Hiob 1 und 2: Die Wege Gottes mit Hiob
Halte fest Jahrgang 1967 - Seite: 69 - Verfasser: M.C.
Kapitel 1
Die Geschichte Hiobs lässt uns Blicke tun in die Gedanken und Wege Gottes gegenüber dem Menschen. Sie zeigt uns, wie Er durch Sein Wirken wunderbare Ratschlüsse der Gnade erfüllt. Obwohl Hiob nicht vom Geschlecht Abrahams war, mühte sich Gott um ihn und brachte ihn durch schmerzliche Prüfungen zu grossen Segnungen. Seine Wege mit ihm sind also ein lebendiges Zeugnis von der Erhabenheit Gottes in der Entfaltung Seiner Weisheit, Seiner Macht und Seiner Liebe gegenüber den Menschen im Allgemeinen. Die Geschichte Hiobs ist eine deutliche Illustration von der Wahrheit, die das schuldige Israel später erfahren sollte und deren Kostbarkeit auch wir geschmeckt haben: «Ich werde begnadigen, wen ich begnadige, und werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme» (Röm. 9,15).
«Das Land Uz» (Hiob 1,1), in welchem Hiob wohnte, war von Abkömmlingen Esaus bevölkert, die sich durch tiefen Hass gegen das Volk Gottes kennzeichneten (Klagelieder 4,21). Ist es nicht bemerkenswert, dass die Gnade Gottes in einer solchen Umgebung einen Mann geformt hatte, der «vollkommen und rechtschaffen und gottesfürchtig und das Böse meidend» war? (V. 1). Gab es auf der Erde jemals andere Nachkommen Adams, welchen Gott ein solches Zeugnis geben konnte?
Die Namen von zweien der Freunde Hiobs, welchen sich Gott ebenfalls offenbart hatte - sie mussten zwar noch viel lernen, um Seine Gedanken besser kennenzulernen -, zeigen uns, dass auch sie ausserhalb der Linie der Verheissung waren. Eliphas, der Temaniter, war vermutlich ein Nachkomme Esaus (1.Mose 36,10.11). Bildad, der Schuchiter, war zweifellos ein Sohn Schuachs, der in 1.Mose 25,2 unter den Kindern der Ketura aufgeführt wird.
Wir müssen annehmen, dass Hiob keinen Teil des geschriebenen Wortes besass. Die Bücher Mose wurden erst viel später durch Gott eingegeben. Seine Geschichte beweist uns also, dass Der, welcher die Welten gemacht bat, sich auch dem Menschen, Seiner gefallenen Kreatur, zu nahen weis, um sich ihm zu offenbaren und ihn in lebendige Beziehung zu Ihm selbst zu bringen. Gott hat zu aller Zeit treue Zeugen erweckt, indem Er sie aus der sie umgebenden Finsternis herausnahm, Zeugen, die hienieden Seine Rechte aufrechthielten und Seine Herrlichkeit verkündeten. So wird es bleiben, bis die Erde voll sein wird von der Erkenntnis Jehovas «gleich wie die Wasser den Meeresgrund bedecken» (Jes. 11,9). Ausser mündlichen Überlieferungen besass Hiob wohl keine anderen Zeugnisse von der Grösse und Herrlichkeit Gottes als die, welche Gott den Heiden gab (vgl. Röm. 1). Das Buch Gottes, das Hiob erreichbar war, war das der Schöpfung. Es zeigte ihm Gottes «ewige Kraft und seine Göttlichkeit» (Röm. 1,20).
Gott hatte Hiob reichlich gesegnet und ihn mit zeitlichen Reichtümern überschüttet. «Selbiger Mann war grösser, als alle Söhne des Ostens», lesen wir im dritten Vers. Mitten in diesem ungeheuren Besitztum, das elftausendfünfhundert Stück Vieh umfasste und von sehr vielem Gesinde unterhalten wurde, befand sich dieser Mann, von dem Gott bezeugen konnte, dass er «vollkommen und rechtschaffen und gottesfürchtig und das Böse meidend» war.
