Halte Fest
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Ruth 2,1-23: Ruth, die Ährenleserin

Halte fest Jahrgang 1990 - Seite: 85 - Verfasser: H. Smith

«Wenn ihr die Ernte eures Landes erntet, so sollst du den Rand deines Feldes nicht gänzlich abernten und sollst keine Nachlese deiner Ernte halten... Für den Armen und für den Fremdling sollst du sie lassen» (3.Mose 19,9-10).

Wachsen in der Gnade

Wenn die Geschichte Ruths in ihrem Anfang (Kap. 1) die rettende Gnade vorbildet, so stellt uns Kapitel 2 die erhaltende Gnade dar. Die Gnade Gottes bringt uns nicht nur das Heil, sondern lehrt uns danach auch, in dieser gegenwärtigen Welt besonnen, gerecht und gottselig zu leben. In dem Mass, wie wir unter die Belehrung der Gnade kommen, machen wir geistliche Fortschritte. Dieses Wachsen in der Gnade oder dieser geistliche Fortschritt ist in diesem Kapitel so schön dargestellt.

Es ist für einen Neubekehrten wirklich gesegnet, einen guten Anfang zu machen, indem er entschieden mit der Welt bricht und bereit ist, den Pfad des Glaubens in Gemeinschaft mit dem Volk Gottes zu gehen. Ein guter Anfang genügt jedoch nicht. Um auf dem Pfad des Glaubens aufrechterhalten zu bleiben, müssen wir in der Gnade wachsen. Der Apostel Petrus sagt, wenn Christen sich der «Gnade und des Friedens» im Überfluss erfreuen sollen, wenn sie alle Dinge, die zum Leben und zur Gottseligkeit gehören, geniessen wollen, und wenn sie «dem Verderben, das in der Welt ist durch die Lust», entfliehen möchten, so kann dies nur durch die Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn, geschehen (2.Petr. 1,24). Deshalb schliesst er seinen zweiten Brief mit der Ermahnung: «Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus» (2.Petr. 3,18).

Obwohl die Korinther gut anfingen, waren sie sehr träge, geistliche Fortschritte zu machen. Sie wurden durch Weltlichkeit und die Weisheit dieser Welt behindert. Die Galater fingen auch gut an, denn der Apostel sagt: «Ihr liefet gut», doch muss er fragen: «Wer hat euch aufgehalten, dass ihr der Wahrheit nicht gehorcht?» (Gal. 5,7). Das Hindernis war Gesetzlichkeit, indem sie unter den Einfluss falscher Lehrer gekommen waren. So scheinen auch heute viele gut anzufangen und geben zur Hoffnung Anlass, entschiedene Christen zu werden. Aber leider machen sie in ihrem späteren Leben wenig Fortschritte. Sie wachsen nicht in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Sie fallen der Anziehungskraft der Welt zum Opfer und werden weltlich, oder sie kommen unter den Einfluss falscher Lehrer und werden gesetzlich.

Ähren auflesen - das Geheimnis des Wachstums

Dieser Teil der Geschichte Ruths will uns das Geheimnis des Wachsens in der Gnade enthüllen. Ruth wird uns hier offensichtlich als eine Ährenleserin vorgestellt. Im zweiten Vers sagt sie zu Noomi: «Lass mich doch aufs Feld gehen und unter den Ähren lesen.» In Vers 17 steht: «Und sie las auf dem Felde auf», und im letzten Vers: «So hielt sie sich zu den Mägden des Boas, um aufzulesen.»

Was ist nun die geistliche Bedeutung des Ährenlesens? Das erste Kapitel des Buches Ruth endet mit der Mitteilung: «Sie kamen nach Bethlehem beim Beginn der Gerstenernte.» Noomi und Ruth befanden sich inmitten von Überfluss. Doch wie reichlich auch die Ernte sein mag, wir können unseren Hunger nicht davon stillen, es sei denn, dass wir einsammeln. Die Schnitter und die Ährenleser müssen ihre Arbeit tun, sonst werden sie trotz allem Überfluss vor Hunger umkommen. Durch das Ährenlesen sorgte Ruth für ihre und Noomis Bedürfnisse, wobei ihr der Herr der Ernte seine reichen Vorräte zur Verfügung stellte.

