Das Buch des Propheten Jona
Halte fest Jahrgang 1973 - Seite: 73 - Verfasser: H. R.
Übersicht
1. Der Zeuge
2. Der Prophet
3. Die Nationen
4. Israel
5. Der Überrest
6. Der Christus
7. Gott
Das Buch Jona enthält genau genommen keine Prophetie, oder vielmehr enthält es nur eine einzige, die wegen der Busse der Bewohner von Ninive nicht ausgeführt wurde. Hundert Jahre später aber hat Nahum, ein anderer Prophet, dieser grossen Stadt von neuem das vertagte Gericht angekündigt. Doch muss man die Hauptbelehrung des Buches Jona nicht im Gericht über Ninive suchen. Was es uns von Anfang bis zum Ende vorstellt, ist die Person des Propheten selbst. Dieser Umstand, wie auch die bemerkenswerte Tatsache, dass das Buch Jona von den Wegen Gottes in Gnade gegenüber den Nationen spricht, gibt ihm einen einzigartigen Platz unter den Propheten des Alten Testamentes.
Was Jona anbelangt, kann man sagen, dass er selbst Prophezeiung in Tätigkeit ist. Er ist als Mensch ein Zeichen und auch ein Vorbild. Wir sehen in ihm vor allem das Bild seines eigenen verworfenen Volkes, das ins Elend stürzte, dann aber wieder aus den Tiefen des Abgrundes aufersteht. Doch ist seine Geschichte damit nicht zu Ende. In der Person des Jona gehen der von Gott entfernte Zeuge, der hochmütige Prophet, das schuldige Volk, der bussfertige Überrest nacheinander oder miteinander vor unseren Augen vorüber und durchschreiten den Schauplatz der Nationen.
Ausserdem aber tritt eine geheimnisvolle Person, einer, der «mehr ist als Jona» in die Szene und geht auferstanden daraus hervor, zur Befreiung des Volkes Gottes.
Schliesslich, als Höhepunkt dieses wunderbaren Berichtes, wird auch Gott selbst offenbart: Wir lernen Seine Vorsehung, Seine Heiligkeit, Seine Gerechtigkeit im Gericht, Seine grosse Langmut, Seine unumschränkte Gnade kennen, als letztes Wort über alle Seine Wege gegenüber den Menschen, gegenüber Israel und den Nationen.
Was wir soeben gesagt haben, erklärt die Einteilung unseres Gegenstandes in die sieben in der Übersicht erwähnten Kapitel.
1. Der Zeuge
Zwischen dem sündigen Menschen, so geworden durch seinen Fall, und dem geheiligten Menschen, so geworden durch den Glauben an den Heiland und durch die Kraft der Erlösung, ist ein unermesslicher Unterschied.
Adam, vor dem Fall unschuldig und verantwortlich, in der Abhängigkeit von Gott zu verharren, bleibt verantwortlich, nachdem er durch den Fall seine Unschuld und seine Abhängigkeit verloren hat; aber er hat als Sünder die Erkenntnis des Guten und Bösen erlangt, das heisst ein Gewissen, das ihn verurteilt. Dieses Gewissen macht ihn unentschuldbar und verdammt ihn. Er erkennt wohl das Gute und das Böse, aber ach! es verbleibt ihm, als sündigem und verantwortlichem Menschen nur die unbedingte Unfähigkeit, das Gute zu tun, und der Wille, das Böse zu tun.
Der Gläubige, der geheiligte Mensch, der Zeuge Gottes in dieser Welt, ist ganz anders. Wenn er auch das Fleisch in sich hat, die sündige Natur des ersten Adam, so hat er doch durch den Glauben eine neue Natur, das göttliche Leben, den Geist Gottes, die Kraft dieses Lebens, und die Fähigkeit empfangen, das Gute zu tun und dem Bösen zu widerstehen. Das macht ihn zweifellos doppelt verantwortlich. Sein Gewissen gibt ihm das Bewusstsein des Guten und des Bösen; er hat zwei Möglichkeiten: entweder der Leitung des Heiligen Geistes und des neuen Lebens, das er besitzt, zu gehorchen oder dem Fleisch zu dienen, das in ihm ist. Wenn also doppelt verantwortlich, so ist er auch doppelt unentschuldbar, wenn er sündigt, denn die Kraft des Geistes und des neuen Menschen steht zu seiner Verfügung, die der des Fleisches und des alten Menschen tausendmal überlegen ist.
Die Folgen der Sünde sind für den sündigen Menschen, der im Fleische wandelt, und dem Gläubigen, der nach dem Fleische wandelt, verschieden, weil dieser jetzt die Kraft besitzt, im Geiste zu wandeln. Der Sünder kann nur Tod und Gericht erwarten; der Gläubige, wenn er sündigt, begegnet der Züchtigung oder der Erziehung, der er wie jeder andere Gläubige unterworfen ist, damit er «nicht mit der Welt verurteilt» wird (1.Kor. 11,32).
Das war der Fall des Jona. Er war ein Gläubiger, ein Heiliger; er hatte Leben aus Gott und stand in Beziehung zu Ihm. Ihm ist ein Zeugnis anvertraut worden, aber vor einen Befehl Jehovas gestellt, lässt er sich durch den Willen des Fleisches, das Feindschaft ist gegen Gott, davon abhalten. Obwohl er ein Gläubiger ist und ein Zeuge, handelt er nicht besser als der durch Satan betrogene Adam; er ist einem ausdrücklichen Gebot Gottes gegenüber ungehorsam. Sein Fall ist sogar ärger als der des unschuldigen Adam, der von Satan verführt wurde, denn durch den Glauben besitzt er eine neue Natur, die fähig ist, das Gute zu erwählen und das Böse wegzustossen.
Adam ist Gott ungehorsam und hat die Kühnheit, sich dafür zu entschuldigen (1.Mose 3,12); Jona ist Gott ungehorsam und wagt es, Ihm den Anlass dazu zuzuschieben (Jona 4,2). Aber Gott anerkennt keinerlei Entschuldigung, kein Motiv des Ungehorsams, den Beweggrund eines Heiligen noch viel weniger als den des ersten Adam; denn von Anfang seines geistlichen Lebens an besitzt der Heilige den Glaubensgehorsam, durch den er errettet ist (Röm. 1,5); und vom ersten Schritt seiner Laufbahn an ist er durch den Heiligen Geist zum Gehorsam Jesu Christi geheiligt (1.Petr. 1,2), um zu gehorchen wie Er es selbst getan hat.
Für Jona wie für Adam ist die erste Folge des Ungehorsams die gleiche. Adam flieht die Gegenwart Gottes, welcher ihn sucht, und verbirgt sich mitten unter die Bäume des Gartens; Jona macht sich auf, um von dem Angesicht Jehovas hinweg nach Tarsis zu fliehen (1,3). Welche von diesen beiden Handlungen ist die schlechtere? Bestimmt die zweite, denn Jona ist ein Heiliger, der in bleibenden und engen Beziehungen zu Gott steht. Seinen besten Freund fliehen, um sich den Verpflichtungen zu entziehen, Seinem Wunsche zu entsprechen - wie muss doch eine solche Handlung Ihn verunehren! Aber da, wo Adam oder Jona gefehlt haben, hat ein anderer Mensch standgehalten, ein Mensch, der nicht einmal eines ausdrücklichen Gebotes bedurfte, um zu gehorchen, obwohl auch er alle Gebote Seines Vaters gehalten hat (Joh. 15,10), und der Seinem Willen zuvorkam, ohne dass Gott ihn dazu aufforderte. «Ich komme», sagte Er, «um deinen Willen, o Gott, zu tun» (Hebr. 10,7). Das ist noch mehr als Gehorsam; Er ging in dem Willen eines anderen auf, machte sich damit eins und nährte sich davon: «Meine Speise ist», sagte Er, «dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe» (Joh. 4,34).
Die zweite Folge des Ungehorsams Adams liess nicht auf sich warten. Ob er will oder nicht, muss er in seiner Nacktheit vor dem Angesicht Dessen erscheinen, vor Dem er geflohen ist, und Seinen Urteilsspruch entgegennehmen. Dieser ist unwiderruflich; aber trotzdem kann die Gnade hier Heil bringen. Adam erscheint vor Gott bevor das Urteil ausgeführt wird und das errettet ihn. Er findet in Gott Hilfsquellen: Er hat Kleider der Gerechtigkeit für ihn und für seine Frau. Jona zieht durch seinen Fehler eine Züchtigung auf sich herab, die viel härter ist, als die des ersten Adam. Es ist wichtig, dass die Kinder Gottes sich dieser Tatsache erinnern und darüber nachsinnen.
