Hes. 47,1-12: Wasser - Bäume - Früchte
Halte fest Jahrgang 1978 - Seite: 85 - Verfasser: F. S.
Der Prophet Hesekiel beschreibt in den letzten Kapiteln seines Buches das Wiedererwachen und die geistliche Wiederherstellung Israels, des irdischen Volkes Gottes, wie sie im Tausendjährigen Reich auf der Erde zur herrlichen Tatsache wird. Er redet nicht von der Versammlung Gottes, deren Berufung himmlisch ist; dieses Geheimnis war ja im Alten Testament noch nicht offenbart. Doch dürfen wir, wie es in diesem Artikel geschieht, die eindrücklichen Bilder der zukünftigen Segnungen Israels auch auf uns wiedergeborene Christen anwenden, die wir schon jetzt «gesegnet sind mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christo».
Hesekiel lebte inmitten der Weggeführten im fremden Land (1,1). Gefangen, unter heidnischer Herrschaft, kannte er die Empfindungen des Psalmisten:
«Da sassen wir und weinten, indem wir Zions gedachten... Die uns gefangen weggeführt hatten, forderten daselbst von uns die Worte eines Liedes... Wie sollten wir ein Lied Jehovas singen auf fremder Erde?» (Psalm 137).
Hesekiel sah in einem ganz bestimmten Zeitpunkt Gesichte Gottes. Die Himmel taten sich seinem geistlichen Auge auf. Er schaute die Herrlichkeit und Macht Jehovas, welcher ungeachtet aller Geschehnisse auf Erden über seinem Volke wacht und jederlei Geschicke leitet. Er gleicht darin Daniel, der sehr jung aus seiner Heimat weggeführt wurde und bis ins Greisenalter in der Fremde lebte, täglich Jerusalems gedenkend und ebenfalls besondere Offenbarungen Gottes schauend. Er erinnert uns auch an Johannes, der um des Namens Jesu willen in der Verbannung auf einer Insel lebte, wo er aussergewöhnliche Dinge sehen und hören durfte.
In seinen Gesichten muss das Weggehen der Herrlichkeit Gottes aus dem Tempel und aus der Stadt (Hes. 10,4 und 18; 11,23) besonders schmerzlich für Hesekiel gewesen sein. Und wie muss sein Herz geblutet haben, als er von den Hirten Israels sprach, die die Herde so schändlich vernachlässigten (Kap. 34)! Derartige Bilder vom traurigen Zustand des Volkes Gottes mögen auch heute unsere Herzen beschweren.
Doch war es Hesekiel vergönnt, auch die Rückkehr der Herrlichkeit Gottes in sein Haus in Jerusalem zu schauen (Kap. 43,1-5), sowie die Zusagen des Herrn zu hören, der sich selbst um die Schafe seiner Herde kümmern wollte, das Verlorene sucht, das Versprengte zurückführt, das Verwundete verbindet, das Kranke stärkt (Kap. 34). Nach Trauer und Herzeleid, nach schmerzlichen Erfahrungen und Tränen wird eine Wende kommen, deren Schönheit wir uns kaum richtig vorstellen können.
Hesekiel schaute in den letzten Kapiteln seines Buches die Stadt mit dem Haus, den Vorhof, das wiederhergestellte Heiligtum (Kap. 40-47). In der ausführlichen Beschreibung dieser zukünftigen Herrlichkeit nehmen die Wasser einen bemerkenswerten breiten Raum ein. Wovon reden sie? Was will Gott uns durch diese Bilder sagen? Wenn wir sinnend davor stehen bleiben, dürfen wir Kostbarkeiten darin entdecken, die unsere Herzen ermuntern und unseren Glauben stärken.
Wasser
Die Wasser flossen unter der Schwelle des Hauses hervor. Sie gewannen an Fülle, ohne dass irgendwelche Zuflüsse genannt werden. Diese Wasser bringen Leben und Gesundung (47,9), wo immer sie fliessen.
Dem Ursprung nach entspringen sie Gottes Wohnsitz, dem Heiligtum (V. 12). Der Menge nach übersteigen sie menschliches Verständnis. Der Güte nach heilen sie von Tod und Krankheit, den Folgen der Sünde.
