Zucht und Wiederherstellung
Halte fest Jahrgang 2001 - Seite: 93 - Verfasser: M. Graf
Es ist nicht leicht, über dieses Thema zu schreiben, weil es um Sünden geht, die im Leben von Gläubigen passieren und mit denen sich andere beschäftigen müssen. Obwohl ein Gläubiger nicht mehr sündigen sollte, hat leider jeder von uns mit dem Problem Sünde zu tun.
Der Gläubige kann noch sündigen
Stellen wie 1.Johannes 1,9; 2,1.2 und Jakobus 3,2 reden von Gläubigen und von Sünde in ihrem Leben. Kann denn ein Gläubiger noch sündigen? Ja. - Bei unserer Bekehrung haben wir unsere Sünden Gott bekannt. Er hat uns im Blick auf die Ewigkeit vergeben und uns neues Leben geschenkt. Wir sind als Kinder Gottes in seine Familie hineingeboren worden. Doch solange wir hier leben, ist die alte Natur immer noch da. Sie wird in Gottes Wort als «die in uns wohnende Sünde» oder «das Fleisch» bezeichnet. Diese Wurzel kann Schosse treiben, und das sind Tatsünden, die im Leben von Gläubigen vorkommen können. Doch der grosse Unterschied zwischen der Zeit vor und nach der Bekehrung ist der, dass wir vorher Sklaven der Sünde waren. Doch mit unserer Bekehrung und Neugeburt haben wir auch einen neuen Meister bekommen. Jetzt hat der Herr Jesus das Sagen in unserem Leben. Durch seinen Geist gibt Er uns die Kraft, um in Neuheit des Lebens zu wandeln und nicht mehr sündigen zu müssen. Doch wir alle straucheln oft.
Wenn nun ein Gläubiger sündigt, was dann? Muss er sich noch einmal bekehren? Nein, er ist und bleibt ein Kind des himmlischen Vaters. Aber durch seine Sünde hat er den Vater betrübt, und zwar so, wie unsere Kinder uns betrüben, wenn sie etwas Unrechtes tun. Dann ist das Verhältnis zwischen dem Vater und dem Kind gestört und muss wieder in Ordnung kommen. Wie kann unser Verhältnis zu Gott, unserem Vater, wenn es durch Sünde beeinträchtigt ist, wieder in Ordnung kommen? Indem wir unsere Sünden bekennen. Wir müssen Gott, dem Vater, sagen, was wir verkehrt gemacht haben. Dann erfahren wir seine väterliche Vergebung.
Warum kann Er vergeben? Weil der Herr Jesus auch für die Sünden, die nach unserer Bekehrung leider noch vorkommen können, am Kreuz gestorben ist. Er hat ein umfassendes Erlösungswerk vollbracht. Er ist die Sühnung für unsere Sünden. Im Blick auf die Ewigkeit ist alles geregelt. Alle Sünden sind durch sein Blut ausgetilgt. Wenn es aber um unsere Kind-Vater-Beziehung geht, dann trüben die Sünden in unserem Leben diese Gemeinschaft. Sie kann nur auf Grund der väterlichen Vergebung wieder in Ordnung kommen.
Neben einem Bekenntnis ist auch ernsthaftes Selbstgericht nötig. Wir sollten nach der Ursache unserer Sünde fragen und uns prüfen, wieso es so weit kam, und die Wurzel des Bösen verurteilen. Die Folge wird sein, dass wir wachsamer durchs Leben gehen, dass wir vorsichtiger sind, weil wir wissen, wo unsere Schwachstellen liegen. Wenn wir es mit der Sünde leicht nehmen, kann es schnell passieren, dass sie wieder vorkommt. Das ist sehr traurig und verunehrt unseren Gott und Vater.
Wenn wir es mit der Sünde ernster nähmen, hätten wir weniger mit Zucht in der Versammlung zu tun; sie müsste nicht vorkommen.
Das Problem der Sünde im Leben des Gläubigen
Wir haben gesehen, dass ein Gläubiger leider noch sündigen kann. Zu einem besonderen Problem wird seine Sünde dann, wenn andere sich damit beschäftigen müssen. Es gibt zwei Arten von Sünden, die dies nötig machen.
Die erste Art ist eine schwerwiegende Sünde. Schwerwiegend heisst dabei, dass sie öffentlich sichtbar wird, dass sie andere Menschen betrifft oder schädigt, dass sie das Zeugnis Gottes in dieser Welt in Misskredit oder Unehre auf den Namen des Herrn im Blick auf das Zeugnis seiner Versammlung bringt. Wenn eine solche Sünde passiert, dann müssen sich andere damit beschäftigen. Dann ist Zucht nötig.
Bei der zweiten Art geht es um einen sündigen Zustand. Er stellt sich dann ein, wenn ein Gläubiger sündigt und das Bekennen gegenüber dem Vater unterlässt, wenn er die Sünde wiederholt, ohne sie zu bekennen, und vielleicht mit der Zeit noch Schlimmeres verübt. Wenn man die Sünde im Leben einfach stehen lässt, dann kann es so weit kommen, dass der Zustand eines Gläubigen so schlimm wird, dass sich andere damit beschäftigen müssen.
In diesem Fall geht es also nicht so sehr darum, welche Sünde im Leben eines Gläubigen stehen bleibt, sondern darum, dass man in einer Sünde verharrt und dadurch einen bösen inneren Zustand offenbart.
