Gedanken über Psalm 22
Halte fest Jahrgang 1962 - Seite: 9
Einleitung
Dieser Psalm, der jedem mit der Schrift vertrauten Christen wohlbekannt ist, erwähnt die Ergebnisse des Werkes Christi nur in allgemeinen Bemerkungen (Verse 22-31). In anderen Psalmen sind sie ausführlicher dargestellt, und im Neuen Testament werden sie in ihrem ganzen Reichtum in Bezug auf die Kirche entfaltet. Aber alle in den Psalmen erwähnten Segnungen, sowohl für den einzelnen Gläubigen (zum Beispiel Psalm 32), wie auch für das Volk Israel oder für die ganze Erde, haben ihre Grundlage in dem hier beschriebenen Werke.
Christus selbst, in Seinen unendlichen und grenzenlos mannigfaltigen Leiden, vor allem in Seinem alles überragenden Schmerz des Verlassenseins von Gott, ohne welches alle anderen Leiden für uns wirkungslos gewesen wären, wird hier vor die Blicke der Gläubigen gestellt; und dies ist das Bezeichnende dieses Psalms.
Er bildet den sittlichen Mittelpunkt aller Psalmen; denn er zeigt uns das Werk des Herrn Jesus, das alle im übrigen Teil des Buches enthaltenen Segnungen, sowie die Erfüllung der Ratschlüsse Gottes gegenüber Seinem Volke und gegenüber der Erde möglich macht. Wir stehen hier, im 1. Vers, vor dem, was den Kern der Gedanken Gottes hinsichtlich Seiner eigenen Herrlichkeit und unserer Segnung ausmacht: Vor den Leiden Christi während der letzten drei Stunden des Kreuzes.
Wie seltsam und demütigend, dass wir diesen erhabenen Gegenstand so oft vernachlässigen und uns mehr mit Dingen von geringerer Bedeutung beschäftigen! Gewiss, es ist das schwierigste Thema, das wir betrachten können, weil es beim Betrachtenden tiefste und ernsteste Übungen der Seele voraussetzt. Über die christlichen Segnungen zu sinnen, ist ganz am Platz; sie bilden eine kostbare Quelle der Ermunterung und des Trostes. Dabei darf man aber nicht aus dem Auge verlieren, dass alle Segnungen des Gläubigen nichts anderes als die Früchte der Leiden des Herrn sind. Ausserdem gibt es in diesem Hauptgegenstand, den wir betrachten, eine Quelle des Lichtes über alle Dinge, wie sie sonst nirgends zu finden ist. Das veranlasst uns jetzt, mit der Hilfe des Heiligen Geistes längere Zeit bei diesem Gegenstand zu verweilen. Wenn wir uns in heiliger Ehrfurcht hineinversenken, werden wir alle grossen Nutzen davon haben.
Vers 1
Unmittelbar, ohne Einleitung, werden wir hier vor die grosse Tatsache gestellt, dass Christus verlassen wurde. Denn dieser Schmerzensschrei kam ja aus Seinem Munde, als Er am Kreuze hing.
Dieser erste Vers ist einer der tiefsten, wunderbarsten und unergründlichsten der ganzen Schrift. Er bringt den Grundgedanken des Psalms zum Ausdruck, wie dies im Allgemeinen auch bei den übrigen Psalmen der Fall ist. Hier ist er gleichzeitig die Einführung in den ersten Teil des Psalms (V. 1-21), der uns den Herrn Jesus am Kreuze vorstellt. Alles, was in diesen Versen beschrieben wird, wie auch die Gedanken, die darin zum Ausdruck kommen, entsprechen dem, was sich während der sechs Stunden der Kreuzigung zugetragen hat. Sie reden nicht nur von den sühnenden Leiden des Herrn (Vers 1), sondern auch von vielen anderen Leiden, die jenen vorausgegangen sind. - Im zweiten Teil des Psalms (Verse 21-31) ist von den Ergebnissen Seiner Leiden die Rede: Erstens für den Überrest aus Juda, der gemäss Hebräer 2,12 während der ganzen Zeit, die auf die Auferstehung des Herrn folgte, mit der Versammlung verschmolzen ist; sodann für die Gottesfürchtigen und Sanftmütigen in Israel, die bekehrt werden, wenn das Evangelium des Reiches gepredigt wird; - und schliesslich für «ein Volk, welches geboren wird», also für die, welche während des Tausendjährigen Reiches geboren werden.
In anderen Psalmen, im vorhergehenden zum Beispiel, hört man mehrere Mitsprecher. Hier aber, in diesen schrecklichen Augenblicken, ist Christus selbst der Sprechende. Schon in diesem wunderbaren ersten Vers, der so oft angeführt wird, ist es so; und es soll uns ein Anliegen sein, dass die Worte: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» ihre Kraft auf unser Herz und Gewissen nie verlieren! Im Matthäus-Evangelium wird uns mitgeteilt, dass dieser Ausruf Jesu mit lauter Stimme um die neunte Stunde erfolgte. Um seine Bedeutung zu unterstreichen, hat uns der Heilige Geist dieses unvergleichliche Wort sogar in der Sprache aufbewahrt, in der es ausgesprochen wurde: «Eli, Eli, lama sabachthani?» Auf diesen Schrei hin antwortet das Herz des Gläubigen ohne Zögern: Um meinetwillen! Und alle, die in der Folge Nutzniesser des Werkes sein werden - der jüdische Überrest, Israel und dereinst die ganze Erde - können im Grunde auf diesen bangen Ausruf eine ähnliche Antwort geben, auch wenn für sie die Resultate des Werkes andere sind als für uns.
Hier ging es jedoch nicht in erster Linie um die Segnung des Menschen, sondern um weit mehr, um die reine und ewige Herrlichkeit Gottes. Und das ist es gerade, was uns ein Gefühl gibt für die Grösse der Beschimpfung, die für Gott in der unscheinbarsten Sünde, im kleinsten Ungehorsam, im geringsten Zeichen des Eigenwillens liegt. Eine Sünde, worin sie auch bestehen mag, beleidigt Gott. Das Mass der Empfindung, die sie in Gott auslöst, konnte nur im Verlassensein Jesu zum Ausdruck kommen. Welch ein Licht wirft das auf den Zustand und die Geschichte der ganzen Welt! Nicht dadurch, dass das Böse in dem einen mit dem Bösen in dem andern verglichen wird, kann es gemessen werden; die Abscheulichkeit des Bösen im Menschen wird nur durch die Art und Weise offenbar, in der Gott ihm begegnet, wenn es in Seine Gegenwart gestellt ist. Wenn wir Gottes vergessen, neigen wir zu einer milderen Beurteilung der Sünde; Christus aber, gerade weil Er Ihn nie vergessen hat, musste es in den Umständen, die hier vor uns sind, mit Gott zu tun haben. Er ist nicht nur wegen der Sünden gestorben, die bei uns Abscheu hervorrufen, sondern auch wegen der ganzen Torheit, Leichtfertigkeit und Eitelkeit, wegen der unscheinbarsten wie auch der schwärzesten Fehler der menschlichen Natur. Vor Gott ist alles gleicherweise abscheulich und verdammungswürdig.
Der Herr Jesus hat am Kreuze Gott, Seinem Vater, die einzigartige Möglichkeit gegeben, in vollem Masse zu zeigen, was Er angesichts der Sünde ist. Das Gericht der Gottlosen, der Feuersee, der mit Schwefel brennt, werden dieses Mass nicht in seiner vollen Tiefe darstellen können; denn dort ist es ein verdientes Gericht, vollzogen an Sündern und Aufrührern. Im Falle Christi aber konnte sich das Mass des Zornes Gottes vollkommen zeigen, weil er an einer Person zur Ausübung kam, die «Sünde nicht kannte», aber sich aus Gehorsam geopfert hat, um für uns «zur Sünde gemacht» zu werden. Gott war scheinbar ungerecht, als Er Seinen Sohn dermassen schlug; und doch offenbarte Er gerade darin das völlige Mass Seiner Gerechtigkeit. Nichts vermag die Seele so zu heiligen, wie die Betrachtung dieser Dinge.
Die Freude der Gemeinschaft, die der Herr als Mensch mit Seinem Vater verwirklichte, war unendlich - und gerade dieser Gemeinschaft sollte Er beraubt werden. In einem äusserst geringen Masse wissen auch wir, was leiden heisst, wenn uns die Gemeinschaft mit dem Vater geraubt ist; jeder von uns empfindet diesen Verlust entsprechend dem Werte, den er dieser Gemeinschaft beimisst. Für Christus hatte diese Gemeinschaft einen unendlichen Wert, und ihre Unterbrechung musste daher bei Ihm einen unendlichen Schmerz auslösen.
Diese drei schrecklichen Stunden am Kreuze waren es, die Er in Gethsemane auf sich zukommen sah und die dort in Seiner Seele einen ringenden Kampf hervorriefen. In schwachem Masse können wir es begreifen, dass der Herr - bei dem Gedanken, von Gott verlassen zu werden, Dessen Wonne Er allezeit gewesen war und Den Er in allen Umständen in vollkommenem Gehorsam ununterbrochen verherrlicht hatte - von Entsetzen ergriffen, sehr bestürzt und beängstigt wurde, ja, dass Seine Seele «bis zum Tode» betrübt war (Mark. 14,34).
Es mag angebracht sein, daran zu erinnern, dass der Herr Jesus erst von der sechsten Stunde an in gerichtlicher Weise mit unseren Sünden beladen wurde. Dann aber, von der sechsten bis zur neunten Stunde, hat Er, der Vollkommene, der nie mit irgendwelcher Verunreinigung in Berührung gekommen war, nicht nur die Last unserer Sünden getragen, sondern ist für uns «zur Sünde» gemacht worden, auf dass Gott «die Sünde im Fleische verurteilte». Er, der gegenüber dem Bösen eine unabgestumpfte, bis ins Kleinste gehende Empfindsamkeit besass und die Sünde mit vollkommenem Abscheu hasste, wurde da so betrachtet und behandelt, wie Er selbst die Sünde betrachtete, so, wie das Böse in den Augen Gottes behandelt zu werden verdient. Und für Gott hat die Sünde eine zwiefache Folge: Erstens Verunreinigung und zweitens Schuld. Die Verunreinigung ist für einen heiligen Gott etwas Verabscheuungswürdiges und die Schuld ihrerseits ruft von Seiten eines gerechten Gottes ein schonungsloses Gericht herbei. Wir müssen uns in dieses Licht stellen. Nur dort, nur dort allein können wir im Unterscheiden des Guten und des Bösen Fortschritte machen. Nur dort, in jenen drei Stunden, findet sich der hierfür massgebliche, absolute Prüfstein. In einem anderen Lichte erscheint alles relativ.
Und nun kann man sich fragen: Welche Kraft war es wohl, die den Herrn aufrecht hielt, als Er sich in diesen Abgrund stürzte? Welches Wunder der Gnade und der Kraft ermöglichte es Ihm, in diese drei Stunden der Finsternis hineinzugehen, worin Er verlassen werden sollte? Er, Dessen Speise und Lust es war, den Willen Seines Vaters zu tun und Ihm zu gehorchen, konnte sich dort nicht auf Gott stützen. In Gethsemane redete Er Ihn mit «Abba, Vater» an; auch auf dem Kreuze selbst rief Er vor und nach den letzten drei Stunden zu Seinem Vater. Während dieser drei Stunden jedoch nicht mehr! Die einzige Kraft für Sein Herz, das, während Seines ganzen Lebens als Mensch Seine Stütze gewesen war, sollte Ihm fehlen. Noch weniger konnte Er auf Seine Jünger zählen; auf nichts und auf niemand konnte Er sich stützen. So sehr war Jesus verlassen! Aber eines hatte Er, das Ihn aufrecht hielt und Ihm Kraft gab, diesen Weg zu gehen: Die Macht Seiner Liebe zu Gott und zu den Menschen. Hier wurde die Kraft der göttlichen Liebe blossgelegt, in endgültiger und absoluter Weise offenbart. «Der Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude» hat Jesus «das Kreuz erduldet», lesen wir in Hebräer 12,2. Diese Freude war nichts anderes als die in Ihm zur Auswirkung kommende Lebe zum Vater; es lag vor Ihm die Freude, Gott in einem unendlichen Masse verherrlicht zu haben. Die Vollkommenheit auf was irgend sie sich auch beziehen mag - steht immer in Verbindung mit der Liebe, die man zu Gott hat; die Vollkommenheit ist deren Frucht. Der Herr hat bewiesen, dass Sein Ausspruch: «Ich liebe den Vater» (Joh. 14,31), volle Wahrheit war. Beim Anblick dieser wunderbaren Liebe kommt uns der Ausspruch eines alten Bruders in den Sinn: «Es gibt nichts, was mit dem Kreuze verglichen werden kann, es sei den das Herz Dessen, der auf ihm starb.»
Es steht geschrieben: «Grosse Wasser vermögen nicht die Liebe auszulöschen, und Ströme überfluten sie nicht» (Hohelied 8,7). Das kann im absoluten Sinne nur von der göttlichen Lebe Jesu gesagt werden, dieser glühenden Liebe in Seinem Herzen, die durch die Fluten des Gerichtes, die über Ihn hinweggingen, nicht ausgelöscht werden konnte.
Das waren einzigartige Stunden: Die Menschen waren gegen den Herrn; die Jünger hatten Ihn verlassen; alle Mächte der Hölle waren um Ihn her; und dann noch das Schrecklichste: Gott selbst wandte sich gegen Ihn! Diesem allem gegenüber war der Herr Jesus ganz allein. Er hatte zu Petrus gesagt: «Meinst du, dass ich nicht jetzt meinen Vater bitten könne, und er mir mehr als zwölf Legionen Engel stellen werde?» (Matth. 26,53). Doch die Engel waren da, betrachteten dieses Schauspiel, ohne eingreifen zu dürfen.
Ihn, den Gerechten verlassen zu sehen, der ohne weiteres in das Heiligtum des Himmels hätte zurückkehren können, ist ein Ereignis, das wohl geeignet ist, unsere Herzen zu fesseln. Auf diese Weise musste Er durch Sein Blut «aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation» Menschen für Gott erkaufen und sie Gott zu Königen und Priestern machen. Es handelte sich um das Heil derer, die gerade durch ihre Sünden die Ursache dieser schrecklichen Stunden waren. In unseren Sünden waren daher auch wir auf diesem einzigartigen Schauplatz vertreten, und wir können im Bewusstsein, dass wir dem Herrn alle diese Leiden verursacht haben, diese Szene nicht betrachten, ohne «bittere Kräuter» zu essen.
