Halte Fest
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Die Gleichnisse des Herrn

Halte fest Jahrgang 1967 - Seite: 58

Übersicht

a) Gleichnisse für Sünder

b) Gleichnisse vom Gebet

c) Gleichnisse über das Verhalten der Gläubigen gegenüber andern

d) Gleichnisse vom Fruchtbringen und vom Dienst

 

Einleitung

Beim Lesen der Evangelien fällt uns auf, wie unser Herr Jesus so vieles in Gleichnissen redete.

Er tat dies aus verschiedenen Gründen:

  • Erstens wurden Seine tiefen Lehren dadurch leichter verständlich und eindrücklicher. Gleichnisse prägen sich dem Gedächtnis viel besser ein, als abstrakte Wahrheiten.
  • Zweitens aber redete Er zum ungläubigen Volke der Juden und seinen Führern in Gleichnissen, «auf dass sie sehend sehen und nicht wahrnehmen, und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde.» Das ist kein Widerspruch zum ersten Punkt, sondern eine Ergänzung dazu: Wer, wie die Masse jenes Volkes, Christum nicht im Glauben annimmt, ist unfähig, die Gedanken Gottes zu verstehen. Für solche besteht keine andere Möglichkeit, sich zu Gott zu bekehren und von Ihm Vergebung zu erlangen. Wer jedoch Christum durch Glauben besitzt, hat in Ihm den Schlüssel zum Verständnis Seiner Gleichnisse und des ganzen Wortes Gottes überhaupt.

Es sei daran erinnert, dass bei der Auslegung der Heiligen Schrift - also auch der Gleichnisse - menschliche Phantasie unnütz und irreführend ist. Der Heilige Geist will den Gläubigen dadurch zum Verständnis leiten, dass Er ihn auf den Zusammenhang des einzelnen Abschnittes mit anderen Stellen und Wahrheiten der Schrift aufmerksam macht. Oft will ein Gleichnis nur eine bestimmte Wahrheit in den Vordergrund stellen; die Auslegung aller Einzelheiten würde da zu Fehlschlüssen führen.

Gleichnisse sind Bilder aus dem Leben oder aus der Natur, die in die Rede eingeflochten werden, um den Bedeutungsgehalt eines Gedankens durch seine Vergleichung mit etwas Anschaulichem hervorzuheben. Die Gleichnisse des Herrn finden sich nicht nur da, wo sie ausdrücklich als solche bezeichnet sind, sondern auch in vielen anderen Seiner Redebilder und Erzählungen. Ob sie sich auf tatsächliche oder angenommene Begebenheiten stützen, ändert nichts an ihrem Wahrheitsgehalt. Es sind ja Bilder. Ihre Eindruckskraft wird dadurch weder erhöht noch vermindert.

In dieser Artikelserie sind die Gleichnisse ihrem Hauptgedanken entsprechend zusammengestellt. Dadurch soll deutlich werden, wie der Herr selbst gewisse Wahrheiten von verschiedenen Seiten her beleuchtete. Da einzelne Gleichnisse aber verschiedene Wahrheiten vor uns stellen, werden sie in mehr als einer Gruppe Erwähnung finden.

a) Gleichnisse für Sünder

Unser Herr vollführte Seinen Dienst unter dem Volke, das sich gegenüber den «unreinen Nationen» seiner Vorrechte rühmte. Waren sie nicht Kinder Abrahams und Erben der ihm gegebenen göttlichen Verheissungen? Hatten ihre Propheten ihnen nicht die Ankunft ihres Messias und die Aufrichtung Seines Reiches in Herrlichkeit angekündigt?

Die meisten Seiner Zuhörer wollten daher nicht begreifen, dass sie ebensolche Sünder sein sollten, wie die aus den Nationen, ja, dass auf ihnen eine noch grössere Schuld lag als auf jenen: Das Volk Israel hatte das von Gott empfangene Gesetz übertreten und somit den mit Ihm eingegangenen Bund gebrochen! Und - nicht genug damit - Christus, und somit das Reich Gottes, war in Gnade zu ihnen gekommen, und sie verwarfen und schmähten Ihn!

Die einzelnen vom Volke, die Jesum Christum im Glauben aufnahmen und Ihm nachfolgten, mussten Schmach und Leiden gewärtigen. Wer sich auf die Seite des Verworfenen stellte, wurde auch verworfen. Eine Reihe von Gleichnissen Jesu zeigen nun, wie Er bemüht war, zum Herzen «der verlorenen Schafe des Hauses Israel» zu reden. Die Ewigkeit wird offenbaren, wie aber auch unzählige Tausende von Sündern aus den Nationen durch die Gleichnisse das Heil in Ihm gefunden haben.

1. «Was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu ererben?» - «Wer ist mein Nächster?»

Auf diese beiden Fragen antwortete unser Herr Jesus mit dem Gleichnis des «barmherzigen Samariters»; das wir in Lukas 10,25-37 finden.

Der Fragesteller war ein Gesetzgelehrter. Er fragte nicht aus innerem Bedürfnis. Wie andere seiner Genossen «versuchte» er, den Lehrer blosszustellen. Sie hofften immer, Er werde um der Gnade willen gegen das Gesetz reden. Dann hätte das Synedrium einen Anklagegrund gehabt, um Ihn zu verurteilen. Er sagte:

«Was muss ich getan haben, um ewiges Leben zu ererben?»

Aber der Herr stellte die Gegenfrage: «Was steht in dem Gesetz geschrieben? Wie liesest Du?»

Ohne sich lange besinnen zu müssen, vermochte der Gesetzgelehrte das Wesen des Gesetzes in die zwei wichtigsten Forderungen zusammenzufassen: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen... und deinen Nächsten wie dich selbst.» (Vergl. 5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18.)

«Er sprach aber zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu dies, und du wirst leben.»

Der Mann hatte Jesum versuchen wollen, aber nun kehrte sich der Spiess gegen ihn selbst. Die Worte des Allwissenden, vor Dem er stand, stellten ihn auf die Probe. Hatte er den hohen Forderungen des Gesetzes gegenüber Gott und gegenüber dem Nächsten wirklich entsprochen? Sein Gewissen sagte nein. Er wollte es aber nicht bekennen. Er versteckte sich lieber hinter die ausweichende Frage: «Und wer ist mein Nächster?», die für einen gesetzlichen Geist nicht leicht zu beantworten war.

Der Schriftgelehrte hatte bis dahin im Buch des Gesetzes gelesen. Nun aber öffnete ihm der Herr das Buch der Gnade und zeigte ihm, was sie für ihren Gegenstand tut, ohne zu fragen, ob dieser ein Recht auf Hilfe habe. Die Gnade allein kann den Menschen, auch den elendesten, ewiges Leben geben.

In diesem «gewissen Menschen», der unter die Räuber fiel, ist das ganze Menschengeschlecht, also auch der Gesetzgelehrte dargestellt. Als Gott den Menschen schuf, hatte Er ihn mit reichen Segnungen ausgestattet und umgeben. Aber der Mensch hat auf die Stimme Satans gehört und ist in Sünde gefallen. Er kehrte Gott den Rücken, hat «Jerusalem», den Ort der Segnung, verlassen, um nach «Jericho», dem Ort des Fluches, hinabzugehen (vergl. Jos. 6,26; 1.Kön. 16,34). Auf diesem Wege wurden ihm seine Beziehungen der Unschuld mit Gott, die sein Glück und seine Freude ausmachten, geraubt. Nun ist er im tiefen Elend der Sünde und fürchtet sich vor Gott, dem Richter. Er ist «tot in Vergehungen und Sünden», ausserstande, durch eigenes Wirken Leben zu erlangen.

Priester und Levit gingen vorüber. Sie waren Vertreter des Gesetzes, das Gott Seinem Volke Israel gegeben hatte.

Was konnte ihm der Priester nützen? Wir lesen in Hebräer 10,1-3: Das Gesetz kann «nimmer mit denselben Schlachtopfern, welche sie (die Priester) alljährlich ununterbrochen darbringen, die Hinzunahenden vollkommen machen. Denn würde sonst nicht ihre Darbringung aufgehört haben, weil die den Gottesdienst Übenden, einmal gereinigt, kein Gewissen mehr von Sünden gehabt hätten? Aber in jenen Opfern ist alljährlich ein Erinnern an die Sünden». Der Priester vermochte also dem gefallenen Sünder nicht zu helfen. Er konnte dessen Gewissen vor Gott nicht reinigen.

Und der Levit? Sein Dienst wird wie folgt umschrieben: «Sie werden Jakob lehren deine Rechte und Israel dein Gesetz.» Doch, was konnte das Gesetz einem Gefallenen nützen, der sich nicht selber aufzurichten vermochte? Waren dessen Forderungen und Gebote für den, der unfähig war, etwas zu tun, eine Hilfe? Nein, Gesetzgelehrter, das ist nicht der Weg, auf dem der Sünder ewiges Leben «ererben» kann. Im Gegenteil, «das Gesetz kam daneben ein, auf dass die Übertretung überströmend würde». Es machte den Sünder zum Übertreter.

Doch da kam «ein gewisser Samariter» seines Weges gezogen. Dieser nun brachte alles mit, was dem Unglücklichen helfen konnte, und «als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt». Weil der Elende keinen Schritt tun konnte, kam Er «zu ihm hin» und «trat hinzu». Er «verband seine Wunden» und «goss Öl und Wein darauf», was sie heut und reinigt. Dann setzte Er durch Seine Kraft den also Wiederbelebten auf sein eigenes Tier, führte ihn in eine Herberge und übergab ihn dort dem Wirt, der bis zum Wiederkommen des Samariters für ihn Sorge tragen sollte. Beachte, der Gefallene hatte nichts zu tun, der Samariter tat alles für ihn.

Gott sei gepriesen! Das Gesetz war nicht Sein letztes Wort an den gefallenen, sündigen Menschen. «Am Ende dieser Tage» hat Er in Seinem Sohne in Gnade und Erbarmen zu uns geredet. Er sandte Ihn zu uns als Mensch, damit Er viele Söhne zur Herrlichkeit brächte.

So ist Jesus, den die Juden verächtlich «Samariter» nannten, in freiwilligem, aber vollkommenem Gehorsam gegenüber Gott den Ihm vorgezeichneten Weg gezogen (siehe Anm. zu Lukas 10,33).

Weil wir zu Dir nicht konnten kommen,
Kamst Du zu uns von oben her.