Welche Harmonie und welcher Friede kennzeichneten die Familie Hiobs! Seine zahlreichen Kinder unterhielten untereinander innige und liebevolle Beziehungen - eine Frucht der Gottesfurcht, die im elterlichen Hause geherrscht hatte. Ihr Vater war jedoch nicht ohne Besorgnis, wenn er an die Feste dachte, die der Reihe nach bei jedem seiner sieben Söhne stattfanden. Lange bevor der weise Prediger sein Buch schrieb, verstand Hiob schon, dass es besser ist, «in das Haus der Trauer zu gehen, als in das Haus des Gelages» (Pred. 7,2). In der Befürchtung, dass die Torheit, die mit dem Herzen des Menschen verbunden ist, sich in der Vertrautheit dieser familiären Zusammenkünfte hemmungslos zeigen könnte, «stand er des Morgens früh auf und opferte Brandopfer nach ihrer Zahl ... Also tat Hiob allezeit» (Hiob 1,5).
Wir müssen jetzt diesen friedlichen und glücklichen irdischen Schauplatz verlassen, um eine geheimnisvolle Szene zu betrachten, die nur der Geist Gottes vor unseren Augen entrollen konnte. Der undurchdringliche Vorhang, der uns die unsichtbare Welt verhüllt, wird jetzt durch die allmächtige Hand Dessen zurückgezogen, der das unendliche Universum regiert. Er offenbart uns die verborgenen Kräfte, die die Handlung auf dem Schauplatz lenken, auf welchem sich der Mensch bewegt und seine kurze Laufbahn vollführt. Einer der Zwecke, zu dem uns Gott dieses Buch gibt, ist gewiss der, uns die Bosheit des schrecklichen Widersachers zu enthüllen, der jetzt in dieser Szene erscheint und sich den göttlichen Gedanken des Segens über Hiob widersetzt «Seine Gedanken sind uns nicht unbekannt», sagt der Apostel (2.Kor. 2,11). Wenn wir seine Listen kennen, werden wir uns üben, unaufhörlich angetan zu sein «mit der ganzen Waffenrüstung Gottes», auf dass wir an dem bösen Tage zu widerstehen und nachdem wir alles ausgerichtet haben, zu stehen vermögen (Eph. 6,13).
«Und es geschah eines Tages, da kamen die Söhne Gottes, um sich vor Jehova zu stellen» (V. 6). «Seine Engel, die Gewaltigen an Kraft, Täter seines Wortes, gehorsam der Stimme seines Wortes» (Ps. 103,20), erscheinen jetzt vor Dem, dessen Herrlichkeit sie verkündigen und dessen Wohlgefallen sie tun. Als «dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, welche die Seligkeit ererben sollen» (Hebr. 1,14), kommen sie, um vor ihrem Schöpfer Rechenschaft über ihre Tätigkeit abzulegen. Aber - ernste und geheimnisvolle Tatsache - «auch der Satan kam in ihrer Mitte» (V. 6). Gott übt immer noch Langmut gegenüber diesem Geschöpf, das sich wider Ihn erhoben hat. Hier nun können wir eine himmlische Szene betrachten, in welcher wir mit Anbetung die wunderbaren Wege Dessen erkennen, der an Weisheit vollkommen ist, und wie Er sich selbst des erbitterten Widerstandes des Feindes bedient, um Seine Herrlichkeit und Seine Macht kundzutun. Wir erfahren jetzt, welches das Ziel der Wirksamkeit Satans ist, welcher «der Gott dieser Welt» genannt wird (2.Kor. 4,4).
