Halte Fest
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Joh. 13,1-38: Die letzten Worte des Herrn

Halte fest Jahrgang 1982 - Seite: 70 - Verfasser: H. S.

Die vollständige Auslegung der Kapitel 13 - 17 des Johannesevangeliums ist als Buch unter dem Titel «Die letzten Worte des Herrn Jesus» im Beröa-Verlag, Zürich, erschienen.

Einleitung

Der erste Vers des Kapitels leitet die letzten Reden unseres Herrn ein. Er führt uns den Anlass vor Augen, der diese Abschiedsworte hervorrief, die Nöte der Seinen, die sie erforderlich machten, und den Beweggrund, der den Herrn dazu trieb, die Worte zu äussern.

Der Anlass war der, dass «seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt zu dem Vater hingehen sollte». Im Lauf des Erdenlebens unseres Herrn haben wir von anderen «Stunden» gehört. In Kana in Galiläa konnte Er zu seiner Mutter sagen: «Meine Stunde ist noch nicht gekommen» - die Stunde der Offenbarung seiner Herrlichkeit vor der Welt (Kap. 2,4). In Kapitel 5,25 lesen wir, «dass die Stunde kommt und jetzt ist, da die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie gehört haben, werden leben» - die Stunde seiner Gnade für Sünder. In Gegenwart der Feindschaft des Menschen lesen wir zweimal: «Niemand legte die Hand an ihn, weil seine Stunde noch nicht gekommen war» - die Stunde seines Leidens (Kap. 7,30; 8,20). Diese Stunde die Stunde, die durch seine Abschiedsworte eingeleitet wurde - hat einen anderen Charakter. Es ist nicht die Stunde seiner Gnade gegenüber Sündern, und auch nicht die Stunde seines Leidens für die Sünder. Es ist auch nicht die Stunde seiner Offenbarung in Herrlichkeit vor der Welt; es ist vielmehr die Stunde seiner Rückkehr in seine Herrlichkeit bei dem Vater, in die Liebe und Heiligkeit des Vaterhauses.

Die Jünger aber würden in einer unreinen Welt, die den Vater hasste und Christus ablehnte, zurückbleiben. Wenn sie dann vor dem Bösen in der Welt, durch die sie zu gehen haben, bewahrt werden müssen und doch die Gemeinschaft mit Christus im Haus des Vaters, mit seiner Atmosphäre der Liebe und Heiligkeit, geniessen sollen, werden sie diesen letzten Dienst der Gnade mit seinem Trost, seiner Belehrung und seinen Warnungen benötigen.

Darüber hinaus erfahren wir den Beweggrund, der den Herrn zu diesem letzten Dienst der Gnade trieb, als Er diese Abschiedsworte äusserte und das abschliessende Gebet sprach. Wenn der Anlass dazu sein Hingehen zum Vater war, dann war die Triebfeder seine Liebe zu den Seinen. Er verlässt diese Welt, aber jene, die der Herr mit Freuden «die Seinen» nennt, bleiben in dieser Welt zurück. Sie sind eine Schar von Glaubenden auf Erden, die Christus im Himmel angehören. Sie sind «die Seinen», als die Frucht seines eigenen Werkes; sie sind die Seinen als die Gabe des Vaters. Sie mögen von geringer Bedeutung sein in den Augen der Welt, doch sie sind sehr kostbar in den Augen des Herrn. «Da er die Seinigen ... geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende.» Wohl mag Er sie verlassen, aber Er wird nicht aufhören, sie zu lieben. Menschenliebe hört oft aut. Wir verlassen einander, wir vergessen einander, wir verlieren das Interesse aneinander. Der Prophet redet davon, dass eine Frau sogar ihr Kind vergessen mag; doch Jehova sagt: «Ich werde deiner nicht vergessen» (Jes. 49,15). Wenn der Herr auch die Welt verlässt, wird Er doch die Seinen nicht vergessen, noch wird Er aufhören, sie zu lieben. Leider können unsere Herzen Ihm gegenüber erkalten, unsere Hände im Gutestun müde werden, unsere Füsse abgleiten; doch dessen dürfen wir gewiss sein, dass Er uns niemals vernachlässigen wird. Seine Liebe wird uns «bis zum Ende» tragen und umsorgen; und am Ende nimmt uns die Liebe in ihre ewige Heimat auf, wo es keine kalten Herzen, keine schlaffen Hände und keine abirrenden Füsse mehr gibt.

Wenn wir uns so mit den abschliessenden Szenen des Erdenweges unseres Herrn mit seinen Jüngern beschäftigen, sein letztes Tun sehen, auf seine letzten Worte lauschen und sein letztes Gebet hören, werden wir an den Anlass erinnert, der diesen abschliessenden Dienst anregte, an die Notwendigkeit, die ihn erforderte und an die Liebe, mit der er getan wurde.

Ehe wir auf die Einzelheiten dieser letzten Gespräche eingehen, mögen ein paar hinweisende Gedanken zum allgemeinen Charakter dieser Wahrheiten und zu der Reihenfolge, in der sie entfaltet wurden, hilfreich sein. Man wird bemerken, dass die Jünger in Kapitel 13 in die richtige Beziehung zueinander gebracht werden. Sie sollen einander die Füsse waschen und einander lieben. In Kapitel 14 finden wir ihre richtige Beziehung zu den göttlichen Personen - zum Sohn, zum Vater und zum Heiligen Geist. In Kapitel 15 werden sie in die richtige Beziehung zu dem christlichen Bekenntnis gesetzt, damit sie Frucht bringen für den Vater und Zeugnis ablegen für Christus in der Welt, die Er verlassen hat. In Kapitel 16 werden sie über Dinge unterrichtet, die ihnen bevorstehen, im Blick auf ihren Weg durch eine feindselige Welt, von der sie gehasst, missverstanden und verfolgt werden.

So sehen wir, dass in Kapitel 13 die Füsse der Jünger gewaschen werden; in Kapitel 14 werden ihre Herzen getröstet; in Kapitel 15 werden ihnen die Lippen zum Zeugnis geöffnet; und in Kapitel 16 wird ihr Verstand belehrt, damit sie sich nicht von irgendwelchen Verfolgungen, die ihnen etwa begegnen, entmutigen lassen.