Folgen wir also diesem Manne Gottes einen Augenblick auf seiner Reise nach Tarsis, wo er so harte Erfahrungen macht. «Er gibt sein Fährgeld» (1,3) und entledigt sich so seiner Verpflichtungen gegenüber den Menschen, nachdem er seine wichtigste Aufgabe gegenüber Gott versäumt hat. Beachten wir, dass diese erfüllten Verpflichtungen zum Ergebnis haben, dass die Entfernung zwischen Jona und Gott noch grösser wird. So ist es oft: Man «zahlt sein Fährgeld», getrieben von einem Geist des Widerstandes; und durch die Erfüllung dieser Verpflichtungen verdeckt man vor sich selbst die weit wichtigere Aufgabe, Gott zu gehorchen. Man unterwirft sich den Verpflichtungen gegenüber der Familie, der Gesellschaft und des Staates, die übrigens sehr achtbar sein mögen, man begleicht solche «Schulden» und ist dabei dem ausdrücklichen Gebot Gottes ungehorsam. Und dieses Gebot besteht darin, für Ihn zu zeugen. Jona war berufen, ein Zeuge Gottes vor der Welt zu sein. Ein Zeugnis für Christum ist in der Tat das, was Gott inmitten einer Welt der Sünde und der Gottesferne sucht, einer Welt, die dem Gericht entgegengeht. Dieses ist einer der wichtigsten Punkte des Buches Jona. Die Welt ist verurteilt, aber bevor der Richterspruch ausgeführt wird, will Gott, dass die Seinigen von Seiner Gerechtigkeit Zeugnis ablegen, damit in den Herzen der Menschen Busse hervorgebracht wird und Er Gnade erweisen kann. Einst hatte Er dieses Zeugnis Seinem Volke Israel anvertraut. Nachdem dieses ungehorsam war, hat es Gott in die Hände der Kirche gelegt. Aber auch die Kirche wird die Wahrheit aufgeben und zu einer abgefallenen Christenheit werden, was jedoch ein Gegenstand ist, den das Alte Testament nicht behandelt. Schliesslich wird ein jüdischer Überrest zum zukünftigen treuen Zeugen Gottes unter den Nationen werden, was in der Vergangenheit weder das Volk Israel noch seine Führer zu sein vermochten. Das Buch Jona redet, wie wir noch sehen werden, in geheimnisvoller Weise auch von diesem Überrest. Aber kommen wir auf Jona zurück, der im allgemeinen die Heiligen, die Zeugen Gottes in dieser Welt, verkörpert. Damit sein Ungehorsam ihn nicht - wie der des sündigen Menschen - zum Endgericht führe, muss er auf dem Wege aufgehalten werden, der ihn immer weiter von Gott entfernt. Das Wort sagt uns: «Da warf Jehova einen heftigen Wind auf das Meer, und es entstand ein grosser Sturm auf dem Meere, so dass das Schiff zu zerbrechen drohte» (1,4). Das ist erst der Anfang der Züchtigung Gottes über Seinen Knecht, aber diese Züchtigung leitet, wie wir später sehen, Seine Wege der Gnade gegenüber den Nationen ein. Doch während des Sturmes hatte sich Jona im unteren Schiffsraum hingelegt und «war in tiefen Schlaf gesunken» (1,5).
Oft können nicht einmal die bedrohlichsten Umstände das Gewissen der Kinder Gottes wachschütteln. Weder der Sturm, noch die Verzweiflung der Matrosen berührten Jona. Er ist sich nicht bewusst, dass er persönlich durch das Gericht Gottes geht, Den er herausgefordert hat und ist nicht von Furcht erfüllt. Er zeigt die Gleichgültigkeit eines eingeschläferten Gewissens. «Schlaf» ist der ständige sittliche Zustand des sündigen Menschen. Als Sohn der Finsternis und der Nacht schläft er (1.Thess. 5,4.7); aber dass ein Jona, ein Sohn des Lichtes schläft, ist noch viel ernster, und dies ist, ach! nur zu oft der Fall. Die Jünger schliefen vor den Leiden ihres Heilandes in Gethsemane; sie schliefen angesichts Seiner Herrlichkeit auf dem heiligen Berge; der Jünger Jona schläft vor dem Gericht, das über die Welt kommt.
Oft - zu unserer Schande und Beschämung sei es gesagt - ist es nötig, dass die Welt uns aufweckt! «Was ist mit dir, du Schläfer? Stehe auf, rufe deinen Gott an! Vielleicht wird der Gott unser gedenken, dass wir nicht umkommen», sagt der Obersteuermann zu ihm (1,6). Ihr Knechte Gottes - so könnte die Welt oft zu uns sagen - denkt ihr nicht an die, welche umkommen; seid ihr abgestumpft in eurer Selbstsucht? Berührt es euch nicht, dass wir dem Gericht entgegengehen? Was tut ihr? Betet ihr, fleht ihr zu eurem Gott? - Trifft es nicht zu, dass die Welt sehr oft im Recht wäre, die Kinder Gottes so zur Rede zu stellen, weil sie nicht gemerkt haben, dass dieses Gericht über ihnen ist?
Gott sucht Jona, den Zeugen, wie Er einst Adam, den Sünder suchte. Der «Obersteuermann» ist die Stimme Gottes, der einst Adam fragte: «Wo bist du?». Aber hier ist, zur ersten Demütigung Jonas, die Welt das Werkzeug, durch das Gott ihm zeigt, dass er verloren ist. Jehova antwortete diesen unwissenden, aber aufrichtigen Menschen, die Gott, an Den sie sich wandten, nicht kannten, durch das Los und tat ihnen kund, dass es Sein Zeuge war, mit dem Er es zu tun hatte. Zweite Demütigung für Jona: Er, der Jude, empfängt von Gott keinerlei direkte Mitteilung. Noch mehr, als letzte Demütigung sagt die Welt zu Jona: «Was hast du da getan?» (1,10). Einst hatte Gott selbst zu Eva gesagt: «Was hast du da getan?» (1.Mose 3,13), hier aber wird die Welt zum Richter über die Handlungen eines Zeugen Gottes! Was, du bekennst selber, dass du «den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat» fürchtest (1,9), und du fliehst vor Ihm? Strafbare Torheit! Das Gewissen dieser Heiden ist aufrichtiger und weniger eingeschläfert, als das des Jona: Aber schliesslich wird es doch getroffen. Jona erkennt die volle Gerechtigkeit des Gerichtes Gottes: «Nehmet mich und werfet mich ins Meer» (1,12). Er weiss, dass er verdient hat, in den Abgrund geworfen zu werden und spricht es aus. Für euch gibt es Rettung, sagte er zu den Seeleuten, aber ich habe verdient, das Leben zu verlieren. Er empfängt - wie Adam - das Todesurteil. Aber gegen Jona wird es im jetzigen Augenblick ausgeführt.
So standen auch wir unter dem Urteil des Todes. Aber ein anderer ist an unsere Stelle getreten, und wir können jetzt sagen: «Ich bin mit Christo gekreuzigt». Ja, mein Gericht ist gerecht, und ich gebe davon Zeugnis, aber in den Wassertiefen habe ich Christum gefunden, der sich mit mir im Gericht einsmachte, um mich zu befreien!
Gott tritt dazwischen. Ein Anderer, der «gleich ist wie wir», hat den Platz Jonas im Bauche des Fisches eingenommen. Dort, unter der Züchtigung und in der Tiefe der Trübsal findet der schuldige Zeuge die Abhängigkeit wieder, die er so törichterweise verloren hat. Er betet (2,2). Nie hätte er gewagt, ungehorsam zu sein, wenn er durch das Gebet in der Abhängigkeit geblieben wäre. Durch das Aufgeben der Abhängigkeit ging der erste Adam verloren; hier muss der Zeuge Gottes sie als eine ganz neue Sache wieder erlernen. Auf diese Wiederherstellung kann Gott nur durch Befreiung antworten. Jona anerkennt, dass diese Segnung einzig der Gnade Gottes zuzuschreiben ist: «Bei Jehova ist Rettung» (2,10). Von ihr redet auch Elihu im Buche Hiob: «Er wird vor den Menschen singen und sagen: ich hatte gesündigt und die Geradheit verkehrt, und es ward mir nicht vergolten; er hat meine Seele erlöst, dass sie nicht in die Grube fahre, und mein Leben erfreut sich des Lichtes» (Hiob 33,27-28). Das also ist die Frucht der Züchtigung für den Zeugen des Herrn: völliges Selbstgericht und vertiefte Erkenntnis der Gnade. Fortan wird Jona nicht mehr vor Jehova fliehen.
2. Der Prophet
Bevor Jona das Gebot empfing, nach Ninive zu gehen, war er mit einem prophetischen Auftrag an Israel betraut worden. Dieses Ereignis fand unter Jerobeam II. statt, oder kurze Zeit vor der Thronbesteigung dieses Königs. In 2.Könige 14,25 wird von Jerobeam gesagt: «Er stellte die Grenze Israels wieder her, vom Eingange Hamaths bis an das Meer der Ebene, nach dem Worte Jehovas, des Gottes Israels, das er geredet hatte durch seinen Knecht Jona, den Sohn Amittais, den Propheten, der von Gath-Hepher war.»
Hosea, Amos und zweifellos auch Jona kannten den traurigen Zustand der zehn Stämme und des Königtums Israels. Mit welcher Entrüstung haben doch die beiden ersten auf die Sünden dieses Volkes und seiner Führer hingewiesen und das Gericht angezeigt, das die einen wie die anderen erwartete! Doch «Jehova sah, dass das Elend Israels sehr bitter war und dass dahin war der Gebundene und dahin der Freie und dass kein Helfer da war für Israel. Und Jehova hatte nicht gesagt, dass er den Namen Israels austilgen würde unter dem Himmel hinweg; und so rettete er sie durch die Hand Jerobeams, des Sohnes Joas» (2.Kön. 14,26-27). In Kapitel 13,5 wird gesagt: «Jehova gab Israel einen Reifer, und sie kamen aus der Hand der Syrer heraus.» Während also andere Propheten Gerichte Gottes anzeigten, die über Israel kommen sollten, war Jona berufen, eine vorübergehende Befreiung durch einen zu diesem Zweck erweckten Erretter anzukündigen (unabhängig jedoch von dessen Charakter).