«Innerlich bewegt» über den Zustand des Menschen, nahm Er sich in unfasslich grosser und hingebender Liebe seiner an. Durch Sein Werk am Kreuze, durch Seinen Tod und Seine Auferstehung tat Er alles für ihn, was ihn heilen, erlösen und befreien, ja sogar rechtfertigen und verherrlichen konnte.

Jeder Sünder nun, der an den Sohn glaubt, wird wiedergeboren und empfängt ewiges Leben. Er zählt nun zu den Kindern Gottes, denen Er den Geist Seines Sohnes ins Herz gibt, der da ruft: «Abba, Vater!» Der Heilige Geist - im Worte überall unter dem Bilde des Öles dargestellt - ruft also im Herzen des Erlösten das Bewusstsein seiner Sohnesbeziehung zu Gott, als seinem Vater, hervor. Das ist tiefe, verherrlichte Freude - der Samariter goss Wein in die Wunden. Damit ist die Wunde der durch die Sünde unterbrochenen Beziehungen zu Gott geheilt. Sie sind jetzt unauflöslich und viel inniger, als es bei Adam in seinem Zustand der Unschuld je der Fall war.

Der Heilige Geist ist auch der Wirt, dem unser Herr Jesus bei Seinem Weggehen Seine Erretteten übergeben hat. Er nimmt sich jetzt als der Sachwalter oder Fürsprecher und Tröster ihrer an. Er ist die Kraft ihres neuen Lebens und Wandels, Er ist es, der sie pflegt und leitet und sich für sie verwendet, bis ihr Erretter wiederkommt. Doch sei daran erinnert, dass auch Christus in der Herrlichkeit sich als Hoherpriester und Sachwalter zur Rechten Gottes für die Seinen verwendet. Ja, Gott selber ist «für uns»; Er ist besorgt für uns (Röm. 8,31; 1.Petr. 5,7). Was kann uns da noch fehlen?

Ist die Herberge, zu welcher der Herr die Seinen jetzt führt, nicht überall da, wo nach Seinem Worte zwei oder drei zu Seinem Namen hin versammelt sind? Da will der Geist die Ihm Anvertrauten nähren, auferbauen und für ihr geistliches Wohl Sorge tragen.

Das also war die wunderbare Antwort Jesu auf die Fragen des Gesetzgelehrten: Auf dem Boden des Gesetzes ist es dir unmöglich, ewiges Leben zu erwerben. Du hast keine Kraft, Gott von Herzen zu lieben und den Nächsten wie dich selbst. Du hast zuvor Gnade nötig, die in Mir erschienen ist. Ich selber muss zuerst dein Nächster sein, dich aus deinem Zustand erretten und dir Leben geben. Erst, wenn die Liebe Gottes dein Herz erfüllt, wirst du Ihn wieder lieben können. Erst dann wirst du in jedem Menschen deinen Nächsten sehen und von Gottes Liebe und Gnade gedrängt werden, Ihm zu dienen und zu helfen.

Jedem Erretteten ruft der Herr zu: «Gehe hin und tue du desgleichen!»

2. Freuet euch mit mir, denn ich habe ... gefunden, was verloren war

Das ist die Überschrift, die wir über die drei Gleichnisse in Lukas 15 setzen möchten.

Dieses Kapitel zeigt uns die tiefe Kluft zwischen der Gesinnung des selbstgerechten Menschenherzens und der Gesinnung Gottes gegenüber den Verlornen.

In Seiner unfasslichen Liebe sucht Gott die Verlornen zu erretten. Kein Opfer und keine Mühe sind Ihm dabei zu gross. Der Selbstgerechte aber rührt keinen Finger zur Rettung derer, die für ihn «Sünder» sind. Dass diese die Folgen ihrer Wege tragen müssen, findet er in seiner kalten Selbstsucht ganz am Platz.

Gottes Herz freut sich über jeden Sünder, der von dem «überschwenglichen Reichtum Seiner Gnade» Gebrauch macht. Der Selbstgerechte aber murrt darüber. Er verwirft die Gnade für sich selbst und will auf dem Wege der Gesetzesgerechtigkeit und der Verdienste zu Gott emporsteigen. Dass verachtete Sünder auf einem anderen Wege zu Gott kommen und von Ihm angenommen werden sollen, tut seiner eingebildeten Ehre Abbruch.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten nehmen wahr, dass «der Lehrer von Gott gekommen» Sünder aufnimmt, mit ihnen isst und so Gemeinschaft mit ihnen pflegt. Das erfüllt sie mit Eifersucht. Sie sind typische Vertreter der Selbstgerechten. Wie die meisten der Juden wollten sie in ihrer Blindheit nicht einsehen, dass sie durch Gesetzeswerke nicht gerechtfertigt werden konnten, sondern dass das Gesetz sie verdammte. Sie wollten nicht erkennen, dass Gott jetzt in Christo das Zeitalter der Gnade einführte. Sie machten für sich selbst den Ratschluss Gottes ungültig, indem sie sich weigerten, durch Busse auf den Boden der Gnade zu treten.

Ihr Einwurf: «Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen!» veranlasste aber den Herrn Jesus, durch drei Gleichnisse den unausforschlichen Reichtum der Liebe und Gnade, der aus dem Herzen des dreieinigen Gottes zu den Verlornen hin strömt, zu entfalten und ihn der traurigen Gesinnung der Pharisäer entgegenzustellen.

Gemeinsame Züge der drei Gleichnisse

In allen drei Gleichnissen wird von einem Besitz, der «teilweise» verloren ging, gesprochen. Der Hirte hatte hundert Schafe. Das Weib besass zehn Drachmen. Der Vater hatte zwei Söhne. Aber ein Schaf, eine Drachme, ein Sohn waren verloren.

Sind die Verlorenen im Menschengeschlecht denn eine kleine Minderheit?

Die Menschen alle sind Gottes Geschöpfe, die Er sich erschaffen hat. Sie gehören Ihm, so wie ein Töpfer, der aus seinem Material Gefässe formt, über sie verfügen kann.

Aber schon die ersten Menschen haben auf die Stimme Satans gehört. Dadurch wurden sie seine Knechte und Sünder und haben auf diese Weise alle ihre Nachkommen in diese Stellung des Abfalls von Gott gebracht: «Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod, und also ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben.» - «Alle sind unter der Sünde.» - «Da ist keiner, der Gott suche. Alle sind abgewichen.» - «Alle haben gesündigt und erreichen, nicht die Herrlichkeit Gottes.»

Somit sind alle Menschen für Gott verloren gegangen. Er hat keinen Nutzen an ihnen. Sie dienen nicht Ihm, sondern Satan. Sie leben nicht Ihm, sondern der Sünde, indem sie den Willen des Fleisches und der Gedanken tun. Sie sind tot für ihn. Was der Prophet vom Hause Israel sagte, lässt sich auf das ganze Menschengeschlecht anwenden: «Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns ein jeder auf seinen Weg.»

Wen meinte denn der Herr mit den neunundneunzig Schafen, die in der Hürde blieben, d.h. mit den «Gerechten, die der Busse nicht bedürfen», mit den neun Drachmen, mit dem Sohne, der beim Vater blieb?

Das ist die grosse Gruppe derer - sowohl unter jenen Juden als auch unter den Menschen überhaupt -, die in ihren eigenen Augen gerecht sind. Sie sehen nicht ein, dass sie Busse tun sollten. Sie begehren keine Gnade, sondern wollen sich die Gunst Gottes verdienen.

In allen drei Gleichnissen wird sodann anschaulich dargestellt, wie Gott sich über einen Sünder freut, der Busse tut. Seine Freude ist so gross, dass sie von Ihm her auf alle übergreift, die bei Ihm wohnen. Es ist Freude «im Himmel», «vor den Engeln», eine Freude, die angefangen hat, aber nie aufhören wird. Vor dieser Freude sollte jeder Erlöste immer wieder stillestehen. Gerade wegen ihm ist eine solche Freude im Herzen Gottes und im Himmel! Kann Er noch deutlicher zeigen, mit welcher Liebe Er mich aufgenommen hat?

Aber noch aus einem anderen Grunde sollten wir hier verweilen. Wenn Gott sich dermassen über einen einzigen Sünder freut, der Busse tut - in jedem der drei Fälle wird die Busse hervorgehoben -, so spornt dies einen jeden von uns mächtig an, mit ganzem Einsatz dem einzelnen Sünder nachzugehen, bis er ihn zu Jesus bringen kann.

Unterschiede in den drei Gleichnissen

Die Gnade Gottes wirkt gegenüber dem Sünder auf zweierlei Weise: Die ersten beiden Gleichnisse zeigen, wie ihn die Liebe Gottes sucht, das dritte aber, wie sie ihn aufnimmt.

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf. - Der «Hirte» stellt fest, dass das Schaf verloren ist. In seinem Interesse für das Verlorene kommt er dahin, wo es ist. Er geht ihm nach, bis er es findet. Und wenn er es gefunden hat, legt er es auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Das Schaf ging in die Irre; zu seiner Rettung aber tut es gar nichts.

Welch schönes Bild vom Herrn Jesus und den Verlornen! Er, der Sohn Gottes, sah uns im Elend der Sünde, in der Gottesferne. Um unsertwillen kam Er herab, um als der Sohn des Menschen «zu suchen und zu erretten, was verloren ist». In Seiner unendlichen Liebe hat Er alles getan, was zu unserer Errettung erforderlich war. Der Friede und die Sicherheit des Geretteten bestehen darin, dass er auf dem Werke des Heilandes ruht und sich in keiner Weise auf eigenes Tun oder Fühlen stützt. Zum Rettungswerk des guten Hirten gehört auch, dass Er uns auf Seinen starken Schultern ins Vaterhaus heimträgt.

Das Gleichnis von der verlorenen Drachme. - Auch das «Weib» entfaltet eine emsige Tätigkeit. Das Geldstück kann sich nicht rühren; sie aber ist es, die eine Lampe nimmt und in die Finsternis hineinleuchtet, in die die Drachme gefallen ist. Das Weib kehrt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet. Dieses Gleichnis zeigt uns mehr die gegenwärtige, intensive Wirksamkeit des Geistes Gottes in dieser Welt, um die Verlornen zu suchen und zu überführen. Von den vielen Stellen, die Seine Tätigkeit zur Rettung von Sündern hervorheben, seien nur einige angeführt:

Durch Seinen Geist leuchtet Gott in das Herz der Menschen zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi. Dies ist der «Dienst des Geistes». Er redet durch das Wort zu den Verlornen. Zu dessen Verkündigung benützt Er die Gläubigen. Die Apostel, wie aber auch alle wahren, von Gott abhängigen Evangelisten und Zeugen des Evangeliums sind «Diener des Geistes». Sie dienen in der Kraft des Geistes Gottes.

