Hebr. 4,14-16: Das Hohepriestertum Christi
Halte fest Jahrgang 1980 - Seite: 169 - Verfasser: W. K.
Inhalt
Einleitung
Christus zur Rechten Gottes, der Wesenszug seines Priestertums
Erlösung, die Grundlage seines himmlischen Priestertums
Die Person des Hohenpriesters
Sein Wirkungskreis: die Geheiligten
Der grosse Versöhnungstag
Er selbst wurde versucht, um uns zu helfen
In allem versucht worden... ausgenommen die Sünde
Christi Priesterdienst - kein Dienst für die Sünde
Sein Priesterdienst für uns in der Wüste
Der Stab des Hohenpriesters
Einleitung
Viele Kinder Gottes haben nur einen schwachen Begriff von dem Hohenpriestertum unseres Herrn Jesus. Sie kennen weder seine Stellung, noch seine Tätigkeit und wissen nicht, worauf es sich gründet. In welcher Beziehung steht es zu anderen Wahrheiten, besonders zur Erlösung? Welche Absicht verbirgt Gott damit? Was ist das Teil, dessen sich der Gläubige dadurch erfreut, oder was verliert er, wenn er es nicht kennt? Wir befürchten, dass die verschiedenen Gesichtspunkte, von denen aus das Priestertum betrachtet werden kann, in den Gedanken der meisten wahren Gläubigen nur unklar vorhanden sind. Im Allgemeinen ist es weise, nicht zu behaupten, man habe eine Wahrheit verstanden, solange man deren Kraft in der Seele noch nicht erfahren hat.
Oft betrachten wir es als selbstverständlich, dass die Kinder Gottes diese oder jene Wahrheit kennen müssen, weil wir sie in glücklicher Gemeinschaft vereint finden; aber das ist kein Beweis für eine solche Folgerung. Sie mögen eine Sprache reden, die über das hinausgeht, was sie tatsächlich von Gott gelernt haben. Die Mehrheit von ihnen ist geneigt, obwohl ihre Sprechweise wenig davon vermuten lässt, durch den Glauben anderer mitgezogen zu werden. Sie haben keine Zweifel in ihrem Inneren, dass alles, was sie hören, vollkommen wahr ist, da dies ihrem allgemeinen Sinn und Gefühl für das Wort Gottes entspricht, und sie haben einen bestimmten Genuss dabei. Aber sie haben über den Gedanken Gottes nicht genügend nachgedacht, um ihn in ihr Herz aufzunehmen und auf diese Weise die Wahrheit ausdrücklich und bestimmt von Gott zu empfangen. Sobald sie schädlichen Einflüssen ausgesetzt sind, werden sie schnell und ernsthaft abbewegt, oder zum mindesten verwirrt und durch Fragen, die sich leicht erheben, verunsichert. Mit solchen Fragen werden oft die angegriffen, deren allgemeines Bekenntnis jene anklagt, die in den Wegen der Welt wandeln. Wir leben also in Tagen, wo wir nötig haben, alles für unsere Seelen von Gott zu bekommen.
Sicher brauchen wir nichts Weiteres zu sagen, um die Wichtigkeit für jedes Kind Gottes zu unterstreichen, das Wort Gottes einfach und gründlich zu erforschen. Wer die Wahrheiten bereits kennt, wird dadurch in seiner Seele treffend befestigt. Wer sie aber bis dahin noch nicht für sich selbst erfasst hat, wird dabei erkennen, was Gott ihm durch sein Wort zu sagen und zu geben hat. Wir haben die Wahrheit, indem wir Christus besitzen; und trotzdem ist es gut, sie klar und deutlich zu verstehen. Er übt sein Priestertum für uns aus, unabhängig davon, ob wir erfassen, was dabei unser Teil ist, oder nicht. Aber ist es nicht überaus wichtig, dass wir erkennen, wie passend für unsere Bedürfnisse, wie reich und wie beständig die Gnade unseres Herrn Jesus ist? Das ist es, was alles so gesegnet macht; denn die Wahrheit, die wir jetzt betrachten wollen, ist aufs engste mit Christus verbunden. Er ist alles in der Ausübung seines Priestertums. Bei den Seinen, die auf Erden ein wenig (schwach und unvollkommen) in den gesegneten priesterlichen Dienst eintreten, mag es Widerspiegelungen und Auswirkungen seiner Gnade geben. Und doch trägt unser Dienst einen andern Charakter als seine Beziehung zu uns. Bei Ihm handelt es sich nicht einfach um priesterliche Gnade, die in Liebe für andere tätig ist, sondern um einen Dienst, den unsere Seelen unbedingt benötigen, um durch diese Wüste geführt zu werden.
Christus zur Rechten Gottes, der Wesenszug seines Priestertums
Lasst mich zu Beginn dieser Betrachtung auf Grund des Hebräer-Briefes die Aufmerksamkeit auf folgenden Punkt lenken: Der ganze Brief richtet sich an ein erlöstes Volk, das sich aus Pilgern und Fremdlingen auf dieser Erde zusammensetzt. Sie befinden sich weder in Ägypten, noch in Kanaan; sie durchqueren die Wüste. Sicher kann das gleiche Volk als jetzt in den himmlischen Örtern weilend angesehen werden. In diesem Brief werden die Kinder Gottes aber nicht von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet. An keiner Stelle sehen wir sie hier mit den Segnungen ausgestattet, die im Epheser-Brief und zum Teil im Kolosserbrief beschrieben sind. Wir finden darin auch kein Wort von der Auferstehung mit Christus, obwohl auch diese Tatsache von grösster Wichtigkeit ist und in verschiedenen Briefen aufgegriffen wird.
Im Hebräer-Brief beginnt der Geist Gottes von allem Anfang an mit Christus, der zur Rechten Gottes im Himmel weilt. Das ist ein wesentliches Merkmal seines Priestertums. «Wenn er nun auf Erden wäre, so wäre er nicht einmal Priester.» Sein Priestertum ist ausschliesslich ein himmlisches und jene, für die Er tätig ist, sind ein himmlisches Volk. Die Zeit war für Gott gekommen, sie für den Himmel zu bilden und passend zu machen. Zur Zeit des Alten Testamentes gab es Gläubige, die, mit mehr oder weniger Licht über die himmlische Hoffnung, die Stadt droben erwarteten. Es waren dies «die Heiligen der höchsten Örter» (Dan. 7,22) oder «der himmlischen Örter», wie der Geist Gottes uns diesen Ausdruck im Neuen Testament erklärt. Dennoch war es notwendigerweise nur eine undeutliche Hoffnung, mit der sie in die Zukunft blickten. Heute hoffen wir immer noch, aber der Vorhang ist zerrissen, der Himmel geöffnet und der Heilige Geist herniedergesandt, aufgrund der Erlösung und Verherrlichung Christi. Jetzt ist alles eindeutig und ohne die kleinste Unbestimmtheit. Der Boden und die Szene unseres Segens sind klar von der Tatsache geprägt, dass Christus, der die Reinigung unserer Sünden bewirkt hat, im Himmel ist und doch in einer lebendigen Verbindung mit denen steht, deren Er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen. Auch wenn wir den Gläubigen von dem Gesichtspunkt aus sehen, dass er einen solchen Hohenpriester hat, während er die Wüste durchschreitet, so ist er doch positiv und gegenwärtig vom Himmel geprägt.
Erlösung, die Grundlage seines himmlischen Priestertums
In Hebräer 3 werden jene, die in diesem Brief besonders angesprochen werden, «Genossen der himmlischen Berufung» genannt. Sie waren nicht nur berufen, dereinst im Himmel zu sein, sondern der Eine, der sie berief, weilte schon im Himmel. Er ist dort aufgrund der Erlösung, die Er schon vollbracht hat. Das ist eine andere Wahrheit von grösster, ja, erstrangiger Bedeutung; denn die himmlische Stellung unseres Herrn Jesus wird hier als die Folge der göttlichen Annahme seines eigenen Opfers für unsere Sünden gesehen. Es geht hier nicht um die Tatsache, dass unser Herr Jesus demnächst wiederkommen wird vom Himmel. Wir wissen, dass dies wahr und an anderer Stelle gebührend offenbart ist. Der Kernpunkt aber, mit dem der Brief beginnt, ist die grosse Wahrheit, dass der Herr «durch sich selbst die Reinigung der Sünden bewirkt» hat, in den Himmel gegangen ist und den Platz zur Rechten Gottes eingenommen hat, um dort eine neue Art von Tätigkeit zu beginnen. Diese gründet sich auf die Reinigung der Sünden durch sein eigenes Opfer.