Ziel und Zweck der Zucht
Nun stellt sich die Frage: Warum Zucht? Warum ist es nötig, dass andere Gläubige sich mit einer Sünde oder einem offenbar bösen Zustand eines Mitgläubigen beschäftigen müssen? Um die Antwort auf diese Frage zu verstehen, müssen wir uns daran erinnern, was die Bibel über das Kollektiv der Gläubigen, d.h. über die Versammlung, sagt.
Gott beschreibt in seinem Wort die Versammlung auf verschiedene Weise, um uns verständlich zu machen, wie Er die Gesamtheit aller Erlösten sieht. Jedes Mal hebt der Geist Gottes eine besondere Seite hervor.
Wenn Er uns die Gläubigen als den Leib des Christus vorstellt, dann ist jeder Gläubige ein Glied an diesem Leib. Der Herr Jesus ist das Haupt, von dem alles ausgeht. Hier ist der Hauptgedanke die Einheit. Wie bei unserem menschlichen Körper alle Glieder zusammen eine Einheit bilden, so sind alle Erlösten durch den Heiligen Geist miteinander verbunden, so dass sie eine Einheit bilden: den Leib des Christus.
Wenn die Gesamtheit der Erlösten unter dem Blickwinkel der Braut gesehen wird, dann ist der Herr Jesus der Bräutigam. Braut und Bräutigam oder auch die Ehe (Eph. 5) heben die Liebesbeziehung hervor, die zwischen den Erlösten in ihrer Gesamtheit und dem Herrn Jesus besteht.
Für unser Thema ist die dritte Seite - die Versammlung als das Haus Gottes - von Bedeutung, wie dies uns z.B. in Epheser 2,19-22 und 1.Timotheus 3,14.15 vorgestellt wird.
In Epheser 2 werden wir einerseits als Steine gesehen, die auf die göttliche Grundlage zu einem Haus aufgebaut werden. Anderseits finden wir auch den Gedanken, dass wir zusammen das Haus bilden, worin Gott wohnt. 1.Timotheus 3 spricht über unser Verhalten im Haus Gottes, d.h. es gibt eine Ordnung in diesem Haus. Ordnung ist der Hauptgedanke beim Bild des Hauses, und um diese aufrechtzuerhalten ist unter gewissen Umständen Zucht nötig.
Die Antwort auf die Frage: Warum Zucht in der Versammlung? lautet also: Als Gläubige haben wir die Verantwortung, die Wahrheit über die Versammlung örtlich darzustellen. So schrieb Paulus den Gläubigen, die in Korinth zusammenkamen: «Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?» (1.Kor. 3,16). Als Gläubige, die zusammen das Haus Gottes bilden und die dies im örtlichen Zeugnis der Versammlung auch sichtbar darstellen, sind wir verantwortlich, die Ordnung, die Gott in seinem Wort vorgegeben hat, aufrechtzuerhalten. Nur dann kann Er in seinem Haus wohnen.
Im Folgenden einige Punkte, die den Zweck der Zucht und das Ziel, das damit verfolgt wird, aufzeigen:
Die Heiligkeit Gottes
Das Haus Gottes ist ein heiliges Haus, und Er selbst ist so heilig und rein, dass Er Böses nicht sehen kann (Ps. 93,5; Hab. 1,13). Der Herr Jesus selbst nennt sich der Heilige (Offb. 3,7). Die Heiligkeit des Hauses Gottes und seines Hausherrn verlangt von uns, dass wir es mit der Sünde ernst nehmen und uns, wenn nötig, als Versammlung damit beschäftigen.
Die Autorität des Herrn
Von Mose wird gesagt, dass er ein Diener in seinem Haus war. Der Herr Jesus aber ist Sohn über sein Haus, d.h. Er hat darin das Sagen (Hebr. 3,6). Würden wir in der Versammlung die Anordnungen seines Wortes nicht beachten und es mit der Sünde leicht nehmen oder darüber hinweggehen, dann wäre das ein Angriff auf die Autorität des Herrn. Zucht ist daher nötig, um seine Autorität in der Versammlung hochzuhalten.
Die Sünde wirkt wie Sauerteig
Sünde ist wie Sauerteig, der die ganze Teigmasse durchsäuert (1.Kor. 5,6; Gal. 5,9). Das Böse haftet nicht nur dem Schuldigen an. Durch die Sünde des Einzelnen ist die ganze Versammlung nicht rein. Daher ist Zucht in der Versammlung nötig. Sie soll zudem das Weiterwirken der Sünde verhindern, damit nicht noch andere davon beeinflusst werden.
Die Reinigung der Versammlung
Es kann sein, dass, wenn das Böse offenbar wird und man sich damit beschäftigen muss, es einen solchen Umfang angenommen hat, dass man handeln muss, um die Versammlung zu reinigen. Auch das ist Zucht: die Reinigung der Versammlung, damit klar wird, dass sie an der Sache rein ist (1.Kor. 5,7; 2.Kor. 7,11). Indem sie den alten Sauerteig ausfegt, die Sünde hinaustut, zeigt sie, dass sie mit dem, was Gottes Heiligkeit verletzt, nichts zu tun haben will.
Die Zurechtweisung des Fehlbaren
In 2.Timotheus 3,16 heisst es, dass das Wort Gottes zur Belehrung, zur Unterweisung und zur Zurechtweisung da ist. Das Wort Gottes übernimmt die Aufgabe, uns zu korrigieren. Aber was geschieht, wenn jemand die Bibel nicht mehr liest? Oder wenn er einfach über das hinwegliest, was ihn zurechtweisen möchte? Dann kann es so weit kommen, dass die Korrektur durch andere geschehen muss.