Das ist es, wessen wir uns am ersten Tag der Woche vor allen Dingen erinnern. Die Tatsache, dass Jesus von Gott verlassen wurde, damit alles, was Gott ist - Seine Liebe gegenüber den Sündern und Seine Heiligkeit gegenüber der Sünde - offenbar werde, ist die Quelle des Lobes und der Anbetung. Der Gottesdienst, das Abendmahl sollte daher mit Wahrheit im Herzen und in tiefer Einfalt gefeiert werden, und in Gegensatz zum Formenwesen und zur Leichtfertigkeit stehen. Es genügt nicht, wie die Töchter Jerusalems, die dem Herrn nachfolgten, als Er Sein Kreuz trug, Tränen der Rührung zu vergiessen; es bedarf der Sammlung, der Ehrfurcht, die der Heilige Geist und das Wort allein im Herzen der Heiligen bewirken und unterhalten können; es setzt in Erinnerung an unsere Sünde, die diese Stunden notwendig machte, eine demütige Haltung voraus. Nichts anderes vermag uns so mit wahrem Ernst zu erfüllen, wie die Betrachtung des Verlassenseins Jesu, Dem keine Milderung Seiner Schmerzen zuteil wurde, als Er den bitteren Kelch trank.
Es gibt im menschlichen Wortschatz keinen Begriff, der die aussergewöhnliche Liebe Christi auszudrücken vermöchte, eine Liebe, die den allmächtigen Gott, den Schöpfer aller Dinge, als wahrhaftigen Menschen ans Kreuz, in die Mitte von Menschen brachte, die Ihn schmähten, ohne dass Er ihnen auch nur mit einem einzigen Wort geantwortet hätte. Er hätte Seine Feinde vernichten oder diesen Schauplatz verlassen können. Aber Er tat es nicht. Das Werk des Vaters musste vollbracht werden, und Christus führte es mit einer unvergleichlichen Vollkommenheit aus, die durch die ausserordentlichen und erschwerenden Umstände, unter denen es geschah, nur um so mehr hervorgehoben wurde. Es war selbstverständlich, dass Jesus inmitten der ganzen, gegen Ihn gerichteten Bosheit des Menschen, die Er so tief empfand, Hilfe bei Dem suchte, der bis dahin ununterbrochen Seine Kraft gewesen war - doch gerade in diesen Augenblicken musste Er feststellen und verkünden, dass Gott Ihn verlassen hatte.
Sein Gott hat Ihn in den schlimmsten Umständen, die es geben kann, verlassen. Er aber hat dabei das Vertrauen in Seinen Gott nicht aufgegeben. Doch fand dieses Vertrauen im Herzen Jesu, das durch unveränderliche Treue, durch Gehorsam, durch die Liebe zum Vater und zu uns unterhalten wurde, in jenen Stunden keine Nahrung oder Stärkung, wie sie in einer Antwort Gottes gelegen hätte.
Die Prüfung musste zum Höchstmass kommen: Gottes Liebe zu den Menschen zögerte nicht, Seinen Geliebten einer totalen Prüfung zu unterziehen. Aber auch die Liebe Christi schreckte nicht davor zurück. Er erwies sich als über alle Prüfung erhaben, dadurch, dass Er in sich allein die Kraft fand, um unter den in diesem Psalm geschilderten Umständen durch das Verlassensein und den Zorn Gottes zu gehen. - Wir stehen hier auf dem heiligsten Boden, den es im ganzen Universum Gottes gibt, und es geziemt sich uns, «die Schuhe auszuziehen».
In Jesaja 53,10 finden wir den Ausdruck: «Jehova gefiel es, ihn zu zerschlagen, er hat ihn leiden lassen.» Dass es Gott «gefiel», genügte dem Sohn - der allezeit im höchsten Sinne des Wortes gehorsam und immer mit dem beschäftigt war, was Seinem Vater wohlgefiel - sich diesem Leiden zu unterziehen, das Ihm nach Gottes Ratschluss auferlegt wurde. Die Fortsetzung in diesem Vers: «Wenn seine Seele das Schuldopfer gestellt haben wird...» zeigt, dass Jesus den Willen Seines Vaters völlig annahm und ausführte.
Wie einzigartig und bewunderungswürdig war es, dass der Herr in Seiner schrecklichen Lage in keiner Weise nach irgendeiner anderen Hilfsquelle suchte! Wir haben Mühe, dies zu begreifen, weil wir in schweren Prüfungen unsere Hilfsquellen so leicht in diesem oder jenem Tröster oder in den Anstrengungen unseres Eigenwillens suchen. Der Herr aber hatte keinen Eigenwillen, nichts schützte Ihn. Seine Leiden der Seele und des Leibes lagen wie eine offene Wunde da, um weitere Schläge zu empfangen, Schläge von Menschen und Schläge von Gott. Nicht nur antwortete der Herr auf das Tun jener bösen, gewalttätigen Menschen mit keiner Kundgebung Seiner Macht, nicht nur empfand Er ihnen gegenüber keinerlei Rachegefühl - Er legte im Gegenteil Fürbitte für sie ein - sondern es regte sich in Ihm nicht einmal ein Gefühl der Selbstverteidigung. Das ist in seiner Vollkommenheit etwas absolut Einzigartiges.
Gerade weil in jenen drei Stunden die Herrlichkeit des Herrn auf so wunderbare Weise hervorstrahlte, so unternimmt der Feind die grössten Anstrengungen, die herrliche Klarheit des Kreuzes in der Christenheit und sogar unter den wahren Gläubigen zu verdunkeln. Wir halten zwar, was uns betrifft, daran fest, dass wir ohne das Kreuz kein Heil besässen, eine Wahrheit, die nicht überall bewahrt wird. Aber welchen Verlust haben wir, wenn wir es nicht verstehen, gemeinsam am Fuss des Kreuzes zu bleiben! Welche Einbusse erleidet die Kirche, wenn sie jetzt nicht dort zu verweilen weiss, um sich in jene Szene zu vertiefen, die sie doch in Ewigkeit betrachten wird! Welch ein Verlust auch für den einzelnen Christen, wenn er seinen Blick von dem Kreuze des Herrn abzieht! Ihn betrachten, das ist die verborgene Triebfeder aller christlichen Tätigkeit.
Es ist unzweifelhaft, dass in der ersten Zeit des christlichen Zeugnisses die Betrachtung des Kreuzes im Herzen der Gläubigen einen ersten Platz eingenommen hat. Unsere heimgegangenen Brüder wurden dahin geführt, diesen Gegenstand zu ergründen, nicht durch theologisch-wissenschaftliches Studium, sondern durch ehrfürchtige Erforschung des Wortes, unter Mithilfe des Heiligen Geistes. Sie haben Christus auf dem Kreuze betrachtet, nicht nur als unsern Sündenträger, sondern auch als Den, der dort Seine unausforschlichen, persönlichen Vortrefflichkeiten offenbarte. Sie betrachteten aber auch Christus in der Herrlichkeit; denn das Kreuz und die Herrlichkeit berühren sich.
Das Teil, das einst Maria gewählt hat, ist ein wirklich gutes Teil, und es sollte auch das unsrige sein. Sich viel an diesem Ort aufzuhalten, bedeutet keinen Zeitverlust; da nährt und bereichert sich die Seele und geht in die Freuden und Gedanken Gottes ein. Sie hat davon grossen Nutzen und Erbauung, und die Beschäftigung mit dem Kreuz führt sie auch zu einer einsichtsvolleren Anbetung.
Es ist wichtig, in der Erkenntnis dessen, was auf Golgatha geschehen ist, wohlgegründet zu sein. Unsere Vorgänger haben mit aller Energie an der grundlegenden Wahrheit festgehalten, dass die Sühnung ausschliesslich während der drei Stunden der Finsternis geschehen ist, obwohl diese Kämpfer für die Wahrheit darum stark angegriffen und sogar der Lästerung bezichtigt wurden. Wir, die wir jetzt in den letzten Zeiten des Zeugnisses leben, sollten uns davor hüten, dieses uns anvertraute Gut der Wahrheit, die sich auf die Herrlichkeit Jesu bezieht, rauben zu lassen. Unwissenheit auf diesem Gebiet ist eine offene Tür für den Feind, dessen Absichten uns nicht unbekannt sind.
Es ist also von aller Wichtigkeit, daran festzuhalten, dass der Herr vor der sechsten und nach der neunten Stunde am Kreuze die Gemeinschaft mit Seinem Gott genoss, innerhalb dieser drei Stunden aber dieses Teil, das die Freude Seines Herzens ausmachte, entbehren musste. Mehr noch, Gott war gegen Ihn. Das ist es, was die Vorgänge, die sich in jenen drei Stunden abspielten, so unergründlich macht und sie von den ersten drei Stunden am Kreuze so völlig unterscheidet. Die Qualen, die Jesus von Seiten der Menschen erduldete und deren Beschreibung wir in den folgenden Versen finden, treten gegenüber den Leiden in den Hintergrund, die Er nachher unter den schrecklichen Schlägen Gottes, im Verlassensein von Ihm erlitt. Wenn wir dies nicht festhalten, so verlieren wir das Verständnis für die Bedeutung der drei Stunden der Finsternis, und alle Empfindungen, die sich bei der Betrachtung dieses Schauspiels für den Gläubigen geziemen - die Furcht, der Ernst, die Demütigung und die Anbetung - werden dadurch geschwächt. Es ist in der Tat eine Szene, auf die man immer wieder und besonders am Sonntagmorgen zurückkommen sollte, so unerschöpflich ist sie. Dort sehen wir Jesus nicht als nachzuahmendes Vorbild - das ist Er vor der sechsten und nach der neunten Stunde - sondern als den einen, wunderbaren Heiland.
Gewiss stehen wir alle unter dem Eindruck, dass das Kreuz des Herrn, wie die Schrift es uns darstellt und wie der Heilige Geist es uns betrachten lehrt, die Herrlichkeit und das Banner der Kirche ist. Da wurde die Frage des Guten und des Bösen durch Gott endgültig geregelt. Alles seit den Tagen Abels vergossene Blut, die ganze Verderbnis, alle Schändlichkeiten und Gewalttaten sind nur der Ausfluss des Bösen. Hier aber wurde die Quelle des Bösen selbst getroffen. Nichts wie die Betrachtung des Kreuzes ist so sehr geeignet, uns zu heiligen, jeden Leichtsinn, alle Flatterhaftigkeit und auch die Neigung zu zerstören, es der Welt im Scherzen über das Böse gleichzutun, was ja nur möglich ist, wenn man die Arglist des Fleisches aus den Augen verliert.
Auch sind wir nur in dem Masse fähig, anzubeten, als wir an das Kreuz denken. Wenn wir nicht in das eingehen, wovon es zu uns spricht, was wird dann aus unserer Anbetung? In unserem Gottesdienst sollte es sich nicht in erster Linie um uns handeln, sondern um unsern Herrn Jesus Christus und um Seine Leiden.
Am Kreuze lernen wir im Vergleich mit Christo auch uns selbst kennen: Wir sehen in Ihm einen Menschen, der nur handelt und redet oder das Schweigen bewahrt, wenn es zur Verherrlichung Gottes dient, und dessen Lebensäusserungen alle den unsrigen so völlig entgegengesetzt sind. Nichts vermag uns in unseren eigenen Augen so sehr herabzusetzen, wie ein solcher Vergleich. Derartige Gedanken machen unserer ganzen Anmassung ein Ende und auch allen unseren Bemühungen, unser eigenwilliges und verderbtes Fleisch mit einem falschen Schein zu umgeben, womit wir so gerne uns selbst und andere täuschen. Nur so, nur wenn wir uns in dem Lichte des gesegneten Kreuzes aufhalten, das dem Strome der Gnade Gottes den Weg öffnet, werden wir glücklich sein. Doch wie oft gehen unsere Worte über das hinaus, was sich in unseren Herzen abspielt, besonders in der gemeinsamen Anbetung!
Die Betrachtung dieser Dinge, die zum Erhabensten gehören, was uns die Offenbarung Christi gebracht hat, ist unbedingt mit dem Bestehen des Zeugnisses für den Herrn verknüpft. Ohne diese zentralen Wahrheiten am Ausgangspunkt des ganzen Werkes Gottes gegenüber dem Menschen gibt es kein wahres Zeugnis. Deshalb bildet der Tisch des Herrn, wo das Gedächtnis des Todes Christi gefeiert wird, den Mittelpunkt des Zeugnisses. Wird die sittliche Schönheit des Kreuzes in unseren Herzen durch unsere Betriebsamkeit, durch unsere Dienstleistungen, durch die Verkündigung des Evangeliums oder durch die Sorge um die Seelen verhüllt, so ist dies ein unersetzlicher Verlust. Anderseits aber wird gerade die ungehinderte Betrachtung des Kreuzes das Herz zu allen diesen Werken antreiben.
Welch ein Glück wäre es, wenn die Kirche aller ihrer menschlichen Verzierungen beraubt wäre! Welch eine Freude würden wir schmecken, wenn unser Verlangen grösser wäre, uns mit Christo, so wie Er ist, einszumachen! Und welche Freude wäre dies für Sein eigenes Herz! Wir sind in den Auswirkungen Seines Todes mit Jesu verbunden; aber ebenso müssen wir verwirklichen, dass wir auch in Seinem Tode mit Ihm einsgemacht sind. Der Platz der Schmach und der Verwerfung, den Er unter den Menschen einnahm, ist auch der unsere; lasst uns begehren, diesem Vorrecht zu entsprechen! Vor allem aber müssen wir verwirklichen, dass das Gericht Gottes, das Christus traf, unser Gericht ist, das wir in unserer sündigen Natur und ihren Früchten verdient hatten. Wenn wir uns dies alles besser vergegenwärtigten, wie sehr gewönnen da alle unsere Zusammenkünfte zur Anbetung, zum Brotbrechen usw. an Einfachheit, an Tiefe und geistlichem Wesen!
Der Heilige Geist kann uns jedoch nicht in die Betrachtung dieses Wunders am Kreuze einführen, solange wir nicht von dem ungerichteten Eigenwillen befreit sind, der aus der Eigenliebe und dem Hochmut hervorkommt und gerade am Kreuze seine unwiderrufliche Verurteilung gefunden hat. Noch weniger kann Er es uns geniessen lassen, wenn unsere Herzen in allerlei Dinge verwickelt und vom Staub und den Unreinigkeiten dieser Welt erfüllt sind. Er löse uns davon, damit Jesus in allen Herzen, die Ihm gehören, den Vorrang habe. Er ist es würdig! Wie die Wunden in Seinen Füssen und Händen, die Merkmale Seiner körperlichen Leiden, so bleiben auch die Leidensspuren Seines Verlassenseins in Sein Herz eingeprägt, und in diesem Herzen, das für uns litt, in dem göttlichen Herzen des Heilandes, nehmen wir einen ewigen Platz ein.
Gottesdienst ist der wunderbarste Dienst, der den Menschen je anvertraut worden ist. Und doch geben ihm die meisten Christen nicht den ersten Platz; viele üben ihn überhaupt nicht aus. In den Anstrengungen Satans, die Seelen vom Wichtigsten abzuziehen, hat er hier wiederum einen Sieg davongetragen.
