Bileam - seine Worte und seine Wege
Halte fest Jahrgang 2002 - Seite: 25 - Verfasser: W.W.Fereday
Dieser Artikel ist unter dem Titel "Gottes Sieg über Satans Macht und List" im Beröa-Verlag, Zürich, erschienen.
1) «Du hast es gesehen»
Bileam und seine bösen Taten werden in acht Büchern der Bibel erwähnt - in fünf des Alten und in drei des Neuen Testaments. Diese Tatsache genügt, um die Wichtigkeit seines Lebens und Treibens zu beweisen. Die letzte Erwähnung von Bileam (und Balak) finden wir im Sendschreiben an die Versammlung in Pergamus (Offb. 2,14). Daraus lernen wir, dass die Gottlosigkeit und Bosheit von Bileam und Balak auch in die Christenheit Einzug gehalten haben. Es ist daher wichtig, dass jeder, der an den Herrn Jesus glaubt, zu verstehen sucht, was dieses Böse alles beinhaltet.
Bileam erschien auf dem Schauplatz, als das Volk Israel seine 40 Jahre dauernde Wüstenreise fast beendet hatte. Aaron starb im Alter von 123 Jahren am ersten Tag des fünften Monats im 40. Jahr. Das Volk hatte sein achtes Lager nach Aarons Tod aufgeschlagen, als sich Balak und Bileam gegen Israel verschworen (4.Mose 33,38-48).
Es stellt sich daher die Frage: Wie gelangte Mose zum Wissen über all das, was er in 4.Mose 22 - 24 aufgeschrieben hat? Es ist die Schilderung von Ereignissen, die, vom Volk Gottes aus gesehen, hinter den Kulissen stattfanden. Niemand im Lager der Israeliten konnte von den Verhandlungen zwischen Moab und Midian wissen, die ein Bündnis gegen sie schlossen. Genauso wenig konnte irgendjemand wissen, was im Haus von Bileam im fernen Mesopotamien gesagt und getan wurde, oder was sich auf der seltsamen Reise zutrug, als sogar der Esel seinen Meister wegen seiner Torheit tadelte. Wir sehen auch, dass Bileam alle seine Aussprüche von erhöhten Orten aus machte, von wo er das Lager Israels überblicken konnte. Doch im Lager selbst nahm niemand wahr, dass überhaupt etwas passierte. Leider war das Volk zu sehr mit seinem Murren beschäftigt, um noch an etwas anderes zu denken!
Wie also kam der inspirierte Geschichtsschreiber in den Besitz der Geschichte der Taten und Aussprüche Bileams, die er so detailliert niedergeschrieben hat? Mose muss dies alles sehr schnell zu wissen bekommen haben, denn diese Ereignisse geschahen in den letzten Wochen seines Lebens. Die Antwort auf diese Frage ist sehr einfach: Mose empfing die ganze Geschichte durch direkte Offenbarung von Gott. Auch wenn das Volk keine Ahnung davon hatte, der Herr wusste alles, was diese bösen, von Satan getriebenen Menschen gegen sein auserwähltes Volk schmiedeten. Trotz der Treulosigkeit dieses Volkes von Anfang an, schritt Er in seiner unveränderlichen Liebe zu ihnen ein und durchkreuzte alle Pläne des Feindes. Er zwang sogar den geldgierigen Wahrsager dazu, das Gegenteil von all dem zu sagen, was er eigentlich sagen wollte! Was für einen Gott haben wir doch!
Wie wenig dachten die arglistigen Verschwörer daran, dass Gott alles wahrnahm, und dass die Geschichte ihrer Taten durch göttliche Autorität aufgeschrieben würde, damit Menschen in allen nachfolgenden Zeitaltern sie lesen könnten! Ebenso wenig konnte sich der römische Offizier Klaudius Lysias vorstellen, dass sein lügnerischer Brief, den er dem Statthalter Felix über Paulus schrieb, zur Kenntnis genommen und von Gott aufbewahrt würde, um in sein heiliges Wort eingefügt zu werden (Apg. 23,25-30). Lasst uns nie vergessen, dass alles, was wir in Bezug auf ungeliebte Personen sagen und tun, und von dem wir hoffen, dass es nie an ihre Ohren dringt, von Gott, der alles sieht, registriert und aufgezeichnet wird. Wir müssen für jedes böse Wort und jede böse Tat Rechenschaft ablegen, und zwar «an dem Tag, da Gott das Verborgene der Menschen richten wird ... durch Jesus Christus» (Röm. 2,16). Hören wir auf die Worte Dessen, der auf dem Richterstuhl sitzen wird: «Ich sage euch aber: Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts» (Matth. 12,36).
Abgesehen von 4.Mose 22 - 24, gibt es noch andere Kapitel, die nur mit direkter göttlicher Offenbarung erklärt werden können. Nehmen wir zum Beispiel die ersten zwei Kapitel des ersten Buches Mose. Dort wird uns berichtet, was Gott Tag für Tag sagte und tat, während Er in einem gewaltigen Schöpfungswerk die Erde zum Wohnort für den Menschen vorbereitete. Als dann der Augenblick kam, da Gott den Menschen erschaffen wollte, sprach Er: «Lasst uns Menschen machen in unserem Bild, nach unserem Gleichnis, und sie sollen herrschen.» Damals stand sicher kein Berichterstatter daneben, um all das, was der Schöpfer in jenen herrlichen Tagen sagte und tat, aufzuzeichnen. Wir hätten in ewiger Unkenntnis darüber bleiben müssen, hätte es Gott nicht gefallen, das Ganze zu einem Gegenstand göttlicher Offenbarung für den biblischen Geschichtsschreiber zu machen. So lernen wir, alles auf seine wahre Quelle - Gott - zurückzuführen. Wer die Möglichkeit oder die Wirklichkeit göttlicher Offenbarung in Frage stellt, hat kein Recht, in irgendeiner Weise als Christ betrachtet zu werden.
Als der Herr seinem Knecht Mose von der teuflischen Verschwörung gegen Israel berichtete, hätte dieser gut mit dem Psalmisten sagen können: «Du hast es gesehen, denn du, du schaust auf Mühsal und Gram, um zu vergelten durch deine Hand ... Zerbrich den Arm des Gesetzlosen; und der Böse - suche seine Gesetzlosigkeit, bis dass du sie nicht mehr findest!» (Ps. 10,14.15). Als er das Volk über die Gefahr informierte, die sie bedroht hatte, sagte Mose: «Sie haben Bileam, den Sohn Beors, aus Pethor in Mesopotamien, wider dich gedungen, um dich zu verfluchen. Aber der Herr, dein Gott, wollte nicht auf Bileam hören, und der Herr, dein Gott, wandelte dir den Fluch in Segen; denn der Herr, dein Gott, hatte dich lieb» (5.Mose 23,4.5). Welch kostbare Worte - «denn der Herr, dein Gott, hatte dich lieb»! Doch wie armselig ist die Antwort unserer treulosen menschlichen Herzen!
2) Balaks Ängste
Als Mose und die Kinder Israel am Ufer des Roten Meeres ihr Siegeslied sangen, sagten sie: «Es hörten’s die Völker, sie bebten ...; die Starken Moabs, sie ergriff Beben; ... Es überfiel sie Schrecken und Furcht» (2.Mose 15,14-16). Dies erfüllte sich buchstäblich als der König von Moab und sein Volk die grosse Menge der Wanderer des Herrn erblickten, die 40 Jahre später in ihrem Grenzgebiet lagerten. Im Lager Israels gab es 601’730 Männer, die zu den Waffen greifen konnten. Mit den Frauen und Kindern waren es wahrscheinlich mindestens drei Millionen Menschen: eine wirklich gewaltige Schar. Balak war alarmiert; umso mehr, als Israel soeben drei militärische Machthaber vernichtet hatte, die es gewagt hatten, sich ihnen entgegenzusetzen. Der König von Arad wurde geschlagen; ebenso erging es Sihon, dem König von Hesbon, und Og, dem König von Basan (4.Mose 21). Sihon hatte einige Zeit zuvor einen erfolgreichen Feldzug gegen Moab geführt und einen Teil seines Staatsgebiets annektiert. Wie also konnte Balak hoffen, sich gegen ein Volk zur Wehr setzen zu können, das seinen mächtigen Nachbarn vernichtet hatte?
Wenn Menschen in Schwierigkeiten sind, ist das einzig Richtige, sich im Gebet an Gott zu wenden. Er interessiert sich genauso für die Angelegenheiten von ganzen Völkern wie für die Schwierigkeiten und Sorgen von einzelnen Männern und Frauen. Doch Balak kannte Gott nicht. Wenn die regierenden Staatsmänner unserer Zeit ihre Schwierigkeiten demütig vor Gott ausbreiten würden, bliebe uns viel Kummer und Zerstörung erspart. Josaphat und Hiskia sind zwei schöne Beispiele von Königen, die sich in einem Augenblick nationaler Gefahr demütig an Gott wandten (2.Chr. 20; 2.Kön. 19).
In Wirklichkeit hatte Balak gar nichts zu befürchten. Der Herr hatte schon vorher zu Mose gesagt: «Befeinde Moab nicht und lass dich nicht in Streit mit ihnen ein, denn ich werde dir von seinem Land kein Besitztum geben» (5.Mose 2,9). Der Herr beabsichtigte, Israel ein besseres Teil zu geben als das Land Moab. Moab charakterisiert den bequemen, selbstzufriedenen Weltmenschen - «sorglos war Moab von seiner Jugend an, und still lag es auf seinen Hefen» (Jer. 48,11). Daraus resultierten Hochmut und eitles Prahlen (Jes. 16,6). Die Gläubigen in der heutigen Zeit müssen solche nicht beneiden, denn sie haben ein besseres und bleibendes Teil. «Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus» (Eph. 1,3). Als Asaph die Gemeinschaft mit Gott nicht mehr genoss, beneidete er die Übermütigen und Gesetzlosen um ihren Wohlstand. Doch sobald er in das Heiligtum hineinging und dort die Situation aus der Sicht Gottes betrachtete, fand er sein geistliches Gleichgewicht wieder (Ps. 73).
Weil Balak Gott nicht kannte, schloss er überstürzt Bündnisse mit Midian und Ammon (4.Mose 22,4; 5.Mose 23,3.4). Doch er war nicht überzeugt, dass militärische Macht genügen würde, um den Bezwingern von Sihon und Og zu widerstehen. Daher sandte er Boten zu einem berühmten Wahrsager, zu Bileam, dem Sohn Beors, der in Mesopotamien lebte. Die Siege Israels wurden bereits von Aussenstehenden der Macht Gottes zugeschrieben. Deshalb sagte auch Rahab zu den Spionen: «Denn wir haben gehört ... was ihr den beiden Königen der Amoriter getan, die jenseits des Jordan waren, dem Sihon und dem Og, die ihr verbannt habt. Und wir hörten es, und unser Herz zerschmolz» (Jos. 2,10.11). Indem er Bileam holen liess, versuchte Balak, sich mit Übernatürlichem dem Übernatürlichen entgegenzustellen. Der mesopotamische Prophet stand im Ruf, mit der unsichtbaren Welt Einfluss ausüben zu können - «denn ich weiss, wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der ist verflucht ... Komm doch, verfluche mir dieses Volk!» (4.Mose 22,6).
Dieser schwer fassbare Mann hatte eine gewisse Kenntnis von Gott, doch leider besass er kein wirkliches Herzenswissen! Er brachte den Namen des einen, wahren Gottes in seine ruchlosen Praktiken hinein, um ihnen so einen Anschein von Achtbarkeit zu verleihen. Wenn er den Namen Gottes gebrauchte, würden sich viele Leute leichter an der Nase herum führen lassen. Bileam war das, was man heute einen «Spiritisten» nennt. Eigentlich ist dies eine sehr irreführende Bezeichnung. Passender wäre «Geisterbeschwörer» oder «Dämonenbeschwörer».
Die modernen Spiritisten scheinen sich in zwei Gruppen aufzuteilen: Da gibt es jene, die Gott in ihren Anmassungen überhaupt nicht erwähnen (was wenigstens ehrlich ist); daneben gibt es auch solche, die sich selbst «christliche Spiritualisten» nennen. Die zweite Gruppe ist besonders gefährlich; denn in unseren Tagen wird die Bibel wenig gelesen, und viele Menschen werden durch das Wort «christlich» leicht irregeführt. In manchen Fällen lässt sich die geistliche Führungsschicht mit diesem grossen Übel ein und empfiehlt es sogar als brauchbare Ergänzung zur «Predigt». In Wirklichkeit ist eine Verbindung zwischen Christentum und Spiritismus ganz unmöglich.
Gott verurteilt in seinem Wort - hauptsächlich in 5.Mose 18,9-14 - diese Gräueltat schonungslos. Es ist Abtrünnigkeit - ein Sich-Wegwenden von Gott und seiner offenbarten Wahrheit. Der Verkehr mit Dämonen ist für alle, die sich darauf einlassen, nur zum Schaden, ja, zum Verderben. Das Land Kanaan war voll davon, als die grosse Schar der Israeliten dort einzog, und sie waren von Gott angewiesen, dies gänzlich auszurotten. Tatsächlich war gerade das Vorherrschen dieses Übels einer der Hauptgründe, weshalb der heilige und gerechte Gott die sieben kanaanitischen Völker nicht mehr länger ertragen konnte.
3) Die unsichtbaren Mächte des Bösen
Es besteht nicht der geringste Zweifel darüber, dass wir von einer grossen Geisterwelt umgeben sind; wobei es sowohl gute als auch böse Geister gibt. Die guten Geister (Engel) verharren in der richtigen Untertanentreue ihrem Schöpfer gegenüber, während die bösen sich gegen Ihn empören und der Führung Satans folgen. Doch sowohl die guten als auch die bösen Geister interessieren sich zutiefst für die Angelegenheiten der Menschen. Die einen freuen sich über ihre Segnungen, und die anderen versuchen, ihren Untergang herbeizuführen.
Im Epheser-Brief werden diese geistlichen Mächte dreimal erwähnt. Wir wollen uns kurz damit beschäftigen. In Kapitel 1,20.21 finden wir die Stellung von Christus in Bezug auf jene Mächte. Er sitzt zur Rechten Gottes in den himmlischen Örtern, über jedem Fürstentum und jeder Gewalt und Kraft und Herrschaft. Wie mächtig diese geistlichen Mächte im Universum auch sein mögen, Christus steht über ihnen allen, und alle müssen seine Herrschaft anerkennen. In Kapitel 3,10 wird uns gesagt: «damit jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die mannigfaltige Weisheit Gottes». Dies sind heilige Wesen, die mit selbstlosem Interesse beobachten, was Gott für seine Erlösten tut, und sie bewundern die Weisheit seiner Wege mit ihnen. Petrus sagt, dass sie in diese Dinge «hineinzuschauen begehren» (1.Petr. 1,12). Schliesslich erfahren wir in Epheser 6,12, dass der gegenwärtige Kampf des Christen «gegen die Fürstentümer, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern» ist.