Die Grenze Israels wurde wiederhergestellt; Hamath, der Hauptriegel gegen die von Norden kommenden Feinde, wurde zurückerobert. Jona war erwählt worden, um in den Tagen, in denen Israel unter dem schrecklichen Joch des Königs von Syrien seufzte, die Barmherzigkeiten Gottes auszurufen. Ein Prophet, der nur Befreiung anzeigt, war eine Besonderheit, wenn nicht gar einzigartig oder doch wenigstens ganz selten in Israel. Als er nach Ninive gesandt wurde, kannte also Jona, wie er es später zum Ausdruck bringt, Jehova als «einen gnädigen und barmherzigen Gott, langsam zum Zorn und gross an Güte, und der sich des Übels gereuen lässt» (4,2). Solange es sich um Israel handelte, hatte Jona nicht gezögert, seinem Volke Befreiung anzukündigen. Sein Herz freute sich darüber und sein Patriotismus fand darin Befriedigung. Aber in seinem geistlichen Hochmut konnte er keinen Auftrag annehmen, der nur an die Nationen gerichtet war, so wie sein früherer Auftrag nur Israel galt. Zudem war er nicht sicher, ob die Androhung der Zerstörung sich erfüllen würde, hatte er doch schon den barmherzigen Charakter Jehovas erfahren, und zwar so, wie Er sich einst Moses gegenüber offenbart hatte: «Jehova, Jehova, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und gross an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende hin, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt» (2.Mose 34,6-7). Er war bereit, eine Gnade anzuerkennen - übrigens durch das Gesetz gemässigt - gegenüber Seinem Volke, konnte sie aber nicht annehmen, wenn es sich um götzendienerische Nationen handelte. Gott hatte jenen ja nicht das Gesetz gegeben; wie konnte man da zugeben, dass ihnen die Gnade in freier Weise gewährt werden sollte?
Aber noch ein anderer und vielleicht gewichtigerer Beweggrund veranlasste Jona zum Ungehorsam: Jona dachte an sich selbst. Man sieht dies an seinem ganzen Verhalten in den Kapiteln 3 und 4. Er ging hin, um in Ninive auszurufen: «Noch vierzig Tage, so ist Ninive umgekehrt!» Aber wenn dies nicht stattfand? Wenn Gott Seine Drohung bereut? Was wurde dann aus seinem Ruf als Prophet? Die Barmherzigkeit Gottes wäre die Erschütterung seiner Autorität und seiner eigenen Würde. Es kommt Jona nicht einen Augenblick in den Sinn, dass Ninive Busse tun und so den Lauf der Wege Gottes ihr gegenüber ändern könnte. Andere Propheten und auch der Grösste unter ihnen, Johannes der Täufer, haben Gericht und Busse verkündigt. Jona aber begehrte eine solche Mission nicht. Was er bewahren wollte, das war seinen Charakter, seine Würde, seine Autorität als Prophet. Was sollte aus allen diesen Eigenschaften werden, wenn das, was er ankündigte, sieh nicht erfüllte? Als er zum voraus die Wiedereinnahme von Hamath weissagte, verschaffte ihm sein Wort beim Volke Ansehen; er wollte jetzt, dass die Ausrufung des Gerichtes ihn auch bei den Nationen beglaubige. Wie traurig ist doch die Selbstsucht des Menschen; aber viel trauriger noch die Selbstsucht eines Propheten!
Deshalb also war Jona geflohen und musste er die Strafe dieser Handlung des Ungehorsams tragen. Wie viele christliche Berufungen zum Dienst sind durch den Eigenwillen der Diener des Herrn unfruchtbar gemacht worden, welches auch immer ihre Beweggründe dabei gewesen sein mochten! Gott will mich nach Ninive senden; ich ziehe vor, nach Tarsis in Spanien zu gehen! In unseren Tagen ist dies so zur Gewohnheit mancher Jünger des Herrn geworden, dass sie einen solchen Ungehorsam ganz natürlich finden. Sie gehen an Bord des Schiffes, das sie vom Ziele Gottes entfernt, und sie treiben es noch schlimmer als Jona, indem sie solchen Ungehorsam noch mit dem Namen «göttlicher Auftrag» und «Gehorsam gegenüber der Leitung des Heiligen Geistes» schmücken. Jona war in einem Sinne weniger schuldig als die, von denen wir reden, denn er erklärte offen, dass er von dem Angesicht Jehovas hinwegfliehe (1,10). In einem anderen Sinne war er schuldiger als sie, weil er wusste, dass er seinem eigenen Willen folgte, wenn er floh. Bei ihnen ist es oft nur Unwissenheit. Daher bleibt ihnen die Züchtigung erspart; «der Knecht aber, der den Willen seines Herrn wusste und sich nicht bereitet, noch nach seinem Willen getan hat, wird mit vielen Schlägen geschlagen werden» (Luk. 12,47). Möchten doch alle, die nicht wissen, was eine Berufung Gottes wirklich ist, wahr sein vor Ihm und ihr Gewissen nicht dadurch beruhigen, dass sie das Gehorsam nennen, was gerade das Gegenteil ist!
Am Ende des zweiten Kapitels schien Jona als Zeuge seine Lektion unter der Züchtigung Gottes gelernt zu haben, denn der Fisch hatte ihn auf das Trockene ausgespieen, und der alte Jona, ähnlich dem alten Adam, war im Bilde ein auferstandener Jona geworden; aber als Prophet ist er weit davon entfernt, seine ganze Lektion gelernt zu haben, die nach diesem Bericht sehr schwer zu erlernen schien. Ohne Zweifel, die Züchtigung hatte ihn erreicht, so dass es schwer war, gegen den Stachel auszuschlagen und er, koste es was es wolle, gehorchen musste. Daher weigerte er sich nach der zweiten Aufforderung nicht, zu tun, was Jehova ihm gebot: «Da machte sich Jona auf und ging nach Ninive, nach dem Worte Jehovas» (3,3). Aber wie und in welchem Geiste wird er gehorchen? Wie ein Jude unter dem Gesetz gehorchte, in einem Geiste nationalen Stolzes und der Selbstgerechtigkeit, mit dem Gedanken, dass Gott die Nationen richten müsse, da sie «kein Bürgerrecht hätten in Israel und Fremdlinge seien betreffs der Bündnisse der Verheissung und ohne Gott in der Welt» (Eph. 2,12). Jona musste noch lernen, dass das letzte Wort des Propheten nicht Gericht ist; so gewiss dieses ist, bleibt doch noch Hoffnung bestehen, solange das Urteil nicht ausgeführt ist. Gott hatte gesagt: «noch vierzig Tage». Aber schon einmal war innerhalb dieser Frist ein Gericht abgewendet worden, und zwar auf Grund der Fürsprache eines Mose (2.Mose 34,28; 24,18). Das letzte Wort der Prophetie ist die Gnade und die Herrlichkeit, und darüber war Jona keineswegs im Zweifel. Sein Herz war gesetzlich, hochmütig, hart, und fand Gefallen am Gericht. Er, den soeben dasselbe Gericht erreicht hatte, hätte die Gnade kennen sollen, nicht nur weil er sie schon verkündigt hatte, sondern weil er selbst ihr Gegenstand gewesen war. Wie hart ist doch das Menschenherz, und man kann es sogar unter einem Prophetenmantel schlagen sehen. Wie demütigend ist das Bewusstsein, dass wir so grosse Mühe haben, unsere Lektion zu lernen!
Die Weissagung Jonas bringt im Gewissen der Leute von Ninive eine beachtliche Wirkung hervor. Das Ziel Gottes war erreicht; denn Er lässt Seine Gerichte bekannt machen, damit die Menschen umkehren und zu Ihm kommen. Dann kann sich das Herz des Gottes der Gnade kundtun. Aber wenn Gnade ausgerufen wird, machen Stolz und Selbstgerechtigkeit des Propheten einer unverständlichen Entrüstung Platz. Das hat die Juden immer gekennzeichnet. Sie ärgerten sich, wenn das Heil den Nationen verkündet wurde, und konnten es nicht ertragen, mit ihnen im selben Rang unter das Gericht gestellt zu werden. Jona erinnert uns an den älteren Bruder des verlorenen Sohnes, der gegen seinen Vater erzürnt war und nicht hereinkommen wollte, weil sein Bruder ein Gegenstand der Gnade und eine Ursache der Freude war. Wie der Vater des Gleichnisses muss Gott Jona zurechtweisen - und mit welcher Langmut! - überlässt ihn aber schliesslich seiner Halsstarrigkeit, in der selbst gemachten Hütte, nachdem der Wunderbaum in der Sonnenglut verdorrt war. Da endet die Geschichte, aber wenn wir auch nicht vernehmen, welche Veränderung im Herzen des Propheten gewirkt worden ist, so wissen wir doch, dass die Gnade Gottes gegenüber den Nationen sich bis heute nicht verändert hat, und wir selbst sind ja glückliche Zeugen dieser Tatsache.
Der erste Teil der Geschichte des Jona zeigt im Herzen des Propheten mehr Gnade als im zweiten Teil. So geschieht es in der Laufbahn der Diener Gottes oft. In dem Masse, wie ihre rechtmässige Bedeutung wächst, wächst auch ihre Selbstzufriedenheit und endet in einem Missklang mit den Gedanken Gottes, der sie für ihren Dienst ungeeignet macht. Wie viele von ihnen sind wie Jona an diesem Punkt stehen geblieben, bei einer gebrochenen Laufbahn, weil sie in der Selbstzufriedenheit wandelten, statt in der Erkenntnis der Gnade zu wachsen. Im ersten Kapitel ist die Züchtigung, die den Propheten trifft, voller Unterweisung für ihn. Er erkennt - schmerzliche Feststellung! - dass er, der Prophet Jehovas, die Ursache des Gerichtes ist, das seine Genossen und das Schiff trifft (1,12); er nimmt das Gericht, das ihn erreicht hat, als gerecht an und bezeugt, dass seine Verwerfung zur Befreiung der Nationen sei. Wie schön wäre es doch gewesen, wenn diese Demütigung auch im zweiten Teil der Geschichte des Propheten seine Früchte getragen hätte!
