Die Gabe des Heiligen Geistes
Halte fest Jahrgang 1961 - Seite: 100
Im Blick auf die Gabe des Heiligen Geistes sind manche Christen im Unklaren. Wir versuchen hier einige ihrer Fragen an Hand des Wortes Gottes zu beantworten.
«Weshalb bitten Sie nicht um die Gabe des Heiligen Geistes?»
Weil wir, infolge unseres Glaubens an Jesum Christum zum Heil unserer Seelen den Heiligen Geist schon empfangen haben. Wie geschrieben steht: «Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben worden ist» (Römer 5,5).
«Aber hat nicht der Herr selbst uns deutlich angewiesen, um den Heiligen Geist zu bitten?»
Er sagt doch: «Wie viel mehr wird der Vater, der vom Himmel ist, den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten» (Luk. 11,13).
Gewiss, bevor der Heilige Geist auf die Erde herabkam, war dieses Gebet ganz an seinem Platz. Unser Herr musste sterben, auferstehen und zur Rechten des Vaters erhöht werden, bevor der Geist hernieder gesandt werden konnte. Wir lesen in Joh. 7,39: «Noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war.»
Nachdem Er aber am Pfingsttage nach der Auffahrt des Herrn ausgegossen worden war, wo lesen wir da, dass die Apostel oder andere Gläubige noch gebetet hätten, um Ihn zu empfangen? Im Gegenteil, sprachen sie nicht immer wieder davon, dass Er im Gläubigen und in der Versammlung (oder Kirche) wohnt?
Wohl glaubt die Welt nicht an Seine Gegenwart, weil sie Ihn nicht sieht, noch Ihn kennt. Der Gläubige aber weiss, dass Er hienieden ist und in ihm wohnt, nicht weil er Ihn sieht, sondern weil das Wort Gottes es ihm bestätigt und er Seine gesegnete und mannigfaltige Tätigkeit in sich selbst wahrnehmen kann. Besonders die Tatsache ist ihm kostbar, dass Er von den Dingen des Vaters und des Sohnes nimmt und sie ihm offenbart. Er ist es, der die Liebe Gottes in unser Herz ausgiesst, uns befähigt auszurufen: «Abba, Vater!» und zu bekennen, dass Jesus «Herr» ist (Joh. 16,15; Röm. 5,5; 8,151.Kor. 12,3).
Aber sollten wir nicht um ein grösseres Mass des Geistes bitten?
Wie sollte ich dieses tun, wenn doch der Heilige Geist als Person in mir wohnt? Wenn es sich nur um eine Wirksamkeit des Geistes in mir handelte, oder um einen gewissen Einfluss, den Er auf mich ausübte - wie dies bei den Gläubigen der Fall war, die vor dem Erlösungswerk des Herrn am Kreuze geglaubt haben - dann könnte ich um ein grösseres Mass bitten Jetzt aber, wo der Heilige Geist, diese göttliche Person gleichen Wesens mit dem Vater und dem Sohne, herabgekommen ist, ist dies nicht mehr nötig. Der Vater hat den Sohn gesandt; der Sohn ist aus der Herrlichkeit des Himmels hernieder gestiegen; Er hat einen Leib angenommen und Sein Leben für uns hingegeben; dann ist Er wieder in den Himmel aufgefahren, von wo aus Er den Heiligen Geist gesandt hat, um bei denen zu wohnen, die durch Sein Blut von ihren Sünden gereinigt worden sind Der Geist ist eine vom Sohne, der für uns starb, und vom Vater, der den Sohn gab, unterschiedene Person, und doch ist Er dem Wesen und der Göttlichkeit nach eins mit dem Vater und dem Sohne.
Wie könnte ich also wünschen, ein grösseres Mass des Geistes zu besitzen, wenn sogar Seine Person in mir wohnt? Ich darf bitten, durch Seine Kraft an meinem inneren Menschen gestärkt zu werden, um überreich zu sein in der Hoffnung (Eph. 3,16; Röm. 15,13). Ferner soll jeder Gläubige, der ja durch den Geist Gottes versiegelt ist, danach streben, von Ihm erfüllt zu werden (Apg. 4,31; Eph. 5,18), indem er im Geiste wandelt, Ihm Raum gibt und Ihn nicht betrübt (Eph. 4,30). Auch dürfen wir bitten, dass durch Seine in den Sündern wirkende Kraft Viele gerettet werden. Aber nirgends in den inspirierten Schriften der Apostel finden wir den Gedanken, dass der Gläubige um ein grösseres Mass des Geistes bitten soll.