Diese geistlichen Mächte sind sehr gut organisiert (wir lesen in Daniel 10,13 von «einem der ersten Fürsten» unter ihnen), und ihre Macht ist gewaltig. Sie wirken auf Einzelpersonen ein, um sie zu verderben; doch sie beeinflussen auch den Lauf der öffentlichen Angelegenheiten. Für die Katastrophen, die von Zeit zu Zeit über die Menschen kommen, sind zum grössten Teil sie verantwortlich. Könige und Staatsmänner, so gross ihr Regierungstalent und so gut ihre Absichten auch sein mögen, sind hilflose Schachfiguren in den Händen teuflischer Mächte, wenn sie nicht gelernt haben, nur von Gott abhängig zu sein.
Ich möchte nicht, dass jemand das Vorangegangene missversteht. Es ist hier nicht die Rede von den Geistern der Verstorbenen. Diese können keinesfalls irdische Ereignisse beeinflussen. Es ist sogar zweifelhaft, ob sie überhaupt wissen, was auf der Erde vor sich geht. Wir sprechen von Engeln, von guten und von gefallenen Engeln, wie zuvor angeführt. Die Menschen hatten schon immer den Wunsch, den Vorhang, der das Sichtbare vom Unsichtbaren trennt, zu lüften. Solche Neugier ist äusserst gefährlich, und jene, die ihr nachgeben, setzen sich der Gewaltherrschaft von Wesen aus, die ihnen an Macht und Raffiniertheit bei weitem überlegen sind, und die sich daran freuen, Seelen ins ewige Verderben zu locken.
In seiner gnädigen Unterweisung der Gläubigen hat es Gott gefallen, uns kurze Blicke auf das zu erlauben, was sich in der unsichtbaren Welt abspielt. Er möchte, dass die Seinen, die hier zum Zeugnis für Ihn zurückgelassen sind, ein gewisses Verständnis für die schrecklichen Einflüsse haben, die anhaltend auf die Zerstörung der Menschheit hin arbeiten. So werden wir vor den Täuschungen Satans bewahrt und können auch andere davor warnen. Daniel 10,1; 12,4; 1.Könige 22,14-23 und Offenbarung 16,12-16 sind Schriftstellen, die jeder Christ in diesem Zusammenhang sorgfältig studieren sollte. In Daniel 10 sehen wir, wie der Prophet drei Wochen lang für die Zukunft des Volkes Israel im Gebet war. Am Ende dieser Zeit kam ein Engel zu ihm und sagte, dass er schon am Anfang seines Gebets mit einer Antwort zu ihm gesandt worden sei, aber «der Fürst des Königreichs Persien stand mir 21 Tage entgegen» (V. 13).
Von wem spricht der Engel? Ganz sicher nicht von einem Menschen; denn wie könnte der persische König einen Engel daran hindern, mit einer Antwort auf das Gebet des Propheten auf die Erde zu kommen? Wie hätte er wissen können, dass der Prophet überhaupt gebetet hat! Es ist ein mächtiger Geist, von dem der Engel hier spricht, ein Geist, der sich für das Gute oder das Böse in der persischen Politik interessierte. Dann lesen wir in Vers 20: «Und jetzt werde ich zurückkehren, um mit dem Fürsten von Persien zu streiten; aber wenn ich ausziehe, siehe, so wird der Fürst von Griechenland kommen.» Es ist unmöglich, Menschen in eine solche Stelle hineinzubringen. Der Engel spricht von Bewegungen und Gegenbewegungen in der geistigen Welt, die zu Konflikten hier auf der Erde führen. Wenn wir die Botschaft des Engels bis zum Ende in Daniel 12,4 durchlesen, dann werden wir viel Bösartiges erfahren, das Könige und andere Personen tun, indem sie von Satan angetrieben werden. Wir werden auch erfahren, dass Israel den Mittelpunkt von Gottes irdischen Wegen bildet, und dass sich der Erzengel Michael speziell für die Interessen Israels einsetzt, und dass er zu gegebener Zeit in Macht zu ihren Gunsten handeln wird (Dan. 12,1). In Verbindung mit diesem interessanten Gespräch zwischen Daniel und dem Engel sollte auch Sacharja 1,7-11; 3,1-5 und 6,1-8 sorgfältig studiert werden.
Gehen wir nun zu 1.Könige 22,14-23. Ahab, der böse, gottlose und eigensinnige König von Israel, beabsichtigte, gegen Syrien in den Krieg zu ziehen, um Ramoth-Gilead zurückzuerobern. Sein irregeleiteter Verbündeter, Josaphat, der König von Juda (er war gottesfürchtig, aber schwach), wollte wissen, was Gott zu diesem Vorhaben sagen würde. Zu gegebener Zeit wurde der treue Micha aus dem Gefängnis geholt. Dieser beschrieb in kurzen Worten eine Szene, die sich im Himmel abspielte. Der Herr sass auf seinem Thron, umgeben von den himmlischen Heerscharen. Weil seine Geduld mit Ahab nun erschöpft war, suchte Er einen Freiwilligen, der den todgeweihten Mann dazu bewegen sollte, in den Krieg zu ziehen, wo ihn das Verderben ereilen würde. Nach langem Hin- und Herreden schlug ein Geist vor, auszugehen und in den Mund von allen Propheten des Königs eine Lüge zu legen. «Geh aus und tu also», sagte der grosse Gott. Keine Worte können den Ernst dieser Begebenheit genügend hervorheben. Israels Krieg mit Syrien war demnach in der Geister-Welt geplant und vereinbart worden, wie viele weitere Kriege seither ebenfalls. Von Satan verblendet, schenkte Ahab dem, was er hörte, keine Beachtung. Der treue Zeuge Gottes wurde ins Gefängnis zurückgeschickt, und der König fuhr geradewegs in seinen Tod.
Offenbarung 16,12-16 befasst sich kurz mit der letzten Mobilmachung der Nationen zum Krieg. Wir finden hier das gefürchtete Wort «Harmagedon». Es sind geistliche Mächte, die für die letzte grosse Auseinandersetzung der Welt verantwortlich sind. Es genügt, den folgenden Abschnitt zu zitieren: «Und ich sah aus dem Mund des Drachen und aus dem Mund des Tieres und aus dem Mund des falschen Propheten drei unreine Geister kommen, wie Frösche; denn es sind Geister von Dämonen, die Zeichen tun, die zu den Königen des ganzen Erdkreises ausgehen, um sie zu versammeln zu dem Krieg des grossen Tages Gottes, des Allmächtigen.» Die Sprache ist zweifellos symbolisch, aber ihre Bedeutung ist zu klar, um missverstanden zu werden. In dem Mass wie die Heilige Schrift mehr und mehr vernachlässigt und in Misskredit gebracht wird (grösstenteils eine Folge der Bibelkritik), werden die Menschen mit zunehmender Bereitwilligkeit «auf betrügerische Geister und Lehren von Dämonen, durch die Heuchelei von Lügenrednern» hören (1.Tim. 4,1.2). Welch schreckliche Frucht des Gifts des Unglaubens, das die Schlange ganz am Anfang in den Sinn von Adam und Eva eingeflösst hat (1.Mose 3,1)!
Eines der ältesten Bücher der Bibel klärt uns über die böswillige Handlungsweise Satans dem Einzelnen gegenüber auf:
Als zahlreiche Katastrophen über Hiob hereinbrachen, hatte er keine Ahnung, dass er das Thema einer Unterredung im Himmel gewesen war. Der Herr hatte seine Wege mit grossem Wohlgefallen betrachtet. Auch Satan hatte ihn beobachtet, doch mit böswilligen Augen. Als der Herr den Satan auf Hiob hinwies und fragte, ob er auf ihn Acht gehabt habe, deutete dieser in seiner Antwort an, dass dieser Mann Gott nur diene, weil es zu seinem eigenen Vorteil gereiche. Gott erlaubte deshalb dem Feind, ihm alles wegzunehmen, was Er ihm gegeben hatte. Doch Hiob gab seinen Gott nicht auf. In einer zweiten Unterredung im Himmel führte Satan an, dass die Not nicht gross genug gewesen sei. Wenn Gott die Person des Patriarchen direkt antasten würde, dann würde Er sehen, was für eine Art Mensch er wirklich sei. Wir wollen hier die bekannte Geschichte nicht weiter verfolgen. Hiobs Freunde hörten von seiner Not und besuchten ihn. Doch als sie ihn mit Beulen bedeckt und in tiefer Qual auf einem Aschenhaufen sitzen sahen, da zeigten ihre Worte - und auch die Worte Hiobs - dass keiner von ihnen die ganze Angelegenheit wirklich verstand. Aber Hiob hielt an seinem Gott fest, trotz seinen unerklärlichen Wegen mit ihm, und am Ende war er reicher gesegnet als je zuvor.
Die Schriftstellen, die wir betrachtet haben, zeigen uns ein wenig die Feindschaft Satans und seines Heeres gegen Gott und die Menschen, seien es Einzelpersonen oder eine ganze Gruppe. Ein grosser Tag wird kommen - und er ist vielleicht sehr nah -, da ein mächtiges Aufeinanderprallen geistlicher Mächte in der Höhe stattfinden wird. In der Folge werden Satan und seine Engel aus dem Himmel vertrieben, und sie dürfen nie wieder in diese Orte zurückkehren. Dann wird der Triumphruf der verherrlichten Gläubigen erschallen: «Nun ist das Heil und die Macht und das Reich unseres Gottes und die Gewalt seines Christus gekommen; denn hinabgeworfen ist der Verkläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte» (Offb. 12,10).
Bileam, der eine gewisse Kenntnis über diese schrecklichen Mächte der Bosheit besass, war bereit, ihr Werkzeug zur Zerstörung von Gottes Volk Israel zu sein. Doch der Herr, der sein Volk liebte, durchkreuzte seine Pläne in jedem Punkt, und von seinen Lippen kamen keine Flüche, sondern Segnungen!
4) Nach und von Mesopotamien
Seitdem der Mensch aus dem Garten Eden vertrieben wurde, ist er ruhelos. Besonders unruhig wird er dann, wenn er in Schwierigkeiten steckt oder wenn er meint, dass sich Schwierigkeiten ergeben könnten. Norden, Süden, Osten und Westen werden durchsucht, um Hilfe oder einen Ausweg zu finden.
So war es auch bei Balak. Als er erfuhr, dass Israel in der Nähe seiner Grenzen lagerte, wurde er beunruhigt und schickte Boten zu benachbarten Königreichen, um Bündnisse zu schliessen. Er sandte auch Boten nach Mesopotamien, um den berühmten Wahrsager Bileam herzuholen. Es wäre besser gewesen, wenn er sich vor Gott gebeugt hätte; denn niemals weist Er die Bitten derer ab, die einsehen, dass sie seine Hilfe nötig haben.
Auch in unserer Zeit gibt es Staatsmänner, die unter Lebensgefahr Tausende von Kilometern weit fliegen, um mit Menschen über ihre Befürchtungen zu beraten. Wenn sie sich stattdessen zu Gott gewandt hätten, wären dadurch bessere Ergebnisse erzielt worden. Ach, die Blindheit, die den Menschen mit all seiner bekannten Wankelmütigkeit dem wahren Gott vorzieht, der doch bekannt ist für seine Treue gegen alle, die ihr Vertrauen auf Ihn setzen! «Lasst ab von dem Menschen, in dessen Nase nur ein Odem ist! denn wofür ist er zu achten?» (Jes. 2,22).
Balaks Boten zogen nach Mesopotamien «mit dem Wahrsagerlohn in der Hand» (4.Mose 22,7). Der König von Moab muss gewusst haben, dass der falsche Prophet «den Lohn der Ungerechtigkeit liebte» (2.Petr. 2,15). Deshalb wollte er seine Sache mit einer Vorauszahlung absichern. Doch der verräterische Betrüger brachte den Namen des Herrn in die ganze Angelegenheit hinein und beherbergte die Boten für die Nacht unter dem Vorwand, den Willen Gottes erfahren zu wollen. Das hängige Geschäft war von höchster Bedeutung, wurde doch von ihm verlangt, ein ganzes Volk zu verderben. Verbrachte er deshalb die Nacht im Gebet zu Gott? Nichts lag den Gedanken Bileams ferner als das. Er ging einfach zu Bett. Und Gott, der all diese Winkelzüge mit höchstem Interesse beobachtete und verfolgte, kam mit der herausfordernden Frage zu ihm: «Wer sind diese Männer bei dir?»
Betrachten wir die ganze Situation sorgfältig. Das Volk Gottes, das während der ganzen Wüstenreise undankbar und ungehorsam gewesen war, befand sich jetzt in grosser Gefahr. Sie waren sich dessen nicht bewusst und flehten deshalb auch nicht zu Gott. Doch der Herr selbst nahm sich dieser Sache an. Hier werden wir an seine unwandelbare Gnade erinnert. Er liebte das Volk, trotz allem, was sie waren, und Er würde dem Feind nicht erlauben, ihnen zu schaden. Welch grosser Trost liegt in diesem Gedanken auch für uns!
Begriff Bileam, wer in dieser Nacht mit ihm sprach? Dies ist gar nicht so sicher, denn wir müssen bedenken, dass er gewohnt war, Stimmen aus der unsichtbaren Welt zu hören. Ob er nun sofort verstand, dass es der Gott Israels war, der sich mit ihm befasste, oder nicht, sei dahin gestellt. Auf alle Fälle antwortete er ganz offen, dass Balak ihn darum gebeten habe, ein Volk zu verfluchen, das aus Ägypten gezogen war und vor dem er sich fürchte. Die Antwort Gottes finden wir in drei kurzen Sätzen:
- «Du sollst nicht mit ihnen gehen.» Dies hätte genügt, um die ganze Angelegenheit endgültig abzuschliessen. Ein Mann, der Gott wirklich kennt, würde die Frage kein zweites Mal stellen.
- «Du sollst das Volk nicht verfluchen.» So sehr sein gieriges Herz auch nach Balaks Silber und Gold verlangte, er sollte nicht versuchen, das zu tun, was Balak wünschte.
