Offb. 2 und 3: Der Überwinder und sein Lohn
Halte fest Jahrgang 1992 - Seite: 30 - Verfasser: W. Runkel
Einleitung
Im ersten Kapitel der Offenbarung wird eine Einteilung des Buches in drei Hauptabschnitte gegeben: «Was du gesehen hast, und was ist, und was nach diesem geschehen wird» (V. 19). Diese Einteilung umfasst in der prophetischen Sicht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
- «Was du gesehen hast» nimmt Bezug auf Kapitel 1, auf die Vision des Apostels Johannes auf der Insel Patmos. Er sah dort den Herrn Jesus in seinem Charakter als Richter.
- «Was ist» finden wir in Kapitel 2 und 3. Das ist die Zeit der Versammlung als Leuchter auf der Erde.
- «Was nach diesem geschehen wird» ist eine Beschreibung der zukünftigen Gerichte. Sie beginnt ab Kapitel 4. Das Buch endet mit einer Darstellung der himmlischen Stadt Jerusalem, sowohl in ihrem ewigen Zustand als auch in ihrer Beziehung zur Erde während des zukünftigen Tausendjährigen Reiches.
Der Herr Jesus wird in diesen Kapiteln nicht als Haupt seines Leibes vorgestellt, der die Versammlung «nährt und pflegt». Vielmehr steht Er hier urteilend, warnend und richtend vor den Versammlungen. Dementsprechend wird auch die Versammlung hier nicht in ihrer himmlischen Stellung gesehen, sondern als ein Leuchter, der sich für eine begrenzte Zeit auf der Erde befindet. Nach 1.Timotheus 3,15 ist sie der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit und deshalb berufen, von dieser Wahrheit zu zeugen. Auch sollte sie praktisch ein Brief Christi sein, gekannt und gelesen von allen Menschen (2.Kor. 3,2). Der Hauptgedanke in diesen Kapiteln ist deshalb nicht Segen und Vorrechte, sondern Verantwortung. Der Herr selbst, der «Augen wie eine Feuerflamme hat», beurteilt ihr Verhalten und ihren Zustand (Offb. 1,14). Das, was nicht in Übereinstimmung ist mit ihrer hohen Berufung, nämlich Licht über Gott und den Herrn Jesus zu verbreiten, muss Er tadeln und schliesslich richten. Der Gedanke, dass «das Gericht am Haus Gottes anfängt», ist sehr ernst und wird in den Sendschreiben deutlich unterstrichen. Das Gericht über die Versammlung als verantwortliches Zeugnis beeinflusst aber die ewige Errettung und Sicherheit des einzelnen Gläubigen in keiner Weise.
Wir sollten beim Lesen von Kapitel 2 und 3 der Offenbarung daran denken, dass man sie auf verschiedene Weise betrachten kann.
Die in diesen Kapiteln erwähnten sieben Versammlungen bestanden damals tatsächlich. Sie wurden in den an sie gerichteten Briefen auf ihren Zustand aufmerksam gemacht und ernstlich gewarnt. Diese Warnungen sind auch auf uns anwendbar, sei es als örtliche Versammlung oder als einzelne Gläubige. «Was der Geist den Versammlungen sagt», hat auch Gültigkeit für die jetzige Zeit bis zum Kommen des Herrn.
Der Heilige Geist benutzte diese sieben Versammlungen aber auch - und damit kommen wir zur zweiten Art der Betrachtung -, um uns von Ephesus (der ersten Versammlung) bis Laodizea (der letzten Versammlung) ein prophetisches Bild von der Zeit der Versammlung auf der Erde zu zeichnen. In diesem Sinn ist das «Buch», das von den Briefen an die sieben Versammlungen gebildet wird, ein Abriss der Geschichte der Versammlung unter Verantwortung, beginnend mit ihrem Verfall. Der Charakter der Offenbarung tritt dadurch klar hervor: Es ist ein Buch der Weissagung. Wir tun aber gut daran, uns immer wieder an den eigentlichen Zweck der Weissagung (Prophetie) zu erinnern: Sie enthüllt nicht nur zukünftige Dinge, sondern möchte in erster Linie Eingang in unsere Herzen und Gewissen finden. Nur so werden wir beim Lesen und Nachdenken einen inneren Gewinn haben.