Dazu ein Beispiel aus dem zweiten Brief an die Thessalonicher (Kap. 3,11.12.14). Das unordentliche Verhalten einiger aus der Versammlung in Thessalonich wurde öffentlich sichtbar. Es bestand die Gefahr, dass die örtliche Versammlung in Verruf kam. Deshalb die Ermahnung und Zurechtweisung des Apostels.
Die Wiederherstellung des Fehlbaren
Obwohl Gott zuerst kommt und seine Heiligkeit an erster Stelle steht, sollten wir doch nie vergessen, dass mit der Zucht auch die Wiederherstellung des Fehlbaren verbunden ist. Gott möchte nicht nur uns persönlich vergeben, so dass wir Ihm wieder in die Augen schauen können. Er möchte, dass ein Fehlbarer oder eine Fehlbare sowohl mit dem Herrn als auch mit den Geschwistern wieder in Ordnung kommt. Siehe dazu die Hinweise über das Züchtigen in Hebräer 12,10 und die Bemerkung zum Zuchtfall in Korinth (2.Kor. 2,5-10).
In Korinth gab es also eine ganze Wiederherstellung, eine Vergebung auch von Seiten des Apostels. Dieses Ziel ist die friedsame Frucht der Gerechtigkeit, die hervorkommen sollte, wenn andere sich mit einer Sünde im Leben eines Gläubigen beschäftigen müssen.
Ausübung der Zucht
Die Versammlung ist kein Gerichtshof, wo man eine Sache nach Gesetzen beurteilt und das Böse dann verurteilt. Drei Punkte sollen zeigen, wie sie handeln soll:
Erstens in der Gesinnung von Galater 6,1, also im Geist der Sanftmut und in der Furcht vor sich selbst. Jeder von uns ist zu dem fähig, womit wir uns beschäftigen müssen. Das sollten wir nie vergessen und daher nicht von oben herab handeln, im Sinn von: Das könnte mir nicht passieren.
Zweitens mit Trauer über das Vorgefallene, mit Trauer über das Böse und darüber, dass es in die Versammlung eindringen und den Herrn und sein Zeugnis in dieser Welt verunehren konnte (1.Kor. 5,2). Die Korinther waren eigentlich gar nicht im rechten Zustand, um so etwas zu behandeln, denn sie waren über das Böse in ihrer Mitte hinweggegangen.
Einen dritten Punkt finden wir in der Anweisung zum Sündopfer, das für eine vorgefallene Sünde dargebracht wurde. Der opfernde Priester musste das Sündopfer essen (3.Mose 6,19). Damit machte er, der mit der Sünde des Opfernden nichts zu tun hatte, sich eins damit. Auch wir sollten uns einsmachen mit dem, was in der Versammlung vorgefallen ist. Wir sind eine Einheit. Die Sünde eines Einzelnen trifft alle. Sie wird auch allen zugerechnet, wenn der Herr das Kollektiv sieht.
Im Alten Testament finden wir Männer, die das begriffen haben. Sie haben ernstlich gebetet und gesagt: Wir haben gesündigt!, obwohl sie persönlich überhaupt nicht involviert waren. Doch sie haben sich darunter gebeugt und sich mit den Sünden des Volkes einsgemacht (Esra 9; Neh. 9; Dan. 9).
Arten der Zucht
Gottes Wort zeigt verschiedene Formen und Phasen der Zucht auf:
a) Wenn jemand von einem Fehltritt übereilt, d.h. von der Sünde überrascht wird (Gal. 6,1). Wenn ein Bruder oder eine Schwester nicht wachsam war und etwas passiert ist, das auch die Versammlung betrifft, so dass sich andere damit beschäftigen müssen, dann sollen sie im Sinn von Galater 6,1 handeln. Es gilt, dem Fehlbaren zu helfen, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Man könnte dieses Vorgehen mit dem Einrenken eines ausgerenkten Gliedes vergleichen. Wir wissen wohl alle, wie schmerzhaft dies ist.
Achtung: Viele Sünden sehen wie ein Fehltritt aus - vor allem, wenn sie nur einmal vorkommen -, und doch sind sie die Folge eines langen inneren Abweichens vom Herrn!
b) Der unordentliche Lebenswandel eines Gläubigen betrifft auch die Versammlung, denn die ungläubigen Mitmenschen sehen es und denken sich ihre Sache dabei.
In einem solchen Fall muss der Unordentliche zuerst zurechtgewiesen werden (1.Thess. 5,14). Dann soll man sich von einem solchen zurückziehen, damit er merkt, dass die anderen sein Verhalten nicht gutheissen. Man muss ihn aber auch ermahnen, anständig zu leben (2.Thess. 3,6.11.12). Wenn dies alles zu keiner Einsicht beim Betreffenden führt, muss er öffentlich bezeichnet und der Umgang mit ihm abgebrochen werden, wobei er aber weiter am Tisch des Herrn teilnehmen darf (2.Thess. 3,14.15).
c) Auch ein Bruder, der das Vertrauen der anderen besitzt und örtlich einen Ältestendienst ausübt, kann in eine Sünde fallen, mit der sich andere beschäftigen müssen. 1.Timotheus 5,19.2.Sagt, wie in einem solchen Fall vorzugehen ist.
Zunächst muss man auch hier vorsichtig sein. Wenn Anschuldigungen kommen, sollen sie klar belegt sein. Es darf nicht sein, dass aus Neid oder sonst einem schlechten Beweggrund einem vertrauenswürdigen Bruder etwas unterschoben wird.