- «Es ist gesegnet.» Ein Mann, der Gott kennt, würde sicher sein, dass Gott diese Aussage niemals zurücknehmen würde.
Betrachten wir nochmals die ganze göttliche Mitteilung: «Du sollst nicht mit ihnen gehen; du sollst das Volk nicht verfluchen, denn es ist gesegnet.» «Ich kann es nicht wenden», sagte Bileam später.
In Bileams Worten, die er am nächsten Morgen zu seinen Besuchern spricht, liegt ein Anflug von Enttäuschung: «Der Herr hat sich geweigert, mir zu gestatten, mit euch zu gehen.» Sein Herz war in Bezug auf Gottes Volk nicht in Gemeinschaft mit Gott. Um die Belohnung zu bekommen, hätte er es gern ins Verderben gestürzt; doch er war sich des göttlichen Verbots bewusst.
Als Balaks Boten nach Moab zurückkehrten, war der König nicht bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Deshalb schickte er eine neue Gesandtschaft, bestehend aus Fürsten, die geehrter waren, als jene, die er zuvor gesandt hatte. Zudem bot er an, die Belohnung zu vergrössern, falls Bileam nur kommen würde. Bileam antwortete, dass, selbst wenn Balak ihm sein Haus voll Silber und Gold gäbe, er das Wort des Herrn nicht übertreten könne. Dies hört sich gut an; doch er fügte hinzu: «Und nun, bleibt doch hier, auch ihr, diese Nacht, und ich werde erfahren, was der Herr ferner mit mir reden wird» (4.Mose 22,18.19). Ein solches Verhalten war wirklich böse. Der Herr hatte seine Gedanken bereits klar geäussert. Es gab deshalb keinen Grund, Ihn nochmals zu befragen. Doch Bileam wollte unbedingt gehen, und er kannte Gott gut genug, um sich nicht auf eine offene Konfrontation mit Ihm einzulassen (was auch Gamaliel erkannte; Apg. 5,39). Wenn möglich wollte er den Herrn für seinen eigenen Willen gefügig machen! Welch entsetzlicher Gedanke! Welch ungeheuerliche Unkenntnis unseres Gottes!
In der Nacht sprach Gott nochmals zu Bileam und sagte ihm: «Wenn die Männer gekommen sind, um dich zu rufen, so mache dich auf, geh mit ihnen; aber nur dasjenige, was ich dir sagen werde, sollst du tun.» Gott würde jetzt mit dem Narr nach seiner Dummheit verfahren. Er sollte gehen, wie er es gewünscht hatte; doch Gott war entschlossen, ihn mit Verwirrung zu überschütten und für sein eigenes Volk grossen Segen aus diesen satanischen Machenschaften hervorzubringen. Die üble Haltung, die Bileam hier in dieser Sache Gott gegenüber einnahm, erinnert uns an das Verhalten der jüdischen Führer in den Tagen Jeremias, als sie sich vor den Chaldäern fürchteten. Sie baten den Propheten, er möge den Herrn um göttliche Führung für ihren Weg bitten, obschon sie bereits den Entschluss gefasst hatten, mit ihrer ganzen Gefolgschaft nach Ägypten zu ziehen (Jer. 42). Geben wir Acht, dass wir nicht vor Gott treten und in unserem Herzen die Entscheidung schon getroffen haben. Dies wäre eine ernste Beleidigung der göttlichen Majestät!
Bileam, der die Erlaubnis vom Herrn erhalten hatte, stand am Morgen eifrig auf, sattelte seinen Esel und zog mit den Boten Balaks. Er wandelte nicht im Licht, als er zu dieser Reise aufbrach, im Gegensatz zum Herrn Jesus, der immer im Licht wandelte, wie wir es in Johannes 11,9 sehen. Bileam wandelte in der Finsternis. Er hoffte, seinen eigenen Weg gehen zu können und eine reiche Belohnung für seine böse Tat zu bekommen. Sein Herz war weder mit göttlichen Zuneigungen erfüllt, noch sehnte er sich danach, von Gott zum Segen für die Menschen gebraucht zu werden. Er hatte keine Botschaft. Er wusste nicht, zu welchen Worten er gezwungen würde, wenn er die Stämme Israels sehen würde. Welch eine Reise - eine Reise, die uns eine Lektion erteilt und die nicht vergessen wird, solange die Erde besteht! Nie war Satan entschiedener darauf aus, das Volk Gottes zu verfluchen, und nie war Gott mehr zum Segnen entschlossen, als damals. Nie zuvor hatte Satan einen willigeren Diener gehabt, und nie war ein Mensch so ohnmächtig wie Bileam, als der Allmächtige seine Hand auf ihn legte! Wie gut ist es für Herz und Gewissen, über die Wege unseres Gottes nachzusinnen!
5) Die Torheit des Propheten
In 1.Timotheus 6,10 heisst es: «Die Geldliebe ist eine Wurzel alles Bösen.» Aus dieser verderblichen Quelle können leicht Neid, Lüge und Mord (ganz zu schweigen von anderen Sünden) entspringen. Da die Geldliebe eine Wurzel ist, können diese hassenswerten Dinge auch aus anderen Wurzeln hervorkommen. Doch die Geldliebe war sowohl das Verderben Bileams, wie es auch der Untergang von Judas Iskariot und vielen anderen war. Als sich der Heilige Geist 1’500 Jahre später zu den Taten Bileams äusserte, sagte Er: «Der den Lohn der Ungerechtigkeit liebte» (2.Petr. 2,15).
Wir können uns vorstellen, wie der Prophet von Mesopotamien nach Moab aufbrach. Seine Seele muss dabei nur von der Aussicht auf Balaks Gold und Silber erfüllt gewesen sein. In Bezug auf die Verwüstung und Not, die er über ein unschuldiges Volk bringen sollte, um seine Belohnung zu erlangen, war er absolut herzlos. Das Volk Israel hatte ihm nichts Böses getan, und er hatte keinen direkten Streit mit ihnen. Und doch war er bereit, eine ganze Nation zu zerstören - Männer, Frauen und Kinder! Man kann sich nichts Schrecklicheres vorstellen. Es ist deshalb kein Wunder, wenn wir lesen: «Da entbrannte der Zorn Gottes, dass er hinzog» (4.Mose 22,22).
Ein himmlisches Wesen stellte sich ihm mit einem gezückten Schwert in der Hand in den Weg. Es war «der Engel des Herrn». Das war nicht einfach ein Diener. Es war derselbe «Mann Gottes», der später der Frau von Manoah in Richter 13 erschien und ihr sagte, sein Name sei ja «wunderbar». Sowohl zu ihr als auch zu Bileam sprach Er mit göttlicher Autorität. Ihm sagte Er: «Ich bin ausgegangen, dir zu widerstehen, denn der Weg ist verderblich vor mir ... Geh mit den Männern; aber nur dasjenige, was ich dir sagen werde, sollst du reden.» Der Redende war niemand anders als Der, den wir als den Herrn Jesus Christus kennen.
Die Eselin sah den Engel und wich dem drohenden Schwert aus. Ach, dass ein Tier mehr wahrnimmt, als ein Mensch, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist! «Ein Ochse kennt seinen Besitzer, und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel hat keine Erkenntnis, mein Volk hat kein Verständnis» (Jes. 1,3). So klagte der Herr über die moralische Gefühllosigkeit des Volkes, dem Er so freundlich und liebevoll begegnet war wie sonst keinem anderen Volk. Selbst das Vieh konnte sie beschämen!
Bileam schlug seine Eselin dreimal. Der Engel tadelte ihn dafür, denn jede grausame Handlung gegen Tiere wird von Gott registriert.
Wenn die Söhne Gottes in Herrlichkeit mit dem Erstgeborenen aller Brüder offenbart werden, wird die seufzende Schöpfung endlich erlöst werden (Röm. 8,19-22). Inzwischen «tat der Herr den Mund der Eselin auf». Niemand sollte bezweifeln, dass dies tatsächlich so geschah. Der Heilige Geist, der wirkliche Autor von jedem Buch der Bibel, sagt dies so, und zwar nicht nur im 4. Buch Mose, sondern auch viel später im zweiten Brief des Petrus. Dies beantwortet denen, die gelernt haben, Gott zu glauben, jede Frage. Weshalb sollte die Eselin nicht sprechen? Er, der dem Menschen die Sprache gab, kann gewiss auch ein Tier jederzeit sprechfähig machen, wenn die Umstände es erfordern. «Er machte das Eisen schwimmen» (2.Kön. 6,6). «Und die Sonne stand still» (Jos. 10,13). «Ist für den Herrn eine Sache zu wunderbar?» (1.Mose 18,14). Wenn wir Ihn in diese Angelegenheiten hineinbringen, weichen alle Schwierigkeiten. «Da ist niemand, der seiner Hand wehren und zu ihm sagen könnte: Was tust du?» (Dan. 4,35).
«Ein sprachloses Lasttier, mit Menschenstimme redend, wehrte der Torheit des Propheten» (2.Petr. 2,16). Es war tatsächlich die grösste Dummheit von ihm, sich vorzustellen, dass er den beschlossenen Ratschluss des Herrn in Bezug auf sein Volk hätte für nichtig erklären oder ändern können! Es war Torheit zu glauben, dass ein wohlwollender Schöpfer die Vernichtung von Millionen von Seelen erlauben würde, damit sich ein Geisterbeschwörer seine Belohnung verdiente! Gibt es überhaupt eine Torheit, zu der Menschen, die Gott nicht kennen, nicht fähig sind? Ist die Zerstörung der Erde in unserer heutigen Zeit ein Zeichen von Weisheit oder Torheit?
Wenn Bileam nur ein wenig Herzenskenntnis von Gott besessen hätte, würde er sich, nach seiner Erfahrung mit dem Engel, geweigert haben, noch einen Schritt weiter zu gehen. Zwar sagte ihm der Engel: «Geh mit den Männern; aber nur dasjenige, was ich dir sagen werde, sollst du reden.» Doch er sagte auch: «Siehe, ich bin ausgegangen, dir zu widerstehen, denn der Weg ist verderblich vor mir» (4.Mose 22,35.32). Nachdem er dies alles gehört hatte, schritt Bileam ganz bewusst vorwärts zu seinem Verderben. Seine Worte: «Ich habe gesündigt», kamen genauso wenig aus einem göttlich überführten Gewissen wie die gleichen Worte über die Lippen des eigenwilligen Saul kamen (1.Sam. 15,24).
Zu gegebener Zeit traf Bileam auf Balak. Dieser machte ihm Vorwürfe, weil er nicht schon auf seine erste Einladung hin gekommen war. Doch es scheint, dass sich Bileam mit einem mehr als unsicheren Herzen an die leidige Sache machte, für die er von Mesopotamien gerufen worden war.
In gewisser Hinsicht deuten diese zwei Diener des Teufels auf das Tier und den falschen Propheten der Endzeit hin. Diese werden mit teuflischer Energie Erde und Hölle gegen Israel, das Volk Gottes, in Bewegung setzen, um es zu zerstören. Doch sie werden nicht erfolgreicher sein als Balak und Bileam, die so viel früher gelebt haben. «Lebendig wurden die zwei in den Feuersee geworfen, der mit Schwefel brennt» (Offb. 19,20). Wer kann Gott überwinden?
6) Die grosse Frage
In Bezug auf das Volk Israel hatte Gott eine zweifache Auseinandersetzung mit Moab: erstens, «weil sie euch nicht mit Brot und Wasser entgegengekommen sind auf dem Weg, als ihr aus Ägypten zogt», und zweitens, «weil sie Bileam, den Sohn Beors, aus Pethor in Mesopotamien, gegen dich gedungen haben, um dich zu verfluchen» (5.Mose 23,4). Wir lernen daraus, dass Sünde sowohl das Unterlassen einer guten Tat als auch das Ausüben einer bösen Tat sein kann. Wer es versäumt, den Willen Gottes zu befolgen, sündigt genauso wie jener, der sich diesem Willen offen widersetzt.
In Matthäus 25 werden die törichten Jungfrauen vom Hochzeitsfest ausgeschlossen, weil sie es versäumt haben, Öl für ihre Lampen mitzunehmen. Der Knecht mit dem einen Talent wird in die äusserste Finsternis geworfen, weil er es unterlassen hat, sein Talent für den Herrn einzusetzen. Und die «Böcke» werden in das ewige Feuer geschickt, weil sie den Boten des Königs keine Güte erwiesen hatten. Diese Unterlassungen deuten auf die Verachtung des Willens Gottes hin. Das ist sehr ernst. Samuel sagte zum Volk Israel: «Fern sei es von mir, dass ich gegen den Herrn sündigen, dass ich ablassen sollte, für euch zu bitten» (1.Sam. 12,23). In den Augen Gottes war es also übel, dass Moab (und Ammon) seinem wandernden Volk nicht mit Brot und Wasser entgegengekommen waren, als es auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan war.
Doch diese Feinde gingen noch weiter. Sie begingen nicht nur eine Unterlassungssünde, sondern sie zeigten offene Feindschaft. Viele Jahrhunderte nach den Tagen Moses sagte der Herr: «Mein Volk, gedenke doch, was Balak, der König von Moab, beratschlagt, und was Bileam, der Sohn Beors, ihm geantwortet hat, dessen, was von Sittim bis Gilgal geschehen ist; damit du die gerechten Taten des Herrn erkennest» (Micha 6,5).
Wir sehen also, dass Balak und Bileam, von Satan aufgehetzt, eine grosse Frage gegen das Volk Israel aufgeworfen hatten - eine Frage, die auch wir verstehen sollten, denn sie betrifft uns direkt. Satan ist voller Böswilligkeit, sowohl gegen Gottes himmlische Gläubige als auch gegen sein irdisches Volk. Durch die Macht Gottes war Israel aus Ägypten erlöst worden. Wunderbare Segensverheissungen in einem von Gott erwählten Land klangen in ihren Ohren. Ihr Weg war Jahr für Jahr von göttlicher Liebe und Fürsorge gekennzeichnet. Nun befanden sie sich an der Schwelle zum verheissenen Land. Der Augenblick, da sie den Jordan überschreiten und das Land in Besitz nehmen würden, stand nahe bevor. Satan, der in den Jahren der Wüstenwanderung fortwährend verheerenden Schaden unter ihnen angerichtet hatte, erhob sich nun zu einem riesigen Schlag gegen sie, wobei er Balak und Bileam zu seinen Werkzeugen wählte. Er trachtete danach, ihnen den verheissenen Segen zu rauben. Ja, er wünschte eigentlich ihre gänzliche Vertilgung.