Das Wesen des Gottesdienstes besteht darin, die Vollkommenheit des Opfers Jesu Christi und Seines Werkes vor dem Angesicht Gottes darzubringen. Gewiss gäbe es für die Erlösten ohne die Erinnerung an das Sündopfer, wie wir es am Anfang des Lobgesanges in Offenbarung 1 finden, keinen Gottesdienst. Aber je mehr wir über die Vollkommenheiten des Opfers selbst nachsinnen, desto mehr werden sich unsere Körbe für den Gottesdienst füllen. Und diese Vollkommenheiten leuchten in unvergleichlicher Weise aus diesem Psalm hervor: Es sind die Herrlichkeiten Jesu in Seinem Leiden der Sühnung.
Von diesen Leiden ist im Worte verhältnismässig wenig die Rede. Es wird uns nicht gesagt, worin sie bestanden haben; sie sind sozusagen zwischen den Zeilen zu lesen, wenn im 40. Psalm von «meinen Ungerechtigkeiten» (Vers 12), im 69. Psalm von «meiner Torheit» und «meinen Vergehungen» (Vers 5), und in unserem Psalm vom Verlassensein von Gott die Rede ist. Man kann sie wahrnehmen, wenn das Wort vom Schwert spricht, das «wider meinen Hirten und wider den Mann, der mein Genosse ist», erwacht (Sach. 13,7), und wenn der Herr ausruft, dass Ihm die Wasser «bis an die Seele gekommen» seien und Er in «tiefen Schlamm versunken» sei und «die Flut» Ihn «überströme» (Psalm 69,1.2). Das sind für den menschlichen Geist unergründliche Dinge, die wir erst in der Ewigkeit verstehen werden.
Vers 2
Sowohl dieser Vers als auch die Verse 14 und 15 unseres Psalms geben uns einen Begriff von der Tiefe der Leiden Dessen, der auf diese Weise von Gott verlassen und geschlagen wurde: «Mein Gott! Ich rufe des Tages, und du antwortest nicht; und des Nachts, und mir wird keine Ruhe.» Er, Der in Psalm 63,1 sagt: «Gott, du bist mein Gott! Frühe suche ich dich...», muss hier bekennen: «Ich rufe des Tages, und du antwortest nicht...» Er wendet sich an Seinen «starken Gott» (El), erhält aber keine Antwort. Dabei ist sehr beachtenswert, dass der Herr trotzdem Sein Angesicht Gott zugewandt hält und Seine Klage vor Ihm ausschüttet. Wenn Sein Gebet auch nicht bis zu Gott hindurchdrang - ein Ausdruck, den wir in Klagelieder 3,44 finden - so blieb Gott gleichwohl der Gegenstand Seines Herzens und der Beweggrund Seines Lebens.
So trat also in Seinen Leiden am Kreuze die erhabenste Vollkommenheit des Herrn Jesus zutage; dort kam das, was Er ist, in absoluter Weise zum Vorschein. Und diese Vollkommenheit des Opfers ist es, die wir als Anbeter Gott, Seinem Vater, darbringen.
Vers 3
In diesem Psalm zeigen sich nicht nur die Vollkommenheiten der Natur des Herrn, sondern auch die Vollkommenheiten Seiner Gefühle und Seines Vertrauens, das gerade in diesen Stunden so deutlich zutage trat. An das Kreuz genagelt, verkündete Jesus die Heiligkeit Gottes: «Doch du bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels.» Er machte sich mit Israel eins in der Erkenntnis, dass Jehova der Lobgesänge Seines Volkes würdig ist, und indem Er die Last des ganzen Zornes Gottes gegen die Sünde trug, stellte Er gleichzeitig das Mass der Heiligkeit Gottes fest.
Die Heiligkeit Gottes liess es nicht zu, dass sich sündige Menschen mit Ihm versöhnten, es sei denn, ein vollkommenes Opfer werde für sie dargebracht. Es bedurfte der Vollkommenheit des reinen und fleckenlosen Opfers Christi, um der göttlichen Heiligkeit zu entsprechen. Durch Seinen Tod am Kreuze hat der Herr Jesus Seinem Vater Gelegenheit gegeben, für alle Ewigkeit Seine Herrlichkeit zu entfalten. Man darf sagen: Auch wenn kein einziger Sünder errettet worden wäre, so hätte der Herr dennoch Sein Leben dafür hingegeben, dass die sittliche Herrlichkeit Gottes für ewig offenbart wurde.
Verse 4-6
In diesen Versen erinnert Christus an die Treue Gottes, der immer und ausnahmslos alle befreit hat, die auf Ihn vertrauten. Der Herr selbst hatte in Seinem Dienst die Menschen eingeladen, auf Gott zu vertrauen, und nun war Er hier gezwungen, in aller Öffentlichkeit vor den Menschen, vor den Engeln und vor der Geschichte zu verkünden, dass Gott Ihn verlassen habe.
Welch eine erstaunliche Tatsache für die Engel, die dieses aussergewöhnliche Schauspiel betrachteten! Der Herr erklärte (Vers 4): «Auf dich vertrauten unsere Väter... und du errettetest sie.» Im ganzen Verlauf der Geschichte der Menschheit hatte es nie einen auf Gott vertrauenden Menschen gegeben, der von Ihm verlassen worden wäre. Aber hier verleugnete Gott scheinbar sich selbst. In Psalm 69,6 tritt der Herr für die Seinen ein und betet für sie, dass sie nicht durch Ihn beschämt werden möchten. Er bittet darum, dass das Verlassensein, das Er erfahren musste, den Heiligen nicht zum Ärgernis werde, zum Stein des Anstosses für die, die Gott suchen, und wegen des Anblicks des verlassenen Christus am Kreuze an Gottes Treue zweifeln könnten.
Wenn hier ein Vergleich erlaubt ist, so hat auch Paulus aus seinen Trübsalen heraus den Ephesern geschrieben: «Deshalb bitte ich, nicht mutlos zu werden durch meine Drangsale für euch, welche eure Ehre sind» (Kap. 3,13).
Hier, in den Versen 4 und 5, bezeugt der Herr, dass die Treue Gottes weder gegenüber dem Glauben der Väter noch gegenüber dem Vertrauen von irgendeinem Menschen gefehlt habe. Aber im sechsten Vers stellt Er sieh in Gegensatz zu ihnen allen: «Ich aber bin ein Wurm und kein Mann...» Welch eine unbegreifliche Erniedrigung! Welch eine Demütigung ohnegleichen!
Verse 7 und 8
Aus diesen Versen geht hervor, wie sehr der Herr am Kreuze unter dem Spott der Menschen gelitten und wie Ihn dort der höhnende Zuruf der Obersten der Juden tief geschmerzt hat: «Er vertraut auf Jehova! Der errette ihn, befreie ihn, weil er Lust an ihm hat!» Das Herz des Herrn war für einen solchen Pfeil der Zunge der Menschen unendlich verwundbar. Psalm 57,4 bezeichnet sie als «Menschenkinder, deren Zähne Speere und Pfeile, und deren Zunge ein scharfes Schwert ist». Er wurde hier angeklagt, wie einst Hiob von seinen Freunden, seine Lage beweise, dass er Gott nicht wohlgefalle: «Gott rette ihn jetzt, wenn er ihn begehrt» (Matth. 27,43). Daher wird der Überrest später bekennen: «Wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt» (Jes. 53,4). Während Hiob, der in seinen Leiden bis zur Ankunft seiner Freunde mit seinen Lippen nicht gesündigt hatte, in dieser Versuchung strauchelte, blieb Christus fest und offenbarte dabei nur Seine eigenen Vollkommenheiten.
Der Herausforderung gegenüber: «Gott... rette ihn jetzt, wenn er ihn begehrt», ist die Antwort des Herrn Jesus kostbar; wir vernehmen sie wie einen Widerhall aus dem Jenseits der Auferstehung: «Er befreite mich, weil er Lust an mir hatte» (Ps. 18,19). Übrigens war diese Herausforderung an Jehova selbst gerichtet, und man kann sich denken, was sie für das Herz Dessen bedeutete, der am Jordan über Seinem Sohne den Himmel geöffnet und gesagt hatte: «An dir habe ich Wohlgefallen gefunden» (Mark. 1,11).
Anderseits haben wir wohl zu beachten, dass es die Feinde selbst waren, die in diesem erhabenen Augenblick feststellten, dass Christus auf Gott vertraute.
Verse 9-11
Es scheint, dass sich der Herr im neunten Vers auf Gott beruft. Mochten die Menschen denken und sagen, Er habe Gott nicht wohlgefallen und sei aus diesem Grund nicht durch Ihn befreit worden - Christus brachte mit innerer Gewissheit zum Ausdruck, dass Er vom Mutterschosse an auf Gott vertraut habe. Auch hierin ist Er weit erhaben über Hiob, der im Schmelztiegel der Prüfung voller Bitterkeit ausrief: «Warum starb ich nicht vom Mutterleibe an?» (Hiob 3,11).
Eine Einzelheit in den Worten des Herrn hebt dieses Vertrauen deutlich hervor: Im Augenblick Seines Verlassenseins sagte Er nicht «Gott», sondern «mein Gott» (Verse 1,2,10). Ein an sich unbedeutendes Wort, und doch drückt es eine Wahrheit von unendlicher Tragweite aus.
Der Herr verwirklichte die Treue im Festhalten am Vertrauen auf Gott in völliger Weise, eine Treue, die wir so wenig kennen, obwohl sie eine der grossen Tugenden des Glaubens ist. Während wie vieler Augenblicke im Laufe eines Jahres vertrauen wir auf Gott? Wir stützen uns viel lieber auf die Umstände und auf alle möglichen Dinge.
Jesus hätte von Seiner göttlichen Macht Gebrauch machen, sich schützen und sich in manchen Umständen einen Ausweg schaffen können; aber Er tat es nie. So war es z.B. auch, als Er in dem Schiffe schlief: Erst als Sein Vertrauen völlig offenbart war, hat Er als Gott dem Sturm und dem Meer befohlen. Auch in allen anderen Tagen und Stunden Seines Lebens, von denen im Worte nichts erzählt wird, war es so. Sein bis dahin fortwährend offenbartes, vollkommenes Vertrauen erlaubte dem Herrn, so zu reden, wie Er es in den so schrecklichen Umständen des Kreuzes tat.
Doch gerade Er, der als Einziger den Beweis geliefert hatte, dass man Gott unbedingt vertrauen kann, Er, der diesen Weg öffentlich vorangegangen ist, gerade Er musste ausrufen, dass der Gott Seines Vertrauens Ihn verlassen habe. Aber gleichzeitig gab Er auch bekannt, dass Er trotzdem nicht aufhören werde, Seinem Gott zu vertrauen! Das ist in Bezug auf die Vollkommenheit Christi das wunderbarste aller Geheimnisse.
Dieses Leben des Vertrauens an sich allein wäre auf dem Pfade des Herrn hienieden schon etwas Wunderbares gewesen. Aber zur Verherrlichung Gottes hätte daran das Schönste und Herrlichste gefehlt. Es bedurfte auch des unerhörten Umstandes des Verlassenseins Christi, um das wahre Ausmass Seiner Vollkommenheit, die in Seinem Vertrauen offenbart wurde, anschaulich zu machen. Niemand wird sagen können: Christus hat vertraut, weil Gott so ganz für Ihn war, oder auch, weil Er keine Sünde mit sich herumtrug; es sei für einen mit der Sünde in Verbindung gekommenen Menschen viel schwieriger, auf Gott zu vertrauen. Nein, am Kreuze sehen wir Christus auf Gott vertrauen, als Gott gegen Ihn war, wie Er es nie gegen jemand anders sein wird. Er blieb vollkommen und immer gleich in sich selbst bis zum Ende der Prüfung.
Wenn die Gläubigen - vor und nach dem Kreuze - die Folgen dieses Vertrauens in Gott geniessen dürfen, so haben wir dies ausschliesslich der Tatsache zu verdanken, dass Jesus durch diese Leiden hindurchgegangen ist, ohne schwach zu werden und ohne irgendwelche Stütze zu haben. Was bemächtigte sich der Seele eines jeden Sünders in einer weit weniger heftigen Prüfung als dieser? - Verzweiflung, die Verzweiflung eines Menschen, der sich auf nichts mehr stützen kann. Jesus aber war ohne irgendwelche Stütze von Seiten der Engel oder von Seiten Gottes, und doch blieb Sein Vertrauen in Gott unerschütterlich. Er hielt es aufrecht, als Ihm jede äussere Veranlassung dazu genommen war. Für Sein Vertrauen gab es nur einen einzigen, einen innerlichen Grund: Seine eigene Vollkommenheit. Eine solche Prüfung ohnegleichen musste unbedingt stattfinden, wenn diese überaus wichtigen sittlichen Probleme beleuchtet werden sollten. Jetzt aber ist alles vollkommen abgeklärt. Welcherlei sittliche Frage man auch in Betracht ziehen mag - am Kreuze wurde sie geregelt. Auch Satan hat nichts mehr zu sagen: sein Mund ist zum Schweigen gebracht; er hatte ihn während des Lebens Christi und, durch seine Werkzeuge, auch beim Tode Christi geöffnet. Wir sehen da den unbedingten Triumph des vollkommenen Menschen über alle Folgen des Bösen.
Wie gross ist das Werk, das durch den Eintritt der Sünde in die Welt notwendig geworden ist! Beim Sündenfall wurde Misstrauen in das Herz Adams und Evas gesät. Es bedurfte des Vertrauens Christi, selbst bis in das Verlassensein hinein, um das Vertrauen des Menschen Gott gegenüber wieder herzustellen. Und es war notwendig, dass Gott selbst im Blick auf die Verunehrung, die Er erlitten hat, durch das Vertrauen, das Jesus während jener drei Stunden an den Tag legte, auf eine unendlich erhabene Weise verherrlicht wurde. Die durch das Misstrauen des Menschen beleidigte Herrlichkeit Gottes erforderte diese Massnahme.
Wir sind leicht geneigt, alle diese Tatsachen in einer allgemeinen und oberflächlichen Weise zu betrachten, aber Gott will uns daran erinnern, dass alle diese Leiden Wirklichkeit waren; und die sittlichen und geistlichen Wahrheiten sind um vieles erhabener als alle anderen Wirklichkeiten. Es gibt aber keine sittliche Wahrheit, die nicht am Kreuze beleuchtet worden wäre; alle Wahrheiten wurden dort bis auf den Grund kundgetan, alle Fragen zur Verherrlichung Gottes, zur Verherrlichung Christi und zum Segen für die Auserwählten gründlich geregelt. Sich mit dem Kreuz beschäftigen, heisst, sich mit dem Wunderbarsten und Heiligsten beschäftigen, das es überhaupt gibt.
Die Liebe, das Vertrauen und die Abhängigkeit in allen Dingen, diese verschiedenen Wesenszüge des göttlichen Lebens im Leben Jesu und vor allem in Seinem Tode zu betrachten - davon soll sich die Kirche nähren.
Verse 12-18
Diese Szene, in welcher Jesus als Gegenstand des Hasses der Menschen vor uns steht, ist von einer Grösse, die unser Fassungsvermögen übersteigt. Er hängt am Kreuz und schweigt zu all dem Hohn, dem beissenden Spott, zu den Beschimpfungen der Obersten und auch der Räuber, die mit Ihm gekreuzigt sind. Nichts von alledem, was die Menschen Ihm antun, vermag Seine Gedanken vom Vater abzulenken. Er wendet sich an Ihn. Den Menschen hat Er nichts zu sagen, aber mit Gott redet Er in unerschüttertem, vollem Vertrauen.
