Halte Fest
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Joh. 9,39-10,30: Der Gute Hirte und seine Schafe

Halte fest Jahrgang 1992 - Seite: 272 - Verfasser: W. J. Hocking

Übersicht

1. Die Blindheit der Juden (Joh. 9,39-42)
2. Das Gleichnis vom Schafhof (Joh. 10,1-6)
3. Die Tür zur Errettung, zur Freiheit und zur Weide (Joh. 10,7-9)
4. Der Hirte, der starb (Joh. 10,11-15)
5. Der vom Vater geliebte Hirte (Joh. 10,17.18)
6. Das Teil und die Sicherheit der Schafe (Joh. 10,22-30)

1. Die Blindheit der Juden

«Und Jesus sprach: Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die Nichtsehenden sehen und die Sehenden blind werden. Einige von den Pharisäern, die bei ihm waren, hörten dies und sprachen zu ihm: Sind denn auch wir blind? Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde; nun aber, da ihr sagt: Wir sehen, bleibt eure Sünde» (Joh. 9,39-41).

Keine Schriftstelle kann aus ihrem Zusammenhang herausgenommen werden, ohne dass etwas von ihrer Kraft und Schönheit verloren geht. Und der bekannte Abschnitt in Johannes 10 über den «Guten Hirten» ist, wie alle übrigen inspirierten Schriften, nur ein einzelnes Glied in der Kette, die der Heilige Geist zu seinem eigenen Zweck und Ziel im Plan der Offenbarungen geschmiedet hat. Aus diesem Grund mag es nützlich sein, über den Zusammenhang nachzudenken, in dem dieser Abschnitt steht.

Johannes 8 und 9 zeigen in manchen Einzelheiten sowohl die Unfähigkeit der Juden, das Zeugnis Gottes, das ihnen durch den Herrn vom Himmel gegeben wurde, anzuerkennen, als auch die unversöhnliche Feindschaft ihrer Herzen gegen den Einen, der durch seine Worte der Wahrheit die Ruhe ihrer heuchlerischen Wege störte.

Der Sohn Gottes war inmitten des Volkes als «das Licht der Welt». Aber seine Gegenwart nützte ihrem moralischen Wahrnehmungsvermögen nichts, weil für sie der helle Mittag nicht besser war als die Nacht. Das Licht schien auf sie, aber sie waren leider blind. Wären sie bereit gewesen, damals ihren wahren Zustand zu bekennen - wie sie es in der Zukunft tun werden -, dann hätten sie gesagt: «Wie Blinde tappen wir an der Wand herum, und wir tappen herum wie solche, die keine Augen haben; wir straucheln am Mittag wie in der Dämmerung» (Jes. 59,10). Ihre Blindheit wäre dann, so wenig wie heute oder zu irgendeiner Zeit, ein Hindernis für den Segen Gottes durch Christus gewesen. Denn die Propheten hatten im voraus bezeugt, dass ein typisches Merkmal des Dienstes des Messias darin bestehen würde, die Augen der Blinden zu öffnen (Ps. 146,8; Jes. 29,18; 35,5; 42,7). Und um allen den Beweis zu geben, dass Er die Macht hatte zu heilen, führte der Herr dieses besondere Werk seiner Barmherzigkeit sowohl im Tempel als auch an einem Wegrand aus (Matth. 21,14; Luk 18,35).

Und was der Herr für das physische Augenlicht tat, war nur ein Hinweis auf das, was Er für das geistliche Sehvermögen tun würde. Die Nichtsehenden sollten sehen können und ihre Sünde hinweggetan werden. Aber im Stolz ihrer Herzen sagte das Volk unaufrichtig und törichterweise durch den Mund seiner religiösen Führer: «Wir sehen», und darum blieb ihre Sünde.

Wie ihre Blindheit bewiesen wurde

Es ist wichtig zu sehen, dass im Lauf der Belehrungen dieses Evangeliums die völlige Verwerfung des Herrn als der Gesandte von Gott durch die Juden am Ende des 9. Kapitels klar bewiesen ist. Die Ablehnung seines Zeugnisses wird schon in den ersten vier Kapiteln gezeigt, aber nachher tritt ihr Hass in zunehmendem Mass zutage.

In Kapitel 5,16 verfolgen die Juden den Herrn Jesus und suchen Ihn zu töten, weil Er den hilflosen Mann am Teich Bethesda an einem Sabbat heilte. In Kapitel 6,66 gehen viele von seinen Jüngern zurück und wandeln nicht mehr mit Ihm, wegen seiner Lehre, die ihnen zu hart ist. In Kapitel 7,32 senden die Pharisäer und Hohenpriester Diener, um Ihn zu greifen, weil viele Leute an Ihn glauben. In Kapitel 8 argumentiert der Herr mit den Juden in einer Weise, wie nur dieser Eine es konnte, dessen Worte sowohl Wahrheit als Geist und Leben sind. Aber sie verstehen seine Sprache nicht, weil sie sein Wort nicht hören können. Voll Halsstarrigkeit unterbrechen sie seine Rede und widersprechen Ihm. Da ihre Beweisführung fehlschlägt, was beim Irrtum in Gegenwart der Wahrheit immer der Fall ist, nehmen sie zu Schimpfworten Zuflucht und sagen, Er sei ein Samariter und habe einen Dämon. Doch seine Worte verfolgen sie weiter und durchdringen sie, tiefer als ein zweischneidiges Schwert, indem sie ihre Gedanken und die Gesinnung ihrer Herzen vor seinen Augen blosslegen (Hebr. 4,12). Da heben sie Steine auf, um sie auf Ihn zu werfen, und vertreiben Ihn so aus ihrer Mitte (Joh. 8,59). Sie können Ihn seiner Worte wegen nicht ertragen, weil Er ihnen die Wahrheit sagt.

Dadurch, dass sie die Wahrheit nicht anerkennen, ist die Blindheit der Juden völlig bewiesen. Würden sie jedoch ihre Unfähigkeit, sehen zu können, offen bekennen, müssten sie nicht hoffnungslos verzweifeln. Der Herr beweist ihnen im nächsten Kapitel, dass Er sogar vermag, die Augen eines Blindgeborenen aufzutun - ein Zeichen dessen, was Er ebenso für die Augen des Herzens tun könnte.

Diese Heilung ruft bei den Juden aber noch mehr Feindschaft hervor. Zuerst strengen sie sich an, diese Tat so darzustellen, als sei sie gar kein Wunder. Als dies nicht gelingt, weil der Mann ehrlich ist und ganz einfach auf der Tatsache besteht, dass seine Augen durch Jesus aufgetan worden seien, werfen sie den armen Kerl aus der Synagoge, indem sie ihn als Jünger des Herrn beschimpfen.

Wir sehen also, dass das Zeugnis des Geistes gegen das Volk in den Kapiteln 8 und 9 dieses Evangeliums hauptsächlich darin besteht, dass die Juden nicht an das glauben wollten, was der Herr sagte oder tat. Sie empfanden beides, seine Worte und seine Werke, gleichermassen als Beleidigung, und wollten weder Ihn noch seine Nachfolger haben.

Durch diese feindselige Haltung wurde der verblendete Zustand ihrer Herzen offenbar. Und dieser Zustand zeigte sich als eine direkte Folge der Gegenwart des Herrn, wie Er selbst sagte: «Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen» (9,39). Nicht etwa dass Er gekommen wäre, um das Urteil endgültiger Verdammnis auszusprechen, wie Er das in der Zukunft tun wird (5,22.27.29). Der Herr kam zuerst als Heiland, nicht als Richter (3,17; 12,47). Doch seine Gegenwart unter den Juden erlaubte einen endgültigen Test, ob das Volk sehend sei oder nicht.

Der Herr war als das Licht der Welt in ihrer Mitte; als «der Aufgang aus der Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen» (Luk. 1,78.79). Dieses Licht schien wahrhaftig in der Finsternis, aber anstatt erleuchtet zu werden, hat die Finsternis es nicht erfasst (Jes. 60,1; Joh. 1,5). Und als ernste Folge davon ist jetzt das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist und die Menschen die Finsternis mehr geliebt haben als das Licht, denn ihre Werke sind böse (3,19).

Willentliche Blindheit

Diese Widersetzlichkeit der Juden machte ihren Zustand noch viel ernster. Sie waren nicht nur in einem Zustand geistlicher Finsternis, sondern sie liebten sie; sie waren nicht nur geistlich blind, sondern sie waren böse zu Dem, der sie von ihrer Blindheit hätte heilen wollen. Der Herr kam vom Himmel, um die Nichtsehenden sehend zu machen. Aber die Juden wollten nicht zugeben, eine solch wohlwollende Heilung nötig zu haben. Sie waren gewissermassen im «Laodizea-Stadium» ihrer Zeitepoche und sagten, wie die Christenheit heutzutage: Wir sind reich und sind reich geworden und bedürfen nichts. Sie wussten nicht, dass sie in Wirklichkeit elend, jämmerlich, arm, blind und bloss waren (vgl. Offb. 3,17).