Wir dürfen daher wohl sagen, dass sich der Gläubige durch geistliches Ährenlesen geistliche Segnungen aneignet, auf die Gott ihm ein Anrecht gegeben hat. In der Geschichte Israels gab Gott diesem Volk einen absoluten Anspruch auf das Land, dessen Grenzen mit grosser Genauigkeit festgesetzt waren. Dessen ungeachtet sagte Gott: «Jeden Ort, auf den eure Fusssohle treten wird, euch habe ich ihn gegeben.» Sie mussten das Land in Besitz nehmen. So konnte auch Paulus mit der grössten Zuversicht sagen, dass der Gläubige mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus gesegnet sei. Dies hindert ihn aber nicht, zu beten, dass durch den Geist ein besonderes Werk in dem inneren Menschen geschehe, damit die Heiligen völlig zu erfassen vermöchten, welches die Breite und Länge und Tiefe und Höhe all dieser geistlichen Segnungen sei.

Es war ein wunderbarer Tag in unserem Leben, als der Herr uns zu sich rief und wir lernten, dass unsere Sünden vergeben seien und wir, durch den Heiligen Geist versiegelt, Teilhaber am Erbe der Heiligen in dem Licht geworden seien. Aber obwohl es im Passendsein für die Herrlichkeit kein Wachstum geben kann, sucht der Apostel doch ein Wachstum in der wahren Erkenntnis Gottes (Kol. 1,10). Und doch, welch armselige Ährenleser sind wir gewesen! Wie wenig sind wir in die unerschöpflichen Reichtümer Christi eingedrungen!

Voraussetzungen für geistliches Ähren lesen

Wie kommt es nun, dass wir so armselige Ährenleser sind? Rührt es nicht daher, dass diese Arbeit einen Zustand voraussetzt, dem wir nicht immer entsprechen wollen? Das wird uns klar, wenn wir die Eigenschaften beachten, die Ruth zu einer so ausgezeichneten Ährenleserin machten.

Erstens war sie durch einen Geist der Demut und Unterwürfigkeit gekennzeichnet. Sie sagte zu Noomi: «Lass mich doch ... gehen und ... Ähren lesen», und später sagte sie zu dem Knecht: «Lass mich doch auflesen.» Sie handelte nicht unabhängig von anderen, die älter und erfahrener als sie waren. Sie verschmähte nicht Führung und Rat, sie litt nicht unter einem ungebrochenen Eigenwillen, der sie das zu tun antrieb, was in ihren Augen recht war. Petrus sagt: «Gleicherweise ihr Jüngeren, seid den Älteren unterwürfig. Alle aber seid gegeneinander mit Demut fest umhüllt; denn Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade» (1.Petr. 5,5). Unterwürfigkeit und Demut sind durch den Geist Gottes miteinander verbunden. Der Hochmütige liebt es nicht, sich irgend jemand zu unterwerfen. Der Eigenwille ist das grösste Hindernis, um in der Gnade zu wachsen.

Zweitens war Ruth durch Fleiss gekennzeichnet. In Vers 7 lesen wir: «So ist sie gekommen und dageblieben vom Morgen an bis jetzt; was sie im Hause gesessen hat, ist wenig.» Ferner heisst es im 17. Vers: «Und sie las auf dem Felde auf bis zum Abend.» Besteht da bei manchen Gläubigen nicht ein grosser Mangel an Fleiss in den Belangen Gottes? Wir sind in den Dingen dieser Welt eifrig genug, aber für den Herrn haben wir leider oft nur nebenbei Zeit. Sind wir fleissig im Lesen des Wortes? Sind wir eitrig im Gebet? Wir mögen zu unserer Entschuldigung anführen, dass die Hektik und die Schwierigkeiten des Lebens uns nur wenig Zeit dazu lassen. Doch die Frage ist: Wie bringen wir die knappe Zeit, die uns bleibt, zu? in Hebräer 6,11 werden wir ermahnt, Fleiss zu beweisen, und dann wird hinzugefügt: «auf dass ihr nicht träge werdet, sondern Nachahmer derer, welche durch Glauben und Ausharren die Verheissungen ererben». Wenn wir wünschen, in den Genuss unseres Erbes einzugehen, müssen wir fleissig sein. Kein Wunder, dass wir so wenig geistliche Fortschritte machen, wenn wir Zeit finden, die Tageszeitung sowie Unterhaltungsliteratur dieser Welt zu lesen, aber keine Zeit haben, auf den reichen Gefilden des Wortes Gottes Ähren aufzulesen!

