Voll Heiligen Geistes
Halte fest Jahrgang 1981 - Seite: 206 - Verfasser: W. G.
Was hier folgt, ist nicht eine ausführliche Betrachtung über die Gabe des Heiligen Geistes. Solche Schriften bestehen schon, und wir tun gut, sie eingehend zu lesen, um über diese göttliche Person und ihre Tätigkeit in den einzelnen Gläubigen und in der Versammlung aus dem Wort Gottes Klarheit zu empfangen. [unter anderen seien empfohlen: Ernst August Bremicker: «Der Heilige Geist»; A.v.d. Kammer: «Der Heilige Geist, der in uns wohnt»; W. Kelly: «Die Lehre des Neuen Testamentes über den Heiligen Geist»]
Im Blick auf die gegenwärtigen Strömungen in der Christenheit sei in diesem Zusammenhang jetzt nur mit besonderem Nachdruck auf einige wichtige Punkte hingewiesen, die von einer stets wachsenden Menge von Christen übersehen oder missachtet werden.
Das Wesen des Heiligen Geistes
Bei der Taufe Jesu im Jordan wurde die Dreieinheit Gottes offenbart: Der Mensch gewordene Sohn Gottes stieg aus dem Wasser, der Geist Gottes fuhr wie eine Taube auf Ihn hernieder, und die Stimme Gottes, des Vaters, kam aus dem Himmel, welche sagte: «Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe» (Matth. 3,16.17). Auf den Namen dieser göttlichen Dreieinheit soll seither die christliche Taufe ausgeübt werden (Matth. 28,19).
In Hebräer 1,3 wird vom Sohn Gottes, der auf die Erde kam, ausdrücklich gesagt, dass Er der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und der Abdruck seines Wesens ist.
Nicht weniger deutlich geht aus der Schrift hervor, dass auch der Geist Gottes in seinem Wesen in allem mit dem Wesen Gottes übereinstimmt. Vor allem fällt auf, dass Er nach der Szene im Jordan im Neuen Testament meistens der Heilige Geist genannt wird. Er steht im völligen Kontrast zum unreinen Geist des natürlichen Menschen und zu dessen sündigen Gefühlsbewegungen. Auch gibt es keinen grösseren Gegensatz als den zwischen Ihm und den dämonischen Geistern, die so gern, als «christlicher Geist» getarnt, beim Menschen Einlass suchen.
Unser Herr Jesus nennt den Geist Gottes auch «den Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht» (Joh. 15,26). Diesem Geist geht es immer um die Wahrheit, und Er ist es, der die heiligen Schriften, das Wort der Wahrheit (Eph. 1,13 usw.) inspiriert hat: «Heilige Männer Gottes redeten, getrieben von dem Heiligen Geist» (2.Petr. 1,21). Durch dieses Wort hat Gott uns alles mitgeteilt, was Er uns offenbaren wollte.
In Galater 5,22 schliesslich wird die Frucht des Geistes Gottes beschrieben, in der Er sich äussert. Da finden wir all die Eigenschaften wieder, in denen sich Gott, der Vater, und auch der Sohn, als Mensch, offenbart haben: «Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit.»
Der Heilige Geist im Gläubigen und in der Versammlung
Am Tag der Pfingsten, der in Apostelgeschichte 2 beschrieben ist, kam der Heilige Geist in hörbarer und sichtbarer Weise vom Himmel, um als «der andere Sachwalter» auf der Erde in den Gläubigen und in der Versammlung Gottes zu wohnen (1.Kor. 6,19; 1.Kor. 3,16). Diese gewaltige Tatsache geschah unter eindrücklichen Umständen, um dem Volke der Juden anzukündigen, dass damit die Prophezeiung Joels eine Erfüllung erfuhr. Der Geist setzte sich in Gestalt von Zungen wie von Feuer «auf jeden einzelnen von ihnen». Da wurden auch die Gläubigen alle «in einem Geiste zu einem Leibe getauft» (1.Kor. 12,13).
Als daraufhin nach der Predigt des Petrus weitere dreitausend Seelen durch den Glauben an Christus zu seiner Versammlung hinzugetan wurden, empfing ein jeder von ihnen die Gabe des Heiligen Geistes (Apg. 2,37-39). Das geschah aber nicht mehr in der ersten demonstrativen Weise, sondern ruhig und still. So ist es geblieben. Auch heute noch empfängt jeder Mensch, der Busse tut und sich zu Gott bekehrt, der an den Herrn Jesus glaubt und sich auf sein vollbrachtes Werk stützt, ohne menschliche Vermittlung den Heiligen Geist: «Nachdem ihr geglaubt habt, seid ihr versiegelt worden mit dem Heiligen Geiste der Verheissung» (Eph. 1,13).
Die Wirkungen und Tätigkeiten des Geistes Gottes im Gläubigen sind herrlich und mannigfaltig. Es seien hier nur einige wenige erwähnt:
- Er bringt in ihm die schon genannte, in Galater 5,22 erwähnte Frucht hervor; sie kennzeichnet das neue Leben, das er in Christo aus Gott empfangen hat.
