereignissen des Endes in Vers 27. Wer ist dieser «er», mit dem der Vers beginnt? Es ist der «kommende Fürst», der das wiedererstandene Römische Reich in den letzten Tagen beherrschen wird. Er wird mit den Vielen einen Bund schliessen für eine Woche. Das ist offensichtlich die eine Woche, die die 70 Wochen dieser Prophetie vollmacht. Dieser Bund wird den Juden jener Tage erlauben den Opferdienst in Jerusalem wieder aufzunehmen. Doch nach der ersten Hälfte der Woche wird erden Bund brechen und das Elend wird seinen Höhepunkt erreichen.
Das wird die Zeit der grossen Drangsale sein. Der Verwüster entspricht dem König mit dem «frechen Angesicht», von dem in den Schlussversen des 8. Kapitels die Rede ist. Am Ende der 70. Woche wird der Messias in Macht und grosser Herrlichkeit erscheinen, wie es uns andere Stellen zeigen, um eine «ewige Gerechtigkeit einzuführen». Sein Erscheinen wird den Verwüster vernichten und die Verwüsteten befreien.
Die Zeit der Gnade, in der wir leben, gehört zwischen die 69. und die 70. Woche. Das Ende des 26. Verses zeigt, dass eine unbestimmt lange Zeitperiode sein wird, die durch Krieg und Verwüstung, in Bezug auf die Dinge der Welt und die Juden gekennzeichnet ist. Es ist die Zeit, in der auch das Evangelium verkündigt wird, wie es uns das Neue Testament zeigt. Die Verwerfung und der Tod des Messias war also klar vorausgesagt, ebenso die Leiden der Welt im Allgemeinen und der Juden im speziellen, als eine Folge davon.
Kapitel 10
Am Anfang des 10. Kapitels finden wir wieder die Erwähnung von «Wochen». Doch müssen diese von den im 9. Kapitel betrachteten unterschieden werden. Der hebräische Ausdruck meint hier eine Woche von Tagen. Während drei solcher Wochen trauerte und fastete Daniel, aber der Grund dafür wird nicht genannt.
Am Ende des ersten Kapitels wird uns mitgeteilt, dass Daniel bis zum ersten Jahre des Königs Kores blieb. Was hier vor uns liegt, ereignete sich im dritten Jahre Kores'. Daniel war also zu der Zeit ein sehr alter Mann und stand vor dem Abschluss seiner aussergewöhnlichen Laufbahn. Unser Kapitel liefert uns vorbereitende Einzelheiten für die prophetischen Offenbarungen, die in den Kapiteln 11 und 12 gemacht werden. Sie sind sehr lehrreich, denn sie zeigen uns die Art und Weise wie die Engel als «dienstbare Geister» handeln, die «ausgesandt sind zum Dienst um derer willen, welche die Seligkeit ererben sollen» (Hebr. 1,14).
Die Verse 5-9 beschreiben den Besuch des Engels und die Wirkung, die er auf Daniel hatte. Lasst uns beachten, dass die Engel, wenn sie eine Gestalt annehmen, die dem menschlichen Auge sichtbar ist, immer als Männer erscheinen. Trotzdem tragen sie das Übernatürliche an sich und erinnern den, der sie sieht, an die Gegenwart Gottes. So war es hier und die Beschreibung von Vers 6 erinnert uns an die Beschreibung des Herrn Jesus, wie Johannes Ihn in Offenbarung 1,14.15 sieht. Doch der Engel hier war nicht der Herr, Vers 13 scheint dies klarzumachen. Trotzdem warf dieses Gesicht Daniel zu Boden auf sein Angesicht.
Es besteht auch eine Ähnlichkeit zwischen dieser Szene hier und dem, was bei der Bekehrung des Saulus von Tarsus stattfand. Damals sahen seine Begleiter das Licht und hörten den Schall der Stimme, aber nicht die Worte, die gesprochen wurden. Hier sahen die Männer, die bei Daniel waren, nichts und doch fiel ein grosser Schrecken auf sie, so dass sie flohen und sich verbargen. Der gefallene Mensch kann in der Gegenwart Gottes nicht bestehen. Sogar ein Heiliger - sei es Daniel im Alten Testament oder Johannes im Neuen - fällt «betäubt» oder «wie tot» auf sein Angesicht. Wir kennen Gott als unseren Vater, aber wir sollten seine höchste Erhabenheit als Gott nie vergessen.
