Halte Fest
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Befreiung, Ruhe, Kraft und Hingabe des Gläubigen

Halte fest Jahrgang 1961 - Seite: 214 - Verfasser: E. D.

Dieser Artikel ist beim Beröa-Verlag, Zürich, in Buchform erhältlich.

1. Die Befreiung

Es ist eine traurige Tatsache, dass die Mehrzahl der Christen nicht glücklich sind. Viele werden offen zugeben, dass sie in ihrem christlichen Leben schmerzlich enttäuscht wurden. Bei ihrer Bekehrung schien die Zukunft voller Verheissungen. Es war wie die Morgenröte eines wolkenlosen Tages, voller Friede und Freude. Kaum hatten sie aber ihre Reise begonnen, verdunkelte sich ihr Himmel durch Wolken aller Art. Dann und wann brachen vielleicht einige Sonnenstrahlen hindurch, aber im Allgemeinen ging es so weiter und in manchen Fällen wurde es noch schlimmer. Man war wohl auf Kampf gefasst, aber ach! der Kampf endete gewöhnlich nicht mit Sieg, sondern mit Niederlage. Das Böse im Innern und der Feind von aussen gewinnen immer wieder die Oberhand, so dass an die Stelle des Vertrauens und der fröhlichen Hoffnung des Anfangs ein Zustand der Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit getreten ist.

Die Traurigkeit erhöht sich noch, wenn man entdeckt, dass eine solche Erfahrung keineswegs dem christlichen Leben entspricht, das uns im Worte Gottes als das normale vorgestellt wird.

Es ist wohl wahr, dass wir uns inmitten einer feindlichen Umgebung befinden, dass Satan sich fortwährend bemüht uns in seine Listen einzufangen, dass wir Pilger und Fremdlinge sind und somit in der Welt, die wir durchschreiten, weder Bequemlichkeit noch Ruhe zu erwarten haben und dass unser Leib allen Arten von Leiden ausgesetzt ist. Aber nicht eines dieser Dinge, nicht einmal alle zusammen, müssen unsere Seele verdunkeln und beunruhigen. Hört den Apostel Paulus! Zuerst stellt er in Bezug auf uns Gläubige fest: «Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch welchen wir mittelst des Glaubens auch Zugang haben zu dieser Gnade, in welcher wir stehen, und rühmen uns in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes.» Dann aber fährt er fort: «Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, da wir wissen, dass die Trübsal Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Erfahrung, die Erfahrung aber Hoffnung; die Hoffnung aber beschämt nicht, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben worden ist» (Röm. 5,1-5).

Auch der Philipperbrief beschreibt diese Erfahrung, die den Christen kennzeichnen soll. Dort findet ihr einen Gläubigen, der vollkommen glücklich war, obwohl er sich im Gefängnis befand und unter der ständigen Drohung, eines Tages umgebracht zu werden. Aber Christus war die Kraft seines Lebens, sein einziger Gegenstand und sein einziges Ziel. Es war sein sehnliches Verlangen, bei Ihm und Ihm gleichförmig zu sein. Das befähigte ihn, völlig über den Umständen zu stehen und mit jeder Lage, in der er sich befand, zufrieden zu sein. Er vermochte alles durch Den, der ihm die innere Kraft dazu darreichte. Welch ein Gegensatz zwischen seiner Erfahrung und der der meisten Gläubigen!

Aber, so werdet ihr sagen, das ist die Erfahrung eines Apostels, wir massen uns nicht an, eine solche Höhe zu erreichen.

Zugegeben, das Ziel ist hoch. Aber der Apostel, der einen so hohen Grad des Fortschrittes im geistlichen Leben erreicht hatte, ist nicht einmal unser höchstes Musterbild; unser vollkommenes Vorbild ist Christus. Lasst uns zudem bedenken, dass der Apostel, ausser seiner besonderen Gabe, keine einzige Segnung besass, die nicht auch das Teil des geringsten Gläubigen wäre. War er ein Kind Gottes? Wir sind es auch. Besass er die Vergebung seiner Sünden? Auch wir haben sie. Genoss er das unschätzbare Vorrecht, den Geist - den Geist der Sohnschaft - in ihm wohnen zu haben? Wir auch. War er ein Glied am Leibe Christi? Gerade so wie wir. Auf diese Weise könnten wir alle aus der Erlösung entspringenden Segnungen aufzählen und dabei feststellen, dass Paulus darin in keiner Weise eine Ausnahme bildete; denn wie er sind auch wir Erben Gottes und Miterben Jesu Christi.