Wenn tatsächlich eine durch Zeugen bestätigte Sünde vorliegt, dann muss der Fehlbare vor allen, d.h. öffentlich, überführt werden. Wir können uns fragen: Muss dies so ans Licht gezerrt werden? Ja, weil ein solcher Bruder einen besonderen Einfluss hat. Viele schauen auf ihn und könnten durch sein Verhalten zu Schlechtem verleitet werden. Diese Art von Zucht soll auch eine heilsame Wirkung auf die anderen ausüben.
Dazu ein Beispiel aus Galater 2,11-14. Der Apostel Petrus, der mehr war als ein Ältester, musste vom Apostel Paulus öffentlich zurechtgewiesen werden, weil sein Verhalten im Widerspruch zur Wahrheit des Wortes Gottes stand und andere mitriss. Der Herr hatte die Zwischenwand des Gesetzes, die einst die Juden von den Nationen trennte, abgebrochen. Petrus stand im Begriff, wieder einen Unterschied zwischen Gläubigen aus den Juden und solchen aus den Nationen zu machen. Da war eine öffentliche Zurechtweisung und Klarstellung nötig. - 2.Petrus 3,15 zeigt, dass Petrus dieses Wort von Paulus angenommen hatte und ihm nichts nachtrug.
d) Zucht muss auch gegenüber lehrmässig Bösem ausgeübt werden, wie wir dies in Römer 16,17.18 finden.
Wenn jemand etwas lehrt, das der Lehre des Neuen Testaments entgegensteht und dadurch Unruhe unter den Gläubigen hervorruft, dann soll man sich von ihm abwenden, ihm nicht zuhören, ihm nicht nachlaufen. Das ist hier die Zucht, die dazu führen soll, dass so jemand einsieht, dass er mit seiner Meinung verkehrt liegt.
Leider kommt es selten so weit, da es immer Arglose gibt, deren Herzen durch schöne Worte verführt werden. Diese Verkündiger finden immer solche, die ihnen zuhören und ihnen nachlaufen.
Wenn bei solchen, die etwas Verkehrtes lehren, keine Einsicht vorhanden ist, muss man sich nach 2.Timotheus 2,19.21 von ihnen und ihren Anhängern trennen. Aber denken wir daran: Vielleicht käme es manchmal nicht so weit, wenn Römer 16,1.Konsequenter befolgt würde.
e) Nach 1.Korinther 14,29 soll die Versammlung den Dienst am Wort beurteilen (nicht kritisieren!). Wenn der Dienst eines Bruders dauernd nicht zur Auferbauung und nicht zum Segen für die Zuhörer ist, dann kann es so weit kommen, dass die Brüder, die für das geistliche Wohl der anwesenden Gläubigen eine Verantwortung vor dem Herrn tragen, etwas dagegen unternehmen müssen, etwa im Sinn von 1.Timotheus 1,3.4 und Titus 3,9. Diese Zucht kann zu einem teilweisen Redeverbot führen (Tit. 1,10.11).
f) In Matthäus 18,15-18 zeigt uns der Herr, wie wir vorzugehen haben, wenn ein Gläubiger gegenüber einem anderen Gläubigen sündigt.
Wenn ein Bruder oder eine Schwester mir irgendein Unrecht getan hat, dann ist es zunächst wichtig, dass ich dies ertrage, im Herzen eine vergebende Haltung habe und mit niemandem darüber rede.
Es gibt aber noch eine andere Seite, die zu bedenken ist: Wenn wirklich eine Sünde passiert ist und ich sage nichts, dann bleibt diese Sünde auf dem anderen. Wenn die Sache nicht in Ordnung kommt, könnte es sein, dass dies zu etwas Schlimmerem führt.
Unter diesem Gesichtspunkt kann es nötig werden, dass man den Fehlbaren aufsucht, um ihm klarzumachen, dass sein Verhalten nicht richtig war. Ein solches Gespräch sollte von der Art eines Hirtendienstes an ihm sein.
«Überführe ihn zwischen dir und ihm allein.» Es ist wichtig, dass die Sache zunächst im engen Kreis zwischen den beiden Betreffenden bleibt. «Wenn er auf dich hört, so hast du deinen Bruder gewonnen.» Das bedeutet nicht unbedingt, dass jetzt alles in Ordnung ist. Auch wenn er einsieht, dass sein Tun verkehrt war, kann er vielleicht den angerichteten Schaden gar nicht mehr gut machen. Aber wenn er auf dich hört, hast du ihn gewonnen.
Einen ähnlichen Vers haben wir in Jakobus 5,19. Es geht dort zwar nicht um eine persönliche Sünde gegen einen anderen. Aber die Beschäftigung mit dem Fehlbaren führt zu einem ähnlichen Resultat.
Wenn das persönliche Gespräch zu keiner Einsicht führt, dann sollte man mit einem oder zwei Brüdern zusammen den Bruder zu gewinnen suchen. Wenn die Sache auf diesem Weg in Ordnung kommt, dann sollte niemand ausser den drei oder vier Beteiligten etwas davon wissen. Die Sache sollte in diesem Kreis bleiben.
Wenn auch dieser Schritt zu keiner Änderung in der Gesinnung des fehlbaren Bruders führt, dann muss der Geschädigte die Sache der Versammlung vorlegen, wobei die Brüder, die beim zweiten Gespräch anwesend waren, als Zeugen die Sache bestätigen sollen. Jetzt muss sich die örtliche Versammlung mit der Angelegenheit beschäftigen und sich bemühen, den Fehlbaren zu überführen.
«Wenn er aber auch auf die Versammlung nicht hört, sei er dir wie der Heide und der Zöllner.» Der, dem das Unrecht geschehen ist, muss einsehen, dass er jetzt nichts mehr ausrichten kann. Die Sache liegt jetzt in der Hand der Versammlung. Für ihn selbst ist der andere wie ein Ungläubiger, der draussen steht.