- Er ist die Kraft aus der Höhe für das Leben des neuen Menschen, um ein Zeuge des Herrn Jesus Christus und des Evangeliums in dieser Welt zu sein (Luk. 24,45-49; Apg. 1,8).
- Wir haben einen Geist der Sohnschaft empfangen, in welchem wir rufen: Abba, Vater (Röm. 8,15).
- Der Geist selbst zeugt mit unserem Geiste, dass wir Kinder Gottes sind (Röm. 8,16).
- Die Söhne Gottes werden durch den Geist Gottes geleitet (Röm. 8,14).
- Mittels des Geistes Gottes, der uns einzig durch die von Ihm eingegebenen Schriften belehrt, wissen wir «was in Gott ist» und kennen wir die Dinge, «die uns von Gott geschenkt sind» (1.Kor. 2,11.12).
- Er leitet uns in die ganze Wahrheit und verherrlicht Christus in uns (Joh. 16,13.14).
- Durch den Geist gibt Christus, der Herr, auch heute seiner Versammlung, seinem Leib, alle Gnadengaben, die nach seiner Weisheit zu dessen Auferbauung nötig sind (1.Kor. 12). «Alles dieses aber wirkt ein und derselbe Geist, einem jeden insbesondere austeilend, wie er will» (Vers 11). Und wenn die Gläubigen zum Namen des Herrn hin versammelt sind, will Er sie durch den Geist zu den Diensten leiten, die gerade zum Nutzen sind (Vers 5). Dann «sind Verschiedenheiten von Wirkungen, aber derselbe Gott, der alles in allen wirkt» (Vers 6).
Weshalb ist heute die Wirkung des Heiligen Geistes unter uns so schwach?
Diese ernste Frage müssen wir wohl erwägen; denn die Ursache dazu haben wir nur bei uns selbst zu suchen. Die göttliche Kraft des Geistes, die sich in den ersten Tagen des Christentums uneingeschränkt zeigen konnte, ist ja auch heute noch unverändert. Gott ändert sich nie; Er bleibt Derselbe. Aber im Vergleich mit dem Zustand der ersten Christen sind die Verhältnisse in der Christenheit unserer Tage ganz anders.
Damals war die Menge derer, die gläubig geworden waren, ein Herz und eine Seele. Sie verharrten «in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten» (Apg. 2,42; 4,32). Als sich die Jünger in Jerusalem vermehrten (Apg. 6) und sich die Notwendigkeit ergab, dass mehrere Brüder die Aufgabe der «Bedienung der Tische» übernahmen, da war es nicht schwierig, «sieben Männer von gutem Zeugnis und voll Heiligen Geistes» zu finden.
Heute aber ist die Christenheit zum «grossen Hause» geworden, in das zahlreiche Irrlehren eingedrungen und worin Gefässe zur Ehre und zur Unehre des Hausherrn vorhanden sind. Selbst die von neuem geborenen Christen sind in viele menschlich organisierte Kirchen und Gemeinschaften zersplittert. Und von uns selbst, die wir unter diesen traurigen Erscheinungen seufzen, kann wenigstens von uns gesagt werden: Sie sind voll Heiligen Geistes, eifrig in guten Werken und von allem Bösen abgesondert?
Durch solche Zustände ist der Heilige Geist Gottes betrübt. Er wird in seiner Wirksamkeit «ausgelöscht» oder unterdrückt und gedämpft (Eph. 4,30; 1.Thess. 5,19).
Wie kann es anders werden?
Die bösen Zustände in der Christenheit werden sich nicht ändern. Der Apostel Paulus bezeugt in 2.Timotheus 3, dass sie in den «letzten Tagen» zu einem schrecklichen Endzustand auswachsen werden. Die andern Schreiber Petrus, Judas und Johannes reden ebenso. Und die Reihe der Sendschreiben, die den Ablauf der Kirchengeschichte darstellen, enden mit dem Brief an Laodizea, das wegen seiner Lauheit aus dem Munde des Herrn ausgespieen wird.
Wer aber in diesen letzten Tagen in Bezug auf den gottgewollten gemeinsamen Weg der Kinder Gottes treu sein will, wird in 2.Timotheus 2,19-22 aufgefordert, von der Ungerechtigkeit abzustehen, sich von den Gefässen zur Unehre abzusondern und mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen, nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden zu streben.
Gott sei gepriesen! Der einzelne Erlöste darf aber auch heute erleben, was es heisst, voll des Heiligen Geistes zu sein, der ja als göttliche Person in ihm wohnt. Dabei hat er zu beachten:
- Dass dem Geist Gottes alle Räume seines Herzens und Lebens geöffnet bleiben, so dass «der ganze Leib licht ist und keinen finsteren Teil hat» (Luk. 11,36).
- dass er «im Geiste wandelt» (Gal. 5,25), dessen Hauptziel es ist, den Gläubigen in Verbindung und Gemeinschaft mit seinem verherrlichten Herrn im Himmel zu halten und Ihn in seinem Herzen gross zu machen. Wenn er so in Christo bleibt, wandelt er also im Geiste, und der göttliche Bewohner kann in ihm seine liebliche Frucht hervorbringen.