Lasst uns von allen diesen Dingen lernen, und vor allem nicht da beginnen, wo Jona angefangen hat. Meiden wir nicht die Gegenwart Gottes; wandeln wir in dem Lichte, indem wir zu Ihm sagen: «Erforsche und erkenne mich!» So könnte mehr als eine schmerzliche Züchtigung unterbleiben. Gott sendet uns nicht als Propheten in diese Welt, will uns aber als Seinen Dienern einen Auftrag erteilen. Diesen nicht treu erfüllen hiesse, wie Jona handeln: Gott den Rücken zu kehren!
3. Die Nationen
Der Zustand der Nationen wird uns im Beispiel der Stadt Ninives vorgestellt. Sie ist sozusagen das Bild von der sittlichen Verfassung der Heiden in den Augen Gottes.
«Mache dich auf», sagte Jehova zu Jona, «gehe nach Ninive, der grossen Stadt, und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich heraufgestiegen» (1,2). Bosheit völlige Abwesenheit des Guten - ist es, was sie in den Augen des heiligen Gottes kennzeichnete. Seine Langmut hatte diese Bosheit Langezeit ertragen, und sie nahm dies zum Anlass, um sich bis zu ihren äussersten Grenzen zu entfalten. Daher blieb für Ninive nichts anderes mehr übrig als das Gericht, es sei denn, dass es von Seiten Gottes nicht doch noch einen Ausweg oder ein Heilmittel gab.
Aber wer konnte dies verkündigen? Der Prophet Jona, hier ein Bild vom Volk Israel, stand ja unter demselben Gericht. Es hatte sich als ungehorsam, als widerspenstig gegen Gott erwiesen, und konnte von Seiner Seite nur das Vernichtungsurteil erwarten. Ein anderer Prophet, Jesaja, Vorbild eines treuen Überrestes in Israel, der sich später vor Gott hingestellt sah, sucht nicht Seine Gegenwart zu fliehen (Jes. 6). Bevor er ausgesandt wurde, bekannte er seine eigene Unreinheit und wurde davon gereinigt durch die Kohle, die das Brandopfer verzehrt hatte. Darauf sagte Jehova: «Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen?» Und der Prophet antwortete: «Hier bin ich, sende mich.» Gott sandte ihn zu Israel, um ihm das Gericht anzukündigen, das über das Volk kommen, und die Gnade, die einen schwachen Überrest verschonen würde. Jona, weit entfernt davon, vor Gott zu stehen, flieht Seine Gegenwart, um nicht zu den Nationen gesandt zu werden. Aber gerade diese waren es, die Gott verschonen wollte, und Jona war sich dessen wohl bewusst.
Die Seeleute sind hier Vertreter aller Nationen, an Bord eines Schiffes, das sie mehr und mehr von Gott entfernt. Sie «schrieen, ein jeder zu seinem Gott» (1,5). Aber angesichts des Sturmes, der sie zu verschlingen droht, erfahren sie, was diese stummen Götzen, die ihnen nicht antworten, wert sind. Wird vielleicht der Gott Jonas ihrer gedenken, dass sie nicht umkommen? (1,6).
Was mag wohl die Ursache dieser ihrer Not sein? Aus Unwissenheit über ihren eigenen Zustand schreiben sie die Ursache dieses Unglücks einem anderen zu, der sich vielleicht unter ihnen befinden könnte: «Kommt und lasst uns Lose werfen, damit wir erfahren, um wessentwillen dieses Unglück uns trifft» (1.7). Da sie Gott nicht kennen, rufen sie eine ihnen unbekannte Macht an, um aufgeklärt zu werden. Hier tritt die Unwissenheit des natürlichen Herzens des Menschen zutage, das weder Gott noch sich selbst erkennt. Diese beiden Elemente der ganzen Offenbarung sind ihnen unbekannt. Sie sind blind, aber Gott antwortet ihnen in Seiner Gnade, indem Er sich auf die Stufe ihres Verständnisses herablässt: das Los redet und bezeichnet Jona. Jona gibt trotz des Gerichtes, das ihn erwartet, trotz seiner Flucht vor Gott, von der er zu ihnen geredet hat (1,10) Zeugnis vom Wesen Gottes, so wie ihr verdunkelter Verstand es fassen kann: «Ich bin ein Hebräer; und ich fürchte Jehova, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat» (1,9). Dieses Zeugnis des Glaubens Israels an einen alleinigen Schöpfer-Gott, erinnert die Nationen an das, was Gott ihnen schon durch Seine Werke kundgetan hat, «damit sie ohne Entschuldigung seien» (Röm. 1,20). Die Predigt des Paulus an die Athener (Apostelg. 17) hatte denselben Charakter.
Diese armen, unwissenden Heiden sprachen drei Worte aus. Auf das erste: «Tue uns doch kund, um wessentwillen dieses Unglück uns trifft!» (1,8), antwortet Gott durch das Los. Dabei gebraucht Er Israel, den Gegenstand Seines Gerichtes, um den Nationen das Licht zu bringen, denn, wie geschrieben steht: «Das Heil ist aus den Juden» (Joh. 4,22).
Auf das zweite Wort: «Was hast du da getan?» hatte ihnen Jona schon vorher geantwortet, so dass diese Heiden darüber nicht im Unklaren sein konnten: «Er floh von dem Angesicht Jehovas hinweg; denn er hatte es ihnen kundgetan» (1,10). Daher sind sie es, die den Propheten tadeln: Du bekennst, dass du Gott fürchtest, und doch fürchtest du dich nicht, Ihm ungehorsam zu sein! Wie oft waren doch die Juden zu ihrer Beschämung unter der Zuchtrute der Nationen, so wie die Christen heute unter derjenigen der Welt sein können!
Ihr drittes Wort war: «Was sollen wir dir tun?» (1,11). In ihrem Herzen keimte das Vertrauen in das Wort Jehovas und, statt sich von Israel wegzuwenden, dem ungetreuen Knecht, verstehen sie, dass nur sein Vertreter sie über den Willen Jehovas unterrichten kann. Jona bekennt, dass seine Untreue der Grund für die Wege Gottes gegenüber den Nationen ist; er sagt: «Ich weiss» (wahrer Ausdruck eines Herzens, das Gott kennt), dass dieser grosse Sturm um meinetwillen über euch gekommen ist» (1,12). «Nehmet mich und werfet mich ins Meer.» So ist also die Verstossung Israels die Versöhnung der Welt (Röm. 11,15).
Diese Menschen zögern, die Anweisung des Propheten auszuführen. Sie erschöpfen zuerst als ihre Hilfsmittel, bevor sie ihr gehorchen; aber es gelingt ihnen nicht, «weil das Meer immer stürmischer gegen sie wurde» (1,13). Zu ihrer Errettung bedurfte es eines Opfers, wenn das Gericht sie nicht verschlingen sollte. Wir werden später sehen, was dieses Opfer ist; was uns jetzt beschäftigt, ist Jona, als Bild vom verworfenen Israel. Nachdem das Gericht ausgeführt ist, kann das Schiff der Nationen fortan seinen Lauf fortsetzen. Die Verwerfung Israels hat für die Nationen die Türe der Segnung geöffnet. Diese Szene ist ein Bild von der gegenwärtigen Zeit, ein vorausgenommenes Beispiel des Heils von einzelnen, die zu den götzendienerischen Nationen gehörten, von denen «jeder zu seinem Gott schrie», wie geschrieben steht: «Du hast für Gott erkauft, durch dein Blut) aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation» (Offb. 5,9)
Die Drohung der unmittelbaren Gefahr lässt sie zu Gott rufen. Das ist es, wodurch unsere Beziehungen zu Gott beginnen. Aber die Offenbarung eines Opfers, für das sie verantwortlich sind, das jedoch für immer das Gericht verbannen kann, widerstrebt ihren natürlichen Herzen. Sie möchten viel lieber hart rudern, um das Schiff ans Land zurückzuführen. Zudem sind sie überzeugt, dass wenn sie den Knecht Jehovas in die Fluten werfen, sie unschuldiges Blut auf sich legen (1,14). Sie sind also schuldig; aber Gott belehrt sie, dass trotz ihres aktiven Anteils am Opfer, dieses das einzige Mittel zum Heil ist.
Beachte die sittliche Veränderung, die sich jetzt bei der Mannschaft des Schiffes abzeichnet: «Und die Männer fürchteten sich vor Jehova mit grosser Furcht, und sie schlachteten Schlachtopfer und taten Gelübde dem Jehova» (1,16).
Ihr erster Schritt auf dem Wege der Weisheit ist der, dass sie Jehova mit grosser Furcht fürchten. Dann nehmen sie die Haltung von Anbetern vor Ihm ein, indem sie Schlachtopfer opfern. Dann tun sie Gelübde. Das Gelübde war eine freiwillige Weihe an Gott, um Ihm ohne Rückhalt zu dienen (5.Mose 23,21; 3.Mose 7,16). Wir finden hier also eine ganze Anzahl von erretteten Menschen, die zu Gott geführt und Zeugen Seiner Gnade, Anbeter und Diener geworden sind, die sich Ihm weihen. In diesem Schiff der Nationen fanden sich von da an Errettete, während Jona, der Israel vertritt, von den Tiefen des Meeres der Völker verschlungen ist.
