Halte Fest
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Röm. 8,1-39: Das volle Heil in Christus Jesus

Halte fest Jahrgang 1962 - Seite: 97

(Gedanken aus gemeinsamen Wortbetrachtungen über Römer 8)

Der Römerbrief beschreibt uns, besonders in seinen ersten acht Kapiteln, die Grundwahrheiten des Evangeliums, das volle Heil in Christo Jesu. Er beginnt mit der Schilderung des völlig verderbten Zustandes des Menschen in sittlicher Hinsicht. Sowohl Juden als Griechen - das heisst die Menschen aus den Nationen- sind unter der Sünde, und die ganze Welt ist dem Gericht verfallen.

Ab Kapitel 3,21 wird dann die Erlösung in Christo Jesu beschrieben, und zwar bis Kapitel 5,11 hinsichtlich unserer Sünden, ab Kapitel 5,12 hingegen bezüglich der in uns wohnenden Sünde, der Wurzel, aus der die Sünden hervorkommen.

Kapitel 7 beginnt mit der Feststellung, dass der Gläubige durch den Leib des Christus dem Gesetz getötet, also davon losgemacht ist. Dieses Kapitel zeigt aber auch an einem Beispiel, was daraus entsteht, wenn ein Mensch erweckt wird und neues Leben empfängt, aber weder die Befreiung in Christo Jesu vom Gesetz und von der Macht der Sünde kennt, noch die Kraft und Hilfe des Heiligen Geistes besitzt. Er gerät in tiefe Seelennot, denn er muss feststellen, dass er unter die Sünde verkauft ist (Vers 14). Er nimmt immer wieder einen Anlauf, nur das Gute auszuüben und die Forderungen des Gesetzes zu erfüllen, aber jedes Mal muss er feststellen: «Nicht was ich will, das tue ich, sondern, was ich hasse, das übe ich aus» (Vers 15). Er kommt zu der traurigen Einsicht: «Ich weiss, dass in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt» (Vers 18). - Sobald er aber bei diesem Tiefpunkt angelangt ist und ausruft: «Ich elender Mensch! wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes?» wird es ihm geschenkt, auf Jesus Christus und auf das Heil in Ihm zu blicken. Da endlich erkennt er die Befreiung in Ihm. Sein Danken beweist es; er sagt: «Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn!» Diese Befreiung, die schon in den Kapiteln 5 und 6 behandelt wird und deren herrliche Ergebnisse im 8. Kapitel zusammengefasst werden, ist in Christo Jesu das Teil aller wiedergeborenen Christen, die Seinen Geist besitzen, auch wenn sie es nur schwach erkennen und im praktischen Leben recht mangelhaft verwirklichen. Sie kommt nicht durch eigene Anstrengung zustande, sondern ist einzig und allein die Frucht des Werkes Christi und kann nur durch den Heiligen Geist verwirklicht werden. Sie ist nicht eine Sache des Gefühls; der Glaube stützt sich auf die klaren Belehrungen des Wortes und lebt sie aus.

Der Grund dafür, dass viele Kinder Gottes die Befreiung so wenig kennen und darin wandeln, liegt wohl darin, dass sie noch nicht erfahrungsgemäss zur Erkenntnis der Verderbtheit ihres Fleisches gelangt sind, wie die Seele in Römer 7 oder wie Hiob, der gerechte und gottesfürchtige Mann. Nach vielen schmerzlichen Erfahrungen erst brach bei ihm die eigene Meinung vom «Guten in ihm» völlig zusammen und in tiefer Überzeugung sagte er nun: «Ich verabscheue mich und bereue in Staub und Asche» (Hiob 42,1-6). Gleichzeitig sah er jetzt Gott und Seine Gnade in einem neuen Licht und wollte darüber noch besser belehrt werden. Jede aufrichtige, gläubige Seele, die in ihren tiefen Übungen bei diesem Ergebnis anlangt, ist zubereitet, um zum Herrn aufzublicken und von Ihm durch das Wort Belehrung über das volle Heil und die Befreiung in Ihm zu empfangen.