Ferner kann man feststellen, dass die Belehrungen einen fortschreitenden Charakter tragen. Die Wahrheit des einen Kapitels ist die Vorbereitung für die neue Offenbarung in dem folgenden Kapitel. Der Dienst von Kapitel 13 bereitet die Jünger auf die Gemeinschaft mit den Personen der Gottheit vor, wie sie in Kapitel 14 vorgestellt wird. Die Gemeinschaft mit Gott in ihrer eigenen, der inneren Sphäre, bereitet die Jünger darauf vor, Frucht zu bringen und Zeugen zu sein in der Welt - nach aussen hin - wie es in Kapitel 15 gezeigt wird. Darüber hinaus führen Frucht und Zeugnis von Kapitel 15 zur Verfolgung, auf die der Herr die Jünger mit der Wahrheit von Kapitel 16 vorbereitet. Doch es genügt nicht, dass diese grossen Wahrheiten den Jüngern entfaltet werden, um sie in dieser Welt als Repräsentanten Christi zu erhalten; dazu ist auch das Gebet nötig. So werden die Worte an die Jünger mit dem Gebet des Herrn zum Vater abgeschlossen, das in Kapitel 17 festgehalten ist.

Die Fusswaschung (Johannes 13,2-17)

Der Herr kann nun nicht mehr der Gefährte seiner Jünger auf ihrer Pilgerreise auf Erden sein; doch will Er nicht aufhören, ihr Diener an seinem neuen Ort im Himmel zu sein. So haben wir in der nun folgenden Szene (Verse 2-17) einen Akt der Gnade vor uns, der, während der Liebesdienst des Herrn für die Seinen auf Erden zum Abschluss kommt, einen Vorgeschmack von dem Dienst gibt, den Er für die Seinen tun wird, wenn Er seinen neuen Platz in der Herrlichkeit einnimmt. Wenn Er nicht mehr länger persönlich mit uns sein kann auf dem Pfad der Niedrigkeit, will Er es möglich machen, dass wir mit Ihm teilhaben können an seinem Platz in der Herrlichkeit. Das, so glauben wir, ist die Bedeutung der gnädigen Handlung der Fusswaschung. Während seines ganzen vollkommenen Lebens war die Gesinnung Christi Jesu stets, sich selbst in liebevollem Dienst für andere zu vergessen. Und in dieser letzten Tat vergisst der Herr, obwohl Er sich des dunklen Schattens des Kreuzes bewusst ist, immer noch sich selbst, um den Seinen zu dienen.

Die Verse 2 und 3 leiten diesen demütigen Dienst ein, indem einerseits seine tiefe Notwendigkeit gezeigt wird, und andererseits die vollkommene Fähigkeit des Herrn für diesen Dienst.

Die Notwendigkeit der Fusswaschung offenbart sich darin, dass die Jünger in einer Welt zurückbleiben werden, in der sich der Teufel und das Fleisch zu tödlicher Feindschaft gegen Christus verbinden. Der Hinweis auf den Verrat des Judas in dieser einleitenden Szene, und auf die Verleugnung des Petrus etwas später, zeigt klar, dass das Fleisch im Sünder wie im Gläubigen ein Mittel ist, dessen sich der Teufel bedient. Die ungerichtete Wirksamkeit des Fleisches hatte das Herz des Judas für die Einflüsterungen des Teufels geöffnet. Den Freund zu verraten, und dann noch mit einem Zeichen der Liebe, ist selbst dem natürlichen Menschen zuwider; aber das übermächtige Verlangen, Begierden zu befriedigen, macht das Herz für eine Einflüsterung, die widernatürlich ist und nur vom Teufel kommen kann, empfänglich.

Angesichts dieser beängstigenden Entfaltung der Macht des Fleisches und des Teufels kann die Aussicht, in einer solch bösen Welt zurückgelassen zu werden, das Herz der Jünger wohl erschrecken. Sogleich aber werden unsere Herzen dadurch getröstet, dass wir von Fleisch und Teufel weg auf Christus und den Vater hingewiesen werden, um zu erfahren, dass «der Vater alles in die Hände» des Sohnes gegeben hat. Der Teufel, der uns hasst, hat grosse Macht in Händen; aber «alle Macht» liegt in den Händen Christi, der uns liebt. Und nicht nur ist Christus «alle Macht» gegeben worden, Er ist auch an den Ort der Macht gelangt Er kam von Gott und ging nun zu Gott.

Obwohl Er mit seinem vollkommenen Empfindungsvermögen den Verrat eines falschen und die kommende Verleugnung eines treuen Jüngers fühlte, ging Er dennoch seinen Weg, in dem ruhigen Bewusstsein, dass Er alle Macht in seinen Händen hielt, und dass Er dem Thron der Macht entgegenging. Gleicherweise möchte Er, dass wir in dem Bewusstsein durch eine Welt des Bösen gehen, dass Er alle Macht besitzt und in der Lage ist,. sie auszuüben. Ferner steht der Herr nicht nur in einer Machtposition, in der Er alles vermag, Er lässt uns in der folgenden Begebenheit auch wissen, dass es Ihm eine Freude ist, diese Macht für uns zu gebrauchen. Der Eine, der alle Macht in seinen Händen hat, ist auch der Eine, der alle Liebe in seinem Herzen trägt. So geschieht es, dass dieser Allmächtige sich von seinem Herzen voll Liebe bewegen lässt, die beschmutzten Füsse seiner wegemüden Jünger in eben diese mächtigen Hände zu nehmen. Er, der Herr über alles ist, wird aller Diener.

Verse 4,5. Um diesen Dienst der Gnade zu tun, «steht Er von dem Abendessen auf». Er steht vom Passahmahl auf, das von seiner Vereinigung mit uns in der Herrlichkeit des Reiches spricht (Lukas 22,15.16), um das zu tun, was zu unserer Gemeinschaft mit Ihm in der himmlischen Herrlichkeit führt. In der Vollkommenheit seiner Gnade gürtet Er sich für diesen letzten Dienst, giesst Wasser in ein Waschbecken, fängt an, die Füsse der Jünger zu waschen und sie mit dem leinenen Tuch, mit dem Er umgürtet war, abzutrocknen.