Das erste Kapitel dieses Buches hat uns gezeigt, wie der Glaubensgehorsam heute das Teil der Nationen geworden ist; das dritte Kapitel hingegen richtet unsere Blicke auf eine kommende Zeit: Ninive, der grossen Stadt, wird das Gericht angekündigt; sie vertritt als Weltstadt die Gesamtheit der Völker. Es wird uns gesagt: «Die Leute von Ninive glaubten Gott; und sie riefen ein Fasten aus und kleideten sich in Sacktuch von ihrem Grössten bis zu ihrem Kleinsten» (3,5) Beachten wir, dass es sich hier um ein nationales Fasten handelt. Man kann nicht sagen, es sei nicht echt gewesen, denn es war auf den Glauben an das Wort Gottes gegründet. Aber bei den Bewohnern von Ninive war dieser Glaube «nur für eine Zeit» (Luk. 8,13). Eine äusserliche Busse, hervorgerufen durch die Furcht vor dem Gericht, hält aber dieses trotzdem für eine Zeit fern. Ein Jahrhundert später wird das Schicksal Ninives definitiv und die Stadt wird völlig zerstört. So wird es auch sein bei der Aufrichtung der Herrschaft Christi. Seinen Gerichten gegenüber gestellt, werden sich Ihm die Nationen unterwerfen und den Gott Israels anerkennen (Psalm 18,44); wenn aber die tausend Jahre dieser glorreichen Herrschaft vorübergegangen sind, wird Satan losgelassen und sie von neuem verführen können; dann kommt das endgültige Gericht über sie.
Diese Busse Ninives richtet unsere Gedanken auf die ernsten Tage, durch die wir gehen. Die Hand Gottes lastet schwer auf den Völkern. Man meint Seine Stimme zu hören, welche sagt: «Noch vierzig Tage, so ist Ninive umgekehrt!» Sollten die Nationen als solche nicht Busse tun und «ein Fasten ausrufen»? Die Völker und ihre Regierungen, Grosse und Kleine, sollten sie nicht «heftig zu Gott rufen und... umkehren, ein jeder von seinem bösen Wege und von dem Unrecht, das in ihren Händen ist?» - «Wer weiss? Gott möchte sich wenden und es sich gereuen lassen.» Er kann Seinen Wegen gegenüber den Menschen eine andere Richtung geben, wenn sie ihrerseits ihre Wege ändern und sich zu Ihm wenden. Möchten doch diese Worte, wie einst die des Jona, im Herzen der Völker ein Echo finden!
4. Israel
Wir haben gesehen, dass Jona, trotz seines Glaubens und seiner Eigenschaft als Prophet den Geist des Volkes, zu dem er gehörte, in sich trug, einen Geist des Ungehorsams, der Unabhängigkeit von Jehova, des geistlichen Hochmuts und der Selbstgerechtigkeit, den Gott durch Seine Propheten immer wieder anprangert. Es handelt sich hier nicht um eine so oft verfluchte Götzendienerei; das Volk hatte sie aufgegeben, lange bevor es durch die Verwerfung Christi unter die Nationen zerstreut wurde. Im Bilde redet also das Buch Jona von jener Zeit. Wir erleben da den Augenblick mit, in welchem die Geschichte Israels zum Abschluss kommt. Das Volk beharrt in seinen Wegen der Unabhängigkeit und des Eigenwillens, ohne über seine «nichtigen Götzen» Busse getan zu haben (2,9), denen es so lange gedient hatte. Das Haus war «leer, gekehrt und geschmückt» (Matth. 12,44); dieser Zustand des Volkes, das nicht mehr vom Dämon der Götzendienerei gequält wurde, aber leer war, war besonders ausgeprägt in den Zeiten der letzten Propheten und in den Tagen der Anwesenheit des Herrn. Es war ein ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, übertünchten Gräbern gleich, inwendig voller Unreinigkeit, ein Geschlecht von Heuchlern, stolz über seine eigene Gerechtigkeit, in Hochmut sich rühmend, Abraham zum Vater zu haben, das aber das Licht und das Zeugnis Gottes floh, die Wahrheit hasste und der Gnade widerstrebte. Das alles war mit einer Form der Gottseligkeit, einer strikten Treue gegenüber den Formen des Gesetzes zugedeckt, mit äusserlichen Formen, zu denen sie noch ihre Überlieferungen hinzufügten, durch die das Gebot Gottes aufgehoben wurde (Mark. 7,9). Die Führer setzten alles daran, ihre Würde, ihren Ruf und ihren Einfluss auf das ganze Volk aufrechtzuerhalten. Aber was sie vor allem kennzeichnete, war der Hass gegenüber der Gnade, die sie in das Licht der Wahrheit über ihren eigenen Zustand stellte. Sie waren sich bewusst: wenn sie verurteilt wurden, so gab es zwischen ihnen und den übrigen der Menschen keinen Unterschied mehr; die Gnade öffnete jedem armen Sünder aus den Nationen die Türe des Heils.
Jona, obwohl ein Mann Gottes, stimmt in manchen Zügen mit diesem Bild überein. Es kam ein Augenblick, wo durch die Verwerfung des Erretters und des Heiligen Geistes das endgültige Urteil über die Juden ausgesprochen wurde: «Ich werde euch verpflanzen über Babylon hinaus» (Apostelg. 7,43). Israel wird in das Meer der Nationen geworfen, in welchem es verbleibt, bis Gott Seine Beziehungen zu dem irdischen Volke neu anknüpfen wird.
Es wird also wiedererstehen, aber in Kapitel 3 treten wir erst in den zweiten Zeitabschnitt seiner Geschichte ein. Wird sich sein Herz wirklich ändern? In keiner Weise! Wenn es äusserlich auch, selbst unter dem Antichrist, die alten Formen seines Gottesdienstes wieder aufnimmt (Dan. 9,27), so ist sein moralischer Zustand doch durch Auflehnung gegen Gott gekennzeichnet. Es «zürnt bis zum Tode» und meint dabei im Recht zu sein (Jona 4,9). Dann schweigt das Buch über das Ende seiner Geschichte. Es ist, wie wenn dieses hartnäckige Volk wieder ins Nichts verschwände.
Die Verwerfung Israels wird uns - in Verbindung mit der Weissagung Jonas - in auffallender Weise durch den Herrn selbst angekündigt. Im Evangelium Matthäus, im 12. Kapitel, spricht Er von Jona als von einem Zeichen von Seinem Tod und Seiner Auferstehung. Wir werden diesen Gegenstand später noch betrachten, aber in Matthäus 1.Kommt Er darauf zurück, ich zweifle nicht, mit einer ganz anderen Absicht. Die Pharisäer und Sadduzäer verlangten von neuem ein Zeichen von Ihm. Da sprach Er von den Zeichen des Himmels, vom heiteren Wetter und vom Sturm - Bilder von der Gnade und vom Gericht --die sie wohl zu beurteilen wussten, während sie «die Zeichen der Zeit» nicht zu beurteilen vermochten. Das Gericht war vor der Tür und sie wussten es nicht: «Kein Zeichen wird ihm gegeben werden, als nur das Zeichen Jonas» (V. 4). Israel sollte endgültig ins Meer geworfen und sich selbst überlassen bleiben, um den Wegen der Gnade Gottes gegenüber den Nationen Platz zu machen. Daher fügt der Evangelist bei: «Und er verliess sie und ging hinweg.»
Aber das wahre Israel wird auferstehen und - wie wir noch sehen werden - zum Gesandten und Zeugen Jehovas werden, um die «grosse Menge der Nationen» zur Busse zu führen.
5. Der Überrest
Der Hauptzweck des Buches Jona tritt - wie mir scheint - besonders aus dem 2. Kapitel hervor, das wir bis jetzt absichtlich übergangen haben. Wir sahen, dass in der Person Jona die Geschichte des Volkes vorgebildet wird, das trotz allem Versagen der Zeuge Gottes an die Nationen war und sein wird. Wir sagen «sein wird», denn wenn auch das Volk, als Ganzes, endgültig verworfen wurde, als die Langmut Gottes ihre Grenze erreicht hatte, so wird in der Zukunft noch ein Überrest daraus hervorgehen, als Kern eines zukünftigen Volkes, der wie sein ganzes Geschlecht des Blutes schuldig, d.h. für den Tod des Messias verantwortlich ist und in den Drangsalen dafür die Folgen tragen muss. Jene Trübsal wird im Herzen dieser Treuen eine Busse zum Heil bewirken. Sie werden ihre Verantwortung von der des Volkes, zu dem sie gehören, nicht zu trennen suchen. Vielmehr werden sie anerkennen, dass sie die Züchtigung verdient haben, dass der immer heftiger werdende Sturm der gerechte Lohn für ihre Missetat ist und dass sie von dem Lande der Lebendigen abgeschnitten werden müssen, weil sie den Sohn Gottes gekreuzigt haben! Aber, verschlungen von «dem grossen Fisch», werden sie in der Drangsal erkennen, dass ihr Messias durch dieselben Ängste hindurchgegangen ist, und dass Jehova Ihm geantwortet hat. Daher werden sie mit der Gewissheit zu Gott schreien, dass Er sie hört.