Der Geist ist es, der den für Gott toten Menschen lebendig macht, indem Er das Wort Gottes auf dessen Herz und Gewissen anwendet. Der Sünder kann dadurch zur Erkenntnis seiner Schuld, zur Busse und zum Glauben gelangen. Durch «Wasser und Geist» wird er von neuem geboren. Er, der bis dahin unverständig und ungehorsam war, mancherlei Lüsten und Vergnügungen diente, erlebt durch den Geist die Waschung der Wiedergeburt und eine völlige Erneuerung.

Die vielfältige Wirksamkeit des Heiligen Geistes zur Rettung der Verlornen ist also von ungeheurer Bedeutung.

Im Gleichnis vom verlornen Sohn werden uns zunächst die Triebe gezeigt, die den Menschen immer

weiter in den Dienst der Sünde hineintreiben, dann aber auch seine Reaktion auf das Werk der Gnade in ihm.

Das Leben des jungen Mannes beginnt im Hause seines gütigen Vaters, wo Überfluss herrscht. Aber er ist blind für alle Vorrechte, die er hier geniessen könnte. Er steht dem Vater fremd gegenüber. Die in ihm wohnende Lust zieht ihn in die Welt hinaus, wo er der Sünde ungehemmt dienen kann. - Der Mensch ist von Anfang an verloren und in einem Zustand der Gottentfremdung. Vor den Menschen wird dies aber meist erst offenbar, wenn sich die in ihm schlummernden Kräfte des Bösen entfalten.

Sein Bruder war nicht besser als er, wenn dessen gesetzlicher Geist ihn auch äusserlich im Hause des Vaters festhielt.

Im fernen Lande vergeudete der jüngere Sohn sein Vermögen, indem er ausschweifend lebte und die Habe vom Vater mit Huren verschlang - ein Bild dafür, wie der sich selbst überlassene Mensch, der seine Lust auslebt, die Gaben, womit der Schöpfer ihn ausgestattet hat, im Sündendienst verzehrt. Er wird zu einem elenden Wrack. Seine letzte Station ist der Kot, worin die Schweine sich wälzen.

Bringen die zunehmende Not und das wachsende Elend - Begleiterscheinungen des Sündenlebens - den jungen Mann denn nicht zur Einsicht und Umkehr? Nein, von sich aus wird der Mensch diesen Weg nie einschlagen. Er hängt sich vielmehr an die Bürger jenes fernen Landes. Aber «niemand gab ihm». Erbarmen und Liebe sind nur im Herzen seines Vaters zu finden.

Nun aber setzt in seinem Herzen das Werk der Gnade ein.

Der Sohn «kam zu sich selbst». Endlich gehen ihm die Augen über seinen eigenen Zustand auf. Jetzt er kennt er seine Lage: «Ich komme hier um vor Hunger.» Er weiss nun: «Ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dem Vater», und: «Ich bin nicht mehr würdig, sein Sohn zu heissen.»

Auch den Vater sieht er jetzt in einem anderen Licht. Er sagt sich: Seine reiche Güte gibt selbst den Tagelöhnern Überfluss an Brot; sie macht aus seinem Hause einen Ort, wo jeder glücklich sein kann.

Das Werk des Geistes Gottes führt im Herzen des Sünders also zwei Dinge herbei: Er bringt das Gewissen in Tätigkeit und zieht das Herz zu Gott. Er offenbart Ihn der Seele als Den, welcher Licht und Liebe ist.

Diese Einsicht im Herzen des Sohnes ist so lebendig und echt, dass er sich aufmacht und zu seinem Vater geht. Solange er ihm aber noch nicht wirklich begegnet ist, kann er nicht wissen, wie gross die Gnade des Vaters ist und was er für ihn bereithält. Er hofft nur, wenigstens als Tagelöhner aufgenommen zu werden. - Aber was sagt die Schrift von Gott? «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.»

In der Tat, der Vater begegnet dem Sohn nach der Liebe, die er in seinem Herzen für ihn hat. Er hält ihm nicht sein Leben der Ausschweifung vor. Er fragt nicht nach Verdienst und Würdigkeit. Was er von ihm erwartet, ist nur ein aufrichtiges Schuldbekenntnis.

«Als er noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn sehr.»

Wie weiss doch unser Herr Jesus dem überschwenglichen Reichtum der Gnade und Liebe, der im Herzen Seines Gottes und Vaters gegenüber Sündern ist, die durch ihr Tun Sein gerechtes Gericht herausgefordert hatten, durch diesen kurzen Satz so vollkommenen Ausdruck zu geben! Wahrlich, der Sohn Gottes ist gekommen, um uns das Wesen und das Herz Gottes in Seiner ganzen Fülle zu offenbaren. Und nun sind wir ehemalige Sünder auf dem Wege der Busse und durch Glauben in den ungeahnten Reichtum der Segnungen eingetreten, die Gott, der Vater, nach Epheser 1 und anderen Stellen, in Christo Jesu für uns bereitet hat.

Schon darin, dass Er uns als Tagelöhner, als Knechte in Frieden aufgenommen hätte, wäre unverdiente Gnade gewesen. Aber in Seinem eigenen Herzen hat Er uns «zuvorbestimmt zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade». Nur ewige Anbetung kann die Antwort auf eine solche Liebe sein.

Wenn nun der Vater im Gleichnis den Heimgekehrten mit dem zärtlichsten Ausdruck der Liebe als Sohn aufgenommen hat, so will er ihn aber nicht in dessen Lumpen in sein Haus einführen, das in allem seinem Besitzer entspricht. Auf sein Geheiss wird ihm das beste Kleid angezogen, ein Ring an seinen Finger getan und Sandalen an seine Füsse gebunden. Es soll sichtbar bleiben, dass er der echte Sohn eines solchen Vaters ist.

Unser Gott und Vater konnte uns weder in den schmutzigen Lumpen der Sünde noch im Flickwerk eigener Gerechtigkeit in Sein Haus einführen. Nur das beste, völlig neue Kleid, das Er selber uns gibt, kann Seiner Gerechtigkeit entsprechen. Es ist Christus selbst; in Ihm sind wir Gottes Gerechtigkeit geworden. Es ist das beste Kleid des Himmels, in welchem wir auf ewig bei dem Vater wohnen werden. In Christo besitzen wir auch alles, was wir zu einem Gott wohlgefälligen Wandel bedürfen.

Nun ist alles göttlich geordnet. Wie der Sohn im Gleichnis, dürfen auch wir jetzt am Tisch des Vaters sitzen und ungehindert und für immer Gemeinschaft mit Ihm haben. Die Freude des Vaters erfüllt Sein Haus auf immerdar und wir haben unser uneingeschränktes Teil daran. «Und sie fingen an fröhlich zu sein!»

Das Evangelium der Gnade Gottes, das aus Zöllnern und Sündern glückselige Kinder Gottes macht, war auch für die Juden da: Der Vater ging hinaus und drang in den älteren Sohn, doch auch einzutreten und sich mitzufreuen. Aber die Selbstgerechtigkeit des Menschen, die nichts als Selbstsucht und Sünde ist, stösst die Gnade von sich. Er bleibt lieber draussen und stellt sich in Gegensatz zu Gott, Dem er doch zu dienen vorgibt!

3. Wie können Sünder in das Reich der Himmel eingehen?

In einer Reihe von Gleichnissen macht der Herr deutlich, wie der Sünder das Evangelium des Heils aufnehmen soll und welche Hindernisse dabei überwunden werden müssen.

Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner gab unser Herr Jesus den Menschen unter dem Volke, «die auf sich selbst vertrauten, dass sie gerecht seien, und die übrigen für nichts achteten», eine deutliche Lehre. Sie glichen diesem hochmütigen, von sich selbst eingenommenen Pharisäer.

Bei den Menschen hatte dieser zwar punkto Frömmigkeit die beste Note. Wie treu war er doch im Besuch des Gottesdienstes im Tempel! Zweimal fastete er in der Woche, was im Gesetz ja nicht einmal gefordert wurde! Auch in Sachen Zehnten nahm er es ganz genau; von seinem ganzen Erwerb brachte er den vollen Teil ins Vorratshaus. Und wie konnte dieser Mann beten! Wenn man ihm so zuhörte, meinte man wirklich, er sei Gott in der Gerechtigkeit ebenbürtig.

Aber was hielt Gott von ihm? Das ist doch die wichtigste Frage.

Nun, da stand es gar nicht zum besten. Alle diese frommen Werke, mit denen er sich vor den Menschen und vor sich selbst tarnte, vermochten ihn vor Gott nicht zu bekleiden. Vor Ihm stand er in unverhüllter, sündiger Blösse da. Solange der Mensch sich weigert, seine Sündhaftigkeit und Schuld in Aufrichtigkeit vor Gott anzuerkennen, ist all sein religiöses Getue zudem nur widerliche Heuchelei. (Vergleiche die ausführliche Auseinandersetzung des Herrn mit den Pharisäern in Matthäus 23.)

Auch der Zöllner, der gleichzeitig mit dem Pharisäer in den Tempel getreten war, zählte zu den Sündern, ja sogar zu den grössten unter ihnen. Aber er hat es weder vor den Menschen noch vor Gott verheimlicht. Sein Zustand bedrückte ihn und drängte ihn, die Gnade Gottes zu suchen. Sein ganzes Verhalten zeigte, dass er seine Schuld im Lichte Gottes erkannt hatte: Er stand von ferne und wollte sogar nicht die Augen aufheben gen Himmel. Er schlug an seine Brust und betete kurz und echt: «O Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig!»

Wer sich so vor Gott auf den ihm zustehenden Platz erniedrigt und sich nach Seiner Gnade ausstreckt, den kann Er rechtfertigen. Er wird ihn bekleiden mit Kleidern des Heils und ihn mit dem  Mantel der Gerechtigkeit umhüllen. Christus selbst wird ihm «zur Gerechtigkeit» werden.

So schliesst der Herr dieses Gleichnis mit den Worten: «Dieser (Zöllner) ging gerechtfertigt hinab in sein Haus vor jenem; denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden; wer aber sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.»

Umkehren und wie ein Kindlein werden. - Einmal traten die Jünger zu Jesu und fragten Ihn: «Wer ist denn der Grösste im Reiche der Himmel?