Wäre die grosse Frage zu Beginn der 40 Jahre gestellt worden, dann hätte jeder erwartet, dass der Herr den Vorschlag, das Volk zu vernichten, abgelehnt hätte. Weshalb hätte Er sie sonst aus den Händen der Sklaventreiber in Ägypten erlöst und sie vor den Gefahren des Roten Meeres bewahrt, wenn Er sie ohnehin vernichten wollte? Doch die Frage wurde nicht am Anfang der 40 Jahre, sondern an ihrem Ende gestellt. Und was war die Geschichte dieser Jahre? Von Seiten des Herrn sehen wir Güte, Treue und Geduld; doch von Seiten des Volkes Unglaube, Undankbarkeit und fortwährenden Ungehorsam! Mose liebte das Volk von Herzen und opferte all seine weltlichen Aussichten, um ihnen zu dienen, doch sie brachen sein Herz. Einmal provozierten sie ihn so heftig, dass er Worte aussprach, die ihm das Land seiner tiefsten Sehnsucht verschlossen (Psalm 106,32.33; 4.Mose 20,12; 5.Mose 4,21-22). Konnte das Volk, das eine solche Vorgeschichte hatte, verflucht werden? Konnte der Herr dazu veranlasst werden, Israel beiseite zu setzen? Dies war die Frage, die in den Ebenen Moabs gestellt und beantwortet wurde.
Wir studieren dieses ernste Kapitel in der Geschichte Israels mit grossem Interesse, denn diese Frage betrifft auch uns sehr stark. Was sind wir in den Tagen unserer Pilgerreise für Gott gewesen? Wir müssen alle traurig und beschämt zu Boden blicken, wenn wir unseren Herzen diese Frage stellen. Aber können unsere Fehler Gottes Gnadenratschlüsse uns gegenüber in irgendeiner Weise beeinflussen? Wird Er aufhören, uns zu lieben, wird Er unsere Namen aus dem Buch des Lebens auslöschen und uns dorthin zurückwerfen, wo Er uns gefunden hat? Gelobt sei sein heiliger Name - NEIN!
Er erwählte uns in Christus vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und tadellos vor Ihm seien in Liebe. Er hat uns angenehm gemacht in dem Geliebten. Er hat uns gewaschen, geheiligt und gerechtfertigt. Er hat uns mit dem Heiligen Geist gesalbt und versiegelt (Eph. 1,3-6; 1.Kor. 6,11; 2.Kor. 1,21-22). Dies alles bleibt für ewig, denn Gott ist treu, was auch immer sein Volk sein mag. In seiner gerechten Regierung züchtigt Er uns vielleicht, wie Er das Volk Israel einst gezüchtigt hatte. Doch seine Ratschlüsse der Gnade wird Er nie umstossen. «Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar» (Röm. 11,29). Hören wir auch, was Mose sagte: «Aber der Herr, dein Gott, wollte nicht auf Bileam hören, und der Herr, dein Gott, wandelte dir den Fluch in Segen; denn der Herr, dein Gott, hatte dich lieb» (5.Mose 23,5). Genauso sind alle unsere Segnungen im auferstandenen Christus gesichert, und der Vater liebt uns, wie Er Ihn liebt.
Es passt zu Satan, dem Erzheuchler des Universums, sich ab und zu für die Gerechtigkeit einzusetzen. Ist es mit dem göttlichen Charakter vereinbar, dass ein untreues Volk immer noch geliebt und gesegnet wird? In Sacharja 3 wurde dem Propheten in einem Gesicht gezeigt, wie Satan dem Hohenpriester Josua, der das ganze Volk Israel vertritt, widersteht. Er würde den Mann in den schmutzigen Kleidern als völlig unpassend für die Gegenwart Gottes abstempeln und ihn mit dem grössten Vergnügen ins Feuer schleudern. Doch Gott tadelte ihn dafür!
Vor seinem Fall nahm Satan in Gottes Schöpfung eine hohe Stellung ein. In Hesekiel 28,11-17 finden wir eine verdeckte Andeutung darauf. Dort heisst es in Vers 14: «Du warst ein schirmender, gesalbter Cherub, und ich hatte dich dazu gemacht; du warst auf Gottes heiligem Berg, du wandeltest inmitten feuriger Steine.» Diese Worte machen uns klar, dass Satans Aufgabe war, über die Interessen des Thrones Gottes zu wachen. In seiner Heuchelei nimmt er selbst heute «die Gestalt eines Engels des Lichts» an und seine Diener «die Gestalt als Diener der Gerechtigkeit» (2.Kor. 11,14.15). Böse Geister sind nicht immer unrein wie in Markus 5,2. Sie können frömmlerisch und pharisäisch sein, wenn es ihnen passt (1.Tim. 4,1-3). Durch Menschen konnten sie den Herrn Jesus sogar wegen Brechen des Sabbats, Lästerung und Aufwiegelung anklagen! Sie konnten vortäuschen, über die Wege und Worte von Gottes heiligem Sohn erschüttert zu sein!
Wenn wir das 4. Buch Mose lesen, machen wir eine wunderbare Entdeckung: Die Bemühungen böser Menschen und Satans bewegten Gott dazu, durch die widerwilligen Lippen Bileams einige der herrlichsten Gnaden- und Segensbezeugungen, die wir in der Schrift finden, über sein Volk auszusprechen.
Um dies zu erklären, sollten wir einen Blick auf 4.Mose 21,8.9 zurückwerfen. Die erhöhte Schlange war ein Bild auf den erhöhten Sohn des Menschen. Er selbst lehrt uns dies in Johannes 3,14. Dies deutet darauf hin, dass das Fleisch, die alte Natur des Menschen, in Gottes Augen hoffnungslos schlecht ist und Er es deshalb verworfen hat. Nichts, was aus dem ersten Menschen hervorkommt, kann von Ihm angenommen werden. Der Sünder benötigt nicht nur Vergebung für die Sünden, die er begangen hat; er braucht auch ein neues und göttliches Leben.
Genau dies wurde Nikodemus im nächtlichen Gespräch von Jesus gesagt. Welch demütigende Lektion für uns alle! Die Wurzel ist ebenso schlecht wie die Frucht; das adamitische Leben ebenso wie seine verdorbenen Äusserungen. Leben für uns Menschen findet sich nur ihn Ihm, der am Kreuz auf Golgatha das Gericht Gottes über alles, was wir waren und taten, getragen hat. Er lebt nun in Auferstehungskraft, und jeder Glaubende darf sagen: «Was ich aber jetzt lebe im Fleisch (d.h. im Körper), lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat» (Gal. 2,20).
In der erhöhten Schlange entfernte der Herr (im Vorbild) die ganze angeborene Verdorbenheit seines auserwählten Volkes aus ihrem Blickfeld. Wie könnte Er denn all seine Ratschlüsse der Gnade rückgängig machen und sein Volk aus seiner Gegenwart verbannen? Die Kunstgriffe des Feindes schlugen in seine eigene Verwirrung um und gaben dem Gott aller Gnade die Gelegenheit, die grossen Gedanken seines Herzens deutlicher und vollkommener als je zu offenbaren.
Lesen wir nochmals Micha 6,5: «Mein Volk, gedenke doch, was Balak, der König von Moab, beratschlagt, und was Bileam, der Sohn Beors, ihm geantwortet hat, dessen was von Sittim bis Gilgal geschehen ist; damit du die gerechten Taten des Herrn erkennst.» Dies ist eine sehr bemerkenswerte Stelle, wenn wir die Orte, die darin erwähnt werden, betrachten. «Sittim» war auf der Wüstenseite des Jordan, doch «Gilgal» befand sich im verheissenen Land. Die Antwort des Herrn an den Feind war demnach sowohl in Taten als auch in Worten. Seine Worte wurden in «Sittim» ausgesprochen (und sie waren vollkommen und wunderbar); seine Taten wurden in Gilgal bezeugt, wo das Volk Israel nach seinem wunderbaren Durchgang durch den Jordan sein Lager aufschlug, und von wo sie ausgingen, um das Land in Besitz zu nehmen. So bewies der Herr auf überaus schöne Weise seine Gerechtigkeit, indem Er sein gnädiges Wort gegenüber seinem Volk erfüllte. Doch wie schnell vergassen sie seine Werke und hörten auf, sein Lob ertönen zu lassen!
7) Gottes geheiligtes Volk
Balak traf Bileam an der Grenze seines Königreichs. Weder der König noch der Prophet befanden sich in besonders guter Laune. Balak war beleidigt, weil Bileam nicht sofort auf seine Forderungen reagiert hatte; und Bileam hatte das Gefühl, dass er zurückgehalten würde, und dass sich die Dinge nicht so entwickelten, wie er und Balak es wünschten. Balak nahm seinen Gast zuerst nach Kirjath-Chuzoth mit. Dort opferte er in Gegenwart Bileams und der Fürsten, die ihn aus Mesopotamien geholt hatten, Rind- und Kleinvieh. Wir können dies vielleicht als eine Art offiziellen Empfang betrachten. Wem Balak seine Opfer darbrachte, wird nicht gesagt. Doch der eine wahre Gott hatte gewiss keinen Platz in seiner Wertschätzung (4.Mose 22,36-41).
Am nächsten Tag begann das wirkliche Geschäft. «Da nahm Balak den Bileam und führte ihn hinauf nach den Höhen des Baal, und er sah von dort aus das Äusserste des Volkes.» Hier finden wir Baal zum ersten Mal im Wort Gottes erwähnt. Er war die oberste männliche Gottheit der Phönizier und der Kanaaniter, während Asteroth die höchste weibliche Göttin war. Dieser Götzendienst fasste in den Tagen der Richter in Israel Fuss. Zur Zeit Samuels wurde er wieder weggetan (1.Sam. 7,3-6). Unter der Herrschaft Ahabs wurde er im Zehnstämme-Reich fest etabliert, und Isebels Tochter Athalja führte ihn im Königreich Juda ein. Dieses grosse Übel war einer der Gründe für die Vertreibung aller zwölf Stämme aus dem Land der Verheissung.
Wahrscheinlich führte Balak Bileam zu den Höhen des Baal, weil er dachte, diese Hochburg seines verkehrten Gottesdienstes sei für das im Gange befindliche Vorhaben günstig. An einem solchen Ort würde ihnen Baal gewiss helfen! Aber er rechnete nicht mit Gott. In Kürze würde er gezwungen sein, Gottes gute Botschaft von des Teufels eigener Plattform zu hören! Welch eine Verwirrung!
Bileam nahm die Sache in Angriff und forderte Balak auf, sieben Altäre zu bauen und ihm sieben Stiere und sieben Widder bereitzustellen. Dieser böse Mann hatte wahrscheinlich eine gewisse Kenntnis des Opfersystems, das der Herr in Israel eingeführt hatte. Er wusste, dass Er Wohlgefallen an Brandopfern hatte. Aber bildete er sich wirklich ein, dass ein Mann wie er Gott wohlgefällige Opfer darbringen konnte, Opfer, die Gott so gefielen, dass Er ihm schliesslich erlauben würde, seinen eigenen Weg zu gehen und das Volk zu verfluchen? Seine Blindheit und Unkenntnis, die ihn dazu führten, in einem solchen Augenblick Brandopfer zu opfern, sind bemerkenswert.
Doch, was immer die Stiere und Widder auf den Altären für Bileam bedeuteten, sie brachten Christus vor Gott. Und wenn Er in der Vollkommenheit seines Opfertodes vor Ihm ist, wie kann Er anders handeln, als sein Volk zu segnen? Bileam verstand nichts davon. Er war so blind wie die gottlosen Männer, die den Sohn Gottes ans Kreuz von Golgatha schlugen. Es gab einen Gesichtspunkt dieses Kreuzes, von dem sie nichts wussten. Wie wenig stellten sie sich vor, dass Gott aus ihrer entsetzlichen Tat unermesslichen Segen hervorfliessen lassen würde!
Als der Rauch der Opfer emporstieg, sprach Bileam zu Balak: «Stelle dich neben dein Brandopfer, und ich will gehen; vielleicht wird der Herr mir entgegenkommen, und was er mich sehen lassen wird, das werde ich dir kundtun» (4.Mose 23,3). Diese Rede stellte die wahren Beweggründe des Mannes bloss. Weshalb das Wort «vielleicht»? Hat sich Gott jemals geweigert, jemand zu begegnen, der Ihn ernsthaft suchte? Weshalb diese Sprache der Unsicherheit? Es war frommes Gerede. Als er «auf eine kahle Höhe» ging, wünschte Bileam überhaupt nicht, dem Herrn zu begegnen. Sein einziger Wunsch war, dass der Herr ihn allein liess, damit er das tun konnte, was Balak von ihm wünschte, und er so seine Belohnung verdienen konnte.
In 4.Mose 24,1 steht deutlich, dass er «auf Wahrsagerei ausging». Dies bedeutet, dass er versuchte, mit den Dämonen in Kontakt zu treten, mit denen er schon oft Umgang gehabt hatte. Doch «Gott kam dem Bileam entgegen» - zweifellos zu seiner eigenen Bestürzung! Er erzählte Gott von seinen Altären und Opfern (hatte Gott keine Augen, um selbst zu sehen?). Und dann «legte der Herr ein Wort in seinen Mund» und wies ihn an, zu Balak zurückzukehren und es auszusprechen.
Eine vornehme Gesellschaft erwartete Bileam. Der König stand neben den Altären, umgeben von allen Fürsten seines Reichs. Gewiss gab es nie eine bedeutsamere Angelegenheit in der Geschichte Moabs! Balak hatte viele Schwierigkeiten gehabt und beträchtliche Ausgaben auf sich genommen, um Bileams Unterstützung zu gewinnen. Offenbar hielt er grosse Stücke auf Bileams Einfluss auf die Mächte der unsichtbaren Welt.
Warum rief er in dieser Zeit der vermuteten Gefahr nicht das Volk zusammen, um Hilfe von Baal zu erflehen? Warum berief er nicht eine solche Versammlung ein, wie jene auf dem Berg Karmel zur Zeit von Elia, als die Propheten des Baal während vielen Stunden «Baal, antworte uns!» schrien? Balak urteilte, dass der mesopotamische Wahrsager die geeignetste Person auf der ganzen Welt war, um ihm zu helfen.
