1. Joh. 2,1.2: Christus als Sachwalter
Halte fest Jahrgang 1981 - Seite: 67 - Verfasser: W. K.
Der Weg des Gläubigen und die Sünde
Im vorangegangenen Artikel «das Hohepriestertum Christi» haben wir versucht, den besonderen Charakter und das Ziel des Priestertums des Herrn Jesus aufzuzeigen. Nach den Belehrungen der Schrift steht es ausschliesslich in Beziehung zu denen, die durch das Werk Christi zu Gott gebracht worden sind. Dieser Dienst bringt den Herrn in keiner Weise in einen Zusammenhang mit der Welt. Als Priester beschäftigt Er sich nicht mit den Nöten des Sünders, sondern mit den Bedürfnissen derer, die Er geheiligt hat. Gott will durch das Priestertum nicht irgendjemand ein Mittel geben, um vor Ihm stehen zu können. Sein Plan ist, jenen zu helfen und die zu unterstützen, welche die Gnade durch das Blut Jesu schon in seine Nähe gebracht hat. Die göttliche Gnade möchte ein heiliges Volk in der Nähe Gottes, in die es schon gebracht worden ist, erhalten. Deshalb wird im Hebräerbrief vorausgesetzt, dass die Gläubigen freien Zugang zu Gott haben, ein Vorrecht, das ihnen nie mehr weggenommen werden wird.
Wir sind durch das ein für allemal geschehene Opfer Jesu Christi zu Gott gebracht worden. Diese innige Beziehung verliert der Christ nie mehr. Wir mögen falten und in trauriger Inkonsequenz handeln; und wie demütigend ist es, wenn dies vorkommt. Doch bleibt für den Gläubigen der Zugang zu Gott offen, (denn er gründet sich nicht auf gesetzliche Bedingungen, sondern auf das Blut Jesu Christi), und zwar in einer absoluten Weise. Denn der Wert, den Gott dem Werk seines Sohnes beimisst, ist das Mass für die Nähe, in die wir zu Ihm gebracht sind. Es ist unmöglich, dass Gott dieses Opfer gering achtet. Aufgrund der Vorzüglichkeit dieses Opfers handelt Er zu unsern Gunsten, nicht nur gemäss unserem Glauben, sondern nach seiner Wertschätzung dessen, was der Herr Jesus für uns getan hat. So sind wir, die Glaubenden, Ihm nahe gebracht, und das auf ewig, wie die Schrift dies sorgfältig und klar festhält.
Indessen ist es möglich, dass einige, die sich nur äusserlich zum Herrn bekannt haben und so durch sein Blut geheiligt (abgesondert) worden sind, den Herrn aufgeben. Hebräer 10,29 warnt davor. Diese ernste Warnung richtet sich zunächst an solche aus den Juden (Hebräer), die sich hatten taufen lassen. Die gleiche Gefahr besteht auch für Bekenner aus den Nationen, wie wir es aus 1.Korinther 10 entnehmen können. Offensichtlich handelt es sich hier nicht um einen Fehltritt, sondern um ein Aufgeben des Herrn Jesus. Es bedeutet Abfall. Zweifellos weist der Heilige Geist auf das schreckliche Ende hin, um schon den Anfängen dieser Abkehr Einhalt zu gebieten. Der erneuerte Mensch achtet auf das Wort Gottes. Diese Warnung ist aber nutzlos für den unbekehrten Menschen, der anfänglich durch das Neue und die Schönheit des Evangeliums von einem verstandesmässigen Gesichtspunkt aus angezogen wurde. Solche Fälle traten besonders in jenen Tagen auf, als das Evangelium zum ersten Mal gehört wurde, unter den Juden, die seit jeher an die rabbinischen Traditionen, trocken wie ihre Pergamente, gewöhnt waren, und unter den Nationen, die nur die widersprüchlichen Eitelkeiten der griechischen Philosophie kannten.
Wir können leicht verstehen, was für eine erfrischende Kraft in der damals neuen Lehre des Christentums lag (die Menschwerdung des Sohnes Gottes, sein Leben, sein Tod, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt). Seine himmlischen Grundsätze konnten einen ungeheuren Reiz auf einen erleuchteten Geist ausüben, auch wenn das Herz und das Gewissen nicht erreicht wurden. Aber wenn es nur bei diesem bleibt, wird es keinen Bestand haben. Genauso verhält es sich mit Gemütsbewegungen, die durch das Hören von der Barmherzigkeit Gottes hervorgerufen werden, wenn sie nicht zur Busse führen. Nichts wird fortdauern, wenn es nicht von der neuen Natur kommt, die der Heilige Geist wirkt, sobald Er das Gewissen erreicht hat und der Mensch sich als Sünder vor Gott erkennt und seine Hilfsquelle, sein Heilmittel und seine Befreiung nur im Herrn Jesus findet. Da, wo dies im Glauben erfasst wird, kommt man durch das Blut Christi in Gottes Nähe. Und das Hohepriestertum des Herrn Jesus ist dieser Dienst göttlicher Gnade, der durch den auferstandenen und lebenden Herrn ausgeführt wird, indem Er sich zur Rechten Gottes für solche Erlöste verwendet. Dabei wendet Er sein Wort an, um uns aufrechtzuhalten und weiterzuführen, angesichts sowohl der Prüfungen, Schwierigkeiten, Widerstände und Leiden, die uns begegnen, als auch unserer eigenen Schwachheit. Gott hat alles vorausgesehen und für alles vorgesorgt, indem Er uns droben in seiner Gegenwart einen solchen Hohenpriester gegeben hat, wie sein Sohn es ist. Auf diese Weise empfangen wir bewahrende Gnade und rechtzeitige Barmherzigkeit. Dieser Dienst begegnet unseren Bedürfnissen und bewahrt uns als ein heiliges Volk inmitten von Gefahren, die so gross sind wie unsere Schwachheit.
Wir dürfen aber niemals Schwachheiten mit Sünden verwechseln oder Sünden Schwachheiten nennen. Das Wesen der Sünde ist Eigenwille, nicht unbedingt Gesetzesübertretung. Ob ein Gebot bekannt ist oder nicht, Eigenwille ist Sünde. Es ist ein Handeln ohne einen göttlichen Beweggrund. Auch wenn es sich nicht gegen die Autorität oder den Willen Gottes richtet, so ist es doch Unabhängigkeit von Ihm und seinem Wort, was uns zur Tat veranlasst. Handeln wir nicht ohne Ihn und wie es uns gefällt, wenn wir versäumen, Ihn zu suchen? Alles das ist Sünde. Es spielt keine Rolle, wie anständig und gut unsere Wege in den Augen der Menschen scheinen mögen. Aber für all das ist das Priestertum des Herrn Jesus Christus nicht gedacht, sondern für die Bedürfnisse derer, die leiden, weil sie nicht sündigen wollen.
Wenn wir um seines Namens willen oder um der Gerechtigkeit willen leiden, und wenn wir geprüft werden, weil wir dem Herrn Jesus nachzufolgen suchen, dann haben wir sein Mitgefühl und seinen Trost nötig. Wir schrecken vor Prüfungen zurück, und wenn wir durch solche zu gehen haben, empfinden wir nur die Leiden, die damit verbunden sind und dies mit sehr gemischten Gefühlen. Unser hochgelobter Herr aber empfand als Mensch alles ganz und vollkommen. In seinen Schmerzen und Leiden gab es nie eine Spur von Sünde; und doch war sein Weg voll von Prüfungen. Er war der «Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut». In einem gewissen Mass dürfen wir Ihm darin nachfolgen. Es ist gut, wenn wir in der uns umgebenden Welt den Widerspruch gegen den Willen Gottes spüren. Wenn wir den Anschein machen, uns mit dem schrecklichen Zustand der Dinge zu arrangieren, wie wenn alles in Übereinstimmung mit Gott und seiner Regierung wäre, tun wir Gott Unrecht und stellen uns auf die Seite des Feindes. Denn obwohl Gott mit seiner weisen und gerechten Vorsehung hinter der Szene steht, und seinen Willen trotz schlauester Feinde und scheinbar unüberwindlicher Schwierigkeiten ausführt, ist der wahre Zustand der Welt weit davon entfernt, eine Offenbarung der Regierung Gottes zu sein. Inmitten solcher Umstände werden die Seinen zu leiden haben; denn da sind unsere Schwachheit, eine feindselige Welt, ein heimtückischer Feind, der Verkläger der Brüder und der Verführer der ganzen Welt. In solchen Umständen kommt das Priestertum des Herrn Jesus zur Anwendung für uns - für ein heiliges, aber schwaches und verfolgtes Volk - die wir unsere Umgebung zu spüren bekommen, dadurch geprüft werden und leiden. Doch das himmlische Priestertum Dessen, der hiefür allein zuständig und fähig ist, hat zum Ziel, uns durch alle Widerstände hindurchzuführen.