Verse 6,7. «Er kommt nun zu Simon Petrus.» Wenn die andern den Dienst des Herrn in staunendem Schweigen annehmen, spricht Petrus, getrieben von seinem ungestümen Charakter, alle seine Gedanken aus. Dreimal redet er, und jedes Mal offenbart sich seine völlige Unkenntnis bezüglich der Gedanken seines Herrn. Seine erste Äusserung missbilligt den niedrigen Dienst des Herrn; seine zweite Äusserung lehnt diesen völlig ab; mit seiner letzten Äusserung unterwirft er sich in impulsiver Art diesem Dienst, aber in einer Weise, die ihn all seiner tiefen Bedeutung berauben würde. Doch, wie jemand gesagt hat: «Wenn wir schon durch die Fehler der Jünger gewarnt werden, so belehren uns noch viel mehr die Antworten, mit denen sie berichtigt werden.» Aus der Antwort des Herrn erkennen wir die tiefe geistliche Bedeutung dieser letzten Handlung seines Dienstes.

Für Petrus war es unbegreiflich, dass der Herr der Herrlichkeit sich bücken sollte, um diese widerspenstigen Füsse zu waschen. Daher ist seine erste Äusserung ein mit Staunen vermischter Protest: «Herr, du wäschst meine Füsse?» Der Herr antwortet: «Was ich tue, weisst du jetzt nicht, du wirst es aber hernach verstehen.» Damit erfahren wir, dass es im Augenblick den Jüngern nicht möglich war, die geistliche Bedeutung der Handlung des Herrn zu erkennen. Danach, wenn der Geist gekommen ist, wird alles klar werden. Das zeigt uns deutlich, dass dieser Dienst nicht getan wurde, wie oft gesagt wird, um durch eine Tat tiefster Demut von Seiten des Herrn eine Lektion in Demut zu erteilen. Dann hätte Petrus nicht auf einen späteren Tag zu warten brauchen, um die Demut dieser Handlung zu erkennen. Gerade seine Worte zeigen, dass ihm damals vor allem die Demütigung unseres Herrn bewusst war.

Vers 8. Trotz der Antwort des Herrn, die ihn hätte mahnen sollen zu schweigen, bis das «Hernach» alles erhellen würde, sagt er nun kühn: «Du sollst nimmermehr meine Füsse waschen!» Der Herr übergeht in seiner geduldigen Güte die Kränkung und korrigiert die impulsive Art des Petrus mit den Worten: «Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil mit mir,» So kurz die Antwort auch ist, sehen wir doch jetzt, nachdem der Geist gegeben worden ist, dass sie die geistliche Bedeutung der Fusswaschung vorstellt. Wir erfahren, dass sie den gegenwärtigen Dienst des Herrn versinnbildlicht, durch den Er alles aus unserem Geist und Leben entfernt, das unser Teilhaben mit Ihm verhindern würde.

Beachten wir, dass der Herr nicht sagt: teilhaben an mir. Der Dienst der Fusswaschung ist wahrhaft kostbar, und doch könnte er niemals das «Teilhaben an Christus» sicherstellen. Dafür war ein grösseres, das Werk des Kreuzes erforderlich, das, einmal vollbracht, nie mehr wiederholt werden kann. Durch dieses grosse Werk ist das Teilhaben an Christus für jeden Glaubenden auf ewig gesichert worden. Die Fusswaschung auf Erden ist die symbolische Darstellung eines Dienstes, der im Himmel fortgesetzt wird - eines Dienstes, der die Glaubenden auf Erden befähigt, mit Christus im Himmel Gemeinschaft zu haben. Denn bedeuten die Worte des Herrn: «Teil mit mir» nicht Gemeinschaft mit Ihm in jenem Bereich heiliger Zuneigung im Haus des Vaters? Hier unten besteht zunächst die gesegnete Tatsache, dass der Herr uns naht und Gemeinschaft mit uns hat in unseren Häusern, wie damals, als Er in jenes Haus in Emmaus eintrat. Doch «Teil mit Ihm» birgt den noch gesegneteren Gedanken in sich, dass wir mit Ihm Gemeinschaft haben können in seinem Haus, wie es bei den Emmaus-Jüngern der Fall war, als sie noch am gleichen Abend den Herrn inmitten seiner in Jerusalem versammelten Heiligen fanden. Und stellen nicht auch die Worte des Herrn an die Laodizäer diese doppelte Wahrheit heraus, wenn Er sagt: «Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir» (Offb. 3,20)?

Ausserdem scheint es, dass die Fusswaschung streng genommen kein Symbol für den Dienst unseres Herrn als Sachwalter ist, noch seiner hohenpriesterlichen Gnade, obwohl sie vom Wesen beider etwas an sich hat. [Bei der Waschung der Füsse, die beschmutzt sind, mögen mancherlei Dinge vorliegen, die die Gemeinschaft der Seele mit dem Herrn unmöglich machen oder hindern. Sie erfordern verschiedenerlei Priesterdienste des Herrn, vielleicht auch den Dienst des Sachwalters (Red.).] Beim Priesterdienst des Herrn geht es um unsere Schwachheiten; die Sachwalterschaft unseres Herrn beschäftigt sich mit wirklichen Sünden. Die Fusswaschung nimmt die Mattigkeit der Seele und das Erkalten der Zuneigung weg, die sich im Lauf des Alltagslebens einstellen können, und wodurch die Gemeinschaft mit Christus dort, wo Er ist, wirksam gehindert wird.

Müdigkeit und körperliche Schwäche mögen uns daran hindern, hier ein Zeuge für Christus zu sein: dann wird die priesterliche Gnade Christi tätig, um uns in unserer Schwachheit zu stützen. Ach! wir mögen sogar fallen und sündigen und nicht mehr fähig sein, für Christus zu zeugen; dann stellt der Sachwalter unsere Seele wieder her. Wenn jedoch die Zuneigungen erkaltet sind, obwohl nichts vorliegen mag, das unser Gewissen beunruhigt, besteht doch ein schwerwiegendes Hindernis für die Gemeinschaft mit Christus, und dann kommt der Dienst der Fusswaschung in Tätigkeit, um dieses Hindernis zu beseitigen. Es besteht darüber hinaus der weitere Unterschied zwischen Sachwalterschaft und Fusswaschung, dass die Fürsprache unsere Seele dort heilt, wo wir stehen, während die Fusswaschung unseren Geist zur Gemeinschaft mit Christus wiederherstellt, an dem Ort, wo Er ist.

