Abraham lebte durch Glauben - 1
Halte fest Jahrgang 1970 - Seite: 3
Er lebte vor vier Jahrtausenden. Deshalb wird mancher denken: Was können wir von einem solchen Mann lernen? Dazumal waren doch noch ganz andere Zeiten! Wenn auch die Ausgrabungen jener Städte davon zeugen, dass damals schon eine relativ hohe Kultur bestand, so waren Zivilisation, Technik und Wissenschaft doch noch in den Anfängen. Verglichen mit unserem Dasein in dieser modernen Welt, die so kompliziert geworden ist, erscheint uns das Leben Abrahams schlicht und einfach.
Dennoch hat uns seine Geschichte viel zu sagen. Gerade an seinem Beispiel, in der Einfachheit seiner Umstände treten wichtige göttliche Grundsätze, die auch für die Gläubigen der Jetztzeit von grosser Bedeutung sind, deutlich zutage.
In Römer 4,11.12 wird Abraham «Vater aller,... die da glauben» genannt. Im Bericht über sein Leben, den uns die Schrift gibt und auf den wir nun eingehen wollen, wird daher auch die Entfaltung seines Glaubens beschrieben, von seinem Anfang bis zu seinem Höhepunkt.
Seine Berufung
Abrahams [Wir nennen ihn von Anfang an mit diesem Namen. obwohl er ihm erst in 1.Mose 17 gegeben wird.] Geschichte beginnt in Ur, einer Stadt im damaligen Chaldäa, am Euphrat gelegen, nahe bei dessen Einmündung in den persischen Golf. Dort lebte er inmitten seiner Verwandtschaft, die in 1.Mose 11 beschrieben wird.
Noah hatte noch in Glauben und Treue dem wahren und lebendigen Gott gelebt, aber seine Nachkommen verfielen dem Götzendienst. Selbst Tarah und seine Familie, die doch vom Geschlecht Sems waren, dienten andern Göttern (Josua 24,2). Wenn wir auch über die Form ihres Götzendienstes nichts Sicheres wissen, so muss er sie doch in grosse geistliche und sittliche Finsternis versetzt haben. In der Geschichte der Menschheit hat sich dies ja immer wieder gezeigt.
Die Ausgrabungen in Ur brachten viele Funde und Aufzeichnungen an den Tag. Sie enthüllen uns, dass diese Stadt zur Zeit Abrahams nach damaligen Begriffen ein Mittelpunkt der Gelehrsamkeit und der Kultur, der Künste und Wissenschaften, wie auch ein Ort des Reichtums und des Luxus gewesen sein muss.
Es wird nicht gesagt, was in dieser Umgebung im Herzen Abrahams vorging. Hörte er die Stimme der Schöpfung, die auch den Heiden von der Herrlichkeit Gottes erzählt? Verstand er ihre Sprache? Hatte sein Gewissen wider ihn und sein Leben zu zeugen begonnen? (Siehe Psalm 19; Römer 1,20-21; 2,15).
Eines wissen wir: Der ewige, unsichtbare, alleinige Gott, der König der Zeitalter, richtete Seinen Blick auf Abraham. Durch ihn wollte Er besondere Ratschlüsse zur Ausführung bringen und ihn jetzt herausrufen.
Erste Berufung Abrahams in Ur
«Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, als er in Mesopotamien war, ehe er in Haran wohnte, und sprach zu ihm: ’Gehe aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft, und komm in das Land, das ich dir zeigen werde'« (Apg. 7,2.3).
Welch ein feierlicher, bedeutsamer Augenblick im Leben dieses Mannes! In einer götzendienerischen Umgebung aufgewachsen, umringt von der «Herrlichkeit», welche die damalige Welt zu bieten hatte, sah er sich plötzlich ganz persönlich dem lebendigen und wahren Gott gegenübergestellt!
In diesem Lichte der alles überstrahlenden Herrlichkeit Gottes zeigten sich ihm alle Dinge hienieden in einem ganz anderen Charakter als bisher, in einer völlig veränderten Proportion: Die Welt verlor für ihn mit einem Schlag ihren eitlen Glanz; er erkannte nun ihr sündiges, verkehrtes und verdrehtes Wesen, Die irdischen Dinge und Ziele, die ihm bis dahin gross und wichtig erschienen waren, verloren an Bedeutung. Das aber, was der Gott der Herrlichkeit zu bieten hatte, zog ihn jetzt an.
Zudem, wenn sich ein Mensch in das heilige Licht Gottes gestellt sieht, muss er da nicht wie Jesaja ausrufen: «Wehe mir! denn ich bin verloren; denn ich bin ein Mann von unreinen Lippen, und inmitten eines Volkes von unreinen Lippen wohne ich; denn meine Augen haben den König, Jehova der Heerscharen, gesehen»? (Kap. 6,1-7). Auch aus dem Munde Abrahams musste ein solches Bekenntnis kommen; wie konnte ihm Gott sonst in Gnade begegnen?
Aber Gott redete auch zu Abraham. Er sagte zu ihm:
- «Geh aus deinem Lande!» - Überall in der Schrift begegnen wir diesem wichtigen Grundsatz. Gott beruft «mit heiligem Rufe» (2.Tim. 1,9). Die Menschen, die Er errettet, nimmt Fr heraus aus «der gegenwärtigen bösen Welt» (Gal. 1,4). Sie sollen ebenso völlig vom Bösen abgesondert sein, wie der, welcher sie beruft: «Wie der, welcher euch berufen hat, heilig ist, seid auch ihr heilig in allem Wandel» (1.Petr. 1,15). Bei Abraham ging es auch um eine äussere Trennung von jener götzendienerischen Welt. Wir Christen hingegen, die nicht «von der Welt», aber «in der Welt» sind, sollen eine innere Absonderung von ihr aufrechthalten. Wir können mit Paulus sagen: Ich rühme mich des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, «durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt» (Gal. 6,14). Nur so ist praktische Gemeinschaft mit dem heiligen Gott möglich. «Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm» (1.Johannes 2,15).