Diese Tatsache öffnet unmittelbar den Weg zur Ausübung des Hohenpriestertums Christi für den Gläubigen. Es setzt voraus, dass das Volk schon erlöst ist. [Der Verfasser kommt in Verbindung mit dem «grossen Versöhnungstag» auf Hebräer 2,17 zu sprechen.] Es nimmt an, dass sich das grosse und unbedingt nötige Werk der Gnade an ihnen schon vollzogen hat und sie nun ohne zweifelnde Fragen darauf ruhen. Das Priestertum ist nötig, weil die grosse Gefahr besteht, dass einige versucht sein könnten, aufgrund der Schwierigkeiten, Prüfungen, Fallstricke, Verfolgungen und Gefahren des Weges, dieses Bekenntnis und den Herrn Jesus aufzugeben. Wir sehen, dass der Geist Gottes dies im Hebräer-Brief immer wieder vor sich hat. Man findet diesen Gedanken schon am Anfang des 3. Kapitels und kann ihn durch den ganzen Brief hindurch verfolgen. Satan versuchte die Hebräer von dem abzuziehen, was das Werk für sie bedeutete; aber es stand nie in Frage, ob das Werk für sie vollbracht sei. Die ganze Lehre des Briefes stützt sich auf die Tatsache, dass der Herr das Werk, das Er auf Erden unternommen hatte, ganz allein vollbrachte. Alles, was Gott sich vorgenommen hatte, in Bezug auf die Sünde zu tun - alles, was Gott selbst tun konnte, um Sünden auszutilgen, war schon getan, bevor der Herr seinen Priesterdienst im Himmel begann.
Weil diese grosse Wahrheit nicht ergriffen und festgehalten wird, herrscht bei sehr vielen Verwirrung und Dunkelheit in Bezug auf das Priestertum Christi. Auch besser belehrte Seelen geraten in Unklarheit darüber, wenn sie es mit der Schwachheit in Verbindung bringen, mit der sie die Vollkommenheit der Erlösung festhalten. Wenn der Gläubige sich nicht der Ruhe erfreut, die ein gereinigtes und vollkommen gemachtes Gewissen mit sich bringt, dann wird das Priestertum Christi natürlich als etwas betrachtet, welches das, was noch mangelt, vervollständigen soll. Dadurch wird die wahre Gnade des Priestertums beeinträchtigt, ja, sie geht verloren. Es wird ein blosser Zusatz zum Werk am Kreuz; denn die Voraussetzung für den, der Gott nahen will, muss notwendigerweise die sein, Christus zu kennen und der Vergebung der eigenen Sünden durch sein Blut gewiss zu sein. Die meisten haben heutzutage nur eine Hoffnung, die Gnade des Herrn dereinst zu erlangen. In weiten Teilen der Christenheit ist es so. Somit verschwindet für diese der wahre Platz des Hohenpriestertums, weil man die Erlösung nie in ihrer Einfachheit und Fülle von Gott angenommen hat. Dann werden der eigene Wandel und das Priestertum des Herrn Jesus in die Waagschale geworfen, um das zu ergänzen, was sein Tod am Kreuz vollkommen getan hat. Der Hebräer-Brief gibt aber gewiss keinen Anlass zu solchen Schlüssen.
Die Person des Hohenpriesters
Bevor der Geist Gottes im Hebräer-Brief auf das Priestertum eingeht, wird die Person des Herrn Jesus mit grösster Genauigkeit und Fülle ans Licht gebracht, und zwar in zweifacher Hinsicht. Wir hören von Ihm als dem Sohn Gottes; wir sehen Ihn als den Sohn des Menschen. Beide Naturen waren nötig für sein Priestertum. Wäre Er nicht Gottes Sohn gewesen, der in allem den Vorrang hat, einzigartig und ewig ist, dann gäbe es kein Priestertum, wie es dieser Brief uns vorstellt. Auf der andern Seite, wenn Er nicht Sohn des Menschen gewesen wäre, - wirklich Mensch wie jeder andere und doch in einem nur Ihm eigenen Charakter - gäbe es keinen auf uns anwendbaren Priesterdienst. Der Herr Jesus war beides. Das erste Kapitel stellt Ihn uns besonders als Sohn Gottes vor, das zweite als Sohn des Menschen. Und am Ende des zweiten Kapitels finden wir den ersten Hinweis bezüglich seines Priestertums.
Sein Wirkungskreis: die Geheiligten
In diesen beiden Kapiteln (Hebr. 1 und 2) finden wir die Erlösung in ihrer Fülle vorgestellt. Wir haben das bereits im ersten Kapitel gesehen; das zweite setzt die gleiche Wahrheit voraus. Da lesen wir: «Denn es geziemte ihm, um dessentwillen alle Dinge und durch den alle Dinge sind, indem er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte, den Urheber ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen. Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt (d.h. für Gott abgesondert) werden, sind alle von einem» (2,10.11).
Hier haben wir wieder einen sehr wichtigen Bezug auf sein Priestertum. Es handelt sich um die Geheiligten, und nur um sie. Der Dienst des Priestertums ist für niemand anders als die Geheiligten. Nur solche Personen werden hier betrachtet. Wohl ist es wahr, dass «er durch Gottes Gnade für alles (oder jeden) den Tod schmeckte». Doch im Anschluss daran beginnt der Apostel den Bereich einzugrenzen; denn er steht im Begriff, das Priestertum zu behandeln. Er zeigt uns solche, die geheiligt oder abgesondert sind. Deshalb wird von ihnen nicht einfach als vom Samen Adams gesprochen - denn das würde die ganze Menschheit umfassen - sondern vom Samen Abrahams. Eine weitere Einschränkung ist, dass es nicht um den fleischlichen, sondern um den geistlichen Samen Abrahams geht. Nur Wiedergeborene werden hier als geheiligt gesehen.
Im Neuen Testament ist Heiligung im Allgemeinen nicht äusserlich, wie im Alten Testament. Wenn sie ein blosses Bekenntnis ist, kann es zwar von solchen, die es angenommen haben, ohne aus Gott geboren zu sein, wieder aufgegeben werden. Trotzdem ist es eine Absonderung für Gott im Namen Christi. Etwas später in unserem Brief ist die Rede von Personen, die das Blut des Bundes, durch welches sie geheiligt worden sind, für gemein (oder unrein) achten (10,29). Wie wir wissen, wurden sie abtrünnig. Der Apostel hat aber nicht solche im Auge und spricht am Anfang des Briefes nur von wahrhaft Geheiligten. «Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem; um welcher Ursache willen er sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen» (2,11). Sie sind seine Brüder und gehören Ihm an.
Das Hohepriestertum Christi ist also in keiner Weise ein Dienst im Blick auf die ganze Menschheit, wie es bei seinem Sühnungswerk der Fall ist. Das, was durch das Blut auf dem Sühndeckel vorgebildet ist, richtet sich an alle. Das Blut wurde auf den Sühndeckel und vor ihn gesprengt. Es handelte sich nicht nur um jene Menschen, die sich im engsten Kreis des Handelns Gottes befanden. Dieses Blut war zu kostbar und unendlich in seinem Wert, um in seiner Anwendung so begrenzt zu werden. «So dass er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte» (V. 9). Der Ausdruck «alles» umfasst alle Dinge, umso mehr auch alle Menschen. Indem wir auf das Werk und die Leiden Christi und die Voraussetzungen für sein Priestertum eingehen, werden wir diese Dinge in besonderer Hinsicht auf die kennen lernen, welche aus Gnaden eine echte Beziehung zu Ihm haben. «Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise an denselben teilgenommen, auf dass er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, welche durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren» (V. 14.15).
Deshalb ist es klar, dass es ein erlöstes Volk ist, für das Christus uns als barmherziger und treuer Hoherpriester vorgestellt wird. Es betrifft die Geheiligten, die auch Kinder sind; «denn er nimmt sich fürwahr nicht der Engel an» (2,16.17). Das will sagen: Er nimmt sich nicht der Sache der Engel, sondern der des Samens Abrahams an. «Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, auf dass er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werden möchte.»
Diese Verse beleuchten unsern Gegenstand deutlich. Wir lernen dadurch, dass das Priestertum einer vollbrachten Erlösung folgt und auf dem beruht, was der Herr Jesus, offenbart im Fleisch, jetzt ist - nicht nur auf dem, was Er war, bevor Er in diese Welt kam. Damals und auch während seines Erdenlebens war Er nicht Priester. Erst nachdem Er am Kreuz gelitten, die Welt verlassen hatte und zum Himmel gefahren war, wurde Er dort «von Gott begrüsst als Hoherpriester» (Hebr. 5,10), für die, welche Ihn sehen, während Er dort weilt. Wie geschrieben steht: «Wir sehen aber Jesum... mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.» Er übt dieses Amt und diese Tätigkeit für solche aus, die Ihn durch Glauben sehen, die von der Welt getrennt, für Gott abgesondert oder geheiligt sind.
