Halte Fest
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Gal. 5,22-25: Die Frucht des Geistes

Halte fest Jahrgang 1966 - Seite: 324 - Verfasser: W.J.H.

Es werden hier neun Wirkungen des Geistes aufgeführt, welche die Bestandteile der Frucht Seiner Energie im Gläubigen bilden

1. Liebe

Liebe ist der Hauptwesenszug im Charakter des Kindes Gottes. Die Apostel hatten vom Herrn Jesus das Gebot empfangen, «dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder liebe». Johannes hebt ihren göttlichen Ursprung hervor, wenn er sagt: «Die Liebe ist aus Gott; und jeder, der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott.» Er zeigt auch den Beweggrund der christlichen Liebe: «Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat», d.h. wir lieben nicht nur Gott) sondern lieben auch einander, weil Er uns zuerst geliebt hat (1.Joh. 4,19-21).

Die Liebe hat also im Leben des Gläubigen eine zweifache Auswirkung: Erstens lieben wir Gott und zweitens lieben wir die, welche, wie wir, aus Gott geboren sind.

Diese zweifache Ausübung der Liebe geht gleichzeitig vor sich. Lieben wir Gott, so lieben wir auch den Bruder. In der Tat, der Apostel betont, dass, wenn keine Liebe vorhanden ist für den Bruder, der gesehen wird, auch die Behauptung, man liebe Den, welcher nicht gesehen werden kann, unwahr ist. «Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, wie kann der Gott lieben, den er nicht gesehen hat?» (1.Joh. 4,20).

Das Kind Gottes liebt, nicht weil es dazu angehalten wird, sondern weil dies die Lebensäusserung der neuen Natur ist, die es besitzt. Und der Beweggrund zum Lieben wird genährt durch die Entfaltung der grenzenlosen Liebe Gottes uns gegenüber - eine unveränderliche Tatsache, ganz ausserhalb von uns selbst. «Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.»  Es ist die Wirkung des Heiligen Geistes in uns, die das Wollen vollbringt und die zugleich die Kraft für die Ausübung dieser Liebe darreicht.

In einem anderen Briefe lesen wir von dem grossen Platz, den die praktische Liebe in dem Leben des Gläubigen einnimmt. Der Apostel schreibt den Heiligen in Rom: «Seid niemand irgend etwas schuldig, als nur einander zu lieben; denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt... So ist nun die Liebe die Summe des Gesetzes» (Röm. 13,8-10). Desgleichen lesen wir in Gal. 5,14: «Denn das ganze Gesetz ist in einem Worte erfüllt, in dem: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.»

Gerade in Verbindung mit diesem letztgenannten Zitat zeigt der Apostel, wie diese so wichtige Eigenschaft im Leben des Christen nicht ein Werk des Fleisches, sondern eine Frucht des Geistes ist, Die Liebe muss einem reinen Herzen entspringen, damit sie Gott wohlannehmlich sei, und eine solche Liebe kann nicht ein Produkt des Fleisches sein. Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft wider Gott und nicht Liebe zu Ihm; die Werke des Fleisches sind das Gegenteil der Liebe - Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten.

Für das Fleisch und den natürlichen Menschen ist es unmöglich, diese Liebe durch Selbstanstrengung hervorzubringen; der Geist allein bewirkt sie im Herzen und im Leben des Gläubigen und bringt sie hervor, nicht als einen Wunschgedanken, sondern als eine reife Frucht. Das Tätigkeitsfeld des Geistes zu diesem Ziele ist in uns. Er wirkt in unseren Herzen. Wir lesen, dass die Liebe Gottes ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben worden ist (Röm. 5,5).

Unsere Verantwortlichkeit, die Liebe als eine Frucht des Geistes zu besitzen, liegt in der Beachtung des entsprechenden Grundsatzes in unserem Wandel: Wir sollen im Geiste und nicht im Fleische wandeln. Eine einfältige Unterwürfigkeit unter den Geist in uns, der unsere Herzen in die wahre Erkenntnis des Wortes und des Willens Gottes führt und unsere Augen auf Christum richtet, ist der Weg, worauf wahre und gottgemässe Liebe in unserem Leben zur Reife gelangt.