Der Überwinder
Der Überwinder wird am Ende jedes Briefes erwähnt. In den ersten drei Schreiben richtet sich der Ruf zum Überwinden noch an die ganze Versammlung, in den letzten vier an einen Überrest. Es ist jedoch ein persönlicher Ruf. Wenn nämlich die Versammlung als Ganzes versagt und trotz der Warnung des Herrn keine Busse tun will, dann wird der einzelne zum Hören aufgerufen, und zwar soll er auf sein Wort hören, auf nichts anderes. «Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt.» Das Ohr ist viel wichtiger als der Mund. Im letzten Schreiben, dem an Laodicäa, werden wir finden, dass man kaum noch hören will. «Ich bin reich und bedarf nichts», sagt man dort. Erinnern wir uns bei dieser Gelegenheit daran, wie entscheidend für uns als Gläubige das Hören ist. Es steht immer am Anfang «aller guten Werke» und ist das beste Heilmittel gegen alles «Falsche».
Durch das Hören wird man fähig, das Abweichen zu erkennen und zu beurteilen. Im Herzen des treuen Gläubigen reift dann der Wunsch, das erkannte Böse zu überwinden. Und zwar geht es hier - beachten wir es wohl - um Böses innerhalb des Hauses Gottes. Dementsprechend ist auch das Überwinden nicht so sehr ein Überwinden der Welt (1.Joh. 5,5), sondern mehr ein Überwinden von Zuständen innerhalb der Versammlung. Der Überwinder wird sozusagen zu einem Menschen, der «gegen den Strom schwimmt». In Smyrna und Philadelphia, wo der Herr nichts zu tadeln hat, trägt das Überwinden mehr den Charakter von «treu sein» und «festhalten».
Zur Stärkung und Ermunterung verheisst der Herr dem treuen Überwinder einen Lohn. Er empfängt ihn zwar erst im Himmel, aber alle, die überwinden möchten, können sich jetzt schon daran erfreuen und ihn zum Teil geniessen.
Es ist der Mühe wert, über den Charakter dieses Lohns zu sinnen. Keiner von uns wird sich beim Betrachten der Sendschreiben dem Ernst dieser Mitteilungen entziehen können, aber die in Aussicht gestellte Belohnung gibt Trost und Ermunterung für ein Herz, das den Herrn liebt.
Der Lohn des Überwinders:
In Ephesus
«Dem, der überwindet, dem werde ich zu essen geben von dem Baume des Lebens, welcher in dem Paradiese Gottes ist» (Offb. 2,7).
In dieser Versammlung war äusserlich alles noch in Ordnung. Aber der Herr, der «Herz und Nieren erforscht», sah tiefer: Sie hatten ihre «erste Liebe» verlassen, und das war die eigentliche Ursache des Rückgangs in Ephesus und damit auch der Beginn der Abwärtsentwicklung in der Geschichte der Versammlung. Was nützen die guten Werke und emsige Tätigkeit, wenn nicht die Liebe der wahre Beweggrund ist? Die Klage des Herrn: «Ich habe wider dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast», hinterlässt auch in unseren Herzen einen tiefen Eindruck. Der Herr will nicht in erster Linie unsere Pflichterfüllung und unseren Dienst - obwohl dieser sehr nötig ist -, sondern uns selbst, unser Herz. Er, der die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, wartet auf eine Erwiderung dieser Liebe. «Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte» (Luk. 17,10). Liebe will mehr tun als nur das Befohlene. Und wenn wir keine Liebe haben, so werden wir zu «schallenden Zimbeln und tönenden Erzen».
