Maria von Bethanien: Zu seinen Füssen
Halte fest Jahrgang 1981 - Seite: 36 - Verfasser: S.P.
Bei drei verschiedenen Gelegenheiten finden wir Maria zu den Füssen Jesu, und jede dieser Begebenheiten ist für uns eine Quelle des Trostes und der Belehrung.
Als Zuhörerin
Die erste findet sich in Lukas 10,38-42: «Es geschah aber, als sie ihres Weges zogen, dass er in ein gewisses Dorf kam; und ein gewisses Weib, mit Namen Martha, nahm ihn in ihr Haus auf. Und diese hatte eine Schwester, genannt Maria, die sich auch zu den Füssen Jesu niedersetzte und seinen Worten zuhörte. Martha aber war sehr beschäftigt mit vielem Dienen; sie trat aber hinzu und sprach: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich allein gelassen hat zu dienen? Sage ihr nun, dass sie mir helfe. Jesus aber antwortete und sprach zu ihr: Martha, Martha! du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eines aber ist not. Maria aber hat das gute Teil erwählt, welches nicht von ihr genommen werden wird.»
Diese Verse berichten von einem der Besuche, die der Herr Jesus bei der Familie in Bethanien machte, die das Vorrecht hatte, glückliche Kontakte mit Ihm zu pflegen. Aus der Weise, in der der Evangelist diesen Besuch schildert, scheint hervorzugehen, dass der Herr hier zum ersten Mal über die Schwelle ihres Hauses trat. Lukas erwähnt den Namen des Dorfes nicht und sagt auch nichts von Lazarus. Er nennt uns nur die Namen der beiden Schwestern und schildert ihr Verhalten.
Martha, die offensichtlich den ersten Platz im Hause einnahm, war gastfrei und von Herzen bereit, Jesum aufzunehmen. Aber es war ihr mehr darum zu tun, Ihm zu geben, was sie hatte, als zu empfangen, was Er ihr mitteilen konnte. Marias Verhalten war umgekehrt.
Als Er ins Haus eintritt, ist Martha sofort damit beschäftigt, Ihm zu dienen. Er nimmt Platz inmitten seiner Gastgeber, und Maria setzt sich, um zuzuhören. Auch sie wird Ihm dienen, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Aber zuallererst wünscht sie durch persönlichen Umgang mit Ihm zu lernen, durch das was Er ihr geben und für sie sein konnte. Auf ihre Weise war sie eine ebenso fleissige Person wie Martha und noch mehr darauf bedacht, ihre Zeit gut auszunützen.
Es gibt eine Zeit zum Lernen, und eine Zeit, das Erlernte in die Praxis umzusetzen. Maria verstand dies und erkannte, dass dies eine Zeit war, um zu lernen. Der Genuss solcher Augenblicke ist nicht dauernd. Nach der Gemeinschaft mit Gott folgt bestimmt die Stunde der Prüfung, die Zeit des Dienstes nach aussen, wo sich zeigt, ob man einen guten oder einen schlechten Gebrauch von der vorher gebotenen Gelegenheit gemacht hat. Maria «hörte seinen Worten zu», sie lebte darin, und ihre Fortschritte wurden allen offenbar (vergl. 1.Tim. 4,15).
Der Herr Jesus verbrachte einige Augenblicke in diesem Heim, wo Er für alle Herzen der Willkommene war. Andere hatten Ihn schon zu sich eingeladen, wie zum Beispiel Simon, der Pharisäer, Jairus, der Synagogenvorsteher. Der erste, wie es scheint, aus blosser Höflichkeit oder Neugier, der zweite, damit Er seine Tochter heile. Aber Martha und ihre Geschwister nahmen Ihn von Herzen auf, ohne einer zeitlichen Hilfe zu bedürfen. Sie freuten sich, dass Er unter ihr Dach gekommen war.
Wenn es hier das erste Mal war, dass Maria den Herrn Jesus sah, ist es leicht zu verstehen, dass sie Ihm ihre ganze Aufmerksamkeit zuwandte. Denn sie hatte zweifellos von einigen seiner Wundertaten reden gehört, und einige seiner Worte, womit Er das Volk belehrt hatte, mochten ihr zu Ohren gekommen sein, denn Bethanien war nahe bei Jerusalem.