Der Begriff «Reich» war für sie mit irdischer Grösse und Herrlichkeit verbunden. Aber diesen Charakter wird es erst in der Zukunft haben. Solange der Messias Israels vom Volke verworfen ist, müssen auch Seine Jünger die Verwerfung mit Ihm teilen.

Auch waren sie nicht frei vom jüdischen Gedanken, dass es - um diesem Reiche anzugehören - genüge, ein Kind Abrahams zu sein, dem die Verheissung gegeben worden war, dass sein Same das Land besitzen werde.

Dem Herrn Jesus lag es daran, den Jüngern eine deutliche und eindrückliche Antwort zu geben. So rief Er denn ein Kindlein, das in der Nähe war, herzu, stellte es in ihre Mitte und sagte: «Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen. Darum, wer irgend sich selbst erniedrigen wird wie dieses Kindlein, dieser ist der Grösste im Reiche der Himmel.»

Klein, scheu und demütig steht das Kindlein unter den grossen Männern da. Aber der Grösste unter ihnen nimmt es in Seine beiden Arme. Ihm kann Er Seine ganze Liebe und Gnade geben. Mit solchen kann Er sich einsmachen und ihnen die Hände auflegen, «denn solcher ist das Reich der Himmel».

Das Kindlein hier weis: Ich bin klein von Gestalt, diese aber sind gross. Ich bin schwach, diese aber sind stark. Ich weiss wenig, diese aber wissen viel. Was sie ihm sagen, nimmt es ohne Vorbehalt auf.

So wie dieses Kindlein vor den Männern, soll der Mensch vor Gott stehen und Ihn fürchten. Vor Gottes herrlicher Grösse und unendlicher ewiger Kraft, die Er schon in Seiner Schöpfung kundgetan hat, ist der Mensch doch so gering und hilflos! Und was ist alles Menschenwissen und alle Menschenweisheit gegenüber der unbegrenzten und vollkommenen Weisheit Gottes, vor Dem nichts verborgen ist!

Doch wie bald verliert der Mensch seine Kindesgesinnung! Mit der Entfaltung seiner Gaben und der Entwicklung seiner Geisteskräfte wächst auch der in seinem sündigen Herzen eingepflanzte Hochmut. Er fängt an, sich zu erheben über die Menschen und sogar - über Gott.

Gott hat sich in Christo offenbart. Durch Sein Wort will Er dem Menschen seinen sündhaften Zustand kundtun und ihm zeigen, auf welchem Wege er errettet werden kann. Verharrt er in seinem Hochmut, so ist er rettungslos verloren; er bleibt ein Sohn des Ungehorsams und ein Kind des Zornes. Kehrt er aber um, indem er sich vor Gott beugt und Sein Wort wie ein Kind voll Vertrauen annimmt, wird ihm in Christo das Heil Gottes geschenkt, und er darf zu den Glückseligen gehören, die in das Reich der Himmel eingehen.

Die Jünger alle - mit Ausnahme des Judas - waren auf diesem Wege in jenes Reich eingegangen, das sich noch nicht in Herrlichkeit offenbart, solange sein König verworfen ist. Aber ist es nun nicht merkwürdig, dass auch diesen Jüngern und uns Gläubigen allen ein Kindlein als Beispiel der Gesinnung vor die Augen gestellt werden muss? Ach, das Fleisch in uns bleibt verdorben und beschäftigt sich in einem fort mit der eigenen «Grösse». Wie sollten wir es in steter Wachsamkeit im Tode halten! Im Reiche der Welt gilt die menschliche Grösse, im Reiche der Himmel aber der Grundsatz: «Wer irgend sich selbst erniedrigen wird wie dieses Kindlein, dieser ist der Grösste im Reiche der Himmel.»

Die enge Pforte und der schmale Weg. - In der sogenannten «Bergpredigt» (Matthäus 5-7) schildert der 13-14 Herr die im Reiche der Himmel geltenden Grundsätze, wie auch den Charakter und das Teil derer, die zu diesem Reiche gehören.

Welches aber ist der Zugang zu diesem Reich? Jesus sagt: «Gehet ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die durch dieselbe eingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden.» Die grosse Masse des Volkes war ohne Busse und Sinnesänderung durch die weite Pforte eingegangen. Sie verwarfen Christum. Sie lebten ihr sündiges Leben weiter, wenn es auch nach aussen mit gewissen Gesetzeswerken übertüncht war, die ihm vor den Menschen einen schönen Schein gaben. Dieser breite Weg führte aber nicht ins Reich, sondern ins Verderben.

Daher richtete der verworfene König den dringenden Appell an sie: «Gehet ein durch die enge Pforte.» Er allein ist diese Tür. Nur wenn jemand durch Ihn eingeht, wird er errettet werden und am Reiche teilhaben.

Wer durch diese enge Pforte eingetreten ist, wird nun Ihm nachfolgen. In Ihm ist er erlöst von der Sklaverei des Gesetzes; er wandelt jetzt in der Freiheit und wahrer Glückseligkeit. Aber in anderer Beziehung ist dies ein schmaler Weg: Wer Christo nachfolgt, wandelt wie Er, der Sohn des Menschen, in Gehorsam gegenüber Gott und Seinem Worte, in völliger Absonderung von der Welt und allem Bösen. Ein anderes Mal rief der Herr dem Volke zu: Ringet danach, durch die enge Pforte einzugehen, denn viele, sage ich euch, werden einzugehen suchen und werden es nicht vermögen.»

Die Schwierigkeit, die der Jude empfinden musste, wenn er sich von der grossen Masse auf dem breiten Weg trennen und durch die enge Pforte eintreten wollte, lag nicht an der «Türe», sondern in der Verkehrtheit seines Herzens, das erfüllt war von jüdischen Vorurteilen. Das Heil Gottes in Christo ist ja den geistlich Lahmen, Blinden und Aussätzigen angepasst. Sie sollten sich allen Ernstes aufmachen, und alle Hindernisse überwinden, um noch rechtzeitig durch die enge Pforte einzutreten. Denn der «Hausherr» - Gott selbst - würde im gegebenen Augenblick diese einzige Türe ins Reich für die Widerspenstigen und Zaudernden des Volkes für immer verschliessen. Dann würden diese Menschen, die sich als Kinder Abrahams zum Reiche zählten, für immer «draussen» stehen. Weinen und Zähneknirschen wäre dann ihr ewiges Teil.

Dieses Gleichnis redet aber auch zu uns Christen aus den Nationen. Nicht die Zugehörigkeit zu irgend einer Kirche mit ihren religiösen Übungen und «guten Werken» öffnet uns den Zugang in das Reich. Das wäre die weite Pforte und der breite Weg, der ins Verderben führt. Was uns nottut, ist innere Umkehr, wahre Busse und Glauben an Jesum Christum und Sein Erlösungswerk, wodurch wir errettet und wiedergeboren werden. So nur können wir Ihm auf dem schmalen Pfade, der zur Herrlichkeit führt, nachfolgen.

Das Kamel kann nicht durch das Nadelöhr eingehen. - Ein junger, reicher Oberster war mit der Frage zu Jesus gekommen: «Lehrer, welches Gute soll ich tun, auf dass ich ewiges Leben habe?» Nach seiner Meinung hatte er sich bis dahin durch treue Beobachtung des Gesetzes ausgezeichnet. Aber wenn er den Herrn Jesus über das Reich der Himmel und über das ewige Leben reden hörte, merkte er, dass ihm dazu noch etwas Wesentliches fehlte.

Der Herr, der ihn durchschaute, nennt ihm zwei Dinge: Erstens hatte der Jüngling noch nicht erkannt, dass der Mensch nicht gut ist und daher auch nichts Gutes zu tun vermag. Nur Gnade, die sich auf das Erlösungswerk stützt, das Christus Jesus zu erfüllen im Begriff war, kann ihn retten. Diese Gnade war von Anfang an der Inhalt der Verkündigung des Herrn. Hatte der Oberste nicht gut zugehört?

Als Zweites musste ihm der Lehrer sagen: «Gehe hin, verkaufe deine Habe und gib den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach.» Der junge Mann hatte Schätze auf der Erde, und diese hinderten ihn, Jesum im Glauben aufzunehmen und Ihm nachzufolgen. Und er wollte sie nicht aufgeben. Betrübt ging er hinweg.

Nun sagte Jesus zu seinen Jüngern: «Schwerlich wird ein Reicher in das Reich der Himmel eingehen ... Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr eingehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingehe.»

Das konnten die Jünger nicht begreifen. Unter dem Gesetz war materieller Wohlstand doch gerade dem verheissen, der dem Gesetz gehorchte!

Aber im Reiche der Himmel, das Gott nun in Christo einführte, hat die Welt und das Ich keinen Platz. Wer zu diesem Reiche gehört, hat seinen Schatz im Himmel.

Wie für so viele Menschen war das Geld auch für diesen Jüngling ein goldener Schlüssel zu allen irdischen Vorteilen und Genüssen. Der Besitz diente seiner Selbstsucht, seinen sündigen Neigungen und trennte ihn somit von Gott. Wohl stand er jetzt vor der engen Pforte und begehrte Einlass, aber nur unter der Bedingung, dass er sein bisheriges Leben weiterführen konnte.

Er war noch «im Fleische», und wie hätte er da die Lüste des Fleisches überwinden können? Sie waren ja die Früchte seiner Natur! Dem Menschen ist dies ebensowenig möglich wie einem Kamel, durch ein Nadelöhr zu gehen. Selbst wenn es diesem Tier gelänge, alle seine Lasten abzulegen, so vermöchte es den Eingang doch nicht zu erzwingen, weil es als Kamel dafür unpassend ist.

Auf die erstaunte Frage der Jünger: «Wer kann dann errettet werden?», gab Jesus zur Antwort: «Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.» Ihm sei Lob und Dank! Durch den Glauben an Christum wird der Mensch zum Teilhaber der göttlichen Natur, der dem Verderben entflohen ist. Die Jünger selbst waren solche Errettete, die «eingegangen waren». Sie hatten alles verlassen und waren Christo nachgefolgt.

Diese verschiedenen Gleichnisse weisen also auf die grossen Hindernisse hin, die den Menschen abhalten wollen, errettet zu werden und ins Reich der Himmel einzutreten: Selbstgerechtigkeit und Selbstvertrauen, das Streben nach menschlicher Grösse, Bindung an ein religiöses System sowie irdischer Besitz.