Im ersten Jahre Darius' wurde Daniel als ein «Vielgeliebter» angesprochen (Kap. 9,23). Hier stehen wir im dritten Jahre Kores' und wieder wird er zweimal so genannt. Er hatte nichts eingebüsst von der früheren Beschreibung. Und woher kam das? So oft sieht man Gläubige zurückfallen und das Leben der Gottseligkeit aufgeben. Die Antwort finden wir wohl in Vers 12. In seinem Leben der Hingabe hielt Daniel zwei Dinge fest.
Erstens hatte er sein Herz darauf gerichtet, Verständnis zu erlangen. Wie oft fehlt dies heute unter uns! Ist es unser heisses Verlangen, das zu verstehen, was Gott offenbart hat, und zwar nicht nur mit dem Verstand sondern mit dem Herzen? Daniel liebte seinen Gott und liebte sein Volk, so dass das, was Gott mitteilte, ihn aufs tiefste bewegte. Wenn die Liebe in uns brennender wäre, setzten wir unser Herz darauf, die Wahrheit, die uns mitgeteilt wurde, zu verstehen.
Zweitens demütigte er sich vor Gott, während er Verständnis zu erlangen suchte. Haben wir uns nicht auch in dieser Hinsicht zu prüfen? Es ist gefährlich, nach einer grossen Erkenntnis der göttlichen Wahrheit zu trachten, bloss weil sie dem, der sie besitzt, Bedeutung und Ansehen verleiht. In Wirklichkeit demütigt uns aber jede Wahrheit, wenn sie mit dem Herzen erfasst wird. Der Apostel Paulus ist ein Beispiel dafür. In Epheser 3, wo er die grossen Gedanken Gottes in Bezug auf Christus und die Versammlung mitteilt, nennt er sich «den Allergeringsten von allen Heiligen». In 2.Korinther 12, nachdem er von seiner Entrückung in das Paradies Gottes gesprochen hat, wo er unaussprechliche Dinge hörte, sagt er, «wenn ich auch nichts bin». Würden wir uns entschiedener vor Gott demütigen, so hätten wir bald ein tieferes Verständnis seiner Wahrheit.
Die Verse 12 und 13 zeigen uns, dass die Antworten auf unsere Gebetsanliegen bisweilen durch entgegenwirkende Kräfte in der unsichtbaren Welt verzögert werden können. Satan hat seine Engel, und es scheint, dass einige von ihm abgeordnet werden, um das Werk Gottes in gewissen Königreichen zu hindern. Der Fürst des Königreichs Persien, der dem heiligen Engel, der zu Daniel redete, widerstand, war zweifellos ein gefallener Engel. Michael, der an anderer Stelle Erzengel genannt wird, kam, um ihm zu helfen. Der erste Vers von Kapitel 12 zeigt uns, dass Michael besonders beauftragt war, zugunsten der Kinder Israels zu handeln und deshalb trat er bei dieser Gelegenheit ins Mittel. Im letzten Vers unseres Kapitels wird er «euer Fürst» genannt.
In der Engelwelt gab es auch den «Fürst von Griechenland» wie uns Vers 20 zeigt. Aber ungeachtet der gegnerischen Mächte war der Bote Gottes zu Daniel gekommen, richtete ihn auf und stärkte ihn, um die Botschaft, die Gott ihm sandte, zu empfangen. Die Auseinandersetzung in der Engelwelt zwischen den Fürsten von Persien und Griechenland - das Reich, das im Begriff stand, das persische zu stürzen - stand noch bevor. Aber die Unterweisung dieses demütigen und treuen Dieners Gottes hatte sogar gegenüber solchen Ereignissen den Vorrang.