Als Bileam von der «kahlen Höhe», wo Gott ihm begegnet war und zu ihm gesprochen hatte, zurückkehrte, waren Balak und seine Fürsten voller Erwartung. Was würde er sagen? Würde er solche Verwünschungen über das Volk, das sie fürchteten, ausgiessen, dass seine Kraft vernichtet würde und Moabs Armeen und seine Verbündeten dann leichtes Spiel hätten? Bileam hatte zwar den Namen des Herrn ziemlich freimütig vor ihren Ohren gebraucht. Er hatte ihnen auch mitgeteilt, dass er nur das sagen konnte, was Er ihm zu sagen auftrug. Doch solche Worte waren für die heidnischen Moabiter blosser Jargon. Gewiss konnte der Herr, wie alle anderen Gottheiten, gekauft werden. Und war Balak nicht bereit, einen hohen Preis zu bezahlen, um seine Ziele zu erreichen?
«Da hob er seinen Spruch an und sprach: Aus Aram hat Balak mich hergeführt, der König von Moab von den Bergen des Ostens: Komm, verfluche mir Jakob; ja, komm, verwünsche Israel!» Hier finden wir eine deutliche Erklärung dessen, was verlangt wurde. Wie wenig erkannten diese bösen Männer, dass sie in Wirklichkeit einen Fluch auf sich selbst herabzogen! Denn der Herr sagte zu Abram, als Er ihn das erste Mal rief: «Ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen» (1.Mose 12,3). Mögen alle Völker der Erde vorsichtig sein, wie sie die Not und das Leid des Samens Abrahams beurteilen, mag dieser noch so fehlerhaft sein.
Nachdem er deutlich festgestellt hatte, was man von ihm verlangte, wurde Bileam zu den folgenden Worten gezwungen: «Wie soll ich verfluchen, den Gott nicht verflucht, und wie verwünschen, den der Herr nicht verwünscht hat?» Dies hätte genügen sollen, um das Treffen abzubrechen. Ein Erfolg war nicht möglich. Ja, die Folge zeigte, dass der Segen umso reichlicher und voller floss, je mehr die Feinde des Volkes Gottes versuchten, einen Fluch über jenes Volk auszusprechen.
Bileam sprach vier Gleichnisse aus. Sie erzählen die ganze Geschichte von der Gnade Gottes gegenüber seinem Volk. Seine wundervollen Wege können von ihrer souveränen Auserwählung bis zum letzten Triumph unter Christus im Tausendjährigen Reich verfolgt werden. Jedes Gleichnis hat sein eigenes Thema.
Im ersten wird die besondere und abgesonderte Stellung, in die Gott sein Volk gebracht hatte, geschildert. «Denn vom Gipfel der Felsen sehe ich es, und von den Höhen herab schaue ich es: Siehe, ein Volk, das abgesondert wohnt und unter die Nationen nicht gerechnet wird» (4.Mose 23,9). Als Gott zur Zeit der Sprachenverwirrung von Babel den Nationen ihr Erbe zuteilte, da nahm Israel in seinen Gedanken den ersten Platz ein (5.Mose 32,8). Israel sollte das Zentrum seiner irdischen Handlungen sein. Es sollte allen Völkern ein Zeugnis und zu einem Segen sein, indem es göttlich abgesondert von ihnen war. «Ihr sollt mir heilig sein, denn ich bin heilig; ich, der Herr; und ich habe euch von den Völkern abgesondert, um mein zu sein» (3.Mose 20,26). In seinem Gebet bei der Einweihung des Tempels bezog sich der Glaube Salomos auf diese Worte. «Sie sind dein Volk und dein Erbteil, das du herausgeführt hast aus Ägypten, mitten aus dem eisernen Schmelzofen ... Denn du, du hast sie ausgesondert, dir zum Erbteil aus allen Völkern der Erde, so wie du durch deinen Knecht Mose geredet hast, als du unsere Väter aus Ägypten herausführtest, Herr, Herr!» (1.Kön. 8,51-53). Doch das Volk schätzte seine besondere Stellung der Absonderung für Gott nicht. Salomo selbst hat sich in diesem Punkt sehr schlimm vergangen.
Bileam sprach «vom Gipfel der Felsen» herab, und beschrieb daher das Volk, wie Gott es in seiner Gnade sah. Wäre er durch das Lager gegangen, und wäre es ihm erlaubt gewesen, alles, was er dort sah und hörte, aufzuzeichnen, würde er einen ganz anderen Bericht erstellt haben. Denn die Wege des auserwählten Volkes waren kaum besser als jene der heidnischen Moabiter. Israel hatte seine besondere Stellung auf der Erde durch Sünde verwirkt. Doch wenn Christus erscheint, wird es diese Stellung in Gnade wieder erlangen.
In der Zwischenzeit ist der Heilige Geist auf der Erde. Er bildet die Versammlung, den Leib des erhöhten Christus. Gott hat «darauf gesehen, aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen» (Apg. 15,14). Die Versammlung gehört zum Himmel - alle ihre Segnungen sind dort. Sie sollte in völliger Absonderung von der Welt wandeln, als ein Zeugnis für Christus. In Hebräer 2,11 werden die Christen «geheiligt» genannt; und der Herr Jesus sagte im Gebet zum Vater von ihnen: «Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen. Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin» (Joh. 17,15.16). Doch in ihrer Verantwortung war die Versammlung bezüglich ihrer besonderen Stellung des Segens nicht treuer als Israel in der Vergangenheit. Jemand hat einmal gesagt, und wir zitieren diese Worte mit Beschämung: «Ich suchte die Kirche, und ich fand sie in der Welt; ich suchte die Welt, und ich fand sie in der Kirche.»
Gott möchte ein abgesondertes Volk. Nur durch ein solches kann Er verherrlicht werden; nur durch ein solches Werkzeug kann Er seine Vorsätze der Liebe ausführen.
Paulus sagte den Galatern, dass «unser Herr Jesus Christus sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters» (Gal. 1,3.4). Den Hebräern sagte er: «Darum hat auch Jesus, damit er durch sein eigenes Blut das Volk heiligte, ausserhalb des Tores gelitten.» Er liess darauf die ernste Aufforderung ergehen: «Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, ausserhalb des Lagers, seine Schmach tragend» (Hebr. 13,12.13). Sollten wir, jeder für sich persönlich, nicht nach einem Wandel trachten, der getrennt ist von allem, was mit Gott und Christus nicht übereinstimmt? Sollten wir nicht danach trachten, «völlig» geheiligt zu werden, dass unser «ganzer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werde bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus» (1.Thess. 5,23)?
Die Israeliten in ihren Zelten wussten nichts von dem, was auf den Höhen über sie gesagt wurde. Wenn Gottes Gnadengedanken wirklich in ihre Herzen eingedrungen wären, wie anders wäre ihre Geschichte verlaufen!
Bileam schloss sein erstes Gleichnis fast enthusiastisch (obwohl sein Herz nicht bei den Worten war, die er gezwungenermassen äusserte): «Wer könnte zählen den Staub Jakobs, und, der Zahl nach, den vierten Teil Israels?» Unser Gott ist sowohl gross als auch freigebig. Freigebigkeit kennzeichnet alle seine Gnadenwege. Als Er in Lukas 14,23 vom grossen Gastmahl sprach, sagte Er: «damit mein Haus voll werde». Ob es um irdische oder himmlische Segnungen geht, Gott denkt immer an grosse Volksmengen (1.Mose 22,17; Offb. 7,9; 19,6).
«Meine Seele sterbe den Tod der Rechtschaffenen, und mein Ende sei gleich dem Ihrigen!» Das Leben des Gerechten hatte keine Anziehungskraft für Bileam (er liebte den Lohn der Ungerechtigkeit). Wäre es in seiner Macht gestanden, hätte er Millionen dem Verderben überliefert. Doch sein Ende hat der Heilige Geist festgehalten. Als die fünf Könige von Midian in der Schlacht geschlagen wurden, kam auch Bileam mit ihnen zusammen um (4.Mose 31,8). Zu jenem tragischen Zeitpunkt befand er sich weit weg von zu Hause. Doch der Tod fand ihn unter den unversöhnlichen Feinden des Volkes Gottes, wo er immer noch das Verderben Israels suchte.
Wie gross ist der Gegensatz zwischen Bileam und dem gottesfürchtigen, alten Simeon in Jerusalem, der, als er das Kindlein Jesus auf seine Arme nahm, Gott lobte und sprach: «Nun, Herr, entlässt du deinen Knecht, nach deinem Wort, in Frieden; denn meine Augen haben dein Heil gesehen» (Luk. 2,27-30). Simeon werden wir wieder begegnen, denn er wusste Christus wertzuschätzen; Bileam hingegen werden wir nicht in seiner Gesellschaft finden.
8) Das gerechtfertigte Volk Gottes
Balak war höchst erstaunt und ungehalten über das, was Bileam über Israel gesagt hatte. «Was hast du mir getan! Meine Feinde zu verwünschen habe ich dich holen lassen, und siehe, du hast sie sogar gesegnet!» (4.Mose 23,11). Bileam konnte nur antworten, dass er in der Hand des Herrn war. Verwundern wir uns darüber, dass Balak Bileam nicht unverzüglich des Landes verwies? Ach, das Fleisch ist immer töricht und widerspenstig, wenn es mit Gott zu tun hat (Röm. 1,22; Eph. 4,18)! Der König schlug vor, dass sie an einen anderen Ort gehen und es dort nochmals versuchen sollten. Wie schrecklich täuscht Satan die Menschen, die zwar im Bild Gottes geschaffen sind, deren Herzen Ihm jedoch nicht wirklich unterworfen sind!
Balak nun nahm Bileam «nach dem Feld der Wächter, auf den Gipfel des Pisga». Dort wurden sieben neue Altäre gebaut, und auf jedem ein Stier und ein Widder geopfert. Welch niedrige und verächtliche Gedanken hatten doch sowohl der König als auch der Prophet über ihren Schöpfer! Sie stellten sich vor, solche Kunstgriffe und Stellungsänderungen könnten die Gedanken Gottes seinem Volk gegenüber umkrempeln. Der König von Syrien und seine Ratgeber waren genauso töricht, als sie in den Tagen Ahabs mit Israel Krieg führten. Sie nahmen an, dass der Herr ein Gott der Berge sei, aber nicht ein Gott der Täler. Wenn die Syrer daher in der Ebene kämpften, würde der Sieg ihnen gehören (1.Kön. 20).
Bileam sprach zu Balak: «Stelle dich hier neben dein Brandopfer, und ich, ich will dort entgegengehen.» Er ging nicht aus, um den Herrn zu treffen. Er wünschte nicht, dass Er seinen Pfad ein weiteres Mal kreuzte. In Kapitel 24,1 wird deutlich gesagt, dass er auf «Wahrsagerei» aus war. Doch der Herr erlaubte dies aus Liebe zu seinem Volk (obwohl es unwürdig war) nicht. Deshalb schritt Er ein zweites Mal ein, und kam Bileam entgegen. Er legte ein neues Wort in seinen Mund und sagte: «Kehre zu Balak zurück, und so sollst du reden.» Es ist ein unendlich grosser Trost für unsere Herzen, diese göttlichen Tätigkeiten festzustellen. Für Gott, mit dem wir es zu tun haben, ist es eine Freude, sich zwischen uns und den Feind zu stellen.
Balaks Frage, als Bileam zu ihm zurückkehrte, war bemerkenswert: «Was hat der Herr geredet?» So wie wir Bileam kennen, war er nicht bereit, sich dem, was irgend der Herr zu sagen beabsichtigte, zu unterwerfen. Er hoffte, dass seine zweite Botschaft für Moab günstiger ausfallen würde als die erste. Welch erfreulicher Gegensatz dazu ist die Haltung von Kornelius und seinen Freunden, als Petrus, auf ihre Einladung hin, bei ihnen in Cäsarea erschien! «Du hast wohl getan, dass du gekommen bist. Jetzt sind wir nun alle vor Gott gegenwärtig, um alles zu hören, was dir von Gott befohlen ist» (Apg. 10,33). Eine solche Haltung der Seele bringt Segen. Alle Versammelten hörten begierig dem Zeugnis von Petrus über den Herrn Jesus zu; und in (wahrscheinlich) weniger als einer Stunde empfing jeder Anwesende die Vergebung der Sünden und die Gabe des Heiligen Geistes.
In den Tagen Hesekiels sagten einige in Israel zueinander: «Kommt doch und hört, was für ein Wort von dem Herrn ausgeht.» Sie gingen zu Hesekiel und hörten ihm zu: Sie hatten das Vorrecht, die göttliche Wahrheit zu hören, doch damit hatte es sich. Der Herr sprach zu seinem Knecht: «Siehe, du bist ihnen wie ein liebliches Lied, wie einer, der eine schöne Stimme hat und gut zu spielen versteht; und sie hören deine Worte, doch sie tun sie nicht» (Hes. 33,30-32). Ein Zustand, der eine erschreckende Herzlosigkeit offenbart! Möge Gott uns davor bewahren!
Der Glaube freut sich an dem, was Gott zu sagen hat, er weiss ganz sicher, dass sein Wort wahr ist. Deshalb sagte David, als er sich in Gemeinschaft mit dem Herrn vor Ihm niedersetzte: «Um deines Wortes willen und nach deinem Herzen hast du all dieses Grosse getan, um es deinem Knecht kundzutun» (2.Sam. 7,21). Und als David in seinen alten Tagen über die Treulosigkeit seiner eigenen Familie klagen musste, konnte er sagen: «Er hat mir doch einen ewigen Bund gesetzt, geordnet in allem und verwahrt; denn dies ist all meine Rettung und all mein Begehr, obwohl er es nicht sprossen lässt!» (2.Sam. 23,5). Das bedeutet, dass die offenbarten Ratschlüsse Gottes sicher waren, auch wenn Er sie nicht sofort umsetzte. Alles, worauf sich David freute, wird sich beim Kommen des Herrn Jesus in Macht erfüllen.
Wir leben in einer Welt der Umwälzungen, der ständigen Veränderungen. Da ist die einzige sichere Sache das Wort Gottes. Möchten wir es lesen, darüber nachsinnen und jedes Wort davon glauben. Menschen versprechen einander alles Mögliche. Viele verwirrte Seelen hoffen, dass die Vernunft am Ende doch noch Ordnung aus dem Chaos entstehen lässt. Nichts als Herzweh liegt vor jenen, die ihr Vertrauen in dieser Weise auf Fleisch setzen. Doch die Ratschlüsse Gottes sind gewiss. Sie haben Christus zum Mittelpunkt und werden sich zu Gottes festgesetzter Zeit erfüllen.