Die in Christo Jesu erschienene Gnade aber ist das Mittel, um von diesen Hindernissen und Bindungen befreit zu werden. Angezogen und erfüllt von der Grösse Seiner Person, vermag der Erlöste Ihm nachzufolgen und mit allem, was er besitzt, Ihm zu dienen.

4. Der Sünder vor der Ewigkeit

In einigen Gleichnissen machte der Herr den Sünder darauf aufmerksam, dass sein jetziges Verhalten, das sich auf eigene Weisheit und Frömmigkeit stützt und auf das Irdische gerichtet ist, katastrophale Folgen hat.

Das Haus auf dem Sand. - Als Abschluss der Belehrungen Christi über das Reich der Himmel, die in den Kapiteln 5-7 des Matthäus-Evangeliums zusammengefasst sind, erzählte der Herr Jesus ein Gleichnis und sagte: «Jeder nun, der irgend diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich einem klugen Manne vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute.»

Unser Leben ist wie ein Haus, das jeder für sich persönlich bauen muss. Jeder wird selber die zeitlichen und ewigen Folgen seines Bauens ernten. Wie wichtig ist es da, nach dem richtigen Bauplan auf die einzig sichere Grundlage zu bauen, die ewiglich standhält.

Wo ist dieser Plan und dieses Fundament zu finden? In Jesu Christo, dem Sohne Gottes, welcher herabgekommen ist, um durch Sein Erlösungswerk Sein irdisches Volk - und die Verlorenen überhaupt - «zu erretten von ihren Sünden».

Mit denen, die Busse tun und ihre Sünden bekennen, macht Er sich eins. Für sie, die Sein Wort hören und Ihn im Glauben annehmen, ist Er das Heil Gottes und der Eingang in das Reich der Himmel. Wer auf diesem unerschütterlichen Felsen steht, den Gott selber gegründet hat, wird sich nun dadurch kennzeichnen, dass er in seinem praktischen Leben «hört und tut». was Er sagt.

Wer so handelt, ist ein «kluger Mann», denn er trägt Vorsorge für das, was kommen wird: «Und der Platzregen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stürmten wider jenes Haus; und es fiel nicht, denn es war auf den Felsen gegründet.» - «Platzregen», «Ströme» und «Winde» sind Bilder von den kommenden Gerichten Gottes.

Wer auf Christum und Sein Wort gegründet ist, kann selbst in Zeiten grösster Trübsal, in die er besonders wegen seiner Nachfolge Christi kommen mag, im Glauben und im Vertrauen auf Ihn standhalten. Die Hoffnung auf die ihm in den Himmeln verheissene Glückseligkeit hält ihn darin aufrecht.

Selbst in den Tagen der Drangsal, die dem irdischen Volk angekündigt sind, wird der gläubige Überrest ausharren und errettet werden, weil er auf dem «Felsen» steht.

Jene schrecklichen Gerichte werden aber auch über die Nationen und die Namenchristen hereinbrechen, die die Worte Jesu, das Evangelium wohl gehört, aber nicht befolgt haben: «Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, der wird einem törichten Manne verglichen werden, der sein Haus auf den Sand baute; und der Platzregen fiel hernieder, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stiessen an jenes Haus; und es fiel, und sein Fall war gross.»

Wer ein Wohnhaus baut, ohne sich um die Grundlage und die kommenden Stürme zu kümmern, ist töricht. Wie viel grösser und verhängnisvoller aber ist die Torheit dessen, der sein Lebenshaus statt auf Gottes Wort auf die eigenen Gedanken und auf die eigene vermeintliche Weisheit baut, ohne an die angekündigten Gerichte zu denken! Wer nicht durch Glauben auf dem Felsen Jesu Christi steht, wird unweigerlich ins Gericht kommen und in Ewigkeit die Folgen seiner Torheit und seines Ungehorsams zu tragen haben. Ja, wie gross und unabänderlich wird sein Fall sein!

Der reiche Bauer und seine Scheunen. Einer aus der Volksmenge wollte den Lehrer in einem Erbstreit mit seinem Bruder zum Anwalt machen. Der Herr aber sagte zu der Volksmenge: «Sehet zu und hütet euch vor aller Habsucht, denn nicht weil jemand Überfluss hat, besteht sein Leben von seiner Habe.» Damit ihnen diese Warnung eindrücklich würde, erzählte Er ihnen das Gleichnis von einem reichen Menschen, der Land besass. Dieses trug so viel ein, dass er den Plan fasste, grössere Scheunen zu bauen, um all sein Gewächs und seine Güter darin aufzustapeln und nach Bedarf für sich selbst verwenden zu können. Und dann sagte er zu seiner Seele: «Seele, du hast viele Güter daliegen auf viele Jahre; ruhe aus, iss, trink, sei fröhlich.»

Seine vielen Güter waren sein ein und alles: Sein Ruhekissen für die Zukunft, seine Quelle des Genusses und der Freude.

«Gott aber sprach zu ihm: Du Tor! in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern; was du aber gesammelt hast, für wen wird es sein?» Und der Herr Jesus fügte bei: «Also ist der für sich Schätze sammelt und ist nicht reich in Bezug auf Gott.»

Wie tragisch! So nahe vor dem Tor der Ewigkeit, beschäftigte sich dieser Mann immer noch nicht mit der Frage: Wie kann ich Gott begegnen? Alle seine Gedanken kreisten nur um seinen Besitz, den er jetzt zurücklassen musste und der ihm im Hades von keinerlei Nutzen war! Wie arm war er nun!

Nur durch den Glauben an das Heil, das Gott in Christo anbietet, kann der Mensch «reich in Bezug auf Gott» werden. Statt auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen, ist dann seine Hoffnung auf Gott, und er wird den ihm anvertrauten Reichtum für Gott verwalten und sich bemühen: «Gutes zu tun, reich zu sein in guten Werken, freigebig zu sein, mitteilsam» und sich so «eine gute Grundlage auf die Zukunft sammeln».

Fröhlich und in Prunk leben - und am Ort der Qual seine Augen aufschlagen. - Der Anfang dieses Gleichnisses ist dem vorangegangenen ähnlich. Auch dieser Reiche lebte in selbstsüchtiger Weise nur für sich selbst. «Er kleidete sich in Purpur und feine Leinwand und lebte alle Tage fröhlich und in Prunk. Er hatte keine Verbindung mit Gott, der für die Armen besorgt ist, und erkannte Ihn nicht. Sonst hätte er den kranken Lazarus in seinem Torweg nicht hungern und ohne Pflege dahinsiechen lassen. Auch er lebte nur dem zeitlichen Genuss und Vergnügen und wies den Gedanken, einmal vor den heiligen Gott treten zu müssen, immer wieder von sich. Aber es kam ein Tag für den Armen und ein Tag für den Reichen, der ihr Los völlig veränderte. Lazarus starb, und seine Seele wurde von den Engeln in den Schoss Abrahams, d.h. ins Paradies getragen, wo die Seelen der entschlafenen Gläubigen sind, die der leiblichen Auferstehung entgegenharren. Nicht seine Armut war es, die Lazarus in der jenseitigen Welt diesen herrlichen und gesegneten Platz gab, sondern einzig sein Glaube an die Verheissungen Gottes in Seinem Worte. Ohne Glauben ist es ja unmöglich, Gott wohlzugefallen. Befreit von seinem kranken und schwachen Leibe, wurde er jetzt wunderbar getröstet.

«Es starb aber auch der Reiche.» - Bei seinem Tode traten nicht die Engel, sondern die Menschen in Tätigkeit: «er wurde begraben». Wie es unter den Reichen damals üblich war, werden sie seinen Leib mit teuren Spezereien einbalsamiert und in einer in Felsen gehauenen Gruft prunkvoll bestattet haben. Aber was geschah inzwischen mit ihm selbst, mit seiner Seele? «Und in dem Hades seine Augen aufschlagend, als er in Qualen war» ...

Unvermittelt, von einem Augenblick zum andern, wurde er aus diesem Leben, in welchem er «sein Gutes völlig empfangen hatte», an den «Ort der Qual» versetzt. Er befand sich nun nicht in einem «Seelenschlaf», wie uns eine Irrlehre glauben machen will, sondern in einem Zustande, wo er tief empfinden, sehen und überlegen konnte.

Worin bestand denn die Qual seiner Seele? - In der Erkenntnis: Ich bin in meinen Sünden gestorben. Sie sind beständig vor mir. Sie klagen mich an und werden mich auf ewig von Gott trennen. Ich hatte die Möglichkeit, durch Umkehr und Glauben errettet zu werden und ins Reich der Himmel einzugehen. Aber ich habe nicht gewollt. Ich hörte nicht auf Gottes Stimme und stiess Seine Gnade von mir. Ich wollte das Leben auf der Erde in vollen Zügen geniessen und mich nicht durch irgendwelche Gedanken an das Kommende darin stören lassen. Nun bin ich für immer in der Finsternis.

Ob er jetzt wohl auch wusste, dass es für ihn eine leibliche Auferstehung geben wird, nicht zur Befreiung, sondern zum Gericht? Wusste er, dass er dann in den Feuersee geworfen wird, der dem Satan und seinen Engeln bereitet ist und dies dann sein ewiges Teil sein wird? Wie hätte dieses Bewusstsein seine Unruhe und Qual erhöhen müssen! Und bei diesem allem sah die Seele dieses einst reichen und verwöhnten Mannes, wie Lazarus «im Schosse Abrahams» jetzt getröstet wird. Wenn er doch wenigstens etwas von diesem Trost haben könnte und Lazarus käme, die «Spitze seines Fingers» ins Wasser tauchte und ihm den brennenden Durst nur ein klein wenig stillte!

Aber Abraham sagte nein. Das schreckliche Los des einst reichen Mannes, der nun im Hades leidet, ist die unabänderliche Folge seines Verhaltens gegenüber Gott während seines Erdenlebens. Zudem ist zwischen dem Ort der Seligen und dem Ort der Qual eine grosse Kluft befestigt, die nie mehr überbrückt werden kann. Sie ist endgültig!

Wie sollten doch diese ernsten Tatsachen, die der Herr enthüllt, einem jeden die Augen öffnen, der die ihm auf der Erde gewährte Gnadenfrist vertändelt und sich mit der falschen Hoffnung tröstet, es gebe im Jenseits noch einen Ausweg.