Der Engel kam zu Daniel, um ihm kundzutun, «was in dem Buche der Wahrheit verzeichnet ist». Er sprach so, als ob dies schon aufgeschrieben wäre. Aber wie dankbar dürfen wir Gott sein, dass Er es in die Bibel - das Buch der Wahrheit - die wir in den Händen haben und täglich lesen können, aufgenommen hat. In den folgenden Kapiteln finden wir nun das, was Daniel übermittelt wurde. Beim Lesen werden wir feststellen, dass einige der offenbarten Dinge sich schon erfüllt haben, währenddem andere noch zukünftig sind, ganz ähnlich wie wir es bei den Prophezeiungen der siebenzig Wochen bereits gesehen haben. Die Tatsache, dass sich vieles so genau erfüllt hat, versichert uns, dass die wichtigen Dinge, die noch zukünftig sind, sich zu ihrer Zeit genauso präzis erfüllen werden.
Kapitel 11
Wir kommen nun zu den letzten prophetischen Offenbarungen, die Daniel empfing und niederschrieb. Die Anfangsverse, ja der grösste Teil des 11. Kapitels, enthalten Voraussagen, die offensichtlich schon längst in Erfüllung gegangen sind. Am Ende des 35. Verses lesen wir die Worte: «Bis zur Zeit des Endes; denn es verzieht sich noch bis zur bestimmten Zeit». Auch in Kapitel 9,26 steht der Ausdruck: «bis ans Ende». An diesem Punkt, also nach der vergangenen 69. und vor der 70. Woche, dem Ende, fügt sich die damals noch nicht enthüllte Zwischenperiode in die Prophetie der 70 Jahrwochen ein - die, wie wir wissen, bis jetzt schon länger als 19 Jahrhunderte gedauert hat. Daher glauben wir, dass die Prophezeiungen sich vom 36. Vers unseres Kapitels an auf die Zeit des Endes, auf die letzten Tage beziehen.
Die drei Perserkönige, die gemäss dem 2. Vers «aufstehen werden», sind offensichtlich die drei, die in Esra 4,5-7 genannt werden. Sie sind in der Geschichte unter den Namen Kambyses, Smerdis der Magier und Darius Hystaspes bekannt. Der vierte, der «grösseren Reichtum erlangt als alle», würde Xerxes sein. Er war von seiner eigenen Grösse so eingenommen, dass er Griechenland angriff und den «tapferen König» von Vers 3- Alexander den Grossen - herausforderte. Dieser demütigte seinen Stolz und zerstörte sein Reich. Er selbst erlangte grosse Macht und handelte nach seinem Gutdünken.
Die Geschichte hält fest, wie kurz die Herrschaft Alexanders war. Er starb schon in jungen Jahren, und sein Reich wurde unter vier von seinen Generälen verteilt, was aus Vers 4 klar hervorgeht. Ihre Macht jedoch war viel begrenzter, «nicht nach der Macht, mit welcher er geherrscht hat». Vom 5. Vers an wird unsere Aufmerksamkeit auf das Wirken von zwei dieser vier hingelenkt: auf den König des Südens und den König des Nordens. Wenn wir uns fragen, warum die Prophetie sich nur mit diesen beiden beschäftigt, so lautet die Antwort, weil nur diese beiden sich in die Angelegenheiten der Juden mischten und sie in ihrem Land unterdrückten. Ihre Reiche lagen nördlich und südlich von Palästina; sie umfassten das, was wir heute Syrien und Ägypten nennen. Die ersten Könige dieser Reiche waren Seleukos bzw. Ptolemaios.
Beide dieser Obersten Alexanders würden stark werden, aber der vom Norden über den vom Süden hinaus (Vers 5). Und genauso traf es ein.
Vers 6 beginnt mit: «Und nach Verlauf von Jahren», womit eine grössere Zeitspanne der Geschichte übersprungen wird. Die Prophetie beschäftigt sich hier nicht weiter mit einzelnen Königen. Die Herrscher dieser Reiche werden nur mit «König des Südens» und «König des Nordens» bezeichnet, ohne auf die einzelnen Persönlichkeiten einzugehen. Was klar vorausgesagt wird, ist der Kriegszustand, der während vielen Jahren zwischen diesen einander entgegengesetzten Mächten herrschte, und das zum Leid und zur Not der Juden, die in Palästina direkt zwischen den feindlichen Parteien lagen. Wir können daher sagen, dass die Verse 6-20 ihre bösen Pläne und Kämpfe voraussagen, bis zum Zeitpunkt, da die Macht Roms in Erscheinung treten würde. Vor ihr wird der König des Nordens «straucheln und fallen und nicht mehr gefunden werden». Sein Nachfolger wird nur noch ein «Eintreiber der Abgaben» sein, um die Forderungen Roms zu erfüllen. Ungläubige haben behauptet, dieses Kapitel müsse nach den Ereignissen geschrieben worden sein, da es diese so genau vorausgesagt hat.