«Aber dürfen wir denn nicht eine neue Ausgiessung des Geistes erwarten?»
Die oft angeführte Stelle in Joel 2,28: «Danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgiessen werde über alles Fleisch» bezieht sich auf das Volk Israel und hat am Tage der Pfingsten, nach den Worten des Petrus, eine teilweise Erfüllung gefunden (Apg. 2,14-21). Daraus abzuleiten, dass es auch für die Kirche eine noch grössere Ausgiessung des Geistes geben wird, wäre durchaus unzutreffend. Wie könnte auch solches stattfinden, da doch als Folge davon, dass Jesus, der Sohn Gottes, die Erlösung vollbracht und sich zur Rechten Gottes gesetzt hat, der Heilige Geist selbst herabgekommen ist? Wo findet sich im Worte irgendeine Verheissung, die auf ein derartiges Ereignis hinwiese?
Im Gegenteil, Paulus zeichnet uns ein erschreckendes Bild von dem Niedergang, der die letzten Tage kennzeichnet. Er kündete den Gläubigen an, dass verderbliche Wölfe hereinkommen würden (Apg. 20,29), die der Herde nicht schonen, und böse Menschen, die im Bösen fortschreiten, indem sie verführen und verführt werden (2.Tim. 3,13). Auch Petrus kündete das Auftreten falscher Lehrer an, die verderbliche Sekten nebeneinführen und den Gebieter verleugnen, der sie erkauft hat, und sagte voraus, dass viele ihren Ausschweifungen nachfolgen würden (2.Petr. 2,1.2). Und Johannes, der geliebte Apostel, sagte: «Jetzt sind viele Antichristen geworden, daher wissen wir, dass es die letzte Stunde ist» (1.Joh. 2,18).
Es steht also fest, dass die Apostel nicht eine neue und grössere Ausgiessung des Geistes erwarteten. Wie gesagt, wäre dies auch ganz unmöglich, da, der Heilige Geist selbst «der andere Sachwalter», hienieden ist und für immer bei uns bleiben wird. Eine Tatsache von feierlicher Wichtigkeit!
«Kann aus dem Gesagten geschlossen werden, dass man auch nicht um eine neue Taufe des Heiligen Geistes bitten soll?»
Befragen wir das Wort über diesen Punkt, so finden wir im Hinblick auf die Gabe des Heiligen Geistes die Worte des Herrn an Seine Jünger: «Ihr aber, bleibet in der Stadt, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe» (Luk. 24,49). Dann fügte Er hinzu: «Johannes taufte zwar mit Wasser, ihr aber werdet mit Heiligem Geiste getauft werden nach nunmehr nicht vielen Tagen... Ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein» (Apg. 1,5.8).
Die Erfüllung dieser Verheissung wird im folgenden Kapitel beschrieben, wo wir die Auswirkungen der Entfaltung dieser göttlichen Kraft sehen (Apg. 2,1-6). In 1.Korinther 12,13 finden wir die Bedeutung des Ausdrucks «Taufe mit Heiligem Geist»: «Denn auch in einem Geiste sind alle zu einem Leibe getauft worden.» Sie besteht also in der Vereinigung aller Gläubigen, aller Glieder auf der Erde zu einem Leibe mit Christo, dem verherrlichten Haupte im Himmel; und dieser eine Leib ist am Tage der Pfingsten durch den Heiligen Geist gebildet worden. Somit sind wir nun «Glieder seines Leibes, von seinem Fleische und von seinen Gebeinen» (Eph. 5,30). Diese Verbindung zu einem Organismus ist durch ein göttliches und bleibendes Werk zustande gekommen; daher ist der Gedanke einer neuen Taufe des Heiligen Geistes im Worte unbekannt.