Martha war sehr beschäftigt mit vielem Dienen; aber Maria sass zu den Füssen Jesu und lauschte seinen Worten. Die Haushaltung führen war gut; eine Mahlzeit für Jesum zubereiten war sehr angemessen. Aber jetzt war es der Augenblick, Ihm zuzuhören. Martha verstand dies nicht. Abgelenkt durch viele Dinge, konnte sie die Gelegenheit nicht nutzen; Maria aber nahm sie wahr. Seine täglichen Pflichten vernachlässigen, ist schlecht. Wir lesen hier nicht, dass Maria ihre Hausarbeiten versäumte. Martha beklagte sich nicht über eine ungute Gewohnheit, die ihre Schwester angenommen hätte. Nur bei dieser Gelegenheit hatte sie nicht gehandelt und sich wie üblich am Dienst des Hauses beteiligt. Gewiss ist es ein Vorrecht für alle, dem Herrn Jesus zu dienen; aber es ist auch eine Aufgabe für alle, sich zu setzen und seinem Worte zuzuhören, wenn die Zeit dafür gekommen ist.
Wir können noch weitergehen und versichern, dass es unmöglich ist, dem Herrn in Wahrheit zu dienen, bevor man Ihn kennengelernt und sein Wort aufgenommen hat.
Wir sehen also, dass - obwohl Martha meinte, Maria handle unrichtig, wenn sie zu den Füssen Jesu sitzen blieb, während sie sich fürs Essen abmühte - Maria für Ereignisse zubereitet wurde, die zur Prüfung ihres Glaubens und ihres Verständnisses kommen sollten. Ihr Glaube wurde durch die Krankheit und den Tod ihres Bruders erprobt, und ihr Verständnis zeigte sich darin, dass sie den Herrn, wie Er selbst es sagte, zum Begräbnis salbte.
Als Trauernde
In Johannes 11 finden wir Maria in Trauer zu den Füssen des Herrn Jesus. Der heitere, wie auch der dunkle Tag ihrer Geschichte offenbaren, dass sie ihre Hilfsquellen in Christus hatte. Die Krankheit und der Tod ihres geliebten Bruders Lazarus, den auch der Herr liebte, waren eingetreten. Die Trostlosigkeit und Mühsal dieser Wüste wurden spürbar.
Erinnert uns dies nicht an die Erfahrungen Israels? Das Volk war erst drei Tage durch die Wüste gewandert und schon litt alles grossen Durst. Sie fanden nur bitteres Wasser und Israel musste erfahren, was für ein Ort die Wüste ist. Aber das Holz, das in das Wasser geworfen wurde, um es süss zu machen, offenbarte ihnen das Interesse und die Fürsorge Gottes für sie. Wenn sie nur darauf gemerkt hätten! (2.Mose 15).
Maria verhielt sich anders in der Prüfung. Ein «Mara» vermochte ihre Ruhe nicht zu stören. «Martha nun, als sie hörte, dass Jesus komme, ging Ihm entgegen. Maria aber sass im Hause.» Sie, die sich zu seinen Füssen niedergesetzt und sein Wort gehört hatte, setzt sich ohne sein Wort nicht in Bewegung. Doch sobald die Botschaft eintrifft: «Der Lehrer ist da und ruft dich», erhebt sie sich: «Als jene es hörte, steht sie schnell auf und geht zu ihm.» Sie wartete auf sein Wort, seinen Ruf, selbst in ihrem tiefen Kummer. Und sobald sein Wort eintraf, ist sie ebenso prompt, um zu Ihm zu eilen, wie sie vorher zögerte, sich aufzumachen.
Aber das ist nicht alles. Sobald Maria dahin kam, wo Jesus war, fiel sie Ihm zu Füssen - ein Platz, den sie gut kannte - und bekannte einfach die Herrlichkeit seiner Person: «Herr, wenn du hier gewesen wärest, so wäre mein Bruder nicht gestorben.»
Beachte jetzt bei Martha den Gegensatz dem allem gegenüber. In der Erregung, in die sie versetzt wurde, als sie hörte, dass Jesus gekommen sei, ging sie Ihm entgegen. Ihr Herz war vor allem mit der Erleichterung beschäftigt, die sie sich von Ihm erhoffte. «Ich weiss, dass, was irgend du von Gott bitten magst, Gott dir geben wird.»
Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem die unabhängige Unruhe unserer Herzen mehr zutage tritt, als am Tage des Schmerzes, an dem uns jemand durch den Tod entrissen wird. Erleichterung bekommen, das ist der vorherrschende Gedanke, der unser bewegtes Herz am Tage der Trauer erfüllt. Martha ist ein Beispiel dafür.
