Halte Fest
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2. Tim. 3,5: Gottseligkeit oder eine Form der Gottseligkeit?

Halte fest Jahrgang 1965 - Seite: 211 - Verfasser: A. G.

Gottselig ist der Mensch, der keinen anderen Beweggrund hat, als Gott wohlzugefallen, den er durch den Glauben erkennt.

Der religiöse Mensch aber gestaltet eine Form der Gottseligkeit, und wenn nur diese Form da ist, so ist dies einer der gefährlichsten Zustände: Man bekennt, die Wahrheit zu kennen, man hat sie in den Händen, aber man entzieht sich ihrer Wirksamkeit. Wohl wissend, was Gott wohlgefällt, tut man gleichwohl das, was dem natürlichen Herzen angenehm ist. So war es bei den Heiden in Römer 1,18 und so ist es auch, nur noch in viel ernsterer Weise, bei den Menschen der schweren Zeiten der letzten Tage, die, obwohl im Besitze der christlichen Wahrheit, nur eine Form der Gottseligkeit haben, aber deren Kraft verleugnen (2.Tim. 3,5). In Wirklichkeit sind sie heillos (Vers 2).

Die Gottseligkeit ist etwas Persönliches, wie die übrigen Tugenden, die der Gläubige zu seinem Glauben hinzufügen soll (2.Petr. 1,7). Sie setzt voraus, dass unmittelbare Beziehungen zwischen der Seele und Gott bestehen, also Leben aus Gott vorhanden ist, ferner, dass diese Beziehungen unterhalten werden, indem der Glaube aufrichtig und aktiv ist. Erinnern wir uns daran, dass diese gesegneten Beziehungen vor allem heilige Beziehungen der Gottesfurcht, des Vertrauens, wie auch der Dankbarkeit und des Gehorsams sind. Die Quelle, aus der ihre Lebendigkeit Zufluss erhält, fliesst im Innern, sie ist persönlich: es ist die individuelle Erkenntnis des Christus, wie das Wort Gottes Ihn offenbart. Die Gottseligkeit ist in dem Masse eine Wirklichkeit, wie «das Geheimnis der Gottseligkeit» im Herzen und im Leben des Gläubigen Platz findet; es ist der Schlüssel zu jeder wahren Gottseligkeit, und es ist auch ihre Kraft (1.Tim. 3,16).

Gerade die Grösse dieses Geheimnisses gibt der Versammlung ihre bedeutende Funktion. Sie erfüllt sie leider nur in unvollkommener Weise, weil die einzelnen, welche die Versammlung bilden, dem Geheimnis «Gott offenbart im Fleische» nicht den ersten Platz einräumen. Der Grad der Gottseligkeit jedes einzelnen bestimmt sein Verhalten im Hause Gottes, und vom Verhalten aller hängt die Ordnung innerhalb und das Zeugnis ausserhalb dieses Hauses ab, welches «die Versammlung des lebendigen Gottes, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit» ist (Vers 15).

Die Richtung des Einflusses kann nicht umgekehrt werden. Er fliesst nicht von der Versammlung oder Kirche auf den einzelnen herab. Wie kostbar auch die Tatsache sein mag, dass die Versammlung besteht, so teilt sie doch weder die Gottseligkeit noch den Glauben ihren einzelnen Gliedern mit. Ebenso wenig ist sie die Gewähr für deren Aufrechterhaltung. Sie vermag die persönliche Gemeinschaft mit Christo nicht zu ersetzen. Die einzelnen, welche die Versammlung bilden, geben dem Ganzen das Gepräge. Wenn die Versammlung auf den einzelnen etwelchen Einfluss auszuüben vermag, so tut sie es nur äusserlich, also indirekt. Die Versammlung kann ermahnen, Zucht ausüben usw., aber sie vermag nicht, Gottseligkeit hervorzubringen. Die Versammlung vermag nicht die Gnadenmittel zu spenden. Sie empfängt wohl Gnade von oben und ist ein Gegenstand der Gnade Gottes; Christus ist der Garant dafür und der Heilige Geist teilt sie aus in verschiedenen Wirkungen zum gemeinsamen nutzen.[Um Missverständnissen vorzubeugen, sei daran erinnert, dass die geistlichen Gaben vorwiegend dann zur Auswirkung kommen, wenn wir zum Namen des Herrn hin versammelt sind. Die einzelnen Anwesenden werden dadurch auferbaut, belehrt, ermahnt und ermuntert. Auch ist der ganze Leib durch die Gelenke der Darreichung zusammengefügt und wächst nach der Wirksamkeit in dem Masse jedes einzelnen Teiles. (Vergl. Eph. 4,11-16). Aber die einzelnen Dienenden sind dabei aktiv und die Versammlung passiv: der Dienst geschieht in ihr und an ihr. (Anm. d. Red.)] Aber das Werk geschieht in dem einzelnen. Die Gottseligkeit gibt sich kund in der Anbetung, in den guten Werken, in der praktischen Heiligung. Aber diese Kundgebungen, wiewohl sie der Versammlung im Augenblick ihr Gepräge geben, sind das Ergebnis der persönlichen Gottseligkeit und nichts anderes.