Kein Wunder, dass diese Wasser als ein Bild der Gnade Gottes verstanden werden. Schon in Eden floss ein Strom, der den Garten bewässerte und sich dann in vier Flüsse teilte, die Lebenswasser bis in entfernte Länder brachten (1.Mose 2,10-14). Auf der letzten Seite der Bibel fliesst noch einmal ein Strom lebendigen Wassers aus dem Throne Gottes und des Lammes hervor (Offb. 22,1). Gott stellt sich in seinem Worte selbst als der Born lebendigen Wassers vor (Jer. 2,13).
Unser Herr Jesus hat am grossen Tage des Festes vor der Volksmenge gerufen: «Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke» (Joh. 7,37). «Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade» (Joh. 1,16). Alle die Segnungen, die Gott in seiner unergründlichen Liebe über seine Geschöpfe ausschütten will, sind im Herrn Jesus, dem Abglanz seiner Herrlichkeit und dem Abdruck seines Wesens, bis zu uns gekommen. Die ganze Fülle der Gottheit wohnt in Jesus Christus leibhaftig (Kol. 2,9), und wir dürfen dank seines Kommens vom Vater - oder «aus dem Vater» nach Johannes 16,28- etwas von seinem unausforschlichen Reichtum wissen und erleben (Eph. 3,8).
Gewiss sind solch göttlich schöne Gedanken geeignet, unsere Seelen zu erfrischen. Wir dürfen uns an diesen Wassern der Segnungen, die mit der anbetungswürdigen Person des Sohnes Gottes verbunden sind, unaufhörlich laben. Hesekiel 47 sagt aber auch etwas Konkretes über die Wirkungen der Wasser in einem Christenleben aus. Wir finden Bäume, Blätter und Früchte (V. 12).
Der Gedanke des Zunehmens - Wasser bis an die Knöchel, Knie, Hüften und Wasser zum Schwimmen (Verse 3-5) stellt uns vor, dass es dem Menschen möglich ist, die Fülle Gottes in verschiedenen Massen zu geniessen:
- Ich mag vielleicht nur wenig von der Gnade Gottes erleben, weil ich gerne noch teilweise meine eigenen Wege ausserhalb dieser Segenssphäre gehen möchte. Echtes Engagement in einem Leben mit Gott erheischt Verzicht und Hinwegtun meines Eigenwillens. Ein Stück weit Gemeinschaft mit Gott, ja, aber nicht bis zu den Hüften. Denn das würde meine Bewegungsfreiheit doch sehr stark behindern.
- Und wenn ich mich wirklich dank des mächtigen Wirkens des Heiligen Geistes bis zu den Hüften in den Wassern der Gnade und Fülle Gottes bewege, behalte ich immer noch die Arme und die Hände frei, um zu tun, was mir passt. - Schwimmen? Das würde ja bedeuten, dass ich, vom Strome umfasst und getragen, nicht mehr meine Richtung bestimmen könnte. Das wäre völlige Hingabe, Aufgabe meiner selbst. Möchte ich soweit gehen? Ein Christenleben mit der Anbetungsstunde am Sonntagmorgen und der brüderlichen Verbundenheit, die ich in einer örtlichen Versammlung und darüber hinaus erleben darf, ja. Aber mein Eheleben, mein Familienleben, oder etwa gar meine berufliche Tätigkeit von göttlichen Gedanken und von meinem Herrn Jesus bestimmen lassen, einen jeden meiner Entscheide unter seine Hoheit stellen, geht mir das allzu weit? Oder wie steht es da in meinem Herzen? Wie sieht es in diesem Punkt hinter meiner Fassade vor den Menschen aus? Die Frage hat ihre Bedeutung im Zusammenhang mit den Bildern von Bäumen und von Früchten in Hesekiel 47.
Bäume
Wir wissen aus Psalm 1, dass Gottes Wort den Gläubigen mit einem Baum vergleicht, «gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit». Wir wissen auch aus Kolosser 2, dass wir «in Ihm gewurzelt» wandeln sollen. In derselben Stelle finden wir anschliessend den Ausdruck «überströmend» in Bezug auf Danksagung, die eine Frucht unseres Glaubens und Lebens in Christo Jesu darstellt. «Wer an mich glaubt ... aus dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fliessen» (Joh. 7,38), ein Bild des Heiligen Geistes und seines Wirkens im Menschenherzen. In Johannes 15 erinnert uns der Herr Jesus, wenn auch mit einem anderen Bild, durch die Worte «in ihm» an die Wurzeln eines Baumes, der seine Nahrung dort findet, wo er gepflanzt ist. In Ihm bleiben, uns von Ihm nähren, damit wir Frucht bringen, zur Verherrlichung des Vaters - dieser Wunsch des Herrn Jesus darf und soll auch unser Herz erfüllen. «Gott aber ist mächtig, jede Gnade gegen euch überströmen zu lassen, auf dass ihr in allem allezeit alle Genüge habend, überströmend seid zu jedem guten Werke» (2.Kor. 9,8).