Für den Überwinder in Ephesus gibt es einen reichen Lohn: Er darf nach Belieben essen von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist. Das lässt uns an den Baum des Lebens denken, der einst in der Mitte des Gartens Eden stand.
Das Wort «Paradies» ist orientalischer Herkunft und bedeutet soviel wie «Garten der Wonne». Es kommt dreimal im Neuen Testament vor und dreimal in ähnlichem Sinn im Alten Testament: Lukas 23,43; 2.Korinther 12,4; Offenbarung 2,7; Nehemia 2,8 (königlicher Forst); Prediger 2,5 (Garten); Hohelied 4,13 (Lustgarten).
Im Garten Eden (den man auch «Paradies des Menschen» nennt, obwohl das Wort Paradies hier nicht vorkommt) lebte der Mensch in Unschuld. Dieses Leben war allerdings von seinem Gehorsam abhängig. Leider übertrat er eines Tages das Gebot, nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen, und ging damit des Lebens in Unschuld verlustig. Danach musste Gott ihm auch verwehren, vom Baum des Lebens zu essen, wozu er in seinem ersten Zustand völlig frei gewesen wäre. Wir lesen nicht, dass Gott ihm das verboten hätte. Im Paradies Gottes finden wir nicht mehr den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, das Symbol der Verantwortung, sondern nur noch den Baum des Lebens, Ihn selbst, der neues Leben gibt, das vom Bösen nicht angetastet werden kann.
So war der Garten Eden nur ein Schatten vom Paradies Gottes, wo der Überwinder von der Frucht des Baumes des Lebens essen darf. Der Herr Jesus war auf der Erde «der Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit» (Psalm 1,3). Liebe, Güte und Freundlichkeit sind ein Teil dieser Frucht, die Er zu «seiner Zeit brachte». Im Paradies Gottes wird einst der Überwinder die ganze Fülle der Frucht geniessen und sich sättigen.
In Smyrna
«Wer überwindet, wird nicht beschädigt werden von dem zweiten Tode» (Offb. 2,11).
Kirchengeschichtlich spricht Smyrna von der ungefähr zweihundert Jahre dauernden Christenverfolgung unter den damaligen römischen Herrschern. Die Gläubigen dieser Versammlung werden ermuntert, in den über sie kommenden Drangsalen auszuharren. Sie sollten eine bestimmte Zeitlang geprüft werden und treu bis zum Tod sein. Der Herr verspricht diesen Märtyrern die Krone des Lebens und stellt dem Überwinder in Aussicht, nicht vom zweiten Tod beschädigt zu werden.
Man könnte fragen: Ist diese Aufforderung zum Überwinden für uns noch anwendbar, da wir doch heute nicht mehr durch solche Drangsale gehen wie die Gläubigen in Smyrna? Wir glauben ja, denn die Quellen der Feindschaft und des Widerstandes gegen die wahren Christen sind auch heute vorhanden. Sie offenbaren sich nur in einem anderen Charakter. Die Verfolgung in Smyrna kam von zwei Seiten: von der «Synagoge des Satans» (religiöse Macht) und vom Teufel (der brüllende Löwe, wirksam in weltlichen Herrschern). Was hatten die bedrängten Gläubigen dieser Versammlung dem entgegenzusetzen? Geduld, Treue und Sanftmut. Das war ihre Waffe gegen den Feind. Wie werden diese Märtyrer die besondere Nähe ihres Herrn erfahren haben, sein besonderes Mitfühlen, wie es in den Worten zum Ausdruck kommt: «Dieses sagt ..., der starb und wieder lebendig wurde» (Kap. 2,8)! Der Lohn wird die Krone des Lebens sein und die Zusage, nicht vom zweiten Tod beschädigt zu werden. Ein Märtyrer kann durch den Verlust seines irdischen Lebens die Trennung von Seele und Leib erfahren, aber das ewige Leben bleibt davon unberührt. Und der zweite Tod, die am Ort der Qual vollzogene Trennung von Gott, wird ihn nie erreichen (Kap. 20,14.15).