Nun dachte der ehemalige Reiche an seine fünf Brüder auf der Erde, von denen er wusste, dass sie noch nicht Busse getan hatten und daher auch an seinen Ort der Qual kommen müssten, wenn sie nicht jetzt umkehrten. Er meinte, wenn Lazarus - der ihnen bekannt war - aus den Toten zu ihnen ginge und «ihnen ernstlich Zeugnis gäbe», dann würden sie auf ihn hören. - Aber die Antwort Abrahams, die der Herr mitteilt, ist in dieser Beziehung sehr aufschlussreich. Er sagt: «Wenn sie Moses und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn jemand aus den Toten aufersteht.»

Jeder Mensch möge auf das Wort Gottes hören und ihm gehorchen. Es gibt kein anderes Mittel, das ihn zur Umkehr und zum Glauben bringen kann. Selbst Wunderwerke können den nicht überzeugen, der das Wort nicht zu Herzen nimmt. Wie wichtig ist es also, dass es schlicht und rein bezeugt wird. Es besitzt göttliche Kraft und ist in den Glaubenden wirksam (1.Thess. 2,13). Wer dem göttlichen Worte widersteht, ist für die ewigen Folgen, die er ertragen muss, voll verantwortlich.

Der Mann ohne Hochzeitskleid. - Im Gleichnis vom «König, der seinem Sohne Hochzeit machte», das wir in einem anderen Zusammenhang noch berühren werden, wird von einem Menschen berichtet, «der nicht mit einem Hochzeitskleide bekleidet war». Konnte man ihm dies vorwerfen, da er doch «einer von der Landstrasse» war, einer von den «Armen und Krüppeln und Lahmen und Blinden», die doch eingeladen worden waren?

Zu jener Zeit war es Sitte, dass der zum Hochzeitsfeste Einladende für seine Gäste auch die Festkleider bereitlegte, die seinem Stande, seinem Reichtum und seinem Geschmack entsprachen. Wer so an der Tafel sass, gefiel dem Hausherrn und half mit, etwas von den Herrlichkeiten des Hauses und seines Besitzers zu offenbaren.

So muss auch für jenen Armen von der Landstrasse ein Kleid bereit gewesen sein, das er statt seines armseligen eigenen Gewandes hätte anziehen können. Warum tat er es denn nicht?

Ach, es gibt viele Menschen, die da glauben, im Kleide der eigenen Gerechtigkeit vor Gott hintreten zu können! Sie sind stolz auf ihre eigene Güte und ihre eigenen guten Werke. Ein derartiger religiöser Hochmut, der mit der eigenen Frömmigkeit prahlt, hält diese Menschen davon ab, sich von Gott selbst bekleiden zu lassen.

Welches Kleid, das der eigenen göttlichen Vollkommenheit und der Herrlichkeit Seines Hauses entspricht, hält denn Gott für den Sünder bereit? - «Christus Jesus ist uns geworden... von Gott... Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung; auf dass, wie geschrieben steht: Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn.» - «Den, der Sünde nicht kannte, hat er (Gott) für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.» - Gott hat uns «begnadigt - oder «angenehm gemacht» - in dem Geliebten.» Aber wie kann denn der Mensch in den Besitz dieses Kleides gelangen? Der Apostel sagt: «Dem aber, der nicht wirkt, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet.» - Christus ist des Gesetzes Ende, jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit. Für den, der sich jetzt im Kleide der eigenen Gerechtigkeit unter die Gläubigen mischt und sich zu denen zählt, die Gott bekleidet hat, um am himmlischen Hochzeitsfeste Seines Sohnes teilzunehmen, wird es ein schlimmes Erwachen geben: Er wird in die äussere Finsternis hinausgeworfen werden, wo das Weinen ist und das Zähneknirschen. Er wollte seine Sündhaftigkeit nicht anerkennen, hat die Gnade Gottes in Christo von sich gestossen und verachtet. Im Lichte Gottes wird er dann - zu spät - erkennen, dass er auf demselben Boden steht, wie der grösste Sünder, der dem Evangelium Gottes nicht gehorcht hat.

Wie ernst sind doch diese Gleichnisse, in denen unser Herr die Sünder aufruft, an die ewigen Folgen zu denken, die sie ernten müssen, wenn sie an der Menschenweisheit festhalten, statt an Gottes Wort, wenn sie der Habsucht frönen, den Lüsten des Fleisches dienen und in Selbstgerechtigkeit vorangehen!

b) Gleichnisse vom Gebet

«Freund, leihe mir drei Brote!»

Im Evangelium Lukas steht Jesus als Sohn des Menschen vor uns, der Sein Leben und Seinen Dienst in vollkommener Abhängigkeit von Gott erfüllt. Er wird uns hier als der gezeigt, der stets im Gebet ist.

Oft ging Er des Nachts hinaus an einen stillen Ort, um im Verborgenen Zwiesprache mit Gott zu halten. Oft aber - wie hier - betete Er vor den Jüngern. Welch ein Beispiel für sie! Seine Gebete zeugten von einem unerschütterlichen Vertrauen in Gott, von einem Herzen, das nichts Grösseres kannte, als Gott zu leben und Seinen Willen zu tun. Sie merkten es Seinen Worten an, dass Er als Mensch unmittelbaren, vertrauten Umgang mit Gott hatte und Gott die alleinige Quelle Seiner Freude und Seiner Glückseligkeit war.

Wir begreifen, dass «als Er aufhörte», einer Seiner Jünger ihn bat: «Herr, lehre uns beten.» So möchte auch er beten können! Auch er möchte in seiner Schwachheit in solcher Weise von den reichen Hilfsquellen in Gott und von Dessen starkem Arm Gebrauch zu machen verstehen.

In Seiner Antwort zählte der Herr Seinen Jüngern - die noch auf jüdischem Boden standen und entsprechend den Verheissungen des Wortes ein Friedensreich auf der Erde erwarteten - einige Gegenstände auf, an die sie beim Beten denken sollten. [Vgl. Artikel «Unser Vater», S. 257, Jahrgang 1962.]

Wir haben aber noch nicht beten gelernt, wenn wir nur diese Worte des Herrn auswendig lernen und tausende Male daherplappern, ohne viel zu denken. Gewiss, es ist ein erstes Erfordernis, dass unsere Gebete schriftgemäss sind. Aber sie sollen auch aus einem Herzen kommen, das von denselben Gegenständen, Zielen und Wünschen erfüllt ist, wie das Herz Jesu Christi selbst.

Hier nun fügt der Herr in Form eines Gleichnisses noch eine Ermunterung zum Ausharren im Gebet hinzu: «Wer von euch wird einen Freund haben und wird um Mitternacht zu ihm gehen und zu ihm sagen: Freund, leihe mir drei Brote, da mein Freund von der Reise bei mir angelangt ist, und ich nicht habe, was ich ihm vorsetzen soll; und jener würde von innen antworten und sagen: Mache mir keine Mühe, die Tür ist schon geschlossen, und meine Kinder sind bei mir im Bett; ich kann nicht aufstehen und dir geben.»

Wie manches, uns vernünftig scheinendes Argument hat doch der Teufel gegen das anhaltende Vorbringen unserer scheinbar erfolglosen Bitten! Der Herr aber will uns hier ermuntern, sie mit Ausharren Gott vorzustellen, es sei denn, dass uns gezeigt wird, dass wir nicht mehr darum bitten sollen.

Wir hätten nicht gewagt, dieses Beispiel erfolgreicher Aufdringlichkeit gegenüber einem Menschen auf Gott zu übertragen. Aber der Herr selbst tut es. Er malt die Rücksichtslosigkeit jenes Gesuchstellers absichtlich aus - (er weckt den Freund um Mitternacht, macht ihm die Mühe, aufzustehen, so dass die Kinder in seinem Bette aufwachen) - und fährt dann fort: «Ich sage euch, wenn er auch nicht aufstehen und ihm geben wird, weil er sein Freund ist, so wird er wenigstens um seiner Unverschämtheit willen aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.» Darauf zieht Er sogleich die Parallele und fügt hinzu: «Bittet und es wird euch gegeben werden; suchet und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden. Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird aufgetan werden.»

Der Herr zeigt uns also, dass wir unsere Bitten beständig, ja sogar aufdringlich vor Gott bringen dürfen, wie ein Mensch in Not bei einem anderen Zuflucht sucht. Weder die Grösse Gottes noch irgendein anderer Grund soll uns hindern, unsere Herzen vor Ihm auszuschütten. Für fremde und eigene Nöte haben wir einen lebendigen, allmächtigen Gott, der Gebete hört und beantwortet. Nichts darf uns diesen Trost rauben. Wir dürfen Gott in aller Ehrfurcht so nahen, als ob Er nur auf unverschämtes Bitten hörte, und wir sollen mit Jakob sagen: «Ich lasse dich nicht, du habest mich denn gesegnet.»

Zwischen einem menschlichen Geber und dem göttlichen Geber aller guten Gaben bestehen aber wesentliche Unterschiede.

  • Der Freund im Gleichnis gab dem unverschämten Nachbarn, was dieser verlangte, damit er ihn los wurde. Gott aber gibt, weil dies Sein Wesen ist, weil Er die Seinen nach dem Reichtum Seiner Gnade liebt.
  • Menschen, die von Natur böse sind, werden sich wohl bestreben, ihren eigenen Kindern gute Gaben zu geben, doch haben diese Gaben nur zu oft den sündhaften Charakter ihrer Geber. Gottes Gaben aber sind wahrhaft heilig und gut. Wir mögen in unserer Schwachheit oder in unserer Torheit um Dinge bitten, die uns und anderen zum Schaden wären - Gott aber gibt dem Bittenden nur was ihm gut ist.

Die Witwe und der ungerechte Richter

Dieses Gleichnis steht in Verbindung mit Kapitel 17,20-36. Dort redet unser Herr vom Kommen des Reiches Gottes und den Tagen, die diesem Ereignis vorangehen. Für einen kleinen Teil des Volkes, den gläubigen Überrest, werden es Tage grosser Drangsal sein. Wegen ihrer Treue gegenüber Gott und Seinem Worte werden sie von der grossen Masse des Volkes, die der gerichtlichen Vernichtung entgegengeht, verfolgt werden. Schwach und scheinbar schutzlos, müssen sie von ihren Widersachern grosses Unrecht erdulden.

Im Blick auf jene unterdrückten Gläubigen erzählte Jesus dieses Gleichnis, zum Ansporn dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten. Er sagte:

«Es war ein gewisser Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und vor keinem Menschen sich scheute. Es war aber eine Witwe in jener Stadt; und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht von meinem Widersacher. Und eine Zeitlang wollte er nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und vor keinem Menschen mich scheue, so will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, auf dass sie nicht unaufhörlich komme und mich quäle.»