Oh, wären die Juden doch vom «hohen Ross» heruntergestiegen und hätten wie die blinden Bettler von Jericho ausgerufen: «Erbarme dich unser, Herr, Sohn Davids!» (Matth. 20,30), dann hätten ihre Augen geöffnet werden können und sie hätten Schönheit in ihrem König gesehen, um Ihn zu begehren. Aber nein! Sie waren so verblendet, so völlig unter der Macht des Feindes, der den Sinn der Ungläubigen verblendet, dass sie sich nicht nur anmassten, selbst sehend zu sein, sondern noch vorgaben, Leiter der Blinden zu sein und ein Licht derer, die in Finsternis waren (Röm. 2,19).

Stolze Überheblichkeit! Was hätten sie in ihrem Eigensinn anderes sein können als bestenfalls blinde Leiter, wie der Herr ihnen sagte (Matth. 23,16.17.26)? Wenn Blinde die Blinden führen, kann die traurige Folge doch nur sein, dass beide in die Grube fallen! (Matth. 15,14). Dieser Sturz trat ein, als die Hohenpriester die Volksmengen überredeten, um Barabbas zu bitten und den Herrn der Herrlichkeit kreuzigen zu lassen, dessen Blut bis zu diesem Tag auf ihnen und ihren Kindern liegt.

Mit Blindheit geschlagen

Dieser Höhepunkt der Bosheit, der schliesslich vom Volk der Juden in der Kreuzigung ihres Messias erreicht wurde, war die unausweichliche Folge ihrer hartnäckigen Weigerung, den Herrn anzunehmen und ihren wahren geistlichen Zustand schuldhafter Blindheit vor Ihm einzugestehen. Und in Johannes 9,39 finden wir die ernste Warnung des Herrn gegen einen solchen Ausgang. Er wies auf diese Gefahr hin, als Er von den Folgen seines Kommens sprach, nämlich, «damit die Sehenden blind werden». Während Er gekommen war, damit die Nichtsehenden sehen sollten, war die Konsequenz der Nichtbeachtung seiner Gegenwart, dass die Sehenden blind würden.

Es war gefährlich für sie, in ihrem Eigenwillen mit dem Gnadenangebot Gottes zu spielen. Gnade und Wahrheit waren in seiner Person zu ihnen gekommen. Diese Offenbarung abzulehnen, würde bedeuten, die Blindheit, die der Prophet Jesaja als Strafe vorausgesagt hatte, auf sich zu ziehen: «Mache das Herz dieses Volkes fett, und mache seine Ohren schwer, und verklebe seine Augen: damit es mit seinen Augen nicht sehe und mit seinen Ohren nicht höre und sein Herz nicht verstehe, und es nicht umkehre und geheilt werde» (Jes. 6,10).

Der Herr war der grosse Arzt, der gekommen war, um das Volk von seiner geistlichen Blindheit zu heilen. Und Er hatte ihnen von seiner Bereitschaft und Macht, dies zu tun, wiederholte Beweise gegeben. Aber sie «wollten nicht», und somit wurden ihre blinden Augen um so mehr verblendet.

Die Weissagung Jesajas

Es ist bezeichnend, festzustellen, dass die Prophezeiung von Jesaja sowohl im Matthäus- als auch im Johannes-Evangelium vorkommt. Auch in Matthäus ist erst davon die Rede, nachdem die endgültige Verwerfung des Messias durch das Volk aufgezeichnet worden war. Das Zitat finden wir erst, nachdem die Führer seine Macht, Dämonen auszutreiben, dem Obersten der Dämonen zugeschrieben hatten (siehe Matth. 13,14 und 42,24).

Diese Reihenfolge wird in der Schrift immer eingehalten. Erst nachdem der Mensch, allen Ermahnungen zum Trotz, seinen Willen aktiv dem Willen Gottes entgegenstellt, offenbart Gott seine unumschränkte Gewalt. Erst nachdem der Mensch nicht gewollt hat, kann er nicht. Diese Reihenfolge wird im Johannes-Evangelium ganz deutlich gezeigt. Denn wir lesen in Kapitel 12,37-41 nacheinander folgendes: «Obwohl er aber so viele Zeichen vor ihnen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn, damit das Wort des Propheten Jesaja erfüllt würde, das er sprach: (Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm des Herrn offenbart worden?)» Die Juden wollten ganz einfach nicht glauben, obwohl sie reichlich Beweise bekommen hatten, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes, war. Dann heisst es in Johannes 12 weiter: «Darum konnten sie nicht glauben, weil Jesaja wiederum gesagt hat: (Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht sehen mit den Augen und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren und ich sie heile.) Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete.» Somit sehen wir, dass die Juden nicht glauben konnten, weil sie nicht glauben wollten. Diese Verhärtung des Herzens bezog sich jedoch nur auf das Volk als Ganzes, im Unterschied zur Gnade, die dem einzelnen angeboten wurde; denn es wird sogleich angefügt: «Dennoch aber glaubten auch von den Obersten viele an ihn.»

So kann man sagen, dass die Worte des Herrn «damit die Nichtsehenden sehen und die Sehenden blind werden» das zweifache Ergebnis seiner Mission beschreiben. Er erfüllte die Hungrigen mit Gutem, aber die Reichen schickte Er leer fort. Wenn man sich auf die Herrlichkeit und den Wert seiner Person besinnt, wer kann dann den Segen der Blinden ermessen, die Ihn aufnahmen? Wer kann aber anderseits das Gericht derer ermessen, die Ihn verwarfen?

«Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde; nun aber, da ihr sagt: Wir sehen, bleibt eure Sünde.» Die Juden waren für ihr Bekenntnis verantwortlich. Hätten sie ihre Blindheit bekannt, so hätten sie keine Sünde, denn da war Barmherzigkeit und Vergebung für bussfertige Sünder. Wenn sie aber sagten «Wir sehen», dann waren sie verantwortlich, im Licht zu wandeln, und wurden entsprechend gerichtet. Überdies, wenn sie sehen konnten, warum sahen sie dann den Guten Hirten nicht, als Er kam? Dieser Charakter seines Dienstes wird in den folgenden Gleichnissen und Lehren enthüllt.

2. Das Gleichnis vom Schafhof

«Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe eingeht, sondern woanders hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür eingeht, ist Hirte der Schafe. Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus. Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was es war, das er zu ihnen redete» (Joh. 10,1-6).

Das Gleichnis in diesen Versen war an die Pharisäer gerichtet und ist eine Fortsetzung der Rede des Herrn, die Er im vorangegangenen Kapitel begonnen hatte. Dort lasen wir, wie Er zu diesen religiösen Führern ganz offen von ihrer geistlichen Blindheit gesprochen hatte. Sie waren tatsächlich blind, obwohl sie behaupteten, sie könnten sehen. Nun zeigt ihnen der Herr anhand der Illustration eines Hirten, der in seinen Hof hineingeht und seine Schafe herausruft, die Wirkung seiner Gegenwart und seines Dienstes in Israel. Aber diese Männer, die sich in ihrer Einbildung für weise hielten, verstanden nicht, was der Herr mit seinen Worten sagen wollte, obwohl diese direkt an sie gerichtet waren.

Die Unfähigkeit der Pharisäer, das zu erfassen, was der Herr meinte, konnte nicht daher kommen, dass die von Ihm gebrauchte Illustration für sie fremd gewesen wäre. Hirten und Schafe waren ein alltägliches Bild, das sie ständig vor Augen hatten, und der Vergleich des Volkes Israel mit einer Herde war durch das ganze Alte Testament hindurch nichts Ungewöhnliches. Einer der Propheten hat sogar ein ganzes Kapitel in dieser Bildersprache geschrieben (Hesekiel 34). Aber die erklärten geistigen Führer des Volkes hatten die Person Christi, den alleinigen Schlüssel zu jeder göttlichen Lehre, nicht erkannt, und waren blind für die wahre Bedeutung der Worte des Herrn, ob Er nun offen oder in Gleichnissen sprach. Hätten diese Juden nur den lang verheissenen und dann gesandten Hirten angenommen, so wäre ihnen alles klar geworden. Aber obwohl der Gute Hirte in seinen Hof gekommen war, kannten Ihn dessen Bewohner nicht und hörten seine Stimme nicht. Daher kam es, dass sie, wie Er ihnen schon gesagt hatte, seine Sprache nicht verstanden, weil sie sein Wort nicht hören konnten (Joh. 8,43).

Der Herr sprach in Verbindung mit dem Schafhof von sich selbst und gab seinen Zuhörern drei Erkennungszeichen, wodurch der wahre Hirt Israels erkannt werden konnte:

  • Er würde durch die Tür eingehen
  • Der Türhüter würde Ihm öffnen
  • Die Schafe würden seine Stimme hören

Das waren Zeichen einfachster Art und konnten von jedem verstanden werden. Aber gerade weil sie so einfach waren, wurden sie von jenen Angebern, die sich einer Weisheit rühmten, die sie nicht besassen, verschmäht und verächtlich abgetan. Ihr Stolz des Herzens und der Gesinnung ertrug die Gnade und die Wahrheit nicht, die sie auf die gleiche Stufe mit Leuten stellte, die das Gesetz nicht kannten, als ob sie das gleiche Erbarmen nötig gehabt hätten (Joh. 7,49). Sie begnügten sich nicht mit dem Sohn des Menschen, der zum Segen der Niedriggesinnten vom Himmel herniederkam, sondern verlangten ein weiteres Zeichen vom Himmel. Indem sie sich für Weise ausgaben, waren sie zu Narren geworden, und erkannten Ihn, welcher der wahrhaftige Gott und das ewige Leben ist, nicht.