In den Tagen der Wüstenwanderung Israels hatten die Priester die Pflicht, sich die Füsse zu waschen, ehe sie die Stiftshütte betraten. Sie mochten passend gewesen sein für das Volk, das Lager und die Wüste; aber um passend zu werden für die Gegenwart des Herrn, war die Fusswaschung unbedingt erforderlich. Darum stand auch das Waschbecken vor dem Eingang der Stiftshütte (2.Mose 30,17-21; 40,30-32).

Verse 9-11. Welcher Art ist also der Dienst, der durch die Fusswaschung symbolisiert wird? Die Antwort auf die erste Bemerkung des Petrus zeigt, dass sie eine geistliche Bedeutung hat; die Antwort auf sein zweites Wort sagt uns, welches Ziel sie im Auge hat, die Antwort auf seine letzte Bemerkung will das Wesen oder die Art des Dienstes klarer aufzeigen.

Nachdem Petrus eine flüchtige Ahnung davon bekommen hat, wie gesegnet die Fusswaschung ist, kommt er jetzt auf seine entschiedene Erklärung, dass ihm der Herr niemals die Füsse waschen soll, zurück. Bewegt von seiner wirklichen Liebe zum Herrn und mit seiner typisch impulsiven Art, sagt er: «Herr, nicht meine Füsse allein, sondern auch die Hände und das Haupt.» Wie viel Unkenntnis seine Bemerkung auch verraten mag, sie drückt sicherlich eine Liebe aus, die das Teil mit Christus wertschätzt.

Der Herr antwortet: «Wer gebadet ist, hat nicht nötig sich zu waschen, ausgenommen die Füsse, sondern ist ganz rein.» In der Bibel wird Wasser oft als Bild für die reinigende Wirkung des Wortes Gottes gebraucht. Bei der Bekehrung wird das Wort durch die Kraft des Geistes angewandt. Dies bewirkt eine gründliche Wandlung; eine neue Natur wird mitgeteilt, die die Gedanken, Worte und Taten des Gläubigen völlig verändert - eine Veränderung, die durch die Worte des Herrn mit «gebadet» (Fussnote: ganz gewaschen) gekennzeichnet ist. Es kann keine Wiederholung dieser grossen Veränderung geben, doch können die, welche gebadet sind, manchmal geistlich träge werden. Wie die Füsse des Wanderers vom Staub der Strasse schmutzig und müde werden, so kann auch der Glaubende durch die Berührung mit dem Alltagsbetrieb, den häuslichen Pflichten und den Belastungen des Geschäftlebens, sowie durch den beständigen Kampf mit dem Bösen im Geist oft ermüden und dadurch gehindert sein, Gemeinschaft mit Christus in seinen Belangen zu haben. Nicht, dass er etwas getan hätte, wodurch das Gewissen belastet wurde, was zu bekennen wäre und des Sachwalters bedürfte, sondern sein Geist ist müde und muss erfrischt werden, und Christus freut sich, solche Erfrischung zu geben, wenn wir nur unsere Füsse seinen Händen überlassen. Wenden wir uns zu Ihm, wird Er unsere Seele erquicken, indem Er sich selbst uns durch das Wort in all seinen Vollkommenheiten vorstellt.

So erkennen wir durch die liebevollen Antworten des Herrn an Petrus den geistlichen Charakter dieses Dienstes, das Ziel, das er erreichen will, und die Art, wie er erfüllt wird.

Leider war einer anwesend, für den dies keine Bedeutung hatte; denn der Herr muss sagen: «Ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er kannte den, der ihn überlieferte; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.» Der Verräter war niemals «ganz gewaschen» worden. Er war nicht wiedergeboren, und daher spürte er auch nicht das Bedürfnis, noch kannte er die Wohltat des gnädigen Dienstes des Herrn.

Verse 12-17. Nachdem der Herr diesen Dienst getan und seinen Platz am Tisch wieder eingenommen hat, gibt Er uns noch weitere Belehrungen über die Fusswaschung. Während es im Wesentlichen sein eigener Dienst ist, führt Er ihn doch oft durch die Vermittlung anderer aus. So wird uns die Pflicht auferlegt und das Vorrecht gewährt, einander die Füsse zu waschen. Ein gesegneter Dienst, der ausgeführt wird, nicht indem wir einander zu korrigieren suchen, (so nötig das zuzeiten auch sein mag), und noch weniger, indem wir beim andern Fehler finden, sondern, indem wir einander Christus vor die Herzen bringen, denn nur Christus vermag eine müde Seele zu erquicken. Jahre nach der Szene im Obersaal sagt uns der Apostel Paulus, dass es zu den Voraussetzungen einer frommen Witwe gehört, dass sie die Füsse der Heiligen gewaschen hat (1.Tim. 5,10). Damit ist gewiss nicht gesagt, dass sie nur das Böse tadelte oder Fehler korrigierte, sondern dass sie den müden Geist der Heiligen aufrichtete, indem sie von Christus her kam, mit einem Dienst von Ihm.

Wusch nicht Onesiphorus die Füsse des Apostels Paulus? Denn von ihm kann der Apostel schreiben: «Er hat mich oft erquickt und sich meiner Kette nicht geschämt» (2.Tim. 1,16). Kam nicht auch Philemon dieser Verpflichtung gegen seine Brüder nach? Denn zu ihm kann Paulus sagen: «Die Herzen der Heiligen sind durch dich, Bruder, erquickt worden» (Philem. 7). Tat nicht der Herr selbst diesen gesegneten Dienst an seinem müde gewordenen Diener Paulus, als Er in der Nacht zu ihm sagte: «Fürchte dich nicht … ich bin mit dir» (Apg. 18,9.10)?

Doch die Fusswaschung erquickt nicht nur die müde Seele, sie erfreut auch das Herz dessen, der diesen Dienst tut, denn der Herr kann sagen: «Wenn ihr dies wisset, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut.»