Drittens hatte Ruth Ausdauer Sie war nicht an einem Tag fleissig und am nächsten träge, sondern «sie hielt sich zu den Mägden des Boas, um aufzulesen, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendigt waren». Tag für Tag las sie Ähren auf, bis zum Ende der Gersten- und Weizenernte. Die Beröer werden uns nicht allein deshalb empfohlen, weil sie die Schriften untersuchten, sondern weil sie dies täglich taten (Apg. 17,11). Es ist leicht, einen Tag lang fleissig zu sein, dies aber Tag für Tag zu sein, erfordert Ausharren. «Täglich» ist ein hartes Wort, das uns auf die Probe stellt. Der Herr sagte zu seinen Jüngern: «Wenn jemand mir nachkommen will, der ... nehme sein Kreuz auf täglich» (Luk. 9,23). Ab und zu eine grosse Anstrengung unternehmen, um ein heldenhaftes Opfer zu bringen, ist verhältnismässig leicht, aber Tag für Tag in Ruhe Christus nachfolgen, ist eine Prüfung. Nicht der Mann, der gut anfängt, gewinnt den Lauf, sondern der, welcher ausharrt.

Schliesslich lesen wir, dass Ruth auch «ausschlug, was sie aufgelesen hatte» (V. 17). Es genügt nicht, die Gersten- und die Weizenähren aufzulesen, sie müssen auch ausgeschlagen werden. Die Wahrheit, die wir einsammeln, sei es durch unser persönliches Forschen oder durch den Dienst anderer, muss der Gegenstand des Gebets und des Nachdenkens werden, wenn sie unser geistliches Wachstum fördern soll. Das blosse Erwerben der Wahrheit bläht nur auf. Sie muss in Gemeinschaft mit dem Herrn genossen werden, wenn sie zur weiteren Erkenntnis des Herrn führen soll.

Um also geistliche Fortschritte zu machen, ist ein Seelenzustand nötig, der durch Unterwürfigkeit, Fleiss, Ausharren und Nachdenken gekennzeichnet ist.

Obwohl der persönliche Zustand der Seele von grösster Wichtigkeit ist, so ist dies doch nicht alles. Da ist auch die Hilfe, die wir von anderen empfangen, um das geistliche Wachstum zu fördern. Wir sehen dies deutlich in den verschiedenen Personen, die uns in diesem Kapitel begegnen. Noomi, die Mägde, die Schnitter, der Knecht, der über die Schnitter gesetzt ist, und endlich der mächtige und reiche Boas; sie alle ziehen an uns vorüber, und alle sind in Verbindung mit Ruth zu betrachten. In mancherlei Weise helfen sie ihr, Ähren aufzulesen. Sie zeigen uns die verschiedenen Mittel, die Christus in Tätigkeit setzt, um bei seinem geliebten Volk das geistliche Wachstum zu fördern.

Hilfe von aussen

a) Noomi

Noomi war schon seit langem mit Boas verwandt und war daher imstande, Ruth zu beraten und ihr Anweisungen zu geben. So gibt es auch heute solche, die schon lange mit Christus verbunden auf dem Glaubensweg sind. Und obwohl sie vielleicht, wie Noomi, versagt haben, sind sie doch durch ihre Erfahrung in der Lage, die jüngeren Gläubigen zu belehren und zu beraten. Noomi stellt kaum eine zum Lehren oder Predigen begabte Person dar, sondern eher eine ältere Gläubige, die, wie wir in Titus 2 lesen, andern ein Vorbild sind, «Lehrerinnen des Guten» und imstande, die jungen Frauen in Liebe zu unterweisen.

