Der Prediger - und die Antworten des Neuen Testamentes
Halte fest Jahrgang 1963 - Seite: 24 - Verfasser: G. A.
Diese Betrachtung über das Buch des Predigers ist unter dem Titel «Haschen nach Wind...» im Beröa-Verlag, Zürich, erschienen.
Einführung
Unter den 39 Büchern des Alten Testamentes nimmt der Prediger eine besondere Stellung ein.
Die fünf Bücher Mose geben uns die Anfänge der Dinge: Die Berufung Abrahams und seiner Familie, die Bildung des Volkes Israel, das Gesetz und die Verordnungen, die sich daran anknüpfen.
Von Josua bis Esther, also in den geschichtlichen Büchern, haben wir die Geschichte dieses Volkes, beginnend mit der Eroberung Kanaans bis zur Wegführung nach Babel; in Esra und Nehemia seine Rückkehr, und in Esther eine Beschreibung aus der Zeit seiner Gefangenschaft.
Die poetischen Bücher: Hiob, die Psalmen, das Lied der Lieder, auch Hagiographen genannt, zu denen man auch die Klagelieder Jeremias zählt, sind zum grossen Teil in Versen geschrieben. Sie beschreiben uns hauptsächlich die Seelenübungen der Treuen im Volke und enthalten die Belehrungen der Weisheit. Die Propheten, sechzehn an der Zahl, künden Gerichte an, die Israel treffen werden, sowie dessen herrliche Zukunft.
Durch das ganze Alte Testament hindurch offenbart sich Gott den Menschen in zunehmender Weise. Zu allererst zeigt Er sich als Schöpfer-Gott) als Elohim (1.Mose 1,1), als der höchste Gott, als Gottheit im absoluten Sinn; Sein Name steht im Hebräischen in der Mehrzahl, während das Zeitwort («schuf») in der Einzahl ist, zweifellos eine verhüllte Anspielung auf die Dreieinigkeit, die erst im Neuen Testament offenbart wird (siehe auch Vers 26).
Als Gott Abraham berief, aus seinem Lande und seiner Verwandtschaft auszuziehen, um in einer götzendienerischen und verderbten Welt ein Fremdling zu werden, da gehorchte Abraham und zog aus. Sein Glaube ging einem Ziel entgegen. Ihm, der nun Pilger geworden war, offenbarte sich Gott als der Allmächtige (hebr. El-Shaddai - 1.Mose 17,1).
Jahrhunderte gingen vorüber, das Volk Israel wurde gebildet. Nun offenbarte sich Gott dem Mose als Jehova (2.Mose 6,2-3) oder, in der sprachrichtigeren Form, als «Jahwe», (siehe Vorwort der Elberfelder Bibel), welcher Name «der Ewigseiende», aber in der Zeit Dazwischentretende, der Gott des Bundes mit Seinem Volke, bedeutet. Als solcher bezeugt Er sich das ganze Alte Testament hindurch gegenüber allen, die Ihm nahten.
Sowohl die geschichtlichen Bücher als auch die Propheten hatten vorwiegend israelitisches Gepräge und schienen vor allem mit diesem Volke beschäftigt zu sein. Aber vom Tage der Auferstehung des Herrn an vermögen die Gläubigen nun grössere Herrlichkeiten darin zu sehen.
Auf dem Wege nach Emmaus öffnete Jesus selbst die Augen der Jünger; sie sollten von nun an bei der Betrachtung von Moses, der Psalmen und der Propheten, nicht mehr nur die Geschichte ihres Volkes darin suchen, sondern vor allem «das, was ihn betraf». Das ganze Alte Testament leuchtet nun in einem neuen Lichte auf und die Herzen der Gläubigen, denen sich die Schriften auftun, werden brennend (Luk. 24,32) Die Opfergabe Abels versinnbildlicht das Kreuz; Abraham und Isaak, die beide miteinander den Hügel Morija hinanstiegen, lassen uns an den Vater und den Sohn denken, die auf Golgatha das Werk der Erlösung vollbrachten; Joseph, der, von seinen Brüdern verkauft, immer tiefer hinabstieg und dann zur höchsten Herrlichkeit emporgehoben und zum Ersten nach dem Pharao gemacht wurde, enthüllt sich als ergreifendes Vorbild auf den Gesandten vom Vater, der, von Seinen Brüdern verworfen, bis in den Tod hinabstieg, um durch Auferstehung und Erhöhung zur Rechten Gottes einen Namen, der über jeden Namen ist, zu empfangen. Auch nicht so sehr die eigentliche Geschichte Davids oder Jeremias wird uns nunmehr interessieren, sondern vor allen Dingen das, was darin von Christo redet. Das ganze Alte Testament strebt der Ankunft Dessen zu, der inmitten der Menschen das fleischgewordene Wort sein sollte, der Emmanuel, Gott mit uns.
Unter welchem Namen hat dann Jesus den unsichtbaren Gott offenbart, den niemand je gesehen hat? «Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoss ist, der hat ihn kundgemacht.» Für uns Christen ist Gott nicht mehr nur der höchste Gott, der Schöpfer, der Allmächtige oder Jehova, sondern vor und über allem der Gott und Vater unseres Herrn Jesu Christi. Am herrlichen Morgen der Auferstehung hat der Herr Jesus durch Maria Magdalene Seinen Brüdern sagen lassen: «Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott» (Joh. 20,17).
Das ist in grossen Zügen die Offenbarung, die Gott uns gegeben hat. Welchen Platz nimmt das Buch des Predigers in ihr ein? - Es genügt, einige Abschnitte darin zu lesen, um zu merken, dass es einen ganz eigenen Charakter, einen ganz besonderen Rahmen hat.
Es schildert die Erfahrung eines auf dreierlei Weise gekennzeichneten Menschen:
- Er kennt das Gute und das Böse und besitzt eine Weisheit göttlichen Ursprungs, die ihn über alles, was unter der Sonne zu sehen ist, einen forschenden und verstehenden Blick schweifen lässt. Doch vermag ihn diese Weisheit nur dahin zu führen, die Auswirkungen der Sünde in ihm selbst und um ihn her festzustellen, ohne ein Heilmittel dafür zu finden.
- Er kennt Gott wohl, stellt sich aber in dem Charakter eines Menschen vor uns hin, der keine positive Beziehung, keine Bundesbeziehung zu Ihm hat, als ein Mensch der keine andere Offenbarung, als nur die eines kommenden Gerichtes besitzt, aber auch zu dieser Einsicht hat ihn vielleicht die eigene Beobachtung geführt.
- Er besitzt alle materiellen Voraussetzungen, um das Leben geniessen zu können.
Wird er unter solchen Umständen das Glück finden? Was wird das Ergebnis seiner Erfahrung sein? - Von einem Ende seines Buches bis zum andern wiederholt er bis zum Überdruss: Keinerlei Befriedigung, keinerlei dauerhaftes Glück; keinerlei Erkenntnis der Zukunft, sie bleibt für ihn verschlossen.
Drei Ausdrücke treten in diesem Buche hervor.
- «Unter der Sonne», ein oft vorkommender Ausdruck, der den Gesichtspunkt des Predigers vortrefflich bezeichnet: Er betrachtet die Dinge so, wie die Sonne sie hienieden beleuchtet, und wie seine Sinne sie zu unterscheiden vermögen, besitzt aber keinerlei Offenbarung der ewigen Dinge.
- «Eitelkeit», «Haschen nach Wind», ein fortwährender Kehrreim, von einem Ende des Buches zum andern: Alles, wofür der Mensch seine Kraft verschwendet, was er leidenschaftlich zu ergreifen sucht, ist nichts als Wind, eine Leere, die sein Herz unbefriedigt lässt.
- Der dritte Ausdruck kennzeichnet den Prediger durch seine Abwesenheit: Jehova wird nicht darin erwähnt. Nur der Name Gottes, des höchsten Wesens, kommt darin vor, nicht aber der Gott des Bundes mit Seinem Volk.
Wir finden im «Prediger» also die Überlegungen des natürlichen Menschen über das, was unter der Sonne vor sich geht, die Schlussfolgerungen eines Menschen, dessen Erfahrung notwendigerweise ungläubig ist, da er keine Offenbarung besitzt, oder eines Menschen, der - wie es heute so häufig ist - sich weigert, von ihr Kenntnis zu nehmen. Wo mag er hinkommen, wenn er sich nur auf seine eigenen Fähigkeiten stützt?
Das also ist der vom «Prediger» unter der Eingebung des Geistes Gottes absichtlich gewählte Rahmen seines Buches. Nicht als ob es sich ausdrücklich um ein «Bekenntnis», d.h. um eine persönliche Erfahrung handelte, die er in allen Teilen selber erlebt hätte, sondern eher um die absichtlich begrenzte Schilderung eines in die oben beschriebenen Verhältnisse hinein gestellten Menschen.
Stellt dieser einen Einzelfall dar? Gibt es heute, nach neunzehn Jahrhunderten Christentum noch solche Menschen? - Ach, es gibt ihrer viele Millionen, ganz besonders in der Christenheit! Mit einem gewissen Mass von Verständnis und Unterscheidungsvermögen erkennen sie Gutes und Böses; sie erfassen, dass es einen höchsten Gott gibt, verzichten aber aus freien Stücken auf die Offenbarung, die Er gegeben hat. Ist der Rahmen des «Predigers» nicht der, in welchem sich heute aus eigener Schuld so manche Menschen bewegen? Vom technischen Standpunkt aus gesehen, hat sich seit zwei- bis dreitausend Jahren vieles verändert, aber in sittlicher Hinsicht gibt es «nichts Neues» unter der Sonne. Die Folgen der Sünde bleiben bestehen: «Das Krumme kann nicht gerade werden, und das Fehlende kann nicht gezählt werden» (Pred. 1,15).
Ist es da verwunderlich wenn sich in der Literatur unserer Tage so mancher Widerhall der Worte des «Predigers» findet? Ruft er doch, nachdem er alles ausgeforscht, was seine Weisheit und seine Erkenntnis ergründen konnten, nachdem er alles genossen, was sein Reichtum ihm zu geben hatte, schliesslich aus: «Da wandte ich mich, zu verzweifeln» (2,20). Viele in unseren Tagen, wie auch in den vergangenen Jahrhunderten, wollen von der göttlichen Offenbarung, wie wir sie in der Bibel besitzen, keine Kenntnis nehmen; sie stellen sich Fragen über das Leben, über das Rätsel des Leidens, über die Eitelkeit der menschlichen Anstrengungen, um Kriege zu verhüten, über Not und Krankheit, über das Unvermögen des Menschen angesichts des Todes - aber sie finden keine andere Schlussfolgerung als jene Verzweiflung, als jene Leere, die der Prediger so tragisch beschreibt.
Wir werden in unseren Überlegungen nicht bei dieser peinlichen Feststellung stehen bleiben, sondern dankbar die Offenbarung anerkennen, die uns Gott in Seinem Worte, besonders im Neuen Testament, gegeben hat. Einige der Probleme, die sich der «Prediger» stellt, wollen wir herausgreifen und versuchen die Antworten, die das Neue Testament darauf gibt, herauszulösen. Unser Ziel ist hier ja nicht, das Buch selbst zu erforschen.
Unser Interesse gilt besonders folgenden Punkten:
Die Arbeit
Der Reichtum
Das Leben geniessen
Die Weisheit und die Gottesfurcht
Der Tod, das Gericht und das Jenseits
Um den Gegensatz zwischen dem «Prediger» und dem Neuen Testament hervorzuheben, wollen wir hier einige Aussprüche einander gegenüberstellen: Der Prediger sagt: «Da hasste ich das Leben; denn das Tun, welches unter der Sonne geschieht, missfiel mir; denn alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind» (2,17). Der Herr Jesus aber sagt zu Seinen Schafen: «Ich bin gekommen, auf dass sie Leben [Zweifellos das «ewige Leben», aber schon als gegenwärtiges Teil, das unser Dasein auf der Erde heiligt und bereichert.] haben und es in Überfluss haben» (Joh. 10,10).
Der Prediger sagt: «Und ich hasste alle meine Mühe (Arbeit), womit ich mich abmühte unter der Sonne, weil ich sie ... hinterlassen muss» (2,18). Der Apostel Paulus hingegen sagt: «Leben ... das ist für mich der Mühe wert ... Ich habe viel ... gearbeitet ... , nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war» (Phil. 1,22; 1.Kor. 15,10). Der Prediger sagt: «Bei viel Weisheit ist viel Verdruss; und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer» (1,18). Der Apostel Johannes aber schreibt: «Was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben, betreffend das Wort des Lebens... verkündigen wir euch, auf dass auch ihr mit uns Gemeinschaft habet; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesu Christo. Und dies schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei» (1.Joh. 1,1-4). Und Petrus fügt hinzu: «Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi» (2.Petr. 3,18).
Eine solche Gegenüberstellung spricht für sich selbst. Erinnern wir uns daran, dass der «Prediger» sich uns als Sohn Davids und König in Jerusalem vorstellt, als einer, der eine besondere Weisheit besitzt und mit Reichtümern überhäuft ist (1,1.12.16; 2,10). Auf wen anders könnte diese Beschreibung hindeuten, als auf Salomo, der auf besondere Weise von Gott Weisheit und Reichtum empfangen hatte und dem als noch junger Sohn Davids und König in Jerusalem die Verantwortung auferlegt war, das Volk Gottes zu führen? (1.Kön. 3,12-13; 2.Chr. 1,11-12).
In Prediger 12,9 wird hinzugefügt: «Und überdem, dass der Prediger weise war, lehrte er noch das Volk Erkenntnis und erwog und forschte, verfasste viele Sprüche.» Er hat also nicht nur den «Prediger», sondern auch andere Bücher geschrieben, so auch die ausdrücklich erwähnten «Sprüche». Und weiter unten lesen wir: «Die Worte der Weisen sind wie Treibstacheln, und wie eingeschlagene Nägel die gesammelten Sprüche; sie sind gegeben von einem Hirten» (12,11). Es wurden verschiedene «Weise» benutzt, um die «Sammlungen» des Wortes Gottes zusammenzusetzen; sie kamen von mancherlei Orten her, hatten verschiedene Berufe, lebten in Ländern und Zeitepochen, die einander sehr ungleich waren; aber jeder von ihnen war das Werkzeug ein und desselben Geistes: Die verschiedenen Bücher der Bibel «sind gegeben von einem Hirten». So löst sich also der «Prediger» nicht vom Ganzen der göttlichen Offenbarung, sondern ist nur eine ihrer «Sammlungen», dazu bestimmt, uns zu zeigen, wohin die natürlichen Fähigkeiten des Menschen führen, wenn er ohne Licht der Offenbarung von oben Betrachtungen anstellt. Dieses Buch hilft uns, das uns geschenkte, unermessliche Vorrecht wertschätzen, einen Heiland zu besitzen, durch Ihn die Liebe des Vaters zu kennen, in Ihm einen Freund zu haben, der uns auf dem Wege des Lebens begleitet und bei dem wir die Ewigkeit zubringen werden, was «weit besser» sein wird.