Die Geschichte dieser Versammlung zeigt uns, dass die eigentliche Kraft in der Versammlung nicht in der Erkenntnis der höchsten Wahrheiten besteht (siehe Ephesus), sondern in der Offenbarung des Lebens Jesu in den Gläubigen. Das Leben des Herrn Jesus war geprägt von Treue und Hingabe bis in den Tod. Seine Sanftmut und sein stilles Dulden in den schwersten Leiden sind beispiellos, und Er hat in diesen Leiden das Böse mit dem Guten überwunden. Wollen wir nicht in diesem Sinn in unserem beschränkten Mass Überwinder von Smyrna werden?
In Pergamus
«Dem, der überwindet, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben; und ich werde ihm einen weissen Stein geben, und auf den Stein einen neuen Namen geschrieben, welchen niemand kennt, als wer ihn empfängt» (Offb. 2,17).
Nach vielen Jahren grausamster Verfolgung der Christen setzte Gott diesem Treiben ein Ende. Der Herr hatte das Ende dieser Zeit bestimmt, indem Er sagte: «Ihr werdet Drangsal haben zehn Tage.» Im Jahre 313 anerkannte der römische Kaiser Konstantin das Christentum und stellte die Christen unter den Schutz der Obrigkeit. Satan, der bis dahin als brüllender Löwe tätig war, änderte seine Taktik und kam nun als ein Engel des Lichts. Falsche und zersetzende Lehren (Lehre Bileams und der Nikolaiten) fanden schnell Eingang in die Versammlung. Mehr denn je war nun das Überwinden nötig, und der Überwinder dieses traurigen Zustandes sollte einen dreifachen Lohn erhalten.
Das Manna war die Speise des Volkes Israel in der Wüste und ist ein schönes Vorbild auf den Herrn Jesus, der sich selbst als das lebendige Brot bezeichnet hat. Wenn die Gefahr der Verweltlichung droht, stärkt der persönliche Genuss an dem, wie Christus in Heiligkeit gelebt hat, in ganz besonderer Weise unseren Glauben. Das Beschäftigtsein mit dem Herrn Jesus bewirkt Treue und Hingabe, und das wird im Himmel durch den ungetrübten Genuss des einst erniedrigten und jetzt erhöhten Sohnes des Menschen belohnt werden. Was bedeutet hier aber das «verborgene Manna»? 2.Mose 16 gibt uns die Antwort. Wir lesen dort, dass von dem Manna etwas in einem Krug aufbewahrt werden sollte, und zwar in einem goldenen Krug (Hebr. 9,4). So war dieses Manna den Augen des Volkes entzogen; im Verborgenen des Heiligtums konnte nur das Auge Gottes es sehen. Dieses Bild spricht davon, dass Gott allein die tiefsten Geheimnisse des Lebens Jesu kennt, eines Lebens, das durch Erniedrigung gekennzeichnet war. Wir finden selbst in den Evangelien nicht alle Einzelheiten dieses Lebens, denn «wenn diese einzeln niedergeschrieben würden, so würde, denke ich, selbst die Welt die geschriebenen Bücher nicht fassen» (Joh. 21,25). Es wird für den Überwinder eine tiefe Freude sein, den Wandel und das Leben Jesu besser zu verstehen. So wie es daneben eine gemeinsame Freude im Himmel gibt, ist diese jedoch ganz persönlich. Sie gleicht einem Geheimnis in der Beziehung des einzelnen zum Herrn Jesus. Dieser Gedanke wird bestärkt durch den Empfang des weissen Steins mit dem neuen Namen.
Der weisse Stein hatte im Altertum eine besondere Bedeutung. Man zeichnete damit einen Gast aus als Zeichen besonderer Wertschätzung und benutzte ihn auch bei Gerichtsverhandlungen, um einen Freispruch kundzutun. Er spricht also von Anerkennung und Zustimmung durch den Herrn. Auf dem weissen Stein findet der Überwinder einen neuen Namen: Christus offenbart sich dem Überwinder auf eine neue Weise, zu seinem alleinigen und ganz persönlichen Glück.