In den Versen 12-18 gibt der Herr in Seiner schrecklichen Lage Seinen Gefühlen vor Gott Ausdruck: Von der Erde erhöht, von Gottlosen umringt, schildert Er Ihm Seine Drangsal und ruft Ihn an (Vers 19): «Meine Stärke, eile mir zur Hilfe!»
Es scheint, dass in diesen Versen zwei Kategorien von bösen Menschen unterschieden werden. In Vers 12 ist von vielen Farren und mächtigen Basans die Rede. Damit sind die Vertreter der obrigkeitlichen Gewalten, die Obersten und Führer des Volkes gemeint, die der Kreuzigung beiwohnten und mit dem Volke Jesus verspotteten (Luk. 23,35). - Die Ausdrücke «Hunde»... «eine Rotte von Übeltätern» hingegen scheinen die römischen Kriegsknechte, den sensationshungrigen Pöbel, die namenlose Volksmenge zu bezeichnen. In der Ausübung ihrer Schandtat gegen über dem Herrn waren sie sich alle einig.
Diese Verse, die die Haltung der genannten beiden Gesellschaftsklassen gegenüber dem Herrn beschreiben, führen uns auch zwei verschiedene Ursachen Seiner Leiden vor Augen. Sie zeigen, was Er unter dem Tun derer empfand, die ihre Macht und Autorität gegen Ihn missbrauchten, und wie Er unter dem Benehmen der zweiten Gruppe litt, die Ihn in Seiner schändlichen Erniedrigung mit unverhohlener Neugier betrachtete. Einerseits musste Er wegen der unbarmherzigen Härte und Grausamkeit derer, die Seine Schwachheit ausnützten, Leiden erdulden, und andererseits schmerzte Ihn vielleicht noch mehr, was die unreinen Menschen, die «Hunde», Ihm antaten, indem sie sich, ohne die geringste sittliche Hemmung, an Seiner Schande weideten. Angesichts des Herrn, der eingewilligt hatte, in Seinen Leiden den Blicken der Menschen ausgesetzt zu werden, nahm ihre sittliche Zügellosigkeit freien Lauf.
Wir tun gut, diese beiden Arten von Leiden, die der Herr am Kreuz von seiten der Menschen erduldete, wohl zu erwägen. In Berührung mit soviel Gewalttätigkeit und soviel Schmach suchte Er bei Gott Trost; doch musste Er feststellen: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Der Mensch nützte die Gelegenheit aus, um seine ganze Bosheit zu zeigen gegen jemand, der sich - wir sagen es mit aller Ehrfurcht der Gewalttätigkeit und Verderbtheit des menschlichen Herzens so völlig als Zielscheibe aussetzte.
In diesen beiden Klassen von Personen, die das Kreuz umringten, waren alle Arten von Menschen, die zu den verschiedensten Stufen der gesellschaftlichen Rangordnung gehörten, vertreten, Arme und Reiche, Unwissende und Gebildete. Aber Gott hält sich nicht bei diesen Unterschieden auf, von denen wir Menschen so viel Wesens machen; denn derselbe Mensch gebärdet sich bald wie ein Stier oder Mächtiger von Basan, bald wie ein Hund, der sich über die Schande eines anderen freut. Wie beschämend für uns! Vor Gott gibt es nicht Millionen verschiedenartiger Menschen, sondern nur zweierlei Menschen: den «ersten Menschen» und den «zweiten Menschen». Auch hier standen sie sich gegenüber. In diesen Stunden des Kreuzes zeigte sich das wahre Antlitz der Welt. In seinen Zügen können wir sehen, was der Mensch ist. Wir haben nicht nötig, alles zu lesen, was von Menschen geschrieben wird, um zu wissen, was der erste Mensch ist; dem, was uns hier im vollkommenen sittlichen Lichte gezeigt wird, vermag es nichts hinzuzufügen. Diese unerhörte Szene, wo der vollkommene Mensch in sittlicher Hinsicht unter die Füsse getreten und von diesen «Hunden», die Ihn betrachteten, in Seiner Schmach öffentlich beschimpft und verspottet wurde, wie es keiner von uns auch nur einen Augenblick lang ausgehalten hätte, diese Szene offenbart die Wirklichkeit der Geschichte der Welt und des Menschen.
In diesem unverwischbaren Gemälde sehen wir das geöffnete Herz Christi dem geöffneten Herzen des Menschen gegenübergestellt. Auch können wir darin die unergründliche Grösse des Herzens Gottes erkennen, der, alles im Voraus wissend, Den hingegeben hat, Dessen Vollkommenheit in dieser Welt offenbar wurde, zum Heil einer Menschheit, deren völlige Bosheit im gleichen Augenblick endgültig bewiesen worden ist. Nur wenige Einzelheiten dieses Gemäldes können in Worte gefasst werden; selbst dessen Betrachtung in der Ewigkeit wird es nicht ausschöpfen.
Hier steht eine unvergleichliche, sittliche Schönheit einer unsagbaren Hässlichkeit gegenüber. Bei den Vergleichungen, die der Heilige Geist zwischen dem Herrn und allen diesen Menschen macht, fällt uns auf, wie der göttliche Schreibstil nie in den alltäglichen oder ungeziemenden Realismus der Menschen fällt; der Geist Gottes schildert diese Szene mit grosser Genauigkeit des Ausdrucks, gepaart mit vollkommener Feinheit. Die Haltung des Herrn, gekennzeichnet durch völlige Schwachheit, die nach aussen hin jede Äusserung der Energie völlig ausschloss, steht in unbedingtem Gegensatz zu der Tatkraft der Stiere und Mächtigen Basans. Es gibt Menschen, die sich selbst noch im Tode wehren; Christus aber nahm das Leiden völlig an und zeigte nicht den geringsten Widerstand. Das geht besonders aus Vers 15 hervor. Ein anderes Kennzeichen der Unterwürfigkeit des Herrn offenbarte sich darin, dass Er sich nicht bei Ursachen zweiter Ordnung aufhielt. Er sah das Tun der Menschen und sprach davon, und doch sagte Er: «In den Staub des Todes legst du mich» (Vers 15). Hatte Er den Kelch, den Er jetzt trank, nicht schon in Gethsemane aus der Hand des Vaters selbst angenommen?
Ein anderer Wesenszug des Herrn, vor dem man stehen bleiben muss, zeigt sich darin, dass Er in all Seiner Schmach und in Seinem Schmerz Sein Haupt nicht aufwarf, so wie ein Mensch es sonst tut, indem er, um sich zu verteidigen, sich stolz zeigt und andere herausfordert. Christus suchte nicht in dieser Verteidigungsform Zuflucht; Er nahm die schreckliche Lage an, in der Er sich befand.
Wie leuchtet hier Seine Vollkommenheit so hell hervor! Sie wird in schrecklicher Weise auf die Probe gestellt, aber sie triumphiert. Nichts und niemand kommt Ihm zu Hilfe. Alles und alle sind gegen Ihn: Gott, die verschiedenen Menschenklassen, die Obrigkeiten, Satan und die Dämonen. Er wurde in Schwachheit gekreuzigt, scheinbar zur Ohnmacht gezwungen, und doch war gerade das der Augenblick, in welchem Er die Fürstentümer und die Gewalten auszog, sie öffentlich zur Schau stellte und durch das Kreuz über sie einen Triumph hielt (Kol. 2,15). Alle Bemühungen Satans und des Menschen, dessen er sich bediente, um den Herrn zu veranlassen, sich zu schützen und sich dem Leiden zu entziehen, waren vergeblich, und so wurde Sein Verhalten zu einem einmaligen Beispiel.
Nie gab es einen Schmerz wie Seinen Schmerz; nichts reichte an Ihn heran. In der Tat, einerseits sind die Schmerzen der Menschen, Schmerzen von Sündern und daher zum grossen Teil selbstverschuldet; anderseits gab es nie eine solch völlige Annahme des Schmerzes, wie Christus sie zeigte. Der Herr ist nicht bewunderungswürdig, weil Er wie ein Held Seine Feinde herausforderte, sondern weil Er sich bedingungslos unterwarf. Es war eine Erprobung Seiner Vollkommenheit: Es sollte sich erweisen, ob sie stärker sein würde als aller Schmerz, der Ihm bereitet wurde; und der Ihm auferlegte Schmerz stand in Beziehung zu der Regelung der ganzen Frage des Guten und des Bösen. Diese Regelung geschah in absoluter Weise und Gott entsprechend. Das Problem kann nicht mehr aufgeworfen werden; Satan weiss es sehr wohl.
Wie die Frage des Vertrauens, so wurde am Kreuze auch die Frage der vollkommenen Unterwürfigkeit erschöpfend beantwortet. Durch die Menschen trat Satan versuchend an Ihn heran mit den Worten: «Wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuze!... Rette dich selbst!...» Vor der vollkommenen Unterwürfigkeit Jesu, in der Seine Liebe zum Vater zum Ausdruck kam, beugen wir uns tief. Satan rückte in diesem entscheidenden Augenblick mit allen seinen teuflischen Mitteln ins Feld und konzentrierte alle seine Anstrengungen zu einem äussersten Versuch, um den Widerstand, die Treue des Herrn, zu brechen. Die Macht des Teufels, die hier auf dem Spiele stand, war eine ernst zu nehmende Tatsache, bezüglich welcher die Schrift besonders spärlich an Einzelheiten ist. Aber welch überragenden Wert erkennen wir jetzt in dem Siege Christi! Satans Macht ist heute gebrochen, seine Niederlage ist vollkommen.
Warum Gott dem Bösen einzudringen erlaubte, ist nicht offenbart. Das eine aber wissen wir: Der Triumph des Guten über das Böse im Blick auf den Menschen sollte in dem Menschen und durch den Menschen vollbracht werden. Gott wurde in dem Menschen offenbart und verherrlicht, nicht in den Engeln. Man kann sagen: Gott verdankt die Entfaltung Seiner Herrlichkeit dem zweiten Menschen, das heisst Christo, Seinem Kommen in diese Welt und Seinem Tode am Kreuze, wo Er im Verlaufe der drei Stunden der Finsternis die schreckliche Frage der Sünde regelte. Der Mensch Christus Jesus gab Gott die Möglichkeit, sich in der Erlösung zu verherrlichen.
Der Triumph des Guten über das Böse ist etwas weit Erhabeneres als die Aufrechthaltung des Zustandes der Unschuld. In diesem Triumph hat Gott Gelegenheit gefunden, sich zu offenbaren. Wollen wir wissen, was Gott ist, so brauchen wir nur ans Kreuz zu blicken; wollen wir wissen, was wir sind - auch das lernen wir am Kreuze, und wir müssen daher immer wieder dorthin zurückkehren. Der Römerbrief liefert uns die geistliche Begründung der Sache, hier aber haben wir die Tatsache selbst, wie nirgendwo anders. Das Herz des Menschen zu allen Zeiten ist es, das hier offenbart wird. Diese Frage ist durch Christus vor Gott endgültig abgeklärt worden. Auch wir müssen uns in diesem Lichte beurteilen. Die praktische Verwirklichung davon wird in uns zweifellos zu wünschen übriglassen, aber lasst uns wenigstens völlig überzeugt sein, dass alles, was wir in unserem natürlichen Zustande sind, am Kreuz ans Licht gebracht und geregelt worden ist. Sind wir zu dieser Überzeugung gelangt, so haben wir in unserer geistlichen Entwicklung einen grossen Schritt vorwärts getan.
Unser Ich ist am Kreuze entlarvt worden. Dort zeigte es sich mit seinem wahren Gesicht, und dort wurde es auch verurteilt. Die von Gott belehrten Christen werden sich daher in Bezug auf sich selbst keine Illusionen mehr machen. Alle sittlichen oder materiellen Anstrengungen, den Menschen zu verbessern, sind vergeblich; sie sind zwecklose Versuche, um die in der Seele wirkende Kraft der Wahrheit zu übertönen. Dass uns Gott diese endgültigen Wahrheiten bekannt gemacht hat, ist ein Wunder; wir müssen nicht mehr zögern, wie alle Philosophien der Welt es tun, den Schlusspunkt der Wahrheit zu suchen. Er ist völlig offenbart; wir müssen nur noch unsere Schlussfolgerungen daraus ziehen.
Was der Mensch zu tun vermag, hat sich in seiner Geschichte, in einer vollständigen Liste aller Verbrechen, gezeigt. Und das Verbrechen, das alle anderen in den Schatten stellt, ist die Ermordung Christi. Im Keim zeigte es sich schon im Tun Kains. Gott schmeichelt uns nicht; Seine Liebe belehrt uns über alles, was wir zu unserem eigenen Wohl wissen müssen, sowohl über das, was wir sind, als auch über das, was Er selber ist. Da, bei diesem Punkt, öffnet sich der Weg der Glückseligkeit.
Wenn die Stunden des Kreuzes heute noch andauerten, so könnte diese Szene den Augen Gottes nicht gegenwärtiger sein, als sie es schon ist. Für Ihn ist sich die Welt gleich geblieben, so also, wie sie sich während der sechs Stunden des Kreuzes gezeigt hat. Wir selber aber vergessen es so leicht! Jemand hat gesagt: Wenn wir treu wären, so würden wir uns so betragen, als ob der Tod Jesu gestern stattgefunden hätte. Wenn auch bei uns das Bewusstsein von der Szene des Kreuzes so tief wäre, wie wenn sie sich soeben erst abgespielt hätte, wie sehr wäre dann unser ganzes Leben von dem Wert des dargebrachten Opfers durchdrungen, von dem Preis, der bezahlt wurde, um uns zu erkaufen, wie auch von einem Abscheu des Bösen, der den Kosten seiner Abschaffung angemessen ist!
Alle diese Dinge, diese ganze Szene, alle diese Wahrheiten laden uns ein, den Tod des Herrn mit glücklichem Herzen zu verkündigen, wenn wir um Seinen Tisch versammelt sind. Aber auch mit welch feierlichem Ernst, mit welcher Sammlung, mit welcher Zurückhaltung und ehrfürchtigem Schweigen sollten wir es tun!
Die Verse 16-21 lassen uns das unvergleichliche Zartgefühl des Herrn erkennen und wie tief Er daher unter alledem litt, was Ihm widerfuhr. Äusserlich war Er ein Mensch wie die anderen; im Vergleich mit ihnen war aber bei Ihm, nebst vielen anderen Unterschieden, ein unendlicher, sittlicher Adel vorhanden. Er kam auch hier wunderbar zum Vorschein, wurde aber durch diese Hunde, diese gegen Ihn entfesselten Menschen, mit Füssen getreten. Wie verblendet waren sie - wir gehörten auch zu ihnen - dass sie es wagten, Hand an den Leib des Herrn zu legen! Auch dieser Demütigung hat Er sich ausgesetzt, ohne sich dagegen zu wehren.