Die Arbeit
(Lies Prediger 1,3; 2,18-23; 4,4-8; 6,7)
«Welchen Gewinn hat der Mensch bei all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne?» (Prediger 1,3; 3,9).
Die erste Frage, die sich der Prediger stellt, lautet: Hat der Mensch irgendwelchen Gewinn von all seiner Arbeit und der Mühe, die sie mit sich bringt? Ist die Arbeit ein Segen oder ein Fluch? Etliche beziehen sich auf 1.Mose 3 und erklären, sie sei ein Fluch. Aber was lesen wir dort? «... So sei der Erdboden verflucht um deinetwillen: mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens; und Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen. Im Schweisse deines Angesichts wirst du dein Brot essen.» (1.Mose 3,17-19). Der Fluch ruht auf dem Erdboden, nicht auf dem Menschen; die Arbeit ist nicht die Folge der Sünde, sondern die Mühsal in der Arbeit: «Mit Mühsal sollst du . . essen.» Die Dornen und Disteln, nicht die Tätigkeit des Menschen, entsprangen dem Sündenfall: Gott hatte Adam in Eden gesetzt, um den Garten zu «bebauen» und zu bewahren. Von der Frucht des Gartens durfte er «nach Belieben» essen; nachher aber ass er sein Brot «im Schweisse seines Angesichts».
Die Arbeit an sich ist also nicht ein aus dem Sündenfall hervorgegangener Fluch, im Gegenteil. Es genügt, daran zu denken, wie sehr der Arbeitslose oder der zu Einzelhaft verurteilte Mensch sittlich entkräftet wird, um sich bewusst zu werden, welchen Segens der Mensch durch seine Untätigkeit verlustig geht. Die Arbeit, die Adam schon in seinem Zustande der Unschuld verordnet war, bringt Befriedigung, nicht nur durch die Tätigkeit, die sie verschafft sondern weil sie die Möglichkeit gibt, zu produzieren, zu schaffen, nützlich zu sein.
Doch kommt der Prediger dazu, uns zu sagen: «Ich hasste alle meine Mühe, womit ich mich abmühte unter der Sonne... Denn was wird dem Menschen bei all seiner Mühe und beim Trachten seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne? Denn alle seine Tage sind Kummer, und seine Geschäftigkeit ist Verdruss; selbst des Nachts ruht sein Herz nicht. Auch das ist Eitelkeit» (2,18.22-23).
Weiter betont der Prediger: «Und ich sah all die Mühe und all die Geschicklichkeit in der Arbeit, dass es Eifersucht des einen gegen den anderen ist» (4,4). Es gibt in der Arbeit gewiss eine gesunde und nützliche Konkurrenz; aber wie leicht mischt sich jene Leidenschaftlichkeit hinein, die nicht nur etwas hervorbringen, sondern auch niederreissen will, was die anderen tun, oder sie in ihrer Tätigkeit zu hemmen sucht. Und angesichts des Todes ruft Salomo aus: «Was für einen Gewinn hat er (der Mensch) davon, dass er in den Wind sich müht?» (5,16).
Er stellt fest: «Alle Mühe des Menschen ist für seinen Mund, und dennoch wird seine Begierde nicht gestillt» (6,7).
Weshalb kommt der Prediger zu derart verzweifelten Schlussfolgerungen? Weil er die Arbeit vom rein egoistischen Standpunkt aus betrachtet, wobei man im persönlichen Vorteil das einzige Ziel sieht und sich nicht um die anderen kümmert, noch ihnen zu helfen sucht. Wem das Jenseits verschlossen ist, dem muss der Tod als das Ende von allem erscheinen. Was bleibt dann noch von einem Leben der Arbeit und Mühe, es sei denn Eitelkeit und ein Haschen nach Wind?
Immerhin empfiehlt der Prediger nicht die Faulheit. «Der Tor faltet seine Hände und verzehrt sein eigenes Fleisch» (4,5). «Durch Faulenzen senkt sich das Gebälk, und durch Lässigkeit der Hände tropft das Haus» (10,18).
In den Sprüchen brandmarkt Salomo den Faulen mehr als einmal. Dieser geht auf die Jagd, wird aber sein Wild nicht erjagen oder braten (12,27); er nimmt den Winter zum Vorwand, um nicht pflügen zu müssen, und geht bei der Ernte leer aus (20,4); er steckt seine Hand in die Schüssel, ist aber zu müde, um sie zum Munde zurückzubringen (19,24)! Wozu aus dem Hause gehen, sagt er sich; «ein Löwe ist draussen; ich möchte ermordet werden mitten auf den Strassen» (22,13). Jede Entschuldigung ist ihm willkommen, um ein wenig einschlummern, die Hände falten und schlafen zu können; und währenddessen werden Acker und Weinberg mit Disteln und Brennesseln überwachsen (24,30-34).
Für den Prediger hat die Arbeit immerhin etliche Vorteile. Der Mensch hat Freude von all seiner Mühe (2,10; 5,19); sein Werk zu vollbringen, Gesundheit und Kraft dazu zu haben, gibt ihm eine wirkliche Befriedigung. Der Prediger sagt uns auch: «Der Schlaf des Arbeiters ist süss» (5,12), im Gegensatz zum Reichen, den der Überfluss nicht schlafen lässt. Durch Betätigung und besonders durch körperliche Arbeit wird man müde, und das verschafft guten Schlaf.
Psalm 107,12 enthält einen beachtenswerten Grundsatz: «So beugte er ihr Herz durch Mühsal». Wer nicht arbeitet, weil er es nicht nötig hat, ist oft stolz und hochmütig, mit sich selbst zufrieden. Allein die Tatsache, arbeiten zu müssen, genügt schon, um zu merken, dass nichts von selbst geht und um etwas von seiner Einbildung zu verlieren und in einem gewissen Masse Demut zu lernen!
Aber die Schlussfolgerung des Predigers bleibt doch äusserst pessimistisch. Er kommt zu der Einsicht, dass wer keinen Sohn oder Bruder hat, dem die Früchte seiner Arbeit zugute kommen, sich fragen muss: «Für wen mühe ich mich doch, und lasse meine Seele Mangel leiden am Guten? Auch das ist Eitelkeit und ein übles Geschäft» (4,8). Er gelangt deshalb zu einer solchen Feststellung, weil er in dem sich selbst gegebenen Rahmen «unter der Sonne» nur an sich selbst denkt, an seinen eigenen Nutzen und nicht an andere. Der Geist des Samariters, der sich über den Verwundeten beugt, um ihm zu helfen, ist ihm völlig fremd; er hat das Wort des Herrn Jesus: «Geben ist seliger als Nehmen» noch nicht gehört.
Was sagt uns das Neue Testament über die Arbeit?
Lesen wir zuerst die grundlegenden Stellen, die darauf Bezug haben: 1.Thessalonicher 4,11-12 und 2.Thessalonicher 3,6-13.
Der Apostel stellt Arbeit und Unordnung einander gegenüber: «Wir hören, dass etliche unter euch unordentlich wandeln, indem sie nichts arbeiten, sondern fremde Dinge treiben» (2.Thess. 3,11). «Wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen», ein Grundsatz, den auch der Kommunismus für seine eigenen Zwecke übernommen hat, (was kann man der Bibel nicht alles entnehmen!); unter der Feder des Apostels hat dieses Wort den Sinn: Wer zu einer Arbeit fähig ist, hat kein Recht zu essen, wenn er die entsprechende Tätigkeit vernachlässigt.
Was ist denn, nach unseren Schriftstellen, der Zweck der Arbeit?
Zunächst arbeiten wir, «um niemandem... beschwerlich zu fallen»; der Apostel ist uns hierin ein Vorbild; es gilt, «sein eigenes Brot zu essen», für seine eigenen Bedürfnisse zu sorgen, sofern man dies kann und gesund ist. Der Ehemann hat auch seine Gattin zu «nähren» (Eph. 5,29); wer eine Familie hat, ist gehalten, für alles zu sorgen, wessen sie bedarf: «Wenn aber jemand für die Seinigen und besonders für die Hausgenossen nicht sorgt, so hat er den Glauben verleugnet und ist schlechter als ein Ungläubiger» (1.Tim. 5,8) - eine ausserordentlich ernste Ermahnung. Gibt es Witwen in der Familie, so haben die Kinder die Verpflichtung, besonders wenn die verwitwete Mutter nicht mehr für ihre eigenen Bedürfnisse aufkommen kann, «den Eltern Gleiches zu vergelten» (1.Tim. 5,4). Der Apostel fügt hinzu: «Wenn ein Gläubiger oder eine Gläubige Witwen hat, so leiste er ihnen Hilfe, und die Versammlung werde nicht beschwert» (Vers 16).
Für einen jungen Mann ist es der normale Weg, dass er sich durch eine Lehre oder durch Studium für einen Beruf vorbereitet, damit er selbst für seine Bedürfnisse sorgen kann. Begehrt er ein eigenes Heim zu gründen, so sagt ihm Sprüche 24,27: «Besorge draussen deine Arbeit und bestelle sie dir auf dem Felde; hernach magst du dann dein Haus bauen.» Das tönt nicht sehr «modern», aber es ist die grundlegende Belehrung der Schrift, wenn die Umstände auch unendlich verschieden sein mögen, und der Herr den einen oder anderen der Seinigen in besondere Lagen bringen kann.
Nach 1.Thessalonicher 4,12 hat die Arbeit einen doppelten Zweck: Sie setzt uns in die Lage, «niemandes zu bedürfen», was sich mit dem soeben Gesagten deckt. Ferner hilft sie uns, «ehrbarlich zu wandeln gegen die, welche draussen sind», ein Zeugnis, das der Christ in dieser Welt ablegen soll.
Müssiggang führt zu Unordnung. In 1.Timotheus 5,13 wird die jüngere Witwe vor dieser Gefahr gewarnt: Sie soll nicht in den Häusern umherlaufen, nicht müssig und geschwätzig sein, sich nicht um Dinge kümmern, die sie nichts angehen und Dinge sagen, die sich nicht gehören. Die Arbeit auferlegt uns eine persönliche Disziplin; sie lehrt uns Pünktlichkeit methodisches Ausnützen der Zeit und Ausharren. Ein Christ, der lässig arbeitet, ohne triftigen Grund am Arbeitsort fehlt oder über alles und alle seufzt, ist kein gutes Zeugnis.
Die Arbeit, welcher sich ein jeder widmen wird, ist sehr verschiedenartig. Wie wichtig ist es da, vor dem Eintritt in einen Beruf mit dem Herrn zu tun zu haben, um den Weg zu erkennen, auf welchem Er uns wandeln sehen will. Hat man einmal einen Beruf ergriffen, ist es sehr schwer, ihn zu wechseln. Für die jungen Christinnen stellt sich ein Problem. Nach dem soeben Gesagten ist es auch für eine unverheiratete Tochter normal, dass sie sich für eine bestimmte Beschäftigung ausbildet - vor allem für eine solche, wo sie christliche Liebe und christlichen Einfluss entfalten kann - und so für ihre eigenen Bedürfnisse aufkommen kann, es sei denn, dass sie berufen ist, im Rahmen der Familie zu bleiben, um ihrer Mutter zu helfen oder ihre Geschwister zu umsorgen.
Darf eine verheiratete Frau ohne Kinder nach der Bibel auswärts für Lohn arbeiten? Die Schrift macht uns in dieser Beziehung wohl keine wörtlichen Angaben. Zweifellos hat die Gattin ihren ersten Platz in ihrem Heim, um ihrem Gatten die «Hilfe seinesgleichen» zu sein; aber die Zeiten und Umstände ändern sich, und es gibt so manche Gelegenheit, auswärts ein nützliches Amt auszufüllen.
Was aber die Hausmutter anbelangt, ist die Schrift sehr eindeutig. Sie hebt zum Beispiel das gute Zeugnis hervor, das eine Witwe hinterlassen kann: «Kinder auferzogen, ... Fremde beherbergt, ... der Heiligen Füsse gewaschen, ... Bedrängten Hilfe geleistet, ... jedem guten Werke nachgegangen...» (1.Tim. 5,10), Lasst uns auf die Reihenfolge dieser fünf Beschäftigungen achten. Zu allererst soll sie die Kinder auferziehen, sie nicht nach ihrer eigenen Weise wachsen und sich entfalten lassen, sondern sie auf, ziehen «in der Zucht und Ermahnung des Herrn». Sie hat auch das Vorrecht, Gastfreundschaft zu üben und wird dies um so aufmerksamer tun, wenn es sich um die «Heiligen» handelt, denen sie, bildlich gesprochen, «die Füsse wäscht», eine Besorgung, die der Pharisäer (Lukas 7) dem Herrn Jesus gegenüber unterlassen hatte und die, gemäss Johannes 13, auch eine sittliche Bedeutung hat. Die Tätigkeit der Hausfrau überschreitet den Kreis ihres Heimes, indem sie auch Bedrängten Hilfe leistet und jedem guten Werke nachgeht. Lasst uns jedoch beachten, dass diese beiden letzten Tätigkeiten erst nach den ersten Beschäftigungen aufgezählt werden: eine christliche Frau darf ihre Kinder nicht vernachlässigen, um sich «Werken» ausserhalb des Hauses zu widmen. Ein solches Programm lässt für eine zusätzliche, auf Verdienst zielende Tätigkeit nicht mehr viel Zeit übrig; aber auch da sind die Verhältnisse äusserst verschieden. Eine Mutter wird vielleicht genötigt sein, an den Haushaltskosten beizusteuern oder mit ihrem Gatten zusammenzuarbeiten; sie wird dabei aber auch «die Vorgänge in ihrem Hause überwachen», damit weder die Kinder noch das Zeugnis darunter zu leiden haben. Wenn wir das sagen, so denken wir auch an unsere Schwestern auf dem Lande und an die mühevolle Arbeit, die ihnen oft obliegt, und auch an die Schwestern, deren Gatte nicht gesund genug ist, um allen Bedürfnissen des Haushaltes selber zu entsprechen.