2. Freude

Die Freude ist der innere Zustand des Herzens und der Seele und ist nur eine Wirklichkeit für die Erfahrung des einzelnen. Wir vermögen uns wohl zu freuen mit den sich Freuenden, aber wir können uns nicht für sie freuen. Personen oder Umstände, ganz ausserhalb von uns, mögen ein Gefühl der Freude in uns wecken, aber die lebendige Empfindung und der Genuss der Freude müssen unsere persönliche Erfahrung sein. Es ist unser Herz, das sich freut. Und wie das Herz seine eigene Bitterkeit kennt, so kann sich auch kein Fremder in seine Freude mischen (Spr. 14,10). Niemand kann uns die Freude nehmen, die Christus gibt. Wir tun gut, uns in einer Welt der Drangsal, durch die wir schreiten müssen, daran zu erinnern, dass unsere Trauer durch einen göttlichen Prozess in Freude umgewandelt werden kann. Die Frucht des in uns wohnenden Geistes ist Freude. Wir machen die Erfahrung, dass es der Dienst des Heiligen Geistes ist, in den Herzen, wo Er wohnt, Empfindungen der reinsten Freude zu wecken und aufrechtzuerhalten, und dies ganz unabhängig von irdischen oder natürlichen Ursachen. Diese Gabe wird in vollem Masse gegeben. Die Gefässe werden von Ihm bis zum Rande gefüllt. So heisst es von den Jüngern der ersten Tage der Christenheit, dass sie mit Freude und Heiligem Geiste erfüllt wurden (Apg. 13,52).

Freude im besten Sinne, im Unterschied zu Frohsinn und Heiterkeit, ist göttlichen Ursprungs und wird in der Schrift Gott zugeschrieben. Die Freude des Schöpfers besteht in Seiner Befriedigung an der Vortrefflichkeit des Werkes Seiner Hände. Als die Grundfesten der Erde gelegt wurden, da jubelten die Morgensterne miteinander und alle Söhne Gottes jauchzten (Hiob 38,7). Es gibt auch eine Freude im Herzen des Heiland-Gottes, wenn ein Sünder Busse tut und von Sünde, Elend und Tod freigesprochen ist (Luk. 15). An dieser Freude durfte der versöhnte, einst verlorene Sohn teilnehmen.

Unter dem Gesetz wurde wenig offenbart bezüglich der Freude, die Gott den Söhnen der Menschen geben würde, statt der Mühsal und der Tränen, die die Sünde in die Welt gebracht hat. Im Vorbilde gab es jedoch schon unter dem Gesetz Schatten der zukünftigen, besseren Dinge. Als zum Beispiel die Kinder Israel das verheissene Land erreichten, wurde ihnen vorgeschrieben, bei ihren freiwilligen Brand- und Schlachtopfern auch ein bestimmtes Mass von Öl und Wein-  Bilder des Geistes und der Freude - darzubringen (4.Mose 15).

Während in den ersten Büchern der Bibel wenig auf den Gegenstand der Freude direkt Bezug genommen wird, so schreiben die Propheten oft über Gesichte voll von Erwartung und kommender Freude im Tausendjährigen Reiche. Dann werden sogar die Wüste und das dürre Land sich freuen, und die Befreiten Jehovas werden mit Jubel nach Zion zurückkehren, und ewige Freude wird über ihrem Haupte sein, und Kummer und Seufzen werden entfliehen (Jes. 35,1.10; 51,11; 61,7).

Die Frucht des am Pfingsttage ausgegossenen Geistes ist Freude. Die Freude ist himmlischer Natur und himmlischen Ursprungs; die Wirkung des innewohnenden Geistes ist, die Herzen mit der Freude des Herrn zu erfüllen. Wir können mit dem Psalmisten sagen: «Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt; mein Becher fliesst über» (Ps. 23,5).

3. Friede

Bevor der Apostel auf die Frucht des Geistes zu sprechen kommt, sagt er: «offenbar aber sind die Werke des Fleisches». Sie können nicht verborgen bleiben; sie sind auf der Oberfläche des menschlichen Betragens. Hass, Feindschaft, Bosheit und dergleichen Dinge machen sich laut bemerkbar und drängen sich auf - in scharfem Gegensatz zu dem stillen Verhalten und der Zurückhaltung jedes geistlichen Tuns.