Ihre Erfahrungen werden uns im zweiten Kapitel unseres Propheten beschrieben. Das Gebet Jonas enthält zwei Gegenstände: 1. die Erfahrungen des gläubigen Überrestes, des wahren Israel, am Tage der Drangsal [Sie wird auch «die Zeit der Drangsal für Jakob» genannt (Jer. 30,7), und «die grosse Drangsal», ein allgemeiner Ausdruck. Bezüglich des Wortes «Drangsal» sei auch auf viele Stellen der Psalmen und der Propheten verwiesen.] (2,3), wovon er befreit worden ist; und 2. der Tod und die Leiden Christi, auf welche wir in einem anderen Kapitel zurückkommen werden.
Was den ersten Gegenstand anbelangt, nehmen wir an, dass unsere Leser genügend vertraut sind mit dem Alten Testament, um zu wissen, dass die Propheten und die Psalmen immer wieder vom gläubigen jüdischen Überrest des Endes reden und von den Drangsalen, die er erdulden wird. Das Gebet Jonas bestätigt diese Wahrheit.
Die acht Verse (3-10) erinnern an zahlreiche Stellen der Psalmen und des Propheten Jesajas. Um diese Ausführungen nicht unnötig zu belasten, können sie nicht alle angeführt werden. Jeder Leser, der eine gute Konkordanz besitzt, kann sich die Liste selber erstellen. Wir beschränken uns hier auf einige wichtige Stellen.
Jona betete zu Jehova, seinem Gott, aus dem Bauche des Fisches und sprach: Ich rief aus meiner Bedrängnis zu Jehova, und er antwortete mir» (2,2-3).
Es ist bemerkenswert, dass der Ruf Jonas hier erst auf den der Nationen folgt (1,14). So wird es ja tatsächlich sein. Heute setzt das Schiff der Nationen, worin sich die befinden, die durch den Glauben Anbeter des wahren Gottes geworden sind, seinen Lauf fort, und jene, die es besteigen, haben die Befreiung erlangt, nachdem sie «zu Gott gerufen» haben (1,14). Im Gegensatz zu ihnen ist Israel vom Meer der Völker verschlungen worden, doch wird aus dem Schosse des Scheol ein Überrest erwachen. Aus der Tiefe seiner Trübsal, aus dem Schosse der kommenden grossen Drangsal, die in erster Linie auf den Treuen des alten Volkes Gottes lastet, wird der Überrest selbst auch zu dem Gott rufen, den Er beleidigt hat.
Dieser Vers entspricht der gewohnten Form der Psalmen. Er ist eine Zusammenfassung des ganzen Inhalts des Gebets und zeigt zum voraus das Ergebnis, an, während die folgenden Verse den Weg beschreiben, auf dem dieses Ergebnis erreicht wird. In den tiefen Abgrund geworfen, verschlungen von dem Ungeheuer, das Gott als Werkzeug seiner Rettung bereitet hat, betet der Gläubige und ruft. Mit welcher Freude stellt er dann fest, dass die Antwort gekommen ist! In Psalm 120, welcher der kleinen Sammlung der Stufenlieder als Vorwort dient, werden dieselben Ausdrücke verwendet. In diesem Psalm geht es um den Überrest, der von neuem durch Verfolgung aus seinem Lande vertrieben wird, nachdem er dieses, zusammen mit der ungläubigen Nation, betreten hat. Dies ist die Drangsal für Jakob (siehe Offb. 12,13-16). Nun sagt er: «Zu Jehova rief ich in meiner Bedrängnis und er erhörte mich» (Psalm 120,1). Auch in Psalm 107 wird mehrmals wiederholt: «Aus ihren Drangsalen errettete er sie», also in dem Psalm, der seinerseits das Vorwort für das fünfte Buch der Psalmen ist, das die Stufenlieder enthält. «Er antwortete mir», ist der Grundton aller Erfahrungen der Treuen. So ist es auch in Psalm 130: «Aus den Tiefen rufe ich zu dir, Jehova!» Dieser Psalm beschreibt die tiefen Gewissensübungen des Überrestes und die gesegneten Ergebnisse seiner Befreiung. (Siehe auch Psalm 18,6; 86,7.)
«Ich schrie aus dem Schosse des Scheols, du hörtest meine Stimme» (2,3).
Nach der Zusammenfassung, von der wir nun geredet haben) beschreibt Jona die einzelnen Erfahrungen, welche die Antwort Jehovas herbeigeführt haben. Zuerst ruft der Gläubige aus dem Schosse des Scheols, und Gott hört. Die Antwort ist noch nicht gekommen, aber er hat die tröstliche Gewissheit, dass das Gebet des Glaubens zu den Ohren Jehovas gelangt ist. Das Gebet Hiskias (Jes. 38,10) hat manche gemeinsame Züge mit dem des Jona, nur ist die Trübsal weniger gross: Hiskia meint zu den Pforten des Scheol hingehen zu müssen, Jona ist schon dort, David steigt wieder herauf (Psalm 30,3; siehe auch Psalm 18,4.5).
«Denn du hattest mich in die Tiefe, in das Herz der Meere geworfen, und der Strom umschloss mich; alle deine Wogen und deine Wellen fuhren über mich hin» (2,4).
Man findet in Psalm 42,7 genau dieselben Ausdrücke. Jeder Leser, der mit der Prophetie etwas vertraut ist, weiss, dass das zweite Buch der Psalmen (42-72) die Gefühle und Erfahrungen des Überrestes aus Juda beschreibt, der in der grossen Drangsal unter die Nationen vertrieben wird. Das sind nun genau die Erfahrungen, die uns im Gebet Jonas vorgestellt werden.
«Und ich sprach: Verstossen bin ich aus deinen Augen; dennoch werde ich hinschauen nach deinem heiligen Tempel» (2,5).
Wir finden hier das Gebet Hiskias wieder (Jesaja 38,10-11), sowie zahlreiche Stellen des zweiten Buches der Psalmen (43,2; 44,9; 60,1.10) und andere (Psalm 74,1; 77,7; 31,22; Klagel. 5,22). Das Bewusstsein der Verwerfung zerstört beim armen Überrest in der Drangsal nicht die Gewissheit des Glaubens. Von Jerusalem verjagt, hört er nicht auf, gegen den Tempel zu blicken, wie Daniel nach Jerusalem hin (Dan. 6,11; siehe auch Psalm 42,4; 43,3-4; 18,6; Hab. 2,20). Die heutigen Gläubigen, die diese Stelle auf sich anwenden, wenn sie in Trübsal sind, wissen, dass dieser Tempel für uns das Haus des Vaters in den Himmeln ist.
«Die Wasser um fingen mich bis an die Seele, die Tiefe umschloss mich, das Meergras schlang sich um mein Haupt» (2,6).
Die Seele erfährt in der Drangsal, was das Gericht Gottes wegen der Sünde bedeutet. Im zweiten Buch der Psalmen, von dem wir geredet haben, wird uns diese schreckliche Lage in unauslöschlichen Zügen vor die Augen gemalt: «Tiefe ruft der Tiefe beim Brausen deiner Wassergüsse alle deine Wogen und deine Wellen sind über mich hingegangen» (Psalm 42,7). Der 69. Psalm beschreibt die Grösse dieser Qualen. In den tiefen Schlamm der Sünde zu versinken, hat Gericht zur Folge. Die Wassertiefen verschlingen, die Flut überströmt und gleichzeitig öffnet sich eine bodenlose Tiefe (Psalm 69,2.15). Wir werden später sehen, dass der Gläubige in diesem Abgrund Christo begegnet, dem Herrn Jesus, der für ihn dort hinabgestiegen ist. Auch wir Christen haben diese Erfahrung gemacht, ohne aber wie der Überrest genötigt gewesen zu sein, den tiefen Abgrund kennen zu lernen, ausser in unserem Gewissen.
«Ich fuhr hinab zu den Gründen der Berge; der Erde Riegel waren hinter mir auf ewig. Da führtest du mein Leben aus der Grube herauf) Jehova, mein Gott» (2,7).
Die Drangsal hat ihre letzten Grenzen erreicht; der Bedrängte kann nicht mehr tiefer hinabsteigen. Es ist der Tod in seinem ganzen Schrecken. Die Pforten, die den Zugang zum Lande der Lebendigen versperren, sind für immer geschlossen. Dieselben Erfahrungen finden sich auch in dem Liede Hiskias und auch dort kam die gleiche Antwort Gottes: «Du, du zogest liebevoll meine Seele aus der Vernichtungsgrube; denn alle meine Sünden hast du hinter deinen Rücken geworfen.» - «Jehova war bereit, mich zu retten» (Jes. 38,17.20). Die Auferstehung Christi hat bewirkt, dass alle unsere Sünden im Abgrund gelassen wurden, wo sie nie wieder gefunden werden.
«Als meine Seele in mir verschmachtete, gedachte ich Jehovas, und zu dir kam mein Gebet, in deinen heiligen Tempel» (2,8).
Im Augenblick der höchsten Not und des Todeskampfes, gedenkt der Gläubige Jehovas, und sein Gebet wird nicht nur gehört, sondern angenommen, in dem Orte, wo Gott wohnt.
«Die auf nichtige Götzen achten, verlassen ihre Gnade» (2,9).