Der Apostel Johannes, der Schreiber dieses Buches, schrieb in seinem ersten Brief: «Dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube» (Kap. 5,4). Es ist sehr demütigend, dass in Pergamus ein Überwinden der Welt und ihrer Grundsätze in der Versammlung nötig wurde. Lasst uns deshalb als Überwinder auf Jesus, den Sohn Gottes, schauen, der am Kreuz den Sieg über die Welt errungen hat. «Ich habe die Welt überwunden» (Joh. 16,33).
In Thyatira
«Wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem werde ich Gewalt über die Nationen geben ... und ich werde ihm den Morgenstern geben» (Offb. 2,26-28).
Dieser Lohn wird dem Überwinder in Thyatira zugesagt. Das Verhalten dieser Versammlung ist so traurig, dass man sich unwillkürlich fragt, wie Gott dem zusehen konnte. Nun, Gottes Langmut ist gross, denn schliesslich währte dieser Zustand kirchengeschichtlich gesehen fast tausend Jahre. «Und ich gab ihr Zeit, auf dass sie Busse täte, und sie will nicht Busse tun von ihrer Hurerei», so musste der Herr klagen. Moralisch spricht Hurerei von falscher Zuneigung, von Götzendienst und falscher Verehrung. Das Böse wurde hier nicht nur ausgeübt, sondern sogar geduldet, und das führte schliesslich zur weiteren Verweltlichung, ja, sogar zu einem Beherrschen der weltlichen Mächte. Kann es etwas Traurigeres geben, als in einer Welt, die unseren Herrn ans Kreuz geschlagen hat, nach Macht und Ansehen zu streben? Dem Überwinder in Thyatira wird deshalb gleichsam zugerufen: Die Zeit des Herrschens ist noch nicht gekommen, vielmehr ist jetzt noch Verachtung und Leiden dein Teil. Die Zeit wird jedoch kommen, wo der treue Überwinder in der glückseligen Zeit des zukünftigen Friedensreiches mit dem Herrn herrschen wird. «Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen» (2.Tim. 2,12).
Der Morgenstern spricht vom Kommen des Herrn Jesus für die Seinen. Er ist der Vorbote des Tages des Herrn. Bevor über die verderbte Christenheit das Gericht hereinbrechen wird und der Herr Jesus im Anschluss daran als die Sonne der Gerechtigkeit für Israel erscheint, wird Er seine Versammlung zu sich nehmen. Diese herrliche Aussieht stärkt das Herz des Überwinders und hilft ihm, gegen den Strom zu schwimmen. Der Lohn dafür liegt droben bereit.
Der Morgenstern wird im Neuen Testament dreimal erwähnt: in 2.Petrus 1,19 befindet er sich im Herzen des Gläubigen. In der dunklen Nacht der Verwerfung unseres Herrn tragen wir diese Hoffnung seines Wiederkommens im Herzen, unsichtbar für diese Welt. Der zukünftige Tag des Herrn ist für den Glauben eine Realität, während die Welt in tiefem geistlichem Schlaf liegt.
In unserer Stelle hier in der Offenbarung ist der Morgenstern gewissermassen im Himmel. Das Auge des Glaubens sieht Ihn dort zur Rechten des Vaters, wartend auf den Augenblick, wo Er aufbrechen wird, um seine Versammlung zu sich in die Herrlichkeit zu holen.
In Offenbarung 22,16 finden wir die letzte Erwähnung des Morgensterns. Dort ist Er der glänzende Morgenstern. Wenn wir heute schon etwas von diesem Glanz wahrnehmen, d.h. von seiner erhabenen Herrlichkeit, können wir nicht anders, als in den Ruf des Geistes einzustimmen: «Komm!» «Und der Geist und die Braut sagen: Komm!» Der Gedanke an das Kommen Jesu ist eine der mächtigsten Triebfedern zum geduldigen und beharrlichen Überwinden.