Die Wahrheit des letzten Verses im 7. Kapitel, dass im Gläubigen, bis zum Ende seines Lebens hienieden, zwei Naturen sind: das «Fleisch» und das neue Leben «im Geiste», ist kein Hindernis für die Verwirklichung der Befreiung; das wird uns im 8. Kapitel gezeigt.

Im 8. Kapitel können wir drei Teile sehen:

  • Gott mit uns (Verse 1-13). Hier wird der Heilige Geist vom Leben, das Gott hervorgebracht hat, nicht unterschieden. Der Zustand der Seele, der daraus resultiert, wird als Ganzes betrachtet und «im Geiste» genannt.
  • Gott in uns (Verse 14-27). Die Gegenwart des Heiligen Geistes als Person in uns. Hier wird Er vom neuen Leben unterschieden.
  • Gott für uns (Verse 28-39). Die Sicherheit, die uns durch diese Tatsache garantiert ist.

Gott mit uns (Verse 1-13)

Der 1. Vers nimmt auf das 5. Kapitel Bezug. Für uns, die «aus Glauben», «durch Christi Blut» gerechtfertigt und durch Seinen Tod «mit Gott versöhnt» worden sind, ist keine Verdammnis mehr. Das ist unsere Stellung. Wir sind in Christo, in Seiner Gerechtigkeit, und stehen vor Gott auf dieser Erde in dem, was Christus bezüglich der Erlösung unserer Seele und unseres Leibes für uns ist und für uns getan hat. Im Epheserbrief dagegen, wo wir die Ausdrücke «in Christo», «im Herrn», «in ihm» so oft finden, werden wir als solche betrachtet, die in dem Werte Seiner Person Gott angenehm gemacht und in Ihm in die himmlischen Segnungen und Örter eingeführt sind.

Der 2. Vers knüpft an die Belehrungen des 6. Kapitels an: Durch den Tod Christi, mit dem wir eins gemacht sind, sind wir der Sünde gestorben. Gleichzeitig haben wir aber auch in Ihm, unserem auferstandenen Herrn, von Gott die Gnadengabe des ewigen Lebens empfangen. Wir sollen uns daher der Sünde für tot halten, Gott aber lebend in Christo Jesu.

Der Ausdruck «Gesetz» hat in diesem Vers den Sinn von: Unabänderlicher Grundsatz, der fortwährend in derselben Weise wirkt. Der «Geist des Lebens» war in Christo Jesu wirksam. Nach vollendetem Werk, als Sieger über Tod und Grab, hat Er auch uns sowohl das Leben, als auch den Geist, die Kraft dieses Lebens, mitgeteilt.

Im 3. Vers werden wir an die im 7. Kapitel beschriebenen Erfahrungen erinnert. Das Gesetz hat nur die Kraftlosigkeit des Menschen in seinem natürlichen Zustand erwiesen. Aber Gott hat das dem Gesetz Unmögliche in uns zustande gebracht: Seinen geliebten Sohn hat Er als Mensch zu uns gesandt in einem Leibe, der unserem Leibe - bei uns ein «Fleisch der Sünde» - gleichgestaltet, jedoch heilig und rein war; denn «Sünde war nicht in ihm». Sein heiliger Leib wurde am Kreuze mit unseren Sünden beladen, und Christus wurde dort für uns «zur Sünde» gemacht. An Ihm, als Er «im Fleische» war, hat Gott das schreckliche Gericht über die Sünde vollzogen. Er hat am Kreuze nicht nur unsere Sünden getragen und dafür gelitten, sondern wurde dort stellvertretend auch wegen unsres sündigen Zustandes, der Wurzel der Sünde in uns, zur Verantwortung gezogen und gerichtet.