- 2. «Geh aus deiner Verwandtschaft.» - Auch diese zweite göttliche Aufforderung an Abraham ist sehr wichtig. Sie mochte ihm zwar hart erscheinen. Aus seiner Reaktion wie auch aus dem Verhalten seiner Angehörigen nach dieser Erscheinung Gottes können wir schliessen, dass zwischen ihnen ein schönes, ungetrübtes Verhältnis bestand. Sie mögen sogar eines Sinnes gewesen sein in ihren Ansichten, Lebensformen und Zielen.
Da Abraham nun aber im Begriff steht, eine radikale Wendung zu vollziehen und den ihm von Gott vorgezeichneten Weg zu beschreiten, können ihm seine Verwandten nur ein Hindernis sein. Denn wenn diese ihr bisheriges Leben fortsetzen, so scheiden sich ihre Pfade. Dann haben sie nicht mehr dieselben Ansichten und Ziele wie Abraham. Dann können sie ihm mit ihren wohlmeinenden Ratschlägen und Hilfsangeboten zum Hemmschuh werden.
So sagte auch unser Herr zu denen, die Ihm nachfolgen wollten: «Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig» (Matth. 10,37). Er kennt die schlimmen Folgen, die ein Verstoss gegen dieses Gebot, für den, der Ihm nachfolgen will, nach sich zieht. - 3. «Komm in das Land, das ich dir zeigen werde.» Diese dritte Aufforderung an Abraham ist sehr knapp. Gott sagt ihm hier nicht, wie dieses Land beschaffen ist noch wo es liegt, auch nicht, weshalb er seine Heimat verlassen und in dieses Land kommen soll. Er prüft Abraham, ob bei ihm Vertrauen in den göttlichen Willen und die göttliche Führung vorhanden sei. Dieses Vertrauen ist ja eines der Kennzeichen des Glaubens.
Wie antwortet Abraham auf den ersten Ruf Gottes?
Obwohl er den lebendigen und wahren Gott erst so kurz und noch so wenig kennt, gehorcht er. Angezogen von Gottes Herrlichkeit, setzt er den Fuss vertrauensvoll auf den Pfad des Glaubens, der ihn durch viele Übungen zu ungeahnten Segnungen und zu dem Ziele führen wird, das Gott ihm gesteckt, aber noch nicht offenbart hat. Durch Glauben verlässt er Ur, den ihm bekannten Lebensraum, wo er bis jetzt seine Existenz und alles gefunden hat, was er zum bisherigen Leben brauchte, und «zieht aus, ohne zu wissen, wohin er komme» (Hebr. 11,8).
Der Glaube schreitet voran, ohne etwas zu sehen, zu spüren und zu fühlen. Aber auf jeden Glaubensschritt folgen kostbare Erfahrungen, denn der Glaube hört und stützt sich auf das Wort Gottes. «Indem wir nicht das anschauen, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht; denn das, was man sieht, ist zeitlich, das aber, was man nicht sieht, ewig» (2.Kor. 4,18).
Doch wird der Glaube, ob er sich in einem freundlichen oder in einem ausgesprochen feindlichen Milieu zeigt, auf Verständnislosigkeit und starken Widerstand stossen bei denen, die auf das «Sichtbare», auf das «Zeitliche» sehen.
Es wird uns nicht gesagt, welcher Art die Diskussionen waren, die durch den Entschluss Abrahams hervorgerufen wurden. Man mag es ihm als Lieblosigkeit und als Torheit vorgeworfen haben, dass er sie alle verlassen und mit seinen Herden fortziehen wollte, ohne zu wissen, wohin.
Schliesslich aber, als alle ihre Einwände an seiner Glaubensfestigkeit abprallten, werden sie ihre Einstellung geändert und sich entschlossen haben, mit ihm auszuziehen!
Was sagt Abraham dazu? Er lässt sie gewähren! Er lässt es sogar zu, dass Tarah, sein Vater, bei diesem Auszug die Führung übernimmt: «Und Tarah nahm seinen Sohn Abram, und Lot, den Sohn Harans, seines Sohnes Sohn, und Sarai, seine Schwiegertochter, die Frau seines Sohnes Abram; und sie zogen miteinander aus Ur in Chaldäa, um in das Land Kanaan zu gehen» (1.Mose 11,31). [Nach 1.Mose 24 zog auch das Haus Nahors, des Bruders Abrahams, nach Haran; doch wissen wir nicht zu welchem Zeitpunkt.]
Hierin war Abraham also nicht gehorsam. Wohl waren seine Verwandten nun Mitläufer auf dem Pfade des Glaubens geworden. Aber waren sie ihm dabei eine Hilfe? Die Fortsetzung zeigt es.