Kehren wir zu Bileam zurück. Die einführenden Worte seiner zweiten Rede sind äusserst wertvoll: «Steh auf, Balak, und höre! Horch auf mich, Sohn Zippors! Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge, noch ein Menschensohn, dass er bereue. Sollte er gesprochen haben und es nicht tun, und geredet haben und es nicht aufrecht halten?» (4.Mose 23,18.19). Der gottlose Sprecher verurteilt sich hiermit selbst, obwohl sein abgestumpftes Gewissen dies wahrscheinlich nicht einmal realisiert hat. Wenn Gott sein Wort tatsächlich nie zurücknimmt, weshalb befragte er Ihn denn nochmals bevor er Mesopotamien verliess? Es ist erschreckend, dass es möglich ist, Worte zu lesen oder gar auszusprechen, von denen wir weder die Bedeutung noch die Kraft kennen. Sind wir uns dieser Gefahr für uns selbst bewusst? Sind unsere Herzen in der grossen Wahrheit von Gottes Unabänderlichkeit gegründet? Psalm 119 enthält 176 Verse. Durch diesen ganzen langen Psalm hindurch drückt der Schreiber sein Vertrauen in das Wort Gottes aus. Er erzählt uns, wie süss es für seinen Gaumen war und wie viel wertvoller als Gold und Silber es für ihn war. (Bileam wäre in diesem letzten Punkt ganz sicher nicht mit dem Psalmisten einverstanden gewesen!)
Bileams Worte in 4.Mose 23,19 können immer wieder gelesen werden. Es ist wahr, dass sie von den Lippen eines schlechten Mannes stammen, doch ihre Quelle war trotz allem der Geist Gottes. Es gibt einen anderen Abschnitt in der Schrift, den wir neben 4.Mose 23,19 stellen müssen. In 1.Samuel 15 wurde Saul für seinen Ungehorsam gegen den Befehl Gottes getadelt, und es wurde ihm gesagt, dass das Königtum an diesem Tag von ihm abgerissen würde. Und dann fügte der Prophet hinzu: «Auch lügt nicht das Vertrauen Israels, und er bereut nicht; denn nicht ein Mensch ist er, um zu bereuen» (V. 29). Aus diesem ernsten Abschnitt lernen wir, dass Gott in seinen Gerichten so treu und verlässlich ist wie in seiner Gnade. Welch ernste Überlegung für alle, die geneigt sind, im Blick auf seine Strenge Ausflüchte zu machen (Röm. 11,22).
Bileam fuhr fort: «Siehe, zu segnen habe ich empfangen; und er hat gesegnet, und ich kann es nicht wenden.» Hier geht er einen Schritt weiter als in seiner ersten Rede, wo er sagte: «den Gott nicht verflucht.» Er wendet sich vom Negativen zum Positiven: «Er hat gesegnet.» Doch die folgenden Worte sind gehässig: «Und ich kann es nicht wenden.» Mit grösster Freude würde er dies getan haben, um die Belohnung zu erhalten. Doch wie wohltuend ist es für unsere Herzen, wenn wir hören, dass der Feind des Volkes Gottes öffentlich bekennt, dass er keine Macht hat, um Gottes Gnade gegen seine Auserwählten umzukehren. Möchten wir als furchtsame Gläubige neuen Mut fassen!
Wir kommen nun zum zentralen Thema der zweiten Botschaft des Herrn: «Er erblickt keine Ungerechtigkeit in Jakob und sieht kein Unrecht in Israel.» Und doch ist die ganze Geschichte der Wüstenreise voll von Israels «Ungerechtigkeit und Unrecht». Mose, der das Volk liebte, sah sich zu den folgenden Worten gezwungen: «Widerspenstige seid ihr gegen den Herrn gewesen von dem Tag an, da ich euch gekannt habe» (5.Mose 9,24). Einige der späteren Propheten zeichneten die fortwährende Bosheit des Volkes von Ägypten bis zur Wegführung in die Gefangenschaft auf (z.B. Jes. 1; Jer. 32; Hes. 20). Trotzdem wurde Bileam angewiesen, vom Gipfel des Pisga herab solch wundervolle Worte über sie zu sagen! Zudem ist es bemerkenswert, dass er sowohl den natürlichen Namen Jakob («Überlister») gebrauchte, als auch den Namen der Gnade: Israel («Kämpfer Gottes»). Die Gnade Gottes, die den Gottlosen rechtfertigt, tritt da zum Vorschein. Die vollkommene Darstellung dieses wunderbaren Werkes Gottes finden wir im Römer-Brief.
Auf welchem Grundsatz der Gerechtigkeit konnte der Herr den Feind zur Aussage zwingen, dass Er keine Ungerechtigkeit in Jakob und kein Unrecht in Israel gesehen habe? Betrachten wir folgende kostbaren Tatsachen:
- In jener schrecklichen Nacht in Ägypten, als Gott die Bosheit der Ägypter richtete, stellte Er die Israeliten, die ebenso schlecht waren wie ihre Unterdrücker, unter das schützende Blut des Lammes. Welch ein schönes Bild davon, wie Gott uns durch das Blut Christi vor einem noch schrecklicheren Gericht schützt!
- Kurz bevor Bileam auf dem Schauplatz erschien, musste Gott sein Volk züchtigen, weil es gegen Ihn gemurrt hatte. Er stellte den sterbenden Sündern jedoch die eherne Schlange vor Augen - ein schönes Abbild des erhöhten Sohnes des Menschen. Wir leben durch seinen Tod, und alles, was wir von Natur her waren, wurde in seinem grossen Opfer gerichtet.
- Zudem stand in der Mitte des israelitischen Lagers die Stiftshütte, mit ihrem blutbesprengten Sühndeckel.
Dies alles - das Lamm, die Schlange und der Sühndeckel - sprechen zu Gott von Christus und seinem vollkommenen Werk. Weil Christus nun vor Ihm als Auferstandener aus den Toten und hoch erhoben zu seiner Rechten ist, kann Gott sein Volk im Einklang mit seiner Gerechtigkeit reichlich segnen. «Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden ihn ihm» (2.Kor. 5,21).
Aber ist dies die ganze Wahrheit? Haben die Fehler derer, die vor Gott gerechtfertigt sind, in seinen Augen keine Bedeutung mehr? Wird Er leichthin darüber hinwegsehen, während Er andere streng bestraft? Nein, Er handelt mit den Seinen genau umgekehrt. Sünden gegen die Gnade sind abscheulicher als Sünden, die in Unkenntnis der Gnade begangen wurden. Dementsprechend behandelt sie Gott. Daher lesen wir in Amos 3,2: «Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt; darum werde ich alle eure Missetaten an euch heimsuchen.» Dies sind Gottes Regierungswege mit denen, die Ihm nahe stehen.
Psalm 90, der erste Psalm des vierten Psalmbuchs, wurde von Mose geschrieben. Er hatte das böse Verhalten Israels in der Wüste beobachtet und auch die Züchtigungen des Herrn in seinen Regierungswegen mit seinem Volk erlebt. Deshalb sagt er: «Du hast unsere Ungerechtigkeiten vor dich gestellt, unser verborgenes Tun vor das Licht deines Angesichts» (V. 8). Ist dies ein Widerspruch zu 4.Mose 23,19? Ganz und gar nicht. Der Feind war gezwungen, die Gnade Gottes zu verkündigen, die sich niemals ändert, weil sie auf die Grundlage der Gerechtigkeit gegründet ist. Mose hingegen brachte die Regierungswege Gottes zum Ausdruck. Diese beiden Wahrheiten müssen bewusst bewahrt werden, damit ein gesundes Gleichgewicht erhalten bleibt.
Bileam äusserte noch eine andere kostbare Wahrheit in Bezug auf das Volk Gottes. Der Herr rechtfertigt sie nicht nur in seiner Gnade, sondern es freut Ihn, in ihrer Mitte zu wohnen. «Der Herr, sein Gott, ist mit ihm.» Die Wolke über der Stiftshütte war der Beweis davon. Wir haben etwas Besseres, als Israel sich je vorstellen konnte. Der Heilige Geist ist mit uns. In 1.Korinther 6,19 werden wir belehrt, dass Er im Körper eines jeden Gläubigen lebt; und in 1.Korinther 3,16 wird uns gesagt, dass die Gläubigen zusammen seinen Tempel bilden. «Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?» Dies ist die grosse, aber vergessene Wahrheit unserer Zeitperiode - eines ihrer grössten Wunder, eine ihrer grössten Segnungen, und doch praktisch vergessen! Welche Kraft wurde in der Anfangszeit in der Versammlung gefunden! Welche Kraft könnten wir heute noch erfahren, wenn die Erlösten Gottes die gewaltige Tatsache, dass sein Geist immer noch in uns wohnt, verwirklichen würden! - In 1.Korinther 14,22-25 wird der Fall angenommen, dass ein Ungläubiger in die Versammlung Gottes kommt. Er ist so beeindruckt von der Kraft Gottes, die dort wirkt, dass das Verborgene seines Herzens offenbar wird, und so, auf sein Angesicht fallend, wird er Gott anbeten und verkündigen, dass Gott wirklich unter seinem Volk ist!
«Jubelgeschrei wie um einen König ist in seiner Mitte», fügte Bileam hinzu. Dies deutet auf etwas Zukünftiges hin. Gott wohnte bereits in der Stiftshütte unter ihnen, doch der König war noch zukünftig. Damit ist nicht David, und noch viel weniger Saul gemeint, sondern Christus. Er ist der König, den der Herr erwählt hat. Er wird auf dem Berg Zion und in Jerusalem herrschen, und vor seinen Ältesten ist Herrlichkeit (Jes. 24,23).
«Gott hat ihn aus Ägypten herausgeführt; sein ist die Stärke des Wildochsen.» Wie erbärmlich war deshalb ihr Unglaube, als sie ihre Feinde als Riesen bezeichneten und sich selbst als Heuschrecken in ihren Augen! «Wir vermögen nicht, gegen das Volk hinaufzuziehen, denn es ist stärker als wir» (4.Mose 13,30-33). Hätten sie die Kanaaniter an Gott gemessen, der sie aus Ägypten herausgeführt hatte, dann hätten sie anders gesprochen. Aber an Ihn dachten sie nicht. Kaleb und Josua hatten keine Angst vor dem Feind, und beide lebten so lange, um sich am Segen des Herrn im verheissenen Land zu freuen. Immer, wenn wir von fehlender Kraft sprechen, dann ist es zu unserer eigenen Beschämung. Da der Heilige Geist immer mit uns ist, gibt es nie einen Mangel an Kraft. Doch allzu oft besteht bei uns ein Mangel an Glauben, um diese Kraft zu gebrauchen.
Nachdem er all das Wunderbare über das Volk Gottes gesagt hatte - ein Volk, das von Gott gesegnet und gerechtfertigt ist; ein Volk, dem das unabänderliche Wort Gottes gilt, ein Volk, in dessen Mitte Gott in der Fülle seiner Kraft wohnt - musste Bileam öffentlich anerkennen, dass die dämonischen Einflüsse, die er gegen sie beschwören wollte, machtlos waren. «Denn da ist keine Zauberei gegen Jakob, und keine Wahrsagerei gegen Israel. Um diese Zeit wird von Jakob und von Israel gesagt werden, was Gott gewirkt hat.» Das Volk Gottes wird letztlich über jeden Feind triumphieren und ein unvergängliches Denkmal der göttlichen Gnade sein. «Siehe, ein Volk: gleich einer Löwin steht es auf, und gleich einem Löwen erhebt es sich! Es legt sich nicht nieder, bis es den Raub verzehrt und das Blut der Erschlagenen getrunken hat.»
In Micha 5,7.8 werden ähnliche Worte verwendet, um Israels Triumph am Tag der Macht des Messias zu beschreiben: «Der Überrest Jakobs wird unter den Nationen, inmitten vieler Völker, sein wie ein Löwe unter den Tieren des Waldes, wie ein junger Löwe unter den Schafherden, der, wenn er hindurchgeht, zertritt und zerreisst, und niemand errettet. - Hoch erhoben sei deine Hand über deine Bedränger, und alle deine Feinde mögen ausgerottet werden!»
Unser letzter Triumph wird in Römer 16,20 beschrieben: «Der Gott des Friedens aber wird in kurzem den Satan unter eure Füsse zertreten.» Wenn der letzte Adam den hartnäckigen Friedensstörer zertritt, wird die Versammlung und ihre Verbindung mit Christus offenbar werden.
Von Jakob und von Israel wird in Zukunft gesagt werden: «Wie hat Gott gewirkt!» (Fussnote 4.Mose 23,23). Und in Bezug auf die Versammlung heisst es: «Damit er in den kommenden Zeitaltern den überragenden Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erwiese in Christus Jesus» (Eph. 2,7).
Wenn wir nicht schon etwas über den Eigenwillen des Fleisches gelernt hätten, müssten wir sehr erstaunt darüber sein, dass Balak und Bileam trotz allem noch einen weiteren Versuch unternahmen, um Unglück über Israel zu bringen. Balak war sehr verärgert über das, was er gezwungenermassen mitanhören musste. Doch, obwohl er zu Bileam sagte: «Du sollst es gar nicht verwünschen, und du sollst es gar nicht segnen», fügte er kurz darauf hinzu: «Komm doch, ich will dich an einen anderen Ort mitnehmen; vielleicht wird es in den Augen Gottes recht sein, dass du es mir von dort aus verwünschest.» Dies war offensichtliche Bosheit. Der Herr hatte seine Pläne bereits zweimal vereitelt, trotzdem war Balak entschlossen, einen weiteren Anlauf zu nehmen; und Bileam hatte nichts dagegen einzuwenden. Wie hartnäckig waren die Feinde des Volkes Gottes doch zu jener Zeit in ihrem Hass gegen Israel und seinen Gott!
Der neue Aussichtspunkt war «der Gipfel des Peor, der emporragt über die Fläche der Wildnis». Bileam war diesmal gezwungen, eine wahrhaft wunderbare Beschreibung des Volkes zu geben, wie Gott es sah. Doch das Volk befand sich noch nicht in Kanaan, im ruhevollen Besitz jeder verheissenen Segnung, sondern es war immer noch in den Öden der Wüste. Wenn wir die neutestamentlichen Briefe studieren, finden wir wunderbare Beschreibungen von den Heiligen Gottes, nicht nur wie sie in der ewigen himmlischen Herrlichkeit sein werden, sondern wie sie heute sind, in dieser bösen Welt! Gott sieht die Seinen als «in Christus», und der Glaube sagt frohlockend, dass «wie er ist, auch wir sind in dieser Welt» (1.Joh. 4,17).