Alle diese und ähnliche Fragen entstehen wohl unter dem tiefen Eindruck des Zerfalls in der Christenheit, der immer mehr um sich greift. Nicht nur wird die christliche Botschaft von vielen Verkündigern verdreht, verfälscht und verwässert. Nicht nur erleidet sie im Bewusstsein der Masse der Christen, die sich der Form nach zu einem christlichen Bekenntnis zählen, eine fortschreitende Abwertung. Auch selbst wiedergeborene Christen werden vom jetzigen Zeitlauf, vom Hang zur Oberflächlichkeit, zu einem bequemen und für das Fleisch angenehmen Leben in den diesseitigen, sichtbaren Dingen, beeinflusst.
Könnte da nicht, so fragt man sich, eine vermehrte Tätigkeit des Heiligen Geistes diesem Niedergang, dieser Lauheit entgegenwirken?
Sicher, wir können nicht genug um eine Vermehrung und Vertiefung der Wirksamkeit des Heiligen Geistes in uns und in unserer Mitte bitten. Wir sind ja in allen guten und Gott wohlgefälligen Dingen von Ihm abhängig. Aber wir kommen nicht um die Tatsache herum, dass der Heilige Geist durch die bösen, ungerichteten Zustände im grossen Hause der Christenheit und im Leben so mancher Gläubigen betrübt und gedämpft wird. Die Bitte um ein stärkeres Wirken des Geistes im Leben des Einzelnen wie auch im gemeinsamen Zeugnis wird sich also nur da erfüllen, wo man sich von ungöttlichen und unschriftgemässen Wegen abwendet und sich von aller Ungerechtigkeit absondert (2.Tim. 2,19-21).
Wie ermunternd ist der Gedanke, dass der Heilige Geist überall da, wo man dies tut, Seine gesegnete göttliche Tätigkeit auch heute noch in Kraft ausübt! Es mag daher nützlich sein, die Hinweise des Wortes über die überragende Bedeutung der Gabe und der Wirksamkeit des Heiligen Geistes in und unter uns, in teilweiser Wiederholung von schon Gesagtem, hier kurz zusammenzufassen:
Der Heilige Geist ist die Kraft, durch die Gott in den Seelen der Menschen hienieden das Gute hervorbringt. Er bedient sich des Wortes, um Sünder dahin zu bringen, an den Herrn Jesum zu glauben, damit sie ewiges Leben empfangen. Der Glaubende ist «aus dem Geiste geboren» (Joh. 3,8) und sein Leib ist der «Tempel des Heiligen Geistes» (1.Kor. 6,19). Weil die Gläubigen «Söhne» sind, «so hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: «Abba, Vater» (Gal. 4,6). Er bleibt in Ewigkeit bei uns. Wir sind, nachdem wir geglaubt haben, mit dem Heiligen Geiste der Verheissung versiegelt worden, der auch das Unterpfand des erworbenen Besitzes ist (Joh. 14,16; Eph. 1,13.14).
Der Geist ist uns gegeben, um uns in dieser Welt zu leiten (Röm. 8,14), als «Kraft aus der Höhe», damit wir Zeugen für den Herrn sein können (Luk. 24,49). Er ist eine Kraft- und Freudenquelle in uns, indem Er uns mit den Dingen, die droben sind, bekannt macht und alle unsere Interessen, Zuneigungen, Gedanken und Erwartungen mit dem verherrlichten Christus droben zu verknüpfen sucht. Er ist der Sachwalter, der unsere «Sache» zu der Seinigen macht und sich in unaussprechlichen Seufzern für uns verwendet (Röm. 8,26), der göttliche Führer, der - wie einst Elieser - die Braut durch die Wüste ihrem himmlischen Bräutigam entgegenführt.
Der Heilige Geist wohnt aber auch in der «Versammlung» (1.Kor. 3,16). Er teilt die geistlichen Gaben aus, die der Herr ihr gibt und die nur unter der Leitung dieses Geistes der Wahrheit und der Liebe nutzbringend ausgeübt werden können.
Wie sollte uns dieses alles anspornen, die Ermahnung zu verwirklichen: «wenn wir durch den Geist leben, so lasst uns auch durch den Geist wandeln»! (Gal. 5,25).