Reise bis Haran
Es ist schwierig festzustellen, welches damals der kürzeste Weg von Ur nach Kanaan gewesen wäre. Werfen wir einen Blick auf die Karte, so erkennen wir, dass die eingeschlagene Route um Hunderte von Kilometern länger war, als der Weg, der hätte eingeschlagen werden können. Wohl wegen ihren Viehherden folgten sie dem Lauf des Euphrat stromaufwärts, weil jene Ebene bewässert und grün war. Aber wer bestimmte hier eigentlich die Richtung? Abraham, in Abhängigkeit von Gott? oder Tarah, nach menschlichen Erfahrungen und Überlegungen? Ach, weil sich Abraham nicht von «seiner Verwandtschaft» löste, wie Gott ihm gesagt hatte, ist die erste Strecke seines Glaubensweges von Unsicherheit und Unentschiedenheit gekennzeichnet.
Die Gegend des mittleren Euphrat hiess Arama. Wenn der israelitische Anbeter in späteren Jahrhunderten mit einem Korb voll Erstlingsfrüchten vor Jehova erschien, so musste er bekennen: «Ein umherirrender Aramäer war mein Vater; und er zog nach Ägypten hinab» (5.Mose 26,5). Müssen wir da nicht annehmen, dass nicht allein Jakob, sondern auch Abraham damit gemeint war?
Schliesslich verlassen sie den Euphrat, wenden sich aber noch mehr von Kanaan weg und ziehen «bis Haran», 450 Kilometer von Damaskus entfernt, «und wohnten daselbst» (1.Mose 11,31).
Abraham wohnt in Haran! Wir wissen nicht wie lange. Er hat den göttlichen Ruf vernommen: «Komm in das Land, das ich dir zeigen werde», aber er lässt sich aufhalten. Ist hier nicht jeder Tag ein Stück verlorene Zeit, auch wenn sich sein Gesinde und seine Habe vermehren? (Kapitel 12,5). Konnte er da Gemeinschaft mit dem Gott pflegen, der ihn in ein anderes Land kommen hiess? Wie gut ist es, wenn der Gläubige jeden Auftrag Gottes sogleich ausführt, sonst droht dieser in Vergessenheit zu geraten! So hat es den Anschein, als ob Abraham in Haran geblieben wäre, wenn ihn Gott nicht ein zweites Mal gerufen hätte.
Das Zaudern Abrahams hatte nach menschlichem Urteil einen triftigen Grund: Die lange Reise von Ur nach Haran, unter der sengenden Sonne des Morgenlandes, ist für den hochbetagten Vater Tarah offenbar zu viel gewesen. Er fühlt sich nicht mehr in der Lage, die Reise fortzusetzen, da er seine letzten Tage herannahen sieht. Ist es da für den ältesten Sohn nicht eine Pflicht der Liebe und der Ehrerbietung, bis zum Ende beim Vater zu bleiben? - Unser Herr urteilt anders. Als Ihm einer nachfolgen wollte und zu Ihm sagte: «Herr, erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben», da gab Er ihm zur Antwort: «Folge mir nach, und lass die Toten ihre Toten begraben» (Matth. 8,21.22). Der Herr Jesus muss den ersten Platz in unsern Herzen und Wegen haben.
Gott übersiedelt ihn in das Land
Wie verhält sich Gott, wenn Er nun sieht, wie Abraham in Haran stecken bleibt, statt den erhaltenen klaren Befehl völlig auszuführen?
Ist es nicht auffallend, dass die Worte in Apostelgeschichte 7,3, die Jehova schon in Ur an Abraham richtete, hier im 1. Buche Mose im Anschluss an den Bericht: «und Tarah starb in Haran» erwähnt werden? «Gehe aus deinem Lande und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause, in das Land, das ich dir zeigen werde» (12,1). Ob Gott diese Aufforderung in Haran wiederholte oder nicht, so hat Er doch dafür gesorgt, dass jetzt Abraham mit Macht daran erinnert wurde. Besonders eindrücklich wird ihm nun: «Geh aus deines Vaters Hause.»
Gott vergisst nicht, dass Abraham trotz seiner fünfundsiebzig Jahre noch jung im Glauben ist, und Er ist langmütig gegen ihn. Doch wacht Er darüber, dass Abraham Sein Wort wirklich befolgt und an dem Ziele anlangt, das Er ihm gesteckt hat. «Gott übersiedelte ihn, nachdem sein Vater gestorben war, in dieses Land», sagt Stephanus. Sein Wille, Seine Fürsorge, Seine Gnade, Seine Erziehungswege mit Abraham haben dies zustande gebracht.
Wie gut, dass Gott auch uns Sein Wort immer wieder vorstellt! Er ist es, der durch dieses und durch Seinen Geist in uns «wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken, nach Seinem Wohlgefallen.» Doch gerade dieses Bewusstsein wird uns anspornen, Ihm gehorsam zu sein, Seinem Ziel, das Er uns vor die Augen stellt, nachzujagen und so unsere eigene Seligkeit mit Furcht und Zittern zu bewirken (vgl. Phil. 2,12.13).
Gottes Absichten mit Abraham
Jeder Schritt im Glaubensgehorsam ist mit Segnungen verknüpft. Gerade im Leben Abrahams sehen wir dies sehr deutlich. Wenn er sich nun anschickt, Haran zu verlassen und ins Land zu ziehen, so gibt ihm der Herr zu seiner Ermunterung eine Fülle von Verheissungen (Kap. 12,2.3).
Fr sagt zu ihm: «Ich will dich segnen und will deinen Namen gross machen; und du sollst ein Segen sein!» Das waren einerseits persönliche Verheissungen an Abraham, die sich von jetzt an in seinem Leben erfüllten. Es wurde ihm Reichtum und Ehre zuteil; sein Ansehen wuchs und die Menschen begegneten ihm wie einem Fürsten. Vor allem aber genoss er auf dem Pfade des Glaubens, bei seinem Wandel mit Gott, den er begonnen hatte, immer grössere geistliche Segnungen. Das Zeugnis seines Lebens, seiner Worte und Taten, wurde daher zu einem Segen für die Menschen um ihn her, in weitem Umkreis.