In Vers 21 lesen wir, dass als Nachfolger des «Eintreibers der Abgaben» ein «Verachteter» aufstehen würde, der durch schlaue Schmeicheleien und kriegerische Gewalt gekennzeichnet ist. Seine Taten und deren Folgen beschäftigen uns bis zum Schluss von Vers 36. Wir glauben, dass wir hier wieder den Mann vor uns haben, der in Kapitel 8,9 als das «kleine Horn» bezeichnet wird, das aus einem der vier Königreiche kommt, in die das griechische Weltreich zerfiel. Er ist der in der Geschichte als Antiochus Epiphanes bekannte Mann. Das Wort Gottes verweilt so lange bei seinen bösen Taten, weil er mit besonderer Gewalt gegen die Juden vorging und so ein Vorbild des Königs des Nordens wurde, der in den letzten Tagen ihr grösster Widersacher sein wird.
Das geht besonders aus den Versen 28-32 hervor. Da heisst es zuerst, dass «sein Herz wider den heiligen Bund gerichtet sein wird». Dann werden seine Pläne für eine Zeit durch «die Schiffe von Kittim», d.h. durch einen römischen Feldzug, vereitelt. Das ist die Begebenheit, an die sich vielleicht viele aus der Schulzeit erinnern, bei welcher der römische Führer, seiner Falschheit überdrüssig, einen Kreis um ihn zog und eine Antwort verlangte, bevor er daraus heraustreten durfte. Das ärgerte ihn sehr. Aber da er sich nicht getraute, die Römer anzugreifen, machte er seinem Ärger den Juden gegenüber Luft, er «ergrimmte gegen den heiligen Bund».
Unter den Juden seiner Tage wurden solche gefunden, «die den heiligen Bund verlassen» (V. 30). Mit diesen verband er sich und fuhr fort, das Heiligtum in gewalttätiger Weise zu entweihen (V. 31). Er stiess die ganze gottesdienstliche Ordnung im Tempel zu Jerusalem um, schaffte das beständige Opfer für Jehova in dem Bestreben ab, alle zu zwingen, das falsche Bild zu verehren, das hier «der verwüstende Gräuel» genannt wird. Dann verführte er mit Schmeicheleien und gewann «diejenigen, welche gottlos handeln gegen den Bund», für seine Sache.
In diesen Versen wird «der Bund» nicht weniger als viermal genannt und dreimal davon in Verbindung mit dem Wort «heilig». Das, was Gott vereinbart und verordnet hat, ist immer ein Gegenstand für den Angriff des Feindes. Und dieser Mann war ohne Zweifel ein Agent Satans in seinen Bemühungen, das zu untergraben, was vom Gottesdienst des einen wahren Gottes in Jerusalem noch übrig geblieben war.
Aber in jenen Tagen gab es nicht nur solche, die gottlos waren und die Satan verführen konnte, sondern auch ein «Volk, welches seinen Gott kennt» und «Verständige des Volkes». So handelt Gott immer. Er lässt sich nicht ohne Zeugen irgendeiner Art. Hier haben wir Voraussagen von dem, was sich in jenen dunklen Tagen abspielte. Die Makkabäer, eifrige und gottesfürchtige Männer, standen auf, und unter ihrer Führung gab es endlich eine Befreiung, doch nicht ohne grosse Verluste und Leiden (V. 33).
In den letzten Versen von Hebräer 11, besonders die Verse 36-38, finden wir einen Hinweis auf die Leiden der Heiligen vergangener Zeitalter, die wir im Alten Testament nicht erwähnt finden. Es kann sein, dass er sich auf die Heiligen bezieht, die in den Prüfungszeiten, die den Tagen Maleachis folgten, zu leiden hatten. Ihre Erprobung wurde noch erschwert durch das Versagen und den Abfall von solchen, die zu den Verständigen zählten (V. 35). Doch dies hatte eine reinigende Wirkung auf die, die wirklich standhaft waren für Gott.