Aber jetzt wollen wir eine andere Seite unseres Gegenstandes betrachten. Ist es möglich, dass wir sündigen, obwohl wir ein heiliges Volk sind? Mit dem «wir» ist die Familie Gottes gemeint, alle Heiligen, alle, die den Namen des Herrn Jesus tragen und Ihn «in Unverderblichkeit» lieben (Eph. 6,24), alle, die Ihn anrufen «aus reinem Herzen» (2.Tim. 2,22). Können solche nicht fallen? Können sie nicht aus Mangel an Wachsamkeit straucheln und so den Heiligen Geist Gottes betrüben? Leider ja. «Denn wir alle straucheln oft» (Jak. 3,2). Das ist Sünde. Nenne es nicht Schwachheit, sondern Sünde. Benütze nicht das Wort «Fehltritt» für eine Sache, die wirklich sündig ist, als sei sie etwas, das zwischen Schwachheit und Sünde liegt. Nenne die Dinge bei ihrem wahren Namen. Die Gnade ermutigt uns, vollkommen wahr und aufrichtig zu sein, ehrlich vor Gott und Menschen. Darüber hinaus lehrt sie uns, die Rechte und Ansprüche Gottes aufrechtzuhalten im Gegensatz zur alten Natur (der wir uns durch Ihn für gestorben halten dürfen), die, wenn sie nicht als absolut verdorben behandelt wird, nur Früchte zur Verunehrung Gottes hervorbringt.
Wenn jemand sündigen sollte, was für ein Mittel kennt das Wort dann dafür? Den Sachwalterdienst Christi (1.Joh. 2,1). Wie wichtig ist es, diese beiden Dienste göttlicher Barmherzigkeit und lebendiger Gnade, Hohepriestertum und Sachwalterschaft, die unser Herr Jesus jetzt zur Rechten Gottes ausübt, zu unterscheiden! Ihm stehen dort beide zu und finden ihre Anwendung auf uns hier auf der Erde. Aber sie haben nicht den gleichen Charakter, und wenn wir sie vermengen, verlieren wir die besondere Kraft jedes einzelnen. So ist es immer. Wenn wir zwei verschiedene Wahrheiten durcheinander bringen, wird jede entkräftet oder geht sogar verloren. Man mag eine undeutliche Ahnung von beiden haben, aber die Frucht und der volle Trost, die jede geben, fehlen uns. Doch der Herr hat uns beide Wahrheiten geschenkt und möchte, dass wir uns beider erfreuen.
Unsere Gemeinschaft mit Gott, dem Vater
In 1.Johannes 2 finden wir, worauf sich die Sachwalterschaft des Herrn bezieht und wofür sie sich einsetzt. Wir sind nicht nur in die Gegenwart Gottes gebracht, sondern haben auch Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Wir haben neues Leben, die göttliche Natur empfangen und in Verbindung mit dieser bis dahin unbekannten geistlichen Natur, die uns aus göttlicher Liebe im und durch den Herrn Jesus geschenkt ist, gibt es den Genuss der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Wenn wir von Gemeinschaft reden, haben wir zweifellos etwas vor uns, das sehr zart und überaus empfindsam ist. Wir brauchen nur einen Augenblick zu überlegen, um zu erkennen, dass Gott, der Vater, keine Gemeinschaft mit Sünde oder mit uns haben kann, wenn wir in Sünde gefallen sind.
Wir, die das Evangelium verstanden haben, wissen, dass auch unser elendester Zustand als Sünder Gott nicht gehindert hat, das Blut Christi in all seiner wirksamen Kraft auf uns anzuwenden. Gerade für solche wie wir waren, vergoss sein Sohn sein Blut. Das Sündopfer des Herrn Jesus setzte unsere Abscheulichkeit und äusserste Verderbtheit voraus. Jetzt sind wir durch das eine Opfer nicht nur geheiligt, sondern auch für ewig vollkommen gemacht. Das kam durch seinen Tod zustande. Und einmal vollbracht, bleibt das Werk für immer bestehen.
Aber es ist eine ganz andere Sache, wenn wir von Gemeinschaft im praktischen Sinn reden. Wenn wir diese Dinge vermengen, zerstören wir entweder das Vertrauen in Bezug auf unsere Seele oder den Genuss an Gott, wenn nicht sogar beides.
Was ist denn die Grundlage unserer Gemeinschaft? Es ist Christus. Wenn es aber so ist, wird alles, was nicht von Ihm kommt, was aus uns oder aus der Sünde entspringt, den Genuss der Freude der Gemeinschaft unterbrechen.
Und was stellt sie wieder her, wenn sie unterbrochen ist? Der Sachwalterdienst Christi. Beachten wir, dass dies nicht ein Dienst der Stärkung, Tröstung oder Ermutigung für ein heiliges Volk ist, das in die unmittelbare Nähe Gottes gebracht ist, während es eine Welt durchschreitet, in der Ihm und ihnen alles entgegensteht, weil sie sein sind. In der Tat, die Welt ist noch nicht direkt unter seinem Einfluss, vielmehr unter dem seines Feindes.
Beim Sachwalterdienst handelt es sich um eine Frage des praktischen Zustandes unserer Seelen. Und das ist genauso an seinem Platz und von grösster Bedeutung für den Gläubigen. Es gibt Menschen, die nur auf die Wahrheit des Priesterdienstes Christi Nachdruck legen, wie sie im Hebräer-Brief zu finden ist, oder besser gesagt, nur auf den Teil der Wahrheit, der die Wirkung der Sühnung beschreibt (wie der erste Teil des Römerbriefes unsere Rechtfertigung). Sie machen diese einmalige Sache zur Summe und zum Inhalt des Christentums. So sind sie auf dem Weg, ein kaltherziges Volk zu werden, das in Gefahr steht, formell und trocken in der Lehre zu werden, indem es ihnen an echter Herzensempfindung und an einem Gewissen für die Herrlichkeit Gottes fehlt.
Das ein für allemal vollbrachte Werk Christi ist nicht alles, was Er getan hat. Er ist heute noch tätig. Wenn wir auf diesem Werk ruhen, wird das Priestertum des Herrn Jesus Tag für Tag unsern Bedürfnissen entsprechen. Wenn ich in die heilige Nähe Gottes gebracht bin, wird der Dienst der Gnade tätig sein, ausgeführt durch Christus, um meinen praktischen Zustand mit meiner Stellung der Gnade in Christus vor Gott in Übereinstimmung zu bringen. Dieser Dienst wird mich hier, entsprechend dem heiligen Zugang dort, erhalten. Aber kann ich nicht auch sinken, oder was noch schlimmer ist, durch schlechte Gefühle, böse Gedanken, schlimme Worte, schlechte Wege verführt werden? Es ist nur zu wahr. Und was dann? Muss ich verzweifeln, weil ich nach der Bekehrung gesündigt habe, der ich doch ein Kind Gottes bin, befreit von der Schuld und der Macht der Sünde? Oder muss ich mein Gewissen mit dem Vorwand beschwichtigen, dass ich sündigen muss, weil ich noch in dem Leibe und in der Welt bin? Weder das eine noch das andere wäre Gott gemäss.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich daran erinnern, dass die Erkenntnis selbst uns nicht bewahrt, sondern für sich allein eine Gefahr bedeutet. Ein Christ, der viel weiss, aber nicht in Abhängigkeit von Gott zu wandeln versucht, wird mit grösster Wahrscheinlichkeit ausgleiten und fallen. Es gibt keine Haltung, die gefährlicher wäre als diese. Wir können tatsächlich sagen, dass jemand, der aufhört, in Abhängigkeit voranzugehen, moralisch schon ruiniert ist. Gibt es etwas Schlimmeres, als wenn grosse Teile der Wahrheit verstandesmässig aufgenommen werden, ohne dass das Gewissen dabei ständig vor Gott in Übung ist? Wie nötig haben wir das beständige Selbstgericht, im Bewusstsein unserer Schwachheit und im Warten auf Gott. Denn wie das Wesen der Sünde das Verlangen nach Unabhängigkeit ist, so zeichnet sich praktische Gottseligkeit durch einen Geist der Abhängigkeit und Unterwürfigkeit unter Gott aus, und das in grossen und kleinen Dingen. Ohne das Warten auf Ihn, gibt es keinen wahren Gehorsam. Wo Abhängigkeit vorhanden ist, wird bestimmt auch der Gehorsam folgen. Und Gehorsam ist der eigentliche Kern des Wandels, zu dem wir berufen und geheiligt sind. So sagt der Apostel Petrus: «Auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi» (1.Petr. 1,2). Das bedeutet, dass wir sowohl vom Vater auserwählt als auch durch den Geist geheiligt sind, damit wir gehorsam seien, wie Christus gehorsam war. Wir haben den ganzen Trost seines Blutes, das auf uns gesprengt wurde und uns von jedem Flecken rein gewaschen hat. Aber wir sind geheiligt, um zu gehorchen wie Er gehorchte, nicht als Sklaven, wie Israel unter dem Gesetz, sondern als Söhne unter der Gnade.