Anderseits werden sich diese Verheissungen noch in anderer Weise erfüllen. Jehova sagt hier zu Abraham: «Ich will dich zu einer grossen Nation machen.» Verschiedene Männer jener Zeit wurden Väter von Völkern - zum Beispiel Ismael, Moab, Ammon. Abraham aber sollte der Stammvater Israels, des irdischen Volkes Gottes werden. Diesem Volk wollte Er sich offenbaren und ihm Seine Aussprüche anvertrauen (Römer 3,2), an ihm wollte Er sich durch grosse Wunderwerke verherrlichen und es im Lande Kanaan segnen. Von da aus sollte Israel unter den götzendienerischen Nationen ringsumher ein Licht und ein Segen sein. - Wegen der grossen Untreue des Volkes werden die herrlichen Verheissungen an Israel aber erst im Tausendjährigen Reiche Wirklichkeit werden, wenn es Christum aufgenommen hat. Dann werden «in ihm gesegnet werden alle Geschlechter der Erde».
Dass Gott gerade Abraham zum Stammvater Seines Volkes wählte, geschah deshalb, weil Er ihn zum voraus als den erkannte, der selber in Treue vor Ihm wandeln und auch seinen Kindern und seinem Hause nach ihm befehlen würde, den Weg Jehovas zu bewahren. (Siehe 1.Mose 18,19; Neh. 9,7.8; Jes. 41,8.)
Abraham wohnt im Lande, das ihm Gott gezeigt hat
Wieder macht Abraham seine Karawane reisefertig. Er ist jetzt entschlossen, Haran zu verlassen und ins Land zu ziehen, in das ihn Gott beruft. Diesmal stellt er sich an die Spitze des Zuges; nicht mehr Tarah ist der Führer. So muss es sein. Wer im Glauben wandeln will, darf nicht von Menschen abhängig sein, sondern muss direkt von Gott geleitet werden. Er nimmt auch Lot mit, obwohl er keinen ausdrücklichen Auftrag hat dazu. Es ist immerhin nur sein Neffe, der ihn auf dem Weg des Glaubens nicht aufhalten wird.
«Und sie kamen in das Land Kanaan. Und Abram durchzog das Land bis zu dem Orte Sichem, bis zur Terebinthe Mores. Und die Kanaaniter waren damals im Lande. Und Jehova erschien dem Abram und sprach: Deinem Samen will ich dieses Land geben» (12,5-7).
Diese Verse enthalten zwei Tatsachen, die für den Unglauben, der nur auf das Sichtbare und auf das Gegenwärtige sieht, enttäuschend und unannehmbar wären. In einem solchen Unglauben hätte sich Abraham nun gefragt: Weshalb habe ich so viele Opfer gebracht, so vieles aufgegeben und zurückgelassen? Warum habe ich die unzähligen Mühen, Schwierigkeiten und Gefahren einer schier endlosen Reise auf mich genommen? Um hier ein Land zu finden, worin die Kanaaniter wohnen und ihre Besitzerrechte geltend machen! Ein Land, das nicht mir, sondern später einmal meinem Samen (den ich noch gar nicht habe) gegeben werden soll!
Aber Abraham urteilt anders. Diese beiden Tatsachen, von denen er erst jetzt Kenntnis erhält, vermögen sein Vertrauen in den «Gott der Herrlichkeit» nicht zu erschüttern. Er denkt gar nicht an sein irdisches Vaterland zurück, von dem er ausgegangen ist, und befasst sich nicht mit dem Plan, dahin zurückzukehren.
Nach Hebräer 11,8-16 muss ihm Gott jetzt oder später einmal ein «besseres, das ist himmlisches Vaterland» gezeigt und von einer «Stadt» gesprochen haben, «welche Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist», von einer Stadt, die Er schon den Gläubigen jener Tage «bereitet hat».
Von dem Augenblick an, da ihm dies offenbart wurde, begann Abraham nach jenem besseren Vaterland zu trachten und jene wunderbare Stadt, die auf Erden nicht ihresgleichen hat, zu erwarten.
Zelt und Altar
In Hebräer 11, der soeben angeführten Stelle, wird im Rückblick auf das ganze Leben Abrahams zusammengefasst, was den Inhalt seines Glaubens ausmachte und welche praktischen Auswirkungen daraus hervorgingen. Doch auch sein Glaube hatte einen Anfang, musste wachsen und sich entwickeln (vgl. 2.Kor. 10,15; 2.Thess. 1,3).
Um so bemerkenswerter ist es, dass im Lande der Verheissung von Anfang an «Zelt und Altar» seinen Glaubenspfad kennzeichnen (1.Mose 12,7.8; 13,3.4; 13,18). Kaum ist ihm Jehova im Lande erschienen, zieht er daraus sofort die entsprechenden Konsequenzen. Dass Gott ihm persönlich darin keinen Fussbreit Boden als Erbe geben will (Apg. 7,5), nimmt sein Glaube willig an. Er hat volles Genüge an Ihm und an dem Teil, das Er ihm in Aussicht stellt. Sogleich baut er Jehova, der ihm daselbst erschienen ist, einen Altar: Er hat Gemeinschaft mit Ihm und mit Seinen Gedanken, und er betet Ihn an.