Dieser Zustand sollte «bis zur Zeit des Endes» bestehen bleiben. So steht es hier geschrieben und so hat es sich erfüllt, - besonders in Bezug auf die Juden, um die es in dem prophetischen Abschnitt hier geht. In dieser Sache ist von einer bestimmten Zeit die Rede. Aber es wird keine Andeutung über die Dauer dieser Zeit gemacht. Wenn wir uns zu Stellen wie Epheser 3,4.5 und Kolosser 1,25.26 im Neuen Testament wenden, finden wir, dass in unserer Zeitperiode des Evangeliums die Gnade zu allen Völkern ausgeht. Gott bringt Pläne in Erfüllung, die Er von Ewigkeit her hatte, die aber in den Zeiten des Alten Testamentes nicht offenbart waren. Durch die Weisheit Gottes wurden aber die Weissagungen so formuliert, dass sie Raum liessen für Dinge, die später mitgeteilt würden, ohne dass sich Widersprüche in den Tatsachen ergeben. Zur Illustration sei die oft zitierte Stelle in Jesaja 61,2 erwähnt, wo beide Kommen in einem Vers angedeutet werden. Das Gleiche kann von Daniel 9,26 und unserem vorliegenden 35.Vers gesagt werden.
In Vers 36 wird uns plötzlich «der König» vorgestellt. Ein Blick auf den 40. Vers lässt uns erkennen, dass seine Herrschaft «zur Zeit des Endes» sein wird und sein Reich zwischen dem König des Südens und dem König des Nordens liegt. Wir schliessen daraus, dass dieser König der ist, der in den letzten Tagen über Palästina herrschen wird und von dem wir im Neuen Testament weiteres lesen. Er entspricht dem zweiten Tier aus Offenbarung 13 und ist der falsche Messias, der in seinem eigenen Namen kommt, den der Herr Jesus in Johannes 5,43 ankündigte.
Das Handeln dieses Königs wird in den Versen 36-39 vorausgesagt und das Hauptmerkmal dabei ist: Er «wird nach seinem Gutdünken handeln». Nun, Sünde ist Gesetzlosigkeit - das Geschöpf entzieht sich der Herrschaft des Schöpfers, um seinen eigenen Willen geltend zu machen und auszuführen. In 2.Thessalonicher 2,3 lesen wir vom «Menschen der Sünde», der offenbart werden wird, sobald Der, welcher zurückhält, aus dem Wege ist. Wenn wir die beiden Stellen miteinander vergleichen, sehen wir einige auffallende Ähnlichkeiten. In beiden wird der Kommende durch Eigenwille und Selbsterhöhung gekennzeichnet sein.
Wir wollen uns zum Nutzen unserer eigenen Seele daran erinnern, dass es für das wahre christliche Leben nichts Schädlicheres gibt, als Eigenwille. Wir sind berufen, Gottes Willen, nicht unseren eigenen, zu tun. Wir werden zu einem Leben des Gehorsams aufgerufen, denn wir sollten diese Gesinnung in uns haben, die auch in Christo Jesu war und die Ihn bis in den Tod führte. Sein Leben war Selbsterniedrigung, genau das Gegenteil der Gesinnung der Selbsterhöhung, die in Adam war und die auch das Fleisch in jedem von uns charakterisiert.
Zwei Ausdrücke in Vers 37 weisen darauf hin, dass dieser König ein Jude sein wird. Er wird weder auf «den Gott seiner Väter», noch auf die Sehnsucht der Frauen» achten. Jede echte Jüdin wünschte die Mutter des Messias zu werden. Er wird Erstaunliches wider den wahren Gott reden, indem er sich selbst eine göttliche Stellung aneignet. Er wird «den Gott der Festungen» ehren; eine Anspielung auf das, was wir in Offenbarung 13 klar sehen: Das zweite Tier, der Führer des religiösen Abfalls, ist vom ersten abhängig, wenn es um weltliche und militärische Macht geht.