Wenn dem so ist, wie kommt es denn, dass eine so geringe Zahl von Gläubigen die gleichen Erfahrungen machen? dass so wenige eine bleibende Ruhe und ein beständiges Glück kennen?

Wir möchten dem Leser empfehlen, der Beantwortung dieser Frage ernste Beachtung zu schenken.

Mit Christus gestorben

Die Hauptursache, die den erwähnten Schwierigkeiten zugrunde liegt, ist der Mangel an gutem Willen oder die Nachlässigkeit der Kinder Gottes, alles kennen zu lernen, was in Christo ihr sicherer Besitz ist. Einige begnügen sich mit der Gewissheit, von neuem geboren zu sein und die Vergebung ihrer Sünden zu haben. Ihr auf dieses Mass begrenzte Heil ist das Ziel und Ende ihrer Wünsche. Eine solche Einstellung hat zur Folge, dass bei manchen die ersten Tage ihres Christenlebens die besten sind. Sie begannen mit grosser Freude und grossem Eifer, jetzt aber sind sie sorglos und gleichgültig oder gar weltlich.

Wenn ein Christ über die Vergebung seiner Sünden hinaus nichts weiter begehrt, wird er bald entdecken, dass er keine Kraft besitzt, um der Lust des Fleisches und den Versuchungen Satans zu widerstehen. Um ein glückliches Christenleben führen zu können, ist es unumgänglich, die Wahrheit zu kennen und praktisch zu verwirklichen, dass wir mit Christo gestorben sind. Wer nicht zu diesem Punkt gelangt, wird nur Unruhe und Kampf und keine Aussicht auf Sieg haben.

Das will ich mit ein paar Worten begründen. Die Erlösung, wie wir sie nötig hatten, musste zwei Dingen begegnen: unseren Sünden und der Natur, aus der sie hervorkommen; den bösen Früchten und dem Baum, der sie hervorbringt. Was den ersten Punkt anbelangt, begegnete das Blut Christi unseren Bedürfnissen. Es war das einzige Mittel, durch das die Schuld, die auf uns lastete, von uns genommen werden konnte (siehe Hebr. 10,1-22; 1.Joh. 1,7). Aber, obwohl wir durch Christi Blut weiss geworden sind wie Schnee, obwohl wir von neuem geboren sind und somit eine neue Natur, ein neues Leben besitzen, so bleibt doch die böse Natur in ihrer ganzen Verdorbenheit in uns bestehen und kann weder gereinigt noch verbessert werden. Die Seele, die von dieser Wahrheit überzeugt ist und sich bewusst wird, dass sie in ihren Kämpfen gegen das Fleisch unvermögend ist, kommt zu dem Aufschrei: «Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes?» (Röm. 7,24). Wie viele Kinder Gottes hört man immer noch diesen selben Schrei voll Bitterkeit ausrufen!

Wie antwortet Gott auf dieses Bedürfnis der Gläubigen?

Wir finden die Antwort in Römer 6,6-7: «Indem wir dieses wissen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, auf dass der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen. Denn wer gestorben ist, ist freigesprochen von der Sünde.» Mit diesem Ausdruck «der alte Mensch» wird die böse Natur bezeichnet, die wir von Adam haben, das Fleisch als Grundsatz des Bösen in uns; und mit dem «Leib der Sünde» ist die Sünde in ihrer Gesamtheit als Ganzes, gemeint. Durch diese Worte (siehe auch Römer 8,3) erfahren wir, dass Gott im Hinblick auf unsere böse Natur schon gehandelt hat und zwar durch den Tod Christi; dort hat Er die Sünde im Fleische verurteilt. Der Apostel sagt: «Ich bin mit Christo gekreuzigt» (Gal 2,20). Nicht nur hat der Herr Jesus in Seiner unendlichen Gnade unsere Sünden an Seinem Leibe auf dem Holze getragen, Gott lässt uns darüber hinaus in Seiner unaussprechlichen Barmherzigkeit auch am Tode Christi teilhaben, so dass also Sein Gericht über das, was wir sind) das heisst über unser Fleisch mit seinen Wurzeln und Zweigen, schon ausgeführt worden ist.