Im Geist dieser Verse legt Noomi keine Schwierigkeiten oder Hindernisse auf Ruths Weg; sie sagt sogleich: «Gehe hin, meine Tochter.» Sie ermuntert Ruth zu dieser gesegneten Arbeit( und als diese von ihrem Tagewerk zurückkehrt, anerkennt sie wohlwollend ihren Erfolg, denn wir lesen: «Sie sah, was sie aufgelesen hatte» (V. 18). Ferner fragte sie: «Wo hast du heute aufgelesen, und wo hast du gearbeitet?» (V. 19). Zuletzt erklärt sie Ruth ihr Verhältnis zu Boas und gibt ihr liebevollen Rat für ihr weiteres Auflesen (V. 20,22).

Wie gut wäre es, wenn ein wenig mehr von dem Geist Noomis wirksam wäre, der die älteren Gläubigen antreiben würde, sich um die jüngeren zu kümmern, sie zu ermutigen, von ihrem Wachstum Kenntnis zu nehmen, nach ihrem geistlichen Wohlergehen zu fragen, sie in der Erkenntnis Christi zu unterweisen und ihnen Rat zu geben, wie sie einsammeln sollten.

b) Die Mägde

Auch die Mägde helfen bei dieser gesegneten Arbeit des Ährenlesens. Sie werden in den Versen 8,22 und 23 erwähnt und sind die Gefährtinnen, mit denen Ruth einsammelt. Sprechen sie nicht im Bilde von der köstlichen Gemeinschaft innerhalb des Volkes Gottes, die in so reichem Mass hilft( geistliche Fortschritte zu machen?

Boas warnt Ruth: «Gehe nicht, um auf einem anderen Felde aufzulesen, und gehe auch nicht von hinnen, sondern halte dich hier zu meinen Mägden.» Es gibt andere Felder und andere Mägde, aber diese sind dem Boas fremd. Ob jung oder alt auf dem Pfad des Glaubens, wir tun gut daran, die Warnung des Boas zu beachten. Die Welt enthält viele anziehende Felder und kann manchmal sehr angenehme Gesellschaft anbieten; aber die Felder der Welt und ihre eitle Gesellschaft sind nicht von Christus.

In den Tagen der Apostel hatte die Welt nur ein Gefängnis für sie übrig, und nachdem sie die Freiheit wieder erlangt hatten, kehrten die Jünger «zu den Ihrigen» zurück (Apg. 4,23). Zwangsläufig haben wir es mit Menschen dieser Welt zu tun, sei es im Beruf oder sonst im Alltagsleben, aber in diesen Kreisen können wir uns nicht der kostbaren Gemeinschaft erfreuen und geistliche Fortschritte machen. Das kann nur bei «den Unsrigen» gefunden werden, im Kreis derer, die dem Herrn angehören.

In den ersten Tagen des Christentums zeigte sich die ungestörte Gemeinschaft des Volkes Gottes in «grosser Kraft» und «grosser Gnade» (Apg. 4,33). In Hebräer 10,24.25 werden wir ermahnt: «Lasst uns aufeinander Acht haben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei etlichen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das um so mehr, je mehr ihr den Tag herannahen sehet.»

Die Heiligen sind nicht die Quelle der Liebe und der guten Werke, aber die Gemeinschaft der Heiligen fördert die Liebe und die guten Werke. Der Tag des Gerichts über diese Welt naht heran. Daher tun wir gut, uns von der Gemeinschaft mit dieser Welt zu trennen und unser glückliches Teil bei den «Mägden des Boas» zu suchen, bei solchen, die unbefleckt sind und ihre Kleider weiss erhalten haben. Je näher der Tag kommt( umso enger sollten wir uns zusammenschliessen.

c) Die Schnitter und die Knaben des Boas

Auch die Schnitter haben in Verbindung mit Ruth ihren Dienst. Sie treten in den Versen 4,5,7,9 und 21 vor uns. Als Diener des Boas zeigen sie uns deutlich die Eigenschaften, welche die Diener des Herrn kennzeichnen, deren Sinn darauf gerichtet ist, durch den Dienst dem Volk Gottes zu helfen.