Die Werke des Fleisches, die in gewissem Masse leider auch bei uns Kindern Gottes gefunden werden können, stören den Frieden des Geistes. Sie kommen aus der Unruhe und Nervosität der menschlichen Natur, die Schlamm und Schmutz aufwirft. Wenn wir ihren Neigungen Raum geben, verlassen wir praktisch den Weg des Friedens, denn, sagt Gott, da ist kein Friede den Gesetzlosen (Jes. 57,20.21; Röm. 3,17). Wir können dann die Segnungen des Reiches Gottes nicht geniessen; denn: «Das Reich Gottes ist ... Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geiste» (Röm. 14,17).

Wie wichtig ist es, diesen Frieden zu haben! Er ist die Frucht des Geistes. Jeder andere Friede wäre nur ein Zerrbild. Das Fleisch gelüstet im Menschen, aber der Geist gelüstet wider das Fleisch, auf dass er nicht das tue, was er will. Solange das Fleisch wirkt, wird der Geist widerstehen, es sei denn, Er werde betrübt (Eph. 4,30). Aber wenn das Fleisch sich still verhält und der Geist ungehindert wirken kann, dann ist nicht Widerstreit, sondern Friede. Der Geist wird dann Seine eigene liebliche Frucht hervorbringen.

Was sind denn bei uns die häufigsten Hindernisse dieses Friedens? Selbstsüchtige Wünsche, inneres Sichgehenlassen, ein unruhiger, unbefriedigter Wille. Diese verursachen einen inneren Konflikt, der dem Frieden des Geistes entgegen ist. Daher werden wir ermahnt: «Geliebte, ich ermahne euch als Fremdlinge und die ihr ohne Bürgerrecht seid, dass ihr euch enthaltet von den fleischlichen Lüsten, welche wider die Seele streiten» (1.Petr. 2,11).

Der Herr sagte zu Seinen Jüngern: «Meinen Frieden gebe ich euch»; «dies habe ich zu euch geredet, auf dass ihr in mir Frieden habet» (Joh. 14,27; 16,33). Wer diesen Frieden besitzt, wird in allen Umständen sagen können: «Der Wille des Herrn geschehe» (Apg. 21,14), so wie Er selbst einst gesagt hat: «Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe».

4. Langmut (Gelassenheit des Gemüts)

Langmut ist jene Haltung von Geist und Seele, die standhaft und klaglos die vielen Belastungen des christlichen Lebens zu ertragen vermag.

Wie die übrige Frucht des Geistes, die im Galaterbrief erwähnt wird, steht die Langmut in Gegensatz zu den Gesetzeswerken. Bei dem Gesetz der Gerechtigkeit ging es um «Auge um Auge und Zahn um Zahn». Aber der Herr Jesus war sanftmütig und von Herzen demütig, und Er möchte, dass die Seinen die gleiche Gesinnung zur Schau tragen. Wenn der vom Geist geleitete Gläubige auf den rechten Backen geschlagen wird, so erweckt dies in ihm keine Erbitterung gegenüber dem Fehlbaren. Das Herz eines Gläubigen, das in der Gelassenheit geübt ist, lässt sich durch die erlittene Herausforderung nicht erzürnen, sondern ist vielmehr bereit, eine Wiederholung des Unrechtes entgegenzunehmen.

Diese Gesinnung der Langmut war in dem Lamme, «das stumm ist vor seinen Scherern», vollkommen. Er zeichnete sich dadurch aus, dass Er «gescholten, nicht wieder schalt, leidend, nicht drohte» (1.Petr. 2,23). Und jeder Jünger ist berufen, zu sein wie der Meister.

Eine gesetzliche Gesinnung, die in Gegensatz steht zur Gesinnung Christi, regte sich in Abisai, als Simei den flüchtenden David verfluchte. Abisai sagte: «Warum soll dieser tote Hund meinem Herrn, dem König fluchen? Lass mich doch hinübergehen und ihm den Kopf wegnehmen!» Aber es war die Langmut, die den verfolgten König veranlasste, dem aufgebrachten Kriegshelden zu antworten: «Lasst ihn, dass er fluche, denn Jehova hat es ihn geheissen. Vielleicht wird Jehova mein Elend ansehen und Jehova mir Gutes erstatten dafür, dass mir geflucht wird an diesem Tage» (2.Sam. 16,11.12).