Wenn er inmitten der Söhne Gottes erscheint, an diesem Ort des Himmels, dessen Zugang ihm noch nicht verwehrt wird, ist er gezwungen zu sagen, was er hienieden tut. Als Antwort auf die Frage Jehovas: «Wo kommst du her?» muss er sagen: «Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln auf ihr» (V. 7). Satan wandelt umher, um das weite Gebiet seiner Macht zu durchstreifen, diesen «Hof», in welchem er seine Habe bewacht (Luk. 11,21). Er geht umher und umkreist die Kinder Gottes, sei es, um «wie ein brüllender Löwe» zu suchen, wen er verschlinge (1.Petr. 5,8), oder um sie als Schlange durch seine Listen zu verführen (2.Kor. 11,3).
Dieses Geheimnis wird uns hier anschaulich enthüllt und zwar gerade durch den, der die Menschen hasst, durch den Widersacher Gottes und der Menschen, dessen ganze Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Pläne Gottes zu durchkreuzen und wenn möglich ihre Ausführung und die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes zu verhindern.
«Und Jehova sprach zum Satan: Hast du acht gehabt auf meinen Knecht Hiob?» (V. 8). In der Tat, Satan hatte Hiob aus nächster Nähe beobachtet und vergeblich versucht, die Umzäunung, womit Gott Seinen Knecht zum Schutz umgeben hatte, zu durchbrechen. Der Feind verrät hier seine schreckliche Tätigkeit, die er auf der Erde entfaltet, um die Menschen auf Wege der Gottlosigkeit und der Empörung gegen Gott zu verleiten. Durch ihn vernehmen wir aber auch, mit welch treuer Fürsorge und mit welch barmherzigen, schützenden Händen unser Gott und Vater über uns wacht:
- Hiob und sein Haus waren «ringsum eingezäunt»
- alles, was ihm gehörte, stand unter diesem barmherzigen Schutz
- Gott segnete das Werk der Hände Hiobs, so dass sich dessen Besitztum im Lande ausbreitete (V. 10)
Satan ist also gezwungen, uns zu bekennen, dass der, welcher Gott fürchtet, geschützt wird vor seinen bösen Angriffen und Gegenstand einer ganz besonderen Segnung Gottes ist.
Satan ersucht um die Erlaubnis, Hiob versuchen zu dürfen. Er hofft dabei, dieser werde Gott schliesslich ins Angesicht fluchen, Die Erlaubnis wird ihm erteilt, weil Gott in der schmerzlichen Prüfung des Glaubens Hiobs Seine Herrlichkeit und das Wohl Seines Knechtes im Auge hatte: «Siehe, alles, was er hat, ist in deiner Hand; nur nach ihm strecke deine Hand nicht aus» (V. 12). So wird jetzt das grosse Besitztum Hiobs unter die Macht des Widersachers fallen. Gott erlaubt es, damit dieser in seiner Bosheit und in seinen falschen Anklagen gegen den Knecht Jehovas beschämt werde.
Die Szene, der wir soeben beigewohnt haben, die aber vor Hiob verborgen blieb, wird uns helfen, die schrecklichen Prüfungen zu verstehen, die nun Schlag auf Schlag über sein Haupt kamen und sein friedliches und glückliches Haus in einen Ort der Trauer und der Verwüstung verwandelten.
Ein Tag des Festes war über der Familie Hiobs aufgegangen. Alle Kinder waren in Frieden bei ihrem ältesten Bruder versammelt, als bei Hiob ein Bote mit schrecklichen Nachrichten eintraf, gefolgt von einem zweiten, dann von einem dritten und schliesslich von einem vierten, die ankündigten, dass alle Habe zerstört und zuletzt auch alle seine Kinder umgekommen seien (V. 13-19). Diebe und entfesselte Elemente, über welche der Feind Macht hat, wenn Gott es erlaubt, ruinierten diese ganze glückliche Familie.