Vers 18 zeigt klar, dass der Herr der Versammlung die Autorität gegeben hat, zu binden und zu lösen. Sie hat also die Vollmacht, sich mit solch einem Fall zu beschäftigen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen, d.h. gegen das in der Versammlung aufgetretene Böse Stellung zu beziehen und einen Bruder, der sich als Böser erwiesen hat, von der Gemeinschaft am Tisch des Herrn auszuschliessen.
Ausschluss von der Gemeinschaft am Tisch des Herrn
Nach Matthäus 18,15-18 und 1.Korinther 5,12.13 hat die örtliche Versammlung die Vollmacht, aber auch die Verantwortung, gegen das in der Versammlung aufgetretene Böse Stellung zu nehmen. Wenn ein fehlbarer Gläubiger trotz allen Bemühungen der anderen nichts einsehen will, in der Sünde verharrt und sich damit als ein Böser erweist, dann muss sie ihn von der Gemeinschaft am Tisch des Herrn ausschliessen und die Verbindung mit ihm abbrechen.
Binden und Lösen
In Matthäus 18,18 wird die Vollmacht, die der Herr der örtlichen Versammlung gibt, mit binden und lösen bezeichnet. Binden bedeutet: Wenn alle Bemühungen nichts gefruchtet haben, muss die Versammlung die vorliegende Sünde dem Fehlbaren aufbinden (vgl. Hos. 10,10). Das Lösen beschreibt die gegenteilige Handlung: Die Versammlung hat auch die Autorität, im Blick auf diese Erde zu vergeben, so dass eine Sache wieder in Ordnung kommen kann.
Dieses Binden ist eine überaus ernste Angelegenheit. Die örtliche Versammlung kommt zu einem Punkt, wo sie sagen muss: Alles hat nichts genützt. Jetzt können wir nichts mehr machen. Der Fehlbare, der sich als ein Böser erwiesen hat, muss hinausgetan werden. Es kommt zum Ausschluss von der Gemeinschaft am Tisch des Herrn.
Da die Korrektur nicht angenommen wurde, ist von der Versammlung aus gesehen diese Handlung eigentlich keine Zucht mehr, denn diese bedeutet in Gottes Wort immer Korrektur, um zurechtzubringen. Mit dem Hinaustun des Fehlbaren befindet er sich ausserhalb des Handlungsbereichs der Versammlung. Und doch ist es Zucht - von Gott aus gesehen. Wenn die Versammlung nichts mehr tun kann, so ist die Sache bei Gott kein hoffnungsloser Fall. Deshalb geschieht auch diese Zuchthandlung mit der Hoffnung auf eine Wiederherstellung des Schuldigen.
Zulassen und Ausschliessen
Beide Handlungen sind Angelegenheiten der ganzen Versammlung. Sie hat die Autorität, zum Tisch des Herrn zuzulassen und davon auszuschliessen. Das Vorgehen in beiden Fällen ist jedoch nicht ganz das Gleiche.
Wenn jemand wünscht, am Tisch des Herrn teilzunehmen, dann werden sich z.B. einige Brüder mit dieser Person beschäftigen und der Versammlung eine Empfehlung geben. Es kann ja nicht jeder Bruder und jede Schwester das Leben von jemand prüfen. Zudem haben wir auch Vertrauen zueinander. Damit aber die ganze Versammlung handeln kann, muss die Sache allen - Brüdern und Schwestern - vorgestellt und von denen, die sich damit beschäftigt haben, empfohlen werden. Dann wird man eine gewisse Zeit warten, damit jeder Gelegenheit hat, begründete Bedenken vorzubringen. Erst wenn nichts Hinderndes mehr im Weg steht, vollzieht die ganze Versammlung die Zulassung - eine Handlung, die im Himmel anerkannt wird.
Bei einem Ausschluss liegen die Dinge etwas anders. Die Versammlung muss handeln, wenn alle anderen Bemühungen, die Sache in Ordnung zu bringen, nichts gefruchtet haben. Aber sie kann erst handeln, wenn die Sache klar, d.h. durch das Wort Gottes belegt ist und das Wort des Herrn in diesem Fall die Massnahme des Ausschlusses von uns verlangt. Nun wird der Fall aber nicht, wie bei der Zulassung, der Versammlung zur Prüfung vorgelegt. Es geht jetzt vielmehr darum, dass die Brüder, die sich damit beschäftigt haben, die ganze schwere Sache auf Herz und Gewissen von allen legen, indem sie einen klaren Tatbestand oder Zustand aufzeigen, der vom Wort Gottes als sündig und böse bezeichnet wird. Dann erfolgt der Ausschluss durch die Versammlung. Würde dann - nachdem ein klarer Tatbestand aufgezeigt worden ist, bei dem Gottes Wort einen Ausschluss verlangt - jemand sagen: Ich bin mit dem Ausschluss nicht einverstanden, so würde er sich gegen Gottes Wort stellen!
Notwendigkeit des Ausschlusses
Ist so etwas Schweres wie der Abbruch jeder Gemeinschaft mit einem Gläubigen wirklich nötig? Diese Frage ist verständlich. Doch wir müssen sie mit ja beantworten, weil wir als Gläubige eine Einheit bilden: die Versammlung. Wir sind ein Kollektiv, und Gott sieht uns auch so. Das hat praktische Auswirkungen, wie wir dies am Beispiel von Josua 7,1.10.25 sehen können. Achan hatte gesündigt, indem er das Gebot Gottes bezüglich Jerichos missachtet hatte. Weil dieser Mann jedoch zum Volk Israel gehörte, sagte Gott zu Josua: Israel hat gesündigt. Das Volk musste damals den Bösen hinaustun, d.h. ihn steinigen.