Langmut ist die Selbstzucht, die einen Christen davon abhält, sich durch seine natürlichen Gemütswallungen zu zornigen Worten und zu Vergeltungsmassnahmen hinreissen zu lassen. Es ist die sanfte Wirksamkeit der neuen Natur, und nicht so sehr die strenge Unterdrückung der alten, die dies verhütet. Langmut ist das Gegenteil von jenem häufigen Übel, das wir als «Kurzschlusshandlung» kennen. Paulus war langmütig gegenüber Alexander, dem Schmied, der ihm viel Böses erzeigte, aber er war es bestimmt nicht gegen Ananias, dem Hohenpriester (2.Tim. 4,14; Apg. 23,2-5).

Die Langmut ist gleich einer feingehärteten Stahlklinge, die gebogen werden kann, ohne zu zerbrechen. Aber um diese Härtung des Stahles zu erreichen, musste er vorn glühenden Ofen ins Wasser getaucht werden. So müssen auch wir, um Langmut ausüben zu lernen, durch Höhen und Tiefen geführt werden (2.Kor. 6,4-10). Sowohl Gesänge als auch Tränen werden diesem Zwecke dienen.

Langmut ist das Merkmal dieses Zeitalters der Gnade. Der Ausdruck wird angewandt auf die gegenwärtige Geduld Gottes gegenüber einer sündigen Welt, die Sein Gnadenangebot abweist sowie auf Sein Zögern in der Ausführung des Gerichtes, das sich schon in den Tagen Noahs zeigte (Röm. 2,4; 9,22; 2.Petr. 3,9 und 15).

Die Langmut wird uns befähigen, in den verschiedenen Proben, denen wir ausgesetzt sind, standzuhalten. Verleumdung, Leiden, Krankheit, Enttäuschung durch Freunde, Familienschwierigkeiten, falsche Brüder und tausenderlei Ärgernisse, die über uns alle kommen, sind viel leichter zu ertragen, wenn wir die Gesinnung des Christus haben und im Geiste leben. «Die Liebe ist langmütig, ist gütig» (1.Kor. 13,4).

5. Freundlichkeit

[Gestützt auf die englische Übersetzung, die unser Wort Freundlichkeit mit «Gentleness» wiedergibt, versteht der Verfasser unter dieser geistlichen Tugend eher «Milde» oder «Güte».]

Stephanus war ein Mann voll Heiligen Geistes, und als er wegen seines Zeugnisses für Christum als Übertreter vor das jüdische Synedrium gestellt wurde, wird von ihm gesagt, dass alle, die im Synedrium sassen, unverwandt auf ihn schauten und sein Angesicht sahen wie eines Engels Angesicht (Apg. 6,15). In jener Ratsversammlung wurden die Werke des Fleisches offenbar; aber trotz der Feindseligkeit jener Männer konnte keiner leugnen, dass auf Stephanus' Angesicht etwas Himmlisches lag.

Weil Stephanus voll Heiligen Geistes war, konnte dieser göttliche Bewohner Seine schöne Frucht ungehindert in ihm wirken; sie zeigte sich bei ihm vor allem auch in der «Freundlichkeit», in der fünften Tugend, die wir in Galater 5,22 finden. Als seine Augen die Herrlichkeit Gottes sahen und den Herrn Jesus, welcher zur Rechten Gottes stand, erblickten, waren auch seine Lippen bis zuletzt voller Freundlichkeit. «Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht zu», war sein letztes Zeugnis im Blick auf seine Mörder. Jedes Gefühl von Hass, Zorn und Streit war aus dem Herzen des Stephanus verbannt und wurde durch die Freundlichkeit der Vergebung und der Fürbitte ersetzt. Das war das liebliche Kennzeichen, das der Heilige Geist in einem Menschen bewirken konnte, in welchem Er freien Lauf hatte.

Wie so manche anderen menschlichen Ausdrücke ist das Wort «Freundlichkeit» durch seinen Gebrauch in der Heiligen Schrift bereichert und geadelt worden. Die Freundlichkeit Gottes ist darin offenbart worden. Sie kennzeichnet das gegenwärtige Tun Gottes in Gnade. Im jetzigen Tag der Gnade ist «die Güte und die Menschenliebe unseres Heiland-Gottes erschienen» (Tit. 3,4).