Er wird Unterstützung nötig haben, denn beide, der König des Südens und des Nordens, werden seine Gegner sein; besonders aber der König des Nordens, wie es die letzten Verse des Kapitels klar machen. In Jesaja wird er «der Assyrer» oder «die überflutende Geissel» genannt und Sacharja 14,1-3 scheint auf das Ende dieses nördlichen Widersachers Bezug zu nehmen, wie die beiden letzten Verse unseres Kapitels. Am Anfang wird dieser grossen Erfolg haben und viele Länder überfluten, ausgenommen Edom, Moab und Ammon. Sie werden aufbewahrt, um von einem wiederhergestellten Israel direkt bekämpft zu werden. Er wird Ägypten überwältigen, dann werden ihn Nachrichten von Nordosten erreichen, die ihn nach Palästina führen. Dort wird er «sein Palastgezelt aufschlagen zwischen dem Meere und dem Berge der heiligen Zierde». Und dann, wenn seine Eroberungen den Höhepunkt erreicht zu haben scheinen, «wird er zu seinem Ende kommen und niemand wird ihm helfen». In dieser kurzen und doch plastischen Weise wurde Daniel das offenbart, was uns Sacharja 14,3 mitteilt. Jehova wird zum Streit ausziehen in der Person des Herrn Jesus. Der feindliche König des Nordens wird überwältigt werden und sein Ende finden.
Kapitel 12
Neben dem König des Nordens, dem König des Südens und dem falschen Messias-König in Jerusalem, werden aber noch andere gegnerische Mächte vorhanden sein. Mit allen wird abgerechnet werden; denn «in jener Zeit», wie es der erste Vers von Kapitel 12 erklärt, wird Gott in Gnaden sein Handeln mit Israel wieder aufnehmen. Michael, der Erzengel, ist besonders beauftragt zu seinen Gunsten zu handeln. Er steht auf, um sich mit den Dingen zu befassen und zwei grosse Ereignisse werden sich abspielen. Erstens wird das Volk Daniels eine vollständige Befreiung erleben. Diese Zeit der Drangsal ist offensichtlich die Zeit, die unser Herr in seinen prophetischen Unterweisungen als die «grosse Drangsal» (Matth. 24,21) bezeichnet, nachdem Er von dem «Gräuel der Verwüstung, von welchem durch Daniel, den Propheten, geredet ist», gesprochen hat. Er bezieht sich dabei auf den elften Vers dieses 12. Kapitels und nicht auf den 31. Vers des 11. Kapitels, der wohl ähnlich lautet, sich aber klar auf das bezieht, was sich unter Antiochus Epiphanes abgespielt hat. Dieser Vers in Daniel 12 ist die erste eindeutige Weissagung über diese schreckliche Zeit der Drangsal, die noch zukünftig ist.
Es ist beachtenswert, dass sich diese erste Voraussage klar auf die Juden bezieht, wie es auch in der Prophetie des Herrn, in Matthäus 24 und Markus 13, der Fall ist. Es wird der Höhepunkt von Gottes Handeln in seinen Regierungswegen mit diesem Volke sein, das seinen Messias verworfen und gekreuzigt hat. Doch Offenbarung 3,10 zeigt uns, dass dadurch die ganze Welt in Mitleidenschaft gezogen wird, da die Nationen als sekundäre Macht mitbeteiligt waren am Tod Christi. In dieser Drangsal wird es nicht nur schreckliches Böses geben, von Menschen und Satan herrührend, auch der Zorn Gottes wird ausgegossen werden, wie es uns Offenbarung 16 beschreibt. Als Christen haben wir die Sicherheit, dass «Gott uns nicht zum Zorn gesetzt hat, sondern zur Erlangung der Seligkeit, durch unsern Herrn Jesus Christus» (1.Thess. 5,9).
Unser Schriftwort sagt uns, dass eine Auswahl Israels aus der Drangsal errettet werden wird - «ein jeder, der im Buche geschrieben gefunden wird». Es ist das Buch des Lebens, von dem das Neue Testament redet. Das Erwachen, das in Vers 2 vorausgesagt wird, ist offensichtlich das gleiche, von dem Hesekiel 37 redet. Viele Juden werden in Bezug auf Gott schlafen und in dem Staub der Nationen beerdigt sein. Sie werden aufwachen; einige, gekennzeichnet durch Glauben, werden in das ewige Leben des Tausendjährigen Reiches eingehen; andere, die im Unglauben verharren, in das Gericht. Es wird ihnen wie den Nationen ergehen, von denen der Herr Jesus in Matthäus 25,31-46 redete.