Bileam war nun völlig überzeugt, dass es nutzlos sei, sich nochmals wegzuwenden und auf Wahrsagerei auszugehen. Er hatte durch Erfahrung gelernt, dass die Macht Satans keine Chance gegen die Macht Gottes hat, und dass nichts Gottes Herz vom Volk, das Er erwählt hatte, entfremden konnte. Dies hätte in ihm einen zerbrochenen und zerknirschten Geist bewirken sollen. Aber nein, es brachte nichts dergleichen hervor! Die Tragödie (für ihn, nicht für Israel) schritt dementsprechend bis zu ihrem schrecklichen Ende fort.
In 4.Mose 24,2 lesen wir, dass «der Geist Gottes über ihn kam». Dies mag vielleicht einige überraschen, die noch nicht gelernt haben, zwischen der Neugeburt aus dem Geist und dem beständigen Innewohnen des Geistes in einem Glaubenden einerseits und dem Kommen des Geistes Gottes auf eine einzelne Person anderseits, zu unterscheiden. Seitdem Christus sein grosses Erlösungswerk vollbracht hat und in den Himmel aufgefahren ist, ist der Heilige Geist Gottes Gabe der Liebe an alle Glaubenden ohne Unterschied. Im geringsten Kind Gottes wohnt der Geist genauso wie in den Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern. Doch im Unterschied zu dieser Tatsache lesen wir manchmal im Alten Testament, dass der Geist Gottes für einen besonderen Dienst auf Menschen gekommen ist. Dies ist die souveräne Handlungsweise Gottes, ungeachtet, ob jemand bekehrt ist oder nicht. So kam der Geist des Herrn über Othniel (Richt. 3,10); und über Asarja, den Propheten zur Zeit Asas (2.Chr. 15,1). Dies waren echte Gläubige. Doch wir lesen auch, dass der Geist Gottes über die Boten Sauls kam, und sogar über den König selbst (1.Sam. 19,20-24). Dies waren sicher keine Glaubenden, denn sie kamen mit Mordgedanken in ihren Herzen nach Rama. In 2.Chronika 35,21 sehen wir, dass Gott den frommen (aber fehlgeleiteten) König Josia ermahnte und dabei den heidnischen König von Ägypten als Werkzeug benutzte.
In 4.Mose 24 sehen wir daher, wie der Geist Gottes über einen besonders bösartigen Diener Satans kommt. Er bringt ihn vollständig unter seine Kontrolle und zwingt ihn, die Schönheit des Volkes Gottes, wie Gott es in seiner Gnade sieht, in den leuchtendsten Farben zu beschreiben! Welch wunderbare Offenbarung der göttlichen Überlegenheit über die ganze Macht des Feindes, wenn wir bedenken, dass der Sprecher sehnlichst wünschte, das Gegenteil von allem, was er verkündete, zu sagen! Weil diese Worte von den Lippen eines Mannes wie Bileam kamen, beeindrucken sie unsere Herzen mehr, als wenn Mose, der das Volk liebte und nur sein Wohlergehen suchte, sie geäussert hätte.
Bileam begann sein drittes Gleichnis oder seinen dritten Spruch mit besonders feierlichen Worten. Er beschreibt seine eigene Stellung in Verbindung zu Gott und den wunderbaren Dingen, die Gott ihm zu sagen aufgetragen hat: «Es spricht Bileam, der Sohn Beors, und es spricht der Mann geöffneten Auges; es spricht, der da hört die Worte Gottes, der ein Gesicht des Allmächtigen sieht, der hinfällt und enthüllter Augen ist.» Der Mann war sich also bewusst, dass er mit göttlich geöffneten Augen etwas sah, an dem sein Herz kein Interesse hatte. Während er die Schönheit und den endgültigen Triumph des Volkes beschrieb, das er hasste, wusste er, dass er selbst ein gefallener Mann war. Dieser privilegierte, aber eigenwillige Mann ist hingefallen und in das ewige Verderben hinabgegangen.
Wir müssen hier eine Pause machen und uns fragen: Ist es nicht auch für uns möglich, die kostbaren Dinge Gottes auf eine intellektuelle Art und Weise zu «sehen» und sogar davon zu sprechen, ohne dass unsere Herzen davon bewegt werden? Wenn wir Gottes Wort lesen und seine Belehrungen verstehen, dann sollten unsere Herzen und Gewissen so geübt sein, dass die Wahrheit uns ganz in Besitz nehmen und unser Leben formen und beeinflussen kann. «Erleuchtet an den Augen eures Herzens», heisst es in Epheser 1,18. Lasst uns als Kinder Gottes die Warnung, die in Bileams unheiligem Umgang mit den kostbaren Tatsachen Gottes liegt, nicht übersehen.
«Und Bileam erhob seine Augen und sah Israel, gelagert nach seinen Stämmen» (V. 2), und er sprach: «Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!» (V. 5). Wenn wir dieses ganze dritte Gleichnis sorgfältig lesen, werden wir sehen, dass Bileam mit den Behausungen des Volkes beginnt, bevor er vom Volk selbst spricht. Die Pronomen «er», «ihn» und «sein» finden wir erst ab Vers 7. Diese Details sollten wir beachten.
In 2.Mose 26 finden wir die Anweisungen über das Heiligtum und seine Ausstattung. Es werden verschiedene Zeltdecken beschrieben: die Wohnung (V. 6), das Zelt (V. 12) und die Decken (V. 14). Die Verse 1-6 sprechen von zehn Teppichen aus gezwirntem Byssus und blauem und rotem Purpur und Karmesin mit Cherubim in Kunstweberarbeit. Das ist die Wohnung. In den Versen 7-13 haben wir elf Teppiche aus Ziegenhaar; sie werden das Zelt über der Wohnung genannt. Vers 14 spricht von den Decken aus rot gefärbten Widderfellen und Dachsfellen, die das Ganze bedecken. In allem sah Gott Christus, dessen persönliche Vollkommenheiten sein Volk überdecken und ihm jede Segnung sichern. Wie vielsagend sind daher die Worte Bileams: «Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel!» Leider war dieser unglückliche Mann nicht in der Lage, die Lieblichkeit seiner Äusserungen zu schätzen!
Der dritte Spruch oder das dritte Gleichnis von Bileam ist sehr inhaltsreich. Er beschreibt darin die Schönheit, Ordnung und Glückseligkeit des Volks aus der Sicht des Herrn. Es geht dabei um:
- Einheit
- Ordnung
- Schönheit
- Wohlgeruch
- Würde
- Genüge
- Überfluss und
- Kraft
9) Die Schönheit und Ordnung des Volkes Gottes
(Inhalt des dritten Spruchs; 4.Mose 24,2-9)
Einheit. Damals waren die zwölf Stämme noch ein Ganzes. Der Bruch, der nach dem Tod Salomos eintrat, ist bis heute nicht geheilt worden. Bei der Erscheinung des Herrn Jesus in Herrlichkeit werden die Stämme mit starkem Posaunenschall wieder gesammelt werden (Matth. 24,31; Jes. 27,13). Dann wird gesagt werden: «Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!» (Ps. 133,1).
Die Einheit der Gläubigen in der heutigen Zeit ist inniger als die Einheit der Stämme Israels. Der Geist Gottes kam an Pfingsten vom Himmel herab, um sie zu bilden. Seither gibt es auf der Erde einen wunderbaren geistlichen Organismus: den Leib des Christus. Alle seine Glieder stehen in lebendiger Verbindung mit dem verherrlichten Haupt im Himmel, und alle sind auch miteinander verbunden. Wenn diese Wahrheit im Glauben verwirklicht würde, verliesse jeder wahre Christ die kirchlichen Organisationen des Christentums und würde nie wieder irgendeine Tätigkeit anerkennen, die die Gläubigen entzweit.
Ordnung. Bileam sah Israel in Zelten wohnend, «gelagert nach seinen Stämmen». Unser Gott ist nicht ein Gott der Unordnung. Bei der Speisung der 5’000 durften die Leute sich im Gras nicht einfach lagern, wie es ihnen gefiel. Der Herr sagte zu seinen Jüngern: «Lasst sie sich in Gruppen zu je etwa 50 lagern» (Luk. 9,14). Das Lager Israels in der Wüste war vom Herrn selbst geplant und angeordnet worden. Die Stämme lagerten sich in vier Gruppen zu je drei um die Stiftshütte herum, jeder bei seinem Panier (4.Mose 2). Und so hat auch jedes Glied am Leib des Christus seinen von Gott gegebenen Platz und wird von der unversiegbaren Quelle des Hauptes im Himmel mit allem versorgt, was zum Segen und zur Auferbauung des Ganzen nötig ist. «Nun aber hat Gott die Glieder gesetzt, jedes einzelne von ihnen an dem Leib, wie es ihm gefallen hat» (1.Kor. 12,18). «Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Mass jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe» (Eph. 4,15.16). Wie beschämend und traurig, wenn man Gottes wunderbare Ordnung mit dem menschlichen Räderwerk der Kirchen vergleicht, wodurch den Gläubigen so viel Segen verloren geht.
Schönheit. «Gleich Tälern breiten sie sich aus, gleich Gärten am Strom.» Welch ein liebliches Bild! Was wäre schöner als ein Tal, was anziehender als ein Garten? Das erste deutet die Lieblichkeit an, worüber Gott sich immer freut, wenn Er sie in seinem Volk erkennt. Das zweite spricht vom Bebauen. In Hohelied 4,12 sagt der Bräutigam: «Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Born, eine versiegelte Quelle. Was dir entsprosst, ist ein Lustgarten von Granaten nebst edlen Früchten.» Und die Braut antwortet darauf: «Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse die ihm köstliche Frucht.» Er nimmt die liebevolle Einladung an: «Ich bin in meinen Garten gekommen, meine Schwester, meine Braut.» Unter dem alten Bund war Israel Gottes bebauter Garten. In der heutigen Haushaltung ist die Versammlung sein kultivierter Garten. Deshalb die Worte des Apostels in 1.Korinther 3,9: «Gottes Ackerfeld ... seid ihr.» Die einzelnen Gläubigen sind seine Pflanzen, die Er mit unendlicher Weisheit und Liebe umgibt. Im Blick auf religiöse Leute ohne wahres Leben aus Gott sagte der Herr Jesus einst: «Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerissen werden» (Matth. 15,13).
Eine andere Illustration der Schönheit im Blick auf Israel finden wir in Hesekiel 16. Dort macht der Herr dem Volk ernste Vorwürfe wegen seiner Undankbarkeit. Er vergleicht Israel mit einem vernachlässigten und ausgesetzten Säugling, dessen Er sich erbarmte, den Er annahm und mit gnädiger Fürsorge umgab. «Dein Ruf ging aus unter die Nationen wegen deiner Schönheit; denn sie war vollkommen durch meine Herrlichkeit, die ich auf dich gelegt hatte, spricht der Herr» (V. 14). In Psalm 90,17 sagt Mose: «Die Huld (oder Lieblichkeit) des Herrn, unseres Gottes, sei über uns!» In Jeremia 13,20 fragt Gott das Herrscherpaar, das sein Volk vernachlässigt hat, vorwurfsvoll: «Wo ist die Herde, die dir gegeben war, deine herrliche Herde?»
Wir, die in diesem Zeitalter an den Herrn Jesus glauben, stehen in der ganzen Vollkommenheit und Annehmlichkeit des Auferstandenen vor Gott. In Kolosser 3,12 gebraucht der Apostel zur Bezeichnung der Gläubigen die gleichen Ausdrücke, die an anderen Stellen für Christus selbst verwendet werden: Auserwählte Gottes, Heilige, Geliebte (vgl. Jes. 42,1; Apg. 2,27 Fussnote; Matth. 3,17). Wenn wir sehen, dass Gott in seiner Gnade so von uns spricht, wie Er von seinem eigenen Sohn redet, dann lasst uns auch «so wandeln, wie er gewandelt hat» (1.Joh. 2,6). Jene, die schön und herrlich vor Gott sind, sollten auch schön vor den Menschen sein. Unser praktischer Zustand sollte unserer Stellung vor Gott entsprechen.
Wohlgeruch. «Gleich Aloebäumen, die der Herr gepflanzt hat.» Die Aloepflanze wurde zu Räucherzwecken verwendet, da ihr Holz süss roch. In Psalm 45, der das Auftreten des grossen Königs in seiner Majestät beschreibt, lesen wir: «Myrrhen und Aloe, Kassia sind alle deine Kleider.» Als Joseph von Arimathia und Nikodemus den Leib des Herrn vom Kreuz herabnahmen, wickelten sie ihn mit einer hundert Pfund schweren Mischung von Myrrhe und Aloe in Leinentücher (Joh. 19,39.40).
Jemand hat gesagt, dass der Aloebaum ein Bild sei von allem, was lieblich, wohlriechend, blühend und unverderblich ist. Wie wunderbar, dass der Herr diesen besonderen Baum auswählte, um den Wohlgeruch seines Volkes aus seiner Sicht anzuzeigen! Denselben Grundsatz finden wir in der Anweisung an Mose, Weihrauch auf die zwölf Schaubrote zu legen, die beständig auf dem goldenen Tisch im Heiligtum lagen (3.Mose 24,7). Der Weihrauch auf dem Speisopfer ist ein Bild des Wohlgeruchs Christi für Gott (3.Mose 2,2). Der Weihrauch auf den zwölf Broten lehrt uns, dass das Volk Gottes, als «in Christus» gesehen, ein gleicher Wohlgeruch für Gott ist wie Christus selbst. Dieser Gedanke sollte eine tiefgreifende Wirkung auf unser Leben ausüben. In dem Mass wie wir mit Gott und dem Herrn Jesus beschäftigt sind, wird unser Leben zu einem Wohlgeruch für die, mit denen wir es zu tun haben. Wenn sie unsere Worte hören und unser Verhalten sehen, wird ihnen bewusst, dass wir gewohnt sind, in einer innigen Gemeinschaft mit Gott zu leben. Als Mose vom Berg Sinai herunterkam, bezeugte sein Gesicht die Tatsache, dass er sich in Gottes Nähe aufgehalten hatte (2.Mose 34,29).