Alle diese Arbeit, die der Apostel empfiehlt, soll sich «in der Stille» vollziehen (1.Thess. 4,11; 2.Thess.3,12). Das ist in unserer Zeit höchster Anspannung und beschleunigter Entwicklung sehr schwierig zu verwirklichen. Zwei Verse aus den Sprüchen verhelfen uns vielleicht zu einem besseren Verständnis der Bedeutung dieser «Stille». Damit ist nicht ein Nachlassen in der Anstrengung gemeint; in Sprüche 22,29 wird der «gewandte» Mann gelobt. Gewandtheit heisst aber nicht gewinnsüchtig: «Bemühe dich nicht, reich zu werden» (Spr. 23,4). Nicht das Streben, unter allen Umständen vorwärts zu kommen und etwas zu erreichen, soll uns kennzeichnen, sondern Sorgfalt und Aufmerksamkeit in der täglichen Arbeit. An den Landwirt gerichtet, aber auf alle anwendbar, sagt uns Sprüche 27,23-24: Bekümmere dich wohl um das Aussehen deines Kleinviehes, richte deine Aufmerksamkeit auf die Herden. Denn Wohlstand ist nicht ewig; und währt eine Krone von Geschlecht zu Geschlecht?» Mehr als einer hat geglaubt, auf dem von seinem Vater oder Grossvater geerbten Wohlstand in einem Landgut oder einem Familienunternehmen ausruhen zu können und hat aus diesem Grunde der Sache nicht die nötige Sorgfalt angedeihen lassen. Ein solcher vergass, dass eine Krone nicht von Geschlecht zu Geschlecht währt!
Kann man die Ermahnung «in der Stille arbeitend» (2.Thess. 3,12) gar als Vorwand benutzen, um die Leistung von Überstunden zu verweigern? Sagt uns der Apostel nicht, er habe Nacht und Tag gearbeitet, um den Unterhalt für sich und seine Begleiter zu bestreiten? (2.Thess 3,8) Wir werden dabei jedoch nicht vergessen, dass der wöchentliche Ruhetag lange vor dem Gesetz von Gott eingesetzt worden ist. Sind auch wir Christen vom Sabbat zum ersten Tag der Woche, dem Auferstehungstag des Herrn Jesus, übergegangen, so bleibt doch der göttliche Gedanke nicht weniger bestehen; es ist daher sehr in Frage zu stellen, ob ein Gläubiger weise handelt, wenn er den Sonntag mit einer irdischen Arbeit ausfüllt, die nicht unumgänglich nötig ist und wozu er nicht durch berufliche Pflicht gezwungen ist.
Wie gut ist es auch, wenn wir uns jedes Jahr einige Wochen für genügende Ferien aufsparen, die Gelegenheit geben, mehr als gewöhnlich zu den Füssen Jesu zu sitzen, um Ihn zu uns reden zu lassen!
Die Arbeit des Christen ist durch die Ermahnung von Kolosser 3,23-24 wunderbar geadelt. Sklavenarbeit war besonders entwürdigend. Der Sklave selbst zog aus ihr keinen Nutzen, keinen Gewinn und doch sagte ihm der Apostel: «Was irgend ihr tut, arbeitet von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen. Ihr dienet dem Herrn Christus.» Bei jedem Tagewerk, im Haushalt oder auf dem Lande, während der langen Stunden in der Werkstatt oder im Büro ...immer soll uns der Satz eingeprägt sein: «Was irgend ihr tut, arbeitet von Herzen als dem Herrn.» Dann wird es weder wildes Drauflosarbeiten noch Gewinnsucht geben; wir werden der uns anvertrauten Aufgabe alle Geschicklichkeit und Sorgfalt widmen. Der Christ arbeitet nicht nur während den erforderlichen Stunden, um seinen Zahltag zu verdienen, sondern hat als Devise: «Ihr dienet dem Herrn Christus.»
Die Schrift hebt noch ein anderes Ziel der Arbeit hervor: «Wer gestohlen hat, stehle nicht mehr, sondern arbeite vielmehr und wirke mit seinen Händen
das Gute, auf dass er den Dürftigen mitzuteilen habe» (Eph 4,28). Arbeiten, um aus dem Verdienst mitteilen zu können - an wen war diese Aufforderung gerichtet? An den, der früher gestohlen hatte! Welch eine wunderbare Veränderung bringen doch die Gnade und Wiedergeburt hervor! Wer früher in Arglist andere ihrer Habe beraubte, wird jetzt mit Freuden von der Frucht seiner eigenen Hände den Dürftigen mitteilen. Er gleicht nun dem Vorbild des Apostels, der sagen konnte: «Ich habe euch alles gezeigt, dass man, also arbeitend, sich der Schwachen annehmen ... müsse» (Apg. 20,35).
Arbeiter des Herrn
In der Apostelgeschichte und in den Briefen gibt es zahlreiche Beispiele von Personen, die der Herr berufen hat, ihre ganze Zeit Seinem Dienste zu widmen, um den Bedürfnissen der Versammlungen zu entsprechen oder das Evangelium zu verbreiten, und die darin durch ihre Brüder der Gnade des Herrn anbefohlen wurden. Eine solche Berufung setzt voraus, dass, wie Paulus zu Timotheus sagt, wer Kriegsdienste tut, sich nicht in die Beschäftigungen des Lebens verwickelt (2.Tim. 2,4). Wie wird denn für seinen Lebensunterhalt gesorgt? 1.Korinther 9 und Galater 6,6 geben da vollkommen klare Antwort. Wer im Worte unterwiesen wird, soll den Lehrenden an allen zeitlichen Gütern teilhaben lassen. Das ist sogar, nach 1.Korinther 9,12 ein diesem zustehendes «Recht», auf das sich der Arbeiter des Herrn zwar nicht berufen soll, aber woran der, der seinen Dienst empfängt, sich als einer ihm obliegenden Pflicht erinnern wird. Der Herr hat schon in Matthäus 10,10 gesagt: «Der Arbeiter ist seiner Nahrung wert».
Wird nun der Diener des Herrn weniger arbeiten als seine auf materiellem Gebiet beschäftigten Brüder, weil er in eine geistliche Tätigkeit eingetreten ist? Lasst uns hören, was Paulus sagt: «Ich habe viel … gearbeitet ... nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war» (1.Kor. 15,10). «In Mühen überschwänglich... in Arbeit und Mühe, in Wachen oft...» (2.Kor. 11.23.27). Niemand sollte sich in das Werk des Herrn begeben in der Meinung, darin ein leichteres Leben zu haben, als an seinem weltlichen Arbeitsplatz; im Gegenteil, wenn er treu ist, wird er die gleiche Erfahrung machen, wie der Apostel, und manche andere nach ihm.
Wenn auch der Herr unter genau bezeichneten Bedingungen einige der Seinen beruft, ihre ganze Zeit Seinem so mannigfaltigen Werke in dieser Welt zu widmen, so sind wir doch alle eingeladen, daran teilzunehmen. «Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unbeweglich, allezeit überströmend in dem Werke des Herrn, da ihr wisset, dass eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn» (1.Kor. 15,58). Diese Worte richten sich an jeden. In Römer 16 werden eine ganze Reihe von Gläubigen aufgezählt, die dies praktiziert haben; der Apostel lässt dort z.B. vier Schwestern grüssen und fügt hinzu: «Maria, die sehr für euch gearbeitet hat... Tryphäna und Tryphosa, die im Herrn arbeiten... Persis..., die viel gearbeitet hat im Herrn.» Wodurch sich diese Schwestern im Einzelnen nützlich gemacht haben, wird uns nicht gesagt, der Herr weiss es, es wird hier nur ihre fruchtbare Tätigkeit hervorgehoben. In Kolosser 4,17 wird Archippus öffentlich an seinen Auftrag erinnert: «Siehe auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast, dass du ihn erfüllest.
Jeder von uns ist berufen, an diesem Werke des Herrn in der Welt teilzunehmen, an einer Tätigkeit, die vor allem den Seelen gewidmet ist, aber nach Jakobus 2,16 und Römer 12,8 auch im Wohltun und im Dienste der Barmherzigkeit besteht.
Wir werden uns hüten zu vergessen, dass keine Tätigkeit im Dienste des Herrn von Nutzen sein wird, wenn wir uns nicht zuvor zu Seinen Füssen niedergesetzt haben. Man kann nicht geben, ohne empfangen zu haben: «Ausser mir könnt ihr nichts tun.» Das Leben ist kurz; in welchem Verhältnis stehen die Stunden, die wir der täglichen Arbeit widmen, zu der Zeit, die wir für das Werk des Herrn benützen? Ein jeder antworte für sich selbst! Die Umstände eines Junggesellen sind von denen eines Familienvaters oder einer Mutter sehr verschieden. Rufen wir uns noch einmal ins Gedächtnis, dass, wenn auch nach Kolosser 3 jede weltliche Arbeit für den Herrn getan werden kann, nichtsdestoweniger ein Werk des Herrn zu tun bleibt, sowohl gegenüber den Seinen wie auch gegenüber den verlorenen Seelen, im Gedanken an alle Bedürfnisse um uns herum und an die Werke, die für einen jeden von uns bereitet sind (Eph. 2,10).
Betrachten wir den Herrn Jesus selbst! Was hat Er während den verborgenen Jahren Seines Lebens, besonders zwischen Seinem 12. und 30. Jahre getan? Die Schrift schweigt darüber; sie erwähnt nur, dass Er als «der Zimmermann» bekannt war (Mark. 6,3). Er hat mit eigenen Händen gearbeitet; Er lernte die Mühsal der Arbeit kennen, als Er sich freiwillig den Folgen der Sünde unterwarf: «Man hat mich gekauft von meiner Jugend an» (Sach. 13,5). Und wie unaufhörlich war Seine Tätigkeit in Seinem Dienst! Er stand lange vor Tagesanbruch auf, um in der Einsamkeit zu beten; dann ging Er von Dorf zu Dorf, um Gottes Wort zu verkündigen; eines Abends, nachdem Er die Volksmenge unterwiesen und ihr auf wunderbare Weise Speise verschafft hatte, führte man Ihn ermüdet in einem Schifflein hinweg, wo Er trotz des Sturmes auf einem Kopfkissen schlief. Eines Mittags setzte Er sich, ermüdet von der Reise, am Brunnen nieder; aber diese Müdigkeit hinderte Ihn nicht, mit einer armen Frau ein Gespräch anzuknüpfen, um sie dem Lichte und dem Leben zuzuführen.
Er sagte: «Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke» (Joh. 5,17). «Ich muss die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann» (Joh. 9,4).
Es kommt die Nacht. - Bis der Herr wiederkommt, steht die Türe noch offen, es gibt noch Gelegenheiten zum Wirken, da sind noch zuvor bereitete gute Werke, in denen wir wandeln sollen. In einem anderen Sinne kommt für jeden von uns, wenn Gott uns zu sich nimmt, der Abschluss unserer Tätigkeit, wo wir nicht mehr wirken können. Möge der Herr uns geben, in der Arbeit, die Er vor uns legt, treu zu sein, «solange es Tag ist». Es sei noch einmal gesagt: Die Umstände sind sehr verschieden; der Herr kennt sie alle; aber Er ist auch mächtig und voller Liebe, um ein jedes der Seinigen auf dem Wege des Lebens zu leiten, um am Tage der Belohnungen zu ihm sagen zu können: «Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu gehe ein in die Freude deines Herrn» (Matth. 25,21).
Es geht der Pendel Tag für Tag
Im gleichen Schlag,
Und jede Schwingung zeigt mir an
Den Augenblick, der mir verrann.
Und jeder Schlag ruft ernst mir zu:
Auf, wirke du
Und säume nicht! Es kommt die Nacht,
Die jedem Werk ein Ende macht.
Der Reichtum
(Lies Prediger 2,4-11; 4,7-8; 5,10-17; 6,11)
«Gleichwohl werden seine Augen des Reichtums nicht satt» (Kapitel 4,8).
Passt der vom Prediger so oft verwendete, auffallende Ausdruck «Haschen nach Wind» nicht ganz besonders auf den Erwerb von Reichtum? Gleicht nicht gerade die leidenschaftliche Gier, in welcher der Mensch sich abplagt, um den Besitz zu vermehren, einer wilden Verfolgungsjagd nach einer Befriedigung, die einem immer wieder entgeht?
Das hat auch Salomo festgestellt. Er unternahm grosse Dinge, hatte Häuser und Gärten, besass Herden, Knechte, Mägde und unermessliche Schätze; und doch muss er schliesslich sagen: «Siehe, das alles war Eitelkeit... und es gibt keinen Gewinn unter der Sonne.» Der Prediger lässt seine Blicke ringsumher schweifen, und was sieht er? «Da ist ein einzelner und kein zweiter, auch hat er weder Sohn noch Bruder, und all seiner Mühe ist kein Ende». Ein solcher sollte sich fragen: «Für wen mühe ich mich doch, und lasse meine Seele Mangel leiden am Guten?» Statt dessen geht er weiter im Schätzesammeln, obwohl aller Reichtum, den er erwerben wird, ihn nicht sättigen kann.
Da ist ein anderer, der das Geld liebt und des Geldes nicht satt wird (5,10). «Das Gut mehrt sich, es mehren sich auch die davon essen»; aber welchen Nutzen hat der Besitzer? (Vers 11). Die Sorge, die sich der Reiche wegen seiner Güter macht, «lässt ihn nicht schlafen» (Vers 12).
Im Verlauf seiner Untersuchung über das, was unter der Sonne vor sich geht, entdeckt der Prediger noch andere Fälle: Da gibt es Reichtum, der vom Besitzer zu seinem Unglück aufbewahrt wird; oder er geht durch irgendein Missgeschick verloren, und sein Besitzer hat nichts mehr. In jedem Fall wird der Mensch, der nichts in diese Welt hereingebracht hat, von seiner Arbeit auch nichts davontragen und in seiner Hand mitnehmen können. Das ist ein schmerzliches Übel; was für einen Gewinn hat er also davon, dass er sich in den Wind gemüht hat? (Verse 14-16).
Hiskia hatte vor den Abgesandten des Königs von Babel seine Schätze zur Schau gestellt. Da kündigte der Prophet ihm an: «Alles, was in deinem Hause ist und was deine Väter aufgehäuft haben... es wird nichts übrig bleiben» (Jes. 39,6).