1. Zeichen: Der Eintritt durch die Tür

Im Orient bestand der Schafhof aus einem von einer hohen Steinmauer umgebenen Grundstück mit einem einzigen Durchgang als Tür. Die Schafe wurden aus Sicherheitsgründen nachts und zu andern Zeiten in den Hof geführt. In alttestamentlichen Stellen wird der Schafhof als Bild gebraucht, um die Sicherheit und das Vorrecht des bevorzugten Volkes, dessen Gott Jehova war, auszudrücken. So sagte der Herr im Blick auf einen zukünftigen Tag: «Ich werde den Überrest meiner Schafe sammeln aus all den Ländern, wohin ich sie vertrieben habe; und ich werde sie auf ihre Triften (oder Schafhöfe, wie man auch übersetzen kann) zurückbringen, dass sie fruchtbar seien und sich mehren» (Jer. 23,3).

Weiter sagte Er: «Wie ein Hirt sich seiner Herde annimmt an dem Tag, da er unter seinen zerstreuten Schafen ist, also werde ich mich meiner Schafe annehmen ... Und ich werde sie herausführen aus den Völkern ... Auf guter Weide werde ich sie weiden, und auf den hohen Bergen Israels wird ihre Trift sein» (Hes. 34,12-14). - «Versammeln, ja, versammeln werde ich den Überrest Israels. Ich werde ihn zusammenbringen wie die Schafe von Bozra, wie eine Herde inmitten ihrer Trift» (Micha 2,12). Diese Prophezeiungen in Bezug auf den Segen des Samens Abrahams werden erst in der Zukunft in vollem Umfang erfüllt werden, denn erst in der tausendjährigen Ruhezeit wird ganz Israel wiederhergestellt sein, um friedlich und sicher vor jedem feindlichen Angriff in seinem eigenen Land zu wohnen.

In unserem Gleichnis bezieht sich der Hof auf das besondere Gebiet, das dem Volk ursprünglich als sein eigenes Land bestimmt worden war, abgesondert von andern Völkern, was von den Juden immer noch der Fall war. Die Römer hatten damals ihren Ort und ihre Nation noch nicht weggenommen. Und obwohl selbst die religiösesten Männer jener Tage das innere Empfinden der Gegenwart und Gunst Gottes verloren hatten, besassen sie viele äusserliche und sichtbare Zeichen des einstigen Volkes Gottes. Sie hatten immer noch den Tempel und seine Dienste, die Opfer und die Feste, die Priester und die Leviten.

Wenn daher der Gute Hirte zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel kam, dann kam Er in den Hof. Er suchte sie damals nicht unter all den andern Völkern. Sie waren noch nicht, wie es jetzt der Fall ist, über die ganze Erde zerstreut. Und als Er zu seinen Schafen kam, geschah es nicht auf Schleichwegen, wie wenn ein Dieb «woanders» hinübersteigt. Im Gegenteil, der Hirt unterwarf sich allem, was Gott seinerzeit betreffs des Messias von Israel angeordnet und in den verschiedenen alttestamentlichen Prophezeiungen genau vorgeschrieben hatte. Dort war die Art und Weise des Eintritts des Guten Hirten klar vorausgesagt worden, damit die Einfachen der Herde nicht von denen verführt würden, die ungerechtfertigte Ansprüche erhoben.

Der prophetische Geist zeigte im voraus an, dass der Messias auf übernatürliche Weise von einer Jungfrau geboren würde. Diese Prophezeiung wurde in der Geburt Jesu Christi erfüllt. Er sollte aus dem Haus und Geschlecht Davids kommen.

Durch den unanfechtbaren Beweis seines Geschlechtsregisters wurde dies erwiesen. Der Herrscher über Israel sollte zu Bethlehem in Judäa geboren werden. Dort fanden die Hirten den Erretter, welcher ist Christus, der Herr. Er sollte aus Ägypten gerufen werden. Von dort wurde Er nach dem Tod Herodes' zurückgeführt. Doch wozu noch mehr aufzählen? Zeigen uns nicht die Evangelisten, vor allem Matthäus, in Einzelheiten wie der Herr selbst alles, was über Ihn vorausgesagt worden war, erfüllte?

Durch diese vielfältigen prophetischen Zeugnisse war es für den einfachen und gottesfürchtigen Israeliten leicht, mit den Schriften in seinem Herzen den Guten Hirten zu erkennen, als Er kam. Es konnte nur Einer sein, der die bestimmten Merkmale besass und die Verheissungen Gottes erfüllte. Die wichtige Frage für die Juden war somit, ob der Hirt durch die Tür in den Hof hineinging oder ob er sich einen Eingang verschaffte, der dem Zeugnis der heiligen Weissagungen, das ihnen zur Sicherheit gegeben worden war, entgegenstand. Wenn er dem Zeugnis der Schriften entsprach, war Er der Gute Hirte. Wenn er irgendwoanders hinüberstieg, dann war er ein Dieb und ein Räuber, der die Absicht hatte, die Herde zu berauben.

2. Zeichen: Der Türhüter würde die Tür öffnen

Bei Abwesenheit des Besitzers der Schafherde wurde ein Türhüter oder Wächter ernannt, um den Eingang zu bewachen. Seine Aufgabe war es, den Hirten einzulassen, aber sonst niemand. Wenn er jemandem die Tür öffnete, war es also offensichtlich, dass dieser der Hirt der Schafe sein musste. Als unser Herr zum Hof Israels kam, geschah dies nicht unangekündigt. Die Tür wurde allen sichtbar durch einen anerkannten Diener Gottes geöffnet, um Ihn einzulassen. Der Heilige Geist, der durch die Propheten die messianischen Verheissungen gegeben hatte, errichtete ein besonderes Zeugnis beim Kommen des Einen, der gesandt war, um diese Verheissungen zu erfüllen. Er, der seit den Tagen Maleachis keine Propheten mehr inspiriert hatte, sprach nach einem Unterbruch von 400 Jahren durch den Mund des Priesters Zacharias in Bezug auf seinen kleinen Sohn Johannes: «Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, seine Wege zu bereiten» (Luk. 1,76). Schon lange zuvor hatte Jesaja vorausgesagt, dass der Messias einen Vorläufer haben würde (Jes. 40,3). Dieser Herold war jetzt gekommen.

Dementsprechend übermittelte Johannes der Täufer am Ufer des Jordan seine Nachricht dem Samen Abrahams. Diese Botschaft betraf den nach ihm kommenden Christus, dessen er nicht würdig war, den Riemen seiner Sandalen zu lösen. Allen Fragenden teilte Johannes offen mit, dass er nicht der Christus sei. Er war gekommen, mit Wasser zu taufen, damit der Gesandte «Israel offenbar werde» (Joh. 1,31). Und als der Geist wie eine Taube herniederfuhr und auf Jesus von Nazareth blieb, und die Stimme vom Himmel seine göttliche Sohnschaft verkündete, lautete das Zeugnis des Johannes an das Volk, dass dieser Der sei, der mit Heiligem Geist taufen würde.

So öffnete der Geist Gottes die Tür des Hofes für den Guten Hirten, indem er Ihm reichlich Zeugnis gab: durch Zacharias unmittelbar vor Seiner Geburt, und durch Johannes den Täufer am Anfang Seines öffentlichen Dienstes.

3. Zeichen: Die Schafe hören seine Stimme

Zwischen dem Hirten und seinen Schafen gibt es ein Bindeglied, das auf gegenseitiges Erkennen gegründet ist. Darum sagte der Herr: «Die Schafe hören seine Stimme.» Dass der Hirt von den Schafen erkannt wird, beweist zweierlei:

  • dass Jesus Christus der Gute Hirte ist
  • dass die, die Ihn aufnehmen, seine Schafe sind

So wird in den Versen 3-5 die Tatsache, dass sie seine Stimme hören und Ihm folgen, als ein Erkennungszeichen angegeben, um den Hirten von Fremden zu unterscheiden, vor denen die Schafe fliehen. Dies ist der offensichtliche Beweis, dass Jesus Christus der Gute Hirte ist, und nicht ein Fremder. In den Versen 26 und 27 wird die gleiche Tatsache gebraucht, um zwischen wahren und falschen Schafen zu unterscheiden. Die, die an Ihn glaubten, waren seine Schafe; sie hörten seine Stimme und sie folgten Ihm, was die falschen Schafe (das jüdische Volk im Allgemeinen) nicht taten.

Beim Kommen des Herrn gab es eine kleine Herde aufrichtiger und gottesfürchtiger Leute, die Ihn erwarteten. Diese warteten auf Gott für den Trost Israels und studierten eifrig das Wort der Weissagung und der Verheissung. Als Christus unter ihnen erschien, waren sie nicht unvorbereitet, sondern nahmen Ihn mit Freuden auf indem sie die Merkmale seiner Identität erkannten.