Der Verräter entfernt sich (Johannes 13,18-30)

Um geistliche Mitteilungen empfangen zu können, ist immer ein geistlicher Zustand nötig. So war die Fusswaschung die notwendige Vorbereitung für jene, die im Begriff standen, die letzten Worte des Herrn zu hören, die so reich an göttlicher Wahrheit und geistlichem Trost waren. Doch da war einer anwesend, der niemals ganz gewaschen worden war, an dem die Fusswaschung wirkungslos, und für den die Unterweisung des Herrn Jesus ohne Bedeutung bleiben musste. Die Anwesenheit des Judas, der den kommenden Verrat im Herzen erwog, warf einen dunklen Schatten auf die kleine Gesellschaft. Ehe die letzten Anweisungen vom Herrn mitgeteilt und von den Jüngern aufgenommen werden können, muss Judas vom Obergemach in die Nacht hinausgehen.

Verse 18-20. Die Art und Weise seiner Entfernung zeigt die zarte Fürsorge des Herrn für die Seinen. Der Betrug des Judas, der dem Herrn längst bekannt ist, wird seinen Jüngern sehr behutsam enthüllt. Im Verlauf der Fusswaschung hatte der Herr Andeutungen auf Judas hin gemacht, die offenbar von den Elfen nicht bemerkt worden waren. Jetzt spricht Er deutlicher: «Ich rede nicht von euch allen, ich weiss, welche ich auserwählt habe.» Es gab einen inneren Kreis erwählter Gefährten des Herrn, denen Er nun die Geheimnisse seines Herzens enthüllen wollte. Aber da war einer anwesend, der keinen Platz in diesem auserwählten Kreis hatte; einer, von dem die Schrift gesagt hatte: «Der mit mir das Brot isst, hat seine Ferse wider mich aufgehoben.»

Diese Enthüllung mochte wohl ein Schock für die Jünger sein und eine Prüfung für ihren Glauben. Der logisch argumentierende Unglaube hätte sagen können: «Wir wussten nichts von der Anwesenheit des Verräters, aber wenn Jesus nichts davon wusste, kann Er dann der Herr der Herrlichkeit sein?» Der Herr verhindert solch mögliche Erwägungen und stützt ihren Glauben, indem Er den kommenden Verrat im Voraus aufdeckt. Er sagt: «Von jetzt an sage ich es euch, ehe es geschieht, auf dass ihr, wenn es geschieht, glaubet, dass ich es bin.» Sie sollen durch den Verrat des Judas einen neuen Beweis bekommen, dass Jesus Christus wirklich der grosse ICH BIN ist, der alles weiss, und dem die Zukunft gegenwärtig ist.

Einerseits dürfen die Anwesenheit und das Handeln des Verräters keinen Makel auf die Herrlichkeit des Herrn werfen; andererseits würde das völlige Versagen des einen, der zu den Zwölfen gezählt wurde, den Auftrag der verbleibenden Elf nicht ungültig machen. Dieser Auftrag sollte in all seiner Kraft bestehen bleiben, und so kann der Herr sagen:

«Wer aufnimmt, wen irgend ich senden werde, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.» Angesichts der schrecklichen Sünde des Judas bleibt die Herrlichkeit des Herrn unverdunkelt und der Auftrag der Elf unberührt.

Verse 21,22. Doch gehört mehr dazu, um den Jüngern die schreckliche Wirklichkeit dieser Enthüllung klar zu machen und Judas aus ihrer Mitte zu entfernen. Der Herr will ihnen offen sagen, um welche Sünde es geht, und schliesslich den Mann offenbaren, der sie begehen wird. Diese weiteren Enthüllungen bewegten den Geist des Herrn zutiefst. «Er ward im Geiste erschüttert und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird MICH überliefern!» So erfahren die Jünger in unmissverständlichen Worten, dass einer aus ihrer Schar im Begriff steht, den Herrn zu verraten. Sie müssen der schrecklichen Tatsache gegenüberstehen, dass gerade die Gelegenheit, die eine feindliche Welt suchte - und aus Furcht vor dem Volk nicht finden konnte - aus ihrer Mitte heraus entstehen würde in der Person eines Mannes, der weder Gott noch das Volk fürchtete. Es war einer, der als ein Jünger des Herrn angesehen worden, der sein täglicher Gefährte gewesen war, alle seine machtvollen Taten gesehen und unberührt seine Worte der Gnade und Liebe gehört hatte.

Eine solche Enthüllung erschütterte den Geist des Herrn und warf unter den Jüngern besorgte Fragen auf, wobei sie einander anblickten, zweifelnd, von wem Er rede.

Vers 23. Diese ernste Frage wird nicht dadurch gelöst, dass einer den andern anschaut. Der Verräter ist anwesend. Obwohl er weiss, dass er vom Herrn entdeckt ist, gibt er kein Zeichen, das ihn vor den andern blossstellen könnte. Sie müssen sich an den Herrn wenden, um von der schrecklichen Spannung befreit zu werden. Der Jünger, der den Herrn danach fragt, muss einer sein, der Ihm sehr nahe ist. Dieser Ihm am nächsten Stehende kann sich selbst beschreiben als «einer von seinen Jüngern, den Jesus liebte». Johannes ist sich der Liebe des Herrn zu ihm bewusst, vertraut auf diese Liebe, und liegt im Schosse Jesu. Der Mann, dessen Füsse noch vor kurzem in Jesu Hände lagen, lehnt nun mit dem Kopf an Jesu Brust. Können wir nicht sagen, dass diese Stellung inniger Gemeinschaft die richtige Folge der Fusswaschung ist? Der Kopf ruht am Herzen der Liebe, nachdem die Hände der Liebe die Füsse gewaschen haben.

Verse 24,25. Simon Petrus, der warmherzige Jünger, der so oft und auf so verschiedene Weise zu sagen schien: «Ich bin der Jünger, der den Herrn liebt», war kaum nahe genug, um den Herrn zu fragen. So winkt er Johannes, damit er forsche, «wer es wohl wäre». Ganz schlicht fragt Johannes:

«Herr, wer ist es?»

Vers 26. Sogleich antwortet der Herr: «Jener ist es, welchem ich den Bissen, wenn ich ihn eingetaucht habe, geben werde.» Es heisst «den Bissen», womit eine bestimmte Sitte gemeint ist, wonach ein Ehrengast das besonders zubereitete Stück des Festes bekam. Seinen Worten folgend, gibt der Herr den Bissen Judas Iskariot, und damit wird nicht nur der Verrat vorausgesagt, sondern auch der Verräter blossgestellt.