Er hat also im Tode Christi zwei Dinge beseitigt: Unsere Sünden und unsere böse Natur; beide sind gerichtlich für immer vor Seinem Angesicht hinweggetan.

Das ist es, was Gott uns in Seinem Worte sagt. Wenn ich durch die Gnade Sein Zeugnis in der Tilgung meiner Sünden annehme, warum sollte ich mich dann nicht auch auf Sein Wort verlassen, wenn Er mich darin lehrt, dass Er mich zum Teilhaber am Tode Seines vielgeliebten Sohnes gemacht hat? Gerade auf diese Tatsache gründet der Apostel die Ermahnung «auch ihr, haltet euch der Sünde für tot Gott aber lebend in Christo Jesu» (Röm. 6,11). Ich nehme durch den Glauben die Erklärung Gottes an und handle danach; ich weise die Anreizungen des Fleisches zurück, indem ich mich auf die Tatsache stütze, dass ich dem Fleische gestorben bin, weil ich am Tode Christi teilhabe. Mit anderen Worten: Ich stütze mich auf mein Gestorbensein mit Christo, als auf eine Wahrheit, die vor Gott besteht, und nehme infolgedessen in dieser Welt den Platz eines Gestorbenen ein.

Lasst uns nun untersuchen, welche Folgen sich aus der Annahme dieser Stellung ergeben.

A. In erster Linie sind wir von der Sünde losgemacht oder freigesprochen. - Lasst uns beachten, es heisst von «der Sünde» und nicht von «den Sünden». Das will sagen: das Fleisch, «die Sünde im Fleische», der böse Grundsatz unserer verdorbenen Natur, «der alte Mensch», hat kein Recht mehr über uns. Das Fleisch ist noch in uns, und zwar bis zum Ende unserer Pilgerschaft. Aber wenn ich mich selbst für tot halte, also den Tod über das, was ich bin, als aus dem Fleische geboren, anerkenne, hat die Sünde keine Macht über mich. Einst war ich ihr Sklave, jetzt aber bin ich von dieser Knechtschaft befreit. Aber wie? Durch den Tod, durch mein mit Christo Gestorbensein. Mein ehemaliger Gebieter hat keinerlei Recht mehr über mich; durch den Tod bin ich von seinem Joch befreit worden.

Angenommen, ein toter Mensch läge vor dir und du versuchtest mit allen möglichen Verführungskünsten, ihn zur Sünde zu verführen. Würdest du die Torheit eines solchen Versuches nicht sofort einsehen? Wie er auch gewesen sein mag, als er noch lebte - jetzt hat die Sünde keine Wirkung, keine Gewalt mehr über ihn. Nicht einmal Satan kann einen Toten versuchen. - So wird es auch mit uns sein, wenn wir durch die Gnade uns selbst Stunde für Stunde der Sünde für tot halten, aber Gott leben in Christo Jesu. Das ist der einzige Weg zum Sieg. Einige möchten durch eine entschiedene Willensanstrengung überwinden. Andere versuchen, der Sünde abzusterben. Aber das führt nur zu Enttäuschung. Der Weg, den wir soeben beschrieben haben, ist allein der Weg Gottes. Weil wir gestorben sind, werden wir ermahnt, unsere Glieder: «Hurerei, Unreinheit Leidenschaft, böse Lust und Habsucht», zu töten (Kol. 3,5), also den Tod auf uns selber anzuwenden und immer und überall «den Tod Jesu im Leibe» umherzutragen, damit jede Regung der Sünde, des Fleisches, aufgehalten und gerichtet wird. Die Methode des Menschen führt zur Askese, zu strengem Leben, zu Kasteiung und schliesslich zu schlimmster Knechtschaft; der Weg Gottes aber zu Befreiung und zu glücklicher Freiheit.

B. Die zweite Folge ist die Befreiung vom Gesetz. - Paulus schreibt: «Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus.» Und an anderer Stelle: «Jetzt aber sind wir von dem Gesetz losgemacht, da wir dem gestorben sind, in welchem wir festgehalten wurden» (Röm. 7,4-6 usw.; siehe auch Gal. 2,19). Der Apostel lehrt also, dass das Gesetz nur so lange Gewalt hat über den Menschen, als er lebt. Wenn wir mit Christo gestorben sind, so sind wir demnach auch von der Macht des Gesetzes befreit. Wie gut, dass dem also ist! «Denn so viele aus Gesetzeswerken sind, sind unter dem Fluche» (Gal. 3,10).

