Hebr. 9,1-5: Der goldene Räucheraltar im Hebräerbrief
Halte fest Jahrgang 1992 - Seite: 18 - Verfasser: R. Liebi
In Hebräer 9,1-5 wird der Aufbau der Stiftshütte mit ihren Geräten in aller Kürze beschrieben.
Das griechische Wort «thymiaterion» in Vers 4 stellt den Bibelübersetzer vor Schwierigkeiten. Es kann sowohl «Räucherfass» (= «Pfanne» in 3.Mose 16,12; gemäss dem Babylonischen Talmud war diese Pfanne aus Gold) als auch «Räucheraltar» (2.Mose 30,1) bedeuten. Wie soll es hier übersetzt werden?
Angesichts der Tatsache, dass wir in den erwähnten Versen eine Beschreibung der Stiftshütte und ihrer Geräte vor uns haben, wäre es unbegreiflich, weshalb ausgerechnet der Räucheraltar ungenannt bleiben sollte. Aufgrund dieser Überlegung ist es naheliegend, in Hebräer 9,4 «thymiaterion» durch «Räucheraltar» wiederzugeben.
Nun stellt sich ein neues Problem: Es heisst in unserem Text, dass das Allerheiligste einen goldenen Räucheraltar hatte. Im Allerheiligsten stand aber gemäss der Beschreibung der Stiftshütte im 2. Buch Mose nur die Bundeslade. Der Räucheraltar befand sich im Heiligen, vor dem Scheidevorhang (2.Mose 30,6). Er konnte ja gar nicht im Allerheiligsten stehen, weil täglich auf ihm geräuchert werden sollte (2.Mose 30,7.8). Der Zutritt zum Allerheiligsten war aber auf einen Tag im Jahr beschränkt (Hebr. 9,6.7).
Wir sehen, dass der Bibelleser manchmal mit schwierigen Fragen konfrontiert werden kann. Doch wir sollten in solchen Fällen nie dem Zweifel an Gottes Wort Raum geben, sondern vielmehr unsere begrenzte Erkenntnis anerkennen. Die Heilige Schrift ist unerschöpflich, und Gott kennt auf alle Fragen die richtige Antwort! Das vermag uns zu beruhigen.
Schwierigkeiten in der Bibel lösen sich auf verschiedenste Weisen auf. Oft geschieht es durch genaues Lesen. So auch hier: In Hebräer 9,3 lesen wir nicht, dass der Räucheraltar im Allerheiligsten stand oder war (V. 2 und 4). Es heisst lediglich, dass das Allerheiligste einen Räucheraltar hatte. Mit anderen Worten: Der Räucheraltar gehörte seiner Bedeutung nach zum Allerheiligsten. Dies stimmt mit 1.Könige 6,22 überein, wo über den Räucheraltar im Tempel Salomos berichtet wird:
«Und das ganze Haus überzog er mit Gold, das ganze Haus vollständig; auch den ganzen Altar, der zum Sprachort (= Allerheiligstes) gehörte, überzog er mit Gold.» Dieser Räucheraltar stand im Heiligen, aber er gehörte seiner Bedeutung nach zum Allerheiligsten.
Aus praktischen Gründen konnte der Räucheraltar im Gegensatz zur Bundeslade, die auch zum Allerheiligsten gehörte, nicht dort stehen. Der zwischen Gott und Menschen trennende Scheidevorhang erlaubte dies nicht. Somit war die Situation im Haus Gottes während der Zeit des Alten Bundes nicht normal. Der Standort des goldenen Altars konnte nicht dort sein, wo er seiner Bedeutung nach hingehörte. Ja, der Zustand der Trennung zwischen Gott und Mensch ist kein normaler Zustand. Das sollte jedem bewusst werden, der noch nicht Frieden mit Gott hat und trotzdem lebt, als wäre alles in bester Ordnung!
Glücklicherweise ist der Herr Jesus gekommen und hat durch sein Erlösungswerk am Kreuz diese Trennung für alle Bussfertigen beseitigt. Er hat den Weg «durch den Vorhang hindurch» geöffnet (Hebr. 10,19-22). Gemäss Matthäus 27,51 zerriss der Vorhang im Tempel zu Jerusalem im Augenblick seines Todes von oben nach unten (das war Gottes Hand!). Dadurch wurde die Situation normalisiert. Von da an war der Räucheraltar nicht mehr abgetrennt vom Bereich, zu dem er gehörte. Christus hat die Situation in jeder Beziehung zurecht gebracht. Deshalb wird die Zeit seines Kommens in Hebräer 9,10 «die Zeit der Zurechtbringung» genannt.
Erfreust du dich einer normalen Beziehung mit dem lebendigen Gott?