Die erste Notwendigkeit für jeden Diener des Herrn ist die Gegenwart des Herrn. So begrüsst Boas seine Schnitter mit dem schönen Wunsch: «Jehova sei mit euch!» (V. 4). Im gleichen Sinn lesen wir in den Tagen des Evangeliums: «Jene aber gingen aus und predigten allenthalben, indem der Herr mitwirkte» (Mark. 16,20).

Um den Dienst des Boas wirksam zu vollführen, war es zweitens nötig, dass sie sich dem Knecht, der über die Schnitter gesetzt war, wirklich unterwarfen. Wir haben nicht nur nötig, dass der Herr mit uns ist, sondern wir bedürfen auch der Leitung des Heiligen Geistes, jener göttlichen Person, die uns in dem namenlosen Knecht vorgestellt wird (V. 5).

Drittens gehen die Schnitter voran, und Ruth folgt ihnen, denn sie sagt: «Lass mich doch auflesen und unter den Garben sammeln hinter den Schnittern her!» Die Schrift anerkennt, dass unter dem Volk Gottes solche sind, die geistlich führen, die das Wort Gottes zu uns gesprochen haben und deren Glauben wir nachahmen sollen. Solchen sollen wir gehorchen und uns ihnen unterwerfen, denn sie wachen über unsere Seelen (Hebr. 13,7.17).

Viertens schöpfen die Knaben - die Diener des Boas - Wasser aus den Brunnen. Das Vorrecht der Ruth war es, Wasser zu trinken, aber die Verantwortlichkeit der Knaben war, das Wasser zu schöpfen. Nicht alle sind berufen oder dazu fähig, Wasser aus den tiefen Quellen Gottes zu schöpfen. Dagegen können alle vom Wasser trinken, nachdem es in Gefässe abgefüllt worden ist, die ihrer Aufnahmefähigkeit entsprechen. Das Wasser in der Quelle ist für viele ausser Reichweite, das Wasser im Gefäss jedoch allen zugänglich. Darum lauten die an Ruth gerichteten Worte: «Gehe zu den Gefässen und trinke.» Dem Timotheus wird gesagt: «Bedenke dieses sorgfältig; lebe darin.» Das gleicht sicher dem Schöpfen aus der Quelle. Aber «auf dass deine Fortschritte allen offenbar seien», das geschah durch das für alle erreichbare Wasser im Gefäss (1.Tim. 4,15).

Fünftens empfingen die Schnitter besondere Anweisungen von ihrem Meister, um für ihren Dienst befähigt zu sein. «Boas gebot seinen Knaben und sprach: Auch zwischen den Garben mag sie auflesen, und ihr sollt sie nicht beschämen; und auch sollt ihr selbst aus den Bündeln Ähren für sie herausziehen und sie liegen lassen, damit sie sie auflese, und sollt sie nicht schelten» (V. 15,16). Die besonderen Bedürfnisse des einzelnen machen besondere Anweisungen des Herrn nötig. Wie nahe muss der Diener dem Meister sein, wenn er im Lauf seines Dienstes wissen will, wann er für ein besonderes Bedürfnis eine Handvoll Ähren ohne «Beschämung» und ohne «Scheltworte» fallen und liegen lassen soll.

Der Herr ist auch hierin, wie in allem anderen, unser vollkommenes Vorbild. Am Auferstehungstag sandte Er eine Botschaft an Petrus, indem Er durch den Engel sagen liess: «Gehet hin, sagt seinen Jüngern und Petrus.» Heisst das nicht, in unendlicher Vollkommenheit für ein armes, irrendes Schaf eine Handvoll Ähren fallen lassen, und zwar ohne «Beschämung» und ohne «Scheltwort»? (Mark. 16,7).