Möge niemand das Wort «geheiligt» falsch verstehen! Der Gedanke in Hebräer 2,11 ist keineswegs der eines fortschreitenden Reinigungsprozesses. Das wäre die praktische Seite dieses Ausdruckes, und die finden wir an anderen Stellen. Im praktischen Sinn ist Heiligung eine fortschreitende Frucht der Gnade, ein geistliches Wachstum zur Ähnlichkeit mit Christus, wie es in jedem Gläubigen vor sich gehen sollte. Im Gegensatz dazu betrachtet die zitierte Stelle und andere im Hebräer-Brief die Stellung des Gläubigen in abstrakter Weise. Dies wird besonders eindrücklich, wenn wir bedenken, dass diese abgesonderte Stellung nicht mehr länger für Israel galt. Die Juden hatten den Heiligen Gottes in der gottlosesten Weise abgelehnt. Sie hatten Ihn als einen von Gott Verworfenen und einen Betrüger behandelt. Daher hatten sie ihre Heiligkeit verloren, und Gott behandelt sie als Unheilige. Wenn in diesem Brief von Geheiligten die Rede ist, sind es solche, die sich von Israel abgesondert hatten. Wir betonen, es geht um Abgesonderte aus den Juden. Wenn wir nur den Hebräer-Brief hätten, würde es uns schwer fallen, zu beweisen, dass auch solche aus den Nationen berufen sind. Aus andern Stellen wird dies aber deutlich, so dass die Grundsätze im Hebräer-Brief sowohl für die Gläubigen aus den Juden als auch für die aus den Nationen gelten. Aber der Heilige Geist handelte besonders zart mit diesen Menschen, die voller Vorurteile waren, um sie über den besseren Weg zu belehren und sie so von alten Bindungen zu lösen und zu den höchsten Segnungen zu führen. Der Brief enthält ernste Warnungen, aber auch Wünsche und Appelle der Liebe. Er ist voll Rücksicht auf Gefühle und Gedanken, die besonders jemandem aus den Nationen unpassend scheinen könnten. Ein Gläubiger aus den Nationen hätte versucht sein können, die jüdischen Vorurteile ohne Skrupel grob zu zerreissen. Aber der Geist Gottes handelt mit äusserster Sorgfalt und doch mit immer deutlicher werdender Sprache, so dass am Schluss die Wahrheit so vollständig gelehrt war, dass sie aufgefordert wurden, das Lager zu verlassen und zu Christus hinauszugehen, seine Schmach tragend. In dieser Schule gibt es viel zu lernen. Ich bin überzeugt, dass wir alle nötig haben, die Lektionen der göttlichen Weisheit zu beherzigen.
Indem wir zum Thema zurückkehren, erinnern wir uns, dass der Herr jetzt Priester im Himmel für die ist, die durch das Bekenntnis des Namens Christi für Gott abgesondert sind - abgesondert aus jeder Rasse, aber besonders aus dem Volk der Juden. Der Apostel deutet an, dass jene, für die dieser Dienst ausgeübt wird, nicht geheiligt sind entsprechend dem alten Bund mit Israel, dass Gott sie aber daraus herausgenommen hat, weil dieser für Ihn wertlos geworden ist. Alles ruht jetzt auf Jesus, dem verworfenen Messias. Er ist es, welcher heiligt, weil Er sowohl Gott als Mensch ist. «Der, welcher heiligt» (V. 11), das ist der Herr Jesus. «Er schämt sich nicht, sie Brüder zu nennen.» Gott als solchen kann natürlich niemand «Bruder» nennen. Es ist der Herr, der heiligt, und die Geheiligten sind jene, die in seinem Namen und durch sein Blut abgesondert sind.
Der grosse Versöhnungstag
Am Ende von Hebräer 2 finden wir den ersten Hinweis auf den Priesterdienst des Herrn Jesus. Er ist «in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester, um die Sünden des Volkes zu sühnen» (V. 17). Der Heilige Geist weist hier auf den grossen Versöhnungstag hin (3.Mose 16). Dabei umfasst Versöhnung einen viel ausgedehnteren Bereich, als den, auf welchen der Heilige Geist hier mit dem Wort Sühnung hindeutet. Versöhnung stellt den gesamten Zustand der Dinge vor Gott wieder her. Obwohl sich Versöhnung auf Sühnung gründet, geht sie doch viel weiter. Sie umfasst die gesamte Schöpfung, wie wir aus dem Epheser- und Kolosser-Brief entnehmen können. «Es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle in ihm (Christus) zu wohnen und durch ihn alle Dinge mit sich zu versöhnen» (Kol. 1,19). Das heisst aber nicht, dass alle Menschen mit Gott versöhnt werden, obwohl das Blut des Kreuzes im Blick auf alle vergossen worden ist, «wovon das Zeugnis zu seiner Zeit verkündigt werden sollte» (1.Tim. 2,6). Menschen werden versöhnt, wenn ihre Sünden gesühnt sind, d.h. wenn sie dies im Glauben ergriffen haben.
Es ist klar, dass die ersten beiden Kapitel des Hebräer-Briefes die Einleitung bilden. Nachdem das Werk der Sühnung eingeführt worden ist, wird nicht nur von einem Priester, sondern vom Hohenpriester gesprochen. So war es auch am grossen Versöhnungstag (3.Mose 16), wo nur vom Hohenpriester die Rede ist. Die Handlungen an jenem Tag waren besonders und einmalig in ihrer Art. Sühnung wurde einmal für das ganze Jahr getan. Die Opfer jenes Tages redeten von dem ein für allemal vollbrachten Werk und nicht von einem sich immer wiederholenden Dienst. Die Tätigkeit des Priesters oder Hohenpriesters konnte sich auf das ganze Jahr erstrecken, aber die Sühnung machte eine Ausnahme. Sie war besonders, einmalig und ausschliesslich für diesen Zeitabschnitt (ein Jahr) ausgeführt. Bei dieser Gelegenheit vertrat der Hohepriester das Volk und opferte den Bock, auf welchen das Los Jehovas gefallen war, als Sündopfer für die Sünden des Volkes (3.Mose 16,8.9.15). Dann brachte er dessen Blut innerhalb des Vorhangs, tat mit ihm, so wie er mit dem Blut des Farren getan hatte und sprengte es auf den Deckel und vor den Deckel. So tat er «Sühnung für das Heiligtum wegen der Unreinheiten der Kinder Israel und wegen ihrer Übertretungen, nach allen ihren Sünden» (V. 16). Als er dann aus dem allerheiligsten kam, legte er seine Hände auf den Kopf des lebendigen Bockes und bekannte auf ihn alle Ungerechtigkeiten der Kinder Israel und alle ihre Übertretungen nach allen ihren Sünden (V. 21). Das Ganze wurde abgeschlossen, indem der Bock (Asasel) in die Wüste fortgeschickt wurde, was ein Bild der für immer weggetragenen Sünden des Volkes ist.
Es waren also zwei Ziegenböcke nötig, um die Sühnung zu vollbringen, wobei das formelle und besondere Bekenntnis der Sünden Israels auf den Sündenbock Asasel kam. Dennoch waren beide Böcke nötig, um die Sühnung in ihren zwei wesentlichen Seiten vorzubilden: 1) Die Rechtfertigung der Ansprüche Gottes, was der erste Gedanke des Volkes sein sollte, und 2) der Trost der Gewissheit, dass alles Böse von Seiten des Volkes peinlich genau aufgedeckt, auf den lebendigen Bock gelegt und fortgeschickt worden ist, um nie mehr wiedergesehen zu werden. Diese beiden Wahrheiten werden uns im Römerbrief klar vorgestellt: Am Ende des dritten Kapitels finden wir das, was dem Los für Jehova entspricht, und am Ende des vierten das Los des Volkes. Im ersten Fall ist es Gott, der gerecht ist und den rechtfertigt, der an den Herrn Jesus glaubt. Da finden wir das Blut auf dem Gnadenstuhl. Im zweiten Fall heisst es, dass Christus
unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist. Das Gericht, das Ihn unserer Übertretungen wegen traf, ist genau das, was im Sündenbock vorgebildet wird, wenn er mit den Sünden des Volkes auf seinem Kopf fortgeschickt wurde.
Asasel ist aber kein Hinweis auf die Wahrheit der Auferstehung. In den Opfern hier finden wir kein Vorbild dafür, wohl aber in der Opferung Isaaks (1.Mose 22). Ebenso redet der lebendige Vogel, der für den Aussätzigen in das Blut des geschlachteten getaucht und fliegen gelassen wurde (3.Mose 14,6), von der Auferstehung. Der lebendige Bock aber enthält keine solche Andeutung, denn er wurde in ein ödes Land geschickt, und das kann nicht der Himmel sein. Der Himmel ist schon bewohnt und wird es in der Zukunft noch viel mehr sein. Unmöglich kann die Wüste, in die der Bock geschickt wurde, ein Symbol des Himmels sein. Diese Anordnung war nur das sichtbare Zeugnis des Verschwindens der Sünden Israels. Alle ihre Verfehlungen und mutwilligen Übertretungen waren ins Land der Vergessenheit weggetragen worden. Das scheint die ganze Bedeutung dieses Opfers zu sein. Es ist offensichtlich die Ergänzung zum «Los für Jehova» und redet von Stellvertretung für das Volk, während der erste Bock von Sühnung spricht.