Hier wird gegen das abtrünnige Volk ein scharfer Tadel ausgesprochen, weil es aufs neue vom Dämon der Abgötterei erfüllt wird (Matth. 12,43-45) und trügerischer Eitelkeiten wegen die ihm vorgestellte Gnade verlässt. Besser ist es, in die Drangsal zu kommen, mit dem Ausblick auf eine Hoffnung, als das Los derer zu teilen, deren Herr der Antichrist ist. Im 31. Psalm sehen wir den Unterschied zwischen denen, «die auf nichtige Götzen achten» (V. 6) und denen, die auf Jehova vertrauen und in Seiner Gnade ihre einzige Hilfsquelle besitzen.
Ich aber werde dir opfern mit der Stimme des Lobes; was ich gelobt habe, werde ich bezahlen. Bei Jehova ist die Rettung» (2,10).
Nun gelangt der Gläubige des Überrestes zu dem Gottesdienst, den die Nationen in der Zeit der Untreue Israels gefunden haben. Diesen Gottesdienst üben die Christen jetzt aus. In der prophetischen Zukunft aber werden die Nationen unter der Regierung des Messias dem Jehova opfern, dem Gott Israels, und werden nach Jerusalem hinaufsteigen, um anzubeten, zusammen mit Seinem Volke (Psalm 116,14-15; 22.25). Israel wie auch die Nationen werden fortan «Gelübde» tun (Jona 1,16) und sich frei und ohne Einschränkung dem Dienst Jehovas hingeben (Psalm 56,12; 61,8; 66,13; 76,11; 5.Mose 23,21).
Das letzte Wort des prophetischen Gebetes Jonas ist: «Bei Jehova ist die Rettung.» Sie ist da; Er allein hat sie ausgeführt; sie ist ausschliesslich das Werk Seiner Gnade (Jes. 38,20; 52,10). Israel wird am Ende diese grosse Wahrheit finden, die heute die Freude, die Zuversicht aller Gläubigen ausmacht, und auf welche ihre Sicherheit auf ewig gegründet ist. Wie ist diese Befreiung zustande gekommen? Das werden wir im nächsten Kapitel sehen.
6. Der Christus
Die Person Jona ist unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten ein Vorbild von Christo. Der erste wird uns in den Evangelien Matthäus und Lukas gezeigt.
In Matthäus 12 verlangen die Schriftgelehrten und Pharisäer «ein Zeichen» vom Herrn (V. 38), nachdem sie Ihn soeben angeklagt haben, Er treibe «die Dämonen nicht anders aus, als durch den Beelzebub, den Obersten der Dämonen» (V. 24). Sie wollen ein Zeichen sehen, das Ihn in ihren Augen beglaubigen würde! Dabei haben doch Sein ganzes Leben und die Wunder der Güte, die Er auf jedem Schritt tat, bewiesen, dass Er Emmanuel war, der «Gott mit uns». Konnte dieses böse und ehebrecherische Geschlecht noch durch ein Zeichen überzeugt werden? Daher antwortete ihnen der Herr: «Kein Zeichen wird ihm gegeben werden, als nur das Zeichen Jonas, des Propheten. Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauche des grossen Fisches war, also wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein» (V. 39,40).
So wird uns also, fast neunhundert Jahre vor Seinem Kommen, in der Person Jonas ein Bild von den Leiden des Christus gegeben. In der Tat, Seine Leiden und Sein Tod sind der erste Gegenstand in der Prophetie. Aber der Aufenthalt Christi im Grabe war auch das Zeichen, dass es jetzt für das Volk zu spät war, dass es keine Möglichkeiten mehr hatte, den Propheten, den Gesandten, den Sohn des Menschen, den Sohn Gottes, den König aufzunehmen. Von diesem Augenblick an waren alle bisherigen Beziehungen Gottes mit Seinem Volke abgebrochen, und wenn wieder Beziehungen aufgenommen werden sollten, so konnten sie nur auf Seine Verwerfung gegründet sein und durchaus nicht mehr auf Seine Vorstellung gegenüber dem Volke als Messias und als König. Christus ist gekommen, um in Liebe den Platz Israels einzunehmen, das wegen seines Ungehorsams verworfen war, damit dieses, auf Grund der vollbrachten Sühnung, seinen Platz im Reiche finden könne. So hat Er auch für uns Christen den Platz im Gericht eingenommen, damit uns die Himmel aufgetan werden konnten.
Jesus fügt zu Seinen Worten hinzu: «Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Busse auf die Predigt Jonas; und siehe, mehr als Jona ist hier» (V. 41). Die von den Juden so verachteten Nationen waren viel weniger schuldig als dieses Volk. Ninive hatte ohne ein «Zeichen», nur auf die einfache Predigt eines Propheten des Gerichts hin Busse getan; Jerusalem aber tat selbst auf die Predigt eines Grösseren hin keine Busse, wiewohl dieser nicht nur der Prophet der Gnade war, der dem Willen Gottes gehorchte, sondern der Sohn Gottes. Daher werden diese Menschen der Nationen am Tage des Gerichts belastende Zeugen sein für die gerechte Verurteilung Israels, die Gott, in der Person des Christus, gekommen in Gnade, verworfen hatten.
In Lukas 11,29-32 ist die Unterweisung etwas anderer Art. Nachdem Er gesagt hat, dass diesem bösen Geschlecht kein anderes Zeichen gegeben werde, als nur das Zeichen Jonas, fügt Jesus hinzu: «Denn gleichwie Jona den Niniviten ein Zeichen war, so wird es auch der Sohn des Menschen diesem Geschlecht sein» (V. 29.30). Er stellt dieses schuldige jüdische Geschlecht den Niniviten gleich, einer heidnischen Nation.
Jona, im Vorbild tot und auferstanden, war den Niniviten nicht nur ein Prediger, sondern ein Zeichen, das ihn bei ihnen beglaubigte. In der Tat, es handelt sich in dieser Stelle nicht um die Verkündigung, sondern um die Person des Jonas. Ein gestorbener und auferstandener Christus, jetzt angenommen unter den Nationen, wovon Jona ein Vorbild ist, wird fortan Israel verurteilen. Dieses Volk war für Seinen Tod verantwortlich, und indem Ihn Gott auferweckte, bezeugte Er Seine volle Befriedigung am Werke Seines Geliebten. Dass Israel nichts davon hat wissen wollen, hat es unwiderruflich verdammt. Der Herr fügt bei: «Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Busse auf die Predigt Jonas; und siehe mehr als Jona ist hier» (V. 32). Tatsächlich, die Niniviten hatten ohne Zeichen Busse getan, während die Juden eines verlangten. Die Predigt Jonas hatte jene schon zur Busse geführt; sein Wort hatte dieses Ergebnis hervorgebracht. Aber was hatten diese Juden mit der Predigt Christi gemacht? Und dann war doch auch noch ein so grosser Unterschied zwischen diesen beiden Zeugnissen! Jona war gekommen, um das Gericht und die Zerstörung Ninives zu verkündigen; Christus aber ist gekommen, um Seinem schuldigen Volke Gnade kundzumachen. Wie gross war also die Verhärtung Israels, dass es eine solche Botschaft verwarf!
So also wird das Vorbild Jonas im Neuen Testament gesehen: Jona verworfen, Jona drei Tage und drei Nächte im Bauche des Fisches, Jona auferstanden. So ist es auch mit Christo, und als solcher wird Er heute allen Menschen zum Heil vorgestellt.
Das Buch Jona zeigt uns übrigens, mehr als jedes andere, dass die Prophetie nicht durch die Erfüllung historischer Ereignisse ausgelegt werden kann - einer der zahlreichen Irrtümer der modernen Theologie -, sondern dass Christus deren Endziel und einzige Lösung ist.
Christus wird uns in diesem Buche noch unter einem zweiten Gesichtspunkt vorgestellt. Jona ist darin ein Vorbild von Christo, der selbst den Zorn der Regierung Gottes erduldet und davon befreit wird, damit die Gläubigen des Endes (der Überrest Israels), die durch die grosse Drangsal hindurchgehen, darin die Ermutigung und den Trost fänden, deren sie bedürfen, um sie selber zu erdulden. Diese wichtige Wahrheit ist in einer Stelle des Propheten Jesaja zusammengefasst: «Er ward ihnen zum Heiland. In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt, und der Engel seines Angesichts hat sie gerettet» (Jes. 63,8). So wird der Überrest aus Juda, auf dem die Schuld der Verwerfung des Messias lastet und der wegen dieser Sünde durch den Tiegel der Trübsal geht und sich - nach Matthäus 16,4 - in der eigenen Verwerfung befindet und von den tiefen Wassern verschlungen wird, erkennen, dass vor ihm und für ihn ein anderer, sein Heiland und sein Erlöser, darin gewesen und davon befreit worden ist. Wie wird diese Entdeckung seiner Seele Sicherheit geben! In der Tat, in Gethsemane musste Christus sagen: «Am Tage meiner Bedrängnis neige zu mir dein Ohr» und:
«meinen Trank vermische ich mit Tränen, vor deinem Zorn und deinem Grimm; denn du hast mich emporgehoben und hast mich hingeworfen» (Ps. 102,2.10). Er selbst hat auch gesagt: «Die Wasser sind bis an die Seele gekommen» (Ps. 69,1). Er selbst hat «in den Tagen Seines Fleisches ... sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht» und ist «um seiner Frömmigkeit erhört worden» (Hebr. 5,7). Wir sehen in diesen und vielen anderen Stellen Christum in Gethsemane, wie Er durch den Tag der «Bedrängnis» und durch die Ängste des Gerichtes hindurchgeht, das Sein Volk verdient hat. Nun hat Er Mitleid mit ihm, da Er in Seiner Seele weiss, was der Zorn Gottes gegen das schuldige Israel bedeutet. Wenn die Treuen des Überrestes des Endes dies betrachten, werden sie in ihrer Treue, in ihrem Vertrauen auf Gott, in der Gewissheit ihrer schliesslichen Befreiung ermutigt und sie werden sagen können: «Bis wann?», indem sie wissen, dass sie eines Tages erhört werden. Sie werden Christum in der Tiefe der Wasser kennen lernen, und innewerden, wie Er ihre Bedrängnis teilte, aber sie werden auch wissen, dass Er durch Seine Auferstehung aus der tiefen Grube herausgekommen ist, damit sie die Segnung «im Lande der Lebendigen» wieder finden könnten.