Es wird auch, wie Vers 3 zeigt, eine Zeit der Belohnung für die Verständigen und Gewissenhaften im Dienst für ihren Gott sein. Lasst uns dies sorgfältig zu Herzen nehmen, denn die Grundsätze, nach denen Gott mit seinen Dienern handelt, verändern sich nicht. Es gibt Lohn für die «Verständigen», für die, die eine gottgeschenkte Erkenntnis seiner Wahrheit und seiner Wege haben und daher auch andere unterweisen können. Es gibt auch Lohn für solche, die aktiv waren beim Gewinnen von Seelen, um sie auf den Weg der Gerechtigkeit zu führen. Die beiden Seiten, der Dienst der Belehrung und Erbauung und der Dienst am Evangelium, sollen sich die Waage halten.
Mit Vers 4 endet die prophetische Mitteilung, die mit Kapitel 11 begonnen hatte. Er unterstreicht die Tatsache, dass uns ab Kapitel 11,36 Dinge offenbart werden, die sich «zur Zeit des Endes» ereignen werden. Obwohl dies Daniel bekannt gemacht und durch ihn aufgeschrieben wurde, sollte es bis zur Zeit des Endes ein verschlossenes Buch bleiben. Im letzten Jahrhundert wurden diese Dinge ernsthaft und ausgiebig studiert und dadurch verbreitete sich auch das gewonnene Licht. Dies sollte uns im Gedanken bestärken, dass das Ende der Tage nahe gekommen ist.
Und die Schlussworte dieses Verses sollten uns noch weiter bestärken: «Viele werden es durchforschen, und die Erkenntnis wird sich mehren.» Unser Zeitalter ist auffallend durch diese beiden Dinge gekennzeichnet. Die Anzahl und Geschwindigkeit unserer Transportmittel auf dem Land, zur See und in der Luft haben die Träume unserer Vorfahren weit übertroffen. Da ist ein Kommen und Gehen, man ist ständig unterwegs. (Durchforschen ist gleichbedeutend wie durchstreifen in Hiob 1,7 und 2,2. Anmerk. der Red.). Auch die Zunahme der Erkenntnis ist, wie jedermann weiss, gewaltig; ja, auf dem Gebiet der Kernenergie sogar alarmierend. Erkenntnis und Wissen - ja; aber Weisheit - nein. Der Mensch ist noch das gleiche sündige Geschöpf wie vor alters - irregeführt durch den Widersacher.
Wenn wir über Gottes Handeln, besonders im Gericht, nachdenken, taucht immer wieder die Frage in uns auf: wie lang? Nach diesem erkundigten sich auch die Engel - hier als Männer gesehen - die Daniel die Weissagung überbracht hatten. Die Antwort finden wir in Vers 7 und es wird klar, dass es sich bei der Frage darum handelt: Wie lange wird die Zeit der Trübsal dauern, nachdem sie einmal begonnen hat? Die Antwort war: «eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit», was, wie wir glauben, dreieinhalb Jahre bedeutet. Zweifellos ist dies die zweite Hälfte der siebzigsten Jahrwoche, von der in Kapitel 9 die Rede war. Am Ende dieser letzten Woche wird alle Kraft von dem «heiligen Volke», d.h. dem gottesfürchtigen Überrest in Israel, gewichen sein. Grösste Schwachheit wird die Übriggebliebenen kennzeichnen und die Widersacher werden anscheinend den Höhepunkt ihrer Gewalt und Pracht erreicht haben. Dann wird der Herr plötzlich in Macht und Herrlichkeit erscheinen, um seine Heiligen zu befreien und die Widersacher rettungslos zu vernichten.
So war es schon immer und so wird es noch sein: zum Beispiel bei Israel in Ägypten. Als Jakob in den Tagen Josephs nach Ägypten zog, waren er und seine Kinder ein geehrtes Volk. Die Jahre gingen vorbei und sie sanken immer tiefer, bis sie nur noch eine Masse von Sklaven unter den Peitschenhieben ihrer Treiber waren. Dann handelte Gott im Gericht: Er befreite sein kraftloses Volk und besiegte den mächtigen Feind völlig. So wird es für Israel sein beim Beginn des Tausendjährigen Reiches; und wir nehmen nicht an, dass es anders sein wird, wenn die Heiligen in die Herrlichkeit entrückt werden, wie es uns in 1.Thessalonicher 4 vorausgesagt wird. Sie werden nicht eine solche geistliche Fülle erreicht haben, dass die Engel versucht wären zu denken, sie hätten den Himmel verdient. Das Gegenteil wird der Fall sein. Die Entrückung wird nicht der krönende Akt unseres Verdienstes, sondern der Barmherzigkeit unseres Herrn sein, wie wir das in Judas 21 sehen.