Die Handlungen des grossen Versöhnungstages, obwohl allein durch den Hohenpriester ausgeführt, sind nicht die eigentliche priesterliche Tätigkeit, sondern deren Grundlage und eng mit ihr verbunden. Die Reinigung von - oder die Sühnung der Sünden war eine grundlegende Notwendigkeit und die Basis für den Priester, um Tag für Tag für das Volk vor Gott zu erscheinen.
Er selbst wurde versucht, um uns zu helfen
Wir kommen jetzt zu einer andern Wahrheit, die für die Person, die als Priester auftreten soll, von sehr grosser Wichtigkeit ist. «Worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden» (Hebr. 2,18). Lasst uns besonders über diese Worte nachdenken, da sie nicht nur uns, sondern vor allem Ihn betreffen, Dessen Seele so oft verwundet wurde, sowohl im Hause seiner Freunde als auch durch herzlose Feinde. Es sind nicht nur die beiden Seiten seiner Person (Sohn Gottes und Sohn des Menschen), oder sein Werk für uns, worauf sich sein Priestertum gründet, sondern auch auf eine gnädige Vorsorge in seinem liebenden Herzen. Als Mensch wurde Er auf jede mögliche Weise versucht, damit Er denen besser zu helfen vermöchte, die versucht werden.
Was bedeutet der Ausdruck «versucht»? Wir haben vielleicht bemerkt, dass im Hebräer-Brief kein Wort über Versuchung gesagt wird, bevor von einem geheiligten Volk gesprochen wird. «Versucht» hat in dieser Schriftstelle nichts mit der inneren Anstiftung zum Bösen zu tun. Es sollte nicht nötig sein, daran zu erinnern, dass der Herr so etwas überhaupt nicht kannte. Sogar da, wo vom Priestertum zu unsern Gunsten gesprochen wird, ist keine Rede davon, dass Gott damit eine Vorkehrung für unsere Sünden oder Verfehlungen getroffen habe. Das bestätigt sich in Hebräer 4, wo wir neue Einzelheiten in dieser Sache finden: «Da wir nun einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten; denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde» (V. 14,15).
Christus halle gar keine Verbindung mit Sünde. Nicht nur sündigte Er nicht; in Ihm war überhaupt keine Sünde. Der Gegensatz zwischen Ihm und uns könnte nicht grösser sein. Er war der Heilige Gottes. Das offenbarte sich vor allem in den beispiellosen Versuchungen, die Er erduldete. Er war während seines ganzen Lebens als der Heilige und Gerechte immer getrennt von der Sünde. Nicht nur willigte Er nicht ein in die Sünde; es war auch keine Sünde in Ihm, der Er hätte nachgeben können. In seiner menschlichen Natur gab es nichts Böses, an das der Feind hätte anknüpfen können. Das Böse kam nur von aussen. In einer armen, verdorbenen Welt wurde Er von allen möglichen und raffiniertesten Anstrengungen Satans angegriffen. Er erlebte alles, was Ihm Schmerzen bereiten konnte, nicht nur von Seiten der Menschen und der Juden, sondern auch von seiten der Jünger. Am Anfang seines Dienstes stellte Ihm der Feind alles Angenehme vor, um Ihn von seinem Weg des Gehorsams abzubringen. Und am Ende verfolgte er das gleiche Ziel, indem er Ihn durch die Schrecklichkeit des Todes beunruhigte, besonders durch den Tod, wie er Ihm bevorstand.
Ob es nun durch angenehme oder schmerzliche; Dinge war - Christus wurde zu jeder Zeit und in allen Umständen gleicherweise wie wir versucht. Es wird aber nicht gesagt, darüber hinaus sei Er nicht versucht worden. Paulus schrieb den Korinthern: «Keine Versuchung hat euch ergriffen, als nur eine menschliche» (1.Kor. 10,13). Konnte man das vom Herrn Jesus auch sagen? Sehen wir nicht, dass der Herr über das hinaus versucht worden ist, was einem Menschen je begegnen kann? Es gibt keine Versuchung, die mit seiner zu vergleichen wäre! Während es vollkommen wahr ist, dass Er «in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir», ist die Schlussfolgerung von solchen, die falsch belehrt sind, dass wir in allen Punkten versucht worden seien wie Er, vollkommen verkehrt.
Die Wüste war die eigentliche Umgebung der charakteristischen Versuchungen Christi. Sind wir je so versucht worden? Gewiss nicht. Es mag bis zu einem gewissen Grad Ähnlichkeit geben zwischen seinen Versuchungen und den unsrigen. Und zweifellos sind die drei wohlbekannten Versuchungen am Ende seines Aufenthaltes in der Wüste voll grundsätzlicher Belehrung. Jeder der drei Anläufe Satans gegen den Herrn ist voll wichtiger Belehrung und Warnung für unsere Seelen. Die erste Versuchung, aus Steinen Brot zu machen, war eine natürliche. Die zweite, die das Angebot aller Königreiche der Erde, geknüpft an die Anbetung Satans, enthielt, war eine weltliche Versuchung. Und die dritte war eine religiöse. Da sollte sich der Herr von der Zinne des Tempel werfen und die Verheissung aus Psalm 91 wahr machen. Erinnern wir uns hier, dass Er vordem vierzig Tage versucht wurde und dabei ohne Nahrung war? Sind wir je einer solchen Prüfung ausgesetzt worden? Wir können wohl mit Sicherheit sagen, dass der Heilige Geist uns nie in so etwas führen wird, wie Ihn. Das war eine ganz besondere Versuchung, dem Sohn Gottes, dem Menschen Christus Jesus entsprechend.
So wurde der Herr Jesus, während Er hier auf Erden war, in einer besonderen, Ihm eigenen, persönlichen Weise versucht. Das musste so sein, denn Er war nicht einfach ein Glied oder das natürliche Haupt der menschlichen Familie. Aus Gnaden wurde Er wahrer Mensch, «geboren von einer Frau» (Gal. 4,4), aber entsprechend seinen unwandelbaren Rechten war Er Gott, der Sohn Gottes. Bald wird Er den Platz des Hauptes der neuen Schöpfung einnehmen. Er musste das Gegenbild zum ersten Menschen sein. Wie durch jenen die Sünde in die Welt kam, so brachte der zweite Adam die Gnade und die Gerechtigkeit. Adam fiel an dem Ort, den Gott ihm besonders zugedacht hatte, der Herr Jesus aber widerstand unvergleichlich schwereren Versuchungen. Er ist jetzt der auferstandene und verherrlichte Mensch, während Adam den Tod über sich und sein Geschlecht brachte. Diese kurze Schilderung der Geschichte Adams mag helfen klarzumachen, was Versuchung bedeutet. Die allgemeine Ansicht, dass eine Versuchung innewohnendes Böses voraussetze, ist ein verhängnisvoller Fehler. Sie wird in denen, die so denken, zu einem Sauerteig unerwarteter Irrlehren, wobei sie sich Versuchung, getrennt von einer Neigung zur Sünde, nicht mehr vorstellen können. Dieser verkehrten Ansicht kann man mit der einfachen Frage entgegentreten: Wurde Adam nicht auch versucht? und wie war sein Zustand, als er versucht wurde? Bevor er fiel, war bestimmt keine Sünde, keine innere Neigung zum Bösen in ihm.
Im Sinn des Wortes in Hebräer 2,18 ist Versuchung also etwas, das nicht mit Sünde in Verbindung steht. Beim ersten grossen Fall von Versuchung und leider auch von Ungehorsam und Sünde ging es um den Menschen, der ohne Sünde geschaffen worden war. Genauso ist es hier. Der Sohn Gottes, der Satan überwunden und die Grundlage zur Abschaffung der Sünde gelegt hat - und das nicht durch Macht, sondern durch sein Leiden und Sterben am Kreuz, damit die Gerechtigkeit befriedigt würde und die Gnade ihr gesegnetes Werk an und mit uns erfüllen könne - wurde in allem versucht wie wir, ausgenommen die Sünde. Wie herrlich ist der Gegensatz zwischen unserem Herrn Jesus, dem zweiten Menschen, dem letzten Adam, wie Er hier auf Erden war und jetzt droben ist in der Herrlichkeit, und dem ersten Menschen: Adam!