Weshalb kommt der Prediger zu der Schlussfolgerung: «Es gibt viele Worte, welche die Eitelkeit mehren; welchen Nutzen hat der Mensch davon?» (6,11). Er wird nicht nur seine Schätze zur Schau stellen, sondern sich auch beeifern, alles Erworbene in ein günstiges Licht zu bringen; aber welchen Nutzen wird ihm dies bringen? - Lasst uns noch einmal feststellen, dass der Mensch, so wie ihn der Prediger sieht, nur ein egoistisches Ziel kennt: Er sucht in einer Welt, wo alles durch die Sünde verdorben ist, seine eigene Befriedigung. Das ist wirklich «der Betrug des Reichtums», von welchem der Herr im Gleichnis, im Zusammenhang mit den Dornen, spricht (Mark. 4,19). Wie ist es angesichts all dieser Eitelkeit doch angebracht, an die ernste Warnung des Psalmisten zu erinnern: «Wenn der Reichtum wächst, so setzet euer Herz nicht darauf» (Ps. 62,10)!
Wie belehrt uns das Neue Testament hierüber?
Wir wollen uns auf einige Stellen beschränken, welche die Belehrung des Neuen Testamentes über die Beziehung des Gläubigen zum Reichtum hervorheben. Zweifellos gibt es zahlreiche andere, die uns zeigen, wie der Reichtum für den Menschen ein Hindernis sein kann, um zum Herrn Jesus zu kommen, so z.B. Markus 10,23-27 oder Lukas 12,16-21. Aber es ist ebenso beachtenswert, dass die Schrift dem Gläubigen, der dieser Welt Güter besitzt, mag es viel oder wenig sein, ganz bestimmte Richtlinien gibt. In unseren Gegenden sind es gewiss wenige, die sagen könnten, diese Unterweisungen träfen nicht auf sie zu.
Der ungerechte Verwalter (Lukas 16,1-13)
In diesem Gleichnis wendet sich der Herr nicht an die Volksmenge, sondern an Seine Jünger. Es ist also für Gläubige bestimmt.
Der Verwalter bewirtschaftet die Güter seines Herrn. Aber er benutzt sie, um sich Freunde zu machen! Sein Herr lobt nicht die Ungerechtigkeit des Verwalters, der über das verfügt, was ihm nicht gehört, sondern anerkennt seine «Klugheit», in der er das Gut seines Herrn zugunsten anderer verwendet, im Blick auf die Vorteile, die ihm diese Handlungsweise später eintragen wird. Der Herr Jesus fügt hinzu: «Und ich sage euch: Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon.» Dieses Gleichnis enthält also eine genau umschriebene Lektion.
Der Herr stellt den, der treu und den, der ungerecht ist, einander gegenüber (Vers 10-12). Er lenkt unseren Blick auf zwei Gebiete:
- auf die irdischen Güter, genannt: das Geringste (Vers 10), der ungerechte Mammon (Vers 11), das Fremde (Vers 12);
- auf die geistlichen Reichtümer, genannt: das Viele (Vers 10), das Wahrhaftige (der wahre Reichtum - Vers 11), das Eurige (Vers 12).
Unter dem Gesetz war der Reichtum ein Segen. Man war verpflichtet den Zehnten davon für den Dienst des Hauses Gottes und für die Armen zu geben. Unter der Gnade sind die Segnungen himmlisch. Wie soll sich nun der Gläubige gegenüber den materiellen Gütern verhalten, deren Verwaltung ihm anvertraut ist?
Vor allem wird er eingedenk sein, dass eine Verwaltung, die Weisheit und Klugheit erfordert, in seine Hände gelegt ist, worüber er einst Rechenschaft ablegen muss (Vers 2). In dieser Verwaltung wird er sich als ungerecht oder als treu erweisen: Entweder wird er die Güter ausschliesslich für sich selbst verwenden, in dem Wahn, diese Güter seien sein Eigentum; oder dann wird er sie nach den Anweisungen seines Herrn verwalten und sich dabei vor Augen halten, dass diese, von der Welt so gepriesenen Reichtümer, vom Herrn «das Geringste», «der ungerechte Mammon», «das Fremde» genannt werden.
Im vorhergehenden Kapitel über die Arbeit haben wir gesehen, dass die materiellen Güter dem Gläubigen nicht zu dem einzigen Zweck anvertraut sind, sich Freunde zu machen! Vor allem soll er niemandem zur Last sein, er soll für die Eigenen und für die Bedürfnisse seiner Familie selber sorgen; doch wird er dabei fortwährend vor dem Herrn geübt sein müssen um zu erkennen, wieviel von dieser «Verwaltung» auf verschiedenerlei Weise anderen zugute kommen soll. Die Treue in solchen Dingen - so «gering» sie sein mögen - wird geistlichen Wohlstand herbeiführen; das ungerechte Verhalten in dieser Verwaltung - wobei man alles für sich selbst verwendet oder sich Unkorrektheiten zuschulden kommen lässt - wird sich aber auf geistlichem Gebiet nachteilig auswirken. Treue in den «ungerechten» Gütern wird zur Folge haben, dass uns auch «das Wahrhaftige» anvertraut wird.
Dann wird man nicht zwei Herren dienen (Vers 13); sondern, von einem einzigen Herrn abhängig, der uns sowohl gewisse materielle Güter anvertraut, als auch geistliche Reichtümer freigebig spendet, wird man in kleinen und grossen Dingen lernen, Ihm treu zu sein.
Um das besser zu verstehen, wenden wir uns jetzt zu der Belehrung von 1.Timotheus 6,7-10,17-19.
Die erste Stelle (Vers 7-10), die von denen handelt, die «reich werden wollen», nähert sich sehr dem «Prediger». Nachdem der Apostel daran erinnert hat, dass wir nichts in die Welt hereingebracht haben und daher auch nichts aus ihr hinausbringen können, zeigt er, welchem Fallstrick die zum Opfer fallen, die sich dem gierigen Verlangen nach Reichtum hingeben: Sie fallen in unvernünftige und schädliche Lüste, die zu Verderben und Untergang führen. Die Geldliebe ist eine Wurzel alles Bösen; wer ihr nachtrachtet, kann vom Glauben abirren und wird sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohren.
Der Apostel ist um vieles strenger als der «Prediger»; denn er wendet sich an Gläubige, die unter der Gnade sind: Nicht nur ist jenes «Haschen nach Wind» unnütz und eitel, es zieht auch schlimme Übel nach sich und kann das Zeugnis verderben, das wir für den Herrn abzulegen haben.
Die zweite Stelle (Verse 17-19) richtet sich an die «Reichen in dem gegenwärtigen Zeitlauf», ohne den Ursprung und das Mass dieses Reichtums genauer zu umschreiben. Tatsächlich tut es nichts zur Sache, ob es viel oder wenig ist, der Grundsatz und die Ermahnungen bleiben sich gleich.
Die erste Ermahnung an die Reichen lautet: Nicht «hochmütig» sein. Wer etwas mehr hat als die Nachbarn, ist so leicht versucht, zu meinen, er sei wichtiger als die andern und könne auf sie herabschauen! Der Apostel fährt fort: «noch auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen», eine Ungewissheit, die auch im «Prediger» und in den Sprüchen betont wird. Wie leicht stützt man sich auf diesen oder jenen materiellen Vorteil und vergisst dabei, dass Gott allein der Gegenstand unseres Vertrauens sein soll!
Paulus kommt dann zu vier positiven und klaren Ermahnungen: «Gutes zu tun, reich zu sein in guten Werken, freigebig zu sein, mitteilsam.» Auf diese Weise wird man sich einen Schatz im Himmel, eine gute Grundlage auf die Zukunft sammeln und dadurch das wirkliche Leben ergreifen. Hier treffen wir wieder mit Lukas 16 zusammen; die Treue in der Verwaltung der materiellen Güter, die uns anvertraut sind, führt zum Ergreifen der wahren, d.h. der geistlichen Reichtümer, die uns tatsächlich gehören.
So wird also dem, der über einiges materielles Gut verfügt, die Ausübung der Freigebigkeit empfohlen. Denken wir dabei nur ja nicht, es seien Jahre abzuwarten bis ein grosser Wohlstand da sei, um solche Verse verwirklichen zu können! Wer nicht von Jugend auf mit dem kleinen Taschengeld, das er von den Eltern erhalten haben mag, oder mit den ersten Rappen, die er sich verdiente, angefangen hat, vor dem Herrn geübt zu sein, um das, was er auf diese Weise in die Hände bekommen hat, in Seinem Sinne zu verwalten, wird später Mühe haben, es zu tun. Es ist nicht eine Frage der Menge, sondern der Gesinnung. Und sehr oft wird man auch in natura oder in Form von geleisteten Diensten «Gutes tun» können.
Wem «Gutes tun»?
Das Wort zeigt uns klar, dass wir vor allem unseren Brüdern im Glauben Gutes tun sollen: «Wer aber der Welt Güter hat und sieht seinen Bruder Mangel leiden und verschliesst sein Herz vor ihm, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm?» (1.Joh. 3,17). Hier handelt es sich darum, wahrgenommene Bedürfnisse unter unseren Brüdern zu stillen. Der Apostel Johannes hat hier nicht Fälle (wie z.B. in 1.Tim. 5,11) im Auge, wo man, nach 2.Thessalonicher 3, dem, der aus Faulheit unordentlich wandelt, nicht zu Hilfe kommen, sondern sich im Gegenteil von ihm zurückziehen soll. Hier, im Johannesbrief, betrachtet die Schrift den Bruder in Not, ohne die Ursache genauer zu umschreiben: Krankheit, schwierige Umstände oder vielleicht Verfolgung.
Mit aller Klarheit unterweist uns die Schrift auch, wie wir schon erwähnt haben; für die Bedürfnisse der Diener (und der Dienerinnen: Römer 16,2) des Herrn besorgt zu sein: «Wer in dem Worte unterwiesen wird, teile aber von allerlei Gutem dem mit, der ihn unterweist» (Gal. 6,6). Aus Philipper 4,15-19 ersieht man, wie sehr der Apostel zu schätzen wusste, was ihm die Philipper übermittelt hatten, zuerst nach Thessalonich, dann nach Rom: «Frucht die überströmend sei für eure Rechnung... einen duftenden Wohlgeruch) ein angenehmes Opfer, Gott wohlgefällig.»
Soll sich im «Gutestun» der Kreis auf die Bedürfnisse unserer Brüder und der Arbeiter des Herrn beschränken? Auch da ist die Schrift sehr deutlich: «Also nun, wie wir Gelegenheit haben, lasst uns das Gute wirken gegen alle, am meisten aber gegen die Hausgenossen des Glaubens» (Gal. 6,10). Es handelt sich nicht darum, allen nahen und fernen Bedürfnissen zu entsprechen, sondern «wie wir Gelegenheit haben» sollen wir das Gute wirken, d.h., je nach den Gelegenheiten, die der Herr auf unseren Weg legt. Es erfordert Aufmerksamkeit, Unterscheidungsvermögen und Weisheit, um das zu erfüllen, was Er in dieser Verwaltung von uns erwartet, die uns zugunsten aller, am meisten jedoch im Blick auf die Hausgenossen des Glaubens, anvertraut ist.
Um einem Einwand zu begegnen, sei daran erinnert, dass, wenn auch in den ersten Tagen der Kirche, die Gläubigen nach Apostelgeschichte 2,44 und 4,32 «alles gemein» hatten, der Apostel in der Folge in 2.Korinther 8, insbesondere in den Versen 12-14, Freigebigkeit und nicht mehr Gütergemeinschaft lehrt. Praktizieren gewisse religiöse Orden letztere heute noch, so haben sie es dabei mit Gott zu tun, welcher zu unterscheiden weiss, was wirklich für Ihn getan worden ist.
Wie «Gutes tun»?
Der Herr lehrt uns, in Matthäus 6,1-4, mit Verschwiegenheit zu geben, um nicht «von den Menschen gesehen zu werden». Nicht unsere Freigebigkeit zur Schau tragen, nicht einen gut sichtbaren Platz in der «Geberliste» einnehmen; sondern vielmehr im Verborgenen und taktvoll da zu Hilfe kommen, wohin Er uns führt.
Der grundlegende Abschnitt über die Weise des Gebens findet sich vor allem in 2.Korinther 8 und 9. Der Apostel war sich der Bedürfnisse der Armen in Judäa bewusst; er erinnerte sich der am Anfang seines Dienstes empfangenen Ermahnung (Gal. 2,10) und veranstaltete eine grosse Sammlung in den Versammlungen von Mazedonien und Griechenland. Dies führte ihn dazu, einige Grundsätze über die Freigebigkeit hervorzuheben.
Vor allem ist Geben nicht eine Pflicht, sondern eine gewährte Gnade (2.Kor. 8,1.4.7). Es ist kein «Befehl», sondern eine Gelegenheit, die Echtheit unserer Liebe zu beweisen (Vers 8). Es genügt nicht, sehr laut zu verkünden, man liebe die Brüder; es gilt auch, dies auf greifbare Art zu zeigen, selbst wenn man unter Umständen dabei für sich selbst auf etwas Verzicht leisten muss.
Der Apostel betont, dass gute Absichten allein nicht genügen. Wollen ist nicht alles; es muss zum Tun und zum Vollbringen führen (Vers 11). Wie manchmal hat man den glücklichen Gedanken, Traktate oder christliche Schriften zu verbreiten, einem Kranken etwas Nützliches oder etwas zum Lesen zu senden, einen Leidenden zu besuchen, dem Geprüften eine mitfühlende Botschaft zukommen zu lassen - aber die Zeit geht dahin und die gute Absicht gerät in Vergessenheit, ohne jemals ausgeführt zu werden!
«Wenn die Geneigtheit vorliegt», sagt der Apostel, so ist einer annehmlich, «nachdem er hat, und nicht, nachdem er nicht hat.» Bei diesem Anlass entwickelt er den Grundsatz, dass die Gütergemeinschaft des Anfangs durch die Freigebigkeit ersetzt wird, die darin besteht, einander zu Hilfe zu kommen, je nach den Umständen und Zeiten, die sich ändern. Man wird je nach «Gedeihen» seinen Beitrag an der Sammlung des ersten Wochentages leisten (1.Kor. 16,2).
Kein Verhältnis ist festgelegt; Gott erwartet von uns eine Antwort, die der Verantwortlichkeit gegenüber der uns anvertrauten Verwaltung angemessen ist. Lasst uns nebenbei hervorheben, dass diese Sammlung des ersten Wochentages zu dem Opfer unserer Habe gehört, das in Hebräer 13 mit dem steten Opfer des Lobes verknüpft ist. Der Apostel besteht darauf, dass man bei der Verwaltung jeder gesammelten Summe vorsorglich sei für das, «was ehrbar ist, nicht allein vor dem Herrn, sondern auch vor den Menschen» (2.Kor. 8,21). Daher die Gewohnheit, dass die, welche diese Aufgabe übernommen haben, ihren Brüdern über die Beträge, die ihnen ausgehändigt werden, Rechenschaft ablegen, obgleich diese ihnen gegenüber volles Vertrauen entgegenbringen.