Ist das nicht eine frohe Botschaft für jeden Gläubigen? Von Natur sind wir alle gesetzlich und diese Neigung zur Gesetzlichkeit bleibt in uns bestehen, selbst nachdem wir durch den Glauben an den Herrn

Jesus Kinder Gottes geworden sind. Sie dringt sozusagen in das Gewebe unseres Wesens ein und zeigt sich immer wieder in unseren Worten und Taten. Das führt dazu, dass viele die Freiheit, für die Christus uns frei gemacht hat, sehr wenig kennen und täglich unter der selbst auferlegten Knechtschaft seufzen.

Aber, so fragst du, sind wir überhaupt unter Gesetz? Die Juden waren es, aber trifft dies auch auf uns, die Gläubigen aus den Nationen, zu?

Nein, nicht im gleichen Sinne; aber der gesetzliche Grundsatz ist uns gerade so sehr angeboren wie den Juden. Wenn ich zum Beispiel nach meiner Bekehrung fühle, dass ich den Herrn Jesus mehr lieben sollte, und ich es dann zu tun versuche, oder dass ich besser beten sollte und niedergeschlagen und entmutigt bin, weil ich dieser Pflicht nicht genauer nachgekommen bin - dann bin ich, im Prinzip, in allen diesen Fällen ebenso sehr unter Gesetz wie die Juden. Das Wesen des Gesetzes liegt in seinem «du sollst!». Verwandle ich also die Gebote des Herrn in ein «du sollst dies und jenes tun!», so stelle ich mich unter das Joch des Gesetzes. Von diesem Augenblick an befinde ich mich auf dem Wege, wo man immer wieder fällt und ein schlechtes Gewissen hat.

Wir haben alle zu lernen, dass wir durch unsere Vereinigung mit Christo im Tode sowohl vom Gesetz als auch vom Grundsatz des Gesetzes befreit sind. Wir sind eines Anderen geworden, des aus den Toten Auferweckten, auf dass wir Gott Frucht brächten. Lasst uns beachten: Es heisst «Frucht», nicht «Gesetzeswerke». Das Christentum hat kein «Du sollst!»; es setzt den Werken des Gesetzes und des Fleisches die kostbare Frucht des Geistes gegenüber (Gal. 5,22), die nicht, wie die Gesetzeswerke, durch menschliche Anstrengung, sondern durch göttliche Kraft hervorgebracht wird.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Dingen ist so gross wie nur möglich. Sobald wir wissen, dass wir weder durch Anstrengung noch durch irgend welches Arbeiten an uns selbst Frucht für Gott hervorbringen können, und auch gelernt haben, dass die fruchtbringende Kraft in einem Anderen ist, (der tatsächlich durch den Geist, der in den Seinen wohnt, wirksam ist), richten wir unseren Blick nach oben, auf Ihn, in der Zuversicht, dass Er uns nach Seinem eigenen Willen zu Seiner Verherrlichung gebrauchen wird. Statt uns also in eigener Kraft abzumühen, setzen wir unser Vertrauen auf Ihn; statt in uns selbst Frucht zu suchen, begehren wir nun, dass Christus in der Kraft Seiner göttlichen Macht in uns wirke.

C. Dritte Folge: wir sind von der Welt befreit. - Im Gegensatz zu gewissen Gesetzeseiferern, die der Verfolgung ausweichen wollten und sich im Fleische rühmten, sagt der Apostel: «Von mir aber sei es ferne, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt» (Gal. 6,14). Wir lesen im Johannes-Evangelium, dass die Welt im Tode Christi gerichtet worden ist (12,31). Die Kreuzigung des Erlösers bedeutet für die Welt, die Ihn verworfen hat, ihre völlige und unbedingte Verurteilung. Gott hat sie am Kreuz in sittlicher Hinsicht gerichtet, und Paulus betrachtete sie in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes an diesem selben Kreuze als für ihn gekreuzigt. Aber auch sich selbst hielt er für gekreuzigt, auf dieselbe Weise. Er war dadurch völlig von ihr befreit. Denn wenn sowohl die Welt als auch er selbst gekreuzigt war, so konnten sie sich gegenseitig nicht mehr anziehen. Die Welt mit allen ihren Reizen und allen ihren Verführungen kann auf jemand, der sich durch den Tod Christi in sittlicher Beziehung als gerichtet betrachtet, keine Anziehung ausüben. Anderseits, wer sich selbst durch das Kreuz Christi als mitgekreuzigt betrachtet, hat auch der Welt nichts Anziehendes mehr zu bieten. So gesehen ist das Kreuz eine unübersteigbare Schranke zwischen der Welt und dem Christen; ja, das Kreuz ist das Mittel, durch welches das wahre Wesen der Welt offenbar wird. Es lehrt uns, «dass die Freundschaft der Welt Feindschaft wider Gott ist».