Gottes Vorsorge für den Gläubigen, der sündigt
Auf einem Weg des Gehorsams, den Fussspuren des Herrn Jesus nach, werden wir ein zartes Gewissen bewahren, uns selbst misstrauen und wachsam vor Gott wandeln. Durch einen Geist des Gebets drücken wir unsere Abhängigkeit von Gott aus. Aber wir können es so leicht an Wachsamkeit fehlen lassen und in Sünde fallen. Deshalb sagt der Apostel Johannes: «Meine Kinder, ich schreibe euch dieses, auf dass ihr nicht sündiget» (1.Joh. 2,1). Das ist die praktische Botschaft des Wortes Gottes an den Christen, die normale Regel seines täglichen Lebens, damit er nicht sündige.
Aber nachdem alle vor der Sünde gewarnt worden sind, sorgt der Geist Gottes vollkommen für den, der vom Weg abgekommen ist. Doch geschieht es nicht in einer gleichgültigen Art dem Bösen gegenüber, sondern mit zurückhaltenden Ausdrücken und sorgfältiger Rücksicht auf die Heiligkeit: «Wenn jemand gesündigt hat.» Er sagt nicht: «Wenn wir sündigen.» Wie hätte Er so etwas von der Familie Gottes sagen können? Wenn es hiesse:
«und wenn wir sündigen», würde das den Gedanken zulassen, dass alle sündigen müssten. Niemals sagt der Heilige Geist etwas Derartiges. Wenn jemand sündigt - das bedeutet für den Heiligen Geist eine bedauerliche andere Möglichkeit, die Tatsache werden kann. In der Geschichte des Gläubigen tritt dieser Fall leider nur zu oft auf. Dann spürt man ihn schmerzlich und hat sich deshalb vor Gott zu demütigen. «Wenn jemand gesündigt hat - wir haben einen Sachwalter.» Er sagt nicht einfach «er», sondern «wir». Wie vollkommen ist sein Wort, auch in dem, was einem gebildeten Sprachlehrer unregelmässig oder fremd vorkommen mag. Kritische Grammatiker gab es wohl damals genauso wie heute. Aber die gleichen Männer, die sich einbilden, die Kunst des Schreibens besonders gut zu beherrschen, kennen meistens kaum etwas von der göttlichen Genauigkeit der Schriften. Wir wollen uns an der Vollkommenheit dieses Satzes freuen und uns von der Genauigkeit, mit welcher der Geist Gottes hier geschrieben hat, nichts nehmen lassen. Niemand könnte ihn verbessern, und gerade das, was dem menschlichen Geist darin verwirrend scheint, ist ein Beweis der göttlichen Vollkommenheit.
Ein gewöhnlicher Mensch hätte diesen Gedanken wie folgt ausgedrückt: «Wenn jemand sündigt, so hat er einen Sachwalter bei dem Vater», oder wenn er beabsichtigt hätte zu sagen «wir haben», würde er den Satz geändert haben in «wenn wir sündigen». Doch der Heilige Geist hat genau das Richtige gesagt. Mit dem «wenn jemand gesündigt hat» macht er aus der Sache einen schmerzlichen Einzelfall, der eigentlich nicht vorkommen sollte. Es ist eine Möglichkeit, die eintreten kann, die aber immer als eine überaus schmerzliche Demütigung für unsere Seelen betrachtet werden muss. Dieses Gefühl sollten wir ungeschwächt in unseren Herzen bewahren, damit wir die Sünde nie leicht nehmen oder sie als etwas Normales behandeln, das wir von Zeit zu Zeit tun müssten. Zweifellos können wir falten. Möchten wir diese Gefahr nie aus den Augen verlieren. Auf der andern Seite haben wir aber einen Sachwalter beim Vater. Er ist dort und wir besitzen Ihn dort als solchen. In diesem Charakter gehört Christus jedem Gläubigen, und so handelt Er in der Gegenwart Gottes. Es ist die Fülle der göttlichen Liebe, die Ihn an diesen Platz geführt hat, um dem grossen Bedürfnis der Seele in der Not zu begegnen. Wenn es nur hiesse «er hat einen Sachwalter», könnte der Gedanke aufkommen, dass die Not des Einzelnen den Herrn dazu geführt habe, als Sachwalter zu handeln. Dem ist aber nicht so. Er ist stets dort - nicht nur als Hoherpriester vor Gott, sondern auch als Sachwalter beim Vater. Er ist das gemeinsame Teil aller Gläubigen, durch die gesegnete Fülle der Gnade, die sich der tiefsten Bedürfnisse annimmt, die bei irgendeinem Glied der Familie Gottes durch die Sünde hervorgerufen werden.
Beachten wir jetzt, wie der Apostel auf die Sprache der Gnade zurückkommt. Er sprach vom Herniederkommen der göttlichen Liebe in der Person des Herrn Jesus, dem ewigen Leben, das bei dem Vater war, bevor die Welt existierte, der sich selbst für uns dahingab, um uns das zu schenken, was Er allein besass, was Ihm eigen war. Kein Geschöpf, weder Adam in seiner Unschuld, noch die Engel oder Erzengel hatten das ewige Leben. Nur der Sohn Gottes. «In ihm war Leben», und «wer den Sohn hat, hat das Leben» (Joh. 1,4; 1.Joh. 5,12). Die Folge davon ist die Gemeinschaft mit dem Vater und mit dem Sohn. «Und dies schreiben wir euch, auf dass eure Freude völlig sei.» (1.Joh. 1,4). Es geht nicht nur um den Frieden mit Gott. Der Apostel schreibt hier nicht, um die Sicherheit darüber in uns zu festigen, sondern um uns zu der grossen und gesegneten Wahrheit der Gemeinschaft zu führen, die sich aus der Tatsache ergibt, dass wir Christus, den Sohn Gottes, und das ewige Leben in Ihm besitzen.
So beschäftigt sich Christus als Sachwalter also mit allem, was in unserem Wandel unvereinbar ist mit den Auswirkungen des göttlichen Lebens. Die Früchte dieses Dienstes werden uns hier gezeigt. So absolut ist die Gnade, dass der Apostel sagen kann: «Wenn jemand gesündigt hat - wir haben einen Sachwalter bei dem Vater.» Wenn ein nichtinspirierter Christ einen solchen Satz niedergeschrieben hätte, müsste man ihn dann nicht als Antinomist bezeichnen? (Antinomismus ist eine falsche Lehre, die sagt, dass der Christ absolut frei von jeder moralischen Verpflichtung sei und nur unter der Gnade stehe). Ich bin überzeugt, dass der gleiche Vorwurf noch manchen Worten der Apostel gegenüber erhoben würde, wenn man sich nicht fürchtete, offen Schlechtes von der Bibel zu reden. Es gibt indessen heute viele Menschen, die sich aus verschiedenen Beweggründen erlauben, das heilige Buch anzugreifen. Wir müssen bereit sein, dieser religiösen und weltlichen Opposition einer sogenannten menschlichen Wissenschaft, die sich mit immer kühneren, ungläubigen Vernunftschlüssen wider die göttliche Offenbarung erhebt, die Stirn zu bieten.