Dadurch hat Gott die Möglichkeit geschaffen (Vers 4), dass in uns, den Befreiten, in dem neuen Zustand des Lebens und der Kraft des Geistes, die gerechte Forderung des Gesetzes, welchem das kraftlose Fleisch nicht entsprechen konnte, nun erfüllt wird. Sie gipfelte darin: Gott aus ganzem Herzen lieben und den Nächsten wie sich selbst (Luk. 10,27). Der Gläubige steht, Gott sei Dank!, nicht unter Gesetz; aber das, was es beim Menschen vergeblich gesucht hatte, wird nun bei ihm in dem Masse zu finden sein, als er «nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste wandelt.» Die Frucht des Geistes in uns ist «Liebe...» (Gal. 5,22). «Jeder, der liebt, ist aus Gott geboren» (1.Joh. 4,7).

In den Versen 5-8 werden zwei Gruppen von Personen, die eine im Zustand des Geistes - als «im Geiste» - und die andere im natürlichen Zustand des Fleisches - als «im Fleische» - einander gegenübergestellt. Jede Gruppe hat ihre besondere Gesinnung, ihre Zuneigung. In diesen Versen wird vom Fleisch dreierlei ausgesagt:

  • Die Gesinnung des Fleisches ist der Tod.
  • Die Gesinnung des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott. Das ist vielleicht nicht jedem verständlich. Jemand wird sagen: Ich habe doch Gott noch nie gehasst! Aber wenn du noch «im Fleische» bist und in der Gesinnung des Fleisches wandelst, die dem Gesetz Gottes nicht untertan sein kann, so widerstreitest du doch ständig der Gesinnung des Geistes und dem Wirken Gottes.
  • Die, welche im Fleische sind, vermögen Gott nicht zu gefallen.

Im Gegensatz dazu ist die Gesinnung des Geistes «Leben und Frieden». Der nach dem Geiste wandelnde Gläubige ist in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes und geniesst daher Seinen Frieden.

Der Erlöste ist durch den Glauben an Christus aus dem Zustand des «Fleisches» in den Zustand des «Geistes» versetzt worden (Vers 9); denn Gottes Geist wohnt jetzt in ihm. - Der Heilige Geist erfüllte Christus; Seine Frucht fand im Leben des «Gesalbten» vollkommenen Ausdruck; deshalb wird Er hier «Geist Christi» genannt. Wie bei Christo in Seiner Menschheit, so soll es auch bei den Seinigen sein.

In den Versen 10 und 11 wird der Geist dem Leibe gegenübergestellt. Der Leib des Menschen steht wegen der in ihm wohnenden Sünde unter dem Urteil des Todes und ist noch nicht erlöst. Auch die Gläubigen müssen, wenn der Herr verzieht, durch den Tod gehen. Aber, wie tröstlich! Weil der Geist des Lebens in ihnen wohnt, wird Gott, wie Er es bei Christo getan hat, auch ihre sterblichen Leiber lebendig machen. Das ist, gestützt auf das Heil in Christo, ein Akt der Gerechtigkeit.

Der in uns wohnende Heilige Geist ist das Unterpfand, die Garantie dafür, dass unser Leib der Niedrigkeit verwandelt werden wird zur Gleichförmigkeit mit Seinem Leibe der Herrlichkeit.

Da wir durch das Heil in Christo so völlig aus unserem alten Zustand des Fleisches herausgenommen worden sind, so haben wir keinerlei Verpflichtung mehr gegenüber unserem alten Leben, in welchem wir unter der Sünde geseufzt haben. (Verse 12 und 13). Vielmehr sind wir jetzt schuldig. nach dem Geiste zu wandeln. Gott erwartet von uns, dass wir das Fleisch, das ja «mitgekreuzigt» ist, nicht mehr wirken lassen und eine jede seiner Regungen in der Kraft des Geistes verurteilen und im Keime «töten». Sie dürfen sich nicht zu Handlungen des Leibes ausreifen. Als «Lebende aus den Toten» sollen wir die Glieder unseres Leibes Gott zu Werkzeugen der Gerechtigkeit darstellen. Der Erlöste kann das neue Leben nicht mehr verlieren, er kann nicht mehr «sterben»; aber wenn er nicht wacht und nach dem Fleische lebt, so stellt er sich doch auf den Weg, der zum Tode führt.