Daniels Frage in Vers 8 findet einen Widerhall in unser aller Herzen. Jetzt betrifft es nicht die Zeit des Endes, sondern die endgültige Folge all dieser menschlichen Bosheit und des Handelns Gottes. Daniel war ein gottesfürchtiger Jude und wird hier als Vertreter des damaligen Überrestes betrachtet. Für sie wurde die wahre Bedeutung dieser Worte zu jener Zeit «verschlossen und versiegelt». In 1.Petrus 1,12 wird uns gesagt, wie alttestamentliche Propheten von Dingen redeten, die sie selbst nicht verstanden, da in ihren Tagen die Erlösung noch nicht vollbracht und der Heilige Geist noch nicht ausgegossen war. Was Daniel wissen musste, war, dass Gott stets ein Volk für sich selbst erhalten würde; ein Volk, das gereinigt, weiss gemacht, geläutert würde durch all sein Tun. Die Gott losen hingegen würden ihre bösen Wege in der Dunkelheit weiter verfolgen. Nur der Verständige würde fähig sein, zu verstehen. Diese ernste Tatsache wird in 1.Korinther 2,14 klar bestätigt.
So musste Daniel seinen Weg weiter gehen, ohne eine klare Antwort auf seine Frage zu haben. Hingegen wurden ihm zusätzliche Mitteilungen gemacht in Bezug auf die Endzeit; denn in den Versen 11 und 12 werden zwei Perioden von 1290 und 1335 Tagen erwähnt. Nach jüdischer Zeitrechnung setzte sich ein Jahr aus 360 Tagen zusammen und daher machten «eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit» (Vers 7) 1260 Tage aus. 1290 Tage bedeuteten einen Monat darüber hinaus und 1335 würden nochmals 1.Monate später sein. Das, was Daniel wissen konnte, war, dass der, welcher bis ans Ende der längsten Periode ausharren würde, in die Segnung eingehen konnte.
In diesen Worten liegt also eine Antwort auf die Frage von Vers 8. Auch wenn Daniel keine Einzelheiten kennen mochte, konnte er versichert sein, dass am Ende Segen bereit lag für das Volk Gottes. Wir haben die gleiche Zusicherung, nur kennen wir sie in grösserem Umfang und mit mehr Einzelheiten. Trotz des Ernstes der Gerichte Gottes über das Böse der Menschen, bleibt für den Demütigen und Ausharrenden am Ende immer Segnung übrig. Noch eine andere Tatsache liegt in diesen Worten. Gott handelt, ob im Gericht oder zum Segen, etappenweise. Er tat so mit Israel in Ägypten. Er handelte ähnlich am Anfang der Kirche. Während 40 Tagen zeigte der Herr sich wiederholt als deutliche Kundgebung seiner Auferstehung. Dann folgten 10 Tage des Wartens. Erst dann wurde die Kirche gebildet durch die Ausgiessung des Heiligen Geistes.
So wird es auch sein in den letzten Tagen, wenn das Reich Gottes in Macht erscheinen wird, und das letzte Wort Daniels ist eines von höchster Sicherheit. Bis es eintrifft, wird Ruhe sein Teil sein, nach einem Leben besonderer Unruhe und Anstrengung. Und wenn es eintrifft, wird er auferstehen zu seinem Lose - und wir wagen zu glauben, dass sein Los kein geringes sein wird.
Und wir alle werden auch unser Los haben am Ende. Als solche, die einen Platz und ihren Teil an der Kirche haben, wissen wir, wie wunderbar es sein wird. Aber wie steht es um unser Los in dem kommenden Reich unseres Herrn? Das wird von unserer Treue im Dienst hier abhangen. Wenn unser Los im Reich in etwa mit dem von Daniel verglichen werden soll, müssen wir wie er in heiliger Absonderung und Hingabe an Gott durch diese gegenwärtige Welt gehen.