Es fehlt auch nicht an frommen Menschen, die jedoch in der Gnade nicht befestigt sind und deshalb Mühe haben, die Fülle der göttlichen Vorkehrungen anzunehmen. (Die Ungläubigen werden gewöhnlich durch solche Überlegungen nicht beunruhigt. Sie sind im Gegenteil froh, sich eines inspirierten Textes zu bemächtigen, der ihnen ein Hintertürchen oder eine Entschuldigung für ihr Leben in der Sünde zu verschaffen scheint. So verdrehen sie die Schriften zu ihrem eigenen Verderben.) Ich spreche jetzt aber von solchen, die den Herrn lieben, aber weder sich selbst völlig erkannt haben, noch allein in der Gnade Gottes ruhen, weil sie unrichtig belehrt wurden. Solche Seelen sind in Gefahr, besonders beschwert zu werden durch Wahrheiten, die ihr geistliches Verständnis übersteigen.
Nehmen wir zum Beispiel folgendes Wort: «Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade» (Röm. 6,14). Wie verstehen solche Gläubige diese Stelle? Sie sind ihrerseits gelehrt worden, dass sie, obwohl durch Gnade gerettet, jetzt unter dieses Gesetz als ihre Lebensregel gestellt seien. Im Gegensatz dazu erklärt der Apostel, dass sie nicht darunter stehen, ja noch mehr, dass, weil sie nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade stehen, die Sünde keine Herrschaft mehr über sie habe. Weil sie aber niemals auf den Gedanken kommen, die Gesetzes-Tradition in Frage zu stellen, sind sie unfähig, diese Wahrheit zu verstehen. Da es vielen Seelen an der Wertschätzung der Fülle der Errettung mangelt, haben sie keine Einsicht in das grosse Vorrecht des Christen, ausgedrückt in den Worten: «kein Gewissen mehr von Sünden» zu haben (Hebr. 10,2).
Genauso verhält es sich mit unserer Stelle in 1.Johannes 2. «Wenn jemand gesündigt hat - wir haben einen Sachwalter bei dem Vater.» Wie wunderbar sind die Wege Gottes, dass Er uns in diesem Zusammenhang sagt, dass wir Christus, den Gerechten, haben, der unsere Sache vor dem Vater in Ordnung bringt. In Johannes 14 und 15 wird denen, die im Gehorsam vorangehen, der Genuss der Gemeinschaft versichert. Aber hier geht es um jemand, der gesündigt hat, nicht um jemand, der am guten und heiligen und wohlgefälligen Willen Gottes festhält. Johannes sagt nicht: «Wenn sich jemand seiner Sünden bewusst wird», noch «wenn er sie bekennt und sich wegen der Sünde demütigt».
Es kann nicht sein, dass der heilige und wahre Gott bei uns das moralische Empfinden über die Schrecklichkeit des Bösen abschwächt. Warum stellt Er uns dann die Tatsache vor, dass wir einen Sachwalter beim Vater haben, einen so wunderbaren Sachwalter: Jesus Christus, den Gerechten? - Nehmen wir an, dass einer, der den Namen Christi bekennt, in irgendeine Tat der Ungerechtigkeit fällt. Was benötigt er dann? - «Jesus Christus, den Gerechten» - ohne den armseligen Zusatz, dass Dessen vollkommene Wege vor Gott anstelle seiner eigenen, bösen treten würden.
Die biblische Lehre der Stellvertretung Christi am Kreuz, dem wahren Bock Asasel, ist an ihrer Stelle eine überaus kostbare Wahrheit. Wenn ich mich als Sünder betrachte, sehe ich in Ihm meinen Stellvertreter, der für meine Sünden gelitten hat, ohne mit ihnen Mitleid zu haben. Seine Leiden für sie gingen bis zum Äussersten - der Gerechte litt für die Ungerechten. Gott möge verhindern, dass wir je Mitleid mit unseren Sünden suchen. Für unsere Sünden brauchen wir einen Stellvertreter.
Um die Wüste zu durchqueren, haben wir jetzt in allen Sorgen, Prüfungen und Leiden den gesegneten Hohenpriester, der selbst gelitten hat und nun «denen zu helfen vermag, die versucht werden» (Hebr. 2,18).
Aber leider kommt es vor, dass ich trotz der Gnade Gottes, die mir zuteil geworden ist, in einen traurigen praktischen Zustand komme, der im Widerspruch steht zu meiner Stellung als Kind Gottes und Heiliger. Es ist das, womit Gott keine Gemeinschaft haben kann: Sünde. Ich habe gesündigt, und zwar in der schlimmsten Weise: ich habe gegen die Gnade gesündigt. Ich habe versäumt, wachsam zu sein und in demütiger Abhängigkeit und im Selbstgericht zu wandeln und bin deshalb zur Verunehrung des Herrn gestrauchelt. In diesem Fall heisst es nun nicht: «Er muss von neuem beginnen», oder «er hat seine Segnungen verloren», oder «er muss sich aufs neue zum Heiland wenden, um ewiges Leben zu erlangen». Nichts von alledem, sondern: «wir haben einen Sachwalter bei dem Vater.»
In diesen Worten liegt nicht der Gedanke, uns damit zu trösten, dass Er da gerecht war, wo wir alle fehlbar sind. Wir alle sollten verstehen, dass die falsche Ansicht einer Stellvertretung all seiner Gerechtigkeiten für jeden unserer Fehler das Gewissen verdirbt und verhärtet.
Nein, wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, der sich unserer Sache annimmt, der da für uns handelt, wo wir es nicht können, einen Verteidiger, der sich gründlich für unseren Fall vor dem Vater einsetzt. Die Menschen wissen es zu schätzen, wenn sie vor Gericht einen vertrauenswürdigen Rechtsanwalt haben, der fähig ist, ihre Interessen wahrzunehmen, die sie selbst zu leicht aufs Spiel setzen könnten und deren Verteidigung für sie mit Sicherheit extrem verwickelt wäre.
Hier befindest du dich als wahrer Christ aus eigener Schuld in einer besonderen Not; denn du hast gegen Den gesündigt, dessen Liebe du kennst. Und doch, welch ein Trost der Gnade! Der Heilige Geist spricht zu dir von dem Einen, in den du dein volles Vertrauen gesetzt hast. Er kennt deine Geschichte, deinen moralischen Zustand, dein ganzes Herz und macht sich völlig eins mit dir - und was noch mehr ist - Er gibt dir die volle Gewissheit, dass Er als Fürsprecher allmächtig ist und dich trotz der Beschämung deinerseits zur Verherrlichung Gottes befreien wird. Das und nichts weniger ist der Dienst unseres Sachwalters. Obwohl Er uns durch diesen Dienst vollkommen reinigt, übt Er ihn nicht bei uns, sondern «bei dem Vater» aus.
In diesem Fall wird nicht gesagt, «bei Gott», als handelte es sich einfach um eine Frage unserer Rechtfertigung. Aber ist durch einen Fehltritt jede Hoffnung auf die Wiedererlangung der Gemeinschaft mit dem Vater geschwunden, nachdem wir seinen Namen und unser Zeugnis davon so verunehrt haben? Nein; denn unser Sachwalter ist bei dem Vater, um die unterbrochene Gemeinschaft wiederherzustellen. Denn die Sünde im Leben eines Gläubigen zerstört nicht seine Stellung in der Nähe Gottes, (der Zugang zu Gott gründet sich auf das Opfer Jesu Christi), aber sie unterbricht den Genuss der Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und es ist der Sohn selbst, der in seiner Gnade den Dienst als Sachwalter der Seinen übernimmt, die sonst ohne Hilfe wären. Nichts wird uns von seiner Liebe scheiden.