Vers 27. Die Begierde hatte das Herz des Judas den Einflüsterungen des Teufels geöffnet; nun ergreift Satan selbst von Judas Besitz. Wenn sich das Gewissen des Judas noch irgendwie regte, wenn er noch Scham verspürte, wenn er vor der Sünde, die er begehen wollte, noch irgendwie zurückschreckte, so wurde das alles durch den Zutritt Satans zum Schweigen gebracht. Bei Satan gibt es kein Zögern. Von nun an wird Judas das hilflose Werkzeug seiner Pläne. Für Judas gibt es nun kein Zurück mehr, deshalb kann der Herr zu ihm sagen: «Was du tust, tue schnell.»

Verse 28-30. Die Elf sind, wie es scheint, überwältigt von dieser schrecklichen Enthüllung; sie begreifen nicht, was der Herr mit seinen Worten meint. Da Judas mit der Kasse betraut ist, meinen sie, die Worte des Herrn bezögen sich auf irgendeine notwendige Besorgung für das Fest oder auf eine Gabe für die Armen. Judas versteht ihn nicht falsch. Die Gegenwart des Herrn ist für diesen vom Teufel besessenen Menschen unerträglich geworden. Kaum hat er den Bissen bekommen, steht er deshalb auf und verschwindet, ohne ein Wort, in die Nacht hinaus, um nur ein wenig später in eine noch tiefere Nacht abzugleiten - in jene Schrecken tiefster Finsternis - von woher es keine Rückkehr gibt.

Man wird bemerkt haben, dass in dieser ganzen ernsten Begebenheit Judas weder denunziert, noch gescholten wird; er wird mit keinem Wort ausgestossen, ihm wird nicht befohlen, zu gehen. Die Anwesenheit eines Falschen wird aufgedeckt; die Sünde, die er zu begehen im Begriff steht, wird vorausgesagt und der Mann, der sie begehen wird, angezeigt. In einem Schweigen, das schrecklicher ist als Worte, verlässt er nun das Licht, das zu durchdringend war, die heilige Gegenwart, die er nicht länger ertragen konnte und verschwindet in die Nacht, auf die kein Morgen je folgen wird. Bedenken wir, dass ohne die Gnade Gottes und das kostbare Blut Christi jeder von uns dem Judas in die Nacht folgen müsste.

Gott verherrlicht in Christus (Johannes 13,31-38)

Mit dem Weggang des Judas war der dunkle Schatten, der über der kleinen Gesellschaft lag, fortgenommen. Der erschütterte Geist des Herrn war erleichtert, und die Fragen der Jünger waren still geworden. Die Worte: «als er nun hinausgegangen war», kennzeichnen diese Veränderung. Judas hatte das Licht des Obersaals verlassen und war in die Dunkelheit der Aussenwelt gegangen. Das Licht drinnen leuchtet heller seit seiner Abwesenheit, wie die Dunkelheit draussen durch seine Gegenwart tiefer geworden ist. Die Tür, die sich hinter dem Verräter schloss, trennte die letzte Verbindung zwischen Christus und der Welt. Die Atmosphäre ist geklärt, und, allein mit seinen Jüngern, ist der Herr frei, die Geheimnisse seines Herzens zu entfalten.

Verse 31,32. Der Herr ist im Begriff wegzugehen, um bei seinem Vater zu sein, und die Seinen werden als Zeugen für Christus in einer Welt zurückbleiben, die Ihn verworfen hat. Im Verlauf dieser letzten Gespräche werden die Jünger mit dem Himmel in Berührung gebracht (Kap. 14); sie werden darüber belehrt werden, wie sie auf der Erde Frucht bringen können (Kap. 15); sie werden gestärkt werden, um in der Verfolgung von seiten der Welt standhalten zu können (Kap. 16). Solch hohe Vorrechte und Ehren erfordern ein vorheriges Werk von seiten Christi, wie auch Vorbereitung unter den Seinen. Dieses einleitende Gespräch stellt Gottes Verherrlichung in Christus auf Erden vor, aber auch Christus als Mensch im Himmel verherrlicht und die Heiligen, auf der Erde zurückgelassen, um Christus zu verherrlichen. Diese grossen Wahrheiten bereiten den Weg für alle nachfolgenden Offenbarungen.

Aller Segen für die Menschen, für Himmel und Erde, durch alle Ewigkeiten hindurch, beruht auf den grossen, grundlegenden Wahrheiten, die uns am Anfang dieses Gesprächs vorgestellt werden. Der Herr stellt sich selbst als der Sohn des Menschen vor und verkündet in Verbindung mit diesem Titel drei Wahrheiten von lebenswichtiger Bedeutung:

  • «Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht.»
  • «Gott ist verherrlicht in ihm.»
  • «Gott wird ihn in sich selbst verherrlichen.»

Wir sollten bei diesen grossen Wahrheiten etwas verweilen, indem wir versuchen, einiges über ihre tiefe Bedeutung kennen zu lernen; denn das Verständnis des Glaubens für diese Wahrheiten bildet die solide Grundlage in der Seele für alles geistliche Wachstum und allen geistlichen Segen.

Die erste grosse Wahrheit lautet: «Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht» Das stellt uns die unendliche Vollkommenheit des Sohnes des Menschen - des Erlösers vor Augen. Hier wird auf das Leiden des Sohnes des Menschen am Kreuz Bezug genommen. Durch diese Leiden ist der Sohn des Menschen verherrlicht. Verherrlicht zu werden bedeutet, alle Vorzüge, die einen Menschen erhöhen, zur Darstellung zu bringen. Am Kreuz wurden all die unendlichen Vollkommenheiten des Sohnes des Menschen in höchstem Mass entfaltet.

In Johannes 11 lesen wir, dass die Krankheit des Lazarus «um der Herrlichkeit Gottes willen» war, «auf dass der Sohn Gottes durch sie verherrlicht werde». Dort wurde die Herrlichkeit des Sohnes Gottes in der Auferweckung eines Menschen von den Toten entfaltet. Hier wird die Herrlichkeit des Sohnes des Menschen darin gesehen, dass Er in den Tod geht. Die Macht über den Tod zeigt die Herrlichkeit des Sohnes Gottes, Unterwerfung unter den Tod die Herrlichkeit des Sohnes des Menschen.