Hier sei noch eine wichtige Bemerkung angefügt: Um die so überaus praktische Lehre von der Befreiung im täglichen Leben zu verwirklichen, muss unser Auge auf Jesus in der Herrlichkeit gerichtet und unser Herz von Ihm erfüllt sein, sonst werden wir trotz aller schriftgemässen Belehrung den alten Weg des Fleisches einschlagen.

Gott in uns (Verse 14-27)

Die Leitung des Geistes Gottes im praktischen Leben ist das Kennzeichen der Söhne Gottes (Vers 14), eine wichtige Wahrheit für unseren Wandel, die wir fortwährend und in wachsendem Masse verwirklichen dürfen, je besser wir die Gedanken Gottes kennen.

Wiewohl der Heilige Geist unseren ganzen Menschen erfüllen und regieren will, so ist Er doch nicht ein Geist der Knechtschaft, unter den das Gesetz mit seinen Forderungen die Menschen stellt (Vers 15). Er ist ein Geist der Sohnschaft, durch den wir das innigste und vertrauteste Verhältnis mit Gott als unserem Vater geniessen können. Wie unser Herr Jesus als Mensch zu Ihm sagte: «Abba, Vater!» (Mark. 14,36), so dürfen auch wir es tun! Wie freute es unseren Herrn, den Jüngern nach Seiner Auferstehung sagen zu können: «Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott» (Joh. 20,17)!

Unser eigener, durch Gott erleuchteter Geist hat auf Grund des Wortes erkannt, dass wir Kinder Gottes sind (Vers 16); aber auch der Geist Gottes in uns bezeugt es uns immer wieder. - Echte Kinder sind aber auch Erben. So sind auch wir nicht nur Kinder, sondern auch Erben Gottes und daher Miterben Christi (Vers 17), welchen Gott zum Erben aller Dinge gesetzt hat. Auch hier wieder hat Gott unser Teil mit dem Teil Christi verknüpft, der durch Seinen vollkommenen Gehorsam als Mensch ein volles Anrecht auf dieses alles umfassende Erbe hat. - Aber nicht nur in der Zukunft, wo wir mit Ihm erben und mit Ihm verherrlicht werden, auch jetzt haben wir teil mit Ihm, indem wir mit Ihm unter dem Zustand leiden, in dem die Welt sich noch befindet, und uns mit Ihm nach dem Augenblick sehnen, wo Er persönlich in den Besitz Seines Erbes eingesetzt wird.

Die «Leiden der Jetztzeit» (Vers 18), in denen nicht nur die Leiden mit Christo, sondern auch die Leiden unseres schwachen Leibes und die Leiden für Christus - als Folgen eines treuen Zeugnisses für Ihn - eingeschlossen sein mögen, kommen vielen Kindern Gottes zu Zeiten gross und schier unerträglich vor. Aber selbst der Apostel, der in 2.Kor. 11,23-33 alle Leiden aufzählt, durch die er hindurchgehen musste, kann hier sagen, dass sie nicht wert seien, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Wie unfasslich gross muss also diese Herrlichkeit sein! In unserem Kapitel steht sie mehr in Verbindung mit der Befreiung der Schöpfung - eine ihrer Seiten, an die wir vielleicht zu wenig denken.

Die «Offenbarung der Söhne Gottes» in Herrlichkeit vor der Welt (Verse 19-22) beginnt kurz vor der Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches (2.Thess. 1,7-10) und währt bis an dessen Ende. Sie ist der Auftakt zur Befreiung der Schöpfung, die um der Sünde willen, die durch den ersten Menschen in die Welt gekommen ist (Kap. 5,12-21), der Eitelkeit unterworfen wurde und unter die Knechtschaft des Verderbnisses geraten ist. Die Pflanzen, die Tiere und die Menschen leiden unter dieser Knechtschaft; ihre Krankheiten nehmen überhand und ihre Widerstandskraft nimmt ab; es bedarf immer grösserer Anstrengungen, um sich dagegen zu wehren; die Nöte der Schöpfung werden hier sogar mit Geburtswehen, deren man sich nicht erwehren kann, verglichen.