Schliesslich wird die Arbeit der Schnitter die Ernte beenden; denn Boas weist Ruth an: «Du sollst dich zu meinen Leuten halten, bis sie meine ganze Ernte beendigt haben» (V. 21). Und so wie es mit den Knechten des Boas war, so wird es auch mit den Dienern des Herrn sein. Der Apostel benutzt die herrliche Hoffnung, die vor uns steht, um die Diener in ihrem Dienst mit Energie zu erfüllen: «Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unbeweglich, allezeit überströmend in dem Werke des Herrn, da ihr wisst, dass eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn» (1.Kor. 15,58).

Der Knecht über die Schnitter

Der Knecht des Boas, der über die Schnitter gesetzt ist, hat ebenfalls seinen Platz in Verbindung mit dem Fortschritt Ruths beim Ährensammeln. Sein Name wird nicht erwähnt. Er wird wenig gesehen, und doch steht er im Namen des Boas hinter allem, indem er jeden Schnitter auf dessen Feld beaufsichtigt. Zudem bringt er Ruth in Kontakt mit Boas und redet mit Boas über Ruth. Ausserdem ist der Knecht in völliger Übereinstimmung mit Boas. Er erzählt ihm die Wahrheit über Ruth, doch spricht er kein abschätziges Wort über sie und sieht voraus, dass Boas Ruth ermutigen würde, auf seinem Feld Ähren zu lesen.

Er ist bestimmt ein deutliches Vorbild jener erhabenen Person - des Heiligen Geistes der im Namen Christi von einem verherrlichten Christus herniederkam, um die Interessen Christi zu vertreten. Er spricht nicht von sich selbst, ist für die Welt unsichtbar, aber Er leitet die Diener des Herrn und bringt durch sein gnädiges Werk die Seelen in Verbindung mit Christus. Er ist einer, der in völliger Übereinstimmung mit der Gesinnung und dem Herzen des Vaters und des Sohnes denkt und handelt.

Boas, der Löser

Zuletzt haben wir Boas, wie er Christus in zweifacher Weise darstellt: erstens in der Herrlichkeit seiner Person und seines Werkes, und zweitens in seinem gnädigen Handeln mit uns persönlich.

Persönlich wird Boas als «ein Blutsverwandter» und als «ein vermögender Mann» dargestellt. Das Wort «Blutsverwandter», das im Buch Ruth so oft gebraucht wird, ist anderswo mit Erlöser übersetzt, und dieser Ausdruck gibt uns die wahre Bedeutung des Dienstes des Blutsverwandten. Dieser hatte das Recht und die Macht, seinen Bruder und das Erbe seines Bruders zu lösen, wenn beides in die Hand eines Fremden geraten war.

Durch den Sündenfall hat der Mensch jegliches Recht auf das irdische Erbe verloren, und er selbst ist unter die Macht des Feindes geraten. Als ein schuldiger Sünder ist er dem Tod und dem Gericht ausgesetzt. Er hat weder die Macht, sich selbst zu erlösen, noch kann er die Erde von der Macht der Sünde, des Todes und Satans befreien. Er braucht einen Befreier, einen, der sowohl das Recht als auch die Macht zur Erlösung hat.

Christus ist der grosse Erlöser, von welchem Boas nur ein Bild ist. Er erlöst sein Volk durch Kaufpreis und Macht. Der Preis, den Er bezahlte, war sein eigenes Leben, das Er für uns gab. «Indem ihr wisset, dass ihr nicht mit verweslichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid ..., sondern mit dem kostbaren Blute Christi, als eines Lammes ohne Fehl und ohne Flecken.»

Zudem erlöste Er durch Macht, denn nicht nur wurde sein Blut vergossen, sondern Er vernichtete durch die Auferstehung die Macht des Todes. Nachdem wir bereits durch Blut erlöst sind, warten wir auf die Erlösung durch Macht, auf jenen Augenblick, da Er diese sterblichen Leiber von jeder Spur der Sterblichkeit befreien und «unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leibe der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen».