Schon in der Antwort des Herrn an die Griechen, die Jesus zu sehen wünschten, hatte Er gesagt: «Die Stunde ist gekommen, dass der Sohn des Menschen verherrlicht werde.» Damals jedoch sah der Herr die Herrlichkeiten des Reichs voraus; hier spricht Er von den tieferen Herrlichkeiten des Kreuzes. In der Zukunft wird Er als der Sohn des Menschen Herrschaft und Herrlichkeit und ein ewiges Königreich empfangen; und an jenem strahlenden Tag wird die ganze Erde von seiner Herrlichkeit erfüllt sein (Daniel 7,13.14; Psalm 72,19). Dennoch werden die ausgezeichneten Herrlichkeiten des kommenden Reiches die weit tieferen Herrlichkeiten des Sohnes des Menschen am Kreuz weder übertreffen noch ihnen gleichkommen. Die Herrlichkeit seines irdischen Thrones wird von der Herrlichkeit seines schmachvollen Kreuzes übertroffen. Das Königtum wird seine offiziellen Herrlichkeiten zur Schau stellen, das Kreuz zeugt von seinen moralischen Herrlichkeiten. Am Tag seiner Regierung «werden alle Herrschaften Ihm dienen und gehorchen» (Dan. 7,27) und alles wird Ihm als dem Sohn des Menschen unterworfen sein. Am Tag seiner Leiden war Er selbst der gehorsame und abhängige Mensch. Wahrlich, jeder Schritt seines Pfades zeugte von seinen moralischen Herrlichkeiten, denn sie konnten nicht verborgen bleiben; aber am Kreuz leuchteten diese Herrlichkeiten in ihrem vollsten Glanz. Der Eine, der auf jedem Schritt seines Weges Gehorsam lernte, wurde zuletzt durch den Tod geprüft und gehorsam erfunden «bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze».

Die völlige Unterwerfung unter den Willen seines Vaters, die seinen Weg kennzeichnete, findet ihre leuchtendste Darstellung inmitten der nahenden Schatten des Kreuzes, als Er sagen kann: «Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!» Jeder Schritt zeugte von seiner vollkommenen Liebe zum Vater, aber das erhabenste Zeugnis für diese Liebe wird sichtbar, wenn Er angesichts des Kreuzes sagen kann: «Auf dass die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und also tue, wie mir der Vater geboten hat» (Joh. 14,31). Sein heiliges Wesen, das in der sündhaften Welt, durch die Er ging, unbefleckt und unbefleckbar blieb, wird in seiner Vollkommenheit sichtbar, wenn Er im Vorgefühl der Seelenangst, zur Sünde gemacht zu werden, sagen kann: «Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber» (Matth. 26,39).

In der Tat, am Kreuz finden seine moralischen Herrlichkeiten - sein Gehorsam, seine Unterwerfung, seine Liebe, seine Heiligkeit und jede andere Vollkommenheit - ihre herrlichste Darstellung. Dort wurden die Worte des Herrn wahr gemacht: «Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht.»

So versichert uns die erste grosse Erklärung die unendliche Vollkommenheit des Sohnes des Menschen - unseres Erlösers - des Einen, der als das grosse Sühnopfer Gott verherrlicht hat. Je mehr wir die wichtige Bedeutung dieser Aussage erfassen, die uns von der Vollkommenheit Jesu spricht, desto mehr erkennen wir, wie sehr Er unseres vollen, innigsten Vertrauens würdig ist. Angesichts einer solchen Vollkommenheit kann niemand sagen, dass es irgendeine Unvollkommenheit in Ihm gab, die es unmöglich machen würde, Ihm zu vertrauen. Seine Vollkommenheiten, die völlig sichtbar wurden, offenbaren Ihn als den Einen, an dem alles lieblich ist und der jeden schönen Wesenszug besitzt, der Ihn unseres Vertrauens würdig macht.

Das Betrachten des Sohnes des Menschen am Kreuz, wo wir Ihn verherrlicht sehen, durch all seine unendlichen Vollkommenheiten, die dort entfaltet wurden, macht uns bereit für die zweite grosse Erklärung: «Gott ist verherrlicht in ihm.» Alle andern hatten Gott verunehrt. Doch schliesslich wird Einer gefunden - der Sohn des Menschen, persönlich vollkommen - der fähig ist, ein Werk zu vollbringen, das Gott verherrlicht. Doch um Gott zu verherrlichen, muss Er zur Sünde gemacht werden und an den Ort des Todes gehen. «Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes», des Schöpfers, und dessen unendliche Weisheit und Macht; sie können aber nicht die Herrlichkeit seines moralischen Seins verkündigen. Dazu musste der Sohn des Menschen leiden, damit durch diese Leiden jede Eigenschaft Gottes ihren erhabensten Ausdruck fände. Durch das Kreuz wird die Majestät Gottes bestätigt, die Wahrheit Gottes aufrecht gehalten, die Gerechtigkeit Gottes im Gericht über die Sünde gesehen. Die Heiligkeit, die ein solches Opfer forderte, und die Liebe, die es brachte, leuchten hier in ihrem strahlendsten Glanz. Wahrlich, der Sohn des Menschen hat durch seine Leiden Gott verherrlicht.

Dieses grosse Werk führt zur Wahrheit der dritten grossen Erklärung: «Wenn Gott verherrlicht ist in ihm, so wird auch Gott ihn verherrlichen in sich selbst, und alsbald wird er ihn verherrlichen.» Wenn Gott in Christus verherrlicht worden ist, so wird Gott einen ewigen Beweis seiner Befriedigung über das, was Christus getan hat, geben. Christus als ein Mensch in der Herrlichkeit verherrlicht, ist die einzig angemessene Antwort auf sein Werk am Kreuz und ist der ewige Beweis, dass Gott mit jenem Werk zufrieden gestellt ist.