Hiob bekennt, ohne gegen die göttlichen Anordnungen zu murren: «Nackt bin ich aus meiner Mutter Leibe gekommen, und nackt werde ich dahin zurückkehren; Jehova hat gegeben und Jehova hat genommen, der Name Jehovas sei gepriesen!» (V. 21). Diese schreckliche Reihe unerhörter Prüfungen endete also mit einem Sieg des Glaubens, mit völliger Unterwürfigkeit unter den Willen Gottes. Hiob anerkannte, dass er nackt in diese Welt eingetreten sei und nichts hereingebracht habe: Gott schuldete ihm nichts; der Mensch kann keine Rechte gegen Ihn geltend machen. Wenn ihm Gott die Güter, die Er ihm gegeben hat, wieder wegnimmt, so ist Er darüber niemand Rechenschaft schuldig. Er handelt nach Seinem erhabenen Willen, und «da ist niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen könnte: Was tust Du?» (Dan. 4,35).
Wie viele Belehrungen können wir diesem kostbaren Bericht entnehmen! Sind wir in der Prüfung? Lasst uns dann diesen Mann Gottes der alten Zeit betrachten und auch unserseits in den bittersten und unverständlichsten Trübsalen Gott preisen, indem wir Ihm nichts Ungereimtes zuschreiben (V. 22). Möchten wir durch sein Beispiel lernen, «dem Vater der Geister unterwürfig zu sein», der uns züchtigt «zum Nutzen damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden» (Hebr. 12,9.10).
Kapitel 2
Begleiten wir nun Hiob in seine neuen und schmerzlichen Umstände, in die ihn Gott eintreten liess! Wir haben gesehen, wie er im Reichtum und Überfluss der zeitlichen Segnungen Gott mit einem «vollkommenen und rechtschaffenen» Herzen gedient hat. Aber auch jetzt, inmitten tiefster Armut, hält er an seiner Vollkommenheit fest und verharrt in der Unterwürfigkeit unter den Willen Gottes.
Daher kann ihm Gott vor dem Widersacher zum dritten Mal das in den Annalen der gefallenen Menschheit einzig dastehende Zeugnis ausstellen: «Seinesgleichen ist kein Mann auf Erden, vollkommen und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend» (Kap. 2,3). Beachten wir, dass Satan, als Gott dessen Aufmerksamkeit auf Seinen Knecht lenkte, im Leben Hiobs keinen Anlass finden konnte, um ihn anzuklagen. Das hätte er doch so gern getan! Er ist der «Verkläger unserer Brüder» (Offb. 12,10), und wir geben ihm - ach nur zu oft! - Gelegenheit, seine traurige Rolle vor Gott zu spielen. Lasst uns daher unaufhörlich wachen, dass wir «dem Widersacher keinen Anlass geben der Schmähung halber» (1.Tim. 5,14).
Wieder wickelt sich eine himmlische Szene vor unseren Augen ab. Der Vorhang wird weggezogen, und es werden aufs neue einige der geheimen Fäden blossgelegt, nach welchen die Regierungswege Gottes auf dieser Erde laufen: «Im Meere ist dein Weg ... und deine Fussstapfen sind nicht bekannt» (Ps. 77,19). Auch dann, wenn wir Seine Wege, in denen Er Seine Ratschlüsse ausführt, nicht ergründen können, wissen wir doch, dass sie der Ausdruck Seiner Weisheit, Seiner Macht und Seiner Liebe sind. Auch dieses Buch gibt uns einen Beweis dafür. Nicht nur wollte Gott durch die Geschichte Seines Knechtes uns belehren. Er hatte auch mit Hiob Gutes vor. Nachdem Er ihn zu einem tiefen Selbstgericht geführt hatte und zur Erkenntnis Seiner Gnade - der Quelle alles Guten, das je in ihm gewirkt, und aller Segnungen, womit er überschüttet worden war - wollte Gott den Zustand Hiobs wiederherstellen und ihm das Doppelte aller seiner Güter zurückerstatten.