Die Freundlichkeit bringt die Gnade Gottes in einer gewinnenden Weise zum Ausdruck, und dies einer Welt gegenüber, die im Argen liegt. Ihre Verkündigung hat einen freudigen Klang, sie ist eine frohe Botschaft. Und dieser liebliche Zug der Gnade in Christo und im Evangelium wird durch den Geist auch in denen hervorgebracht, in welchen Er durch die Liebe wirkt (1.Kor. 13,4). Diese Freundlichkeit oder Güte war das Merkmal der Apostel nach 2.Korinther 6,6.

Wenn wir uns vom Geiste leiten lassen, werden wir nach Gelegenheiten Ausschau halten, wo wir Leidenden, Trauernden und Fehlbaren Gutes tun können. Der Zug des Geistes wird in uns immer bewirken, dass wir das Wohl der Versammlung und der Welt im Auge haben.

Die geistgewirkte Freundlichkeit wird uns dazu führen, auch einem schwierigen Bruder Gutes zu tun, der wie ein Igel jedem, der ihn anrührt, seine stachligen Borsten zeigt. Oder manchmal ist es ein freundlicher Blick, ein warmer Händedruck, ein liebes Wort, das eine verbitterte Seele umzustimmen vermag.

Die geistgewirkte Freundlichkeit ist immer bereit, eine milde Antwort zu geben, die den Zorn abwendet: Sie wird bittere Worte vermeiden, die Unmut und Streitigkeit hervorrufen.

6. Gütigkeit

Wenn ein Gläubiger sich im Lichte des Wortes Gottes prüft, so wird er mit Schmerz bekennen müssen, dass in ihm, das ist in seinem Fleische, nichts Gutes wohnt (Röm. 7,18). Wir haben auch keine Kraft in uns selbst Heiligkeit oder irgend eine andere Frucht, die dem ewigen Leben eigen ist, hervorzubringen. Manche werden bei dieser Feststellung, wie es nicht anders zu erwarten ist, tief niedergeschlagen und rufen aus: «Wer wird uns Gutes schauen lassen?» (Ps. 4,6), und wiederum: «Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes?» (Röm. 7,24).

Es ist gut für uns, wenn wir im Lichte Gottes lernen, dass unser natürlicher Zustand in keiner Weise vor Ihm bestehen kann. Wenn ich aber keine Kraft besitze, gütig zu sein, oder das Gute zu wirken, gibt es dann eine andere Kraft, die das Gute in mir hervorbringt? Die Antwort finden wir in unserem Verse: «Die Frucht des Geistes ist ... Gütigkeit». Der Dienst des Heiligen Geistes ist, das in mir hervorzubringen, was mir von Natur fehlt: Gütigkeit.

In Barnabas haben wir ein Beispiel dafür, wie diese Frucht des Geistes in einem Menschen hervorgebracht werden' kann. Wir lesen von ihm, dass er ein guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens war (Apg. 11,24). Diese Frucht sollte aber in allen Gläubigen gefunden werden und nicht nur in einem einzelnen.

Gütigkeit ist ein Merkmal jener Natur in uns, die vom Geiste Gottes gezeugt worden ist. Wo diese Gütigkeit besteht, wird sie jene «guten Werke, welche Gott zuvor bereitet hat, auf dass wir in ihnen wandeln sollen», hervorbringen (Eph. 2,10).

Möchte ich wissen, was Gütigkeit ist? Dann richtet der Heilige Geist meine Aufmerksamkeit auf Christum, auf den Einen, in welchem in einer bösen Welt die Gütigkeit Gottes in Vollkommenheit dargestellt wurde, und in welchem die Gütigkeit jetzt in vollem Glanze in der Herrlichkeit zur Rechten Gottes geschaut wird. Dieses Anschauen Seiner Herrlichkeit wird dazu führen, dass jene Gesinnung, die in Christo Jesu war, in uns Gestalt gewinnt.