In der ersten Erklärung: «Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht», lernen wir die Vollkommenheit des Sohnes des Menschen kennen. Aus der zweiten Erklärung: «Gott ist verherrlicht in ihm», ersehen wir die Vollkommenheit seines Werkes. In der dritten Erklärung: «Gott wird ihn in sich selbst verherrlichen», erfahren wir Gottes vollkommene Befriedigung über dieses Werk. Wir haben einen vollkommenen Erlöser, der ein vollkommenes Werk zur vollkommenen Befriedigung Gottes getan hat.

Aus andern Schriftstellen vernehmen wir, dass dieser vollkommene Erlöser, dieses vollkommene Werk und Gottes vollkommene Befriedigung allen zugänglich ist; denn es heisst: «Er gab sich selbst zum Lösegeld für alle.» Und Gottes vollkommene Zufriedenheit mit Christus und seinem Werk gibt Gott die Möglichkeit zu sagen: «Durch diesen wird euch Vergebung der Sünden verkündigt.»

Vers 33. Die Verherrlichung des Sohnes des Menschen wird die Trennung von den Jüngern erfordern. Der Herr empfindet mit vollkommenem Einfühlungsvermögen mit. Er sieht den Kummer, den das Herz seiner Jünger bei dem Gedanken erfüllt, von Dem getrennt zu werden, den sie lieben gelernt hatten. Immer und immer wieder spielt Er mit allem Feingefühl menschlicher Zartheit auf die unvermeidliche Trennung an und bereitet ihr Herz auf den kommenden Abbruch der irdischen Gemeinschaft vor (vgl. Kap. 14,1-4.28.29; 16,4-7.16.28).

Nie zuvor hatte der Herr die Jünger als «Kinder» angeredet. Dieses Wort ist in der Originalsprache ein Ausdruck mitfühlender Zärtlichkeit. So bringt Er ihnen mit behutsamer Sorgfalt das Thema der bevorstehenden Trennung nahe. Noch eine kleine Weile werde Er bei ihnen sein. Der Herr war im Begriff, in die Herrlichkeit zurückzukehren, auf einem Weg, auf dem Ihn niemand begleiten konnte. Später würden Gläubige Ihm folgen, sogar durch den Märtyrertod, aber nicht durch den Tod, den der Herr sterben musste - als Lohn für die Sünde. Das war ein Weg, von dem der Herr sagen konnte: «Wo ich hingehe, könnt ihr nicht hinkommen.»

Verse 34.35. Ferner bedeutete die kommende Trennung, dass die Jünger ohne die starke Verbindung durch die persönliche Gegenwart des Einen bleiben mussten, den sie alle liebten. Darum gibt der Herr ein neues Gebot: «Dass ihr einander liebet, gleichwie ich euch geliebt habe.» Es ist darauf hingewiesen worden, dass der Herr dieses Gebot als ein neues Gebot bezeichnet, im Gegensatz zu dem alten Gebot, das diesen jüdischen Jüngern gut bekannt war: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst» Das neue Gebot lautet: «Dass ihr einander liebet, gleichwie ich euch geliebt habe.» Christus liebte mit einer Liebe, die gegenüber dem Bösen nie gleichgültig war, aber dennoch über alle Macht des Bösen triumphierte. Wenn wir einander nach dem Vorbild der grossen Liebe Christi lieben, werden wir einer im andern nichts Böses dulden, aber wir werden eine Möglichkeit finden, gegen das Böse zu handeln, ohne aufzuhören, einander zu lieben. Nichts als das Band der Liebe nach dem göttlichen Vorbild kann eine Gruppe von Menschen zusammenhalten, in der jeder seine ausgeprägte Persönlichkeit hat, mit unterschiedlichen Charaktermerkmalen und verschiedenen Temperamenten.

Ausserdem würde eine von Liebe gekennzeichnete Gemeinschaft in einer Umwelt, die von Begierde und Eigensucht gekennzeichnet ist, so auffallend anders sein, dass selbst die Welt erkennte, dass

dies nur Jünger Christi sein können. Die Welt kann den Glauben und die Hoffnung der Christen nicht wertschätzen, aber sie kann wenigstens die göttliche Liebe und ihre Auswirkungen unter ihnen sehen und bewundern, wenn sie sie auch nicht nachahmen kann. So würde eine Gemeinde, die nach dem Vorbild Christi von Liebe zueinander gekennzeichnet ist, ein Zeugnis für Christus werden in der Welt, die Er verlassen hatte, so dass Christus, jetzt beim Vater im Himmel verherrlicht, dadurch in den Heiligen auf Erden verherrlicht würde.

Verse 36-38. Obwohl es in der Schlussszene um Petrus geht, enthält sie doch eine Warnung für alle. Wenn die Jünger zurückbleiben sollen, um Christus zu verherrlichen, dürfen sie nicht vergessen, dass jeder von ihnen das Fleisch in sich hat, das bereit ist, Christus zu verleugnen. Simon Petrus beachtet offenbar das neue Gebot nicht, und, indem er nur an die kommende Trennung denkt, fragt er mit scheinbarem Widerstand gegen das, was er nicht versteht: «Herr, wo gehst du hin?» Der Herr antwortet: «Wo ich hingehe, kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen.» Der Herr sollte als Märtyrer unter den Händen böser Menschen den Tod erleiden; doch war es noch weit schrecklicher für seine heilige Seele, dass Er als heiliges Opfer unter der Hand Gottes in den Tod gehen musste. Das war in der Tat ein Weg, den nur Er allein gehen konnte; Petrus konnte Ihm auf diesem Weg nicht folgen. Später, in den kommenden Jahren, sollte Petrus die hohe Ehre haben, dem Herrn auf dem Weg des Märtyrertodes zu folgen.

Im Vertrauen auf seine Liebe zum Herrn versichert Petrus selbstbewusst: «Mein Leben will ich für dich lassen»; aber nur um die ernste Warnung des Herrn zu hören: «Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast.» Wenn das Fleisch in einem falschen Jünger den Herrn verraten kann, dann kann das Fleisch in einem echten Jünger den Herrn verleugnen. Vergessen wir jedoch nicht, dass die Liebe des Herrn über die Verleugnung des Petrus triumphierte; denn wir haben gesehen: «Da er die Seinigen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende.» Von unserem Selbstvertrauen getäuscht, können wir sogar den Herrn verleugnen; aber der Herr liebt uns mit einer Liebe, die uns niemals loslässt.

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Letzte Änderung am 27.03.2010.