Daselbst schlägt er auch sein Zelt auf (1.Mose 12,8). Seine Beziehung zu Gott bestimmt auch seine Beziehung zu jenem Land und zur Welt der Menschen. Im Lande, das erst seinem Samen zum Erbteil gegeben wird, gebärdet er sich nicht als Besitzer, sondern als Pilger und Fremdling, und mit dem System der Welt hat er keine Gemeinschaft.
Doch, beachten wir es, Zelt und Altar gehören zusammen. Lot wohnte auch «in Zelten», aber wir hören nicht, dass dieser «Gerechte» dem Jehova je einen Altar gebaut hätte. Ohne Altar aber wird das Zelt zu einer Äusserlichkeit, zu einer Formsache, die uns nicht zu schützen vermag: Lot schlug Zelte auf bis nach Sodom und zuletzt vertauschte er sie mit einem festen Haus in jener Stadt.
Abraham ist für uns, die wir nicht mit irdischen, sondern mit geistlichen Segnungen in den himmlischen Örtern gesegnet sind, ein schönes Beispiel. Möchten auch uns auf dieser Erde «Zelt und Altar» kennzeichnen, bis zu dem Tage, an welchem wir als Versammlung mit dem «Erben aller Dinge» vereint werden und Er die Herrschaft über «die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit» antreten wird!
Abraham zieht nach Ägypten hinab
Oft erachtet es Gott für nötig, dass wir auf dem Glaubenspfad in mancherlei Versuchungen oder Prüfungen kommen. Dadurch soll unser Glaube bewährt werden (1.Petr. 1,6.7). Die Bewährung des Glaubens bewirkt Ausharren (Jak. 1,3); denn die Erfahrungen mit Gott in den Proben geben Mut, sie zu ertragen und weitere Prüfungen zu erdulden.
Auch auf dem Wege Abrahams kam jetzt eine solche Probe (Kap. 12,9-20): Es entstand eine Hungersnot im Lande, in das Gott ihn gerufen hatte. Und diese Hungersnot war schwer.
Können wir uns vorstellen, was dies für Abraham bedeuten musste? Nicht er allein, sondern auch Sarah, seine zahlreichen Knechte und Mägde wie auch seine grossen Viehherden waren davon betroffen. Für sich allein könnte man vielleicht manches ertragen; aber wenn wir dazu noch für das Wohl von Menschen verantwortlich sind, die noch nicht gelernt haben, Gott zu vertrauen, dann wird für uns die Not viel grösser.
Was tut Abraham in diesen schwierigen Umständen? Er hört auf, den Namen Jehovas anzurufen! Er verlässt den Altar in Bethel, den Platz der Gemeinschaft mit Gott, und zieht fort, «immer weiter ziehend, nach dem Süden»! Statt sich weiterhin auf den allmächtigen Arm des Gottes zu stützen, der ihn nach Kanaan gerufen hat, um ihn hier zu erhalten und zu segnen, macht er «Fleisch» zu seinem Arm und sucht sich irgendwie selbst zu helfen.
Wer sein eigenes Herz kennen gelernt hat und weiss, wie es oft so leicht von Gottes Gegenwart abgelenkt werden kann, wundert sich nicht über das Verhalten Abrahams. Auch andere Männer des Glaubens haben zuzeiten darin gefehlt. Denken wir nur an Mose in Meriba, an David auf der Flucht vor Saul, an Elia unter dem Ginsterstrauch. Wie erinnert uns dies daran, dass auch uns das Wort des Herrn an Seine Jünger: «Wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung kommet!» allezeit eindrücklich bleiben muss, um befolgt zu werden!
Auf dem Wege der Unabhängigkeit von Gott und des Ungehorsams gegenüber Seinem Wort gerät der Gläubige von einer Schwierigkeit in die andere. An der Schwelle Ägyptens, in das er mit seiner grossen Karawane hinabziehen will, wird es Abraham bewusst, dass ihnen dort eine grosse Gefahr lauert: Die heidnischen Könige haben keine Hemmungen, sich schöne Frauen zu nehmen, da wo sie sie finden, selbst wenn sie dabei morden müssen. Aber trotz dieses roten Signals setzt er seinen eigenen Weg fort. Lieber will er Sarah opfern, als umkehren.
Das Beispiel dieses sonst so treuen und gottesfürchtigen Mannes illustriert einen wichtigen Grundsatz: Böse Neigungen und Gedanken, denen wir in unserem Innern Gastrecht gewähren, statt sie entschieden und gründlich zu verurteilen, werden immer wieder böse Früchte hervorbringen, bis wir sie vorbehaltlos richten. Die Unwahrhaftigkeit Abrahams in Verbindung mit Sarah war schon in seinem Herzen bevor er in Kanaan einzog (1.Mose 20,13); sie trat hier in Ägypten zutage und später wieder beim König von Gerar (Kap. 20).
Wie gut, dass Gott die Seinen auch dann nicht verlässt, wenn sie Ihm davonlaufen! Er will Seine Gnadenabsichten mit Abraham ausführen und lässt nicht zu, dass sie durchkreuzt werden. Er zwingt den Pharao, Sarah dem Abraham zurückzugeben und bringt so den bösen Abweg des Patriarchen zum Abschluss.
Aber es ist traurig, wenn die Kinder der Welt, denen gegenüber wir ein Licht und ein Salz sein sollten, uns zurechtweisen müssen. Pharao, der Heide, wirft Abraham Unwahrhaftigkeit vor; er weiss, wohin dieser eigentlich gehört und lässt ihn eine Strecke Weges zum Land der Verheissung zurückgeleiten.