So wartet denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Gewiss, der unvernünftige Teil der Schöpfung weiss nichts von dieser Hoffnung, auch die unbekehrten Menschen nicht; und selbst wenn diese die Verheissungen des Wortes kennten und glaubten, so begehrten sie nicht nach dieser Offenbarung, die doch ihr Gericht bedeutet. Aber Gott selbst hört den sehnsüchtigen Schrei der Schöpfung nach Befreiung und weiss, dass Er ihm dann entsprechen kann.

Auch wir selbst, die doch zu jenen «Söhnen Gottes» gehören, die in Herrlichkeit offenbart werden, seufzen noch in uns selbst (Vers 23), da unser Leib noch nicht erlöst und daher noch mit dieser seufzenden Schöpfung verbunden ist. Als solche, die die «Erstlinge des Geistes» besitzen, haben wir schon eine innere Befreiung erlebt und erwarten nun noch die Erlösung und Verwandlung unseres Leibes, die unsere Sohnschaft vollkommen machen. Auch in Jakobus 1,18 werden wir «eine gewisse Erstlingsfrucht der Geschöpfe Gottes» genannt; wohl im Gegensatz zu der grossen Ernte am Ende der Tage, wo Gott Seinen Geist ausgiessen wird über alles Fleisch (Joel 2,28). Alles dieses, sowohl die Erlösung unseres Leibes, die beim Kommen unseres Herrn vollendet wird, als auch unser Offenbarwerden als Söhne Gottes und vieles andere, ist noch zukünftig (Verse 24.25). Wir sind in dieser Hoffnung errettet worden. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch drückt das Wort Hoffnung eine ungewisse Erwartung aus. Unsere Hoffnung aber stützt sich auf das Wort und die Treue Gottes. Wir sind daher der Errettung unserer ganzen Person, also auch unseres Leibes, völlig gewiss und warten mit Ausharren.

Die Schwachheit unseres jetzigen Zustandes im Leibe ist so gross, dass wir oft nicht wissen, was wir bitten sollen, wie sich's gebührt (Verse 26.27). Aber - wie tröstlich! - der in uns wohnende Geist nimmt sich unserer Schwachheit an und verwendet sich für uns in unaussprechlichen Seufzern und tut es «Gott gemäss». Gott, der die Herzen erforscht, weiss, was der Sinn des Geistes ist und antwortet nach Seiner Weisheit und Macht. - Ein Bild mag uns dies deutlich machen: Ein Säugling vermag nur unartikulierte Laute von sich zu geben. Aber seine Mutter erkennt daraus seinen Zustand und seine Bedürfnisse; sie weiss, wann er Hunger hat, wann er müde ist, wann er etwas erzwingen will, wann er sich wohlfühlt; sie wird ihm zu dem, was ihm gut ist, verhelfen.

Der Geist also ist uns behilflich, die Handlungen des Leibes zu töten (Vers 13); er leitet die Söhne Gottes hienieden (Vers 14); er zeugt mit unserem Geiste, dass wir Kinder Gottes sind (Vers 16); er hat uns die «Erstlinge des Geistes» gegeben (Vers 23); er ist die Stütze für unsere Schwachheit (Vers 26).

Gott für uns (Verse 28-39)

Dass Gott für uns ist, ist die Garantie für unsere Sicherheit - diese Tatsache haben wir schon festgestellt.

Der Glaube weiss, dass denen, die Gott lieben - der Charakterzug der Kinder Gottes - alle Dinge, die ihnen begegnen, zum Guten mitwirken (Vers 28). Gott ist so sehr für uns, Sein Interesse an uns so gross, dass Er die Umstände eines jeden überwacht und selbst die geringsten Einzelheiten des Weges zur Erreichung Seiner Ziele hinsichtlich unserer Erziehung benützt. Worin besteht das «Gute» oder das «Ziel», das Er mit uns erreichen will? In Hebräer 12,10 wird es mit den Worten umschrieben: «Damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden.» Hier aber wird es mit der wunderbaren Tatsache verbunden, dass wir einst nach Geist, Seele und Leib dem Bilde Seines Sohnes, in der Gestalt des verherrlichten Menschen, gleichförmig sein werden (Vers 29). Dass wir dem Wesen nach jetzt schon nach demselben Bilde, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, verwandelt werden, geht auch aus 2.Korinther 3,18 hervor.