So verfolgte Gott durch die Trübsal Hiobs also viererlei Ziele:
- Hiob sollte zum Bekenntnis seiner Unwürdigkeit und zum vollen Genuss der Gnade, die den Sünder errettet, geführt werden
- Gott wollte ihm das Doppelte seines früheren Besitzes geben
- Gott wollte uns einen Begriff von der Tätigkeit und Bosheit des Widersachers geben, damit wir die Gefahren, denen wir ausgesetzt sind, erkennten, uns im Herrn stärkten und «die ganze Waffenrüstung Gottes» anzögen, um so «den Listen des Teufels» widerstehen zu können (Eph. 6,10-11)
- Schliesslich wollte uns Gott durch diesen Bericht über die Erfahrungen und Übungen, durch die dieser Mann Gottes zu geben hatte, «das Ende des Herrn» zeigen und «dass der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist» (Jak. 5,11)
Im zweiten Kapitel finden wir Hiob in der Trauer; aber auch in der Armut und im tiefsten Herzeleid fährt er fort, Gott zu dienen. Alle Erbarmungen Gottes gegenüber Seinem treuen Knecht in der Trübsal waren in Tätigkeit, aber Er konnte ihn noch nicht aus dem Tiegel der Trübsal befreien, denn Hiob hatte noch weit schwierigere Lektionen als alle bisherigen zu lernen. Gott hatte mit Seinem Knechte einen Kampf vor, von welchem der Feind nichts ahnte. Er wollte Hiob veranlassen, in die Tiefen seines sittlichen Elendes hinabzusteigen, die dieser bis dahin noch nicht erforscht hatte, um ihn dahin zu bringen, seine Selbstgerechtigkeit zu verurteilen und auszurufen: «Ich verabscheue mich und bereue in Staub und Asche» (Kap. 42,6). Erst dann konnte Gott den Segen, den Er für ihn in Bereitschaft hielt, in seiner ganzen Fülle über ihn und sein Haus ausschütten.
Gott erlaubt dem Satan, seine Angriffe bis zum äussersten voranzutreiben, damit dieser in seinen bösen Absichten gegen den treuen Knecht, den er zu Boden werfen wollte, beschämt würde. Daher finden wir Jehova jetzt aufs Neue inmitten Seiner Engel. Er lenkt die Aufmerksamkeit Satans wiederum auf Hiob, diesen «vollkommenen und rechtschaffenen» Menschen und sagt ihm: «Noch hält er fest an seiner Vollkommenheit, wiewohl du mich wider ihn gereizt hast, ihn ohne Ursache zu verschlingen» (V.3).
Satan weiss nichts von den Zielen der Wege Gottes mit den Seinigen, noch von dem Werke der Gnade in ihrem Herzen. Er unternimmt ein trügerisches Werk und sieht sich in seinen Machenschaften gegenüber den Heiligen immer wieder getäuscht. Ohne dass der Feind es weis, bedient sich Gott seiner zu ihrem Guten. So hat Satan auch später einmal begehrt, die Jünger zu sichten wie den Weizen. Doch wusste er nicht, dass ein gedemütigter, zerbrochener und bis auf den Grund seines sittlichen Wesens erforschter Petrus aus der Prüfung hervorgehen würde, fähig geworden, seine Brüder zu stärken und ein brauchbarer Hirte der Schafe des Herrn zu sein (Luk. 22,31.32; Joh.21,15-18).
Von neuem klagt Satan Hiob an, er diene Gott aus selbstsüchtigen Interessen, und verdächtigt ihn, er werde sich offen von Gott lossagen, wenn sein Gebein und sein Fleisch angetastet würde (V. 5). Auf das hin erlaubt ihm Gott, Hiob «mit bösen Geschwüren von seiner Fusssohle bis zu seinem Scheitel» zu schlagen (V. 7). Mit welcher Promptheit nützt der Feind die ihm gewährte Erlaubnis aus und wie zeigt uns diese Tatsache die Absichten und die Bosheit dieses gefährlichen Gegners! Dieses Wissen treibt uns an, zu den Erbarmungen und der Macht des Herrn, unseres grossen Hohenpriesters, Zuflucht zu nehmen, welcher immerdar lebt, um sich für uns zu verwenden (Hebr. 7,25).