Wege des Fleisches, des Unglaubens, der Unabhängigkeit von Gott lohnen sich nicht. Sie bringen nur Verlust ein. In Ägypten verunehrte Abraham seinen Gott, dort konnte er keine Gemeinschaft mit Ihm geniessen, dort brachte er Sarah in Not und Gefahr, dort bildete sich bei Lot, seinem jüngeren Neffen, das Verlangen nach einem Lande, das dem Lande Ägypten glich (Kap. 13,10). Dass ihm der Pharao seine Viehherden und die Zahl seiner Knechte und Mägde vergrösserte, stellte ihn, wie wir noch sehen werden, vor neue Schwierigkeiten.
Er kehrt nach Bethel zurück
Abraham ist zwar «sehr reich an Vieh, an Silber und an Gold» und spürt nichts mehr von der Hungersnot. Aber in seiner Seele ist Magerkeit. Du kannst einem Gläubigen, der sein «Bethel» verloren hat, alles geben, was die Welt zu bieten hat - Reichtum, Ehre, Genuss - nichts vermag die entstandene grosse Leere auszufüllen, Für einen Christen besteht dieses «Bethel» in der «Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus»; das macht seine «völlige Freude» aus. Was könnte ihm dies ersetzen?
Wenn nun Abraham umkehrt, bekennt er damit nicht: Ich bereue meinen eigenen Weg; es hat mir an Vertrauen in Gott gemangelt; ich habe gegen Sarah, gegen den Pharao gefehlt? Mancher Gläubige, der in ähnlicher Weise abgewichen ist, scheut sich umzukehren, weil er zu stolz ist, vor sich selbst, vor Gott und vor den Menschen sein Fiasko einzugestehen!
Der Patriarch macht die Sache nicht halb. «Er ging auf seinen Zügen vom Süden bis Bethel, bis zu dem Orte, wo im Anfang sein Zelt gewesen war, zwischen Bethel und Ai, zu der Stätte des Altars, den er zuvor daselbst gemacht hatte.» Er scheut keine Mühe und ruht nicht, bis er den Punkt erreicht hat wo er wieder den Namen Jehovas anrufen und sich Seiner Nähe erfreuen kann.
Und - O Wunder der Gnade! - wer bis zu Gott umkehrt und Worte der Busse und Reue mitnimmt, dessen wird Er sich erbarmen, denn Er ist reich an Vergebung. (Vgl. Hosea 14,1-2; Jesaja 55,6-7.)
Abraham und Lot trennen sich (13,5-13)
Doch auch in Bethel kann es Schwierigkeiten geben, sogar unter Brüdern! Vor dem Abweg nach Ägypten konnten Abraham und Lot beisammen wohnen, jetzt aber nicht mehr. Ihr materieller Besitz hatte sich dort vergrössert, und er erwies sich ihnen nicht als Segen, weil sie ihn nicht auf dem Boden der Abhängigkeit von Gott erworben hatten. Es gab Zank zwischen den Hirten von Abrahams Vieh und den Hirten von Lots Vieh, denn die Weidefläche war zu klein und wurde auch von den Kanaanitern beansprucht.
Der wiederhergestellte Abraham will nicht, dass solche Dinge zwischen sie treten. «Denn wir sind Brüder», sagt er. Er will ein Segen sein in seiner Umgebung und sich nicht wie die Weltmenschen benehmen.
Er sagt zu Lot: «Trenne dich doch von mir!» Dieser Vorschlag war in Anbetracht der Umstände zweifellos in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes und wurde in friedlichem Einvernehmen durchgeführt. - Für die gegenseitigen Beziehungen der Kinder Gottes gelten heute ganz besondere Grundsätze. Dass sie «einander nicht mögen», sich «aneinander reiben» oder «miteinander nicht auskommen können», lässt die Heilige Schrift nicht gelten. Vielmehr sagt sie uns unter anderem: «Wir wissen, dass wir aus dem Tode in das Leben übergegangen sind, weil wir die Brüder lieben.» - «Auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben darzulegen.» - «Seid einerlei gesinnt, dieselbe Liebe habend, einmütig, eines Sinnes, nichts aus Parteisucht (oder Streitsucht) oder eitlem Ruhm tuend, sondern in der Demut einer den andern höher achtend als sich selbst; ein jeder nicht auf das Seinige sehend, sondern ein jeder auch auf das der anderen» (1.Joh. 3,14.16; Phil. 2,2-4). Oft sind es gerade die Menschen um uns her, ja sogar die Genossen auf dem Glaubenspfad, die Gott zu unserer Erziehung und Läuterung benützt, denken wir nur an Laban oder an die Freunde Hiobs.
Abraham handelt nach diesen Grundsätzen und lässt Lot freie Wahl: «Willst du zur Linken, so will ich mich zur Rechten wenden, und willst du zur Rechten, so will ich mich zur Linken wenden.»
Lot «hebt seine Augen auf», blickt auf materielle Vorteile und zieht sodomwärts. Abraham hingegen steht fest im Glauben, schaut auf den Gott, der ihn berufen hat und bleibt im Lande der Verheissung, obgleich er eben erfahren hat, dass das Land die grossen Herden «nicht ertrug».
Nach diesem Glaubensbeweis und diesem Vertrauen, durch das er Gott ehrte, heisst ihn Jehova seine Augen aufzuheben und nach allen Richtungen zu schauen. «Denn das ganze Land, das du siehst, dir will ich es geben und deinem Samen auf ewig», bestätigt Er ihm. Und wieder fügt Er eine neue Verheissung hinzu, deren Erfüllung Abraham zwar hienieden nicht erleben wird, die aber für seinen Glauben sehr kostbar ist: «Und ich will deinen Samen machen wie den Staub der Erde, so dass, wenn jemand den Staub der Erde zu zählen vermag, auch dein Same gezählt werden wird.»