Dass jener unterdrückte Überrest mit einer schwachen Witwe verglichen wird, die sich von einem starken Widersacher verfolgt sieht, leuchtet uns ein. Dass aber das Tun dieses ungerechten Richters zum Vergleich mit der Handlungsweise Gottes herangezogen wird, scheint uns auf den ersten Blick seltsam.

Und doch liegt gerade darin die grosse Überzeugungskraft dieses Gleichnisses, Selbst ein solcher Mensch, der gewohnt war, in Ungerechtigkeit zu tun was ihm beliebte und dabei weder auf Gott noch auf Menschen zu hören, sah sich gezwungen, der Witwe Recht zu verschaffen, weil sie «unaufhörlich kam» und ihn mit ihrer Bitte «quälte». Wie viel mehr wird der gerechte Gott und Richter in jenen Tagen «das Recht seiner Auserwählten ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien!» In ihrer grossen Not und Drangsal mögen sie dann zwar meinen, Gott sei «in Bezug auf sie langsam». Aber sobald das Werk der Busse und der Läuterung ihre Herzen für die Aufnahme ihres Königs zubereitet hat, wird der «Sohn des Menschen» schnell wie ein Blitz kommen, um ihnen Befreiung zu bringen und ihr Recht auszuführen. Wie viele werden es dann sein, die im Glauben, durch anhaltendes Flehen, mitgeholfen haben, diesen herrlichen Ausgang herbeizuführen?

Auch uns Gläubigen der Jetztzeit gilt dieser Aufruf des Herrn Jesus, in unseren Schwierigkeiten, Nöten und Trübsalen allezeit mit dem Ausharren jener Witwe zu beten und nicht zu ermatten. Auch wir sind ja eine Minderheit in dieser Welt, die um Jesu willen oftmals Schmach und Leiden zu erdulden hat. Werfen wir alle unsere Sorge auf Gott, dürfen wir erfahren, dass Er für uns besorgt ist. Sein Friede wird uns erfüllen und Herz und Sinn in Christo Jesu bewahren, wenn wir unsere Anliegen vor Ihm kundwerden lassen. Aber unsere Bitte ist nicht: «Schaffe uns Recht vor unseren Widersachern», sondern wir legen Fürbitte ein für alle Menschen, auf dass sie errettet werden. Auch rufen wir immer wieder zum Herrn:»Komm, Herr Jesu!» Er kommt bald, um uns aus dieser Welt zu erretten, und kurz darauf wird Er mit uns vom Himmel erscheinen, um verherrlicht zu werden in Seinen Heiligen und bewundert in allen denen, die geglaubt haben.

c) Gleichnisse über das Verhalten der Gläubigen gegenüber andern

Zehntausend Talente - hundert Denare

Dieser Abschnitt enthält ein ernstes Wort über unsere Verantwortlichkeit, an diesem Tage der Gnade einem Schuldigen Gnade zu erweisen. Hat ein Bruder gesündigt, soll uns vor allem seine Wiederherstellung am Herzen liegen. Sie zeigt sich darin, dass er auf uns hört.

Petrus kommt hier mit der Frage zum Meister: «Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der wider mich sündigt, vergeben? bis siebenmal?» Wenn Petrus die Zahl auf sieben festsetzte, so zeigte er damit, dass er nicht auf dem Boden der selbstgerechten Pharisäer stand, sondern aus den Worten Jesu schon etwas von dem Geiste der Gnade erfasst hatte. Aber der Herr offenbarte in Seiner Antwort dass Seine Gnade keine Grenze kennt: «Nicht sage ich dir, bis siebenmal, sondern bis siebenzig mal sieben.

Darf es eine Frage sein, wie oft ich meinen Bruder gewinnen soll? Petrus nimmt hier die eigenen Rechte als Grundlage und sucht in gewissem Mass das Seine, aber «die Liebe sucht nicht das Ihrige».

Um diese Frage noch eindringlicher zu beleuchten, stellt sie der Herr in einem Gleichnis in das Licht der Vergebung Gottes, die Er einem Sünder gegenüber ausübt, der sich unter die Gnade stellt.

Ein König wollte mit seinen Knechten abrechnen. Da wurde sogleich einer zu ihm gebracht, der zehntausende Talente schuldete, eine ungeheure Summe, die darauf hinweist, dass hier nicht nur Unglück, sondern auch Verfehlung im Spiele war. - So ist durch die Sünde jedes Menschen die Verschuldung gegen Gott unvorstellbar gross. Wer je in Sein Licht gekommen ist, wird dies mit voller Überzeugung unterschreiben. Auf dem Wege des Glaubens verstärkt sich dieses Bewusstsein mit zunehmender Einsicht.

«Da derselbe aber nicht hatte, zu bezahlen» - wir waren nicht imstande, Gott auch nur «einen Denar» von unserer Schuld zurückzuerstatten - «befahl sein Herr, ihn und sein Weib und die Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und zu bezahlen». - Ewiges Gericht wäre unser Teil gewesen. Aber selbst dadurch hätten die Ansprüche Gottes nicht befriedigt werden können. Durch meine Sünden habe ich nicht nur mich selbst verschuldet, sondern auch die Menschen um mich her beeinflusst und ihnen Schaden zugefügt.

«Der Knecht nun fiel nieder, huldigte ihm und sprach:’Herr, habe Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen'. Der Herr jenes Knechtes aber, innerlich bewegt, gab ihn los und erliess ihm das Darlehen.» - So gross auch unsere Schuld gewesen ist, bei Gott ist Gnade, die nicht mit Zahlen gemessen werden kann. Sie wird dem zuteil, der vor Ihm sich beugt, seine Schuld anerkennt und bekennt und die ihm in Christo angebotene Vergebung im Glauben annimmt. - Vielen von uns Christen ist dabei aber die Erkenntnis des ganzen Ausmasses unserer Verschuldung gegen Gott und der völligen Verdorbenheit und Untauglichkeit der eigenen Natur oft viele Jahre hindurch noch recht mangelhaft. Aus diesem Grunde kann dann geschehen, was nun im Gleichnis in so krasser Weise zutage tritt.

«Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldig war. Und er ergriff und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du etwas schuldig bist! Sein Mitknecht nun fiel nieder und bat ihn und sprach: Habe Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe.»

Kaum war jener Mensch nach einer Erfahrung überströmender Gnade vom König hinausgegangen, konnte er einem seiner Mitknechte in solch erbarmungsloser Härte gegenüber treten! Für den andern hatte er keine Gnade, obwohl ihn dieser mit denselben Worten, die er selbst vor dem König ausgesprochen hatte, darum bat. Dabei war doch die Schuld des Mitknechtes vielleicht nur ein 600'000stel der ihm selbst erlassenen ungeheuren Schuld, auf die der König doch mit vollem Recht Anspruch gehabt hätte!

Hier wollen wir einen Augenblick bei uns selbst stehen bleiben und uns fragen: Habe ich es noch nie einem Bruder oder einer Schwester gegenüber an der Gnade mangeln lassen? Gewiss, ein Christ, der hierin fehlt, wird dabei nicht so brutal vorgehen. Dem Mitknecht wird er vielleicht schon sagen: «Ich vergebe dir!», in seinem Herzen jedoch die Einschränkung machen: «aber vergessen kann ich es nicht», oder: «ich vermag ihn nicht mehr zu grüssen». Wäre das wirklich Vergebung?

Oft betrachten wir in unserer Empfindlichkeit und Rechthaberei die Verfehlungen unseres Bruders unter dem Mikroskop und machen sie riesengross, während wir die eigenen Vergehungen allzu leicht bagatellisieren und entschuldigen.

Hierauf überlieferte der König den unbarmherzigen Knecht ins Gefängnis, bis er alles bezahlt habe. - Auch innerhalb der Versammlung gilt der Grundsatz eines vergebenden Geistes, und hier erst recht. Wenn Christen, die einen viel höheren Beweggrund zum gegenseitigen Vergeben haben, nicht vergeben können, wie beweisen Sie dann, dass sie selber unter der Gnade stehen und Gott ihnen vergeben hat?

Splitter und Balken

In diesem Gleichnis kommt unser Herr auf die böse Neigung unserer natürlichen Herzen zu sprechen, andere zu richten.

Wer andere richtet, gibt damit zu erkennen, dass er weiss, was der Christ zu tun und zu lassen hat; und Gott, vor Dessen Richterstuhl wir einst alle gestellt werden, wird uns für dieses Wissen, womit wir andere verurteilt haben, persönlich verantwortlich machen: «Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Masse ihr messt, wird euch gemessen werden.» Je genauer ich den Weg Gottes kenne, desto grösser ist meine Verantwortung.

Wer andere richtet, wird vom Herrn Jesus gefragt: «Was aber siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber in deinem Auge nimmst du nicht wahr?» Ach, wer in einer fleischlichen Gesinnung lebt, ist froh, beim Mitbruder Unstimmigkeiten zu entdecken, sei es, um den eigenen Zustand zu rechtfertigen oder um sich über den anderen zu erheben! Ein solcher lebt nicht im Lichte Gottes. Vor Ihm erkennte er den Balken im eigenen Auge, vor Ihm würde er sich selbst verurteilen und richten und für sich selbst von Seiner Gnade in Christo Gebrauch machen.

Dann würde er «klar sehen, um den Splitter aus seines Bruders Auge zu ziehen». Er würde sich dann nicht als ein überheblicher «Heuchler» mit seinem Bruder beschäftigen, sondern mit einem gereinigten Herzen, das vom Lichte Gottes, von Seiner Liebe, Gnade und Barmherzigkeit, die er selber erfahren hat, erfüllt ist. Dann würde er zu den «Geistlichen» gehören, denen das Wort zuruft: «Brüder! wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringet ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geiste der Sanftmut, indem du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest.»

«Lege dich auf den letzten Platz»

Unser Herr war im Hause eines Obersten, um zu essen. Da bemerkte Er, wie die Eingeladenen «die ersten Plätze wählten». Das veranlasste Ihn, sie durch ein Gleichnis auf die Weisheit der Demut hinzuweisen:

«Wenn du von jemand zur Hochzeit geladen wirst, so lege dich nicht auf den ersten Platz, damit nicht etwa ein Geehrterer als du von ihm geladen sei, und der, welcher dich und ihn geladen hat, komme und zu dir spreche: Mache diesem Platz, und dann wirst du anlangen, mit Schande den letzten Platz einzunehmen, Sondern wenn du geladen bist, so geh hin und lege dich auf den letzten Platz, auf dass, wenn der, welcher dich geladen hat, kommt, er zu dir spreche: Freund, rücke höher hinauf. Dann wirst du Ehre haben vor allen, die mit dir zu Tische liegen.»