Hiob bleibt fest. Auch in dieser zusätzlichen schweren Prüfung bleibt er still und ergeben und «setzt sich in die Asche» (V. 8). Aber da kommt schon wieder ein neuer Angriff. Seine Frau, seine Lebensgefährtin, mit welcher er seine zahlreiche Familie von zehn Kindern auferzogen hat, stachelt ihn auf, sich gegen die Wege Gottes mit ihm aufzulehnen. Sie sagt zu ihm: «Hältst du noch fest an deiner Vollkommenheit? Sage dich los von Gott und stirb!» (V. 9). Unbewusst ist sie gegenüber Hiob das Werkzeug des Feindes, der zu Jehova gesagt hatte: «Sieh, ob er sich nicht offen von dir lossagen wird» (V. 5).
Aber auch diesmal wird Satan beschämt und Hiob geht aus der Prüfung als Sieger hervor. Seine Antwort ist weise: «Du redest, wie eine der Törinnen redet. Wir sollten das Gute von Gott annehmen, und das Böse sollten wir nicht auch annehmen?» (V. 10). Er bringt kein ungutes Wort zum Ausdruck und verwirklicht die Ermahnung des Apostels, lange bevor sie durch den Geist gegeben wird: «Kein faules Wort gehe aus eurem Munde, sondern das irgend gut ist zur notwendigen Erbauung, auf dass es den Hörenden Gnade darreiche» (Eph. 4,29).
So muss sich denn der Feind ganz beschämt aus der Szene zurückziehen, und es wird in den nachfolgenden Wegen Gottes mit Hiob nicht mehr von ihm geredet.
Hätte Gott die Prüfung hier abgebrochen, wäre Hiob mit einem noch viel tiefer verwurzelten Selbstvertrauen daraus hervorgegangen, als es bis dahin schon gewesen war.
Daher erlaubt Gott noch eine letzte Prüfung, die auch die verborgensten Beweggründe im Herzen Hiobs an den Tag legen und ihn so zu einem gründlichen Selbstgericht führen wird. Die Gegenwart seiner drei Freunde und ihr sieben Tage anhaltendes Schweigen vor ihm sind es, die den Kelch der Bitterkeit in seiner Seele zum Überfliessen bringen. Ihre ungerechten Anklagen und ihre falsche Auslegung der Wege Gottes mit ihm reizen Hiob zu langen Verteidigungsreden. Aber sie enden schliesslich in seiner tiefen Demütigung und im Bekenntnis seines elenden Zustandes und seiner Unwürdigkeit. Das ist nun die Voraussetzung zum Empfang der reichen Segnungen Gottes.
Gott erlaubt also, dass nacheinander sieben Prüfungen über Hiob kamen, um ihn in das volle Licht Seiner Gegenwart und in den vollen Reichtum Seiner Gnade und Segnungen einzuführen:
- Die Sabäer raubten seine Herden der Rinder und Eselinnen und töteten deren Hüter (Kap. 1,14.15)
- Feuer vom Himmel vernichtete seine Kleinviehherden und ihre Hirten (Kap. 1,16)
- Die Chaldäer überfielen und raubten seine Kamelherden und brachten seine Knechte um (Kap. 1,17)
- Der Sturm verursachte ein Unglück, dem alle seine Söhne und Töchter zum Opfer fielen (Kap. 1,18.19)
- Satan schlug ihn mit bösen Geschwüren (Kap. 2,7)
- Seine Fraureizte ihn an, Gott zu fluchen und dem Leben ein Ende zu machen (Kap. 2,9)
- Seine drei Freunde erhoben falsche Anklagen gegen ihn (Kap. 2,11-13 und folgende Kapitel)
So lasst uns denn über «das Ausharren Hiobs und das Ende des Herrn» nachsinnen, damit wir aus diesem Buche des Wortes Gottes, aus allem, was uns in dieser Geschichte mitgeteilt wird, zu unserem zeitlichen und ewigen Segen Belehrung empfangen.