In Sardes
«Wer überwindet, der wird mit weissen Kleidern bekleidet werden, und ich werde seinen Namen nicht auslöschen aus dem Buche des Lebens und werde seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln» (Offb. 3,5).
Der Herr prüft die Versammlung in Sardes und stellt dabei fest, dass es solche dort gibt, die sich als Christen ausgeben, aber in Wirklichkeit kein Leben aus Gott besitzen: «Du hast den Namen, dass du lebest, und bist tot.» Schrecklicher Irrtum, der heute viele in der bekennenden Christenheit kennzeichnet. In der Zeit der Reformation gab es viele, die dem System von Thyatira den Rücken kehrten. Es war eine Zeit echter Umkehr und Besinnung, aber leider wurden «die Werke von Sardes nicht völlig erfunden». So entwickelte sich aus der Reformation schliesslich der Protestantismus.
Der Lohn für den Überwinder ist ein dreifacher. Zunächst die Kleider. Sie reden sinnbildlich von unserem Verhalten und Wandel. Es gab in Sardes solche, die ihre Kleider nicht besudelt hatten. Es waren «einige wenige», also ein Überrest, der keine Beziehung zu «der Welt der Religion» hatte, sich vielmehr von ihr absonderte. Diesen Wandel in Reinheit wird der Herr öffentlich anerkennen. Welch eine Szene wird das sein, wenn der Herr Jesus dies vor dem Vater und den versammelten Engeln tun wird!
Sein Name soll nicht ausgelöscht werden aus dem Buch des Lebens. Von diesem Buch sagte einmal ein bekannter Ausleger der Schrift: Es ist ein Verzeichnis, das im Himmel geführt wird, aber auf der Erde falsch verwaltet wurde. Alle, die in diesem Buch eingeschrieben bleiben, besitzen eine ewige Sicherheit. Welch ein Trost und eine Zusage für alle, die überwinden möchten, dass man inmitten einer heillosen Verwirrung in der Christenheit wissen darf: Mein Name ist droben eingeschrieben, und man sich der Worte des Herrn erinnern kann: «Freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind» (Luk. 10,20).
Vielleicht sollten wir hier beachten, dass das Buch des Lebens in unserem Abschnitt sich von jenem in Kapitel 13,8 ein wenig unterscheidet. Hier in Kapitel 3,5 ist der vorherrschende Gedanke: Bekenntnis, echt oder unecht. In Kapitel 13 geht es um das Buch des Lebens von Grundlegung der Welt an, also bevor der Mensch unter Verantwortung gestellt wurde. Gott hat in dieses Buch vorausschauend alle wahren Gläubigen eingeschrieben.
In Philadelphia
«Wer überwindet, den werde ich zu einer Säule machen in dem Tempel meines Gottes, und er wird nie mehr hinausgehen; und ich werde auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herniederkommt von meinen; Gott, und meinen neuen Namen» (Offb. 3,12).
Wir erinnern uns: Der Herr Jesus, der Herz und Nieren erforscht, prüft den Zustand der Versammlungen. In Philadelphia fand Er eine Versammlung, die zu keinem Tadel Anlass gab. Sie hatte sein Wort bewahrt und seinen Namen nicht verleugnet. Philadelphia bedeutet «Bruderliebe», und dieser Name kennzeichnet ihren Zustand. Welch ein Gegensatz zu Sardes, wo die grosse Masse der Bekenner von einem Überrest unterschieden werden muss! Hier in Philadelphia ist keine Unterscheidung in zwei Gruppen nötig, hier ist «Einssein» aufgrund der gemeinsamen göttlichen Natur, welche Liebe ist.