Bei Maria ist es nicht so. Sie findet ihre Erleichterung, ihren Trost und ihre Hilfsquelle bei Dem, zu dessen Füssen sie sich niederwirft. Und Der, welcher zu ihr geredet hat und mit ihr gewesen ist, Er selbst erfüllt nun am Tage ihres Schmerzes und Kummers die Leere, die durch das Abscheiden ihres Bruders entstanden ist.
Niemand denke oder sage, das sei Gefühllosigkeit. Über dem zu stehen, was unsere Herzen bedrückt, heisst nicht dafür unempfindlich zu sein. Aber die Trübsal wie grosse Wogen über sich dahinfluten spüren, ist etwas anderes, als in Christus Den zu finden, der die Seele am dunkelsten Tag unterstützt und emporhebt. Ich bin überzeugt, Gott will, dass wir den Schmerz empfinden, und es ist sicher, dass die Wertschätzung dessen, was uns Christus in solchen Augenblicken bedeutet, keineswegs unverträglich ist mit einer tiefen Empfindung dafür, was wir verloren haben.
«Vor vielen Jahren ist mir eine Wunde geschlagen worden, die seither nicht aufgehört hat zu bluten. Dem Herrn sei Dank für diesen Schlag! Auf ewig wird diese Trübsal von seiner Liebe zu mir zeugen!» Das ist die Sprache eines Gläubigen, der gelernt hat, was es heisst einsam zu bleiben, aber durch Christum über die Prüfung gestellt zu werden. Die Wunde kann immer frisch sein, aber das Herz findet seine Hilfsquelle in Dem, der einst gestorben ist, jetzt aber auf immerdar lebt.
Ich habe erwähnt, dass Erleichterung der erste Gedanke Marthas war. Sie sagte: «Ich weiss, dass, was irgend du von Gott bitten magst, Gott dir geben wird.» Auf was zielt das hin? Es war der Schrei eines Herzens, das erleichtert zu werden sucht. Ist das falsch? Gibt Gott niemals Erleichterung?
Erlaube mir die Bemerkung, dass du nur in der Erkenntnis der Hilfsquelle wirklichen Segen finden wirst, bevor die dem Herzen Christi wohlgefällige Erleichterung kommt, die Er uns selbst verschafft durch seinen Dienst. Unsere Hilfsquelle ist Er selbst. Das ist hier in Johannes 11 der grosse Unterschied zwischen Maria und Martha: die erste suchte ihre Hilfsquelle in Ihm, als der Tod ihr Herz und Heim leer machte; die letztere blickte auf Ihn als dem Diener des Bedürfnisses, das sie hatte. Er wollte aber Martha höher führen, indem Er sich vor ihr Herz stellte, als die Auferstehung und das Leben. Doch sie vermochte nicht zu folgen. Bestimmt aus diesem Grunde «ging sie hin und rief ihre Schwester Maria heimlich und sagte: Der Lehrer ist da und ruft dich.» Ihr Gewissen sagte ihr, dass sie Christus nicht verstehen konnte, dass aber Maria dazu imstande wäre. Der Herr war für Martha zu hoch.
In einem gewissen Sinn überstieg Er das Fassungsvermögen von beiden. Denn jede redete vom Tode während doch das Leben sein grosser Gegenstand war. Er hatte das Leben in sich selbst und vor sich. Und, wie ein anderer es ausgedrückt hat: «Die leere Gruft offenbarte und verkündigte es; der Auferstandene aber teilte das Leben mit (Joh. 20)».
Wie kostbar ist es, zu sehen, wie der Herr Jesus die Wahrheit über sich selbst in diesem feierlichen Augenblick für jede der beiden Schwestern als Hilfsmittel gebraucht. Maria aber sagte Er kein Wort von seiner Absicht, Lazarus aufzuerwecken, obwohl Er gerade jetzt im Begriff war, es zu tun. Warum nicht? Weil Er selbst ihre Quelle war und die Leere ihres Herzens ausfüllte, schon bevor ihr Schmerz gelindert wurde.
Gebe der Herr einem jeden von uns, besser zu erkennen und zu schätzen, was Er für uns ist, während wir durch das «Tränental» und das «Tal des Todesschattens» gehen.
Als Anbeterin
Betrachten wir Maria zu den Füssen des Herrn Jesus noch bei einer anderen Gelegenheit, zu welcher die beiden ersten sie zubereitet hatten. Wir finden sie in Johannes 12 und sehen darin einen Unterschied mit den beiden ersten Malen. Dort war Er es, der ihr gab; hier ist sie es, die Ihm gibt. Sie bringt Ihm gegenüber zum Ausdruck, was sie von Ihm gelernt und erkannt hat.