Würde. «Gleich Zedern am Gewässer.» In der Beschreibung des Bräutigams (Christus) in Hohelied 5,15 lesen wir: «Seine Gestalt wie der Libanon, auserlesen wie die Zedern.» In Bileams drittem Spruch wird das gleiche Bild von Stattlichkeit und Würde auf Israel angewandt. Nie gab es auf der Erde ein so bevorzugtes Volk wie Israel. Es stand, abgesondert von allen andern, in besonderer Beziehung zu Gott. Es besass sein Wort. Gott hat ihm eine Schlüsselstellung in seinen Wegen der Herrschaft und des Segens gegeben (Ps. 147,19.20). Leider erfasste das Herz des Volkes nie die Wirklichkeit dieser Tatsache.
In der heutigen Zeit, da Israel fern von Gott ist, sind die gläubigen Christen die Zedern Gottes. Jeder, der an den Herrn Jesus glaubt, ist nach göttlichem Urteil eine sehr bevorzugte Person. Er ist ein Kind, ein Sohn und ein Erbe Gottes. Er steht in einer näheren Beziehung zu Gott als das höchste Wesen der Engelwelt, denn er gehört zur königlichen Familie des Universums. Er wird mit dem erstgeborenen Sohn in Majestät offenbart, wenn dieser als König der Könige und Herr der Herren erscheint, um zu herrschen. Die Welt wird über die prächtige Entfaltung der Herrlichkeit an jenem Tag erstaunt sein. Dies alles ist von jedem echten Christen ohne Unterschied wahr. Aber die Welt hat kein Verständnis für diese Wunder. «Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat» (1.Joh. 3,1). Das Bewusstsein der wunderbaren Gnade Gottes verleiht uns in unserem Verhalten gegenüber den Menschen moralische Würde. Hochmut und fleischliche Anmassung sind Gott verhasst, aber die moralische Würde, die der Wertschätzung seiner Gnade entspringt, ist in seinen Augen angenehm.
Genüge. «Gepflanzt ... am Gewässer.» Gott pflanzt wohlüberlegt, der Mensch nicht immer. Gott weiss, dass seine Pflanzen Nahrung brauchen, und Er pflanzt sie dort, wo sie diese auch erlangen können. Zudem stattet Er sie mit der Fähigkeit aus, die Nahrung auch aufzunehmen. Einen Hinweis auf Bäume finden wir in Kolosser 2,7: «Gewurzelt und auferbaut in ihm und befestigt in dem Glauben, so wie ihr gelehrt worden seid.» Die Verwurzelung ist die Tat Gottes. Ein für allemal pflanzt Er die Seinen in Christus ein. Dann werden wir wie Bäume auferbaut und befestigt, und zwar in dem Mass, wie wir die von Gott bereitete Nahrung für uns in Anspruch nehmen. Das ist unsere ständige Verantwortung. Auf Gottes Seite fehlt es an nichts. «Gottes Bach ist voll Wassers» und macht alle, die aus ihm schöpfen, sehr ertragreich (Ps. 65,9). In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig; und wir sind vollendet in Ihm (Kol. 2,9.10). Der Brief an die Kolosser wurde unter anderem mit dem Zweck geschrieben, die Wahrheit zu betonen, dass ein Christ ausserhalb von Christus nichts suchen sollte, aber auch nichts suchen muss. Diese Gefahr bestand aber in Kolossä. Jenen Gläubigen wurde anderes vorgestellt, das sie dem, was sie in Christus besassen, hinzufügen sollten. Aber der Apostel sagt in Kapitel 3,11.Christus ist alles.
Die Israeliten, obwohl als Volk am Gewässer gepflanzt, d.h. sie standen in direkter Beziehung zum Herrn, wandten sich zu ihrem eigenen Schaden und zur Verunehrung Gottes häufig von Ihm ab. Aber der Tag wird kommen, da das Volk zu Dem zurückkehren wird, den es so schwer vernachlässigt hat. Sie werden Gott in Christus sehen, und dann wird gesagt werden: «Beständig wird der Herr dich leiten, und er wird deine Seele sättigen in Zeiten der Dürre und deine Gebeine rüstig machen. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie ein Wasserquell, dessen Gewässer nicht trügen» (Jes. 58,11). In Jeremia 31,12 wird hinzugefügt: «Sie werden kommen und jubeln auf der Höhe Zions, und herbeiströmen zu den Gütern des Herrn: zum Korn und zum Most und zum Öl und zu den jungen Schafen und Rindern; und ihre Seele wird sein wie ein bewässerter Garten, und sie werden hinfort nicht mehr verschmachten.» Lasst uns das Versagen Israels vermeiden und «das Haupt festhalten, aus dem der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst» (Kol. 2,19).
Überfluss. Jene, die aus den unendlichen Hilfsquellen Gottes schöpfen, haben etwas, das sie andern mitteilen können. Sie nehmen mehr auf, als sie behalten können. Daher die Worte Bileams (obwohl der arme Mann nicht wusste, was er sagte): «Wasser wird fliessen aus seinen Eimern, und sein Same wird in grossen Wassern sein.» Wenn Balak verstanden hätte, was er da zu hören bekam, hätte er sich vor Israel nicht gefürchtet. Das Volk war bestimmt, ein Segen für alle Völker zu sein. Sie sollten die Erkenntnis des einen wahren Gottes verbreiten und seine wunderbare Gnade mit anderen teilen. Leider ist Israel nie bis zu dieser Höhe gelangt. Wie grausam verfolgten die Juden den Apostel Paulus, weil er das Evangelium zu den Nationen brachte. «Weg von der Erde mit einem solchen, denn es geziemt sich nicht, dass er am Leben bleibt!» (Apg. 22,22). Im Tausendjährigen Reich wird sich ihre ganze Haltung ändern. Der schöne Psalm 67 drückt die Freude des Volkes aus, das seinen Segen mit den umliegenden Völkern teilt. Micha 5,6 sagt: «Der Überrest Jakobs wird inmitten vieler Völker sein wie ein Tau von dem Herrn, wie Regenschauer auf das Kraut, der nicht auf Menschen wartet und nicht auf Menschenkinder harrt.»
Zur Zeit ist Israel dürr, unfruchtbar, ohne den Segen Gottes und für die Welt eher ein Fluch als ein Segen (Jer. 26,6). Jeder aber, der an den Herrn Jesus glaubt, besitzt in sich selbst eine Quelle Wassers, die ins ewige Leben quillt, und aus ihm werden Ströme lebendigen Wassers fliessen (Joh. 4,14; 7,38). Es ist die Kraft des Heiligen Geistes, die das, was von Christus ist, für den Christen Wirklichkeit werden lässt und ihn befähigt, aus der Fülle seines Herzens anderen mitzuteilen. Der Ausdruck «Eimer» legt den Gedanken an die Tätigkeit des Schöpfens nahe. Wie sieht es in dieser Hinsicht bei uns aus? Füllen wir unsere Eimer mit dem Guten, das von Gott kommt, und reichen wir es denen weiter, die um uns her leben? Machen wir im geistlichen Leben solche Fortschritte, dass wir grössere Eimer als früher benötigen? Schöpfen wir mehr als am Anfang unseres Glaubenslebens? Schütten wir das Geschöpfte im Überfluss aus? «Jünglinge» und «Väter» im Glauben sollten grössere Eimer verwenden als «Kindlein» (1.Joh. 2,12-27). «Sein Same wird in grossen Wassern sein», drückt die Vielseitigkeit des Dienstes und Zeugnisses für Gott aus. «Die Wasser ... sind Völker und Völkerscharen und Nationen und Sprachen» (Offb. 17,15).
Kraft. Die siegreiche Kraft des Volkes Gottes, wenn Christus seinen Platz an dessen Spitze einnimmt, ist das Thema des letzten Ausspruchs von Bileam. Doch er schliesst schon seine dritte Äusserung mit gewissen Hinweisen darauf. Der König und sein Reich tauchen in der Vision des Propheten auf. «Sein König wird höher sein als Agag, und sein Königreich wird erhaben sein.» Der König hier ist Christus, der höher ist als jeder irdische König. Bileam beschreibt klar und deutlich die Macht Gottes, wie sie für und in seinem auserwählten Volk tätig ist. «Gott hat ihn aus Ägypten herausgeführt; sein ist die Stärke des Wildochsen. Er wird die Nationen, seine Feinde, fressen und ihre Gebeine zermalmen und mit seinen Pfeilen sie zerschmettern.» Zum zweiten Mal wird auf die grosse Befreiung aus Ägypten Bezug genommen. Der Gott, der damals die Macht des Feindes brach, wird in der Zukunft die Macht stärkerer Feinde vernichten (Micha 5,7.8).
In 4.Mose 24,9 wird Bileam gezwungen, zwei alte Prophezeiungen über Israel nochmals zu bestätigen. Jakob weissagte über Juda in 1.Mose 49,9: «Juda ist ein junger Löwe; vom Raub, mein Sohn, bist du emporgestiegen. Er duckt sich, er legt sich nieder wie ein Löwe und wie eine Löwin; wer will ihn aufreizen?» Bileam sagt: «Er duckt sich, er legt sich nieder wie ein Löwe und wie eine Löwin; wer will ihn aufreizen?» Der Herr sprach zu Abram in 1.Mose 12,3: «Ich will segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verfluchen.» Bileam äussert sich ähnlich: «Die dich segnen, sind gesegnet, und die dich verfluchen, sind verflucht!» Auf diese Weise bestätigte der Gott Israels sein Wort durch die Lippen eines unversöhnlichen Feindes!
Wenn das irdische Volk Gottes schon unüberwindlich und erhaben über all die Bosheit des Feindes war, dann gilt dies in noch viel höherem Mass für die Gläubigen, die das himmlische Volk Gottes ausmachen. Wir stehen jetzt schon fest vor Ihm in Christus, der gesiegt hat, und der Heilige Geist wohnt in jedem Einzelnen von uns und in der Gesamtheit der Erlösten. Der Segen ist in seiner ganzen Fülle vorhanden und gesichert. Die Kraft ist im Überfluss vorhanden. Möge unser Glaube sich zu diesem allem aufschwingen und es vertrauensvoll ergreifen!
10) Die zurückhaltende Hand
Dass Balak gewartet hat, um noch mehr von den Lippen Bileams zu hören, überrascht vielleicht. Doch wir sehen die Hand Gottes, der seine eigenen Beweggründe hatte, darin. Balak war vom ersten und zweiten Spruch sehr enttäuscht; doch, nachdem er den dritten gehört hatte, tobte er vor Wut. In diesem Spruch wurde das Volk, das er hasste, nicht nur als geheiligt und gerechtfertigt beschrieben, sondern als besonders schön in den Augen Gottes bezeichnet. «Da entbrannte der Zorn Balaks gegen Bileam, und er schlug seine Hände zusammen; und Balak sprach zu Bileam: Meine Feinde zu verwünschen habe ich dich gerufen, und siehe, du hast sie sogar gesegnet, nun dreimal!» (4.Mose 24,10).
Nun wollte er seinen Besucher loswerden. In seinem Zorn hätte er ihn sehr wohl erschlagen können, doch Gott hatte ein anderes Ende für Bileam vorgesehen. Zudem war die vollständige Botschaft Gottes noch nicht verkündigt worden. Balak bat Bileam, in sein eigenes Land zu fliehen und fügte dann hinzu: «Ich hatte gesagt, ich wolle dich hoch ehren; und siehe, der Herr hat dir die Ehre verwehrt.» Bileams armes, geldgieriges Herz würde dazu voll Bedauern «Amen» gesagt haben. Wir erinnern uns, wie er zu den Boten, die in Mesopotamien auf ihn warteten, sprach: «Zieht in euer Land, denn der Herr hat sich geweigert, mir zu gestatten, mit euch zu gehen» (4.Mose 22,13). Daher, wenn Balak über den Ausgang dieses ausserordentlichen Geschäfts enttäuscht war, dann war Bileam ebenso schwer enttäuscht. Doch dem König, der den Wahrsager hergeholt hatte, wurde nicht gestattet, ihn einfach nach eigenem Gutdünken wieder zu entlassen. Er hatte bereits vieles gehört, das unangenehm für ihn war. Doch er musste noch mehr hören. Sein eigenes Königreich Moab war bis jetzt noch nicht erwähnt worden. Nun war die Reihe an ihm.
Nach unserem Urteil hätte sich der König ohne Probleme entfernen können, nachdem er Bileam weggeschickt hatte, doch der Herr hielt ihn an Ort und Stelle fest. Weshalb wäre er sonst auch nur eine einzige Minute länger dort geblieben? Wir finden auch keine andere Erklärung für sein Schweigen, als Bileam in klaren Worten das Verderben über sein eigenes Volk aussprach. Der Feind des Volkes Gottes hatte eine sehr ernste Frage gegen sie aufgeworfen, und der Herr wollte eine vollständige Antwort dazu abgeben. Und Balak musste dazu gebracht werden, ihr zuzuhören.
Wenn wir die vier Aussprüche zusammen nehmen, erzählen sie uns die ganze Geschichte der Gnade des Herrn gegenüber Israel, von der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens bis zur Herrlichkeit und Vormachtstellung im Tausendjährigen Reich. Es ist für uns eine grosse Freude, diese Geschichte zu verfolgen, denn der Gott Israels ist auch unser Gott. Und wir dürfen vertrauen, dass Er, der trotz ihres Ungehorsams so treu gegen sie war, auch uns gegenüber treu sein wird. Seine Wege mit Israel führen bis zum Land der Verheissung. Das Volk wird es für immer besitzen, und Christus wird König in seiner Mitte sein. Seine Wege mit uns führen nach oben zum Vaterhaus.
Bileam erinnerte Balak daran, dass er ihm zu Anfang gesagt habe, dass, wenn er ihm sein Haus mit Gold und Silber gefüllt geben würde, er nur das aussprechen könne, was der Herr ihm zu sagen gab. Dann fügte er hinzu: «Und nun siehe, ich gehe zu meinem Volk. Komm, ich will dir anzeigen, was dieses Volk deinem Volk tun wird am Ende der Tage.» Balak verspürte nicht den geringsten Wunsch, noch mehr zu hören; und Bileam hatte nicht den geringsten Wunsch, noch mehr zu sagen. Doch der Herr hatte die Sache (ungefragt) in die Hand genommen, nachdem Bileam die Macht der Finsternis gegen sein auserwähltes Volk beschworen hatte, und Er würde die Sache auch zu Ende führen. Darüber hinaus wollte Er es zu seiner Zeit und auf seine Art und Weise tun. Und Balak, durch die Hand Gottes zurückgehalten, war gezwungen, einer bemerkenswerten Prophezeiung über die letzte militärische Katastrophe auf der Erde zuzuhören. «Das Ende der Tage» steht nun vor uns.