Wie kostbar ist eine solche Tätigkeit! Sein Sachwalterdienst, um die unterbrochene Gemeinschaft eines Heiligen mit dem Vater wiederherzustellen, ist so vollkommen wie sein Blut zur Reinigung des schuldigen Sünders. Und doch geht es nicht einfach um die Erinnerung an die Tatsache, dass Er meine Gerechtigkeit ist, was unvermindert und unanfechtbar wahr bleibt. Das Böse muss schonungslos verurteilt werden. Es ist nicht nur der Vater, der fühlt, dass sein Kind gesündigt hat. Er will, dass auch ich mich richte; denn die Gnade wäre vorhanden gewesen, um mich bis ans Ende ohne Straucheln zu bewahren.
Und tatsächlich wirkt die Sachwalterschaft Christi in dieser Richtung. Er ist der Fürsprecher beim Vater, aber Er beschäftigt sich auch mit meiner Seele. Es geht nicht nur darum, mir zu zeigen, was Er für mich ist, obwohl das wahr und wichtig ist. Ja, wir sollen an der Vollkommenheit unserer Stellung unter allen Umständen festhalten; denn sie gründet sich auf das Werk Christi. Aber seine Sachwalterschaft ist etwas anderes. In unserer Stelle wird die Sicherheit unserer Annahme bei Gott mit dem Titel «Jesus Christus, den Gerechten» unterstrichen. In Ihm, sagt Paulus, sind wir Gottes Gerechtigkeit geworden (2.Kor. 5,21). Aber als Sachwalter untersucht Er die Wunde meiner Seele und lässt mich in seiner Liebe meinen Fehltritt wirklich und brennend spüren; denn Er möchte mich durch seinen Geist genauso wiederherstellen, wie Er meine Sache vor dem Vater verteidigt Er ist ebenso wirklich der Tröster oder Fürsprecher für die Seinen, wie Er die Sühnung für ihre Sünden ist. Beide Wahrheiten bleiben unabänderlich. Das Werk ist vollbracht, durch das die Sünden der Gläubigen ausgelöscht sind. Aber ein solcher Reichtum an Gnade bewirkt in einer Seele, in der sich lebendiger Glaube und damit göttliches Leben vorfindet, um so mehr Trauer und Beschämung über die Sünde gegen Gott. Nicht weil wir uns fürchten, in sein Gericht zu fallen, sind wir betrübt, sondern weil wir seine Liebe kennen, die trotz unserer Untreue so unwandelbar und treu ist.
Die Ausübung des Sachwalterdienstes
Nun wollen wir noch die Anwendung des Sachwalterdienstes Christi auf die Bedürfnisse der Heiligen betrachten. Wir haben von der Tatsache selbst als Lehre gesprochen und ihre Verbindung mit der Sühnung und mit der Wahrheit, dass Christus unsere Gerechtigkeit ist, gesehen. Lasst uns jetzt die Tätigkeit des Sachwalters etwas näher studieren, nicht nur die Wahrheit an und für sich, sondern deren praktische Anwendung auf uns. Auch das finden wir in den Schriften des Johannes besonders schön dargestellt, obwohl der Grundsatz auch anderswo in der Schrift vorkommt. Gleichwie Paulus, als vermutlicher Schreiber des Hebräerbriefes, uns vor allem das Hohepriestertum Christi in seiner Anwendung auf ein Volk, das durch Christi Blut geheiligt, gereinigt und vollkommen gemacht ist, vorstellt, so haben wir bei Johannes den Dienst des Sachwalters, den der Herr Jesus für diejenigen erfüllt, die ewiges Leben haben und in die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn gebracht worden sind.
Dazu wollen wir Johannes 13 eingehender betrachten. Da wird vom Herrn Jesus gesagt, als Er im Begriff stand, aus dieser Welt zu dem Vater hinzugehen: «Da er die Seinigen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende» (V. 1). Welch gesegneter Trost für Bedürftige: Er liebt sie bis ans Ende! Auch wenn Er diese Welt verliess, so war es, um in einer andern Weise für die Seinen zu wirken. Auf der einen Seite finden wir in diesem Augenblick hier die Wirksamkeit des Feindes in all seiner Bosheit gegen den Herrn Jesus. Der Teufel hatte es «dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben, dass er ihn überliefere» (V. 2). Auf der andern Seite sehen wir den Sohn Gottes in der ganzen Fülle seiner Liebe zu den Seinen, trotz aller gegensätzlichen Einflüsse: «Jesus, wissend, dass der Vater ihm alles in die Hände gegeben» (V. 3). Er geht nicht nur zu Gott zurück in all seiner sittlichen Herrlichkeit, in der Er zu uns herabgekommen ist als Sohn Gottes, sondern auch in der Herrlichkeit, mit der Ihn der Vater verherrlicht hat (Joh. 17,5).
«Wissend ... dass er von Gott ausgegangen war und zu Gott hingehe, steht Jesus von dem Abendessen auf und legt die Oberkleider ab; und er nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich» (V 3,4). Er bleibt der vollkommene Diener. Diese Aufgabe muss die göttliche Liebe in einer Welt wie die unsere übernehmen. Der Mensch liebt es, etwas zu scheinen und für eine Weile etwas zu sein. Der Sohn Gottes hingegen erniedrigte sich selbst, wurde Mensch, sogar Sklave, damit Er uns von unserem Ich und von der Macht Satans erlösen konnte. Sein Dienst der Liebe geht weiter bis zum Ende, nicht nur wegen des Elends und der Sünde, sondern aufgrund dessen, was Er für uns ist. Es kann nicht anders sein. Es ist genau das, was der Herr Jesus tat und tut und immer tun wird. Die Liebe dient, indem sie das Wohl der andern sucht. Wir sehen dies nicht nur beim Sohn, sondern auch beim Vater selbst, obwohl in einer andern Weise: «Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke» (Joh. 5,17)
So ist die göttliche Liebe, die sich vor allem im Sohn offenbarte: Er wollte uns mit dem vertraut machen, womit sich sein Herz unsretwegen in der Herrlichkeit beschäftigen würde, um so mehr als diese Tätigkeit sowohl für seine jüdischen Jünger als auch für andere später schwierig zu begreifen war. Ausserdem hatte die Fusswaschung den Zweck, auf das Herz und die Wege der Heiligen in ihren gegenseitigen Beziehungen zu wirken. Durch dieses bedeutungsvolle Tun zeigte Er ihnen, dass Er immer noch ihr Diener in göttlicher Liebe war. Mit dem Kreuz war die reiche und stets aufs neue fliessende Quelle keineswegs ausgeschöpft; denn es geht nicht nur um das Werk der Sühnung. Wenn Er in die Herrlichkeit zurückkehrte, wollte Er in den Herzen der Seinen wirken, damit sie droben mit Ihm Gemeinschaft haben möchten, während sie noch auf der Erde sind. Sie waren ja berufen, dereinst diese Herrlichkeit, in die Er eingegangen war, mit Ihm zu teilen. Deshalb «nahm er ein leinenes Tuch und umgürtete sich. Dann giesst er Wasser in das Waschbecken und fing an, die Füsse der Jünger zu waschen» (V. 4,5).
Man muss sorgfältig beachten, dass es im ganzen Abschnitt um die «Waschung mit Wasser durch das Wort» geht und nicht um die Anwendung des Blutes. Wir finden in dieser vorbildlichen Handlung in keiner Weise das Werk der Sühnung. Die Belehrung dieses Kapitels bezieht sich nur auf die Reinigung mit Wasser. Gewiss, der gleiche Sohn Gottes hat sein Blut für die Seinen vergossen. Doch dies geschah, um uns von unseren Sünden zu reinigen und die Schuld vor Gott zu sühnen. In diesem Abschnitt werden solche mit Wasser gereinigt, die mit Gott versöhnt sind, deren Fehler und Sünden in ihrem täglichen Wandel aber diese Waschung nötig machen. «Wenn jemand gesündigt hat», damit meint der Herr die Seinen, als Heilige und Abgesonderte, nicht solche, die die Gnade aus einer rebellischen Welt sucht und zu Christus führt, Es sind die, welche ihm schon angehören und entsprechend geliebt sind. Er beweist seine Liebe dadurch, dass Er sie in göttlicher Gnade reinigt, nachdem Er in den Himmel hinaufgestiegen ist. Er zeigt ihnen, was Er nach seinem Weggang dort für sie erfüllen würde. Er wäscht die Füsse derer, die «ganz gewaschen» sind (V. 10). Durch das Wort findet diese Ganzwaschung bei der Bekehrung statt. Dann wirkt das Wort während des ganzen Lebens des Gläubigen. Er spricht vom Bad mit Wasser, als der Grundlage für die Waschung der Füsse, und nicht vom Blut, obwohl auch das Blut mit seiner ewigen Wirksamkeit am Anfang des Glaubenslebens steht. Deshalb lesen wir in 1.Johannes 5,6: «Dieser ist es, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus, der Christus; nicht durch das Wasser allein, sondern durch das Wasser und das Blut.»