Beachten wir: Es steht hier nicht, wir seien zuvorbestimmt, «seinem Sohne gleichförmig zu sein», sondern dem Bilde Seines Sohnes. Gott wacht eifersüchtig darüber, dass die Vorrangstellung Seines Sohnes gewahrt wird. Aus diesem Grunde wird Er hier «der Erstgeborene unter vielen Brüdern» genannt. Auch in dieser Bezeichnung kommt einerseits die innige Verbundenheit mit uns, anderseits aber auch Seine Vorrangstellung zum Ausdruck. So wird zum Beispiel von Israel gesagt: «Mein Sohn, mein Erstgeborener, ist Israel» (2.Mose 4,22); Gott gab ihm den ersten Platz unter den Völkern, obwohl andere Nationen (zum Beispiel Ägypten) vor ihm bestanden haben. In Kolosser 1 wird unser Herr auch «der Erstgeborene aller Schöpfung» und «der Erstgeborene aus den Toten» genannt.

So hat Gott also Seinen ewigen Vorsatz trotz des Widerstandes des Feindes, trotz der Sünde, die mit allen ihren Folgen in die Welt gekommen ist, durch die Erlösung in Christo Jesu zur Ausführung gebracht (Vers 30): Die Menschen, die Er zuvorbestimmte, dem Bilde Seines Sohnes gleichförmig zu sein, hat Er berufen, gerechtfertigt und verherrlicht.

Angesichts des unfassbaren Reichtums einer solchen Gnade im Herzen Gottes, die sich von ihren Vorsätzen nicht abbringen lässt, von Ewigkeit zu Ewigkeit währt und in der Dahingabe Seines eigenen Sohnes ihre volle Offenbarung gefunden hat, stellt der Apostel die Frage: «Was sollen wir nun hierzu sagen? Wenn Gott für uns ist, wer wider uns?» (Verse 31.32).

Kann da im Blick auf gegenwärtige Schwierigkeiten und Nöte noch irgendwelche Furcht Im Herzen bestehen bleiben? Nicht nur die Zukunft, auch die Gegenwart ist für uns gesichert. - Uns, die wir durch die Sünde alles verscherzt und nur den Tod verdient hatten, wurde durch die Dahingabe Jesu nicht nur das Leben geschenkt und ein ewiges, herrliches Teil droben. Auf Grund des Heils in Ihm schenkt uns Gott auch für die Jetztzeit, zu einem Wandel in Gottesfurcht und treuem Zeugnis alles, was wir in diesem Leibe bedürfen. Selbst jedes Stück Brot, das unseren Hunger stillt, gibt Er uns «mit ihm».

Aber zeugt unser Leben nicht davon, dass wir im Wandel hienieden und inmitten der Schwierigkeiten des Weges unserer hohen Berufung so oft untreu sind und es an der nötigen Wachsamkeit fehlen lassen? Ist das nicht Grund genug zu einer berechtigten Anklage vor Gott? (Verse 33. 34). Bringt das unsere Rechtfertigung nicht ins Wanken? - Satan, der Verkläger der Brüder (Offb. 12,10) meint es, und bei vielen Christen gelingt es ihm nur zu leicht, durch solche Fragen ihre Heilssicherheit zu erschüttern. Aber Gott selbst, der Richter aller, der oberste Gerichtshof, hat in voller Wahrung Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit, auf Grund des Opfers Christi, der für uns gestorben, auferstanden und verherrlicht ist, die Rechtfertigung über uns ausgesprochen. Wer kann uns da noch verdammen?