Kirchengeschichtlich müssen wir Philadelphia in die Zeit vor ungefähr 150 Jahren einordnen, wo durch das mächtige Wirken des Geistes Gottes eine Wiederbelebung zustande kam, vergleichbar dem «Mitternachtsruf» von Matthäus 25,6. Es gab ein erneutes «Ausgehen» und eine Rückkehr zu den Anfangselementen der Versammlung. Viele längst vergessene Wahrheiten wurden wieder entdeckt, wovon wir heute den Nutzen haben.
Wenn es nun in dieser Versammlung nichts zu tadeln gab, was gab es dann zu überwinden? So könnte man fragen. Nun, hier galt es wohl, Gefahren zu überwinden. Wie leicht kann man das, was man hat, aufgeben und verlieren. Deshalb die Mahnung - und diese gilt heute mehr denn je: «Halte fest, was du hast!»
Dieser Ruf gilt allen, die heute begehren, zu Philadelphia zu gehören. Er gilt jung und alt. Wir erlauben uns aber doch, an dieser Stelle einen Appell an unsere jüngeren Leser zu richten. «Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen», sagt ein bekanntes Sprichwort. Wenn ihr, liebe junge Freunde, wahre Überwinder werden wollt - und das wollt ihr sicher alle -, dann genügt es nicht, nur «mit den Brüdern zu gehen». Philadelphia war auch nicht durch ins Auge springende Werke gekennzeichnet oder durch Kraft. Nein, was das Wohlgefallen des Herrn hervorrief, war die Treue im Bewahren und das unbeirrte Festhalten von vier Dingen: sein Wort, sein Name, sein Ausharren, sein Kommen. Der Herr schenke uns allen in dieser letzten Zeit, wo der Zustand von Philadelphia und Laodizea nebeneinander bestehen, in den genannten vier Stücken treu zu sein. Es wird dafür einen reichen Lohn geben.
Zuerst spricht der Herr von «der Säule im Tempel». Einen materiellen Tempel wird es natürlich im Himmel nicht mehr geben (Offb. 21,22). Wir müssen bei diesem Tempel an ein himmlisches Heiligtum denken, das im Bilde davon redet, einen stets freien Zugang zu Gott zu haben, um seine Gegenwart zu geniessen. Die Erwähnung einer Säule ist sicher eine Anspielung auf den Tempel Salomos. (Lies 1.Könige 7,21.) Wie schön ist dieser Gedanke, dass der schwache Überwinder in Philadelphia nun in der Herrlichkeit durch Kraft gekennzeichnet ist. Er mag hier auf der Erde verachtet und vielleicht «ein Auswurf der Welt» sein. Im Gegensatz dazu hat er jetzt einen Platz, der ihm nie mehr streitig gemacht werden kann: «Er wird nie mehr hinausgehen.»
Drei Namen werden auf den Überwinder geschrieben. Der Name beschreibt das Wesen einer Sache oder Person, und das kann uns helfen, die Bedeutung des Lohns an den Überwinder von Philadelphia zu verstehen.
Christus bringt durch das Schreiben des Namens seines Gottes öffentlich zum Ausdruck, dass sein Gott auch unser Gott ist. Dieses wunderbare Ergebnis seines vollbrachten Werkes hatte Er einst der Maria kundgetan: «Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott.» Das neue Jerusalem ist die verherrlichte Versammlung im Himmel, und der aufgedrückte Name ist das Zeichen, dass der Überwinder zu dieser Stadt gehört und dort ein Bürgerrecht hat. Es gibt jedoch im himmlischen Jerusalem einen wunderbaren Mittelpunkt, und das steht in Verbindung mit dem dritten Namen. Dieser «neue Name» war den Propheten des Alten Testamentes nicht bekannt, weil ihr Blick nicht weiterging als bis zu einem verherrlichten Christus im Reich auf Erden. Der neue Name aber steht in Verbindung mit einer neuen Schöpfung und der ganzen himmlischen Herrlichkeit, die die Antwort Gottes auf das vollbrachte Werk Jesu ist. An dieser Herrlichkeit will uns der Herr Jesus teilnehmen lassen, Er will uns zu «seinen Genossen» machen. Ja, wir werden alles mit Ihm, dem verherrlichten Menschen, teilen, uns ewig mit Ihm freuen.