Schliesslich werden wir das Erbe empfangen - einen reichen Besitz, den Er erworben hat -, das Erbe, das Er von der Macht der Sünde und des Todes und der Gewalt Satans erlösen wird und an dessen Genuss wir in Gemeinschaft mit Ihm zum Preise seiner Herrlichkeit teilhaben werden (Eph. 1,14).

Boas und sein Umgang mit Ruth

Doch wir haben in Boas nicht nur das Vorbild der Herrlichkeiten unseres grossen Erlösers, sondern auch eine schöne Entfaltung der Gnadenwege des Herrn in seinem Umgang mit uns persönlich.

Es ist unser Vorrecht, nicht nur die Wahrheit über seine Person und sein Werk kennenzulernen, sondern auch sein gnädiges Handeln zu erfahren, durch das wir zur Erkenntnis seiner selbst geführt werden. Möchten doch alle Gläubigen danach trachten, Christus im Innern ihrer Seele zu erleben - ein Erlebnis, worüber sie zu andern nicht viel sagen könnten, das nur Christus und ihrer Seele bekannt ist und in das kein Fremder sich einmischen kann.

Von solch einem persönlichen Umgang haben wir in den Gnadenwegen des Boas, einem vermögenden Mann, mit Ruth, der Fremden, ein Schattenbild.

Diese Wege sind durch Gnade und Wahrheit gekennzeichnet und bringen Den vor uns, der voller Gnade und Wahrheit kam. In unserer Schwachheit mögen wir Gnade auf Kosten der Wahrheit zeigen oder Wahrheit auf Kosten der Gnade aufrechtzuerhalten suchen. In Christus finden wir den unendlichen Ausdruck der Gnade bei vollkommener Aufrechterhaltung der Wahrheit.

Mit zarter Rücksichtnahme stellt Boas seinen ganzen Reichtum der Fremden aus Moab zur Verfügung - einer, die gemäss dem Buchstaben des Gesetzes bis ins zehnte Geschlecht nicht in die Versammlung Jehovas kommen durfte (5.Mose 23,3). Seine Felder, seine Mägde, seine Knaben, seine Brunnen, sein Getreide: alles steht Ruth zur Verfügung. Sie soll auf seinen Feldern bleiben, sich zu seinen Mägden halten, hinter seinen Schnittern her auflesen und aus seiner Quelle trinken. Er erwähnt kein Wort über ihre Herkunft, ihre Fremdlingschaft oder ihre Armut; kein Wort des Vorwurfs betreffs ihrer Vergangenheit, keine Drohungen in bezug auf die Zukunft, keine Forderungen an sie wegen seiner Grosszügigkeit. Alles ist ihr aus überströmender, unumschränkter Gnade gegeben.

Nicht anders handelt Christus mit Sündern wie wir. Gnade stellte einer sündigen Frau an der Quelle von Sichar die besten Gaben des Himmels zur Verfügung; Gnade gebot den Fischen des Sees einem sündigen Menschen wie Petrus ins Netz zu gehen; und Gnade öffnete dem sterbenden Räuber das Paradies Gottes. So hat die Gnade auch uns mit all den unerforschlichen Reichtümern des Christus gesegnet, und zwar ohne Geld und ohne Kaufpreis.

Doch, wie wir wohl wissen, verdunkeln die Reichtümer der Gnade nicht den Glanz der Wahrheit. Ja, im Gegenteil, die Gnade verlangt nach der Wahrheit. Boas hatte es nicht nötig, diese Fremde an ihre niedrige Herkunft zu erinnern. Sie selbst bekennt die Wahrheit; doch die Gnade des Boas bringt sie zu diesem Bekenntnis. Sie fällt vor ihm auf ihr Angesicht und tritt so zurück im Bewusstsein der Grösse der Person, in deren Gegenwart sie ist und der sie all ihre Segnungen verdankt. Durch ihre Frage «Warum habe ich Gnade gefunden in deinen Augen?» anerkennt sie, dass nichts in ihr selbst ist, womit sie solche Gnade verdiente. Und sie gibt zu, dass sie von Natur aus keinerlei Ansprüche an Boas hat, denn sie sagt: «Ich bin eine Fremde.» In der Gegenwart der Gnade des Boas gibt sie ihm seinen wahren Platz und nimmt den ihrigen ein.