Noch mehr, auch Christus sitzt jetzt auf dem Throne der Macht und der Gnade und verwendet sich dort für uns. Wenn wir vor jenen Thron treten, sendet Er uns als Hoherpriester rechtzeitig Hilfe für den Weg. Haben wir aber gefehlt und uns verunreinigt, so ruht Er als unser Sachwalter nicht eher, als bis wir uns dessen bewusst werden, uns darüber beugen, die Sünden bekennen und die Gemeinschaft mit dem heiligen Gott wieder geniessen können. - Der Heilige Geist verwendet sich hienieden für uns, Christus tut es droben und Gott, welcher uns selber auserwählt und gerechtfertigt hat, wird Seinen Vorsatz zu Ende führen und uns schliesslich verherrlichen - welche Sicherheit!

Gibt es nicht noch andere Dinge, die uns von der Liebe Christi scheiden könnten? - Zur Beantwortung dieser Frage werden hier alle Leiden und Nöte aufgezählt, denen wir in dieser verfluchten, sündigen und feindlichen Welt begegnen können. Auch Christus ist als Mann der Schmerzen durch dieses alles gegangen; und wenn wir in Zeiten der Verfolgung sogar wie Schafe für die Schlachtbank bestimmt wären, so würde Er uns in allen diesen Prüfungen und Trübsalen die tröstliche Gewissheit Seines vollkommenen Mitgefühls erhalten. Das gibt dem Herzen Kraft, alles zu ertragen. Der Apostel, dem man immer wieder nach dem Leben trachtete und der eine Unzahl dieser Leiden zu erdulden hatte, konnte aus Erfahrung sagen: «In diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat.»

In den beiden letzten Versen des Kapitels gibt der Apostel seiner Überzeugung Ausdruck, dass auch die ausserordentlichen Dinge, die er darin aufzählt, uns nicht von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn, zu scheiden vermögen. Geht es um die gewöhnlichen Dinge, denen der Christ auf seinem Wege begegnen kann, dann wird er der Liebe Christi gegenübergestellt, der vor uns durch diese Leiden hindurchging. Angesichts der ausserordentlichen Dinge aber erweist sich Gott in Seiner Liebe, die in Christo Jesu ihren vollkommenen Ausdruck gefunden hat, weit erhaben über sie.

Alle in den Versen 38 und 39 aufgeführten Dinge und Mächte sind nach dem Zeitpunkt entstanden, in welchem Gott den Vorsatz gefasst hat, uns in dieselbe Herrlichkeit einzuführen wie Seinen Sohn. Sie kommen zu spät, um sich Ihm zu widersetzen, und es gibt im Vergleich mit Ihm keine höhere Macht, die uns von der Liebe Gottes zu scheiden vermöchte: Der Tod ist machtlos, weil Christus ihn zunichte gemacht hat; das Leben mit seinen Gefahren und Schwierigkeiten ist nur eine Gelegenheit, uns zu mehr als Überwindern zu machen; die auserwählten Engel werden zu unserem Dienst ausgesandt, und die Engel Satans unterstehen der Kontrolle Christi; die Fürstentümer der Bosheit hat der Herr am Kreuze besiegt; die irdischen Fürstentümer und Gewalten sind in den Händen Gottes; die gegenwärtigen Dinge dienen zu unserem Guten, die zukünftigen zu unserer Herrlichkeit; Christus ist der Herr über die Gewalten; Er, der nach einem völligen Sieg «höher als die Himmel» geworden ist, ist über jede Höhe erhaben; Er war für uns in der Tiefe und hat sich bis in den Tod erniedrigt. Bestände daneben noch irgendein anderes Geschöpf - alles, selbst Satan, untersteht der Macht Christi, so dass uns also wirklich nichts zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserem Herrn.

Unser Kapitel begann mit der Feststellung, dass nichts uns vor Gott zu verdammen vermag, und es endet mit Beweisen, dass uns nichts von Seiner Liebe zu scheiden vermag. Das erste gründet sich auf die Tatsache, dass wir in Christo vor Gott sind, und das zweite, dass Gott für uns ist in Christo.

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Letzte Änderung am 26.09.2010.