In diesen beiden Kapiteln heben einige Umstandswörter die Art und Weise des Gebens hervor:
- aus eigenem Antrieb, willig (8,3.17)
- zuerst (8,5): «Sie gaben sich selbst zuerst dem Herrn»
- nun (8,11): nicht auf später verschieben
- sparsam (9,6), was sowohl ein Kennzeichen der Aussaat, wie auch der Ernte sein kann, im Gegensatz zu
- segensreich oder freigebig und
- fröhlich (9,7): «Ein jeder, wie er sich in seinem Herzen vorsetzt: nicht mit Verdruss oder aus Zwang, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.»
Was sind die Ergebnisse einer solchen Geneigtheit zum Geben? (Verse 12-14)
Zu allererst stillt sie die Bedürfnisse der Heiligen. Diese danken und verherrlichen Gott.
Durch die im Geben bekundete Unterwürfigkeit unter das Evangelium des Christus legen die Geber ein Zeugnis ab.
Schliesslich werden die Empfänger dieser Freigebigkeit für ihre Wohltäter mit Freuden zu Gott flehen, da sie eine tiefe Zuneigung zu ihnen gefasst haben.
Betrachten wir nun das göttliche Beispiel. Es ist zweifach.
Gott hat in Seinem Sohne sich selbst gegeben: «Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!» (2.Kor. 9,15). Nicht nur überschüttet uns Gott mit Wohltaten und umgibt Er uns mit Seiner Güte, Er hat auch Seines eigenen Sohnes nicht geschont und Ihn für uns hingegeben. Deshalb soll unserseits nicht nur das Wohltun und Mitteilen, sondern auch die eigene Hingabe dieser göttlichen Liebe entsprechen: «Und nicht wie wir hofften, sondern sie gaben sich selbst zuerst dem Herrn und uns nach Gottes Willen» (8,5). Etwas nachher konnte der Apostel schreiben: «Ich will aber sehr gern alles verwenden (zweifellos materielle Dinge) und völlig verwendet werden (mich selbst hingeben) für eure Seelen» (12,15).
Der Herr Jesus hat uns hienieden Seine ganze Gnade gezeigt, indem «er, da er reich war, um euretwillen arm wurde, auf dass ihr durch seine Armut reich würdet» (8,9). In Sprüche 13,7 lesen wir schon: «Einer, der sich arm stellt, und hat viel Vermögen.» Um sich bis zu uns zu erniedrigen, hat der Herr sich selbst zu nichts gemacht; auf dieser Erde hat Er nichts von alledem beansprucht, was Ihm doch rechtmässig zustand.
Die Gebefreudigkeit soll nicht nur andauern, solange sie Dankbarkeit hervorbringt, so schätzenswert diese sein mag. Der Apostel war bereit, alles zu verwenden, und sich selbst für die Korinther zu verwenden, «wenn ich auch», so schrieb er ihnen, «je überschwänglicher ich euch liebe, um so weniger geliebt werde». Die wahre Freude kommt aus der Tatsache des Gebens selbst hervor. Wie es der Herr Jesus selbst gesagt hat: «Geben ist seliger als Nehmen» (Apg. 20,35).
Um die Dinge im rechten Licht zu sehen, wollen wir noch die rührende Szene von Markus 12,41-44, erwähnen. Jesus sitzt beim Schatzkasten und macht Seine Beobachtungen. Er bemerkt, wie sich ein jeder im Blick auf die Tempelabgaben verhält. Einige Reiche werfen viel hinein; eine arme Witwe nur zwei Scherflein. Der Herr Jesus ist so gerührt, dass Er sofort Seine Jünger herzuruft, um auf den grossen Wert der Opfergabe der Witwe hinzuweisen. Weshalb sind in der Wertschätzung Gottes zwei Scherflein mehr als eine grosse Opfergabe? Jesus sieht nicht nur das an, was in den Schatzkasten geworfen wird, sondern auch, was jeder für sich zurückbehalten hat. Für die Reichen war der grosse Beitrag nichts anderes als ein Teil ihres Überflusses; die Witwe aber hatte alles gegeben, was sie besass. Nicht das, was man gibt, sondern was man für sich behält, zieht die Aufmerksamkeit des Herrn auf sich! Er, der «auf das Herz sieht», bewertet alles nach der im Innern verborgenen Gesinnung.
Das Leben geniessen
Wiederholt hat sich der Prediger die Frage gestellt: «Was für einen Gewinn hat der Schaffende bei dem, womit er sich abmüht?» Von Kapitel zu Kapitel lässt er, im Rahmen seines Buches, die Blicke über alles, was «unter der Sonne» geschieht, umherschweifen und kommt zu dem Schluss: «Es gibt nichts Besseres unter den Menschen, als dass man esse und trinke und seine Seele Gutes sehen lasse bei seiner Mühe» (2,24). Er weiss, dass Gott alles schön gemacht hat «zu seiner Zeit»: Die geschaffenen Dinge sind vergänglich. Aber seine Schlussfolgerung bleibt: «Ich habe erkannt, dass es nichts Besseres unter ihnen gibt, als sich zu freuen und sich in seinem Leben gütlich zu tun; und auch, dass er esse und trinke und Gutes sehe bei all seiner Mühe» (3,12-13).
Nachdem er die Leiden und die Unterdrückungen betrachtet und selbst an die Ehrerbietung Gottes gegenüber erinnert hat, bleibt ihm kein anderer Ausweg als: «Siehe, was ich als gut, was ich als schön ersehen habe: Dass einer esse und trinke und Gutes sehe bei all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne, die Zahl seiner Lebenstage, die Gott ihm gegeben hat; denn das ist sein Teil» (5,18).
Etwas weiter hinten erteilt er uns verschiedene Ratschläge, indem er Dinge bezeichnet, die besser sind als andere (Kapitel 7). Er bringt sogar in Erinnerung, dass Gott über jeden Sein richterliches Urteil sprechen wird, kommt aber trotzdem nur immer zu der gleichen Schlussfolgerung: «Und ich pries die Freude, weil es für den Menschen nichts Besseres unter der Sonne gibt, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen; und dies wird ihn begleiten bei seiner Mühe, die Tage seines Lebens hindurch, welche Gott ihm unter der Sonne gegeben hat» (8,15).
Ist nun dieser vorübergehende, egoistische, materielle Genuss wirklich «das Leben»? Erinnern wir uns daran, dass der vom Prediger festgesetzte Rahmen eigentlich nicht Salomos persönliche Erfahrungen sind, sondern die eines sich selbst überlassenen Menschen mit seinen natürlichen Fähigkeiten, der, ohne eine Offenbarung zu besitzen, über das Leben urteilt, indem er seine Blicke um sich her schweifen lässt. Ist diese Schlussfolgerung nicht die von zahlreichen Mitmenschen? Wünschen sich solche etwas anderes, als gut essen, gut trinken, sich freuen und sich zerstreuen? Muss man sich da noch über so viel tiefe Traurigkeit, Leere, Unzufriedenheit, «Eitelkeit und Haschen nach Wind» wundern?
Andere, in viel geringerer Zahl allerdings, suchen in der Askese, d.h. in einem strengen und enthaltsamen Wandel, des Lebens Lösung. Sie glauben, sich dadurch Verdienste zu erwerben. Aber besteht das Leben wirklich darin, sich freiwillig jeder irdischen Freude zu enthalten?
Was sagt das Neue Testament darüber?
Auf irdischem Boden
«Wer das Leben lieben und gute Tage sehen will», den ermahnt Petrus in seinem ersten Brief (3,10-11) im Blick auf drei Gefahren. Er soll:
- seine Zunge vom Bösen enthalten und seine Lippen, dass sie nicht Trug reden: Wie viel Verdruss haben doch übles Nachreden und Verleumdung schon verursacht und wie viel schmerzliche Folgen, Lug und Trug hervorgebracht!
- Sich abwenden vom Bösen und Gutes tun: Jeder Tag, jede Stunde, führt den Christen, der in höherem Masse als der natürliche Mensch das Unterscheidungsvermögen über Gutes und Böses besitzt, vor eine Wahl: Er hat im täglichen Leben sorgfältig darüber zu wachen, dass er sich vom Bösen abwendet und Gutes tut.
- Frieden suchen und ihm nachjagen: Das erinnert uns an die Ermahnung des Herrn Jesus: «Glückselig sind die Friedensstifter», was im Hebräerbrief (12,14) mit den Worten: «Jaget dem Frieden nach mit allen», und im Römerbrief (12,18) mit den Worten: «Wenn möglich, soviel an euch ist, lebet mit allen Menschen in Frieden», ausgedrückt wird. Im Familien- und Freundeskreis, im Schosse der Familie Gottes, inmitten der Berufskollegen und all denen, mit welchen wir täglich in Berührung kommen, Frieden suchen und ihm nachjagen - ist das nicht das Mittel, um «gute Tage» zu sehen? Wie viel Tränen entstehen doch aus Zank, Streit und Eifersucht!
Petrus zeigt uns, was uns ermöglicht, gute Tage zu sehen; der Apostel Paulus anderseits legt in 1.Timotheus 6,17 besonderen Nachdruck auf die Worte: «Gott, der uns reichlich darreicht zum Genuss». «Alles» bedeutet hier, wie aus dem Zusammenhang ersichtlich ist, irdische Dinge. Dürfen wir nicht dankbar alle Wohltaten annehmen, die Gott auf unseren Weg sät? Familienfreuden, Freuden des eigenen Heimes - wenn Er es uns schenkt, ein solches zu gründen - die Freuden der Freundschaft und der Verbindungen im Schosse der Familie Gottes; die Freuden, die man in der Natur findet, in der Betrachtung ihrer Schönheiten (sagte der Herr Jesus nicht auch zu seinen Jüngern: «Betrachtet die Lilien... Sehet hin auf die Vögel des Himmels...»? Er ging mit ihnen durch die reifen Ährenfelder); Freude am Lernen und Erkennen; dankbar sein für die Gesundheit, für die Kräfte, die Gott uns gibt.
Aber um diese Wohltaten wirklich zu geniessen, muss man 1.Timotheus 6,17 mit Römer 8,32 in Verbindung bringen: «Er, der doch seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken? Gewiss gehen die in Römer 8 mit «alles» bezeichneten Dinge weit über das «alles» von 1.Timotheus 6 hinaus, doch bleibt der Grundsatz bestehen: Gott reicht uns «alles» reichlich dar. Aber wie tut Er es? - «Mit ihm», mit Christo! Das ist das grosse Geheimnis des Christen. Er kann alles geniessen, was er aus der Hand Gottes empfängt, weil er es mit dem Herrn Jesus geniesst.
Der Apostel umschreibt in seinem Brief an die Philipper einige Eigenschaften der Dinge, die in diesem «alles» enthalten sind: «Alles was wahr, ... würdig, ... gerecht, ... rein, ... lieblich, ... wohllautet..., dieses erwäget» (Phil. 4,8).
Eine solche Kennzeichnung schliesst die unreinen Freuden der Welt aus, die so oft durch die Sünde verdorben sind, jede Freude also, an der wir nicht «mit ihm» teilhaben können. Wie sollten wir an einen Ort gehen, wo die Welt ihre Befriedigung sucht, um es ihr dort gleich zu tun! Könnten wir uns wirklich «mit dem Herrn» dort aufhalten und die vermeintliche Freude, die wir dort zu finden glauben, aus Gottes Hand annehmen?
Auf diesem durchaus irdischen Boden verlangt das Neue Testament also nicht von uns, dass wir die von Gott auf unsern Weg gestreuten Freuden ausschlagen und verachten. Im Gegenteil, es lädt uns ein, sie als aus der Hand Gottes kommend, mit Jesu zu geniessen, im Bewusstsein, dass wir diese Freuden sozusagen «im Vorübergehen» kosten sollen; das wahre Teil unseres Herzens ist anderswo. Das wird uns nicht hindern, die Ähren und Blumen zu pflücken, womit Gott in Seiner Güte unseren Weg gesäumt hat; um mit dankbarem Herzen auch Freude daran zu finden.
Und besonders werden wir uns an das Wort des Apostels erinnern: «Begnüget euch mit dem, was vorhanden ist» (Hebr. 13,5). Paulus schrieb Timotheus: «Wenn wir aber Nahrung und Bedeckung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen» (1.Tim. 6,8), was uns an jenes Wort des Predigers erinnert: «Besser eine Handvoll Ruhe als beide Fäuste voll Mühe und Haschen nach Wind.» Lasst uns dankbar die Wohltaten aus Gottes Hand, womit Er uns überschüttet, annehmen und dabei mit dem zufrieden sein, was Er uns gewährt. Wir wollen uns nicht zu jenem unersättlichen Haschen hinreissen lassen, das, wie der Prediger so oft feststellt, nur zu «Wind», zu Leere und Eitelkeit führt!
Die geistliche Freude
Der Christ besitzt eine viel tiefere und weit erhabenere Freudenquelle als die, welche der «Prediger» anführt: Eine geistliche Freude, von welcher der Apostel den Philippern sagen kann: «Freuet euch in dem Herrn allezeit! Wiederum will ich sagen: freuet euch!» (4,4).
Eine Freude, die ihre Quelle auch im Heiligen Geist hat: Sie gehört zur «Frucht des Geistes (Gal. 5,22); es gibt «Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geiste» (Röm. 14,17).
Eine Freude, die aus dem Glauben entspringt, wie uns Römer 15,1.Sagt: «Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben.» Es ist unmöglich, sich zu freuen, wenn man seinen Kummer und seine Sorgen selber tragen will, statt sie voller Zuversicht auf das Herz des Vaters niederzulegen, der uns liebt. Wer sein Vertrauen auf Ihn setzt und auf Ihn harrt, kann alles das geniessen, was Gottes Geist uns in Christo finden lässt.
Quellen geistlicher Freude
Aus vielen Stellen nehmen wir einige Beispiele praktischer Quellen geistlicher Freude heraus.
Im vorhergehenden Kapitel sind wir schon der Freude des Gebens begegnet.