«In allem versucht worden... ausgenommen die Sünde»
Er, der absolut ohne Sünde war, war vor allem der, gegen Den sich die Versuchung von Seiten Satans richtete. Das Ziel des Feindes war, Sünde in sein Leben zu bringen. Doch nie, nicht einmal am Ende seines Lebens, als der Fürst der Welt kam, fand er etwas in Ihm (Joh. 14,30). Da gab es keine Sünde, die er anregen konnte, und da fand sich auch kein Mangel an Abhängigkeit von Gott, der zu Sünde geführt hätte. Sünde war nicht da, noch konnte sie bei Ihm durch Unabhängigkeit von Gott Eingang finden. Wenn Satan es zustande gebracht hätte, Ihn auf einen Weg des Eigenwillens zu führen, wäre auf der Stelle Sünde daraus erfolgt und alles hoffnungslos zerstört worden. Aber das war unmöglich, denn Er war gleichzeitig eine göttliche Person und ein abhängiger, gehorsamer Mensch. Der Feind wurde vollständig geschlagen.
Hier liegt der grosse Fehler vieler, die von sich aus auf den Herrn Jesus Schlüsse ziehen und Ihn mit sich selbst vergleichen. Sie stellen sich vor, dass Er durch eine besondere Tugend oder eine Art Verdienst nie gesündigt hat, wo doch bei Gott und bei irgendeinem Menschen, der wirklich an Ihn glaubt, der Gedanke eines Versagens des Herrn eine absolute Unmöglichkeit ist. Wie kann jemand, der aus Gott geboren ist, auch nur für einen Augenblick die Meinung haben, der Herr Jesus hätte sündigen können? Könnte man von so einem unheiligen Träumer wirklich annehmen, dass er glaubt, dass der Herr Jesus der Sohn Gottes ist? Alle diese menschlichen Spekulationen, die die Herrlichkeit des Herrn Jesus herabmindern, zeigen einfach, dass solche Leute nicht wirklich glauben, dass Er in einer Person wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Sie mögen mit den Lippen bekennen, dass Er der Sohn Gottes ist und wie der Vater geehrt werden soll, aber sie verstehen die Tragweite dieses Bekenntnisses nicht. Sie glauben nicht in Wahrheit, das Er Gott selbst ist, genauso wie der Vater und der Heilige Geist; denn seine Menschwerdung nahm von alledem nichts weg. Er wurde Mensch in völliger Harmonie mit seiner Gottheit. Seine Menschwerdung beeinträchtigte in keiner Weise seine Gottheit, aber sie gab seiner Menschheit unendliche Vollkommenheit. Dennoch bewahrte jede der beiden Naturen die ihr eigenen Charakterzüge. Da gab es keine Verwirrung. Seine menschliche und seine göttliche Natur blieben was sie sein sollten. Beide, mit allen ihren ausgezeichneten Eigenschaften, vereinigten sich, aber vermischten sich nicht in seiner herrlichen Person. Das war der Herr Jesus, welcher kam, um Gott, seinen Vater, zu verherrlichen und uns von unsern Sünden für seine Herrlichkeit zu erretten, durch die Erlösung durch sein Blut.
Einen solchen Priester haben wir vor Gott. Das verleiht diesen Worten grosse Kraft: «Denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden.» Er hat in Wahrheit gelitten. Wenn wir in der Versuchung dem Bösen nachgeben, leiden wir nicht. Der Ungläubige wird dem Bösen nachgeben, und die Sünde wird durch ihre eigene Befriedigung genährt. Der Sünder folgt seinem eigenen Willen, um ohne Furcht Gottes das zu tun, was ihm gefällt. Das ist Sünde - die Ausübung seines Eigenwillens oder der Gesetzlosigkeit, und nichts ist dem Ungläubigen angenehmer als das. Der Herr hat dies nie getan und niemals gewünscht. Keinen Augenblick hat Er gezögert, den Willen Gottes zu tun, und das während seines ganzen Lebens. «Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun» (Hebr. 10,7). So sagte Er, bevor Er kam; so blieb es bis ans Ende. Er tat in allen Dingen den Willen Gottes - das ist für mich das Erstaunlichste, Wunderbarste am Herrn Jesus, wenn wir Ihn als Knecht Gottes hienieden betrachten. Nicht ein einziges Mal suchte Er seinen eigenen Willen. Immer tat oder erduldete Er den Willen Gottes. Solcher Art war die moralische Vollkommenheit des Menschen ohne Sünde. Kein Wunder und keine Machttat kann mit dem verglichen werden. So wie Gott Wunder wirken konnte durch einen Wurm, wirkte Er oft durch die Hand von Ungöttlichen. Aber nie gab es einen Menschen ausser diesem Einen, der nur den Willen Gottes tat. Deshalb war Er der Eine, der berufen war zu leiden, wie kein anderer es gekonnt hätte, denn seine Leiden standen im Verhältnis zu seiner Liebe und Heiligkeit, ganz zu schweigen von seiner Ihm eigenen Herrlichkeit.
Genauso ist es mit einem Kind Gottes heute. Es weigert sich, seinen eigenen Willen zu tun. Gewiss, es ist keine Kleinigkeit, in einer Welt wo nur dem Willen des Menschen nachgelebt wird, am Willen Gottes festzuhalten. Ja, die Welt lebt und bewegt sich und besteht nur in der Erfüllung ihres eigenen Willens. Der Herr Jesus war genau das Gegenteil, und ebenso ist es mit den Geheiligten, die Ihm angehören. Der Apostel Petrus definiert ihre Stellung wie folgt: «Auserwählt nach Vorkenntnis Gottes, des Vaters, durch Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi» (1.Petr. 1,2). Das geht sehr weit, denn dies bedeutet für uns die gleiche Art Gehorsam, wie die des Herrn. Nicht ein einziges Mal gehorchte Er unter Zwang oder im Widerstand zu einem inneren Einfluss, der dem Willen Gottes entgegen war.
Unser Herr Jesus litt. Aber seine Leiden lagen in den Anschlägen Satans gegen Ihn begründet. Er hat Gott immer wohlgefallen und sich stets und vollkommen geweigert, vom Weg des Gehorsams abzuweichen. Zudem empfand Er ein heiliges Entsetzen in Gegenwart all des Bösen - nicht in Ihm, denn da war keines - das Ihn ständig und überall umgab. Auch die Einflüsterungen des Feindes weckten keinen Eigenwillen, sondern fügten Ihm nur Schmerz und Leiden zu. Er war ein Mann der Schmerzen, gerade weil Er der Heilige war, und nicht weil sich in Ihm fleischliche Gedanken regten, wie bei uns. Deshalb lesen wir: «Worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde.» Wenn der Mensch, so wie er ist, in irgendetwas nachgibt, dann geschieht es zur Befriedigung seiner Natur; es gefällt ihm selbst, wie bitter die Folgen auch sein mögen. Im Herrn Jesus war und konnte nichts dergleichen sein. Er litt, als Er versucht wurde und vermag jetzt «denen zu helfen, die versucht werden». Das Bemerkenswerte aber ist hier, dass von uns ein Gehorsam erwartet wird, der dem seinen ähnlich ist: Wir sollten Gott als Söhne gehorchen, die eine neue Natur und den Heiligen Geist empfangen haben. Auf einem solchen Pfad wird es bestimmt Übungen geben.
Unter diesem Gesichtspunkt werden die Christen im Hebräerbrief hienieden gesehen. Sie sind erlöst und geheiligt; sie sind Kinder Gottes und Brüder Christi, befinden sich aber an einem Ort der Versuchung - in der Wüste. Deshalb lesen wir hier, wie der Psalm ist das Volk Israel «an den Tag der Versuchung in der Wüste» erinnert (Hebr. 3,8; Ps. 95). Wir gehen jetzt im Wesentlichen durch die gleichen Übungen wie sie. Die Szene, die uns umgibt, gleicht einer Wüste und die Zeit, in der wir leben, ist der Tag der Versuchung. Wir werden geprüft und bis zum äussersten auf die Probe gestellt. Aber Gott wendet dies zu unserem Guten, denn wir befinden uns an einem Ort, wo jede Kraftquelle, jede auferbauende Nahrung, das Licht, die Leitung und Führung von oben kommen und nicht aus uns selbst, noch von der Welt um uns her. In unserer Umgebung gibt es nichts, ebenso wenig wie in unserer alten Natur, das uns helfen könnte. Im Gegenteil, was von dort kommt, hindert, verunreinigt, schadet und zerstört uns nur. Das Schlimmste von allem aber ist der grosse Feind, der zum Bösen verleiten will. Christus weiss es; denn Er hält ein wachsames Auge auf ihn und auf uns.