Diese Befreiung, die wir Christen heute schon besitzen, hat uns den Himmel geöffnet. Die Befreiung Israels in den letzten Tagen aber wird ihnen die erneuerte Erde unter der Regierung des Königs des Friedens öffnen, so dass dieses Volk mit derselben Sicherheit wie wir heute wird sagen können: «Bei Jehova ist die Rettung!»
7. Gott
Im Buche Jona offenbart sich Gott auf zweierlei Weise. Wenn Er den Sturm wie ein Gericht auf Seinen untreuen Propheten und auf die Nationen kommen lässt, hat er gegenüber letzteren Absichten der Gnade. Sie waren bis dahin völlig gleichgültig und ohne Erkenntnis hinsichtlich des wahren Gottes, aber jetzt führt Er die Seeleute bis zu den Pforten des Scheols hinab, damit sie zu Jehova rufen lernen (1,14; Ps. 107,23-32). Darauf offenbart Er sich ihnen als der Heiland-Gott, der Seinen Propheten um ihretwillen opfert. Der Knecht Gottes muss dem Tode überliefert werden, damit gottentfremdete Seelen Ihn kennen lernen und dazu gebracht werden, Ihm zu dienen. Aber Gott ist auch für Sein Volk ein Heiland-Gott. Er kann Ungehorsam nicht ertragen und muss die Übertretung bestrafen, denn Er kann Seine Gerechtigkeit und Heiligkeit nicht verleugnen. Aber der Bauch des Fisches, der Jona verschlingt, trägt sozusagen einen anderen, einen gehorsamen und treuen Jona in sich, der ohne Ursache leidet, aber aufersteht, damit für Israel «bei Jehova die Rettung» sei.
Der zweite Wesenszug Gottes, der in diesem Buche enthüllt wird, ist dieser: «Da ist ... ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle» (Eph. 4,6). Er ist der Schöpfer-Gott und Erhalter aller Menschen und der ganzen materiellen Schöpfung. Nach Seinem Willen lenkt Er die Elemente, die Winde und das Meer; Er bestellt einen grossen Fisch, einen Wunderbaum, einen Wurm, einen schwülen Ostwind, um Seine Ratschlüsse auszuführen. Seine Vorsehung überwacht alles; Seine universelle Güte ist überall wirksam. Diesen «Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat» (1,9) werden die Nationen am Ende anbeten, wenn sie in dem Gott, der «ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk», den Vater aller erkennen werden (1.Petr. 1,17). Die Liebe Gottes gegenüber allen Seinen Geschöpfen ist universell, und die Menschen wollen es gern anerkennen, vorausgesetzt, dass sie dies nicht zur Busse verpflichtet. Bei den Niniviten war es anders: Als diese Menschen aus den Nationen vernahmen, dass der Gott der Langmut und der Milde sie richten werde, weil sie gegen Ihn gesündigt hatten, wurden sie zur Busse getrieben. Gott machte sich Ninive nicht als Jehova, als der Gott Israels kund, sondern als Gott, Elohim, als Schöpfer (3,5. 8.9.10). Diese Stadt, deren Bosheit vor Gott hinaufgestiegen war und deren Bewohner sich vor den Götzen niedergeworfen hatten, tat Busse. Ein Fasten wurde ausgerufen, und es war nicht der Heiland-Gott, sondern der Schöpfer-Gott der davon Kenntnis nahm und Ninive für eine Zeitlang verschonte.
Die Bekehrung der Nationen in den letzten Tagen durch das ewige Evangelium wird keinen anderen Charakter haben. Der Engel, der es verkündigt, wird mit lauter Stimme ausrufen: «Fürchtet Gott und gebet ihm Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen; und betet den an, der den Himmel gemacht hat und die Erde und das Meer und die Wasserquellen» (Offb. 14,7). Die Nationen werden Busse tun und während tausend Jahren verschont werden, wie Ninive während zwei Jahrhunderten.
Diese elementare Wahrheit von der universellen Liebe Gottes, von der Vorsehung des «Vaters aller», hatte Jona zu lernen. Er kannte Jehova, den Gott Israels, als einen barmherzigen Gott unter dem Gesetz; er kannte Ihn als einen Heiland-Gott, der ihn befreit hatte, aber sein Hochmut als Jude wollte nicht wahrhaben, dass das Herz Gottes in gleicher Weise auch für alle Seine Geschöpfe geöffnet war. In seiner Selbstsucht meinte er, dass die Fürsorge Gottes sich ausschliesslich mit seiner eigenen Person beschäftigen sollte! Ist es nicht wahr, dass unsere Eigenliebe uns oft unwissend macht gegenüber den einfachsten Wahrheiten, die das Wesen Gottes betreffen? Daher ist die letzte Lektion dieses Buches für den Propheten bestimmt. Die Vorsehung Gottes bestellt einen Wunderbaum, damit Schatten über dem Haupte Jonas wäre, um ihn «von seinem Missmut zu befreien». Der Prophet rechnet voller Freude mit dem Schutz, den ihm diese Pflanze gewährt, mit einem niedrigen Geschöpf Gottes, statt auf Den zu blicken, der sie wachsen liess. Gott aber gibt die Pflanze einem Wurm zum Frasse, den Er bestellt hat.
So ist in den Wegen der Vorsehung Gottes alles miteinander verknüpft. Der Schöpfer denkt an alles: an eine Pflanze, an einen Wurm, an einen Jona - welche Demütigung für den Propheten! - an eine grosse Stadt mit ihrer ganzen Bevölkerung und ihrem König, an die kleinen Kinder, die noch nicht zwischen ihrer Rechten und ihrer Linken zu unterscheiden wissen, an die Menge Vieh, das die Ställe füllte. Wo ist denn dein Herz, im Vergleich zu Meinem Herzen, sagt der Vater aller zu Jona; deine Eigenliebe macht dich blind für alles, was Ich bin, und du erzürnst dich. Ist es recht. dass du zürnest? Und habe Ich Mich gegen dich erzürnt? Das Herz Jonas ist verurteilt oder wenigstens von seiner Selbstsucht und seinem Hochmut überführt.
Der gerechte Hiob musste eine ähnliche Erfahrung machen, und das Wort hat uns deren Ergebnisse mitgeteilt. Als er dem Schöpfer-Gott, dem Vater aller, von Angesicht zu Angesicht begegnete, sagte er: «Ich verabscheue mich und bereue in Staub und Asche.» Jona aber begegnet Ihm und sagt: «Mit Recht zürne ich bis zum Tode.» Das ist hier das letzte Wort des Propheten Israels! Die Seeleute fahren glücklich und von Freude erfüllt auf dem beruhigten Meer umher; die bussfertige Stadt Ninive geniesst ihre Befreiung vom Gericht; die Blicke des Vaters aller suchen die Unwissendsten Seiner Geschöpfe, um sie zu segnen - nur ein einziger bleibt abseits, er, der Träger der Geheimnisse Gottes, finster und erzürnt, weil er, mit sich selbst beschäftigt, das Herz Gottes nicht kennt.
Aber, wie wir schon gesagt haben, dieses universelle Wohlwollen des Vaters aller ist niemals Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen. Dieser gleiche Vater «richtet nach eines jeden Werk». Er richtet die, welche sich aufs Meer hinauswagen, vertrauend auf den Schutz der falschen Götter, und Er richtet Seine Zeugen, die in einem Geiste des Ungehorsams sich von Ihm entfernen; Er richtet eine Nation auf bösem Wege und voller Unrecht; Er schont niemand, um alle Menschen zu erretten. Und wenn der Wille des Menschen, oft hartnäckiger bei einem Gläubigen als beim elendesten Sünder, darauf beharrt, sich Ihm entgegenzustellen und Ihm zu widersprechen, Ihm, dem Vater aller, erzürnt Er sich nicht, übt Geduld aus, eine Geduld, deren Ergebnis oder Ende wir in dieser Geschichte nicht sehen.
So haben wir also in diesem Buche, das unter den prophetischen Schriften einen so besonderen Platz einnimmt, einen Überblick über die ganze Geschichte des Menschen von Anfang bis zum Ende: die Geschichte der gefallenen Kreatur, der jedoch neues Leben geschenkt wird, der Verwerfung Israels, der Gnade gegenüber den Nationen, der Gnade gegenüber einem Überrest, der in der Drangsal bewahrt wird, die Geschichte der Nationen des Endes, die das Evangelium des Reiches annehmen.
Als Krönung des ganzen haben wir in diesem Buche Christus, der sich selbst hingibt und aus den Toten aufersteht, den Schöpfer-Gott, auf welchen die Nationen hoffen und den Heiland-Gott, von welchem gesagt wird: «Es ist zu gering, dass du mein Knecht seiest.. . um die Bewahrten von Israel zurückzubringen; ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um mein Heil zu sein bis an das Ende der Erde» (Jes. 49,6).