Der alte Simeon erkannte das Heil Israels in dem heiligen Kindlein. Die Prophetin Anna lobte den Herrn, als sie Ihn sah, und brachte die frohe Nachricht zu allen, die in Jerusalem auf Erlösung warteten. Nathanael, der Israelit aus Kana in Galiläa, «in dem kein Trug war», sagte beim Hören seiner Stimme: «Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels.» Andere, die Er rief, verliessen alles und folgten Ihm nach, weil sie die Ansprüche Dessen, der sie riet völlig anerkannten: Er war ihr Hirte.

Seine eigenen Schafe

Die Juden als Volk sanken so tief, dass sie Christus blindlings verwarfen. Es ist für uns aber interessant zu sehen, dass es Ausnahmen in der grossen Masse gab. Einige wenige nahmen Ihn auf, und diese bezeichnet der Herr hier als «seine eigenen» Schafe.

Dieser Ausdruck zeigt die enge und unzertrennliche Verbindung, die zwischen dem Hirten und den Schafen bestand. Sein eigenes Volk verwarf den König. «Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an» (Joh. 1,11). Aber seine eigenen Schafe rebellierten nicht gegen Ihn, der ihr Hirte war. Sie waren sein eigenes, besonderes Eigentum - seine Schafe, die Ihm allein gehörten, wie der Herr von ihnen zum Vater sagte: «Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben» (Joh. 17,6). Darum, weil sie seine eigenen Schafe waren, hörten sie seine Stimme und folgten Ihm.

Beim Namen genannt

Doch während die kleine Herde als Ganzes dem Hirten allein gehört, gilt seine Liebe und sein Interesse dennoch jedem einzelnen Schaf Entsprechend dem Bild des Hirten im Orient kennt Er den Namen von jedem Schaf und «er ruft seine eigenen Schafe mit Namen». Zum Beispiel rief Er Zachäus aus seinem Versteck im Maulbeer-Feigenbaum. Er sah Nathanael unter dem Feigenbaum verborgen. Er kannte die Vergangenheit der fremden Frau aus Samaria. Er hatte Mitleid mit dem hilflosen Kranken am Teich von Bethesda, denn Er wusste, dass dieser sich schon lange in diesem traurigen Zustand befand.

Der Gute Hirte kennt den Namen von jedem Schaf und Er hat versprochen, dass Er diesen Namen nicht aus dem Buch des Lebens auslöschen werde (Offb. 3,5).

Die Schafe herausführen

Als Nächstes zeigt der Herr einen weiteren Aspekt seines Hirtendienstes. Nebst der Vollmacht, mit der Er die Schafe «seine eigenen» nennt, und der liebenden Fürsorge, in welcher Er sie «mit Namen» ruft, hat Er sich selbst als ihr Führer eingesetzt. Sie sollten nicht länger wie Schafe sein, die keinen Hirten haben (Matth. 9,36). Er stellt sich selbst an ihre Spitze. «Er führt sie heraus. Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen.»

Nachdem sie die Stimme des Guten Hirten gehört und erkannt hatten, war es die Pflicht der Schafe, Ihm ganz nah zu folgen. Wenn Er sie aus der leblosen Form des Judentums herausgeführt hatte, so genügte es ihnen, beim Hirten zu sein. Die Stimmen fremder Hirten, wie die der Pharisäer, mochten locken oder drohen, wie es in Kapitel 9 der Fall war, doch die Schafe würden weder darauf achten noch hören. Ihr Vertrauen galt Dem, der bereitstand, ihnen seine Liebe zu beweisen, indem Er sein Leben für sie hingab.

«Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was es war, das er zu ihnen redete.» Gibt es heute noch solch blinde Unwissende, wie die Pharisäer es waren?

3. Die Tür zur Errettung, zur Freiheit und zur Weide

«Jesus sprach nun wiederum zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: ich bin die Tür der Schafe. Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie. ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden» (Joh. 10,7-9).

Nach einem Unterbruch, der am Schluss des 6. Verses dieses Kapitels angedeutet ist, fährt der Herr mit seiner Rede fort und spricht weiter über die Schafe und die neue Beziehung, in die Er mit ihnen treten würde. Im vorangegangenen Abschnitt hatte der Herr in allgemeinen Ausdrücken von seinem Kommen in den Schafhof gesprochen. Nun geht Er dazu über, darzulegen, welch unermesslicher Reichtum in Ihm selbst für die Armen der Herde, die Ihn als ihren Hirten aufnahmen, vorhanden war. Diese Schafe sollten in Ihm ihr Alles finden.

Die Tür der Schafe

In seiner weiteren Offenbarung, die Er von sich selbst gibt, gebraucht der Herr eine neue Illustration. Er war tatsächlich der Hirt der Schafe; aber Er wollte auch klarmachen, dass Er die Tür der Schafe war.

Es muss sorgfältig beachtet werden, dass der Herr in diesem Abschnitt zweimal vermeidet zu sagen, Er sei die Tür des Hofes. In den Versen 1 und 2 spricht Er vom Eingehen durch die Tür in den Hof der Schafe. In Vers 7 ist Er die Tür der Schafe. Und in Vers 9 bezeichnet Er sich als die Tür, ohne weitere Angabe.

Was ist die Bedeutung dieser Auslassung?

Es ist nicht nötig, hierüber willkürliche Vermutungen anzustellen. Der Zusammenhang zeigt, dass der israelitische Hof mit seinem gesetzlichen System vom Herrn tatsächlich verlassen worden war. Der Gute Hirte hatte sich dem Hof vorgestellt, war aber als solcher nicht aufgenommen worden. Als Folge davon führte der Hin seine Schafe aus dem Hof heraus, und zu diesem Zweck der Befreiung würde Er eine Tür für sie sein - eine Tür der Hoffnung (Hosea 2,15).

Die Wahrheit war und ist, dass eine Neuordnung zum Segen des Menschen aufgerichtet werden sollte, in welche die Schafe durch die Tür, das ist Christus selbst, eingehen können. Von einer Einführung eines «Konkurrenzhofes» zum Judentum wird kein Wort gesagt; und anderseits war die Stunde noch nicht gekommen, um die bevorstehende Abkehr von den Anordnungen des Gesetzes zu erklären. Die Zuhörer des Herrn waren zu jenem Zeitpunkt nicht fähig, solch eine Ankündigung zu ertragen. Darum benützt der Herr bei dieser Gelegenheit allgemeine Ausdrücke, die Raum lassen für die zukünftige Offenbarung der weitreichenden Gnade Gottes, sowohl gegenüber Juden wie Nichtjuden, die auf seine Kreuzigung und das Herabkommen des Heiligen Geistes an Pfingsten folgen würde.

Doch selbst in diesem Zusammenhang können wir sehen, dass in den Ausdrücken dieser Rede Vorsorge getroffen ist für das vollere Ausfliessen der Gnade, das nahe bevorstand In Vers 9 wird angedeutet, dass der durch den Hirten eingeführte Segen nicht auf Israel beschränkt bleiben sollte. Zuerst kündigt sich der Herr als die Tür der Schafe an, d.h. der jüdischen Schafe, aber dann wiederholt Er diese Wahrheit ohne begrenzende Bedingungen, so dass Schafe aus den Nationen miteingeschlossen sein würden. Er sagte: «Ich hin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.» «Jemand» ist ein Ausdruck von weitreichendster Anwendung, und kein Fremdling aus den Nationen ist ausserhalb dieses Bereichs.

So lenkte der Herr durch diese Illustration die Aufmerksamkeit ausschliesslich auf sich und rief die Gläubigen in Israel und an jedem Ort auf alles, was «Hirt» und «Tür» für eine abhängige und wehrlose Herde bedeuten würde, von Ihm zu erwarten. In Ihm würden sie alles vorhanden finden. Er bot sich unmissverständlich als Ersatz für den früheren irdischen Hof an. Er erklärte sich nicht als die Tür zu einem andern irdischen System, sondern sagte einfach: «Ich bin die Tür». Und wenn die Neugierde uns dazu führt, uns zu erkundigen, wovon Er «die Tür» sei, so wird unsere Liebe richtig vermuten, dass es hinter der Tür nichts als Ihn selbst und die Reichtümer seiner Gnade gibt.

Es mag bekannt sein, dass in den Versen 7 und 9 nicht wenige Ausleger sich erkühnt haben, den Worten unseres Herrn «Hof» hinzuzufügen. Sie taten es in ihrem Übereifer, eine übereinstimmende Illustration zu bekommen. Aber in den nachfolgenden Versen wird die Tatsache klar, dass der Herr in deutlicher Sprache verhiess, beide, die jüdischen und nichtjüdischen Schafe, nicht in einen Hof sondern in «eine Herde» zu bringen, wovon Er der «eine Hirt» sein würde (siehe Vers 16).

Errettung, Freiheit und Weide

Der Herr gab seiner Zuhörerschaft seine eigene Zusicherung, dass «jemand», der durch die Tür einging, d.h. durch Ihn selbst,

  • errettet würde
  • ein- und ausgehen würde
  • Weide finden würde

In erster Linie sollten die Schafe also in Christus ihre notwendige Errettung finden. Der Herr erinnert sie in diesen Versen daran, dass sie in der vergangenen Zeit gelitten hatten: 1) von treulosen und falschen Hirten; 2) vom Dieb, der nur zu ihnen kam, um zu stehlen, zu schlachten und zu verderben; und 3) vom Wolf der raubte und die Herde zerstreute. Die Schafe hatten wahrhaftig nötig, aus der Hand ihrer Feinde gerettet zu werden; aber sie mussten von mehr als nur äusseren Gefahren errettet werden.