Es ist besonders nötig, dass wir uns an das erinnern, weil diese Wahrheit in der bekennenden Kirche beinahe ganz verloren gegangen ist. In der bekennenden Christenheit trifft man selten solche, die die Waschung mit Wasser durch das Wort gut verstanden haben. Die meisten haben überhaupt keine Ahnung davon. Und doch handelt es sich um eine sehr wichtige Wahrheit für den Gläubigen. Es ist die Vorsorge der Gnade für alles, was uns auf unserem Weg verunreinigt. Wir wollen damit nicht sagen, dass gottesfürchtige Personen, die diese Wahrheit nicht begriffen haben, ihre Wirkung nicht erfahren können. Die Gnade wird bestimmt dafür sorgen. Aber wir sprechen jetzt vom Verständnis des Wortes, das nötig ist, um diese Wahrheit richtig anzuwenden und eine falsche Auslegung dieses wichtigen Teils der göttlichen Wahrheit zu vermeiden. Würde man sie auf die Taufe beziehen, ergäbe sich sowohl eine Sinnwidrigkeit als auch eine falsche Lehre. Sieht man darin aber ein Symbol der Neugeburt und eine nachfolgende Reinigung des Gläubigen durch das Wort, wenn er während seines Wandels beschmutzt wird, dann findet man eine kostbare und notwendige Belehrung.
Was der Herr damals in der Fusswaschung vorstellte, ist genau das, was der Heilige Geist, als Antwort auf die Sachwalterschaft Christi beim Vater hienieden ausführt. Daraus erkennt man, dass eine andere Wahrheit eng damit verknüpft ist: Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der als Folge der Rückkehr des Herrn Jesus in den Himmel auf diese Erde gesandt wurde. Als der Herr das Werk der Erlösung vollbracht hatte, kehrte Er in die Herrlichkeit zurück, wo Er verherrlicht zur Rechten Gottes weilt und von woher Er den Heiligen Geist gesandt hat. Und als Antwort auf die Tätigkeit Christi als Sachwalter beim Vater wirkt der Geist nun in uns durch das Wort. Jetzt verstehen wir, wie sich dieses Wort: «Wenn jemand gesündigt hat - wir haben einen Sachwalter bei dem Vater», auf unsere Seelen bezieht. Um das Ziel dieses Sachwalterdienstes im Blick auf die Gläubigen mit ihren Bedürfnissen zu erreichen, lässt der Heilige Geist das Licht des Wortes mit Kraft in die Gewissen dringen und auf alle Einzelheiten unseres praktischen, täglichen Lebens leuchten.
Wir finden in einem andern Evangelium eine treffende Begebenheit, die uns zeigt, dass sich dieser Grundsatz durch die ganze Schrift zieht. Die Lehre und die Anwendung finden sich besonders bei Johannes, weil sie mit dem ewigen Leben und der Gemeinschaft in Verbindung stehen. Nehmen wir nun Lukas, der unter den vier Evangelisten die menschliche Seite besonders hervorhebt. Er gibt uns einen ausführlichen Bericht über den schweren Fall von Petrus, der das Vertrauen aller schwachen Gläubigen erschüttern könnte. Er war ein bedeutender Mann und ein bekannter Führer. So musste sein öffentlicher Fall - bei dem er seinen Meister in der Stunde grösster Not verleugnete, und zwar mit einem wiederholten Eid vor seinen Feinden - für die junge Gruppe der Jünger, die sich damals im Namen des Herrn Jesus versammelte, ein gewaltiger Schock gewesen sein. Der Heilige Geist hat uns diesen tragischen Fall zur Warnung aufgeschrieben, aber auch, um uns zu zeigen, wie der Herr sich mit seinem armen Jünger beschäftigte. Zuerst hatte Er ihn ernstlich gewarnt. Als sich dieser seiner Liebe rühmte, kündigte der Herr ihm den nahe bevorstehenden Fall an. Er tat dies ganz unverhohlen in der Gegenwart seiner Mitjünger, aber mit dem sehnlichen Wunsch, Petrus möge weise genug sein, um es zu Herzen zu nehmen. Leider ist der Zustand eines Gläubigen, der im Begriff steht zu fallen, dadurch gekennzeichnet, dass er die Gefahr überhaupt nicht wahrnimmt.
Hier war es der Meister selbst, der Petrus wissen liess, was ihm bevorstand. Petrus hatte früher vom Herrn Jesus bezeugt, dass Er eine göttliche Person sei, der Sohn des lebendigen Gottes. Und doch sind unsere Ohren so taub, wenn wir nicht hören wollen, und wir sind so verständnislos für das, was wir im Augenblick als unnötig für uns erachten. Unangenehme Wahrheiten gehen an uns vorbei. Was gesagt wird, scheint uns ein unverständliches «Gleichnis» zu sein, wie den Jüngern bei einer früheren Gelegenheit. Die Worte des Meisters hatten in Petrus keine tiefen Eindrücke hinterlassen und kein Gefühl dafür, seine Gnade nötig zu haben. Ein solcher Fall, dieses schlimme, äusserliche Böse, ist in der Tat immer die Folge eines inneren, verborgenen Bösen, das Gott bekannt ist. Das sichtbare Böse kommt nie allein oder plötzlich. Im Fall von Petrus sieht man vorgängig doch ungerichtete Voreiligkeit und Selbstvertrauen, obwohl er ein eifriger Mann mit ernsthaften Vorsätzen war. Der Zustand des Herzens und die Umstände boten dem Feind die günstige Gelegenheit. Petrus war so selbstsicher und von seinem Mut überzeugt, dass, wenn jedermann den Meister verleugnen würde, es nach seiner Meinung unmöglich war, dass er es tun könnte. Und doch war er der Mann, der den Christus Gottes aus Furcht vor einer Magd verleugnete. So ist es: Wenn wir ungläubig und unwachsam sind, werden wir gerade in den Dingen straucheln, in denen wir uns am meisten rühmten, und zwar in einer für uns überaus demütigenden Weise.
Die Wiederherstellung auf Grund seiner Gnade
Nun wollen wir aber die barmherzigen Wege des Herrn Jesus betrachten. Die Fülle der Gnade Christi ist das Wichtigste für uns, nicht der Fall des Petrus. Bevor Petrus Ihn verleugnete, sagte der Herr zu Ihm:»Simon, Simon! siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre» (Luk. 22,31.32). Satan begehrte die Jünger ganz allgemein zu sichten wie den Weizen; aber der Herr sagte zu Petrus persönlich: «Ich aber (mit Betonung) habe für dich (nicht einfach für euch) gebetet.» Oh, wie sehr benötigte Petrus dies! Wie muss ihm bald nachher der Beweis des Interesses und der tiefen Sorge seitens des Herrn wohlgetan haben! Trotz der traurigen Umstände für den Herrn handelte Er so, als sei Petrus der einzige Jünger, um den Er sich kümmern müsse. Seine ganze Liebe konzentrierte sich in jenem Augenblick, als dieser seinen Namen so bitter verunehrte, auf ihn. «Ich aber habe für dich gebetet, auf dass dein Glaube nicht aufhöre; und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder.» Das mit «zurückgekehrt» übersetzte Wort bedeutet zu Gott zurückgekehrt, ob es sich nun um die ursprüngliche Bekehrung handle oder um die Rückkehr, wenn der Gläubige sich von Ihm entfernt hat. Hier geht es natürlich um die zweite Bedeutung. Es ist das, was wir gewöhnlich «Wiederherstellung der Seele» nennen. In diesem Fall Würde «Bekehrung» zu Missverständnis führen. Das ursprüngliche Wort wird aber für beides angewandt. «Und du, bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder.»