Ein General, der durch grosse Leiden gegangen ist, aber die belagerte Stadt gehalten und den Feind zurückgeschlagen hat, kann mit seinem Freund, der vom gleichen Feind bedrängt wird und es zudem noch mit einem Verräter in den eigenen Reihen zu tun hat, am besten mitfühlen und Mitleid haben! Nie gab es einen grösseren Fehler, als die Annahme, dass Er den verräterischen alten Menschen in sich gehabt haben müsse, um Mitleid haben zu können. Wenn Böses in Ihm gewesen wäre, hätte das die Person Christi in all ihrer moralischen Herrlichkeit und Vollkommenheit zerstört, sowie auch sein Opfer und dessen Folgen. Es hätte dann überhaupt keinen Erlöser gegeben. Das ist es, wohin der Unglaube immer führt - zu einer eigentlichen Leugnung Jesu, des Sohnes Gottes und seines Werkes. Deshalb macht es keinen grossen Unterschied aus, ob die Menschen seine Gottheit leugnen, oder seine fleckenlose, vollkommene Menschheit untergraben: In jedem Fall bliebe weder ein Christus für Gott, noch ein Heiland für die Menschen übrig. Es ist der schlimmste Trugschluss, zu glauben, die Vollkommenheit des Heilandes und seines Heils beeinträchtige die Vollständigkeit seines Mitleids und Mitgefühls. Göttliche Liebe und Heiligkeit hier auf Erden, in einer menschlichen Natur wie die unsere, durch die grössten Leiden erprobt, das ist die Grundlage seines Mitgefühls. Er, der völlig kennen gelernt hat, was es heisst, unter den Angriffen des Versuchers zu leiden, kann am besten mit uns mitfühlen, die wir es neben dem Verführer noch mit dem trügerischen Fleisch in uns zu tun haben. Weil Er das nicht in sich hatte, wird Er deswegen weniger um uns besorgt sein? Nein, im Gegenteil! Der alte Mensch beschäftigt sich immer in der einen oder andern Weise mit der eigenen Person; Er aber war absolut frei, zu lieben, zu dienen und mitzuleiden.
Christi Priesterdienst - kein Dienst für die Sünde
Die Hilfe und der Beistand des Herrn sind für die «heiligen Brüder, Genossen der himmlischen Berufung» (Hebr. 3,1). Das sind «die Geheiligten». Das Priestertum Christi findet nur auf die Gläubigen seine Anwendung. Dies ist so wahr, dass wir nirgends die leiseste Andeutung bezüglich Sünde finden, wenn der Apostel in diesem Brief das Hohepriestertum Christi bespricht. Es ist zwar unter den Gläubigen ein weit verbreiteter Gedanke, dass Christus für uns als Hoherpriester tätig sei, wenn wir dann und wann in Sünde fallen. Aber wir finden nichts dergleichen in der Heiligen Schrift. In der Belehrung dieses Briefes wird sein Priestertum auf die Hilfe und das Mitleid für uns angewandt, die wir benötigen, wenn wir versucht werden, wie Er es wurde. Ich zweifle nicht, dass sich darin die Weisheit Gottes aufs höchste offenbart.
Ich hoffe, bei einer andern Gelegenheit zeigen zu können, wie bewundernswert und gnädig die Vorsorge für uns ist, wenn wir einen Fehltritt tun und fallen. Wir werden dann sehen, dass, wenn ein Gläubiger sündigt, sein trauriger Fall nicht übersehen wird. Gott sorgt in seiner Barmherzigkeit und weisen Güte für die Wiederherstellung, was dabei unser Bedürfnis auch immer sein mag.
Aber unsere Aufmerksamkeit wird jetzt auf eine grosse Wahrheit gelenkt, die nicht genug beachtet werden kann. Denn eine der unglücklichsten Lehren des modernen Christentums sagt, dass wir sündigen müssten und es keine entsprechende Hilfe oder Kraft dagegen gebe. Und die Menschen sind von dieser Auffassung ganz eingenommen. Sie sind deshalb geneigt, die Sünde als eine unvermeidliche Sache zu betrachten, denn wir seien ja nur «arme Sünder».
Wir verneinen nicht, dass Christen als Sünder betrachtet werden können, wenn wir daran denken, was wir vor unserer Bekehrung waren oder was wir in uns selbst, ohne Christus sind. Der Apostel Paulus nennt sich in 1.Timotheus 1,15 «der erste der Sünder». Damit meinte er aber bestimmt nicht, dass er fortfahre in der Sünde zu leben, oder als Gläubiger fortwährend zu fallen. Leider legen es viele so aus und versuchen damit, das Leben des Apostels auf den niederen moralischen Stand ihres eigenen Lebens herabzuziehen. Es ist traurig zu sagen, aber solche Leute suchen in der Bibel die Freiheit für ein wenig Sünde in ihrem Leben zu finden. So wollen die einen die Sünde nur als Übertretung eines gegebenen Gesetzes ansehen. Die andern gründen sich auf Römer 7,12-24, wo uns der nutzlose Kampf einer wiedergeborenen, aber nicht befreiten Seele beschrieben wird, als ob dies der übliche und normale Zustand des Christen hienieden sei.
Es ist heute eine Tatsache, dass in der ganzen Christenheit gerade die Theologen Sünde auf krasse oder offenkundige Übertretungen beschränken und ihre Anhänger lehren, dass aufgrund der menschlichen Natur die Sünde im Leben des Gläubigen unvermeidlich sei. Ein Grund für die Schlussfolgerung, die eine Verunehrung des Herrn Jesus ist, liegt in der Tatsache, dass sie sich unter das Gesetz als die Regel für ihr Leben stellen. Weil das Fleisch noch in uns ist, kann es nicht anders sein, als dass das Gesetz alle, die sich darunter stellen, zum Ungehorsam herausfordert. Das Gesetz aber war nicht gegeben, damit die Menschen Sünder würden - wie hätte Gott so etwas tun können sondern, um die Sünde unmissverständlich aufzudecken. In diesem Sinn war das Ziel des Gesetzes heilsam und barmherzig, denn es hinderte die Menschen daran, sich selbst zu täuschen. Es sollte gerade solche, die gesündigt hatten und wirklich schuldig vor Gott waren, davor bewahren, ihre Sünden zu beschönigen und vorzugeben, sie hätten keine getan. Es war da, um ihnen klar zu beweisen, dass sie das Gericht verdienten, damit sie laut zu Gott um Barmherzigkeit riefen und die freie Gnade finden möchten, die Gott fortan im Herrn Jesus Christus und durch seine Erlösung bereithalten würde.
Es gefiel Gott, dieses Ziel zu verfolgen, bevor der Heiland kam, und in dieser und anderer Hinsicht den Weg für Ihn und sein Werk vorzubereiten. Jetzt aber, nachdem Er gekommen ist, die Gnade und die Wahrheit in ihrer Fülle offenbart worden sind und die Erlösung in Christus vollbracht ist, liegen die Dinge ganz anders. Es ist eine sehr ernste Sache, das Evangelium zu verlassen und sich wieder so unter das Gesetz zu stellen, wie die Menschen früherer Zeiten von Gott darunter gestellt waren. Der Test der Menschen unter Gesetz war nötig, damit sie merkten, dass es ihnen nichts nützte und sie die Gnade in Christus brauchten. Wenn Gottes Wort den Gläubigen jetzt ermächtigt, sich alles dessen, was Gott getan hat und was Er ist, zu erfreuen, so bedeutet die Rückkehr zum Gesetz Unglaube, auch wenn es in früheren Zeiten ein Zuchtmeister auf Christus hin war. Das Gesetz ist nicht für einen Gerechten bestimmt - und ein solcher ist der Gläubige - «sondern für Gesetzlose und Zügellose, für Gottlose und Sünder» (und zu solchen zählt der Gläubige nicht mehr) (1.Tim. 1,9). Auf der andern Seite ist das eigentliche und beabsichtigte Ziel der rettenden Gnade Gottes, uns zu unterweisen, «auf dass wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf, indem wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesus Christus» (Tit. 2,12.13). Durch Gnade also ist die Seele, die einst vollkommen schuldig und verloren war, in eine Stellung vollkommener Gerechtigkeit vor Gott gebracht worden «durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist».