Ist aber nur eine Form der Gottseligkeit vorhanden, ohne jede Kraft, so verschanzt sich der einzelne sozusagen hinter die Kollektivität. In der Tat, was anderes ist dieses Festhalten an der Form und der Verleugnung der Kraft der Gottseligkeit, als ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer religiösen Körperschaft, die den Namen Christi bekennt? Der einzelne überlässt dann dieser Körperschaft die Aufgabe der Beziehungen mit Gott und meint, es liege nun an den Führern seiner Religion, das Nötige für sein Schicksal im Jenseits zu tun! Eine solche Körperschaft, die willens ist, derartige Verantwortungen und die damit verbundenen Obliegenheiten zu übernehmen, hält unter diesen Bedingungen nur noch ein Scheinleben aufrecht, was immer auch ihre Tätigkeit und ihre Zielsetzung sein mag. Das ist es, was den allgemeinen heutigen Zustand der Christenheit auf dem Wege zum Abfall kennzeichnet, der vollendet sein wird, wenn sie schliesslich auch das Bekenntnis aufgibt. Solange die bekennenden Körperschaften unter der einen oder anderen Form noch bestehen, hält auch die religiöse Zugehörigkeit des einzelnen an. Gott sei Dank, dass Er inmitten dieses Zustandes der Dinge von den vielen gläubigen Seelen Kenntnis nimmt, die Er allein kennt! Der Herr wird denen eine Belohnung geben, die die Tiefen Satans nicht gekannt und die ihre Kleider nicht besudelt haben (Offb. 2,24; 3,4). Das ist jedoch etwas ganz anderes als das Bewusstsein, als lebendiges Glied teilzuhaben an einem lebendigen Leibe, der lebt, weil seine Glieder durch den Geist Gottes leben.

Die Form der Gottseligkeit, die Verneinung der wahren Gottseligkeit, kann man sich ausserhalb eines kollektiven Religionsbekenntnisses nicht vorstellen; sie hätte ohne dieses kaum ihre Daseinsberechtigung. Ein Kleid kann nicht allein dastehen; das Bekenntnis muss auf etwas ruhen, auch wenn es nur ein Skelett ist. Für den blossen Bekenner ist die religiöse Körperschaft, der er angehört, nur ein ehrenwertes Organ der Gesellschaft, der Welt. Demgegenüber bedarf die wahre Gottseligkeit keiner irdischen Stütze; sie bleibt in den verschiedensten Situationen und unter den schwierigsten Umständen, auch in der Einsamkeit, bestehen. Sie führt den Gläubigen dazu, sich vom Bösen zu trennen, selbst wenn er allein stehen müsste. Sie hat in der Vergangenheit vielen Gläubigen die Kraft gegeben, gehasst, von der menschlichen Gesellschaft ausgestossen, ja verfolgt und sogar getötet zu werden.

Aber meistens gewährt der Herr denen, die Seinen Namen lieben, das Vorrecht, sich in diesem Namen zu versammeln, und wären es nur zwei oder drei; ihr kollektives Zeugnis wird in dem Masse wahrhaftig sein, wie die Gottseligkeit eines jeden von ihnen echt ist. Und wenn sie «den Herrn anrufen aus reinem Herzen», welche Segnung ist ihnen dann zugesichert! Trotz dem Verfall werden sie die Erfahrung machen, dass die Hilfsquellen stets vorhanden sind, damit der Leib, alles aus seinem Haupte, dem verherrlichten Herrn, schöpfend, «wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Masse jedes einzelnen Teiles für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe» (Eph. 4,16).

Aber wenn die, welche dazu geführt worden sind, «sich von der Ungerechtigkeit zu trennen», um sich allein auf dem Boden der Einheit des Leibes des Christus zu versammeln, die «Kraft der Gottseligkeit» aufgeben, so werden sie in eine Form der Gottseligkeit verfallen, die noch verwerflicher ist als jede andere.

Es ist kaum nötig, den Ernst dieser Tatsachen zu unterstreichen. Der Christ soll nicht darauf warten, von der Versammlung «geformt» zu werden; er wird es durch seine persönliche Gemeinschaft mit Christo; und er ist verantwortlich, das Seinige dazu beizutragen, damit die Versammlung ihrer Berufung entspreche.

Dass der Herr doch dies auf unsere Herzen legte! «Du aber», schreibt der Apostel Paulus an Timotheus. «Ihr aber», sagte Judas zu den «Geliebten und in Jesu Christi bewahrten Berufenen».

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Letzte Änderung am 27.03.2010.