Die Schafe hatten sowohl innere Fehler als auch äussere Feinde. Sie hatten sich alle verirrt. Jedes hatte sich auf seinen eigenwilligen bösen Weg gewandt. Und wenn die Zeit da war, würde Jehova alle ihre Ungerechtigkeit auf den Einen legen, der jetzt zu ihnen redete, so wie der Prophet Jesaja es vorausgesagt hatte (Jes. 53,6). Auch Sacharja hatte vom Hirten gesprochen und von der Nacht des Gerichts, durch die Er gehen müsse, bevor seine kleine Herde errettet werden könne: «Schwert, erwache wider meinen Hirten und wider den Mann, der mein Genosse ist! spricht Jehova der Heerscharen; schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen. Und ich werde meine Hand den Kleinen zuwenden» (5 Sach. 13,7).

Ferner sollten die Schafe, im Gegensatz zur Knechtschaft, die ihren Ursprung am Sinai hatte, in die Freiheit gebracht werden, zu der Christus die Gläubigen freimacht (Gal. 4,24-26; Joh. 8,31-36; Gal. 5,1). Sünde und Satan hielten die Menschen in harter, bitterer Sklaverei fest, und das Gesetz Moses konnte das unbarmherzige Joch weder des einen noch des andern Sklavenhalters beseitigen. Doch der Herr Jesus hat durch seinen Tod nicht nur die Macht des einen, sondern die Macht beider zunichte gemacht (Röm. 6,6; Hebr. 2,14.15).

Diese befreiende Tatsache wurde nach ihrer Erfüllung verkündigt und ist durch den Heiligen Geist in den Briefen des Neuen Testaments voll entfaltet worden. Doch zu jenem Zeitpunkt sagte der Herr nur, dass seine Schafe «ein- und ausgehen» würden. Es sollte die Aufgabe des Geistes Gottes sein, die Auswirkungen der Erlösung aufzuzeichnen, so wie es der Auftrag des Sohnes Gottes war, das Werk der Gnade auszuführen.

Überdies versprach der Hirt den Schafen, die durch die Tür eingingen, dass sie Weide finden würden. Ein besonderer Anklagepunkt, den Gott gegen jene erhob, die in früheren Zeiten vorgaben, Hirten Israels zu sein, war, dass sie sich selbst weideten und nicht die Herde (Hes 34,1-10). Aber heim Guten Hirten war das anders. Nun, da Er gekommen war, sollten die Schafe nicht länger Mangel leiden. Er würde sie auf grünen Auen lagern und sie zu stillen Wassern führen (Ps. 23,2).

Gemäss der Prophezeiung Hesekiels war Er selbst diese «Pflanzung zum Ruhm», die ihnen von ihrem Gott versprochen worden war, dass Er sie ihnen erwecken werde, damit sie im Land nicht mehr durch Hunger weggerafft würden (Hes. 34,29). So werden wir durch das Wort Gottes belehrt, dass der Herr Jesus der Hirt und die Tür und die Weide und unser ein und alles ist.

4. Der Hirte, der starb

«Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber und der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt sie und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht, weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schaft kümmert. Ich hin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe» (Joh. 10,11-15).

Der Herr stand in scharfem Kontrast zu jenen Führern, die ehedem in Israel bekannt waren. Sie betrachteten die Herde als ihre Beute. Ihr Charakter war der eines Diebes, von dem der Herr sagte, dass er nur kam, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben, während Er von sich sagen konnte: «Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.»

Christus war das Leben, und Leben war in Ihm - nicht nur Licht, sondern Leben. Ausserhalb von Ihm lag alles in Finsternis und Tod. Er war nicht nur vom Vater gesandt worden, sondern Er kam, und zwar, damit die Schafe Leben hätten; und Er würde ihnen Leben im Überfluss geben, wie es seiner persönlichen Herrlichkeit und seinem Werk entsprach - einem Werk, das hier immer vor Ihm stand. Folglich hauchte Er erst nach der Auferstehung in seine Jünger (Joh. 20,22). Als Jehova hauchte Gott den Odem in Adam, und der Mensch wurde eine lebendige Seele, im Unterschied zu jedem lebendigen Wesen auf der Erde. So hauchte der Herr Jesus, der sowohl der auferstandene Mensch als auch wahrer Gott ist, ein besseres Leben in jene, die an Ihn glaubten. Es ist ewiges Leben, und das geschah, nachdem durch seinen Tod jede Frage der Sünde und des Gesetzes für den Glauben geordnet war.

Der Gute Hirte

Durch ein einziges, einfaches Beiwort unterscheidet sich der Herr von alten falschen und schändlichen Mietlingen, die vor Ihm gekommen waren. Er ist der Gute Hirte, und zwar «gut» im wahrsten Sinn des Wortes, wie es eigentlich nur auf Gott selbst angewandt werden kann (Luk. 18,19). Unter den Menschen ist keiner gut, kein einziger. Doch die Güte des Hirten von Israel war so unendlich gross, dass sie die höchste Probe bestand. Seine Liebe konnte in ihrer Art oder in ihrem Mass von keiner andern übertroffen werden. Er würde sein Leben für die Schafe lassen, und Liebe war der Beweggrund seines Opfers.

Dieser Satz: «sein Leben lassen» oder «darlegen», als ein Ausdruck innigster Liebe, ist kennzeichnend für die Schriften des Johannes und kommt sowohl in seinem Evangelium wie in seinem ersten Brief vor (siehe Joh. 10,11.15.17.18; 15,13; 1.Joh. 3,16). Die gleiche, alles übertreffende Tat wird in Römer 5,8 auch als der Beweis der besonderen Liebe Gottes vorgestellt: «Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.»

Die beiden Apostel, Paulus und Johannes, benützen diese unvergleichliche Tatsache als Beweis für die Wahrheit der Liebe Gottes, die sonst jedes menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen würde. Doch der Unterschied im Standpunkt dieser beiden Lehrer ist deutlich festzustellen. Der Apostel der göttlichen Gerechtigkeit betont die Sünde und Schuld des Menschen. Er weist darauf hin, dass Christus für uns starb, als wir «Gottlose», «Sünder», «Feinde» waren. So zeigt er die Schönheit der Gnade Gottes auf dem finsteren Hintergrund des menschlichen Bösen. Aber der Apostel der göttlichen Liebe verweilt bei der Person, die so starb, indem er mit seinen Worten bekräftigt, wer Er ist, nicht was der Mensch ist.

Der Heilige Geist fasst durch Paulus in ein paar inhaltsreichen Sätzen zusammen, was wir waren. Aber das Hauptthema des Johannes in seinem Evangelium und auch in seinem ersten Brief ist die Herrlichkeit des Eingeborenen vom Vater, der sein Leben für uns liess. So spricht Paulus gewissermassen vom ehernen Altar zu uns, und wir sind tief beschämt, wenn wir betrachten, dass Er für solche wie wir starb. Aber Johannes führt uns ins Heiligtum, und dort, vor dem Vorhang, erleuchtet durch die Schechinah (lichte Wolke) auf dem Thron, beten wir mit ehrfürchtiger Freude an, wenn wir erfahren, dass ein Solcher für uns starb. In den Erfahrungen unseres neuen Lebens in Christus können wir uns nicht erlauben, weder den einen noch den andern Aspekt dieser kostbaren Wahrheit zu vernachlässigen.

Indem Er sein Leben für die Schafe hingab, zeigte der Herr selbst, dass Er genau das Gegenteil von den niederträchtigen Hirten war, die Israel bis dahin gekannt hatte. Ihr schwaches Interesse für die Herde schwand beim ersten Brüllen des Löwen oder Brummen des Bären. Solche Hirten wie sie rechneten mit Lohn und nicht mit Wölfen. Und ihre Sorge galt nur sich selbst und in keiner Weise ihrer Aufgabe.

Ja, diese Treulosigkeit und Untüchtigkeit war das allgemeine Kennzeichen derer, die einst eingesetzt worden waren, um die Herde Gottes zu weiden. Selbst David wurde durch seine Torheit die Ursache, dass 70'000 Israeliten durch eine Pest starben (2.Sam. 24). Als Folge der Sünde Salomos wurde das Königreich Israels in den Tagen Rehabeams, seines Sohnes, auseinander gerissen. Hosea machte in seiner Regierungszeit über das Nordreich das Mass der Ungerechtigkeit voll, bis Ephraim durch den Assyrer ans äusserste Ende der Erde gefangen weggeführt wurde. Unter König Zedekia wurde das Volk Juda aus seinem eigenen Land weggeführt, um 70 Jahre in Babel zu dienen. Im Blick auf solche Herrscher sagte Jehova: «Wehe den Hirten, welche die Schafe meiner Weide zu Grunde richten und zerstreuen!» (Jer. 23,1).

Aber jetzt war der Gute Hirte zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gekommen. Es waren seine eigenen Schafe. Er liebte sie und Er liess sein Leben für sie.