Sein Priesterdienst für uns in der Wüste
Was wünsche ich noch mehr? Der gleiche Heiland, der für mich starb und auferstand, lebt und handelt jetzt für mich in aufmerksamer, liebender und heiliger Sorgfalt. Er steht mir bei inmitten meiner Prüfungen für seinen Namen und des Hasses von Seiten der Menschen, der Welt und Satans. Er ist in der Herrlichkeit und ich bin hier in der Wüste, wo ich in Mühen und Leiden vorangehe, aber Ihn erwarte, dass Er komme und mich zu sich in die Herrlichkeit nehme, in die Er vorausgegangen ist. Im Augenblick lebe ich noch da, wo Er gekreuzigt worden ist. Während Er hier lebte, war Er nicht nur der bösen Macht vielfältiger Feinde ausgesetzt, sondern auch den Listen des Widersachers. Ich aber, wer bin ich, solchen Gefahren zu begegnen und standhaft hindurchzugehen? Hier und zu diesem Zweck findet das Priestertum für die Heiligen seine Anwendung. Es ist da, um ihnen den passenden Beistand zu leisten, «auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe» (Hebr. 4,16). Zudem kommt alles von dem Einen, der es durch eigene, unvergleichbar tiefe Erfahrungen selbst kennt, der weiss, was für ein Feind Satan ist, wie gross seine Gerissenheit und seine Bosheit sind. Unsere Hilfe kommt nicht nur von einer göttlichen Kraft, sondern von dem Einen, der helfen kann, weil Er selbst als Mensch bis zum äussersten erprobt worden ist. Und doch ist Er der Eine, der sein Priestertum als Sohn Gottes ausübt, und nicht einfach, weil Er die menschliche Natur angenommen hat, wie ich sie habe, die in mir zwar unheilig und gefallen, in Ihm aber vollkommen ist. Er ist der Heilige, als Gott und als Mensch. Das ist jedoch kein Grund, warum Er nicht Mitleid zu haben vermöchte. Im Gegenteil! Nicht Heiligkeit und Liebe, sondern Selbstsucht und Sünde sind ein Hindernis für die Zuneigung.
In Hebräer 4,15 wird uns gesagt: «Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten.» Beachten wir, dass der Apostel nicht von unseren Sünden spricht. Zudem besteht kein Grund, um Schwachheiten mit Sünden zu verwechseln. Er richtet sich an Gläubige, die durch die Gnade Gottes von ihrer Schuld befreit sind, weil das Blut Christi alle ihre Sünden für immer ausgetilgt hat. Deshalb sind ihre Angesichter zu Gott hin und himmelwärts gerichtet, obwohl sie sich immer noch in der Wüste befinden. Und in der Herrlichkeit beschäftigt sich der Herr Jesus in seiner Liebe und Gnade mit jedem persönlich. Als einer, der in allem versucht worden ist wie wir, ausgenommen die Sünde, ist Er in der Lage, Mitleid mit unsern Schwachheiten zu haben. Ein Grund, warum der Charakter des Priestertums Christi von vielen falsch gedeutet wird, liegt zweifellos in der Tatsache, dass man den Herrn Jesus von einem natürlichen, menschlichen Gesichtspunkt aus betrachtet. Der Mensch kann nicht begreifen, wie Er sich, gemäss seinem Wort, mit jedem Einzelnen auf einmal beschäftigen kann. Das ist einfach eine Sache des Glaubens. Das Wort Gottes ist über die den Seinen angepasste Fürsorge des Herrn Jesus in seinem Priesterdienst ebenso klar wie über die Wirksamkeit seiner Erlösung für jeden Gläubigen. Dass sowohl sein Priestertum wie auch sein Kommen für die Seinen nichts mit der Frage der Sünde zu tun hat, sehen wir in Hebräer 4,15 und 9,28, wo für beide Fälle die gleichen Ausdrücke verwendet werden. «Der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde.» - «Christus wird ... zum zweiten Male denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Seligkeit.»
Der Heilige Geist behandelt das Priestertum Christi in Harmonie mit der Herrlichkeit seiner Person. «Da wir nun einen grossen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesum, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten.» Hier lag die Schwierigkeit für die Hebräer. Sie standen in Gefahr, die Herrlichkeit des Herrn Jesus Christus aus den Augen zu verlieren oder zum Judentum zurückzukehren. Der Apostel sah für sie nie eine Gefahr in Bezug auf die Sicherheit des Heils, aber er betonte die Wichtigkeit, dieses bis ans Ende festzuhalten. Der Gedanke, dass sie Zweifel über die Vergebung ihrer Sünden aufkommen lassen könnten, beschäftigte ihn nicht. Wie hätte der Heilige Geist vom Werk Christi so gering reden und Fragen erheben können, ob es im Blick auf den ganzen Ratschluss, für den Gott Ihn hatte sterben lassen, wirklich genüge! Im Gegenteil, Er ermahnt die Kinder Gottes, «den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festzuhalten» (Kap. 3,6), indem sie in der Einfalt des Glaubens, der wahre Weisheit ist, auf der Fülle der göttlichen Gnade in Christo ruhten. Gerade dafür benötigten sie in ihren Prüfungen sein Mitleid, sowie seine Hilfe und Kraft. Und alles das kommt «den heiligen Brüdern» durch das Priestertum Christi zu.
Es ist hier nicht eine Frage der Begegnung der Gnade mit unheiligen Menschen und der Annahme solcher, die von Gott gelehrt sind, ihrer Sünden und ihres Verderbens wegen zu Ihm zu rufen. Das finden wir im Evangelium der Gnade Gottes an anderer Stelle, aber nicht hier. Das wäre nicht die Seite des Priestertums. Aber hier heisst es: «Lasst uns das Bekenntnis festhalten.» Christus ist in allen Punkten versucht worden wie wir, ausgenommen die Sünde. Das heisst nicht nur, ohne zu sündigen, sondern ohne Sünde. Seine Versuchung lag absolut ausserhalb der Sünde. Deshalb «lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe» (V.16).
Im 5. Kapitel wird das Priestertum in einer Weise weiter verfolgt, die von grosser Wichtigkeit und sehr interessant ist, obwohl es oft übersehen wird. «Denn jeder aus Menschen genommene Hohepriester wird für Menschen bestellt in den Sachen mit Gott» (V. 1). Diese Worte wendet man irrtümlich auf den Herrn Jesus an und fragt dabei: War Er nicht aus Menschen genommen? Die Antwort ist einfach: Der Heilige Geist gibt uns hier nicht eine Beschreibung seines Priestertums, sondern des allgemeinen Priestertums im Gegensatz zu dem seinen (V. 1-3). Der dritte Vers sollte dies jedem Gläubigen unbestreitbar klarmachen. Denn in diesem Vers ist vom gleichen Hohenpriester die Rede wie in den ersten beiden Versen. Da wird ausdrücklich erklärt, dass er «wie für das Volk, so auch für sich selbst für die Sünden opfern muss». Ist es daher nicht offensichtlich, dass es sich an dieser Stelle um Aaron oder seine Söhne als Hohepriester handelt und nicht um Christus, der zwar verglichen wird mit diesen, aber in der Beschreibung im Gegensatz zu ihnen gesehen wird?
«Und niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern als von Gott berufen, gleichwie auch Aaron. Also hat auch der Christus sich nicht selbst verherrlicht» (V. 4,5). Der Apostel beginnt mit einem Punkt, wo Ähnlichkeit herrscht, um dann den Gegensatz hervorheben zu können. Christus hat sich diese Ehre nicht angemasst. Gott, der zu Ihm gesagt hat: «Du bist mein Sohn», sagt an dieser Stelle: «Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks» (V. 5,6). Gott selbst redet Ihn so an. Das Wesentliche des Priestertums unseres Herrn, dessen Wurzel, Früchte und Zweige hier vor uns gestellt werden, ist die Tatsache, dass Er nicht allein Sohn des Menschen, sondern auch der Sohn Gottes ist.
Es ist kostbar, zu sehen, dass Er sich als Sohn Gottes herabliess, um Mensch zu werden, der Sohn des Menschen. Aber die Grundlage, auf der sein Priestertum ruht, ist das, was Er in seiner wesentlichen Herrlichkeit ist, in seinen Rechten und Titeln. Es gründet sich nicht nur auf dem, was Er geworden ist, sondern auf dem, was Er ist, der Sohn Gottes, eine Herrlichkeit, die weder ein Mensch noch ein Engel besitzt. Der Hohepriester, mit dem das 5. Kapitel beginnt, ist nur ein Nachkomme Adams, wie jeder andere, der Nachsicht zu haben vermag mit den Unwissenden und Irrenden, da er selbst nicht besser ist. Ein solcher war selbst mit Schwachheit umgeben. Es war deshalb natürlich, dass er auf dieser Grundlage mit seinesgleichen mitfühlte. Aber alles das steht in absolutem Gegensatz zu dem Platz, der Würde und der Gnade des Herrn als Priester.