Das war ein besonderer Augenblick. Da schien es, als ob alle Gedanken der Menschen nur mit Tod erfüllt waren. Die Hohenpriester suchten in ihrem' Hass den Menschen umzubringen, der inmitten der Menschen Den verkörperte, der die Auferstehung und das Leben ist. Der Herr Jesus selbst dachte an den Tod, durch den Er Gott verherrlichen und die Sünde. sühnen würde. Dieser Tod stellte sich Ihm als umso notwendiger vor Augen, wenn Er im Bilde das Reich vor sich sah: als Israel Ihn für einen Augenblick anerkannte und die Griechen begehrten, Ihn zu sehen. Da kamen die Worte aus seinem Munde: «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein.»
Noch eine andere Person war in diesem Augenblick von den Gedanken an seinen Tod erfüllt. Wir lesen: «Da nahm Maria ein Pfund Salbe von echter, sehr kostbarer Narde und salbte die Füsse Jesu.» Die hier durch den Heiligen Geist erzählte und gewürdigte Handlung war die Frucht einer innigen Erkenntnis des Herzens und der Wünsche Christi, die sie sich erworben hatte, indem sie ihre eigenen Wünsche beiseite liess. Das ist das grosse Geheimnis einer wahren Hingebung, die Gott anerkennt. Viele erweisen Christo einen Dienst, an sich eine gute Sache, dessen Ursprung aber nicht weiter hinaufgeht, als bis zu ihrem eigenen Verlangen und ihren eigenen Wünschen.
Marias Gedanken waren durch die Gemeinschaft mit Christo gebildet worden und fanden in diesem Augenblick ihren passenden Ausdruck. Aus seinen Worten erkennen wir, wie sehr ihre Gedanken seinem eigenen Herzen entsprachen. «Sie hat ein gutes Werk an mir getan» (Mark. 14,6). Der Herr Jesus allein hatte in diesem Augenblick die Zuneigungen Marias in Besitz genommen, und Er allein verstand sie. Was in den Augen der Jünger ein unverständlicher Verlust war, für den sie Maria schalten, darin rechtfertigte Er sie. Wie kostbar für ihre Ohren, Ihn sagen zu hören: «Was machet ihr ihr Mühe? sie hat ein gutes Werk an mir getan.»
Nach der Meinung der Jünger war es das Grösste und Erhabenste, ein Wohltäter der Menschen zu sein. Für sie war es ein Verlust, den Leib des Herrn Jesus zu salben, eine Handlung, die doch die Gemeinschaft mit seinen Gedanken wie auch mit den Gedanken des Vaters über seinen Sohn zum Ausdruck brachte. Aber den Erlös davon den Armen zu geben und so den Menschen Gutes zu tun - nach ihrer Meinung konnte es nichts Lobenswerteres, nichts Wünschenswerteres geben.
Die Handlung Marias zeigt auch, was sie von den Dingen hielt, selbst von den besten, wenn ihr Herr in den Tod ging. Sie will ihre Welt mit Ihm begraben: wenn Er stirbt, so ist alles, was ihr eigenes Herz hienieden zurückhalten konnte, auch gestorben. Ach! wie wenig wissen wir, die wir doch einen lebendigen Christus in der Herrlichkeit haben, was es heisst, unser Alles da zu haben, wo Christus ist, mit welchem wir durch den Heiligen Geist vereinigt sind und der unsern Seelen das Bewusstsein dieser Vereinigung gibt.
Möchten wir doch erfassen, wie gross die Segnung ist, es mit Christo zu tun zu haben, und in dieser armen Welt der Ausdruck dessen zu sein, was Er ist, so wie wir Ihn kennen. Bald holt Er uns heim, «auf dass, wo Er ist, auch wir seien».
Zu den Füssen des Herrn beginnen wir, von ihm zu lernen. Das ist das gute Teil, das weder hienieden noch in der Ewigkeit von uns genommen werden wird.
Dann lernen wir, was sein Herz in der Trübsal für uns bedeutet.
Zu seinen Füssen, da wo wir die Herrlichkeiten seiner Person kennenlernen, treten wir auch in Gemeinschaft mit Gott bezüglich seiner Lieblichkeiten, die wir wertschätzen lernen. Im Himmel wird diese Erkenntnis bei uns allen vollkommen sein, wie auch die Anbetung, die daraus hervorkommt. Aber welchen Wert hat diese Anbetung jetzt schon für das Herz des Herrn? Oh, Er liebt es, bei den Seinigen eine wahre Wertschätzung der Herrlichkeiten seiner Person zu sehen, inmitten einer Welt, die Ihn verachtet.