In Laodizea
«Wer überwindet, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Throne zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater gesetzt habe auf seinen Thron» (Offb. 3,21).
In diesem siebten und letzten Schreiben an die Versammlungen wird ein sehr trauriger Zustand beschrieben. Zeitlich finden wir hier den Endzustand der Versammlung, die ja in diesen Briefen stets unter Verantwortung gesehen wird. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass Philadelphia bis zum Kommen des Herrn daneben bestehen wird. Gott sei gepriesen dafür! Er wird sich wie in allen Zeiten des Niedergangs einen Überrest bewahren. (Anmerkung: Thyatira und Sardes werden ebenfalls bis zu seinem Kommen bestehen.)
So wie die Menschen in dieser Versammlung beschrieben werden, könnte man fragen: Gibt es hier überhaupt Gläubige? Die Antwort finden wir in Vers 19: «Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe.» Dieses System, das einerseits durch Lauheit, anderseits durch Hochmut gekennzeichnet ist, will der Herr bei seinem Kommen aus seinem Mund ausspeien. Aber Er findet auch «im grossen Haus» solche, mit denen Er persönlich Gemeinschaft haben kann: Er will mit ihnen «das Abendbrot essen».
Dem Überwinder dieses Zustands wird versprochen, mit Ihm auf seinem Thron zu sitzen. Hier wird wieder, wie so oft in diesem ganzen Buch, der Gedanke an das kommende Reich erwähnt. Der Herr Jesus hat bis jetzt noch nicht von seinem eigenen Thron Besitz genommen. Er sitzt auf dem Thron des Vaters und wartet auf den Tag, wo Er als der Sohn des Menschen regieren wird. Es wird dann die Zeit kommen, wo Gerechtigkeit und Friede auf der Erde herrschen. Der Lohn des Überwinders wird sein, an seiner Herrschaft teilzuhaben. Sicher ist dieser Lohn im Vergleich zu dem von Philadelphia nicht so reich, er spricht auch nicht so von der vertrauten Nähe zum Herrn. Er ist aber doch eine Auszeichnung für den treuen Überwinder, der die Lauheit und den Hochmut von Laodizea überwunden hat.
Lasst uns die vertraute Nähe und Gemeinschaft mit dem Herrn mehr denn je suchen. Steht Er vor deiner Herzenstür mit der Bitte um Einlass? Er möchte dich vor dem laodizeischen Geist bewahren und wenn nötig davon befreien. Der Herr Jesus hat jeden von uns persönlich bis in den Tod geliebt. Er hat aber auch die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben. Der Gedanke an sein bitteres Leiden auf dem Kreuz sollte unsere Herzen für sein liebendes Rufen und Klopfen an die Tür des Herzens öffnen. In Ephesus musste Er klagen: «Du hast deine erste Liebe verlassen.» In Laodizea hören wir das zu Herzen gehende Wort: «So viele ich liebe.»
So hat der Geist Gottes die Botschaften an die einzelnen Versammlungen aufbewahrt zum Nutzen der ganzen Versammlung für ihre Zeit auf der Erde. Sie sind nicht nur zu unserer Warnung, sondern auch zu unserer Ermunterung geschrieben. Bald wird der Morgenstern zu unserer Aufnahme in die himmlische Herrlichkeit erscheinen. Wir werden dann für immer bei Dem sein, der alles verkauft hat, um die eine, sehr kostbare Perle zu besitzen: bei Ihm, den unsere Seele liebt.
Ja, geliebter Herr, dein treues Herz kann uns nicht lassen. Möge deine unergründliche Liebe auch unser Herz berühren. Wir möchten dadurch lernen zu überwinden, wie Du einst überwunden hast.