Das Priestertum Christi steht in Verbindung mit den Prüfungen der Seinigen, die in der Welt von Ihm geliebt sind und bis ans Ende geliebt werden. Es ist zur Hilfe solcher, die versucht werden wie Er, wenn sie also um der Gerechtigkeit oder um seines Namens willen leiden und hienieden in irgendeiner Weise geprüft werden, sofern es nicht wegen ihren Sünden ist. Wohl gibt es auch im letztem Fall Erbarmen; und die Gnade und Barmherzigkeit Gottes kommt auch in solchen Bedürfnissen zu Hilfe und beschäftigt sich mit dem, der für seine Sünden leidet. Gott weiss zu gut, dass, wenn es nicht so wäre, dies unsern Untergang herbeiführte. Aber das ist nicht der Gegenstand, den der Heilige Geist hier behandelt. Es ist sehr wichtig, dass wir klar sind in diesem Punkt, denn wir dürfen dem Wort niemals Gewalt antun. Für den Trost der Kinder Gottes mag die Lehre, dass das Priestertum unseres Herrn Jesus Christus sich mit unsern Fehltritten beschäftige und ein Hilfsmittel der Gnade für unsere Verfehlungen sei, passender erscheinen. Aber der Weg des Glaubens besteht darin, die Bibel so zu lesen, wie Gott sie geschrieben hat. Die einzig wirkliche Kraft, sowie der Trost des Heiligen Geistes, wird immer in Verbindung mit Unterwerfung unter sein Wort gefunden.
Wenn der Herr es schenkt, werden wir in einem späteren Aufsatz die Sachwalterschaft des Herrn Jesus behandeln. Dann werden wir die Vorsorge der Gnade sehen, nicht im Blick auf die Schwachheit der Kinder Gottes, noch im Blick auf ihre Leiden von Seiten des Feindes, sondern für ihre Fehltritte, wenn sie leider aus Unachtsamkeit abgelenkt worden und in Sünde gefallen sind. Wir werden erkennen, dass die Gnade unseres Herrn Jesus dieser Schwierigkeit wie jeder anderen begegnen kann. Aber Er kann keine Sympathie und kein Mitleid mit dem Bösen in uns haben.
Als wir nichts anderes als Sünder waren, ging es nicht um die Frage des Mitgefühls und folglich um die Ausübung des Priesterdienstes, sondern um das Leiden für unsere Sünden, wie Er es allein erduldet hat. Das war es, was wir nötig hatten und nicht Mitleid mit unseren Sünden. Kein recht denkender Mensch, kein Heiliger Gottes könnte mit Sünden sympathisieren. Gott begegnete diesem Bedürfnis endgültig, indem Er seinen Sohn sandte, welcher als der Gerechte für uns, die Ungerechten, litt und mit seinem kostbaren Blut die Sünden auslöschte. Also sind wir jetzt eine neue Schöpfung in Christo geworden, gewaschen nicht nur im Blut, sondern auch im Wasser durch das Wort.» «Dieser ist es, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus, der Christus; nicht durch das Wasser allein, sondern durch das Wasser und das Blut» (1.Joh. 5,6). So ist die Sühnung unserer Sünden durch das Blut bewirkt worden, und wir sind gereinigt durch das Wort, das den Wert des Todes Christi auf unsere Herzen anwendet. Wir sind nun in jeder Hinsicht, im vollsten Sinn des Wortes, Heilige und Geliebte. In der Folge haben wir Einen nötig, der uns in allen Prüfungen, Schwierigkeiten, Sorgen und Leiden, die die Seinigen hier um seines Namens willen treffen, zu Hilfe kommt.
Das ist genau der Dienst, den der Herr jetzt für uns tut, indem Er sich mit jedem Gläubigen beschäftigt. Das ist der besonders gesegnete Punkt seines Priestertums, dass es persönlich ist. Er ist nicht Hoherpriester für die Versammlung. Es gibt keine Schriftstelle, die diesen Gedanken rechtfertigen würde. Sein Dienst für den einzelnen Gläubigen wird auch nicht ausgeübt, weil dieser ein Glied am Leib Christi ist, obwohl das wahr ist. Wenn wir uns als solche betrachten, stellen wir fest, dass alles vollkommen ist, denn es ist ein Werk des Heiligen Geistes. Anderseits bin ich aber in dieser Welt den Angriffen des Feindes ausgesetzt; ich durchquere eine schreckliche Wüste, bin ein Wanderer und ein Fremdling. In dieser Situation benötige ich die Gnade des Priestertums Christi.
Der Stab des Hohenpriesters
Als die Kinder Israel durch die Wüste zogen, zeigten sie in demütigender, aber sehr lehrreicher Weise, dass jede Anmassung des Menschen Eitelkeit ist. Weil sie zu einem heiligen Volk gehörten, dachten sie, dass sie keinen von Gott gegebenen Priester benötigten. Die Folge war, dass eine Plage über sie hereinbrach, die Erde ihren Mund öffnete und das Gericht Jehovas alle verschlang, die sich gegen seine Autorität empörten. Unmittelbar danach wurden sie in eindrücklicher Weise über die ausserordentliche Wichtigkeit des Priestertums belehrt. Die Häupter der Vaterhäuser hatten einen Stab für jeden Stamm in das Heiligtum zu bringen. Aaron tat dasselbe für den Stamm Levi. Am nächsten Tag hatte allein der Stab Aarons Sprossen getrieben, Blüten gebracht und Mandeln gereift. Dieser Stab des Hohenpriesters wurde so zum Merkmal des auserwählten Priestertums. Ohne Autorität ging es nicht und kein Heiliger konnte es anders wünschen. Gott und nicht der Mensch sollte herrschen.
Aber es war nicht die richterliche Autorität des Stabes Moses. Es war nicht ein Stab, der durch das gegenüber der Gottlosigkeit ausgeübte Gericht gekennzeichnet war. Das wäre der wohlbekannte Stab Moses gewesen, der über ein Volk, wie es die Israeliten waren, nur Vernichtung hätte bringen müssen, denn wie oft hatten sie versagt!
Doch dafür finden wir die wunderbare Hilfsquelle Gottes: den Stab der priesterlichen Gnade, den Stab lebendiger Kraft. Er redete von einem Leben jenseits des Todes, das in der Kraft der Auferstehung Frucht bringt. Durch dieses Zeichen zeigte Jehova, dass dieses Volk nicht durch eine Machttat, wie bei der Befreiung aus Ägypten, durch die Wüste geführt werden konnte. Das würde weder für Ihn noch für sie genügen. Sie wurden wohl mit mächtiger Hand in die Wüste gebracht. Aber was konnte sie durch die Wüste bringen? Nur die Gnade des Priestertums vermochte dies zu tun, vorgebildet in der Kraft des unauflöslichen Lebens, die in der Auferstehung aus dem Tode Frucht hervorbringt. Das Symbol dieser Gnade lag fortan, d.h. während der Wüsten reise, im Allerheiligsten verwahrt. Es war der Stab Aarons, der gesprosst hatte.
Nun sehen wir diese Gnade im Herrn Jesus offenbart, bezeugt in der ganzen Genauigkeit und Fülle der inspirierten Belehrung: «Daher vermag er auch völlig zu erretten, die durch ihn Gott nahen» (Hebr. 7,25). Er rettet sie vollkommen. Der Sohn Gottes kann als Priester niemals versagen, sowenig wie als Retter oder in irgendetwas anderem. Es geht hier nicht um die Erlösung von Sklaven, sondern um die Errettung der Heiligen Gottes, um sie sicher in die Herrlichkeit zu bringen, trotz einer gegnerischen Macht, die dem Vorsatz Gottes mit ihnen entgegen ist, und trotz all der Folgen ihrer Schwachheiten hienieden. Er lebt immerdar, um sich für sie zu verwenden. Aber sie sind mit Einem verbunden, der «heilig, unschuldig, unbefleckt» ist. Er wird Sünde niemals dulden, am wenigsten als Priester. Es geht nicht um eine Gruppe von Sündern, die einen Priester haben, der trotz ihrer Sünden für sie besorgt ist. Das ist nicht die Lehre vom Priestertum Christi. Die Gegenstände seiner Fürsorge sind Heilige, denn Gott ist es, der «uns wiedergezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten» . Sie sind folglich nicht nur aus Gott geboren, sondern leiden auch hienieden, während der Herr Jesus droben in der Herrlichkeit ist, wo Er als Priester immerdar lebt, um sich für sie zu verwenden.
Zweifellos können sie trotz dieser grossen Barmherzigkeit und diesen Vorrechten aus Unachtsamkeit sündigen. Es bleibt uns also noch, anhand der Schrift zu zeigen, dass sie in diesem Fall nicht losgelassen werden, um in der Torheit des bösen Weges, auf den sie sich haben ziehen lassen, umzukommen. Wir werden sehen, wie Gott dem allem begegnet. Es geschieht in einer etwas anderen Weise, aber durch den gleichen Christus; denn Er allein ist geschickt, dieser Not in seiner wunderbaren Gnade zu begegnen. Wir hoffen, dass das Studium der verschiedenen Schriftstellen dem Leser geholfen hat, das Thema des Hohenpriestertums Christi für den Gläubigen besser zu verstehen.