Die Gütigkeit drückt sich aus in guten Gedanken und guten Handlungen und in der Abweisung alles Bösen. Ein weiteres Kennzeichen dieser Frucht des Geistes ist die, dass sie nicht müde wird im Gutestun, selbst wenn der Gläubige einsam dasteht und angefeindet wird. Diese Frucht des Geistes wird sich weiterhin zeigen im Gutestun und darin, dass der Gläubige darnach trachtet, «alles Wohlgefallen seiner Gütigkeit» zu erfüllen (2.Thess. 1,11; siehe auch 1.Thess. 5,15).

Gütigkeit und Gutestun sind starke Waffen, um bei den Kindern der Welt den Zaun des Hasses und des Vorurteils zu durchbrechen und anderseits Liebe und Wertschätzung zu gewinnen, «denn für den Gütigen möchte vielleicht jemand zu sterben wagen».

7. Glaube

[Im Grundtext gleiches Wort wie «Treue». Der Verfasser hat das Wort «Glaube» gewählt.]

Wiewohl der Herr auf dem Ölberg den Blicken der Jünger entschwand, als Er in einer Wolke aufgenommen wurde, so blieb Er doch - wenn auch den leiblichen Augen verborgen - weiterhin bei ihnen. Bald wurde durch den innewohnenden Heiligen Geist die Kraft des inneren Schauens gegeben und gefördert, und die Seinen konnten von da an den Herrn schauen, Den die Welt nicht sehen kann; denn der Glaube sieht da, wo die Welt blind ist.

«Ich werde euch nicht als Waisen lassen, ich komme zu euch» (Joh. 14,18), hatte Er den Jüngern gesagt und zwar nachdem Er versprochen hatte, ihnen einen anderen Sachwalter, den Heiligen Geist, zu geben. «Glaubet auch an mich», forderte Er in Seiner Abschiedsrede sie jetzt auf. Damit wies Er auf die Notwendigkeit des Glaubens, als einer Frucht des Geistes hin, wodurch sie in den kommenden Tagen Seiner Gegenwart bewusst würden.

Die Verheissung des Herrn: «Ich komme zu euch», ist also in unserer Zeit überaus praktisch. Gewiss, wir sehnen uns, den Herrn in einer vertrauteren Weise zu kennen, als wie bisher. Auch wir möchten manchmal jene Worte der Griechen in unseren Mund nehmen, die zu Philippus gesagt hatten: «Herr, wir möchten Jesum sehen.» Aber dann werden wir sofort zurechtgewiesen, und es ist, als ob wir eine Stimme hinter uns hörten, die da sagt: «Bin Ich denn nicht bei euch?» Und wenn wir uns - wie Maria im Garten - zurückwenden (Joh. 20,14-16), so werden wir uns bewusst, dass wir Ihn nicht zu suchen haben, sondern, dass Er neben uns steht. Wir erinnern uns dann auch an Seine kostbaren Worte: «Siehe, ich bin bei euch alle Tage» (Matth. 28,20).

So haben wir also diese treuen Verheissungen des Herrn und den Heiligen Geist, Der bei uns bleibt. Was ist da sonst noch nötig, dass wir Seine Gegenwart verwirklichen können? Wir müssen auch «mit Kraft gestärkt werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen; dass der Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne» (Eph. 3,16.17).

Bei diesem Glauben hier handelt es sich aber nicht um den Glauben zur Vergebung der Sünden, noch um den Glauben, der Berge versetzt, sondern um den Glauben, der die Seele schauen lässt. In diesem Glauben erblicken wir Jesum in nächster Nähe. Auch wenn wir dabei auf schäumenden Wellen wandeln, so wissen wir, dass der Eine, Den wir sehen, der Herr ist und nicht ein Gespenst, das uns erschrecken will.

Ein solcher Glaube, der uns das Bewusstsein Seiner persönlichen Gegenwart gibt, ist nicht ein intellektueller Glaube, sondern ein Glaube des Herzens, der «durch die Liebe wirkt». Die Liebe des Gläubigen kann nur ruhen in der Gegenwart Gottes und Christi. Was die Liebe vor allem sucht, das findet dieser Glaube.

Wir müssen die Segnungen, die uns zuteil geworden sind, durch Glauben festhalten. In dieser unwirtlichen Wüste sollten wir den Herrn kennen als den Einen, Der mit uns geht. Wir dürfen Seinen starken Arm fühlen, Seine Worte der Weisheit und der Liebe hören, dürfen Blicke tun in die Herrlichkeit und den Strahlenglanz Seiner Person auffangen. Dies alles können wir nur durch das Sehvermögen der Seele tun, das ihr der Geist durch den Glauben gibt.