Gegenseitiges Kennen

«Ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne.» Das macht die enge Verbindung zwischen dem 14. und 15. Vers deutlich. Es überrascht uns wohl kaum, dass der Herr die Seinen kennt. Aber es ist etwas ganz Wunderbares und Grund zu grösster Dankbarkeit, zu erfahren, dass die Schafe den Hirten kennen. Und Johannes war inspiriert, um die Betonung in besonderer Weise auf dieses markante Kennzeichen der Wirkung des göttlichen Lebens in der Seele zu legen.

Diese Kenntnis ist eine erworbene Fähigkeit, die auf den Glauben folgt. Von der Welt sagt der Heilige Geist, dass sie «ihn nicht kannte» (Joh. 1,10; 1.Joh. 3,1). In Johannes 17, im «Gebet des Herrn», wo Er sich in besonderer Ausdrucksweise an den Vater wendet, erklärt der Sohn: «Gerechter Vater! - und die Welt hat dich nicht erkannt» (Joh. 17,25; vgl. 16,3). In unserem Kapitel heisst es: «Sie aber verstanden (erkannten) nicht, was es war, das er zu ihnen redete» (Joh. 10,6). Aber wenn der Apostel von denen spricht, die «nicht von dieser Welt» sind, lesen wir: «Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns ein Verständnis gegeben hat, auf dass wir den Wahrhaftigen kennen» (1.Joh. 5,20). Zudem charakterisiert diese Erkenntnis sowohl die Kindlein wie die Väter (1.Joh. 2,13.14). Und der Besitz dieser Erkenntnis wird uns am Beispiel von Simon Petrus gezeigt, als er zum Herrn sagte: «Wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist» (Joh. 6,69).

Es ist bemerkenswert, womit hier das gegenseitige Kennen des Guten Hirten und seiner Schafe verglichen wird - «wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne». Ich will nicht entscheiden, ob sich dieser Vergleich auf das Mass oder auf die Art und Weise unserer Kenntnis bezieht. Ich möchte auch keinerlei Theorie über das aufstellen, was mir eher ein Thema zum Nachdenken scheint, als eines, worüber man schreibt. Es sei mir aber nebenbei doch eine Bemerkung erlaubt:

Diesem Vergleich können wir sicher entnehmen, dass die Kenntnis der Schafe Christi in dieser Hinsicht weder unsicher noch unklar ist, denn es ist die Kenntnis von einer Person, nicht über Ihn. Die Erkenntnis in Bezug auf den Herrn ist zweifellos zunehmend, und wir werden ermahnt, darin zu wachsen (2.Petr. 3,18). Aber Christus zu kennen, ist eine Eigenschaft, die das schwächste Schaf der Herde kennzeichnet. Dadurch wird es von der Welt unterschieden, die Ihn absolut nicht kennt. Einer der zwei Räuber auf Golgatha erkannte seinen Herrn in dem Einen, der zu seiner Seite gekreuzigt war, und sagte zu Ihm: «Gedenke meiner, Herr, wenn du in deinem Reiche kommst!» Dadurch war er sowohl in dieser Welt wie in der zukünftigen vom anderen Übeltäter unterschieden. Es kommt tatsächlich nicht so sehr darauf an, was wir kennen, sondern es ist viel wichtiger, Wen wir kennen.

5. Der vom Vater geliebte Hirte

«Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst aus. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen» (Joh. 10,17.18).

In diesen Worten wird uns etwas berichtet, das in der Geschichte aller Zeiten einmalig ist. Hier steht der Eine vor uns, der dem Vater sowohl Beweggrund als auch Gelegenheit für seine Liebe gab. Der einzigartige Charakter von Gottes wohlwollender Liebe gegenüber Sündern wird an anderer Stelle beschrieben, und zwar in ihrem Triumph über die Ablehnung derer, denen sie sich zuwandte: «Gott aber erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist» (Röm. 5,8). Im Gegensatz dazu wird hier die einmalige Tatsache offenbart, dass die geliebte Person in vollkommener Harmonie mit Dem ist, der liebt; denn der Herr erklärte von sich als dem Guten Hirten: «Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme.»

Die Hingabe seines Lebens war eine Tat des Guten Hirten, die den vorbehaltlosen Gehorsam gegenüber dem Gebot, das Er von seinem Vater bekommen hatte, bewies. Und durch solch einen Gehorsam wurde der Name des Vaters verherrlicht, und seine Liebe wurde zum Sohn hingezogen, in dessen Hände Er alles gab (Joh. 3,35). Denn der Gehorsam des Sohnes war während seines ganzen Lebens unveränderlich und fand überdies seine Vollendung in seinem Tod, wie der Geist rückblickend von Ihm sagte: «indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz» (Phil. 2,8). So überrascht es uns denn nicht, wenn solch unvergleichliche, vollkommene Unterwürfigkeit in Gedanken und Wegen, wie sie im ewigen Sohn zu finden ist, (menschlich gesprochen) ein entsprechender Anlass für die Befriedigung und das Wohlgefallen des Vaters wurde, der allein ihren wahren Wert und ihre sittliche Schönheit wertschätzen konnte.

Dieses göttliche Wohlgefallen am Messias war von den Propheten vorausgesagt worden. Zum Beispiel sagte Gott durch Jesaja: «Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat» (Jes. 42,1).

Ebenso wurde das göttliche Wohlgefallen den Hirten von Bethlehem durch die himmlischen Heerscharen verkündigt, als sie in jener denkwürdigen Nacht Gott lobten und sprachen: «Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen!» (Luk. 2,14). Der erste Mensch wurde, mit allem, was Gott gemacht hatte, als «sehr gut» erklärt (1.Mose 1,31); der zweite Mensch aber, der Herr vom Himmel, wird hiermit als der Gegenstand der Fülle göttlichen Wohlgefallens bezeichnet, aber auch als das Mittel, um es andern sichtbar zu machen.

In der Folge kam im Lauf dieses gesegneten Lebens eine Stimme aus dem Himmel, dann nicht mehr von Engeln, sondern vom Vater selbst, und das nicht nur einmal, sondern zweimal: «Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe» (Matth. 3,17; 17,5).

Und als Er, gehorsam bis zum Tod, das Werk vollbracht hatte, das Ihm zu tun gegeben worden war, da wurde seine Seele nicht im Hades gelassen (Apg. 2,27). Durch seine Erhöhung auf den Thron in der Höhe wurde gezeigt, dass es das Wohlgefallen Gottes war, diesen Einen, den gehorsamen Sohn, zu ehren. «Er wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben» (Phil. 2,8.9).

Wenn wir diese verschiedenen Zeugnisse über die Vortrefflichkeiten des Menschen Christus Jesus betrachten, sollten wir uns bewusst sein, dass sie uns nicht so sehr zur Bewunderung gegeben wurden, sondern vielmehr als Ansporn zur Anbetung. Wir sind gerufen, manche ehrwürdigen Personen im Alten wie im Neuen Testament zu bewundern; aber wir sollen nur Einen anbeten, Ihn, der, obwohl völlig Mensch, nie weniger als Gott war. Als Petrus den Herrn Jesus mit Mose und Elia auf eine Stufe stellen wollte, wurde er durch die Stimme aus der Herrlichkeit unterbrochen: «Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe; ihn höret.» Sowohl in seiner tiefsten Herablassung in Gnaden, als auch in seiner höchsten Erhöhung, gibt es keinen, der dem Sohn auch nur im Geringsten gleich käme. Er hat in allen Dingen den Vorrang und wird ihn immer haben.

Die Zeugnisse, die wir gehört haben der Prophet, die Engel, der Vater selbst -, vereinen sich, um zu zeigen, dass die Worte, die der Herr in bezug auf die Liebe des Vaters zum Guten Hirten geäussert hat, in Wirklichkeit eine Wiederholung dessen sind, was zuvor über Ihn gesagt worden war.

Wenn wir die Worte des Herrn in den Versen 11,15 und 17 miteinander vergleichen, fällt uns ein Unterschied im letzten dieser Verse auf:

  • «Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe»
  • «Ich lasse mein Leben für die Schafe»
  • «Ich lasse mein Leben»

In den ersten beiden Versen werden die Schafe als Ursache für das Opfer des Hirten genannt. In dieser Hinsicht wird sein Tod als unwiderlegbarer Beweis seiner Liebe und Hingabe für die Herde vorgestellt. Hier ist nicht so sehr die Sühnung, die zu seinem Opfer gehört, sondern seine Liebe und das Resultat dieser Liebe das besondere Thema.

Im 17. Vers werden die Schafe nicht einmal erwähnt. Hier finden wir, was der Vater im Tod seines Sohnes sieht und wertschätzt. Für Ihn war dies eine Quelle der Liebe und des Wohlgefallens, ein Opfer lieblichen Geruchs. So ist dieser Aspekt des Todes Christi ein Gegenbild des Brandopfers (3.Mose 1; Eph. 5,2). Dort sehen wir im Vorbild und hier in der Tat, dass, als der Sohn sein Leben liess, der Vater darin ein überreiches und wohlannehmliches Teil fand.