Heute ist es grundsätzlich gleich: Die Versammlung wird durch das Böse, das durch einzelne Geschwister verübt worden ist, verunreinigt. Wenn die Sache so ernst ist, dass die Schrift von einem Hinaustun des Fehlbaren spricht, dann muss die Versammlung die Sache dem Herrn bekennen, darüber trauern, die Sünde auf den Schuldigen binden und ihn ausschliessen. Nur so kann sie sich vor dem Herrn reinigen (2.Kor. 7,11).
Wann ist ein Ausschluss nötig?
Gottes Wort unterscheidet drei Fälle:
a) Wenn jemand in einer Sünde verharrt, wie wir dies in Matthäus 18,15-18 gesehen haben, und dadurch ein böser Zustand offenbar wird. In diesem Fall geht es nicht um eine bestimmte Art von Sünde, sondern um ein Verharren darin.
b) Wenn eine moralisch schwerwiegende Sünde vorliegt, in der Art, wie 1.Korinther 5,9-13 sie aufzählt (wobei dies keine vollständige Liste ist). Beim genauen Hinsehen sind dies keine Fehltritte, von denen ein Gläubiger übereilt werden kann. Drei Beispiele:
Hurerei. Diese Sünde, die auch in Korinth vorkam, ist besonders gravierend, denn man sündigt gegen den eigenen Körper. Bereits eine einmalige Tat ist vor Gott so schlimm, dass ein Ausschluss nötig wird (1.Kor. 5,2; 1.Mose 39,9). Zudem ist das, was einer solchen Tat wohl immer vorausgeht - die entsprechenden Gedanken im Herzen (Matth. 5,28) und das Spiel mit dem Feuer (1.Kor. 7,1.2) -, bereits Sünde.
Schmäher. Er spricht frivol über Gott und den Herrn Jesus oder über die heiligen Dinge oder macht die Glaubensgeschwister öffentlich schlecht. Damit ein Gläubiger so weit kommen kann, muss ein langer Weg des Abweichens vom Herrn vorausgegangen sein, ohne dass dieser im Selbstgericht verurteilt worden ist. Wenn nun die Welt solche Reden aus dem Mund eines Gläubigen hört, bedeutet dies eine Verunehrung des Herrn. Die Versammlung kann sich nur reinigen, indem sie einen solchen hinaustut.
Trunkenbold. Wenn ein Gläubiger einmal nicht wachsam war und bei einer Gelegenheit zuviel Alkohol getrunken hat (Rausch), dann muss und darf die Versammlung einen solchen noch nicht ausschliessen. Er wurde von einem Fehltritt übereilt. Ein Trunkenbold ist jemand, der alkoholabhängig ist und sich nicht helfen lassen will, denn in Johannes 8,34.36 heisst es klar: «Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht ... Wenn der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein.» Der Herr Jesus will und kann befreien, doch man muss sich helfen lassen. Ein Trunkenbold lehnt es ab, von seiner Gebundenheit loszukommen. Durch sein Verhalten, das auch die Ungläubigen sehen, verunehrt er den Herrn, so dass die Versammlung handeln muss.
c) Wenn jemand böse Lehren verbreitet. Damit sind Irrtümer gemeint, die die Grundwahrheiten des Christentums angreifen, z.B. die Person und das Werk des Herrn Jesus (seine absolute Sündlosigkeit, seine wahre Menschheit und seine Gottheit in einer Person, die Einmaligkeit und Ausschliesslichkeit seines Erlösungswerks) oder die Bibel als das wörtlich von Gott inspirierte Wort. Dann muss ein Ausschluss vollzogen werden. Auch hier muss natürlich zwischen einem Irrlehrer, der in einer verkehrten Lehre verharrt, und einem, der einmal aus Versehen etwas gravierend Verkehrtes äussert, unterschieden werden.
Ein Beispiel zu diesem Fall haben wir in Galater 1,8, wo der verflucht wird, der ein anderes Evangelium verkündigt, z.B. Gesetz und Gnade vermischt.
Bezeichnenderweise werden sowohl diese böse Lehre, die in Galatien verbreitet wurde, als auch das moralisch Böse in Korinth mit Sauerteig verglichen (Gal. 5,9; 1.Kor. 5,6). Diese beiden Arten von Sünden, wenn sie in die Versammlung kommen, müssen auch gleich behandelt werden.
Unser Verhalten gegenüber Ausgeschlossenen
a) Unsere Gesinnung. Wenn die Gemeinschaft mit jemand, mit dem man einst den gleichen Weg ging, abgebrochen wurde und er hinausgetan werden musste, so kann dies nur unter tiefster Trauer und Demütigung der örtlichen Versammlung erfolgen. Fehlt dies, dann stimmt etwas nicht. Wie muss doch unser Herz darüber trauern, dass so etwas unter den Gläubigen vorkommt und dass es nicht möglich war, zu helfen und zurechtzubringen, so dass man zum Letzten, zum Ausschluss, greifen musste!
b) Da die Handlung im Himmel anerkannt wird, ist sie für die ganze Versammlung bindend. Die örtliche Versammlung ist eine Darstellung von dem, was vom Ganzen (von der Summe aller Erlösten) wahr ist. Von den Korinthern sagte der Apostel Paulus: «Ihr seid Christi Leib», d.h. die Darstellung des Leibes Christi, und: «Ihr seid der Tempel Gottes», d.h. die Darstellung des Hauses Gottes (1.Kor. 12,27; 3,16). Daher ist das, was eine örtliche Versammlung tut, für die ganze Versammlung, d.h. für alle örtlichen Versammlungen bindend.