8. Sanftmut

Während die Sprüche (Kap. 8,14-36) die Allmacht und die Allwissenheit der Weisheit entfalten, wird in den Evangelien die «Sanftmut der Weisheit» offenbart. Als die Weisen und Verständigen hienieden nichts von Ihm wissen wollten, richtete der Herr Seine Augen zum Vater im Himmel empor, Der allein den Sohn kannte, und sagte: «Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir.» Und bei dieser Gelegenheit war es, dass Er Seine liebevolle Einladung an die Mühseligen und Beladenen richtete und hinzufügte: «Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig» (Matth. 11,26.29).

Diese Sanftmut war in Ihm mit unermesslicher Gewalt verbunden und war daher eine unerreichbare sittliche Herrlichkeit, die nur im Sohne gesehen wurde. Gerade vorher hatte Er erklärt: «Alles ist mir übergeben von meinem Vater»; und in der Fülle dieser Macht sagte der anbetungswürdige Herr, sich selbst offenbarend, vor Seinem Vater und vor allen Menschen: «Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.»

Der Herr Jesus war ohne Mass vorn Heiligen Geiste erfüllt, und die Sanftmut kam in Ihm in vollkommener Weise zur Entfaltung; gleicherweise ist die Sanftmut ein Bestandteil der Frucht des Geistes in denen, die des Christus sind.

Johannes der Täufer sah am Jordan den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube auf den Herrn kommen; und als der Gesalbte Jehovas zu Seiner eigenen Stadt hinaufging, tat Er es in Übereinstimmung mit dem prophetischen Worte: «Saget der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und sitzend auf einer Eselin und auf einem Füllen, des Lasttiers Jungen» (Matth. 21,5). Auch in der Stadt Davids sehen wir den König Zions mit Sanftmut gekrönt: «Der, gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der recht richtet.»

Oh, wie zeigte sich die Sanftmut des Christus vor Annas und Kajaphas, vor Herodes und Pontius Pilatus, vor den Soldaten und den Volksmengen, vor den Menschen und vor Gott! «Ich selbst aber», sagte der Apostel, «ermahne euch durch die Sanftmut und Gelindigkeit des Christus.» Der Gedanke an Seine Sanftmut weckt unsere Bewunderung und Anbetung. Aber wenn die Ermahnung zu uns kommt: «Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christo Jesu war», wie erbärmlich kommen wir uns dann vor! Doch dürfen wir hier lesen: «Die Frucht des Geistes ist ... Sanftmut.»

Ja, der Heilige Geist ist das Mittel dazu. Er ist die Kraft, wodurch Christus in uns lebt. Wenn das Wort sagt: «Diese Gesinnung sei in euch», so dürfen wir dieses Wort nicht abschwächen, Doch sollen wir daran denken, dass eine lebendige Kraft in uns ist, die Sanftmut hervorzubringen vermag, sofern wir ihr Raum lassen. Dann kommt die Frucht des Geistes hervor - Sanftmut. Wir werden dann «den Geist der Sanftmut» zur Schau tragen, wie der Apostel ihn in 1.Korinther 4,21 und Galater 6,1 nennt.

Sanftmut ist eine Eigenschaft, die vielleicht mehr in der Haltung als durch Worte zum Ausdruck kommt. Die Sanftmut ist widerstandslos; sie ist vergebend; sie lässt sich nicht durch Beleidigungen und Herausforderungen aus der Fassung bringen. Die Sanftmut ist uns nicht angeboren, sie ist auch nicht eine Sache der Vererbung. Sie wird durch die Ausübung des Glaubens in uns entwickelt und zu einem gewohnheitsmässigen Verhalten in dem Masse, wie der Gläubige im geistlichen Leben Fortschritte macht.

Wenn wir im Gehorsam das Joch des Christus auf uns nehmen, so werden wir sanftmütig und von Herzen demütig; denn wenn zwei miteinander vorangehen, kommt Einmütigkeit zustande.