Hätten sie selbst die geringste Zartheit besessen, so hätten sie es unterlassen, Ihn auf dem Kreuze so neugierig anzuschauen. Es gibt Dinge, die zu betrachten es sich nicht ziemt. Ein Mindestmass an Rücksicht erheischt, dass man vor einem leidenden Menschen mit einer gewissen Scheu den Blick abwendet. Sie aber standen schamlos da und wollten sich nichts entgehen lassen. Sie hatten Ihn angetastet, hefteten jetzt den Blick auf Ihn und teilten Seine Kleider unter sich - alles das ohne die geringste Zurückhaltung. Wiederholt wird hier gesagt: «Sie haben mich umgeben... mich umringt... mich umzingelt», womit die Gewalttätigkeit und Bosheit dieser unreinen Menschen hervorgehoben werden soll. Sie hatten sich alle gegen den Heiligen und Gerechten verbündet und waren eines Sinnes in ihrer Mordgier gegen den Gekreuzigten.
Diese Ausdrücke der Schrift sind äusserst sprechend; sie geben die Bissigkeit, die wilde Grausamkeit der Hunde wieder, die sie feige an Dem ausliessen, der so wehrlos vor ihnen hing. So also zeigte sich das Herz des Menschen: Es überfloss von Hass gegen seinen Schöpfer, der gekommen war, um ihm Gutes zu tun. Die Menschen gebärdeten sich wie eine Meute von Hunden, die gegen Ihn, den Vollkommenen, heulten, der Seinem Wesen nach Sanftmut und Güte war. Man weiss ja, wie roh eine Volksmenge sein kann; sie offenbart oft die niedrigsten Instinkte und gibt ihnen freien Lauf, wenn sie weiss, dass der Einzelne anonym bleibt.
Die vor uns liegenden Verse zeigen uns, wie sehr das Herz unseres Herrn dadurch gepeinigt wurde. Unter diesen feindlichen Volksmengen, die eine unreine Neugierde zum Schauspiel der Kreuzigung hinzog und die während jenen Tagen des Passahfestes besonders zahlreich sein mochten, waren Tausende, die Er mit Sorgfalt und in Mitleid belehrt und geheilt und denen Er in der Wüste Speise dargereicht hatte, viele, die Ihm einige Tage zuvor bei Seinem Einzug in Jerusalem als dem König zugejauchzt hatten. Wie tief hat Er diese Undankbarkeit empfinden müssen! Wie begreiflich, dass Sein Herz angesichts eines solchen Hasses wie Wachs zerschmolz! Die hier verwendeten Ausdrücke sind aussergewöhnlich: «Wie Wasser bin ich hingeschüttet..., wie Wachs ist geworden mein Herz, es ist zerschmolzen inmitten meiner Eingeweide.» Rings um Ihn her war Gewalttätigkeit, Hass, Undankbarkeit, Spott. Alles war gegen Ihn. Alles im Herzen des Menschen verborgene Böse hat sich am Kreuze offenbart.
Auf dem Boden natürlicher Gefühle zeigen sich in der Handlungsweise der Menschen Unterschiede. Die einen werden die Schmach eines anderen möglichst zu verbergen suchen. Hier aber handelten alle schändlich, da war kein Unterschied. Diese Szene zeigt, dass man in keiner Weise auf die sittliche Zartheit des Menschenherzens bauen, noch auch damit rechnen kann, dass der Mensch gegenüber Gott, gegenüber dem vollkommen Guten, den Ihm gebührenden Respekt und Anstand wahren wird. Als der vollkommen Gute dem Menschen Hilfe anbot, da hat er sie, ohne es sich einzugestehen, bis zum äussersten ausgenützt, um sich hinterher als das zu offenbaren, was er ist. Hier war er kein Heuchler mehr.
Damit ist die völlige Verderbtheit des Menschen endgültig zutage getreten, wie auch die Unmöglichkeit einer Verbindung mit Gott. Zwischen Ihm und dem Menschen in seinem natürlichen Zustand ist nur im Gericht eine Berührung möglich, wenn man das Berührung nennen kann. Wir sagen dies nicht aus dem Wunsche heraus, den Menschen herabzusetzen; aber wenn die Leiden des Herrn und Seine sittliche Herrlichkeit eine Seite der Wahrheit sind, so gibt es auch eine andere Seite, die von ihr unzertrennlich ist: der traurige Zustand des Menschen. Um davon überzeugt zu sein, hatte Gott nicht nötig, den Menschen dadurch zu erproben, dass Er ihm Seinen Sohn vorstellte; Er kannte diesen seinen Zustand ja seit dem Sündenfall. Aber wir Menschen bedurften einer solchen Erprobung, um unser eigenes Bild zu sehen und zu erkennen. Wie sollten wir, die wir dieses Bild betrachtet haben, uns doch von den Menschen unterscheiden, die von sich selbst noch eine solch hohe Meinung zur Schau tragen! Wir sollten uns nicht fürchten, ihnen bei Gelegenheit zu sagen, was der Mensch in den Augen Gottes ist.
Man erwarte also vom natürlichen Menschen nicht Takt und Zartgefühl; auch auf diesem Boden hat er gezeigt, wie schlecht es um ihn steht. In den Beziehungen der Menschen untereinander mögen diese Dinge noch ihren Wert haben; aber Christus hat erprobt, wie weit unsere natürliche sittliche Zartheit reicht: Der Mensch freute sich in Bosheit über die Schmach Jesu! Und was der Herr hier sagt - denn Er ist es immer noch, der hier redet - zeigt, wie tief Er dies empfand: «Sie schauen und sehen mich an» (oder: «Sie sehen ihre Lust an mir»). Er empfand es viel tiefer als wir, weil Er vollkommen war; die Sünde hatte Seine Empfindsamkeit, Seine göttliche Empfindsamkeit, nicht abgestumpft.
«Alle meine Gebeine könnte ich zählen.» - Deutet Er mit diesen Worten nicht auf Seine physische Schmach hin, die vor allen diesen Blicken ausgebreitet war? Alle Seine Gebeine waren sichtbar, und Sein Dienst hatte Arbeit, Müdigkeit und Leiden mit sich gebracht, die an Seinem Leibe Spuren hinterliessen. - Nach der Schrift sollte nicht eines Seiner Gebeine zerbrochen werden (Ps. 34,20). Die Gebeine scheinen ein Sinnbild des Willens des Menschen zu sein. Ein Mensch kann Widerstand leisten, weil er Gebeine hat; und man findet in der Schrift Andeutungen, dass Gott, um segnen zu können, da und dort gezwungen war, die Gebeine eines Menschen im bildlichen oder wirklichen Sinn zu zerbrechen. «Also zerbrach er alle meine Gebeine», sagte Hiskia (Jes. 38,13). Aber bei dem Herrn war nichts zu zerbrechen; bei Ihm gab es keinen unabhängigen Willen; Ihn erfüllte vielmehr der tiefe Wunsch, den Willen des Vaters bis in den Tod zu vollbringen.
Wir sind überzeugt, dass es nie einen Menschen gab, der im Besitz der Macht, sich solchen Blicken zu entziehen, keinen Gebrauch davon gemacht hätte. Niemand, der diese Macht besässe, ertrüge den Schmerz einer solchen Demütigung von Seiten der Menschen, und von was für Menschen! Wir, die wir so sehr geneigt sind, uns mit Ehren zu umgeben, uns zu schmücken und zu zieren, lasset uns lesen, was hier geschrieben steht: «Sie teilen meine Kleider unter sich.» Der Herr spricht als einer, der sich aller dieser Dinge bewusst war, aber alles annahm, weil es so sein musste. An einer anderen Stelle sagt Er: «Du, du kennst meinen Hohn und meine Schmach und meine Schande: vor dir sind alle meine Bedränger. Der Hohn hat mein Herz gebrochen ...»(Ps. 69,19.20). In unseren Zusammenkünften zur Anbetung und in unseren stillen Betrachtungen gibt es Raum für die Erinnerung an dieses alles. Bei diesen Dingen handelt es sich zwar nicht um die Sühnung, aber ohne diese sozusagen vorausgehende Vollkommenheit Christi angesichts derartiger Beschimpfungen wäre die Sühnung gar nicht möglich geworden. Wäre in Seinem Herzen der geringste ungute Gedanke aufgekommen gegenüber den vielen entsetzlichen Dingen, die aus dem Inneren der Menschen um Ihn her auf Ihn zukamen, so hätte Er nicht das heilige Opfer sein können.
Weshalb hat Christus, der hauptsächlich auf die Erde gekommen ist, um das Sühnungswerk zu vollbringen, auch die ersten drei Stunden des Kreuzes erfahren müssen, während welchen Er es doch noch nicht mit dem Zorne Gottes zu tun hatte? Wenn doch die Erlösung einzig durch Seinen Tod geschehen konnte, warum haben wir dann in der Schrift den Bericht über Sein Leben als «Mann der Schmerzen» und insbesondere über diese letzten Augenblicke, in welchen sich der Hass der Menschen so masslos über Ihn ergoss? Hätte Ihm das nicht erspart werden können? - Nein; ein wichtiger Grund für die Leiden vor und während der ersten drei Stunden des Kreuzes war der, dass Jesus als ein vollkommenes Opfer offenbart werden musste, und alle Prüfungen, die Er vor den schrecklichen Stunden des Zornes Gottes erlebt hat, haben zu diesem wunderbaren Beweis geführt. Im Schmelztiegel des Leidens ist bei Ihm vollkommen reines Gold zum Vorschein gekommen. Alles hat sich miteinander verbunden, um die Darstellung dieser Vollkommenheit zu verhindern; aber dadurch ist Seine Vollkommenheit nur um so deutlicher sichtbar geworden. Es ist eine unerhörte Szene, vor welcher wir beschämt verstummen.
In den beiden Abschnitten der Verse 12-15 und 16-18 sieht man die beiden Wesenszüge der Sünde zutage treten; einerseits die Gewalttätigkeit und anderseits die Sittenverderbnis und ihre Auswirkungen: eine gemeine und niederträchtige Gesinnung. Wie oft zeigen sich die Menschen, die zwar Hemmungen hätten, ihren Nächsten vor den Augen anderer Schläge zu versetzen, hintenherum in ihrer Handlungsweise und in ihren Reden sittlich so tiefstehend! Wir alle haben uns vor dieser Falschheit unserer menschlichen Natur in acht zu nehmen.
Die sittliche Verderbtheit des Menschen findet sich überall und nichts vermag sie zu ändern.
Es gibt Dinge, unter denen sie sich mehr oder weniger geschickt verbergen kann; in gewissen Kreisen zeigt sie sich hemmungsloser als in anderen; aber sie ist überall zu finden. Die Erziehung, selbst wenn sie christlich ist, verbessert nichts daran. Sie bremst sie, aber zerstört sie nicht. Einzig die göttliche Natur, die der Mensch bei seiner Bekehrung empfängt, wird andere Wesenszüge offenbaren. Ohne Wiedergeburt gibt es nichts Gutes im Menschen. Und selbst nach der Bekehrung wird sich das Fleisch früher oder später zeigen, wenn es nicht mit Wachsamkeit im Tode gehalten wird.
Ein schreckliches Gefühl wird hier blossgelegt: Ein unversöhnlicher Hass gegen alles, was sittlich über uns steht. Kain wurde zum Mörder, weil die Werke seines Bruders gerecht waren, die eigenen aber böse (1.Joh. 3,12). Wir finden diesen Hass sowohl bei den «Hunden» als auch bei den «Stieren». Und wir, sind wir in unseren Herzen völlig frei davon? Gibt es da nicht dann und wann böse Gefühle, wenn uns die Vollkommenheit anderer straft? Und gerade dieser Hass gegen das Licht ist es, den die Welt den Gläubigen in dem Masse fühlen lässt, wie dieser treu ist, Hass gegen das, was heilig ist und was den Wohlgeruch Christi offenbart. «Alle, aber auch, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, werden verfolgt werden» (2.Tim. 3,12).
In dieser Szene des Kreuzes wurde wie nirgendwo sonst der Beweis erbracht, dass es zwischen Licht und Finsternis keine Gemeinschaft gibt. Man konnte Jesu nichts vorwerfen; im Gegenteil, bei Ihm war alles Licht und Liebe; und darum rächte man sich an Ihm.
Der Herr hat es Seinen Zeugen im Laufe der Jahrhunderte geschenkt, ähnliches zu erdulden und sogar um Seinetwillen eines schmachvollen Todes zu sterben. «In Kälte und Blösse», sagt der Apostel (2.Kor. 11,27). Das sind Worte, die wir wenig erwägen. Es gibt Märtyrer, denen es gegeben war, öffentlich zur Schau gestellt, tief gedemütigt zu werden und zu sterben, indem sie dabei den Herrn verherrlichten und gegenüber ihren Peinigern keinerlei böse Gedanken offenbarten. Stephanus war ein solcher: Er starb eines schimpflichen Todes, wurde gesteinigt, blutig geschlagen, zerschmettert und niedergeworfen ... Aber sein Tod wurde zu einem wahren Triumph: Er war Jesu ähnlich.
Adam und Eva konnten nach ihrem Fall ihren Zustand nicht ertragen und bedeckten sich mit Feigen blättern. So handelt der Mensch in seinem sittlichen Elend. Christus aber, in völligem Gegensatz zum ersten Menschen, ertrug hier, aller Seiner Kleider entblösst, in jeder Hinsicht und vor aller Augen die Folgen ihrer Sünde. Diese Erniedrigung Jesu, die wir zwischen den Zeilen lesen müssen, diese öffentliche Demütigung, dieses Fehlen alles dessen, was Ihn verbergen konnte, ist für den Gläubigen Anlass zur Anbetung. Denn durch diese Schmach hindurch, die Jesus angenommen hat, erkennt der Glaube Seine ganze sittliche Schönheit als die Kraft, die Ihn befähigte, diesen Platz einzunehmen.
Wie bietet sich uns hier in Ihm doch ein so völlig anderes Bild, als in dem, was wir in unserer eigenen Natur und in unserer täglichen Umgebung finden! Wie lernen wir da begreifen, dass wir nur Ihn selbst und niemand sonst zum Anführer und zum vollkommenen Vorbild haben können!
Er also ist unser Anführer und unser Herr! Er hing an einem Kreuz, entblösst, gedemütigt, zu Tode betrübt, von allen verworfen, ein Gegenstand des Hasses, der Verachtung, des Spottes und des Abscheus. Sind wir stolz auf Ihn? Rühmen wir uns, angesichts einer Welt, die Ihn verachtet und verwirft, einem solchen Herrn anzugehören und zu dienen, der hienieden als Mensch gekreuzigt wurde? Oder suchen wir in der Welt einen anderen Platz als den, welchen sie Ihm gegeben hat?