c) 1.Korinther 5,11 macht deutlich, dass wir mit einem Ausgeschlossenen keinen Umgang haben sollen, d.h. so jemanden nicht mehr besuchen und auch nicht zu Besuch einladen sollen. Gott will, dass wir jeden Kontakt abbrechen, um uns vor einem negativen Einfluss zu schützen und damit im Herzen des Betreffenden ein göttliches Werk geschehen kann. - Dieser Abbruch des Umgangs gilt nicht für die familiären Beziehungen. Diese bleiben auch beim Ausschluss eines Familiengliedes von der Gemeinschaft der übrigen Gläubigen weiter bestehen. Doch der praktische familiäre Umgang wird durch den Ausschluss sehr belastet (vgl. 3.Mose 21,1-4).
d) Im zweiten Johannes-Brief wird uns gezeigt, wie wir uns gegenüber Irrlehrern zu verhalten haben (V. 9-11). Solche Menschen sind in der Regel ungläubig. Sie kommen von aussen zu uns, z.B. an die Haustür, und bringen eine böse Lehre, die die Grundlagen des Christentums, z.B. die Person oder das Werk des Herrn Jesus, angreifen. Wir sollen diese Leute so behandeln, wie es in obiger Stelle steht: nicht ins Haus aufnehmen, nicht grüssen, denn wir würden, wenn wir irgendeinen Kontakt mit ihnen hätten, an ihren bösen Werken teilnehmen. So sieht das Gott.
Wenn nun jemand, mit dem wir in Gemeinschaft am Tisch des Herrn waren, solche verkehrten Dinge lehrt und sie nicht aufgeben will, nachdem man ihm den Irrtum an Hand des Wortes Gottes vorgestellt hat, so dass man ihn ausschliessen muss, müssen wir uns dann ihm gegenüber nicht ebenso verhalten? Obwohl sich die Stelle im zweiten Johannes-Brief auf Leute bezieht, die von aussen an die Gläubigen herantreten, gehen wir sicher nicht fehl, wenn wir daraus unser Verhalten gegenüber solchen ableiten, die auf Grund einer Irrlehre ausgeschlossen werden müssen, um nicht an ihren bösen Werken teilzunehmen.
e) Das Letzte, was wir für eine ausgeschlossene Person tun können und tun dürfen, ist für sie beten. Wenn es bei Gott keine hoffnungslosen Fälle gibt, dann dürfen wir die Sache auch weiter im Gebet vor Ihn bringen.
Unser Verhalten Ausgeschlossenen gegenüber ist nicht unwichtig. Oft kommt es zu keiner gottgemässen Wiederherstellung der ausgeschlossenen Person, weil die anderen Gläubigen sich nicht so verhalten, wie Gott es uns in seinem Wort zeigt. Beispiel: Der Fehlbare, der von der örtlichen Versammlung ausgeschlossen werden musste, sucht sich - wegen der Schande oder dem Gerede oder sonst einem Grund - in der Christenheit einen Kreis von Gläubigen, die sich über den Ausschluss hinwegsetzen und ihn aufnehmen. Wie oft wird dadurch eine gottgemässe Wiederherstellung verunmöglicht. - Wer sich grundsätzlich auf die Seite des Ausgeschlossenen stellt, fällt unter dasselbe Urteil!
Die Haltung der fehlbaren Person
Bis jetzt haben wir kein Wort über die ausgeschlossene Person gesagt. Ist ihr Verhalten belanglos?
Wenn die Situation einmal so weit gekommen ist, dass ein Ausschluss unumgänglich ist, dann ändert der augenblickliche Herzenszustand des Betreffenden nichts mehr an der Sache. Beispiel: Auch wenn Achan seine Tat zugegeben hätte, bevor er überführt worden war, hätte er doch hinausgetan werden müssen. Denn Gott verlangte die Reinigung des Volkes. - Das gleiche gilt in Bezug auf die Versammlung. Liegt z.B. der Tatbestand der Hurerei vor, dann muss der Ausschluss erfolgen, auch wenn bereits ein Bekenntnis der Schuld vorliegt. Gott will, dass sich die Versammlung reinigt, indem sie klar und offen Stellung nimmt gegen das Böse.
Für die Wiederherstellung eines Ausgeschlossenen aber ist sein Herzenszustand von ausschlaggebender Bedeutung. Je früher Einsicht über das vorliegende Böse und aufrichtige Reue darüber vorhanden sind, umso schneller kommt ein Fehlbarer mit Gott und mit den Geschwistern wieder in Ordnung.
Wiederherstellung
Wichtig für die Zurechtbringung eines Ausgeschlossenen ist erstens die Haltung und das Verhalten der örtlichen Versammlung, d.h. jedes einzelnen Gläubigen, der an diesem Ort zusammenkommt. Ist unsere Trauer über das Vorgefallene echt? Verhalten wir uns auch nach aussen hin so, wie es uns das Wort Gottes zeigt? Warum gab es in manchen Fällen keine Wiederherstellung? Lag der Grund vielleicht bei uns, die wir zur betreffenden örtlichen Versammlung gehören?
Zweitens ist ein Werk Gottes im Herzen des Fehlbaren nötig, sonst wird es nie zu einer Wiederherstellung kommen. Eine Änderung der Herzenseinstellung kann aber nur Gott allein bewirken. Andere Gläubige können sich ja nicht mehr mit so jemand beschäftigen. Hirtendienst ist in diesem Fall nicht mehr möglich.