Die Gewalt, das Leben zu lassen

Es ist von gottesfürchtigen Bibelkennern schon oft bemerkt worden, wie verhängnisvoll es für das richtige Verständnis der Schrift ist, wenn man eine Stelle mit einer andern vergleicht und dabei in einem irregeführten Übereifer versucht, eine An Übereinstimmung zu erreichen, indem man den klaren Aussagen des Wortes Gottes etwas hinzufügt oder etwas davon wegnimmt. Tatsache ist, dass nur der einfache Glaube, der die Worte des Heiligen Geistes so annimmt, wie sie dastehen, die wirkliche Lösung zu sogenannten biblischen Schwierigkeiten findet.

Wir erwähnen dies, weil einige erklärten, in den Worten «Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen» einen gewissen Widerspruch zu folgenden Stellen zu finden: «Diesen Jesus hat Gott auferweckt» (Apg. 2,32); «gleichwie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters» (Röm. 6,4); «Christus... getötet nach dem Fleische, aber lebendig gemacht nach dem Geiste» (1.Petr. 3,18).

Es sollte hoffentlich nicht nötig sein, zu sagen, dass diese und ähnliche Stellen in keiner Weise einer Anpassung bedürfen. Der Glaube ist berufen, jede dieser Stellen und alle zusammen als die vollkommene Wahrheit Gottes anzunehmen. Während die Dreieinheit Gottes für das Geschöpf ein unergründliches Geheimnis ist und bleiben muss, erkennt der Gläubige doch - weil es ihm offenbart ist -, dass in der gewaltigen Auferstehung Christi der Vater, der Sohn und der Heilige Geist jeder sein Teil hatte. Und diese verschiedenen Aspekte sind uns einzeln offenbart, in passender Verbindung mit ihrem entsprechenden Zusammenhang und nach dem Plan des unfehlbaren Inspirators der Heiligen Schrift.

Wenn man diese Aussage des Herrn, in seiner eigenen Vollmacht sein Leben zu lassen, in Beziehung zur Absicht des vierten Evangeliums sieht, wird es klar, wie angemessen sie ist. Seine Sprache ist die des Einen, der der Sohn Gottes ist, ja, der tatsächlich Gott selbst ist. Und in diesem Evangelium wird Er uns in allen Aufzeichnungen unveränderlich in diesem Charakter gezeigt. Er verfügt über eine Gewalt über sein Leben und seinen Tod, die sich ein gewöhnlicher Mensch niemals anmassen könnte, ohne sich dabei in der kühnsten und lästerlichsten Überheblichkeit das höchste Attribut Gottes, das Ihm allein zusteht, nämlich Leben zu nehmen und zu geben, widerrechtlich aneignen zu wollen (vgl. 5.Mose 32,39; 2.Kön. 5,7).

Dieser höchste Anspruch wurde auch in einem anderen Zusammenhang gemacht. Als Er von seiner Auferstehung sprach, sagte der Herr zu den Juden: «Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten» (Joh. 2,19). Und als Hinweis auf seinen Sühnungstod sagte Er: «Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt» (Joh. 6,51). Sicher ist es auch nicht ohne Bedeutung, dass nur in diesem Evangelium berichtet wird, dass der Herr, als die bewaffneten Soldaten Ihn im Garten suchten, nicht wartete, bis sie Ihn fanden, sondern als Der, der sein Leben von sich aus lassen wollte, hinausging und zu ihnen sprach: «Wen sucht ihr?» Der Kuss des Verräters, der in jedem der drei synoptischen Evangelien erwähnt ist, wird von Johannes übergangen und durch die heilige Würde des Sohnes ersetzt, der alles wusste, was über Ihn kommen würde.

Zudem wird von Johannes festgehalten, dass die Soldaten mit ihren Schwertern und Stöcken vor der Majestät Dessen, der gesagte hatte: «Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst aus», in hilflosem Unvermögen zurückprallten und zu Boden fielen (Joh. 18,4-6). Gleicherweise erklärte Er als das Fleisch gewordene Wort vom Kreuz aus in bezug auf sein eigenes Werk: «Es ist vollbracht!», und dieser Ausspruch wird uns nur in diesem Evangelium wiedergegeben (Joh. 19,30). Nur Einer konnte so von dem sprechen, was Er getan hatte, und auf solche Weise seinen Geist übergeben, und dieser Eine war es, der sagte: «Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen.»

Und es ist sicher der Besitz dieses Rechts, das der Hirte als der Sohn Gottes für sich beanspruchte, was den Wert der Hingabe seines Lebens im Gehorsam zum Gebot des Vaters noch so unermesslich erhöht. Das Geschöpf als solches konnte selbstverständlich nie das Recht haben, zu wählen, den Willen seines Schöpfers zu tun, ohne die Strafe für Ungehorsam auf sich zu ziehen. Wenn der Mensch Gott gehorcht, tut er nicht mehr als seine Pflicht und ist dabei nichts mehr als ein unnützer Knecht (Luk. 17,10). Der Sohn aber, der Gott gleich ist, konnte seine eigene Zustimmung zum Willen und zur Absicht Gottes ankündigen, indem Er sagte: «Siehe, ich komme, ... um deinen Willen, o Gott, zu tun» (Hebr. 10,7).

Im Gegensatz zu einem Geschöpf war es das Vorrecht von Gott, dem Sohn, seine Zustimmung zum ewigen Ratschluss zum Ausdruck zu bringen. Ein Knecht konnte nicht durch angeborenes Recht etwas anderes wählen, als dem Willen seines Herrn unterwürfig zu sein. Aber es war der Wille des Herrn der Herren, der Knecht Gottes zu werden und sich so tief zu erniedrigen, dass Er selbst sein Leben hingab. Das macht den unermesslichen Wert und die Annehmlichkeit dieser unvergleichlichen Tat des Guten Hirten aus, der Gottes Sohn ist.

Wir hören in diesem Evangelium noch von einem andern, der davon sprach, sein Leben zu lassen. Im Übereifer seiner feurigen Natur und erfüllt von Begeisterung für seinen geliebten Meister, erklärte Simon Petrus in der Nacht, als Dieser verraten wurde: «Mein Leben will ich für dich lassen» (Joh. 13,37). Der Sohn Jonas verstand damals nicht, dass nicht sein übereiltes Versprechen, sondern das Gegenteil der Fall sein würde, in Erfüllung von Johannes 10,11-18. Petrus glaubte auch nicht, was der Herr ihm sogleich von der mangelnden Standhaftigkeit seines Herzens sagte, noch dass er in kaum einer Stunde mit Verwünschungen und Flüchen leugnen würde, seinen gnädigen Meister auch nur zu kennen, obwohl er kurz zuvor erklärt hatte, Ihm ins Gefängnis und in den Tod folgen zu wollen. Doch es erwies sich, dass solch eine Schande und einen solchen Tod auszuhalten, zuviel war für einen, der auf seine eigene Kraft vertraute, und dass er noch nicht dazu taugte, auch nur ein Unterhirte für die Schafe zu sein.

Und doch, obwohl Petrus so schändlich fiel, anerkannte der Herr den aufrichtigen Wunsch seines Jüngers und Apostels. Und nach seiner Wiederherstellung wurde er vom auferstandenen Herrn berufen, Ihm zu folgen, Seine Schafe zu weiden, und es wurde ihm zugesichert, dass er zu gegebener Zeit Gott durch den Tod verherrlichen werde (Joh. 21,18.19).

6. Das Teil und die Sicherheit der Schafe

«Es war aber das Fest der Tempelweihe in Jerusalem; und es war Winter. Und Jesus wandelte im Tempel, in der Säulenhalle Salomons. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Bis wann hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus. Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich in dem Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir; aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen, wie ich euch gesagt habe. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist grösser als alles, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. Ich und der Vater sind eins» (Joh. 10,22-30).

In diesem Abschnitt finden wir eine An Zusammenfassung gewisser Wahrheiten, die kennzeichnend sind für die Schafe Christi, deren Glaube an Ihn in krassem Gegensatz zum Unglauben der Juden stand. Durch ihre Frage und mit ihren Andeutungen, Er gebrauche Ausflüchte, zeigten die Juden ihre gänzliche Gleichgültigkeit und Blindheit gegenüber allem, was der Herr vorher gesagt und getan hatte. Sie fragten: «Bis wann hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus.»

In seiner Antwort beschuldigt der Herr sie ihrer ausdrücklichen Verwerfung sowohl seiner Worte als auch seiner Werke, wie die Kapitel 8 und 9 dieses Evangeliums in Einzelheiten zeigen. Der Herr Jesus hatte den Juden gesagt, wer Er war, aber sie glaubten Ihm nicht. Seine Werke bestätigten sein mündliches Zeugnis vielfältig, aber sie glaubten beidem nicht; und ihre Herzensverhärtung war der klare Beweis, dass sie nicht zu seinen Schafen gehörten. Die Art der Frage, die sie Ihm gerade zu diesem Zeitpunkt seines Dienstes stellten, zeigte völlig ihren geistlichen Zustand und ihren fleischlichen Hass.