Verse 19-21
Nach den Versen 16-18, die in ihrer prophetischen Genauigkeit so bemerkenswert sind, und deren volle Wirklichkeit Christus kennen lernen musste, «auf dass die Schrift erfüllt würde», berief Er sich in den Versen 19-21 auf Den, der während Seines ganzen Lebens Seine Stärke gewesen war. Schon in Gethsemane hatte Er «sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht» (Hebt 5,7). An Ihn wandte Er sich nun auch in den dunkelsten Stunden am Kreuze, in welchen Er ausrufen musste: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» In Vers 11 haben wir Ihn sagen gehört: «Sei nicht fern von mir!» Dieses Flehen wiederholte Er in Vers 19: «Du aber, Jehova, sei nicht fern!» Er sagt nicht: «Mein Gott», sondern: «Jehova». - Du, der Du Dich nicht veränderst, Du, der Du immer treu, der Du immer meine Stärke und meine Hilfe gewesen bist! ... Diese flehentlichen Gebete des Herrn, wer wird sie je ergründen können? Wer wird die Angst und den Schrecken Seiner Seele während dieser finsteren Stunden ermessen können? «Jehova, sei nicht fern!» Er empfand es tief, dass Jehova sich von Ihm entfernte, dass Er gezwungen war, sich von Ihm zu entfernen.
Man sieht, welch einen furchtbaren Angriff der Feind in diesen Stunden gegen Christus unternommen hat, von denen der Herr zu den Menschen, den Werkzeugen Satans, die gekommen waren, um Ihn zu verhaften, gesagt hatte: «Dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis» (Luk. 22,53). Wie einst der Philister, mit allen seinen Waffen bekleidet, David entgegenging, so war der Feind hier in voller Rüstung angerückt, angetan mit Gewalttätigkeit, Bosheit, List und Verderbtheit. Welch ein Schmerzensschrei entfuhr dem Herzen des Herrn in diesem Augenblick! Er spürte die ganze Wut Satans, seine Raserei, seinen Hass in mannigfacher Gestalt. Dann rief Er aus:
«Rette mich aus dem Rachen des Löwen»!
Es scheint nicht, dass sich am Kreuz zwischen Christo und Satan ein eigentlicher Kampf abgespielt hat. Es gab hier tatsächlich kein Ringen wie in der Wüste, wo Jesus dem Widersacher mit dem unwiderstehlichen Schwert des Wortes Gottes antwortete, oder wie in Gethsemane, wo im ringenden Kampf Sein Schweiss wie grosse Blutstropfen wurde, die auf die Erde herabfielen. Gewiss, Satan griff Ihn an, und zwar in verzweifeltem Entschluss, aber er überfiel einen wehrlosen Christus, der keinen Kampf mehr zu liefern hatte und ihm keinen Widerstand leistete, da Er den Kelch schon angenommen hatte. Die feurigen Pfeile und die Stacheln des Fürsten der Finsternis trafen auf die Vollkommenheit unseres Herrn Jesu Christi - und erschöpften sich. Auf diese aussergewöhnliche Art wurde der glänzendste aller Triumphe errungen, ein Sieg, der nicht in die Annalen der Völker eingetragen ist, aber im Lied der Erlösten ewiglich verkündet wird. «Herr Jesu, Dir sei Lobgesang durch alle Ewigkeiten lang, Dir, der uns solchen Sieg errang auf dem Kreuz!»
Obwohl man in der Auslegung der verschiedenen Ausdrücke, die die Leiden des Herrn beschreiben, vorsichtig sein muss, will uns scheinen, dass man in dem Schwert, in der Gewalt oder Tatze des Hundes und in dem Rachen des Löwen das sehen darf, was Christus von seiten Gottes, beziehungsweise seitens des Menschen und des Satans erduldet hat. Das Schwert Jehovas ist am Kreuz gegen Den erwacht, der Sein Genosse war. Wir erinnern uns daran, dass der Ausruf des ersten Verses am Ende der drei Stunden der Finsternis, um die neunte Stunde laut wurde. Als der Herr unter dem Ansturm der Leiden von seiten der Menschen und Satans zu Gott schrie, geschah es, um festzustellen, dass Er auch auf dieser Seite nichts für sich fand, ja sogar, dass Er Gott gegen sich hatte. Das könnte man wohl «das Geheimnis aller Geheimnisse» nennen. Als Antwort auf Seinen Schrei zu Gott im Tiegel der Leiden war das Verlassensein und der Zorn über Ihn gekommen.
Im Laufe Seines Lebens hatte Christus, wie das schon oft bemerkt worden ist, Gott für sich, so demütig und von allem entblösst Er auch war - Sein ganzes Leben war das Leben eines Menschen, der nichts hatte - und Er gab Beweise der Kraft und Macht, indem Er unzählige Wunder vollbrachte. Aber hier, auf dem Kreuze, war Seinerseits nicht die geringste Entfaltung äusserer Macht zu sehen, da gab es kein Wunder, da gab es Schwachheit. Er sagte zu Gott: «Meine Stärke», weil Er die menschliche Schwachheit in absoluter Weise verwirklichte. Am Kreuz erfüllte Ihn das Bewusstsein einer völligen Schwachheit, die Er freiwillig angenommen hatte. Er wurde, so steht geschrieben, «In Schwachheit gekreuzigt» (2.Kor. 13,4). Wir sehen während dieser Stunden, wie wir schon darauf aufmerksam machten, keine Ausübung der Macht, keinen heldischen Zug irgendwelcher Art an Ihm, kein plötzliches Aufflackern des Willens, wie es bei den Menschen geschieht, sondern die Hingabe jeglichen Willens, die bewusste Annahme alles dessen, was Ihm begegnete. Der Herr, der Gott war und Schöpfer aller Dinge, der alle Macht in Seinen Händen hielt, legte hier das Bekenntnis Seiner Schwachheit ab! Ein weiteres sittliches Wunder, das sich an die anderen reiht! Er verbarg Seine Schwachheit so wenig wie Seine Schmach. Auch da erstrahlt Seine wunderbare Vollkommenheit.
Es hat im Laufe der Zeitalter viele Gläubige gegeben, die die Schande eines schmachvollen Todes gekostet haben. Aber zwischen ihnen und dem Herrn gab es, ausser der Vollkommenheit, einen unermesslichen Unterschied: Alle Heiligen können in Zeiten der Prüfung auf Gottes Hilfe zählen; Christus aber musste darin erfahren, dass Gott gegen Ihn war. Alle Christen dürfen gewiss sein, dass ihnen Gott nie fehlen wird, weil Er am Kreuze Dem gefehlt hat, der allein verdiente, nicht verlassen zu werden. Wir kommen mit der Betrachtung dieser Tatsachen nie ans Ende; sie werden uns ewig beschäftigen. Es ist von höchster Wichtigkeit, dass die Kirche, jede örtliche Versammlung, sie nicht vergesse.
Vom 21. Vers an ändert sich die ganze Szene. Wir betreten jetzt den Boden der unbegrenzten Folgen dieses unendlichen Werkes am Kreuze. Das erste Ergebnis, das uns unverzüglich vorgestellt wird, ist der Lobgesang Christi gegenüber Dem, der Ihn im rechten Augenblick befreit hat. Der Herr lobt Gott inmitten der Heiligen wegen Seiner Befreiung und ladet auch uns ein, in Gottes Lob einzustimmen, nicht in erster Linie weil Er uns errettet, sondern weil Er Christus aus den Toten auferweckt hat.
Diese Befreiung von Seiten Gottes, diese Antwort an Jesus hat sich auf zwei Arten offenbart. Zuerst darin, dass der Herr am Ende der drei Stunden des Verlassenseins die Gemeinschaft mit Gott wiederfand. Die endgültige Antwort sodann bestand in der Auferweckung Christi und Seiner Erhöhung zur Rechten der Majestät in den himmlischen Örtern.
Als die drei letzten Stunden vorüber waren, übergab Jesus Seinen Geist dem Vater. Das Sühnungswerk war beendet. Aber es musste noch die Frage des Todes und seiner schrecklichen Macht bereinigt werden. Auf dem Kreuz ist das, was das Gericht und den Zorn Gottes betraf, geregelt worden, und auch Satan wurde dort bezwungen. Jesus musste jedoch noch die Schlüssel des Todes und des Hades in die Hand nehmen und überall dahin gehen, wo die Folgen der Sünde hinführten. Die eine dieser Folgen war der Zorn Gottes gewesen und Christus war während der drei Stunden hindurchgegangen. Eine andere Folge war aber auch der Tod, dem alle Menschen unterworfen waren. Darum ging Er auch in den Tod und drang in das Reich des Starken ein, angetan mit der Macht eines unauflöslichen Lebens. Der Tod konnte Ihn nicht zurückhalten; Er kam wieder aus ihm hervor, nachdem Er dem Satan diese starke Waffe entrissen hatte, so dass sie nunmehr nichts mehr ist, weder für Christus noch für die Seinigen. Aber auch hinsichtlich der übrigen Menschen ist der Tod jetzt in den Händen des Herrn: Er ist «der Erstgeborene der Toten».
Die Art, wie Christus in den Tod gegangen ist, ist von sehr grosser Wichtigkeit. Er ist nicht unter dem gerichtlichen Zorn gestorben; Er hat vorher den Genuss der Gemeinschaft mit Seinem Gott wieder gefunden. Zweitens ging Er im Bewusstsein, das Werk völlig vollbracht zu haben, in den Tod; Er sprach zuvor die feierlich bedeutungsvollen Worte aus: «Es ist vollbracht!» Mehr noch, Er gab Sein Leben mit einem lauten Schrei dahin - ein Beweis dafür, dass niemand es von Ihm genommen, sondern dass Er es selbst von sich gelassen hat, nach dem Gebot, das Er von Seinem Vater empfing. Schliesslich erstrahlen Seine Abhängigkeit als Mensch und Sein Vertrauen noch einmal aus jener Handlung der Übergabe Seines Geistes in die Hände Seines Vaters. Obwohl Er die Gewalt hatte, Sein Leben sowohl zu lassen als auch wiederzunehmen, so hinderte die vollkommene Abhängigkeit den Herrn daran - wenn wir überhaupt in das Geheimnis einzudringen vermögen
diese Macht ohne Seinen Vater auszuüben. Die Auferweckung wird als eine Antwort Gottes dargestellt: «Du hast mich erhört von den Hörnern der Büffel» (Vers 21).
Verse 22-24
Als die Stunde der Prüfung für Christus abgelaufen war, als die Zeit Seines Verlassenseins ihr Ende gefunden hatte, kam der Augenblick Seiner Befreiung. Wäre Gott Seinem Sohne vor dem richtigen Zeitpunkt zu Hilfe gekommen, so wären wir nicht errettet worden. Anderseits aber erlaubte Seine Liebe zu Ihm nicht, dass die Prüfung auch nur einen Augenblick länger als nötig dauerte; (Was unsere Prüfungen anbelangt, können wir im Vertrauen festhalten, dass Gottes Weisheit und Liebe unseren Übungen genau die nötige Dauer zumessen werden.)
Was aus diesen Versen 22-24 hervorzugehen scheint, ist der Ausdruck der unermesslichen Veränderung, die der Herr beim Übergang aus den schrecklichen Stunden in die Freude der Gemeinschaft mit dem Vater erlebte. Seine Brüder sollen wissen, welch ein Gott Ihn sowohl aus den drei Stunden der Finsternis wie auch vom Tode befreit hat. Er kennt und schätzt die Anteilnahme, die diese Wenigen, die Er Seine Brüder nennt, an Seinem Schmerz genommen haben. «Jehova erhöre dich am Tage der Drangsal», so lautete der Anfang des 20. Psalms; hier in Psalm 22 aber, nach den Leiden, als alles vollkommen durchlebt war, sagt der Herr selbst: «Du hast mich erhört...» Er, der für die auf Gott Vertrauenden Fürsprache einlegte, damit sie, Seine Brüder, durch Sein Verlassensein weder beschämt noch zu Schanden würden (Ps. 69,6), hat nun, wir verstehen es, grosse Eile, ihnen die wunderbare Befreiung mitzuteilen, die Er soeben erlebt hat. Seine Liebe erwartete von Seinen Jüngern, wie heute auch von uns, eine tiefe Anteilnahme des Herzens an den Dingen, die Ihn betreffen und ganz besonders an dieser Antwort Gottes auf Seinen Glauben.
Das wird in unseren Lobpreisungen vielleicht zu wenig hervorgehoben. Wir sollten in unserem Gottesdienst nicht unterlassen, Gott für die Art und Weise, wie Er Jesus befreit hat, zu preisen. Wenn wir es tun, machen wir uns eins mit der Freude des Herrn, der Seinen Gott, Seinen Vater anbetet und lobt für diese Veränderung, die keine Zunge auszudrücken vermag; Er allein kennt ihre Tiefe; sie hat Ihn aus dem Zorne Gottes zur vertrautesten Gemeinschaft mit Ihm übergeleitet.
Hätten wir eine tiefere Empfindung für die entsetzliche Prüfung, welcher der Herr unterworfen war, für Seinen Schmerz, Seine Einsamkeit, Seine Verlassenheit, dann fände sich in unseren Herzen häufiger jener Ton des Lobes, um Gott zu preisen, der Jesus aus diesen unbeschreiblichen Stunden befreit hat. Wir preisen Gott für das, was Er für uns getan, aber sehr wenig für das, was Er für Christus getan hat. Die Finsternis, der Zorn, das Verlassensein - dann die volle Freude vor dem Angesicht Gottes, wie nur Jesus sie kennt, das ist die Veränderung, die hier angedeutet wird und das Herz zum Lobe stimmt, um so mehr als diese Veränderung gewissermassen auch unser Teil ist: Wir sind aus diesem, durch das Gericht Gottes gekennzeichneten Zustand, ohne ihn selber erlitten zu haben, zu derselben Gunst gelangt, die Christus jetzt geniesst.
«Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern.» Nicht nur beeilt er sich, die erfahrene Befreiung bekannt zu machen, Er wollte auch Den offenbaren, der ihr Urheber war; denn der Name ist die Person selber. Der Herr hat zwar schon vor dem Kreuze Gott kundgemacht, aber die volle Offenbarung Gottes geschah erst nach den drei Stunden der Finsternis. Alle göttlichen Eigenschaften wurden erst am Kreuz von Golgatha in voller Klarheit enthüllt.
«Ich habe deinen Namen offenbart den Menschen, die du mir aus der Welt gegeben hast», sagt der Herr in Johannes 17,6, und in Vers 26: «(Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun.» So auch hier: «Verkündigen will ich deinen Namen.» Aus diesem Ausdruck leuchtet die ganze Liebe des Herrn zu dem Gott Seiner Befreiung hervor, eine Liebe, deren teuerster Wunsch darin besteht, nunmehr die einzuführen, die Er Seine Brüder nennt. Das kommt auch im obigen Vers zum Ausdruck: «Auf dass die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.» Immerhin ist diese Stelle aus Johannes 17 allgemeiner. Sie umschreibt das, was der Herr während Seines Lebens getan hat und noch fortfährt zu tun. Der vorliegende Vers unseres Psalms jedoch, der in Hebräer 2,12 angeführt wird, enthält den genaueren Hinweis auf die Tatsache, dass der Herr das Herz Seiner Brüder mit derselben Freude erfüllen will, wie sie in Seinem Herzen ist, mit einer Freude, die mit der Befreiung verknüpft ist, die Er erlebte und die auch die ihrige ist. Er macht sie mit dem Heiland-Gott bekannt.
«Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern.» Es ist, wie wenn der Herr mit diesen Worten sagen wollte: «Ich gehe hin und werde meinen Brüdern sagen, welch einen Befreier Ich in Dir gefunden habe; Ich werde von Dir zu ihnen reden, so wie ich Dich kennen gelernt habe in der Befreiung, die ich erfahren habe.» Wunderbare Gnade, dass der Herr uns in Bezug auf die Art und Weise, wie Er Gott in Seiner Befreiung kennen gelernt hat, Sein Herz öffnet! Christus ist, ehe Er litt und erhört wurde, niemals da hindurch gegangen; daher hatte Er das Herz jetzt voll von Gefühlen und Gedanken, die Er Seinen Brüdern mitteilen wollte. Welch ein Zeichen zärtlicher Liebe, dass Er die Seinen in einen Gegenstand, der Seinem eigenen Herzen so kostbar ist, einführen will! Und das erscheint uns um so wunderbarer, wenn wir uns daran erinnern, dass Er, als es sich für Ihn darum handelte, geschlagen zu werden und den Zorn zu erleiden, dies mit niemandem teilen konnte. Geht es aber um Seine Freude, so teilt Er sie mit den Seinen! Und wie wünschte der Herr, dass wir beim Gedächtnis Seines Todes und Seiner Befreiung der Freude und dem Lobe, die gegenüber Seinem Gott und Väter in Seinem Herzen sind, Ausdruck geben! Das ist es, was Er von uns erwartet. Wenn wir darüber nachdenken, wird uns bewusst, wie arm unsere Gottesdienste sind.
Man darf nicht aus den Augen verlieren, dass es ein Mensch ist, der hier redet. Er ist Gott, aber Er ist auch Mensch. und mit diesem Menschen, der Gott in Seinem Tode verherrlicht und Den Gott befreit hat, sind alle Heiligen verbunden. Das Wort Bruder hat hier einen umfassenderen Sinn, als was wir in seiner rein christlichen Bedeutung darunter verstehen. In dem Augenblick, als der Herr nach Seiner Auferstehung den Namen Seines Gottes und Seines Vaters offenbarte, war der Heilige Geist noch nicht gekommen, und die Kirche hatte noch nicht begonnen. (Trotzdem erlaubt die Anführung dieses Verses in Hebräer 2, ihn auch auf das christliche Volk anzuwenden.) Das Werk Christi hat alle Gläubigen zu einer priesterlichen Familie gemacht. Die dem Werke am Kreuz entspringende Segnung erstreckt sich auch auf die Heiligen, die in den früheren Zeitaltern gelebt hatten; vorausschauend hat Gott sie in Christo, dem einzigen Mittler zwischen Gott und Menschen, segnen können. Gott ist unser Gott - das ist das Ergebnis des Werkes am Kreuze. Dieser Ausdruck: «Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern» scheint nicht nur auf die Offenbarung, dass Gott unser Vater ist, hinzudeuten, sondern auch auf den Fortschritt in der Erkenntnis und im Genuss unseres Gottes und Vaters, wozu uns der Herr führen will, einer Erkenntnis, die sich in dem Masse vertieft, wie man von dem Worte genährt wird und in der Gemeinschaft mit dem Herrn lebt. Die Offenbarung Gottes zeigt sich auch in unseren eigenen Umständen.
Das also ist die kostbare Nachricht, die der Herr in einer so rührenden Eile den Seinen persönlich verkündete. Die Engel am Grab bezeugten zwar Seine Auferstehung, aber in Bezug auf das neue Verhältnis, in das Sein Werk die Seinen versetzt hat, und betreffend die Erkenntnis Seines Gottes und Seines Vaters, überliess der Herr niemand anderem die Aufgabe, sie darüber einzuweihen.
Eine solche Erkenntnis führt immer zu Lobpreis. Der Herr singt - «inmitten der Versammlung will ich dich loben» - und Er wünscht, dass wir uns diesem Lob anschliessen. Mit welcher Aufmerksamkeit sollten wir in diesem Dienste daher Seine Leitung suchen! «Ich will lobsingen mit dem Geiste...» (1.Kor. 14,15), bedeutet das nicht, im Einklang mit dem Herrn singen? Es liegt auf der Hand, dass, wenn unsere Herzen ernsthaft mit Seinem Leiden und Sterben beschäftigt sind, wie auch mit Seiner Befreiung und Seiner Herrlichkeit, unser Ohr geöffnet ist, um auf Seine Stimme zu hören und bereit zu sein, Ihm nachzufolgen, ganz besonders in der gemeinsamen Anbetung. Sind dagegen unsere Herzen leichtfertig, wenig beeindruckt von dem, was Gott für uns getan hat, dann werden wir nichts zum Ausdruck zu bringen und Seinem Lobpreis keinen Ton beizufügen haben.
Der Herr hat nur eines im Sinn: Gottes Verherrlichung. «Ich habe dich verherrlicht auf der Erde» (Joh. 17,4). Das war das Ziel, das Er Sein Leben lang vor sich hatte; auch in der Auferstehung ist es wieder die Verherrlichung und das Lob Gottes, was Er sucht. Ehe Er ans Kreuz ging, auf dem Wege zum Ölberg, sang Er mit Seinen Jüngern ein Loblied. Und als alles vollbracht war, rief Er aus: «Inmitten der Versammlung will ich dich loben.»
Seinen Vater und Seine «Brüder» schliesst Er in denselben Gedanken ein. Das Band ist geknüpft. Er denkt an Gott, Er denkt an die Seinen. Das Werk am Kreuz, das dürfen wir nie vergessen, ist sowohl für Gott als auch für den Gläubigen.
Wie beugt es uns, wenn wir daran denken, wie sehr unsere Haltung, unsere Ausdrücke und unser Tun oft so förmlich sind! Das liegt daran, dass unser Herz nicht wahrhaft von der Gnade Gottes ergriffen ist. Die verstandesmässige Erkenntnis fehlt uns nicht, aber unser Herz ist zu wenig berührt. Wäre es so, wie es sein sollte, welch ein Lob würde dann zu Gott und zu Christo emporsteigen für Sein unvergleichliches Werk! Erkennten wir wirklich die in Christo offenbarte Gnade, wie würden dann unsere Herzen von Dankbarkeit, Lob und Anbetung überfliessen!
Verse 22-31
Nun öffnet der Herr, der sich unter den Fluch gestellt und ihn getragen hat, allen denen, die Er hinter sich her auf den Boden der Auferstehung zieht, die Tore des Lobes. Ein Volk von Anbetern ist nun gebildet.
Lasst uns nie vergessen, dass die Anbetung der erhabenste Teil des jetzigen Dienstes der Christen darstellt, und einzig dieser Teil des Dienstes wird in der Ewigkeit fortgesetzt. Wir dürfen wiederholen: Es gibt kein Zeugnis für den Herrn nach Seinen Gedanken, nach Seinem Herzen und zu Seiner Verherrlichung, wenn nicht in erster Linie der Dienst des Lobes dargebracht wird. Die erste Person, und man kann sagen die einzige, der alle Rechte zustehen, ist Gott. Jesus hat die Menschen, die die Seinen geworden sind, zu Gott geführt. Somit ist nichts Geringeres als dies unser Teil: Wir dürfen die in dem Worte offenbarte Herrlichkeit Gottes betrachten und geniessen, mit ganzer Seele Gott anbeten, für das, was Er ist und getan hat, und Jesus lobpreisen, gemäss der Herrlichkeit Seiner Person und Seines Werkes. Wie ist doch das so etwas ganz anderes, als nur ein zusammenkommen im Bewusstsein, gerechtfertigt zu sein! Unsere Segnungen sind unzählbar und unermesslich, aber wir sind nicht versammelt, um davon zu reden. Vor jedem anderen Gedankengang soll die Herrlichkeit Gottes uns beschäftigen. Gott ist dann vor der Seele und erfüllt sie, Christus erfüllt dann das Herz Seiner Kirche, die Herrlichkeit Gottes und des Herrn nimmt dann die Gedanken und Empfindungen in Anspruch.
Und worin besteht diese Herrlichkeit Gottes, die man preist und anbetet? In Seiner Person! Man betet nicht nur Eigenschaften und Merkmale an, man betet eine Person an, das vollkommene Wesen, Den, der Licht und Liebe ist. Wir loben Gott, weil Er Liebe ist und nicht nur, weil wir die Gegenstände Seiner Liebe sind; wir beten Ihn an, weil Er Licht ist und keine Finsternis in Ihm ist, und wir tun es in dem Masse, wie unser Herz voll Lichtes ist. Wir preisen Gott wegen Seiner Eigenschaften: Er ist gerecht, heilig, langmütig, mächtig, majestätisch, weise, treu und unwandelbar, aber über das alles hinaus preisen wir Ihn in Seiner eigenen Natur der Liebe und des Lichtes.
Alle Handlungen, alle Worte, aller Dienst und alle Leiden Christi haben zu dem Endziel geführt, das Er immer vor sich gestellt und für das Er das Kreuz erduldet hat: die Verherrlichung Gottes. Er ist für die Ehre Gottes eingetreten, und nun preist Er Dessen Herrlichkeit und die Heiligen mit Ihm. Aller christliche Dienst, sowohl der Einzelnen als auch der Kirche, sollte gleicherweise diesen einen und einzigen Zweck verfolgen: Gottes Verherrlichung. Denn jeder Dienst, der nicht die Verherrlichung Gottes zum Endziel hat, ist nicht ein Dienst, wie der Herr ihn versteht.
In den letzten Versen des Psalms werden mehrere Kategorien von Erlösten erwähnt, die in unterschiedlichem Masse Gott verherrlichen. Sie bilden einen dreifachen Kreis, in welchem Christus die zentrale Stellung einnimmt.
Der erste Kreis, die «Versammlung» (Vers 22), wurde zuerst in dem völlig jüdischen Überrest verwirklicht, der den Herrn nach Seiner Auferstehung umgab (Joh. 20). Dieser treue jüdische Kern wurde dann mit der Kirche verschmolzen, in welcher dieses erste Lob in erweiterter Weise fortgesetzt wird und eine bestimmtere und tiefere Form annimmt. Bei den anderen Kategorien finden wir nichts, was dem 24. Vers, d.h. der Darstellung des tiefen, mit der Befreiung Christi verknüpften Grundes zum Lobpreis gleichkäme, wie in diesem ersten Kreise. Das auf diesen Grund bezogene Lob ist der Versammlung eigentümlich, denn in der Anführung in Hebräer 2,12 werden diese Verse auf die Versammlung angewendet.
Im zweiten Kreise, dem der «grossen Versammlung» (Verse 25-26), dürfen wir die Vereinigung des ganzen wiederhergestellten Volkes Israel sehen. Dieses zum Ruhme Gottes gebildete Volk (Jes. 43,21) wird zu jenem Zeitpunkt im erforderlichen Zustand sein, um diesen Lobgesang anzustimmen; es wird darin von Dem angeführt werden, der «seine Gelübde bezahlen» wird. Im Augenblick einer Drangsal konnte ein Israelit dem gegenüber Gelübde tun, von dem er Befreiung erwartete; und wenn diese Befreiung eingetreten war, bezahlte er seine Gelübde, indem er das tat, wozu er sich verpflichtet hatte. Das ist es, was wir in Psalm 66,13-14 finden.
Der dritte Kreis endlich (Verse 27-31) ist der des weltumfassenden Lobes, das während des tausendjährigen Reiches die Erde erfüllen wird. Auch dieses Lob ist die Folge des Werkes am Kreuze.
Diese drei Kreise sind auch durch eine verschiedenartige Beziehung zu der Person des Herrn gekennzeichnet. Im ersten Kreis - so kann man sagen - erscheint Er als das Haupt des Leibes, als der Bräutigam der Kirche, im zweiten als der Messias Seines Volkes, und im dritten schliesslich als der Sohn des Menschen, dessen Herrschaft sich über die ganze Erde erstreckt.
Diese drei Kategorien findet man übrigens auch an anderen Stellen, insbesondere in Johannes 12: Dort wird uns die erste Klasse in Maria vorgestellt, die ihre Narde darbringt. In der folgenden Szene sehen wir den von Seinem Volke mit Beifall aufgenommenen Messias, der in Jerusalem einzieht; und schliesslich sind es die Griechen, Menschen aus den Nationen, die Ihn zu sehen begehren. In diesem Zusammenhang sagt Jesus: «Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.» Alle Auserwählten sind die Frucht Seines Werkes.
Kommen wir wieder auf unseren Gegenstand der Lobpreisung, in Verbindung mit der Erdenzeit, zurück! Wir sehen in der Schrift, dass der jüdische Gottesdienst sein Ende gefunden hat, denn die Gläubigen unter dem Volke, der gläubige jüdische Überrest, bildete den Urkern der «Versammlung», so dass es heute im Blick auf Christus in der Welt kein anderes Lob gibt, als das christliche. Gott hat keinen Altar, keine irdische Religion mehr. Jenes Lob des irdischen Volkes, wovon die Apostel für eine Zeit die Repräsentanten waren, ist zu Ende gegangen, um einem himmlischen Lob Platz zu machen, das zwar auf der Erde verwirklicht wird. Aber Gott gibt jenen Gedanken eines irdischen Gottesdienstes inmitten des auserwählten Volkes nicht auf, und wenn die Zeit gekommen ist, wird jenes Lob wieder beginnen. Dann werden sich auf der ganzen Erde, die heute kein Lob für Gott hat und sich wenig um das Werk Christi kümmert, die Stimmen zum Preise Gottes vereinigen, dann; wenn Seine Herrlichkeit die ganze Erde erfüllen (Ps. 72,19) und sie voll sein wird der Erkenntnis Jehovas, gleich wie die Wasser den Meeresgrund bedecken (Jes. 11,9).
Das ist ein kostbarer Gedanke. Die Stimme Israels ist wegen des Verbrechens der Juden im Blute verstummt. Aber die Gnade wird alles ändern. Wir dürfen in jene Zukunft blicken, wo die Stimme Israels wieder gehört werden wird, und zwar gerade auf Grund des Blutes Christi, das die Juden vergossen haben. Da, wo die Sünde und das Verbrechen überströmend waren, wird die Gnade noch überschwänglicher sein. Und Der, welcher dann inmitten des Volkes Seine Gelübde bezahlen wird, wird Der sein, den Sein Volk einst umgebracht hat. Man kann sich angesichts jener armen, oft in Finsternis und Gottesfeindschaft stehenden Juden in dem Gedanken freuen, dass es einen Überrest geben wird. Jene Juden, denen sich der Überrest der zehn Stämme anschliessen wird, werden aufs neue erscheinen, um Jehova, den Gott der Juden, den Gott Israels zu loben. Dies wird uns noch stärker beeindrucken, wenn wir uns daran erinnern, dass sich die Juden vor dieser Zeit als Volk unter die Herrschaft und Führung des Antichristen gestellt und eine grössere Krisis durchgemacht haben werden, als zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer früheren Geschichte.