Der Punkt, auf den ich Nachdruck legen und den ich ins Licht bringen möchte, ist die Gnade, mit der der Herr für den Verirrten vorgesorgt hat, und die sich einer solchen Seele in der Stunde der Not und Demütigung vorstellt. Es ist wahr, dass sich das heuchlerische Fleisch dies zunutze machen könnte. Und trotzdem offenbart sich eine solche Gnade, weil wir sie nötig haben. Wie tröstlich ist die Wahrheit Gottes! Haben wir bemerkt, dass diese reiche Gnade nicht als Antwort auf den Ruf eines zerknirschten Herzens erscheint? Wir zweifeln keinen Augenblick, dass der Herr einen solchen Schrei hören und beantworten wird. Aber in der vor uns liegenden Begebenheit sehen wir etwas anderes, was nicht unwichtig ist. Wenn wir nur den Trost der Worte des Herrn hätten und die Ermunterung, dass Er für uns vor Gott erscheint, sobald wir Busse tun über die betreffenden Sünden und uns vor Gott richten, könnten wir denken, dass es unsere Reue und Gebete seien, die seine Gnade in Tätigkeit bringen und sein Interesse an uns wecken. So denken viele Menschen um uns her. Auf diesem Standpunkt steht die Christenheit im Allgemeinen. Man glaubt, dass die Bekehrung eines Menschen und die Wiederherstellung des Gläubigen eine Antwort auf sein Gebet seien. Die Gnade wird von A bis Z durch das Verdienst des Menschen ersetzt. Wo bleibt in einer solchen Anschauung noch Raum für den Herrn Jesus?
Die Heilige Schrift redet aber anders. Da nimmt Gott den ersten Platz ein. Er ist es, der ein gutes Werk in der Seele beginnt, ohne dass diese Ihn gesucht hätte. In unserer Begebenheit handelte der Herr offensichtlich schon bevor Petrus fiel, und nicht umgekehrt, obwohl er nach seinem Fall bitterlich weinte und bestimmt betete. Aber die Betonung liegt auf den Gebeten des Herrn, nicht auf den Tränen des Petrus. «Wenn jemand gesündigt hat», dann haben wir einen Sachwalter bei dem Vater - nicht wenn wir bereuen, werden wir einen solchen haben. Der Sachwalter ist ein fester Besitz des Christen, solange er auf dieser Erde lebt. Bei einem Gläubigen ist die Sünde zwar immer unentschuldbar. Aber wenn einer doch schuldig wird, haben wir den Sachwalter, der uns zur Busse leitet. Nicht unsere Reue macht Ihn zum Sachwalter, sondern seine Gnade, die alles in Tätigkeit bringt.
Haben wir diese Wahrheit begriffen? So, wie es Gnade war, die am Anfang unseres Glaubensweges in uns wirkte, bleibt die Gnade für jeden weiteren Schritt die Quelle aller Barmherzigkeit, Befreiung und Segnung. Mit dem was wir sagen, wollen wir aber die Gerechtigkeit keineswegs ausser acht lassen; denn ohne sie käme nichts Gutes zustande. Wenn wir nicht an allen Charakterzügen und Wegen Gottes festhalten, liegen wir verkehrt. Aber die Befriedigung der göttlichen Heiligkeit findet sich für uns in Christus selbst, der unser Leben und der Gerechte ist. Darüber hinaus, wir wissen es, ist dem, was wir von Natur sind, in vollstem Mass Rechnung getragen worden: «Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt» (1.Joh. 2,2). Wenn auch in einer etwas anderen Weise wie für die Gläubigen, kann man doch sagen, dass Christus für alle starb. Das Blut ist auf dem Sühndeckel. Sein Werk begrenzt sich nicht auf das Volk Gottes allein, sondern umfasst den weitesten Kreis seiner Schöpfung, so dass das Evangelium gerechterweise in Gnade zu allen ausgehen kann, mit der Aufforderung, «dass sie alle allenthalben Busse tun sollen». Es ist eine dringende Bitte in Liebe, die sich überredend und warnend an die Seelen in der Nähe und Ferne wendet, damit sie gerettet werden möchten.
Es scheint mir, dass wir den behandelten Gegenstand klar in Gottes Wort finden. Wir sind aus Wasser und Geist von neuem geboren. Die Wirkung des Heiligen Geistes durch das Wort Gottes ist, dass die Seele durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus für Gott abgesondert wird. Deshalb lesen wir, dass Er uns errettet hat «durch die Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes» (Tit. 3,5). Da finden wir deutlich den Anfangspunkt des Weges des Gläubigen beschrieben. Denn «Gott hat euch von Anfang erwählt zur Seligkeit in Heiligkeit des Geistes und im Glauben an die Wahrheit» (2.Thess. 2,13). Wir lesen ebenfalls, dass «Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, auf dass er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort» (Eph. 5,25.26). Die Jünger waren rein durch das Wort, das Jesus zu ihnen gesprochen hatte (Joh. 15,3).
Wir finden diese Wahrheit auch in Stellen, wo das Bild des Wassers nicht erwähnt wird. So lesen wir in Jakobus 1,18: «Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt.» Und um den gleichen Grundsatz geht es in 1.Petrus 1,23: «Die ihr nicht wiedergeboren seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes.»
Der gleiche Unterschied wird auch in der symbolischen Handlung in Johannes 13 festgehalten. «Wer gebadet ist, hat nicht nötig sich zu waschen, ausgenommen die Füsse» (V. 10). Bei der Neugeburt sind wir im Wasser des Wortes «gebadet worden». Es handelt sich hier nicht um die Anwendung des Blutes, sondern um die des Wassers. Das geschieht, wenn ein Mensch bekehrt, oder für Gott abgesondert wird. Er wird gebadet, d.h. ganz vom Wasser bedeckt. Später, wenn es sich um eine besondere Verfehlung handelt, wendet der Heilige Geist das Wort an, um uns von diesem Fehltritt zu überführen, damit wir uns dieserhalb demütigen und Selbstgericht üben. So sehen wir in Lukas 22,61 wie der Herr sich umwandte und Petrus anblickte, nachdem er gefallen war. «Und Petrus gedachte an das Wort des Herrn, wie er zu ihm sagte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.» Das war die Waschung mit Wasser durch das Wort. Die Worte Jesu kamen ihm lebendig und in all ihrer Kraft in Erinnerung und taten ihre Wirkung an seiner Seele. «Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.»
Noch eine Bemerkung möchte ich anfügen. Wir kommen nun zu weiteren Einzelheiten in der praktischen Anwendung dieses Beispiels. Das Werk der Wiederherstellung war noch nicht vollständig, als Petrus hinausging und bitterlich weinte. Das war zu seiner Zeit das Richtige und von Gott gewirkt, aber es war noch nicht alles. Deshalb finden wir, dass der Herr Jesus sich später noch mit den verborgenen Winkeln des Herzens von Petrus beschäftigte. Die erste Begegnung des auferstandenen Herrn mit Petrus geschah unter vier Augen. Nachher lernen wir, was nötig ist, um die Wiederherstellung vollkommen zu machen. Es geschieht nicht in einem verurteilenden Sinn, sondern in der Vollkommenheit der Liebe des Herrn. «Simon, Sohn Jonas, liebst du mich mehr als diese?» fragte Er (Joh. 21,15). Petrus beteuert, dass er den Herrn sehr lieb habe. Der Herr wiederholt die Frage, und beim dritten Mal fragt Er, ob er Ihn wirklich mit besonderer Zuneigung liebe, wie er beteuert habe. Das betrübt den Petrus, dass der Herr zum dritten Mal fragt: «Hast du mich lieb?» Er mochte fühlen, dass sein dreimaliges Verleugnen vor den Blicken des Herrn stand, und ebenso die tiefe Ursache seines Versagens. Jetzt erkannte er selbst, wie es dazu gekommen war. Wohl hatte er darüber geweint und seine grosse Sünde gegenüber dem Herrn gefühlt, sowie dessen grosse Gnade erfahren. Aber hatte er sich dabei schon wirklich gründlich vor dem Herrn gerichtet?