An Hand der Wiederherstellung des Petrus, der seinen Herrn dreimal verleugnet hatte, erkennen wir, was durch das Wirken Gottes im Herzen geschehen muss. - Das Erste ist Demütigung und Beugung über die Schuld. Von Petrus heisst es in Lukas 22,62: «Er ging hinaus und weinte bitterlich.» Als ihm bewusst wurde, was er getan hatte, brach er zusammen. - Als Zweites kommt die Verurteilung des Vorgefallenen im Selbstgericht, ohne dass man sagt: Die anderen haben aber auch ... Als der Herr den Petrus fragte: «Simon, Sohn Jonas, liebst du mich mehr als diese?», da legte der Herr den Finger auf die eigentliche Sünde, die Petrus begangen hatte. Er meinte, er sei treuer als die anderen Jünger und hatte den Herrn dann verleugnet. Petrus hat dies eingesehen. - Doch es gibt noch etwas Drittes, das nötig ist: das Erkennen und Verurteilen der Ursache, die zu dem führte, was einen Ausschluss nötig machte. Auch dies finden wir bei Petrus. Als der Herr zum dritten Mal fragte: «Simon, Sohn Jonas, hast du mich lieb?», da wurde Petrus traurig. Er gab zur Antwort: «Herr, du weisst alles, du erkennst, dass ich dich lieb habe.» Da ging es dem Herrn Jesus nicht um die Sünde an sich, sondern um die Wurzel, woraus sie gekommen war. Diese sitzt meistens tief im Herzen. Doch auch sie muss verurteilt werden, wie Petrus es tat, als er dem Herrn bekannte: Du weisst alles, du siehst bis auf den Grund meines Herzens, in jede Falte hinein. Alles ist dir offenbar. Du siehst mein Selbstvertrauen, das ich hatte, aber du erkennst doch, dass ich dich lieb habe.
Bis das Wirken Gottes zu solchen Ergebnissen führt, braucht es Zeit. Normalerweise wird aber etwas davon sichtbar, z.B. durch Demütigung, durch Trauer, durch ein verändertes Leben, so dass eine solche Person wieder zu den Zusammenkünften kommt, vor allem zur Wortverkündigung. Daran merkt man, dass die Person mit Gott ins Reine gekommen ist und das innere Leben wieder Bedürfnisse hat, Hunger nach geistlicher Nahrung. Ein weiteres Ergebnis des Wirkens Gottes ist das Bekenntnis der Schuld. Das kann in schriftlicher Form den Gläubigen gegenüber erfolgen, oder mündlich gegenüber einer Vertrauensperson, die dies dann den Geschwistern mitteilt.
Wenn solche Veränderungen zum Guten festgestellt werden, dann kommt der Moment, wo die Geschwister auf das Bekenntnis hin vergeben und wieder Liebe üben sollen. Ein Beispiel dafür finden wir in 2.Korinther 2,5-8, wo wir die Wiederherstellung des Bruders finden, der nach 1.Korinther 5 wegen Hurerei ausgeschlossen werden musste.
Wie dieser Kontakt im Einzelnen aussieht und vor sich gehen kann, muss der Herr von Fall zu Fall zeigen. Oft beginnt es mit einem Dienst, der von einzelnen Brüdern in persönlicher Verantwortung, aber in Verbindung mit der örtlichen Versammlung geschieht. Das Gesetz des Aussätzigen in 3.Mose 14 gibt manchen hilfreichen Hinweis darüber, in welcher Weise mit einem Ausgeschlossenen, an dessen Herz der Herr gewirkt hat, wieder Kontakt aufgenommen und Liebe geübt werden kann.
Wenn es aufs Neue eine Verbindung mit einem Bruder oder einer Schwester gibt, die ausgeschlossen werden mussten, werden diese Personen sicher auch wieder wünschen, am Brotbrechen teilzunehmen.
Sobald dieser Wunsch vorhanden ist, wird die Sache zu einer Angelegenheit der ganzen Versammlung. Sie wird sich mit dieser Person beschäftigen. Wenn festgestellt wird, dass ein Werk des Herrn im Herzen geschehen ist, wenn nicht nur die Sünde eingesehen, sondern auch ihre Wurzel verurteilt worden ist, dann wird dies der Versammlung die Freimütigkeit geben, so jemand wieder zum Tisch des Herrn zuzulassen, und zwar ohne Vorbehalte und ohne dass man die Gemeinschaft irgendwie einschränkt. Damit ist die Sache wieder in Ordnung und die äusserlich sichtbare Wiederherstellung abgeschlossen.
Doch das innere Werk geht noch weiter. Denn es gibt, wie ein Bruder einmal gesagt hat, nichts, was das Selbstgericht so fördern könnte, wie der volle Genuss der Gnade. Je mehr man empfindet, wie gross die Gnade Gottes ist, desto mehr merkt man, wie schlecht man selbst ist und wie verkehrt man gehandelt hat.
Möchten wir alle mehr im Bewusstsein der Gnade leben, die Gott uns erwiesen hat. Denn je grösser uns die Gnade wird, umso schrecklicher erscheint uns die Sünde, so dass wir uns vor ihr hüten.
Es ist die Beschäftigung mit dem Kreuz von Golgatha, die uns die Schrecklichkeit der Sünde immer wieder vor Augen führt und uns von ihr zurückhält. Lasst uns nie vergessen, wie schwer der Heiland dort für jede einzelne unserer Sünden leiden musste!
Und welch eine Gnade, dass Gott, wenn eine Sünde in unser Leben gekommen ist, uns auch eine völlige Wiederherstellung schenken möchte!