Es ist wirklich ein gesegneter Augenblick in unserem Leben, wenn wir, allein in der Gegenwart des Herrn, angesichts der Gnade seines Herzens uns der Verderbtheit unseres Herzens bewusst werden. In einem solchen Augenblick lernen wir, dass, so böse wir sein mögen, doch Gnade in seinem Herzen ist, um dem allem zu begegnen. So tröstete Boas auch Ruths Herz. Sie hatte die Wahrheit bekannt: «Ich bin eine Fremde», und Boas scheint zu sagen: «Du kannst mir nichts über dich erzählen, was ich nicht schon weiss», als er ihr entgegnete: «Es ist mir alles wohl berichtet worden, was du ... getan hast» (V. 11). Da ist keine geheime Furcht mehr in ihrem Herzen, dass eines Tages etwas über ihre Vergangenheit offenbar werden könnte, das Boas veranlassen würde, die Gaben seiner Gnade zurückzuziehen. Freigemacht von solcher Furcht kann sie sagen: «Du hast mich getröstet und hast zum Herzen deiner Magd geredet.» Nichts berührt, gewinnt und tröstet das Herz mehr, als in der Gegenwart des Herrn zu erfahren, dass Er alles weiss und mich trotzdem liebt.

Ruth in Gemeinschaft mit Boas

Damit wird jedoch dieser Teil der Geschichte Ruths nicht beendet. Boas hat Gnade erwiesen und Ruth hat die Wahrheit bekannt, und das hat dem Gewissen wirklichen Frieden und dem Herzen Freude gebracht, aber das ist nicht alles. Boas ist nicht damit zufrieden, Ruth Befreiung gebracht zu haben, um sie dann mit einem von Dankbarkeit erfüllten Herzen allein zu lassen. Selbst wenn das ihr Herz befriedigt hätte, so genügte es doch seinem Herzen nicht.

Wenn sie auch keine weiteren Segnungen erwartete, Er hatte noch mehr zu geben. Boas ist nicht zufrieden ohne die Gemeinschaft mit der einen, zu deren Herzen er gesprochen hat. Daher sagt er zu ihr: «Tritt hierher!» Und handelt der Herr nicht in einem tieferen Sinn ebenso mit uns? Wenn Er unsere Furcht wegnimmt, zu unserem Herzen spricht und unsere Zuneigung gewinnt, so geschieht dies, um mit uns Gemeinschaft zu haben.

Liebe ist nicht zufrieden ohne die Gemeinschaft mit dem, der geliebt wird. Darum starb Er, damit wir, sei es dass wir wachen oder schlafen, zusammen mit Ihm leben möchten. Glücklich sind wir deshalb, wenn auch wir seine gnädige Einladung hören und beachten: «Tritt hierher!»

So kam es, dass sich Ruth in Gemeinschaft mit Menschen niedersetzte, die sie bis dahin nicht kannte. Doch wenn sie sich «zur Seite der Schnitter niedersetzte», so tat sie es in Gemeinschaft mit Boas, denn wir lesen: «Er reichte ihr geröstete Körner.»

Welch ein Glück für uns, wenn wir uns in Gemeinschaft mit dem Volk Gottes niedersetzen, indem wir uns der Gegenwart des Herrn selbst bewusst sind. Dann werden wir uns tatsächlich vom Korn des Landes nähren. Wir werden, wie Ruth, «satt werden» und «übrig lassen» (V. 14). In seiner Gegenwart werden unsere Seelen genährt und unsere Herzen befriedigt, und das befriedigte Herz vermag aus seiner Fülle auch anderen zu geben.

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Letzte Änderung am 27.03.2010.