Schliesslich fordert Gott ihn auf: «Mache dich auf und durchwandle das Land nach seiner Länge und Breite; denn dir will ich es geben.» - Gilt diese Aufforderung in gewissem Sinne nicht auch uns? Gesegnet mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern, sollen wir nicht müde werden, von diesem verheissenen Land im Glauben Besitz zu ergreifen, die Segnungen kennenzulernen und sie zu geniessen, bis wir im Leibe der Herrlichkeit dort eingeführt werden. Damals waren die Kanaaniter im Lande und heute noch sind die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern; wir brauchen die Waffenrüstung Gottes, um wider sie bestehen zu können (Eph. 6). Aber in kurzem wird der Gott des Friedens den Satan unter unsere Füsse zertreten (Röm. 16,20) und wir werden für immer mit Dem vereinigt sein, in welchem uns alle Segnungen geschenkt sind.
Abraham gehorchte und durchwanderte das Land. Er «schlug Zelte auf und kam und wohnte unter den Terebinthen Mamres, die bei Hebron sind; und er baute daselbst Jehova einen Altar». Wie viel glücklicher war er doch als Lot!
Er rettet seinen Bruder Lot (1.Mose 14,1-16)
Seit Sünde in der Welt ist, gibt es unter den Menschen Hass und Feindschaft, Streit und Krieg. Die Gläubigen, die in den vom Krieg betroffenen Ländern leben, müssen ebensosehr unter seinen schrecklichen Folgen leiden, wie die Übrigen.
Aber hier, im ersten Kriegsgeschehen, das in der Bibel beschrieben wird, wurde der gerechte Lot in die Händel der Welt verstrickt, weil er die Trennung von ihr nicht aufrechthielt. Sie zog ihn vielmehr an, und er «schlug Zelte auf bis nach Sodom». Er musste leiden, weil er sich «in fremde Sachen gemischt» hatte (1.Petr. 4,15). Die feindlichen Könige plünderten Sodom und Gomorra und nahmen auch «Lot, Abrams Bruders Sohn, und seine Habe, und zogen davon; denn er wohnte in Sodom».
Unterdessen lebt Abraham in seinem Zelte unter den Terebinthen Mamres und darf auf Grund der Opfer, die er auf dem Altar darbringt, Gott nahen. Welch ein Gegensatz! Lot kostet die Unruhe, die Angst und die Leiden der Welt, in der er wohnt, Abraham dagegen die Freude und den tiefen Frieden, die sich in der Nähe Gottes finden, Dessen Gegenwart er immer wieder aufsucht.
Ist aber der Umgang Abrahams mit Gott von der rechten Art, dann werden ihn nach menschlichem Mass auch Gottes Liebe, Gnade und Barmherzigkeit gegenüber dem Bruder erfüllen. Gemeinschaft mit Gott wird wohl genährt, wenn wir anbetend das Opfer betrachten, das für uns auf dem Altar verzehrt wurde, aber praktisch wird sie sich darin zeigen, dass wir uns mit Ihm um das Wohlergehen der Brüder kümmern, auch wenn es Opfer kostet. Abraham gibt uns hier ein schönes Beispiel.
Ein Entronnener von den Leuten Lots kommt atemlos dahergelaufen (V. 13-16). Abraham, der Hebräer, vernimmt von ihm die böse Kunde, dass sein Bruder gefangen weggeführt sei.
Was tut er nun, nachdem er dies vernommen hat? Folgt jetzt ein endloses Gerede über das Warum und Wieso und Was-nun? oder eine lange Erklärung über die begangenen Fehler und Charakterschwächen seines Neffen, womit Abraham eine bequeme Tatenlosigkeit hätte bemänteln können? Nein, wenn Gott Christum für Kraftlose, für Gottlose, Sünder und Feinde dahingab - wir gehörten ja auch dazu - dann sollen auch wir in Seiner Gesinnung Hilfe leisten. (Vgl. Eph. 5,1-2.)
Es ist ermunternd zu sehen, wie Abraham einsatzbereit ist und sogleich im Glauben handelt. Es gilt Lot zu befreien! Er zählt die Feinde nicht. Mögen es auch vier Könige sein mit einer übermächtigen Schar von sieggewohnten Kriegern - sein Entschluss ist gefasst. Er ist mit Gott, und «mit Gott werden wir mächtige Taten tun» (Psalm 60,12).
Er lässt seine Geübten, seine Hausgeborenen ausrücken. (Möchten auch wir das «Schwert» zu gebrauchen wissen, damit wir andern zur Hilfe sein können.) Aner, Eskol und Mamre, Abrahams Bundesgenossen begleiten sie.
Um Lot zu befreien, nehmen sie anhaltende und grosse Mühen auf sich: Der Verfolgungsweg von Hebron bis Dan war - in Luftlinie gemessen - mehr als zweihundert Kilometer lang und führte über gebirgiges Gelände; dann mussten sie dem Feinde von Dan bis Hoba eine weitere, fast gleichlange Strecke nachjagen. Zudem erforderte der Kampf selbst ganzen Einsatz und Bereitschaft zur Hingabe bis in den Tod. Aber Gott gab Abraham grosse Gnade, und schliesslich erreichte er sein Ziel: «Und er brachte alle Habe zurück; und auch Lot, seinen Bruder, und dessen Habe brachte er zurück, und auch die Frauen und das Volk.»