Die Stelle in Hebräer 12, in der die Stellung der bekehrten Juden bezeichnet wird, bringt zum Ausdruck, dass sie nicht zum Sinai, sondern «zu dem Blute der Besprengung, das besser redet als Abel» (Vers 24) gekommen seien. Wir sehen also, dass das Blut Jesu für alle Klassen von Auserwählten die Stimme des Gerichtes zum Schweigen gebracht und die Stimme des Lobes erweckt hat. Aber die drei Formen des Lobes werden in ihrer Höhe verschieden sein und dem Kreis entsprechen, aus dem sie kommen, obwohl sie alle drei echt sind.
Die Gläubigen im Tausendjährigen Reiche werden wohl wissen, dass nach vollendetem Werk am Kreuze der Scheidevorhang zerrissen worden ist, aber die darin vorgebildete Wahrheit wird nicht ihre Stellung kennzeichnen. Der zerrissene Vorhang ist das den Christen geschenkte Symbol und besondere Vorrecht; ihr Lob ist im Allerheiligsten. Wir wissen im übrigen, dass es in der Zeit der «grossen Versammlung» einen neuen Tempel geben wird, worin Opfer dargebracht werden, zum Gedächtnis an das Opfer Christi. Die Vorrechte jener Gläubigen werden demnach nicht so erhaben sein, wie die, welche den Christen gegeben sind. Die Gläubigen der «grossen Versammlung» werden wohl den Heiligen Geist empfangen, es wird der «Spätregen» sein, aber sie werden Ihn nicht als den Geist der Sohnschaft empfangen und er wird sie nicht zu «einem Leibe» taufen. Diese Vorrechte gehören ausschliesslich der Kirche.
Auch darf man nicht vergessen: Wenn sich diese «grosse Versammlung» in Gott und in ihrem Messias freuen soll, so wird sie sich dabei auch, und mit ebenso viel Recht, in den irdischen Dingen freuen. Die Fetten der Erde werden hier erwähnt. Es wird dann irdische Freuden und Segnungen, die ebenfalls zu der Frucht der Leiden Christi gehören, in Fülle geben. In den Psalmen und Propheten finden sich viele solcher Anspielungen. Aber wir sind uns dabei bewusst, dass das ein ganz anderer Boden ist als der, auf den wir gestellt sind. Keine Segnung der Kirche ist irdisch. Gott bewahrt den Gläubigen und ist ihm in seinem Leben behilflich; doch sind die der Kirche geschenkten Segnungen und die ihr eigenen Beweggründe des Lobes rein himmlischer Natur. Wir fühlen, dass es im Gottesdienst unangebracht wäre, Gott für Seine Hilfe in unseren materiellen Geschäften zu danken; im jüdischen Gottesdienst dagegen wird es ganz am Platze sein, das alles in das Loben und Danken einzuschliessen.
«Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land ererben», sagt der Herr in Matthäus 5. Diese Sanftmütigen, Juden, die den Charakter des Überrestes haben, finden wir im 26. Vers, sowie in anderen Psalmen. Sie werden kein Kreuz mehr zu tragen haben; sie werden die tausendjährige Herrlichkeit und das Land und darüber hinaus noch eine geistliche Segnung besitzen, doch nicht von derselben Ordnung wie die Segnung, die wir geniessen dürfen. Dies alles werden sie schmecken, nachdem sie den Messias bei Seiner Erscheinung gesehen haben. Sie werden, schon ehe der Herr erscheint, Übungen haben und ein Leben des Glaubens führen, aber die tiefsten Herzensübungen und die darauf folgende Glückseligkeit werden sie erst erleben, wenn sie «gesehen» haben. Die Kirche dagegen liebt den Herrn, Den sie nicht gesehen hat.
Das sorgfältige Erforschen des Wortes und der Psalmen in Sonderheit wird uns davor bewahren, die verschiedenen Gedankengänge und Gnadenströme zu vermischen, die uns darin offenbart werden und die alle zur Verherrlichung Christi und Gottes, des Vaters, sind.
Die Leiden Christi werden sich während des Tausendjährigen Reiches zum Segen auswirken. Denn zu jener Zeit wird die ganze Erde das Herz auf das Gedächtnis des Kreuzes des Herrn gerichtet haben. Man darf annehmen, dass während dieser tausend Jahre der Gerechtigkeit und des Friedens die Erinnerung an das, was der Herr am Kreuze getan hat, aufrecht erhalten bleibt, wenn auch mit einem fortschreitenden Abklingen, wie die Art und Weise der Beendigung des Reiches es anzudeuten scheint (Offb. 20,7.8).
Alle Nationen waren bei der Verwerfung Christi vertreten, wie wir uns erinnern, alle Menschenklassen waren anwesend, um Seinen Tod herbeizuführen. Es ist daher gerecht, dass das Lob des Herrn ebenfalls von Seiten aller Menschenklassen und allen Nationen wie auch vom Volke Israel zu Ihm emporsteige. Anderseits ist es unmöglich, dass dieser Psalm, in welchem die Leiden Christi in ihrer ganzen Tiefe dargestellt werden, wie auch in ihrer vollen Auswirkung, die dem Ausströmen der unumschränkten Gnade Tür und Tor öffnet, uns nicht auch zeigen würde, wie diese Gnade auf die eine oder andere An alle Menschenklassen erreicht. Das Herz Gottes kann sich in seinen Kundgebungen nicht auf Bevorzugte, wie die der erstgenannten Klasse (Seine Versammlung), beschränken; mit jeder der in den Versen 22-31 erwähnten Kategorien sind besondere Vorrechte verknüpft; die ganze Schöpfung und alle Menschengruppen sollen die Auswirkungen des Todes Christi im Hinblick auf sie kennenlernen und verkünden. Wir sind hier nicht auf himmlischem Boden, wo Personen aus allen Sprachen, Völkern und Nationen singen; doch wird es auch auf der Erde so sein, obwohl hienieden das Loblied ein anderes ist. Lasst uns auch beachten, dass auf jenem Schauplatz die Unterscheidung zwischen Juden und Nationen wieder aufgerichtet wird. Im gegenwärtigen Zeitpunkt ist sie hinweggetan; die Zwischenwand der Umzäunung ist abgebrochen; doch wird der Unterschied wieder hergestellt und die zwölf Stämme werden von allen übrigen Menschen unterschieden werden und eine besondere Segnung geniessen.
Israel wird dann die zentrale Stellung einnehmen, die ihm bei der Ankunft des Messias gehört hätte, wenn es treu gewesen wäre, wie geschrieben steht: «Da stellte er fest die Grenzen der Völker nach der Zahl der Kinder Israel» ... (5.Mose 32,8), oder wie wir in Hesekiel 5,5 lesen: «So spricht der Herr, Jehova: Dieses Jerusalem, inmitten der Nationen habe ich es gesetzt, und Länder rings um dasselbe her.» Diese Wiederherstellung Israels wird für die Nationen eine Quelle unermesslicher Segnungen sein. In Römer 11,15 wird uns gesagt: «Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anders sein als Leben aus den Toten?»
Die Verse 27-29 übergehen die vorbereitende Periode, während welcher durch Gerichte das Reich in Macht aufgerichtet wird. Diese Macht wird zur Freude derer ausgeübt werden, die sie anerkennen und ihr unterworfen sind. «Es werden eingedenk werden... alle Enden der Erde.» Was sollte ihnen zum Bewusstsein kommen, wenn nicht das, was der erste Teil des Psalms zum Ausdruck bringt, nämlich das unvergessliche Werk des Kreuzes? Im Tausendjährigen Reiche werden die Bewohner der Erde, im Bewusstsein der erworbenen Rechte Dessen, der das Werk vollbracht hat, glücklich sein, Ihn als Herrn und als König der Herrlichkeit anerkennen zu können; sie werden sich Jehova zuwenden und Ihm das gebührende Lob darbringen.
Die Menschen eines jeden Standes, so lehrt uns der 29. Vers, werden mit Freuden vor dem Herrn niederfallen. Die Mächtigen der Erde, so gut wie die, welche in verzweifelter Lage sind, sowohl die Grossen als auch die Elenden, alle werden den Herrn nötig haben und sich beeilen, Ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen. In Gedanken an das, was Er für sie getan hat, werden sie sich freuen.
Das wird eine teilweise Erfüllung von Philipper 2,9-11 sein: «Auf dass in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen»..., wenn dort auch nicht die Rede ist vom Geisteszustand derer, die in Huldigung ihr Knie beugen. In dieser Stelle wird nur die Tatsache selbst erwähnt, zusammen mit der unerforschlichen Erniedrigung des Herrn. Diese Erniedrigung verdient es sozusagen, dass man die allerhöchste Macht Dessen, der sich einst zu nichts gemacht hat, zu jeder Zeit und ausnahmslos anerkenne. Es geht um die Tatsache der Unterwerfung aller Geschöpfe in den verschiedenen Zeitaltern und um ihre Anerkennung dass Er Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters. Auch die Christen haben ihren Platz unter denen, die hier Huldigung bringen, doch werden sie in Anbetung ihre Knie beugen und nicht nur im Gefühl, einer obersten Gewalt gegenüber zu stehen. Diese Macht, die die ganze Welt eines Tages freiwillig oder gezwungen anerkennen muss, wurde einem Menschen gegeben, dem Menschen Christus Jesus. «Herr» ist ein Titel, der besonders auf Christus als Mensch anzuwenden ist, wie geschrieben steht: «... wisse nun zuverlässig, dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt» (Apg. 2,36).
Was diese weltweite Lobpreisung des Herrn hervorhebt, ist der Umstand, dass ihr die Anbetung des Tieres vorausgegangen sein wird. Auf die unerhörten Verirrungen, denen die Welt anheimfallen wird, folgt diese Zeit des Friedens, der Ordnung, des Segens und des Lobes. Da haben wir einen Gegenstand, der uns zum Erforschen der Schriften und insbesondere der Prophetie anreizt; die Weissagungen sind mit der gegenwärtigen und der zukünftigen Herrlichkeit des Herrn verknüpft. Hinsichtlich der gegenwärtigen Herrlichkeit besitzt der Herr die Rechte des Reiches, das keinem sonst gehört; Er ist würdig, dass wir dies in unserer Erinnerung festhalten. Lasst uns in diesen Tagen, wo die menschlichen Mächte sich in so ausserordentlicher Weise entfalten, diesen Gedanken in unseren Herzen bewahren, dass Gott Seinen König hat und dass auch wir diesen König kennen. Das kann unsere Herzen bewahren und uns vor der Gefahr schützen, uns mit der «Politik» der Menschen zu beschäftigen. Die Prophezeiung ist, wenn man diesen Ausdruck gebrauchen darf, Gottes Politik, und wir wollen keine andere.
Zahlreiche Stellen in den Propheten geben uns Einzelheiten über die Art und Weise, wie der Sohn des Menschen von den Nationen geehrt werden wird. Es wird solche geben, die sich Ihm nur rein äusserlich und nur deshalb unterwerfen, weil alle Gesetzlosen des Landes jeden Morgen vertilgt werden.
Psalm 22 aber redet von einer gottgemässen, wirklichen Unterwerfung, als der Frucht des Werkes Christi für die ganze Schöpfung. Die Erinnerung an dieses Werk wird sich fortsetzen, und man wird in Israel und anderswo einem Volke, welches geboren wird, davon erzählen. Man ist heute durchaus nicht erstaunt darüber, dass sich im Verlaufe eines Jahrtausends die Geschlechter nacheinander von der Geschichte grosser Männer erzählen, auch wenn es eine traurige Geschichte gewesen sein mag, die Geschichte einer Welt voll Hass, Verderben und Unordnung. Wie sollten wir uns denn darüber verwundern, dass Gott während des dafür bestimmten Tausendjährigen Reiches, inmitten der Völker, die Erinnerung an das, was Sein Sohn vollbracht hat, aufrecht zu halten vermag, umso mehr, als Satan nicht mehr da sein wird, um die Geister der Menschen zu verwirren! Vielmehr ist es erstaunlich, dass man sechzig Jahrhunderte lang versucht hat, die Geister der Menschen mit der Geschichte der Menschen zu füllen, obwohl man einigermassen weiss, welch dunkle Geschichte es ist. Hier dagegen wird Gott zehn Jahrhunderte lang darüber wachen, dass die Herrlichkeit Seines Sohnes sowohl für Israel als auch für die Nationen ein Gegenstand der Betrachtung ist. Die Kirche aber wird anderswo sein und sich auf höherer Ebene mit dem beschäftigen, was Er getan hat. Sie wird in der Ewigkeit sein; sie befindet sich gewissermassen jetzt schon dort.
Gegen das Ende des Reiches werden sich die Umstände ändern, doch ist das nicht der Gegenstand unseres Psalms, der nur die wunderbaren Ergebnisse des Werkes Christi für die Erde entfaltet. Aus anderen Stellen wissen wir jedoch, dass der glückliche Zustand dieses Reiches einen Niedergang erleidet und sogar aufhören wird. Die irdischen Segnungen als Folge der Leiden Christi, wie weit sie auch reichen mögen, sind zeitlich begrenzt. Sie sind tatsächlich nur für diese Erde; allerdings werden die Auserwählten, nachdem sie auf der Erde die Gegenwart des Herrn genossen haben, in die neuen Himmel und auf die neue Erde versetzt werden.
Die erste, und man kann sagen, die letzte Auswirkung der Leiden und des Todes Christi ist die, dass Gott von Seinen Erlösten erkannt und mit einem einsichtigen Lob gepriesen wird. Das ist das Ziel aller Folgen des Werkes Jesu. Dieses Lob hat einen Wert für Gott, denn Er konnte es von niemandem empfangen als nur von Sündern, die durch das Werk des Herrn Jesus befreit worden sind. Die Engel vermochten Ihm das Lob Seiner Liebe nicht zu bringen. Gott begehrte Wesen hei sich in Seiner ewigen Glückseligkeit zu haben, die Er zuerst und sogar in ihrem sündigen Zustand geliebt hat, und die auf Seine Liebe antworten können.
So werden denn die Auserwählten aller Klassen der Menschheit und aller Haushaltungen keine andere Tätigkeit haben, als die: den Vater und den Sohn anzubeten. Dabei wird es keine Einförmigkeit, kein Ermüden geben. Wir haben Mühe, uns an diesen Gedanken zu gewöhnen, wir, die wir jetzt geneigt sind, diese Tätigkeit, die für uns die erste sein sollte, durch eine andere zu ersetzen. Aber, Geliebte, die Wirklichkeit der Dinge, die dieser kostbare Psalm vor uns hinstellt, ist von einer solchen Breite, Länge, Höhe und Tiefe, dass sie dann, wenn wir sie mit allen Heiligen völlig zu erfassen vermögen, genügen wird, um unsere Herzen auf immer mit einer Fülle von Liebe zu erfüllen und aus dieser unerschöpflichen Quelle unaufhörliche Anbetung darzubringen. Möge Gott schon jetzt unsere Seelen immer mehr mit dieser Wirklichkeit beschäftigen!