Die grösste Freude des jungen Christen ist zunächst die, errettet zu sein: «Siehe, ich verkündige euch grosse Freude... Euch ist heute ein Erretter geboren in Davids Stadt, welcher ist Christus, der Herr» (Luk. 2,10-11).Als Philippus in eine Stadt Samarias ging und sich viele Seelen zum Herrn bekehrten, «war eine grosse Freude in jener Stadt». Und als Philippus etwas später dem Kämmerer auf dem öden Wege von Jerusalem nach Gaza begegnete, mit ihm von Jesus sprach und dann von ihm schied, nachdem er ihn getauft hatte, zog der Kämmerer seinen Weg mit Freuden (Apg. 8,39).
Welche Freude bringt es auch, Seelen zum Herrn zu führen! Vielleicht wird er unter vielen anderen auch uns als Werkzeug benützen, um Sein Werk an ihnen zu tun, oder er lässt uns von aussen dem Aufkeimen göttlichen Lebens in einer Seele beiwohnen. Das ist der wunderbare Kehrreim von Lukas 15: «Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden... Freuet euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden... Es geziemte sich aber, fröhlich zu sein und sich zu freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden.» Zu verschiedenen Malen nennt der Apostel die vielen, die durch ihn zum Herrn geführt worden sind, «meine Freude und Krone».
Welche Freude ist es ferner, dem Herrn und den Seinen zu dienen! Die siebenzig kehrten mit Freuden zurück (Luk. 10,17). Selbst wenn der Herr Jesus ihnen sagen musste: «Doch darüber freuet euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind», so bleibt doch bestehen, dass diese erste Erfahrung im Dienste sie mit Freude erfüllt hatte.
Es gibt auch eine Freude des erhörten Gebets (Joh. 16,24). Wenn wir unsere Anliegen vor Gott kundtun, werden unsere Herzen und Sinne in Frieden bewahrt. Aber die Erhörung der Gebete zu erleben, erfüllt uns mit Freude.
Über alledem steht die Freude der Gemeinschaft mit Christo, eine persönliche Gemeinschaft in Gehorsam und Abhängigkeit, die uns als das Teil der mit dem Weinstock verbundenen Rebe geschenkt ist (Joh. 15,11), eine wunderbare Freude, die den Herrn selbst erfüllte, als Er Seine Jünger diese Dinge lehrte, «auf dass meine Freude in euch sei.»
Da ist auch die Freude der brüderlichen Gemeinschaft, als Einzelne oder als Körperschaft. Als Paulus am Ende seiner Laufbahn an seinen Genossen schrieb, der so viele Jahre mit ihm umhergereist war und mit ihm gelitten hatte, sagte er zu Timotheus: «Voll Verlangen, dich zu sehen... auf dass ich mit Freude erfüllt sein möge» (2.Tim. 1,4). Welche Freude, einen Freund im Herrn wiederzusehen, mit dem man auf dem Weg gewandelt ist! Freude auch, sich zum Herrn hin zu versammeln, besonders zur Anbetung, wenn wir Ihn in Seinem Tode und in Seiner Auferstehung betrachten! Unvergessliches Erleben der Jünger am Abend des ersten Tages der Woche, als ihnen Jesus Seine Hände und Seine Seite gezeigt hatte! «Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen» (Joh. 20,20).
Welch tiefe Freude findet sich besonders in der Betrachtung, im Anschauen des Herrn selbst! Mit einer gewissen Rührung erinnerte der Apostel Johannes am Abend seines Lebens daran, dass er Ihn mit eigenen Augen gesehen, angeschaut, betrachtet und mit seinen eigenen Händen betastet habe; er wollte den Gläubigen alles mitteilen, was er dabei gesehen und gehört hatte, auf dass auch sie Gemeinschaft hätten mit den Aposteln, die mit Jesu zusammengelebt hatten: «Und dieses schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei.» Diese Freude war in der Tat nicht das ausschliessliche Teil der Jünger, die mit dem Herrn zusammengelebt hatten. Petrus schrieb den Gläubigen: «An welchen glaubend, obgleich ihr ihn nicht sehet, ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlocket» (1.Petr. 1,8). Jesus im Glauben betrachten, wie Er auf der Erde gewandelt hat, so, wie die Evangelien Ihn uns darstellen; Ihn sehen, wie er wandelte, betete, in die Synagoge eintrat, am See entlang schritt, die Wogen beherrschte oder sich ermüdet am Brunnenrand niederliess - erfüllt das Herz mit tiefer Freude. - Und Seine Herrlichkeit anschauend, werden wir in Sein Bild verwandelt. (Vgl. 2.Kor. 3,18). Welch ein Trost für die Jünger, die den Herrn Jesus zum Kreuz hingehen sahen, als er, von Seiner Auferstehung redend, zu ihnen sagte: «Ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch» (Joh. 16,22). Für den Glauben auch heute noch ein gegenwartsnaher Ausblick.
Ja, welche Freude birgt für uns die Hoffnung auf das Kommen des Herrn! In Römer 12,12 wird uns zugerufen: «In Hoffnung freuet euch», und der Apostel erinnerte Titus an die vor uns liegende, «glückselige Hoffnung» (2,13).
Höchste Freude ist uns bei der Wiederkunft Christi beschieden: «Freuet euch, auf dass ihr auch in der Offenbarung seiner Herrlichkeit mit Frohlocken euch freuet» (1.Petr. 4,13). Der treue Knecht wird die Stimme seines Herrn sagen hören: «Gehe ein in die Freude deines Herrn», und der himmlische Chor wird ausrufen: «Lasst uns fröhlich sein und frohlocken und ihm Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen» (Offb. 19,7).
Wie tief ist auch die Freude, die ein Christ heute im Leid erfahren kann! Er mag - nach Jakobus 1,2 - durch Leiden gehen, die aus den mannigfaltigen Umständen des Lebens hervorkommen, oder nach 1.Petrus 4,13 Leiden für den Herrn zu ertragen haben. Immer kann sich der Christ freuen. Wieso denn? Weil er sich «im Herrn» freut.
Das also ist das Geheimnis aller Freuden, die wir betrachtet haben. Die einfache irdische Freude, enthalten in dem «alles», das Gott uns reichlich darreicht, können wir nur «mit Ihm» recht geniessen. Mit Christus geniessen wir auch die Freude des eigenen Heils oder des Heils anderer. Im Dienst, in der Gemeinschaft, im Zusammenkommen, freut sich unser Herz wiederum «mit Ihm». Und macht im Ausschauen nach Seiner Wiederkunft nicht gerade das unsere tiefe Freude aus, dass wir allezeit «bei Ihm» sein werden? In Tagen des Leides, der Trauer und der Vereinsamung ist es nur der Tatsache zu verdanken, dass wir durch alles hindurch «mit Ihm» gehen, wenn trotz allem ganz im Grunde unseres Herzens die Freude bestehen bleibt. Er wird uns nie fehlen. «Ist Jesus im Grunde deines Herzens, wird deine Freude tief sein» (J. N. D.)
Die Weisheit und die Gottesfurcht
Die Weisheit im «Prediger»
Der «Prediger» war weise (12,9). Salomo hatte Gott um Weisheit gebeten; Er hatte sie ihm gewährt und auch das, was er nicht erbeten hatte, Reichtum und Herrlichkeit, hinzugefügt (2.Chr. 1).
Aber im «Prediger» ist diese «Weisheit» auf die Erkenntnis dessen beschränkt, was «unter der Sonne» geschieht. Der «Prediger» besass, so wie er sich uns vorstellt, keine göttliche Offenbarung. Wohin führt denn eine solch begrenzte Weisheit? Und worin besteht sie?
Im Bewusstsein, mehr als alle, die vor ihm in Jerusalem waren, Weisheit erworben zu haben, hat sich der Prediger bemüht, seine Erkenntnisse zu erweitern. Was ist daraus geworden? «Bei viel Weisheit ist viel Verdruss; und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer» (1,18). Sich dahin zu wenden und mit seinem Herzen darauf auszugehen, «Weisheit und ein richtiges Urteil zu erkennen und zu erkunden und zu suchen» (7,25), vergrössert in einer durch die Sünde verdorbenen Welt nur den Schmerz und den Kummer. Die Augen nehmen all die Bedrückungen wahr, die unter der Sonne geschehen; die Tränen der Bedrückten, die keinen Tröster haben; die Benachteiligung des Armen; den Raub des Rechts und der Gerechtigkeit; die unbegreifliche Tatsache, «dass es Gerechte gibt, welchen nach dem Tun der Gesetzlosen widerfährt, und dass es Gesetzlose gibt, welchen nach dem Tun der Gerechten widerfährt» (8,14); ganz zu schweigen von den Irrtümern der Machthaber und schliesslich vom Tod, als dem Ausgang von allem.
Erkennen bedeutet in einer Welt der Sünde: Leiden. Immerhin ist eine solche Weisheit in gewissem Masse nützlich; sie ist gesunder Menschenverstand, der einem sagt, wie man sich im Leben zu verhalten hat; sie hat den Vorzug «vor der Torheit, gleich dem Vorzuge des Lichtes vor der Finsternis: Der Weise hat seine Augen in seinem Kopfe, der Tor aber wandelt in der Finsternis» (2,13-14). «Im Schatten ist, wer Weisheit hat, im Schatten, wer Geld hat; aber der Vorzug der Erkenntnis ist dieser, dass die Weisheit ihren Besitzern Leben gibt» (7,12). Sie ermöglicht auch die Beurteilung der Zeit und die richtige Entscheidung, um zu wissen, wie zu handeln ist (8,5%). Sie erheitert das Antlitz und setzt den Eigendünkel herab. In der Tat, wer wenig weiss, glaubt alles zu wissen und rühmt sich dessen. Es genügt aber, in irdischen Dingen einige Erkenntnis erworben zu haben, um zu merken, dass man gar wenig davon weiss; man ist dann ein bisschen weniger stolz!
Diese Weisheit ist begrenzt: «Als ich mein Herz darauf richtete, Weisheit zu erkennen und das Treiben zu besehen, welches auf Erden geschieht ... da habe ich bezüglich des ganzen Werkes Gottes gesehen, dass der Mensch das Werk nicht zu erfassen vermag, welches unter der Sonne geschieht...
Selbst wenn der Weise zu erkennen meint, vermag er es doch nicht zu erfassen» (8,16-17). Ohne Offenbarung kann der «Prediger» die Wege Gottes nicht ergründen und viel weniger noch Seine Ratschlüsse: «Ich sprach: Ich will weise werden; aber sie blieb fern von mir. Fern ist das was ist, und tief, tief: wer kann es erreichen? (7,23-24).
Die dem «Prediger» verliehene Weisheit, die es ermöglicht, zu wissen, wie man sich auf der Erde verhalten soll, hat uns immerhin eine Anzahl Ratschläge hinterlassen, von welchen wir einige näher betrachten wollen.
Einige Ratschläge der Weisheit
Im Hause Gottes (5,1-2)
«Bewahre deinen Fuss, wenn du zum Hause Gottes gehst; und nahen, um zu hören, ist besser ... Sei nicht vorschnell mit deinem Munde ... Deiner Worte seien wenige.» Auch heute noch gültige Ratschläge, wenn wir uns versammeln, um in die Gegenwart Gottes zu treten, welcher heute in einem geistlichen, aus lebendigen Steinen gebauten Hause wohnt. Der Zugang ins Heiligtum ist für uns weit aufgetan; sollten wir da mit weniger Ehrerbietung hinzutreten, als der «Prediger»? Es bleibt für uns immer wahr: «Gott ist im Himmel und du bist auf der Erde», selbst wenn Er sich uns als Vater offenbart hat. So steht es denn auch uns wohl an, Ihm nicht nur mit der Freimütigkeit eines Sohnes vor seinem Vater zu nahen, sondern auch mit dem heiligen Zittern eines Sterblichen vor Gott.
Es ist besser, nur «fünf Worte» (1.Kor. 14,19) zu reden, um andere zu erbauen, als mit vielem Reden sich selbst zu suchen; was aber nicht heissen will, dass ein Bruder schweigen soll, wenn der Herr es ihm ans Herz legt, ein Gebet zu sprechen oder einige Gedanken über Sein Wort zum Ausdruck zu bringen!
Die früheren Tage (7,10)
«Sprich nicht: Wie ist es, dass die früheren Tage besser waren als diese? denn nicht aus Weisheit fragst du darnach.» Wie oft hören wir sagen, in den Zeiten unserer Väter sei alles besser gewesen! Der Prediger warnt uns vor solchen Gedanken. Wir sollen nicht meinen, zur Zeit unserer Eltern und Grosseltern sei es leichter gewesen, dem Herrn nachzufolgen, als für uns heute; das Menschenherz hat sich nicht geändert, aber auch der Herr Jesus bleibt «derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.» Wenn auch die Technik sich hoch entwickelt haben mag und uns die Lockungen der Welt dadurch zugänglicher sein mögen, so stehen die Hilfsquellen die unsere Väter in Gottes Wort und in der Gemeinschaft des Herrn gefunden haben, doch auch uns zur Verfügung, um uns in einer Welt zu leiten, die sich sittlich nicht verändert hat.
Worte, die man redet (7,21-22)
«Richte dein Herz nicht auf alle Worte, die man redet, damit du nicht deinen Knecht dir fluchen hörst.» Der «Prediger» lehrt uns, das Ohr nicht allen Kritiken und Bemerkungen zu leihen, die wir um uns her hören können, besonders in Bezug auf den Dienst, der für Christum getan werden konnte. Die Zustimmung des Herrn zu haben, ist vor allem wichtig: «Befleissige dich, dich selbst Gott bewährt darzustellen, als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat» (2.Tim. 2,15) J. N. D. hat es so ausgedrückt: «Wenig sagen; jedem dienen; seinen Weg gehen.» Wohlverstanden, wir werden, besonders als junge Christen, Ermahnungen zu Herzen nehmen und sogar einen Tadel annehmen, den eine erfahrene Person, vom Herrn geleitet, uns erteilen mag. Selbst wenn es uns weh tut oder uns auf den ersten Blick als ungerechtfertigt erscheinen will, werden wir Gott bitten, Er möge uns helfen, das zu lernen, was Er uns damit zeigen will. Was aber andere Bemerkungen und Kritiken, alle «Worte, die man redet» anbelangt, wollen wir der Ermahnung des «Predigers» gedenken, indem wir das Gute tun und uns nicht von ungeistlichen Worten beirren lassen.