Überall in der Welt kämpfen die Menschen um den ersten Platz. In ihrem Hochmut streben sie immer höher hinauf. Wie oft aber wird, wer nach dem ersten Platz strebt, schon von den Menschen gedemütigt!

Der göttliche Grundsatz lautet: «Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt wird erhöht werden.» Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt Er Gnade. Um von Ihm gesegnet zu werden, muss der Mensch seinen Platz in Beugung und Busse vor Ihm einnehmen und Gottes Gnade im Glauben erfassen. Weigert er sich aber, sich an diesen letzten Platz zu setzen, wird ihn Gott im Gericht erniedrigen müssen.

Wie hat doch der Sohn Gottes selbst, der dieses Gleichnis erzählte, in Seiner eigenen Person den Gesinnungsunterschied zwischen Gott und Menschen so deutlich illustriert! Wie tief ist Er herabgestiegen! In einer Liebe, die nicht das Ihrige suchte, sondern die Ehre Gottes und das Heil der Menschen, hat Er sich selbst entäussert, damit die göttliche Fülle in Ihm der menschlichen Not begegnen könne.

Möchten wir Gläubige uns von den Kindern der Welt doch dadurch unterscheiden, dass diese Gesinnung, die in Christo Jesu war, auch in uns ist!

d) Gleichnisse vom Fruchtbringen und vom Dienst

In verschiedenen Gleichnissen belehrte der Herr Seine Jünger, wie sie Gott Frucht bringen und Ihm wohlgefällig dienen konnten. Da einige dieser Gleichnisse besonders Israel betreffen, behalten wir uns vor, auf diese Zusammenhänge zurückzukommen. Hier aber geht es uns um die Frage: Was können wir für uns praktisch daraus lernen?

Der unfruchtbare Feigenbaum und der wahre Weinstock

Eines Morgens früh, als Jesus in die Stadt zurückkehrte, hungerte Ihn. «Und als er einen Feigenbaum an dem Wege sah, ging er auf ihn zu und fand nichts an ihm als nur Blätter. Und er spricht zu ihm: Nimmermehr komme Frucht von dir in Ewigkeit! Und alsbald verdorrte der Feigenbaum.»

Dieser Feigenbaum ist ein Bild vom Menschen in seinem natürlichen Zustand, der nur dem äusseren Bekenntnis nach mit Gott in Verbindung steht. Solange er nicht wiedergeboren ist und noch kein Leben aus Gott hat, kann er in Ewigkeit keine Frucht für Ihn bringen. Er ist tot für Gott.

Auch wir Gläubige haben nötig, uns immer wieder an dieses zu erinnern, damit wir nicht «Gemeinschaft haben mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis», sondern nach dem praktischen Zustand streben, in welchem wir Gott viel Frucht bringen möchten.

Wie dies geschehen kann, wird uns im Bilde vom «wahren Weinstock» deutlich gezeigt. Jesus sagt: «Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, ... die Frucht bringt, die reinigt er, auf dass sie mehr Frucht bringe... Bleibet in mir, und ich in euch. Gleichwie die Rebe nicht von sich selbst Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock, also auch ihr nicht, ihr bleibet denn in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, dieser bringt viel Frucht, denn ausser mir könnt ihr nichts tun... Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, was ihr wollt und es wird euch geschehen... Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben.»

Aus diesen Worten können wir lernen, wie wir zur Verherrlichung des Vaters viel Frucht bringen können:

  • Nur wer durch den Glauben in Christo ist, nur wer auf diese Weise echte Lebensverbindung mit dem «wahren Weinstock» hat, kann Frucht bringen.
  • Gott, der Vater, ist ein treuer Weingärtner und reinigt jede Rebe, die Frucht bringt - also wirkliche Verbindung hat mit dem Weinstock auf dass sie mehr Frucht bringe. Er wendet durch den Heiligen Geist Sein Wort auf unser Herz und Gewissen an, damit wir erkennen und ablegen, was vom alten Menschen und was von der Welt ist, und so das Leben Christi in uns Gestalt gewinne. Oft muss der Weingärtner diesem Prozess durch Züchtigungen nachhelfen.
  • Wiewohl wir der Stellung nach für immer in Christo sind, so muss doch auch unser Herz und unser Sinn allezeit auf Christum gerichtet sein, wenn wir viel Frucht bringen sollen. Der Herr sagt immer wieder: «bleibet in mir».
  • Zu diesem Zweck müssen Seine Worte in uns bleiben, d.h. in einem gehorsamen Herzen, das Seine Gebote halten will.
  • Diese Unterwürfigkeit unter Sein Wort ist die Voraussetzung für erhörliche Bitten, die wiederum im Zusammenhang stehen mit dem Fruchtbringen.

Das Gleichnis von den Talenten

«Denn gleichwie ein Mensch, der ausser Landes reiste, seine eigenen Knechte rief und ihnen seine Habe übergab: und einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem anderen eins, einem jeden nach seiner eigenen Fähigkeit; und alsbald reiste er ausser Landes.»

Christus, von Seinem Volke verworfen, ist nach vollbrachtem Erlösungswerk «ausser Landes» gereist, d.h. aus dieser Welt zu dem Vater hingegangen. Er liess aber Seine Knechte in der Welt zurück: Seine Jünger und alle die Seinen auf der Erde, die Ihm in der Zeit Seiner Abwesenheit nachfolgen. Ihnen übergibt Er Seine «Habe» - alle die unendlichen Ergebnisse und Segnungen, die aus Seinem Werke am Kreuze hervorgegangen sind. Diese Güter des Heils, die die Gnade uns gebracht hat sollen wir nicht nur für uns selber geniessen, sondern auch für möglichst viele andere Menschen nutzbar machen.

Um Seine Knechte zu diesem Dienste auszurüsten, gibt der Herr ihnen Talente, «einem jeden nach seiner eigenen Fähigkeit», entsprechend der besonderen Aufgabe, für die der Einzelne vorgesehen ist. Im Gleichnis empfängt der eine fünf Talente, ein anderer zwei und der dritte ein Talent.

Welche Grundsätze kennzeichneten nun den Dienst dieser Knechte?

Zwei von ihnen dienen uns zum Vorbild. Obwohl sie nach diesem Evangelium nicht ausdrücklich dazu aufgefordert werden, gehen sie doch sogleich hin, um mit den empfangenen Talenten für ihren Herrn zu handeln. Das erinnert uns daran, dass der Besitz einer geistlichen Gabe dazu verpflichtet, sie auszuüben. - Es waren nicht die Mitknechte, die sie zum Handeln veranlassten, einzig der Gedanke an ihren abwesenden Herrn war ihre Triebfeder. Sie kannten Seinen Willen, Seinen Charakter, Seine Güte und Liebe. Das gab ihnen Vollmacht, Ansporn und Einsicht zum Dienst. Ihre Hingabe kam aus der Erkenntnis ihres Herrn hervor, dem sie völlig vertrauten. Hatte nicht Er selbst, nach Seiner Weisheit, ihnen das Mass ihrer Aufgabe zugeteilt?

Als der Herr des Gleichnisses «nach langer Zeit» wiederkam, «um Rechnung mit ihnen zu halten», da traten diese beiden Knechte herzu, und es zeigte sich, dass der eine fünf und der andere zwei Talente hinzu gewonnen hatte. Aber beiden gab der Herr dasselbe Lob und denselben Lohn; er sagte zu jedem: «Wohl, du guter und treuer Knecht! über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn.» Beide hatten in gleicher Treue und gleichem Eifer mit dem ihnen Anvertrauten für den Meister gehandelt, und das ist es, was Er belohnt.

Aber auch der dritte Knecht musste jetzt seinem Herrn Rechenschaft ablegen. Ach, er hatte das ihm zu nutzbringender Verwendung geliehene Talent vergraben! Zur Rede gestellt, sagte er: «Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät und sammelst, wo du nicht aus gestreut hast.»

Ist dieser Knecht nicht auch das Bild eines Menschen von heute, der sich wohl zu den Christen zählt, äusserlich an den Segnungen des Christentums teilnimmt und daher vor dem Herrn verantwortlich ist? Aber er weiss weder für sich selbst noch für andere mit dem Heil in Christo etwas anzufangen. Erst wer sich im Lichte Gottes als sündhaft und schuldig erkennt und in seiner Sündennot zum Werke am Kreuze Christi Zuflucht nimmt, hat offene Augen für Ihn. Erst jetzt erkennt er, dass sein Herr kein «harter Mann» ist, der nur fordert, sondern der vollkommene Ausdruck der Gnade und Liebe Gottes, welcher uns in Ihm alles geschenkt hat. In Ihm besitzt der Erlöste nicht nur ewiges Heil, sondern auch alle Hilfsquellen für einen Gott wohlgefälligen Wandel und Dienst. Wer nie zu einer solchen Umkehr gelangt, wird allerdings dem Herrn als dem gerechten Richter begegnen, der keine Gnade mehr üben kann.

Wie ist dieses Gleichnis aber auch eine ernste Mahnung für uns Gläubige, mit dem uns anvertrauten Talent eifrig zu handeln und es nicht in irdischen oder gar weltlichen Interessen zu vergraben!

Das Gleichnis von den Pfunden

hat viele ähnliche Züge wie das von den Talenten, aber auch Unterschiede. Ein Bruder schreibt darüber: «Matthäus hebt mehr die Unumschränktheit und die Weisheit des Gebers der Gaben hervor, der sie entsprechend der Fähigkeit Seiner Knechte verteilt. Lukas hingegen legt den Nachdruck besonders auf die Verantwortlichkeit der Knechte. Hier empfängt jeder ein Pfund. Wer aus seinem Pfund mehr herausschlägt, erhält daher eine grössere Belohnung als der andere. Jedem der Knechte wird in der Herrlichkeit des Reiches das Teil gegeben, das seiner eigenen Arbeit entspricht. Der Knecht verliert also nicht, was er gewonnen hat, wenn es auch seinem Meister gehört; er darf davon geniessen. Was wir in geistlicher Beziehung durch den Heiligen Geist an Erkenntnis Gottes erlangt haben, ist in der anderen Welt nicht verloren. Im Gegenteil, wir werden noch mehr empfangen; die Herrlichkeit wird uns entsprechend unserer Arbeit gegeben. Aber alles ist Gnade.

 

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Letzte Änderung am 07.11.2012.