Alttestamentliche Illustration: Die Asche der roten jungen Kuh und das Wasser der Reinigung (4.Mose 19)
Das Selbstgericht darf sich nicht nur auf einen begangenen Fehltritt beziehen. Wir werden nie die wahre Ursache dessen erkennen, was uns irregeführt hat, wenn wir nur die äusserliche Tat beachten. Wie haben wir uns dieser Gefahr ausgesetzt? Was führte Petrus zu seinem Fall? Er dachte, dass seine Liebe zum Herrn grösser sei, als die der andern; er könne dahin gehen, wohin die andern nicht zu kommen vermöchten. Er meinte, auf sich vertrauen zu können, da er seinen Herrn mit ganzem Herzen liebte. Nie würde er den Messias verleugnen! Petrus war befriedigt vom Glauben, dass er den Herrn Jesus mehr liebe als die andern und Gefängnis, Tod, oder was es immer sei, für Ihn auf sich nehmen könne.
Der Herr aber liess sein Licht bis auf die Wurzel seiner Verfehlung fallen. Ohne ein hartes Wort, ohne eine direkte Anspielung auf sein dreimaliges Verleugnen, ohne ihn im geringsten unnötigerweise vor den andern blosszustellen, wurde die Wurzel des Bösen blossgelegt, damit Petrus sie richtete. Er wurde vollkommen wiederhergestellt, und der Herr konnte ihm jetzt seine Schafe und Lämmlein seiner Fürsorge und Wachsamkeit anbefehlen. «Bist du einst zurückgekehrt, so stärke deine Brüder.» Er war wiederhergestellt und bekam die Verheissung bezüglich des Endes seines Weges, dass wenn seine körperlichen Kräfte nachlassen würden, er seinem Herrn folgen würde bis zum Kreuzestod.
Wir finden diese Wahrheit nicht nur im Neuen Testament. Natürlich haben wir dort die Lehre und die Anwendung, sowie besondere Begebenheiten wie die eben behandelte. Aber wir können bestätigen, dass das Alte Testament uns den gleichen Grundsatz zeigt, obwohl wir es nur mit Hilfe des Neuen richtig verstehen können.
Was bedeutet z.B. das Wasser der Reinigung, welches das Gesetz den Kindern Israel vorschrieb? Das Wasser war mit der Asche einer jungen Kuh vermengt, die vollständig, mitsamt ihrer Haut und ihrem Mist, verbrannt worden war (4.Mose 19). Das war eines der wenigen Opfer, die vollständig verzehrt wurden. Warum war dies nötig? Es geschah, um auf eindrückliche Weise in einem Bild das verzehrende Gericht Gottes zu zeigen. In keinem andern Opfer wurde das Verbrennen so vollkommen durchgeführt wie bei der roten jungen Kuh. Das Wesentliche am Ganzen war die Asche; sie wurde mit lebendigem Wasser vermengt aufbewahrt. Der Israelite, der sich verunreinigt hatte, musste mit diesem Wasser der Reinigung besprengt werden, und zwar zweimal. Die erste Besprengung fand am dritten Tag und die zweite am siebten Tag statt, Vorausgesetzt, dass der Unreine am dritten Tag besprengt worden war. Dass dies erst am dritten und nicht am ersten Tag geschah, beweist, dass man kein gebührendes Empfinden für den Ernst der Sünde hat, wenn einfach ein schnelles Bekenntnis des Bösen vorhanden ist. Man beobachtet dies manchmal bei einem Kind, das, sobald es sich eines Fehlers schuldig gemacht hat, zu seinen Eltern läuft und ihnen sagt, wie leid es ihm tue. Das gleiche Kind wird aber ebenso schnell wieder in den gleichen Fehler fallen. Wäre es nicht besser, das Kind zeigte tiefere Beschämung und bliebe eine Weile unter diesem Eindruck, als so schnell um Vergebung zu bitten und im nächsten Augenblick die Sünde schon wieder zu vergessen? Leider sind wir oft selbst ungehorsame Kinder und handeln unserm Gott und Vater gegenüber dabei nicht anders.
Der allein weise Gott gab diese Einrichtung dem Volk, das die Wüste durchquerte. Es ist bemerkenswert, dass nur im 4. Buch Mose, dem Buch der Wüstenreise, davon die Rede ist. Dort wurde diese Hilfsquelle der Gnade benötigt, und dort war sie vorhanden. Der Anweisung gemäss, musste der Israelit unter dem Eindruck seiner Unreinheit bleiben. Er sollte das Gefühl der Verunreinigung bis zum dritten Tag spüren. Alles sollte ohne Hast vor sich gehen. Der unreine Mensch musste für zwei Tage auf die Vorrechte des Israeliten in der Gemeinschaft mit Gott verzichten. Erst am dritten Tag, wenn ein vollständiges Zeugnis vorhanden war («aus zweier oder dreier Zeugen Mund wird jede Sache bestätigt werden» 5.Mose 17,6; 2.Kor. 13,1), wurde er besprengt. Das ist die Bedeutung des dritten Tages hier. Er hat an dieser Stelle nichts mit der Auferstehung zu tun. Er bedeutet ein vollständiges Zeugnis für die Tatsache seiner Verunreinigung. Wenn der Mensch dies vor Gott fühlt und unter dieser Schulderkennung bleibt, kann die Besprengung des siebten Tages zur Wirkung kommen, und er wird wieder rein. Hier haben wir also das Gegenteil einer Seele, die vor Gott zu fliehen und sich so der Sünde zu entledigen sucht, was der natürliche Mensch stets tun will. So sagte Saul leichtfertig: «Ich habe gesündigt» (1.Sam. 15,30) und vergass dann wieder alles. Hier wurde weder am dritten noch am siebten Tag das Wasser der Reinigung gesprengt. In diesem Fall blieb die Sünde trotz des Vorhandenseins der Gnade bestehen. Im ersten Fall hingegen triumphierte die Gnade über die Sünde. Jede Verunreinigung war gerichtet und weggetan, der Schuldige vollkommen gereinigt. Die Gnade hatte das letzte Wort.
Wie gross ist die Gnade unseres Herrn, der, ohne die Sünde irgendwie leichtfertig zu behandeln, eine vollkommene Vorsorge für ihre Beseitigung getroffen hat. Sogar auf dem Weg zur Wiederherstellung lässt die Gnade die göttliche Heiligkeit hervortreten. Auf diese Weise wird die Seele die Sünde empfinden, wie nie zuvor, nicht nur die sündige Tat, sondern was zum Fall führte. Dadurch wird der Gläubige nicht nur gedemütigt, sondern auch weitergeführt und gestärkt, und zwar in einer Weise und in einem Mass, wie er es noch nie erfahren hat. So wird da, wo die Sünde überströmend geworden ist, die Gnade noch überschwänglicher. Sie führt, zum alleinigen Lob unseres Herrn, zu einem besseren geistlichen Zustand, der nicht möglich wäre, wenn wir nur die offenbare böse Tat sähen. Wir ständen in Gefahr, wieder in den gleichen Fehler zu fallen, womöglich noch tiefer. Welche Reichtümer der Gnade begegnen uns da! Sicher befreit sie uns von der betreffenden Sünde, die uns Schande bringt und uns schmerzt. Aber sie bleibt nicht dabei stehen. Gemäss den Belehrungen des Alten und Neuen Testamentes wird sie bis zur Wurzel des Bösen dringen, damit der Verunreinigte das Ich an der Wurzel richten kann, die Seele Kraft für sich empfängt, andern von der empfangenen Gnade mitteilen kann und Gott in allem verherrlicht wird durch Jesus Christus, unsern Herrn.
Möchten wir uns deshalb allezeit im Herrn freuen. Möge Er uns Gnade schenken, im Vertrauen auf Ihn jedes einzelne Teilchen seiner Wahrheit festzuhalten. Lasst uns darüber wachen, dass alle Gnade und Wahrheit, die wir in Ihm kennen, dazu diene, den Willen Gottes, der in seinem Wort offenbart ist, aufrechtzuerhalten und zu verteidigen, damit er in uns und andern wirke und wir Teilhaber seiner Heiligkeit werden.