Die Grube und die Mauer (10,8)
«Wer eine Grube gräbt, kann hineinfallen», das Böse, das man anderen bereitet, fällt auf den zurück, der es ersonnen hat (vergl. Daniel 6,25). Der Herr Jesus hat einen ähnlichen Gedanken ausgesprochen: «Mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Masse ihr messt, wird euch gemessen werden» (Matth. 7,2). Übles Nachreden und Verleumden - sind das nicht ganz besonders verwerfliche Mittel, zu denen wir, um anderen zu schaden, uns verleiten lassen können? Aber wie leicht und mit gutem Recht kehren sie sich schliesslich gegen den, der sie in Umlauf setzt!
«Wer eine Mauer einreisst, den kann eine Schlange beissen.» Gott hat feste Regeln aufgestellt und dem Verhalten des Menschen - auch dem des Christen, obwohl er nicht unter dem Gesetz ist, - Grenzen gesetzt. Wer sie überschreitet, setzt sich dem Schlangenbiss aus, dem verhängnisvollen Fallstrick des Teufels. Abraham sollte in Kanaan bleiben und jenen Platz geniessen; da kommt die Hungersnot.... Er geht nach Ägypten hinab und überschreitet so die von Gott bezeichneten Grenzen. Was erntet er? Lüge, Gefahren, Schwierigkeiten; er kehrt mit der jungen Hagar von Ägypten zurück, die für seine Familie zum Fallstrick wird. - Bei Potiphar stand Joseph alles zur Verfügung: «Er hat mir nichts vorenthalten, als nur dich, indem du seine Frau bist» (1.Mose 39,9). Trotz ihrem Drängen hat Joseph nein zu sagen vermocht; er lehnte entschieden ab, ohne zu erwägen, was er dadurch aufs Spiel setzte. Er hat die Mauer nicht eingerissen. Aber wie viele haben es leider getan, und die Schlange hat sie «gebissen».
Das Gleichnis vom armen weisen Mann (9,13-18)
Die kleine Stadt, die von dem grossen König belagert wurde und ihre Befreiung dem armen weisen Manne verdankte - erinnert sie nicht daran, dass der Feind uns Menschen in der Gewalt hatte (Hebr. 2,14-15) und wir durch den Herrn Jesus befreit worden sind? Er ist der «Arme», dessen man nicht gedenkt, der von jedermann Verachtete und der Abscheu der Nation, den selbst die, für welche Er gelitten hat, allzu oft vergessen. Der arme weise Mann - ein Bild des Herrn Jesus, weit hergeholt vielleicht, aber doch kostbar, selbst in einem Buche wie dem des «Predigers» gefunden zu werden. «In allen Schriften», so auch hier, findet man «das, was ihn betrifft».
Die Weisheit im Neuen Testament
In 1.Korinther 1 wird die Weisheit der Welt der Weisheit Gottes gegenübergestellt. «Denn weil ja in der Weisheit Gottes die Welt durch die Weisheit Gott nicht erkannte» (Vers 21). Die Griechen insbesondere suchten Ihn in der Philosophie: «Ob sie ihn wohl tastend fühlen und finden möchten» (Apg. 17,27), ohne wirklich zu Seiner Erkenntnis zu gelangen. Trotz allem Ansehen, das eine solche Weisheit ihren Anhängern verschafft, setzt Gott sie völlig beiseite, um Christo Platz zu machen, «der uns geworden ist Weisheit von Gott». Er, das ewige und lebendige Wort, ist der wahre Ausdruck (der Logos) der Gedanken Gottes. In den Sprüchen hatte Salomo schon von jener Weisheit geredet, die Jehova am Anfang Seines Weges besessen hat (Spr. 8); sie wurde völlig offenbart, als das Wort Fleisch wurde.
Die Offenbarung der göttlichen Weisheit
In 1.Korinther 2 wird uns, Stufe um Stufe, die wunderbare Entfaltung der göttlichen Weisheit gezeigt, die sich uns hat offenbaren wollen.
«Gottes Weisheit in einem Geheimnis, die verborgene», hat Gott vor den Zeitaltern, zu unserer Herrlichkeit «zuvorbestimmt» (2,7). Sie war in Gott und umfasste Seine ewigen Ratschlüsse. Das menschliche Auge hat sie nicht gesehen, das Ohr hat sie nicht gehört, noch war sie in eines Menschen Herz gekommen; aber sie umschliesst alles, was Gott für die bereitet hat, die Ihn lieben.
Gott hat es wohlgefallen, sie Menschen zu offenbaren (Vers 10), die Er durch die Zeitalter hindurch zu diesem Zwecke auserwählte. Menschen; die nicht den Geist der Welt, sondern den Geist, der von Gott ist, empfingen, haben die Dinge erkannt, die Gott geschenkt hat. Sie haben erfasst - die Propheten des Alten Testamentes wenigstens in einem gewissen Masse (1.Petr. 1,11) - was ihnen auf diese Art mitgeteilt wurde.
Geleitet durch den Geist Gottes, haben sie davon geredet und geschrieben, «in Worten, gelehrt durch den Geist» (Vers 13). «Heilige Männer Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geiste», sagt der Apostel Petrus (2.Petr. 1,21). Das ist «die wörtliche Inspiration» der Schriften. Die Männer, denen sich Gott offenbart hat, haben nicht nur Ideen und Gedanken mitgeteilt, die ihnen eingegeben wurden, sie waren auch in Bezug auf die «Worte», die sie bei der Mitteilung der Gedanken zu verwenden hatten, «gelehrt durch den Geist».
Wer wird solche Worte annehmen? Der natürliche, nur durch seine erschaffene Seele belebte Mensch kann sie ohne die Unterweisung und die Kraft des Heiligen Geistes nicht annehmen, sie sind «ihm eine Torheit» (Vers 14). Man muss geistlich sein, d.h., durch den Glauben an den Herrn Jesus den Heiligen Geist besitzen, um die Offenbarung Gottes unterscheiden und des Herrn Sinn erkennen zu können: «Wir aber haben Christi Sinn» (Vers 16).
Das also ist die Offenbarung, die der «Prediger» nicht besass; die damals bekannten Bücher des Alten Testamentes blieben (im Sinne von Lukas 24) verschlossen; alles) was der Herr Jesus bringen und der Heilige Geist offenbaren sollte war den Menschen damals noch nicht gegeben. Ohne diese Offenbarung konnte der «Prediger» weder den Heiland, noch die Liebe des Vaters, noch das Jenseits erkennen.
Ist das heute nicht auch bei jenen Menschen der Fall, die sich weigern, von der Offenbarung Gottes in der Bibel Kenntnis zu nehmen? Um sie anzunehmen, muss man seinen eigenen Verstand beiseite setzen und im Glauben annehmen, was Gott gesagt hat; es gut, in demütiger Unterwerfung unter Sein Wort sich als Sünder erkennen und an Jesum Christum, als seinen persönlichen Heiland glauben. Solange man diese innere Haltung nicht einnimmt, kann man das, was des Geistes Gottes ist, nicht erfassen, es erscheint einem sinnlos (Vers 14).
Die Gottesfurcht
Die Furcht Gottes nimmt im Buche der Sprüche einen breiten Raum ein. Im ersten Kapitel ist sie der Weisheit Anfang, und im letzten wird die «Frau, die Jehova fürchtet», gepriesen. Es ist der Mühe wert, in seiner Bibel die zahlreichen Stellen, in denen von der Furcht Gottes die Rede ist, anzumerken und darüber nachzudenken.
Im «Prediger» wird die Furcht Gottes nur kurz erwähnt. Sie erscheint dort vor allem als Furcht vor Seinem Gericht. Die Schlussfolgerung des Buches lautet: «Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte Seine Gebote ... denn Gott wird jedes Werk ... in das Gericht bringen» (12,13-14).
Der «Prediger», der im Verlauf seines Buches von der Souveränität Gottes gesprochen hat, zu Dessen Werk nichts hinzuzufügen und von dem nichts hinwegzunehmen ist, sagt uns: «Gott hat es also gemacht, damit man sich vor ihm fürchte» (3,14).
Immerhin verknüpft der «Prediger» mit dieser Furcht vor Gott und Seinem Gericht einige Segnungen. Er weist auf die Wichtigkeit hin, jedes Übermass zu vermeiden und fügt hinzu: «Denn der Gottesfürchtige entgeht dem allem» (7,18). Etwas weiter hinten sagt er: «Ich weiss, dass es denen, die Gott fürchten, wohl gehen wird) weil sie sich vor ihm fürchten» (8,12) - ein schöner Vers, den wir auch im Lichte des Christentums wohl zu Herzen nehmen dürfen. Auch das Gegenstück im Neuen Testament ist kostbar: «Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach Vorsatz berufen sind» (Röm. 8,28).
Der Mensch des «Predigers» fürchtet das Gericht Gottes. Das Kind Gottes aber weiss durch den Glauben an den Herrn Jesus, dass es ewiges Leben hat und nicht ins Gericht kommt (Joh. 5,24). Also hat es keinen Anlass, sich davor zu fürchten. Wird es nun dies zum Vorwand nehmen, um auch Gott nicht zu fürchten? Hören wir, was uns in 1.Petrus 1,17 gesagt ist: «Wenn ihr den als Vater anrufet, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht, indem ihr wisset, dass ihr ... erlöst worden seid.» Die Furcht vor dem Gericht hat der Furcht vor dem Vater Platz gemacht; man fürchtet, Ihm zu missfallen, nicht um sich Verdienste zu erwerben, sondern im Bewusstsein, dass man schon erlöst ist. Ist Er auch im Herrn Jesus unser Vater geworden, so nimmt Er doch nicht weniger Kenntnis von eines jeden Werk; Er sieht und ergründet alles, nichts ist Ihm verborgen.
Der Apostel Paulus bringt diese Haltung mit anderen Worten zum Ausdruck; er sagt: «Prüfet, was dem Herrn wohlgefällig ist» (Eph. 5,10). Wir sollen sorgsam auf unser Betragen achten, um zu unterscheiden und zu suchen, was dem Herrn Jesus und nicht uns gefällt. Bei einer Einladung werden wir uns nicht fragen, ob sie unseren Neigungen besonders entspricht, sondern ob es dem Herrn wohlgefällig ist, dass wir sie annehmen oder ablehnen. Der Beweggrund für die Furcht also ist nicht mehr das Gericht, sondern die Liebe, die Liebe des Vaters und die Liebe des Herrn Jesus zu uns, die Liebe und die Dankbarkeit, die wir Ihm entgegenbringen.
Und doch kennt der Gläubige auch die Furcht Gottes vor Seinem Gericht, nicht im Blick auf ihn selbst, sondern hinsichtlich derer, die dem Verderben entgegengehen: «Da wir nun den Schrecken des Herrn kennen, so überreden wir die Menschen ... Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!» (2.Kor. 5,11.20). Da wir wissen, welch ein schreckliches Los die erwartet, die fern von Ihm dahinleben, fürchten wir für sie jenes Gericht, das sie leider gleichgültig lässt; und wir werden uns bemühen, sie zu warnen, denn: «Jetzt ist die wohlangenehme Zeit jetzt ist der Tag des Heils» (2.Kor.6,2).
Der Tod, das Gericht und das Jenseits
Was sagt der Prediger über den Tod?
(Lies Kapitel 2,14-16; 3,18-21; 9,16; 9,10).
Aus den gelesenen Stellen geht hervor, dass Tod und Gericht für den «Prediger» das Ende von allem bedeuten. Es sind dies Ereignisse, die den Weisen wie den Toren, den Reinen wie den Unreinen, den, der das Gute tut, wie auch den Sünder erreichen.
«Und ich sprach in meinem Herzen: Gleich dem Geschick des Toren wird auch mir widerfahren, und wozu bin ich dann überaus weise gewesen?» (2,15). Wozu das Leben, seine Anstrengungen und Mühen, wenn zum Schluss alles «an einen Ort» geht? «Alles ist aus dem Staube geworden; und alles kehrt zum Staube zurück», Mensch und Tier.
Solche Texte zeigen deutlich, dass in dem Rahmen «unter der Sonne», den sich der «Prediger» in diesem Buch vorgezeichnet hat, über Tod und Jenseits ein undurchdringlicher Schleier ausgebreitet liegt. Ist es für die Ungläubigen und die Unwissenden unserer Tage nicht auch so? Und dabei ist die Bibel in der Welt noch nie so weit verbreitet gewesen wie heute. Aber, es ist so, wie der Apostel sagt: «Wenn aber auch unser Evangelium verdeckt ist, so ist es in denen verdeckt, die verloren gehen, in welchen der Gott dieser Welt den Sinn der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, welcher das Bild Gottes ist» (2.Kor. 4,3-4). Für den, der die göttliche Offenbarung weder glauben noch annehmen will, bleibt das Evangelium ein verschlossenes Buch, das er mit seinem eigenen Verstand nicht erfassen kann.
Der «Prediger», dessen Erkenntnis tatsächlich über den Rahmen seines Buches hinausgeht, ermahnt im letzten Kapitel: «Gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugendzeit, ehe ... die Jahre herannahen, von welchen du sagen wirst: Ich habe kein Gefallen an ihnen» (12,1). Auch heute noch wendet man sich besonders in der Jugend zum Herrn. Gewiss, Gott ruft das ganze Leben lang, und es gibt Bekehrungen in jedem Alter; aber vor dem zwanzigsten, ja sogar vor dem sechzehnten Lebensjahr sind sie viel häufiger, als später.
In der Tat, wenn der Mensch sich abwendet, nachdem Gottes Geist an ihm gewirkt hat, so verhärtet sich sein Herz. Kommt ein neuer Ruf, den er wiederum verwirft, so verhärtet sich das Herz noch mehr. Dann nahen die Jahre heran, an denen man «kein Gefallen» hat. Die Fähigkeiten nehmen ab, die Sinne verlieren ihre Schärfe, die physische Kraft schwindet immer mehr, bis dass «der Staub zur Erde zurückkehrt, so wie er gewesen und der Geist zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat». Der vom Leibe getrennte Geist hat dann nur noch mit Gott zu tun, mit Gott, dem Richter. Innerhalb des vom «Prediger» gezeichneten Rahmens ist weder von einem Heiland noch von einer Hoffnung die Rede.
Das Gericht
Nachdem der «Prediger» seine Blicke über die Dinge, die «unter der Sonne» geschehen, umherschweifen liess, stellte er fest: «An der Stätte des Rechts, da war die Gesetzlosigkeit, und an der Stätte der Gerechtigkeit, da war die Gesetzlosigkeit. Ich sprach in meinem Herzen: Gott wird den Gerechten und den Gesetzlosen richten» (3,16-17). Dann wendet er sich und sieht «alle die Bedrückungen, welche unter der Sonne geschehen: und siehe, da waren Tränen der Bedrückten, und sie hatten keinen Tröster» (4,1). Er erkennt wohl die sozialen Ungerechtigkeiten, vermag ihnen jedoch nicht abzuhelfen: «Wenn du die Bedrückung des Armen und den Raub des Rechts und der Gerechtigkeit in der Landschaft siehst, so verwundere dich nicht über die Sache; denn ein Hoher lauert über dem Hohen» (5,8).