- Wenn er auf diese Weise «im Geiste wandelt», wird er die Lust des Fleisches nicht vollbringen. Die geringste Wirkung des Fleisches ist dem Geist entgegengesetzt und verhindert dessen Wirksamkeit (Gal. 5,16.17). Doch der Geist macht den Erlösten auf jede Regung des Fleisches aufmerksam, und durch Ihn kann der Erlöste «die Handlungen des Leibes töten», dass sie nicht geschehen können (Röm. 8,13).
- Der Gläubige, der voll Heiligen Geistes sein möchte, wird sich auch davor hüten, nach der angeborenen bösen Neigung den eigenen Willen zu tun, wie ehedem (Eph. 2,3). Vielmehr wird er nach fortwährender Abhängigkeit von Gott streben, indem er sich durch Gottes Geist leiten lässt (Röm. 8,14). Ein solches Leben des Gehorsams gegenüber dem Willen Gottes und der Unterwürfigkeit unter die Leitung des Heiligen Geistes, um in Ihm zu wandeln, scheint dem natürlichen Menschen unbequem. Aber unser Herr Jesus, der hienieden auf diesem Wege wandelte, sagte zu seinen Jüngern: «Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben, gleichwie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich zu euch geredet, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude völlig werde» (Joh. 15,10.11).
Keine Geistestaufe mehr nötig
Alle diese Wahrheiten und Tatsachen, die die Heilige Schrift uns vorstellt, sind den meisten unserer Leser bekannt. Sie wurden hier nur in Erinnerung gerufen, um deutlich zu machen, dass die gegenwärtigen Strömungen in der Christenheit, mit denen wohl jeder in Berührung kommt, keine biblische Grundlage haben. Wir möchten daher sehr davor warnen.
Wie war es denn möglich, dass die heutige «Charismatische Bewegung» [«charisma» = Gnadengabe] in den letzten Jahren unter den Christen ein solch weltweites Ausmass erreichen konnte? Sie ist in vielen Ländern in zahllose Gemeinden der grossen Kirchen und sogar in manche Gemeinschaften der Gläubigen verschiedener Denominationen eingedrungen. Weshalb ist das so?
Aus Unkenntnis oder Vernachlässigung der Heiligen Schrift meinen unzähligen Christen und viele Führer unter ihnen, Gott sei es, der seiner «in tote Formen erstarrten Kirche», einem «verkopften Christentum» (wie es schon genannt worden ist), durch diese neue Geistestaufe eine Wiederbelebung gebe. Auch die einzelnen möchten so zu aussergewöhnlichen, erhebenden Gefühlserlebnissen kommen, die ihnen als das Erfülltsein mit Heiligem Geist beschrieben wird.
Aber hat diese Geistestaufe, welche die Menschen durch willkürliches Händeauflegen anderer erleben, wirklichen Segen von Gott gebracht, weil die Betreffenden in Zungen reden, also in Lauten oder fremden Sprachen, die sie meist selber nicht verstehen? Und wem nützen ihre starken Gefühlserregungen, die sie dabei haben?
Wie ist dies alles doch so weit entfernt von der im Wort beschriebenen göttlichen Wirksamkeit des Heiligen Geistes im Erlösten und in der Versammlung des Herrn, die in diesem Aufsatz kurz vorangestellt ist! Was uns bei den Praktiken dieser grossen «Charismatischen Bewegung» besonders betrübt, ist Folgendes:
- Da werden viele menschlich unreine Machenschaften, Äusserungen und Gefühle, die oft sogar dämonischen Ursprungs sind, mit dem Heiligen Geist in Beziehung gebracht. Vieles grenzt dabei an Gotteslästerung!
- Ferner ist es unbiblisch, dass in dieser Bewegung nicht zwischen dem Heiligen Geist selbst und den Gnadengaben des Geistes unterschieden wird. Wer die Zungengabe nicht hat, dem fehlt die Geistestaufe, wird zur Beunruhigung der Gläubigen behauptet. Das ist ein grosser Irrtum. Der Geist gibt seine Gaben wann und wem Er will. Ein eingehendes Studium der Schrift zeigt, dass z.B. die Gabe der Sprachen nur für die erste Zeit des Christentums gegeben wurde, solange dies nach Gottes Weisheit nötig war. Der Geist selbst aber bleibt in Ewigkeit bei und in den Erlösten (Joh. 14,16.17).
- Schliesslich wird der biblische Weg, der den einzelnen Gläubigen dazu führen kann, voll Heiligen Geistes, voll Liebe, Freude und Frieden zu sein, durch das Irrlicht dieser Bewegung verdunkelt. Statt sich und sein Leben zu prüfen und alles zu verurteilen, was ihn bisher hinderte, seinem Herrn ganz nachzufolgen, wird ihm hier gesagt, er könne durch eifriges Bitten und durch Händeauflegen zum grossen Erlebnis der Geistestaufe gelangen. Busse tritt in den Hintergrund.
Möge Gott in seiner Gnade und Treue uns alle vor solchen Irrwegen bewahren!