Nachdem der Herr die Juden von ihrer feindlichen Haltung Ihm gegenüber überführt hatte, wandte Er sich in seiner Rede von den Ungläubigen weg den Gläubigen zu und nannte bestimmte Merkmale der Beziehung, in der die Schafe zu Ihm und zum Vater standen. Diese Aussagen können wie folgt zusammengefasst werden:

  • Die Schafe hören die Stimme des Hirten
  • Der Hirte kennt die Schafe
  • Die Schafe folgen dem Hirten
  • Der Hirte gibt den Schafen ewiges Leben
  • Die Schafe werden nicht verloren gehen
  • Niemand wird die Schafe aus der Hand des Hirten rauben
  • Der Vater gab die Schafe dem Hirten
  • Niemand wird die Schafe aus der Hand des Vaters rauben

Diese Worte des Herrn umfassen so viel in ihrer Bedeutung, dass es sich für alle, die sie im Herzen bewahren, lohnt, darüber nachzusinnen. Die wichtigen Themen seiner Aussagen sind in den acht obigen Sätzen aufgezählt, und sie sind und bleiben wahr von den Schafen, von denen der Herr Jesus gleichzeitig der Besitzer, der Hirte und der Beschützer ist.

1. Der Ruf

Die Schafe waren jene unter den Juden, die die Stimme des Guten Hirten gehört hatten. Er hatte Israel im Geist der einstigen Propheten zugerufen: «Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht» (Ps. 95,7.8), aber die Masse des Volkes wollte nicht auf den Ruf hören, und deshalb wurden ihre törichten Herzen verfinstert. Es gab aber immerhin einige, die die Stimme des Sohnes Gottes hörten, und die sie gehört hatten, lebten (Joh. 5,25).

Doch diese Wahrheit drückt mehr aus als die Tatsache eines einstigen Hörens. Es heisst nicht: «Meine Schafe hörten meine Stimme», sondern: «Meine Schafe hören meine Stimme.» Es ist ein gegenwärtiges Hören, eine Gewohnheit des Hörens, ein fortwährendes Hören. Die Schafe Christi haben die Fähigkeit, sich auf die himmlischen Schallwellen einzustellen, die sonst mitten im Lärm der Welt und «dem Geschrei im Lager» unhörbar sind. Die zarte Stimme des grossen Hirten, der aus den Toten wiedergebracht wurde, flüstert andauernd zu und in uns seine Worte der Zusicherung und Führung. Wie der Hirte nie stumm sein wird, möchten seine Schafe nie taub sein.

2. Göttliche Kenntnis

Der Herr sagt von den Schafen: «Ich kenne sie.» Das ist die Kenntnis der ganz persönlichen, innigen Beziehung, und davon hatte Er vorher gesprochen: «Ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne» (V. 14,15).

Zu den Ungläubigen aber wird der Herr - wie zu den törichten Jungfrauen - sagen: «Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht» (Matth. 25,12). Und auch vielen, die durch seinen Namen geweissagt und Dämonen ausgetrieben und viele Wunderwerke getan haben, wird Er bezeugen: «Ich habe euch niemals gekannt; weichet von mir, ihr Übeltäter!» (Matth. 7,22.23).

3. Wege des Gehorsams

Zudem ist es so, dass die, welche die Stimme des Hirten hören, Ihm folgen, wie Er es vorher sagte, obwohl bei jener Gelegenheit in einem engeren Sinn als hier. «Meine Schafe ... folgen mir.» Das war beim reichen Jüngling nicht der Fall, der den Herrn besorgt fragte, wodurch er ewiges Leben ererben könne. Obwohl er gegen aussen rechtschaffen und im Innern aufrichtig war, versagte er völlig, der Forderung des Meisters nachzukommen: «Gehe hin, verkaufe was irgend du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach, das Kreuz aufnehmend» (Mark. 10,21).

Was auch immer dieser junge Oberste an Vorzügen besitzen mochte, so fehlte ihm zweifellos die Bereitwilligkeit, sich vorbehaltlos unter die Führung des Herrn Jesus zu stellen, was das entscheidende Merkmal der Schafe Christi ist. Er ging betrübt hinweg. Er sah sich nicht, wie die Jünger, genötigt, alles zu verlassen und dem armen, bescheidenen und verachteten Nazarener zu folgen. Es ist daher klar, dass dieser junge Mann die Stimme des Hirten nicht hörte, sonst wäre er Ihm nachgefolgt. Für ihn war der Pfad offensichtlich dunkel, trübselig und darum abschreckend, was er tatsächlich auch für alle sein muss, die das Licht des Lebens nicht haben, das auf jeden scheint, der dem Guten Hirten, der das Licht der Welt ist, nachfolgt (Joh. 8,12).

4. Die Zusicherung des ewigen Lebens

«Ich gebe ihnen ewiges Leben»: Der Gute Hirte, der sein Leben für die Schafe liess, gibt den gleichen Schafen ewiges Leben. Er war gekommen, damit sie Leben hätten, und damit sie es im Überfluss haben sollten; denn es ist der Wille des Vaters, der Ihn sandte, dass jeder, der den Sohn sieht und an Ihn glaubt, ewiges Leben habe (Joh. 6,40). Und der Sohn empfing Gewalt über alles Fleisch, damit Er allen, die der Vater Ihm gegeben hatte, ewiges Leben gebe (17,2). Noch weitere Stellen in diesem Evangelium zeigen, dass die Gabe des ewigen Lebens die Folge des Glaubens an Gott und an Christus ist (3,15.16.36; 5,24; 6,47.54). Aber in dieser Aussage des Guten Hirten wird jede Erwähnung von Glauben weggelassen, damit sich unser Blick auf das ewige Leben konzentriere, das die unbezahlbare Gabe ist, die uns durch göttliche Liebe und Güte geschenkt wurde.

Während der Besitz des ewigen Lebens vielfältige und gesegnete Wirkungen hat, bildet das Leben selbst die wichtige Grundlage der innigen Beziehungen der Kinder Gottes. Es ist töricht und nutzlos und führt höchstens zu gefährlichen Spekulationen, wenn man auf irgendeine An versucht, dieses wertvolle Geschenk zu analysieren. Die zarten Worte, die sich damit befassen und es zum Ausdruck bringen, vermeiden und vereiteln den Versuch, es aus Neugierde erklären und definieren zu wollen. Die ungelösten Geheimnisse des natürlichen Lebens sollten sogar eine genügende Warnung an solche sein, die in das eindringen wollen, was in Bezug auf das geistliche Leben nicht offenbart ist. Es sollte nicht vergessen werden, dass es zum Verderben führt, wenn man über die Schrift hinausgeht, so wie Unkenntnis derselben zu Schwäche führt. Kein einziges inspiriertes Wort über dieses ewige Leben oder über irgendein anderes Thema kann ohne Verlust übersehen werden, noch kann ohne ernste Gefahr ein Wort hinzugefügt oder entstellt werden.

5. und 6. Die Sicherheit der Schafe

Weiter sagte der Hirt: «Sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.» Dieses Versprechen der Sicherheit trägt einen zweifachen Charakter. Es enthält eine Zusicherung Christi für die Schafe gegen die Gefahren des Verderbens und der Zerstreuung, gegen inneren Verfall und äussere Feinde, gegen ihre eigenen, keineswegs harmlosen Schwachheiten, wie auch gegen die räuberische Gewalt des Feindes. Wahrlich: «Der Name des Herrn ist ein starker Turm; der Gerechte läuft dahin und ist in Sicherheit» (Spr. 18,10).

Und dieses uneingeschränkte Versprechen unseres Herrn ist, wie sein Name, ein unbezwingbarer Zufluchtsort, wohin der ängstlichste Gläubige eilen und dort vollkommene Sicherheit finden darf. Denn hier verpflichten sich der Gute Hirte selbst und die Ehre seines herrlichen Namens, dass auch das Allerschwächste der Herde nie auf irgendeine Weise verloren gehen wird. Als der Herr sich nachher betreffs der Zwölfe an seinen Vater wandte, Sagte Er: «Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast; und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ist verloren gegangen - als nur der Sohn des Verderbens» (Joh. 17,12).

Es ist überdies auffallend, dass in diesen zusichernden Worten der Ort der Sicherheit für den Gläubigen nicht durch einen irdischen Schafhof versinnbildlicht wird, wie das in alttestamentlichen Prophezeiungen der Fall war, sondern durch das eindrucksvolle Bild der Hand des Guten Hirten. (Vgl. Jes. 65,10; Jer. 23,3; Hes. 34,14; Micha 2,12). Da, im Schatten seiner Hand, sind die Schafe vor jedem Feind sicher verborgen (vgl. Jes. 49,2; 51,16). Diese Hand von unsichtbarer Macht (die das Volk Israel aus der eisernen Knechtschaft Ägyptens befreite, es durch die Wüste bewahrte und verteidigte und in das verheissene Land brachte), die Hand des Herrn wird die zarten und schwachen Schafe umgeben und sie vor den Angriffen ihres grossen Feindes beschützen. Obwohl der Wolf die Herde bedroht, um zu stehlen, zu töten und zu verderben, wird der Gute Hirte «die Herde seiner Hand» auf jene grünen Auen führen, wo die Schafe friedlich an stillen Wassern weiden können (Ps. 95,7; 23,2).

7. und 8. Die Obhut des Vaters

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Letzte Änderung am 10.07.2010.