Gott wird richten! Das ist das Endergebnis des Buches: «Gott wird jedes Werk, es sei gut oder böse, in das Gericht über alles Verborgene bringen» (12,14). Der Ausblick auf dieses Gericht ist für den Menschen keine Hilfe; er macht im Gegenteil das Geheimnis des Todes nur noch ernster.
Das Jenseits
Die Zukunft ist in der Blickrichtung, die der «Prediger» sich festgesetzt hat, ein völlig verschlossenes Buch: «Die Toten aber wissen gar nichts ... Sowohl ihre Liebe als auch ihr Hass und ihr Eifern sind längst verschwunden; und sie haben ewiglich kein Teil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht... Es gibt weder Tun noch Überlegung noch Kenntnis noch Weisheit im Scheol, wohin du gehst» (9,5.6.10). Jedes Mal, wenn er vom Tod und vom Jenseits spricht, wiederholt der «Prediger»: «Ich sprach in meinem Herzen», oder einen ähnlichen Ausdruck. Keinerlei Offenbarung besitzend, teilt er uns nur die Frucht seiner eigenen Gedanken und Beobachtungen mit. Deshalb geht es keineswegs an, diese Verse aus ihrem Zusammenhang zu reissen, um so die Bibel als kategorische und wahre Behauptung sagen zu lassen: «Die Toten aber wissen gar nichts.» Hier haben wir ein neues Beispiel von dem Schaden, den man anrichten kann, wenn man dem Worte Gottes einen vereinzelten Satz entnimmt. Wir dürfen uns über keinen biblischen Gegenstand eine Meinung bilden, ohne dass wir die Gesamtheit der Stellen, die davon reden, untersucht haben, besonders im Neuen Testament. Es ist also nicht zulässig, sich auf den «Prediger» zu berufen, um Argumente gegen die Existenz der Seele im Jenseits oder gegen die Auferstehung zu haben. Es gilt, sich stets den genauen Rahmen vor Augen zu halten, in welchem sich die Gedanken des «Predigers» bewegen.
Was sagt uns das Neue Testament?
Durch das Herabkommen des Herrn Jesus auf die Erde, durch die Offenbarung, die Gott uns in Ihm und durch Sein Wort gegeben hat, hat sich alles verändert: Das Licht hat die Finsternis ersetzt; an den Platz der Schrecken des Gerichtes ist die glückselige Hoffnung getreten; das Jenseits ist nicht mehr gähnende Leere, die die Seele mit Angst erfüllt, sondern das Vaterhaus.
Der Tod
Für den Gläubigen ist der Tod nicht mehr «der König der Schrecken», sondern der Übergang von dieser Welt zu Gott. Lesen wir 2.Korinther 5,4-8. Wir erwarten die Auferstehung oder die Verwandlung, «damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben» und «möchten lieber ausheimisch von dem Leibe und einheimisch bei dem Herrn sein».
Ohne Zweifel behält der Tod für jeden Menschen, wegen seines physischen Zustandes, eine unerwünschte Seite: «Wiewohl wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten.» Aber für den Christen, für seinen Geist und für sein Herz, hat er sowohl sein Geheimnis als auch seinen Schrecken verloren; er kann sogar der schönste Tag seines Lebens sein! Der Apostel sagt es deutlich: «Bei Christo zu sein ... ist weit besser» (Phil. 1,23). Der «Prediger» konnte mit Recht daran erinnern, dass alles Staub ist und zum Staub zurückkehrt. Der Apostel hingegen, geleitet durch den Geist Gottes, offenbart uns: «Wie wir das Bild dessen von Staub getragen haben, so werden wir auch das Bild des Himmlischen tragen» (1.Kor. 15,49). Dankbar sprechen wir ihm nach: «Unser Gott und Vater, der uns geliebt und uns ewigen Trost und gute Hoffnung gegeben hat durch die Gnade» (2.Thess. 2,16).
Tatsächlich erwartet der Gläubige heute nicht den Tod, sondern die Wiederkunft des Herrn. Welch wunderbares Ereignis, wenn die auferweckten Toten und die verwandelten Lebenden, in Wolken entrückt, zusammen enteilen werden, dem Herrn entgegen in die Luft, um allezeit bei dem Herrn zu sein! (1.Thess. 4,15-18).
Das Gericht
In Hebräer 9,27 wird mit aller Deutlichkeit erklärt: «Wie es den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, darnach aber das Gericht.» Das Wort Gottes weiss nichts von Seelenwanderung, Seelenschlaf und dergleichen Dingen. Die Menschen sterben einmal und kehren keineswegs in einer anderen Gestalt zum Leben zurück. Im Gegenteil, auf den Tod folgt das Gericht. Wann dieses Gericht stattfindet, wird uns in Offenbarung 20,11-15, mitgeteilt.
Was aber die Gläubigen betrifft, ist der Herr Jesus ebenso deutlich, indem Er erklärt: «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tode in das Leben hinübergegangen» (Joh. 5,24). Der Herr Jesus hat sich an unserer Stelle selbst unter das Gericht Gottes gestellt; Er hat «selbst unsere Sünden an seinem Leibe auf dem Holze getragen»; «die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm». Gott kann somit die, welche im Glauben durch Jesu Blut gerechtfertigt sind, nicht ins Gericht bringen. im Brief an die Römer wird nach der vollständigen Darstellung der Erlösung die triumphierende Schlussfolgerung daraus gezogen: «Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind» (Röm. 8,1).
Wenn es für den Gläubigen weder Gericht noch Verdammnis gibt, könnte der eine oder andere versucht sein, zu denken, dann müsse er es in seinem Wandel ja nicht so genau nehmen. Lasst uns aber zu 2.Korinther 5,9-10 zurückkehren. Dort lesen wir: «Deshalb beeifern wir uns auch, ob einheimisch oder ausheimisch, ihm wohlgefällig zu sein. Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, auf dass ein jeder empfange, was er in dem Leibe getan, nachdem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses.» Vor dem Richterstuhl des Christus werden alle Gläubigen erscheinen, nicht um gerichtet, sondern um offenbart zu werden. Unser ganzes Leben, das Gute wie auch das Böse, wird ans Licht gebracht werden. Wie könnte es in der Ewigkeit eine wolkenlose Gemeinschaft mit dem Herrn geben, wenn auf dem Gewissen oder auf dem Herzen noch verborgene Sünden blieben, die nicht gerichtet worden sind?
Alles Böse unseres Lebens wird sichtbar gemacht werden, nicht damit uns Strafe treffe, sondern auf dass wir, unendlich tiefer als wir es hienieden je hätten tun können, die Grösse der Gnade Gottes und die Tiefe der Leiden des Herrn Jesus erfassen. Wir singen jetzt vielleicht allzu oberflächlich:
O Tag der Schmach, der Schande und der Schmerzen,
O Tag, erfüllt mit unfassbarer Not,
Als du am Leib, Herr Jesu, und im Herzen
Für uns erduldet hast den Zorn von Gott!
Dann aber, wenn wir gründlich erkennen werden, wie wir erkannt worden sind, werden wir völlig begreifen, was es den Herrn Jesus gekostet hat, uns zu Gott zu führen. Mit welcher Wirklichkeit wird dann das neue Lied gesungen werden: «Du bist würdig... denn du bist geschlachtet worden und hast für Gott erkauft, durch dein Blut ...»
Aber auch das Gute wird offenbar werden, d.h. alles, was das göttliche Leben in dem Erlösten hervorgebracht haben wird, gleich der Frucht, die aus der Rebe am Weinstock hervorkommt. Der Saft kommt von dem Weinstock, die Rebe ist nur des Saftes Kanal; aller Verdienst des Fruchtbringens steht dem Weinstock zu. Am Tage Seiner Herrlichkeit wird der Herr Jesus kommen, um «verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert in allen denen, die geglaubt haben» (2.Thess. 1,10). Nicht etwa die Heiligen, sondern der Herr Jesus selbst wird bewundert und verherrlicht werden. Belohnungen, Kronen, Vergeltung - in der Form und Weise, die Gott für angemessen halten wird - werden dem treuen Gläubigen zur Freude, vor allem aber zur Verherrlichung Dessen sein, der in den Seinen gewirkt hat, solange sie auf Erdenpfaden wanderten.
Die Gesetzlosen wird das Gericht treffen. Offenbarung 20,12-15 zeigt uns dieses in einem feierlich ernsten Bild: «Und ich sah die Toten, die Grossen und die meinen, vor dem Throne stehen, und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch wurde aufgetan, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben ihre Toten, die in ihnen waren, und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und der Hades wurden in den Feuersee geworfen. Dies ist der zweite Tod, der Feuersee. Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buche des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.» Es erübrigt sich, dieser schrecklichen Szene noch menschliche Worte hinzuzufügen.
Das Jenseits
In der gleichnisartigen Geschichte des Reichen Mannes und des Armen Lazarus (Luk. 16,19-31) hebt der Herr Jesus den Schleier über den Zustand der Seelen nach dem Tode. Lazarus wird von den Engeln in den Schoss Abrahams getragen - in der Sprechweise der Juden ein Ausdruck für die Seligkeit der Gläubigen. Der Reiche wird gequält; er befindet sich noch nicht im Feuersee, sondern im Hades, dem Aufenthaltsort der Seelen nach dem Tode. Wenn es den Erlösten betrifft, umschreibt Paulus diesen Aufenthaltsort mit den Worten: «Bei Christo sein» (Phil. 1,23); handelt es sich aber um einen Verlorenen, so bezeichnet Petrus diesen Ort als ein «Gefängnis» (1.Petr. 3,19).
Es ist unmöglich, von einem Zustand in den anderen hinüberzuwechseln. «Und zu diesem allen ist zwischen uns und euch eine grosse Kluft befestigt, damit die, welche von hier zu euch hinübergehen wollen, nicht können, noch die, welche von dort zu uns herüberkommen wollen» (Luk. 16,26). Es ist also nach dem Tode nicht mehr möglich, errettet zu werden.
Dieser zeitweilige Zustand der Seelen ändert sich durch die Auferstehung. Der Herr Jesus äusserte sich sehr deutlich darüber: «Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und hervorkommen werden: die das Gute getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber das Böse verübt haben, zur Auferstehung des Gerichts» (Joh. 5,28-29). Auch der Apostel Paulus redete von den beiden Seiten dieser Tatsache, als er sagte, dass es eine Auferstehung geben werde, «sowohl der Gerechten als der Ungerechten» (Apg. 24,15).
In 1.Korinther 15 werden wir insbesondere über die Auferstehung des Lebens unterwiesen, die in verschiedenen Etappen vor sich gehen wird (Verse 23-24). Die Gläubigen, die durch die Verwesung hindurchgegangen sind, werden dann Unverweslichkeit anziehen; die übrigen Erlösten aber, die bis zur Ankunft des Herrn auf der Erde leben, werden verwandelt: Dieses Sterbliche wird Unsterblichkeit anziehen.
Das Wort offenbart uns sehr wenig von dem ewigen Zustand, in den die Erlösten eintreten werden. Etwas Wesentliches, überaus Kostbares kennzeichnet ihn: Wir werden «allezeit bei dem Herrn sein» (1.Thess. 4,17). Diese Gegenwart Gottes bei den Menschen wird auch in Offenbarung 21,3 hervorgehoben, mit dem Zusatz, dass dann alles Leiden vorüber ist: Tränen, Tod, Trauer, Geschrei und Schmerz werden nicht mehr sein. Das Glück des Genusses der göttlichen Gegenwart ging beim Sündenfall verloren; vor Gott sein ist für den natürlichen Menschen ein Gegenstand der Furcht. Der Gläubige aber kennt heute schon die Lieblichkeit dieser Gegenwart, und in der Herrlichkeit wird er, weit besser als jetzt, deren ewige Wirklichkeit geniessen:
Der Tag ist angebrochen,
Die Schatten fliehen fort!
Umflutet von dem Lichte
Des Vaterhauses dort,
Geniessen wir mit Wonne,
Vom Leid der Erde fern,
Die Ruhe Seiner Liebe
Für immer bei dem Herrn.
Schlussfolgerung
Welche Schlussfolgerung können wir aus dieser Gegenüberstellung des «Predigers» und des Neuen Testamentes ziehen?
Steigt aus unseren Herzen nicht eine tiefe Dankbarkeit zu Gott empor für die Gabe des Herrn Jesus? Er hat unser Leben verwandelt: Die Arbeit, statt eine eitle und geheizte Jagd ohne Ziel zu sein, kann nun in allen Punkten für den Herrn getan werden. Irdische Güter, nach dem «Prediger» die ausschliessliche Quelle eines flüchtigen und selbstsüchtigen Genusses für den Menschen, werden uns anvertraut, um sie unserem Herrn zur Verfügung zu halten. Die Freude besteht nicht mehr im Essen und Trinken, sondern darin, aus der Hand des Vaters dankbar die Wohltaten entgegenzunehmen, die Seine Güte uns spendet, um sie mit dem Herrn Jesus zu geniessen; oder besser noch, wir kennen jene geistliche Freude, die Er in unsere Herzen gelegt hat. Das Leben ist nicht mehr Eitelkeit und Leere, sondern es hat einen Zweck, ein Ziel. Die Offenbarung der göttlichen Gedanken, die Weisheit von oben, vermehrt nicht den Kummer und den Schmerz; sie erfüllt uns im Gegenteil mit Lob und Anbetung. Der Gedanke an Tod und Zukunft erfüllt uns nicht mehr mit Schrecken, sondern mit Freude.
Daher erklingt in uns das Apostelwort: «Jesus Christus, welcher den Tod zunichte gemacht hat, aber Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium» (2.Tim. 1,10). Statt mit dem «Prediger» zu sagen: «Da hasste ich das Leben... Da wandte ich mich, zu verzweifeln ...», können wir mit Paulus sagen: «Wenn aber das Leben im Fleische mein Los ist, das ist für mich der Mühe wert», und dann hinzufügen: «Abzuscheiden und bei Christo zu sein, ... ist weit besser.»
Gott sei Dank für Seine unaussprechliche Gabe!