Welch wunderbares Zusammenwirken! Unsere Quelle, Gott, der seine Gnade, seine Gaben, seine Wohltaten uns gegenüber überströmen lässt. Jeder Gläubige darf dankbar frohlocken: Alle meine Quellen sind in dir! Trinken aus seiner Fülle und aus seinem Reichtum, uns nähren von allem, was sein Wesen und seine Herrlichkeit ausmacht, wie wir sie in der Heiligen Schrift und in der Person des Herrn Jesus finden, trotz unserer Schwachheit Frucht bringen, überströmend - liebe Geschwister, ist das nicht ein köstliches Teil? Petrus sagt dasselbe auf seine Art, wie als ein Vermächtnis am Ende seines zweiten Briefes: «Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Ihm sei die Herrlichkeit!» Da ist kein Raum für nur verstandesmässiges Lernen. Das ist Trinken an den Wassern der Gnade, an der Quelle, die ich kenne. «Herr' - der mich armen Sklaven um einen unvergleichlich hohen Preis erworben hat und nun mein Gebieter sein will, «Heiland» - der mich retten und heilen wollte und will. «Jesus» - der Sohn Gottes, der mich geliebt und als vollkommener Mensch hier auf Erden bis zum Leiden und Sterben auf Golgatha Gott verherrlicht hat. «Christus» - der Gesalbte, der bald unumschränkt herrschen wird, und wir mit Ihm. Diese einzigartige Person darf mein Fühlen und Denken erfüllen, Stunde um Stunde, und meinen Wandel bestimmend beeinflussen.
Früchte
Die Früchte der Bäume in Hesekiel 47 werden zur Speise dienen und die Blätter zur Heilung. Der Gedanke findet sich erneut in Offenbarung 22 in Bezug auf den Baum des Lebens. Er ist Gott wichtig. Was immer ein Gläubiger als Zeugnis von seinem Herrn und Heiland verwirklicht, ist ein Segen für seine Umwelt. Wovon nähren sich die Seelen der ungläubigen Volksmengen heute? Von wie vielen und mancherlei Krankheiten sind Geist und Seele unserer Mitmenschen befallen? Ohne grosses Nachdenken bringt man leicht einen ganzen Katalog von Giftstoffen und Leiden zusammen, die das Leben der jungen und älteren Menschen um uns her beherrschen. Demgegenüber kann jedes Kind Gottes von echter geistlicher Nahrung zeugen. Ein jedes kann Heilung der Seele durch Jesus Christus verkündigen. «Warum liest du nicht, was andere lesen? warum füllst du deine Vorstellungswelt nicht mit den Bildern, die heutzutage Mode sind?» - «Weil ich etwas weit Besseres kenne!» - «Wie stellst du es bloss an, (beinahe!) immer fröhlich und dankbar zu sein? Warum übst du eine so unverständliche Geduld?» «Weil ich Gegenstand der Gnade Gottes bin». Die Beispiele derartiger Fragen und noch besserer Antworten lassen sich vermehren. «Scheinen wie Lichter, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts» (Phil. 2,15), als Nachfolger Jesu Christi leben und wie einst Petrus und Johannes von der Liebe Gottes zeugen, so dass die Menschen sich verwundern und erkennen, dass wir «mit Jesu» sind (vgl. Apostelg. 4,13)- ist das nicht eine unserer schönsten Aufgaben zur Ehre unseres Herrn?
Der Herr Jesus selbst freut sich, wenn Er in dieser dunklen Welt solche «Bäume» sieht, gepflanzt an Wasserbächen und Frucht bringend. Er möchte von einem jeden seiner teuer Erkauften sagen können: «Was dir entsprosst, ist ein Lustgarten von... edlen Früchten... eine Gartenquelle, ein Brunnen lebendigen Wassers, und Bäche, die vom Libanon fliessen» (Hohel. 4,13-15). Wollen wir nicht versuchen, darin Fortschritte zu machen, auch in einer Zeit, in welcher wir, wie schon Hesekiel vor Jahrhunderten, so manches Betrübliche für unsere Seelen erleben?