Die Sanftmut muss wie ein Kleid angezogen werden (Kol. 3,12). Sie soll als ein Schmuck getragen werden, der in den Augen Gottes sehr köstlich ist (1.Petr. 3,3-4). Die Sanftmut muss das Ziel sein, dem ein jeder von uns nachstreben soll (1.Tim. 6,11), das aber nur im Zusammenhang mit Liebe und Ausharren erreicht wird. Die Sanftmut soll allen Menschen gegenüber zum Ausdruck kommen, nicht allein den guten und gelinden, sondern auch den verkehrten gegenüber (Tit. 3,2).

9. Enthaltsamkeit (Selbstbeherrschung)

Die letzte der genannten neun Tugenden ist die Selbstbeherrschung, was unseren Ohren vielleicht vertrauter klingt als Enthaltsamkeit. Das Ich oder das Fleisch ist es, das sich dem Willen Gottes widersetzt, indem es wider den Geist gelüstet (Gal. 5,17), um das zu tun, was wir wollen. Daher muss das eigene Ich in Zucht gehalten werden, damit Christus in uns leben kann (Gal. 2,20).

Aber wo der Geist regiert, da wird das eigene Ich in Schach gehalten. Da hat der Wille Gottes den ersten Platz im Leben, und wir werden sagen: «Nicht mein, sondern dein Wille geschehe».

Es ist unbegreiflich, dass die Galater zum Gesetz Moses, als dem Massstab für ihr christliches Leben, zurückkehren wollten. Das Gesetz hatte doch nichts zur Vollendung gebracht! Gott hat doch das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, selber durch Christum und die Kraft des Heiligen Geistes in dem Gläubigen zustande gebracht! Der innere Mensch ist nun unter der heiligen Herrschaft des Geistes, und da, wo sündige Unordnung vorherrschte, ist himmlische Ordnung eingekehrt.

Es war der Geist Gottes, der am Anfang über den Wassern, dem Chaos schwebte (1.Mose 1,2). Er war es auch, der den neuen Menschen mit himmlischen Tugenden ausstattete und ihm als Krönung dieser Tugenden einen unterwürfigen Geist gab, der in voller Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ist.

Eine völlig ausgeglichene Gesinnung - die Gesinnung Christi - wurde in Paulus, dem getreuen Diener des Herrn, sichtbar, weil der Heilige Geist in ihm einen gewohnheitsmässig unterwürfigen Willen bewirken konnte. Bei ihm sehen wir kein Aufbäumen, keine Klage in den widrigsten Umständen, sondern ein stilles Annehmen aller Formen von Widerwärtigkeiten als weise Fügungen Gottes. Wir entnehmen dies den Worten, die er an die Philipper schrieb: «Ich habe gelernt, worin ich bin, mich zu begnügen. Ich weiss sowohl erniedrigt zu sein, als ich weiss Überfluss zu haben; in jedem und in allem bin ich unterwiesen, sowohl satt zu sein als zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als Mangel zu leiden» (Phil. 4,11-12).

Die gleiche Frucht war beim Herrn Jesus in vollkommener Weise sichtbar, der im Augenblick, als Ihm die Verwerfung Seines Dienstes bevorstand, sagen konnte: «Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir» (Matth. 11,26). Es gab keine Unebenheiten in einem solchen Charakter: Er war wie das «Feinmehl» des Speisopfers, ein Hochheiliges dem Jehova.

Die Tugend der Selbstbeherrschung bildet einen passenden Abschluss in der Reihe der neuen Tugenden. Es ist wahr, dass keine von ihnen unabhängig ist von den anderen; jede übt ihren besonderen und vervollständigenden Einfluss auf die übrigen aus. Liebe zum Beispiel, die am Anfang der Liste steht, findet ihren völligen Ausdruck nur dann, wenn sie in Verbindung steht mit Freude, Friede usw.; und wie könnte wahre Freude und wahrer Friede gefunden werden in einem lieblosen Herzen? Aber Selbstbeherrschung die innere Herrschaft des Geistes, ist die Fassung, in welche alle übrigen Tugenden eingesetzt sind. Alle kommen auf diese Weise in gleichmässiger Anordnung zur Entfaltung und verbinden sich zu dieser Einheit des geistlichen Charakters, der vom Apostel als «die Frucht (nicht die Früchte) des Geistes» umschrieben wird.

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Letzte Änderung am 27.03.2010.