Um einen abgeirrten Bruder zurückführen oder zurechtbringen zu können, bedarf es seitens dessen, der ihm helfen will, meist eines grossen Einsatzes an Zeit und geistlicher Kraft. Da sind viele Schritte zu tun und manche Kämpfe auszufechten. Auch muss ein solcher Dienst von «ringendem Gebet» begleitet sein, wenn er erfolgreich sein soll. Wäre nicht mancher Bruder noch unter uns, wenn ihm einer der Mitverbundenen im Herrn im Geiste eines Abraham «nachgejagt» wäre?
Welch ein Schmerz muss es für den Patriarchen gewesen sein, den befreiten Lot mit seiner Familie nach dieser überaus ernsten Warnung wieder in das gottlose Sodom zurückkehren zu sehen! Aber er gibt ihn nicht auf; auch dorthin folgt ihm, wie wir wissen, seine Fürbitte.
Eine grosse Versuchung (1.Mose 14,17-24)
Abraham hat durch Glaubensmut, durch Vertrauen in Gott einen gewaltigen, weithin sichtbaren Sieg errungen.
Das ist sehr gefährlich. Der Sieger ist in einem solchen Augenblick gar zu leicht geneigt, die eigene Schwachheit zu vergessen und den sicheren Platz der demütigen Abhängigkeit von Gott zu verlassen.
Auf diesen Augenblick wartet der Feind. Gelang es ihm nicht als brüllender Löwe, so sucht er jetzt als listige Schlange Abraham zu Fall zu bringen.
Kaum sind die vier Könige in die Flucht geschlagen, kaum ist Abraham siegreich zurückgekehrt, sendet ihm Satan schon in der Gestalt des Königs von Sodom einen Versucher entgegen.
Aber auch Gott, der in Treue über den Seinigen wacht, ist auf dem Plan. Er kennt ihr Herz und weiss anderseits zum voraus, was der Widersacher im Schilde führt. Schon bevor dessen Abgesandter eintrifft, stärkt Gott den Glauben Abrahams in solch einsichtiger und wirksamer Weise, dass er auch in diesem Kampf Sieger wird.
Im Tal Schawe kommt ihm Melchisedek, König von Salem und Priester Gottes, des Höchsten, entgegen und bringt Brot und Wein heraus. Wie hat Abraham nach den vorangegangenen Tagen äusserster Anstrengung im Dienst für den Bruder diese Erquickung so nötig! - Nur wer sich immer wieder von Christo nährt und sich in Ihm freut, ist fähig, neue Kämpfe zu bestehen und in den unaufhörlichen Versuchungen zu überwinden.
Melchisedek segnet ihn auch und sagt: «Gesegnet sei Abram von Gott, dem Höchsten, der Himmel und Erde besitzt!» Er richtet seinen Blick auf den Gott der Herrlichkeit hin, der sich ihm offenbart, der ihn aus der Welt auserwählt und ihn für sich abgesondert hat und der ihm im verheissenen Lande immer wieder neue Verheissungen gibt. Wahrlich, auf diesen Gott schauend, der Himmel und Erde besitzt und der ihn mit Sich verbunden hat, kann Abraham sagen: «Alle meine Quellen sind in dir!» (Psalm 87,7).
Machen wir uns eine richtige Vorstellung von der Szene, die sich jetzt vor den Augen Abrahams abspielt? Der «König von Salem» ist in den Hintergrund getreten. Statt dessen steht nun der «König von Sodom» da mit der ganzen Beute, die er und seine Verbündeten nach dem siegreichen Überfall Abrahams dem flüchtenden Heere der Feinde entrissen haben: Gefangene, Gross- und Kleinviehherden füllen den Schauplatz, und viele reiche Schätze liegen am Boden ausgebreitet.
Nach damals geltendem Kriegsrecht hat Abraham, der Sieger des Tages, den ersten Anspruch auf diese reiche Beute, die alles das enthielt, was die Welt jener Tage zu bieten hatte. Auf diese Schätze hinweisend, sagt nun der König von Sodom zu Abraham: «Gib mir die Seelen, und die Habe nimm für dich!»
Unter dem tiefen Eindruck des empfangenen Segens durch Melchisedek antwortet Abraham sogleich: «Ich hebe meine Hand auf zu Jehova, zu Gott, dem Höchsten, der Himmel und Erde besitzt: Wenn vom Faden bis zum Schuhriemen, ja, wenn ich irgend etwas nehme von dem, was dein ist... ! auf dass du nicht sagest: Ich habe Abram reich gemacht. Nichts für mich!» - Für den Gläubigen macht es einen grossen Unterschied aus, ob er von Gott reich gemacht wird oder vom Fürsten der Welt. Was er von Gott empfängt und aus Seiner Hand nehmen kann( bindet sein Herz umso fester an Ihn. Was ihm aber die Welt gibt, und wäre es auch etwas ganz Geringes, kann sein Herz Gott entfremden. Ach, dass uns doch in diesem Stück auch diese Entschiedenheit Abrahams kennzeichnete und wir uns bei allem, das an uns herankommt, fragten: Ist es Gott, der mir dies gibt?
Welch ein schönes Zeugnis war doch Abraham gegenüber dem König von Sodom! Durch ihn wurde die Macht Jehovas, des lebendigen Gottes offenbar und in ihm sah er eine Bruderliebe, die für den Bruder alles aufs Spiel setzte, ohne dafür einen materiellen Gewinn einzukassieren!