D. Es gibt noch eine letzte Folge unseres Todes mit Christo: wir sind vom Menschen befreit. - «Wenn ihr mit Christo den Elementen der Welt gestorben seid», sagt der Apostel, «was unterwerfet ihr euch Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt? - Berühre nicht, koste nicht, betaste nicht!» (Kol. 2,20). Es ist der religiöse Mensch, den wir hier vor uns haben, dessen Bestreben es ist, das Fleisch zu verbessern, der aber dieses Ziel nicht erreicht, sondern nur der Befriedigung des Fleisches dient. Diese wichtige Stelle lehrt uns, dass der Gläubige, als mit Christo gestorben, von dem Menschen und seinen religiösen Ansprüchen völlig befreit ist. Würde er sie anerkennen, so nähme er damit seinen Platz als in der Welt lebend ein und verleugnete die Tatsache seiner eigenen Vereinigung mit Christo im Tode. Der Gläubige verliert also den «Menschen» aus dem Blickfeld, lehnt ihn völlig ab und leugnet seine angemasste Autorität, weil er als Christ ausschliesslich Christo unterworfen ist. Selbst in den Beziehungen dieses Lebens gehorcht er den Behörden, den Vorgesetzten oder Eltern aus dem Grunde, dass er durch Christum selbst in eine Stellung der Unterwürfigkeit ihnen gegenüber versetzt worden ist. Ein armer christlicher Sklave, der seinem Gebieter gehorchte, gehorchte dadurch dem Herrn Jesus Christus (Kol. 3,22-25).

Es gibt also für den Gläubigen, der sich für «mit Christo gestorben» hält eine völlige Befreiung von der Sünde, vom Gesetz, von der Welt und vom Menschen. (Das Fleisch hat Lüste, beachtet Vorschriften, hat weltliche Begierden und eine fleischliche Religion.) Man kann mit den auf Israel angewandten Worten von den Gläubigen sagen: «Sie werden gefangen wegführen, die sie gefangen wegführten» (Jes. 14,2). Alle Feinde sind besiegt und nur Christum allein anerkennen sie als ihren Herrn.

Wir haben festgestellt, dass der Gläubige, der im Glauben sein Gestorbensein mit Christo verwirklicht, von der Sünde, vom Gesetz, von der Welt und vom Menschen befreit ist.

Aber wie kommt es denn, dass so wenige diesen Pfad der Befreiung, der heiligen Freiheit, betreten? Die Antwort auf diese Frage führt uns zum zweiten Teil unseres Gegenstandes und erheischt wiederum die ganze Aufmerksamkeit des Lesers. Man kann sie in folgenden Satz zusammenfassen:

Um in den Genuss der Kraft dieser Wahrheiten zu gelangen, genügt es nicht, sie nur als Lehren zu erfassen; sie müssen auch durch Erfahrung gelernt werden.

Was uns die Erfahrung lehrt

Vier Dinge müssen wir uns durch Erfahrung aneignen, damit wir in den glückseligen Genuss aller dieser Wahrheiten kommen.

1. Lektion: Vor allen Dingen muss das Wesen des «Fleisches» praktisch erkannt werden. Gott selbst erklärt uns, was es ist, sogar schon im Alten Testament (1.Mose 6), und erinnert uns im Neuen Testament immer wieder daran. Wir mögen Sein Zeugnis annehmen und Ihm ohne Zögern zustimmen; aber wenn wir die Natur des Fleisches nicht durch Erfahrung kennen gelernt haben, werden wir immer noch, mehr oder weniger, etwas Gutes von ihm erwarten. Wie oft begegnet es z.B. einem Christen, dass er denkt: «Ein anderes Mal werde ich es besser machen», oder: «Wenn ich von neuem beginnen könnte, so würde ich diesen oder jenen Fehler, dieses oder jenes Böse, vermeiden.» Wer so redet, beweist, dass er völlig vergessen hat, dass das Fleisch unverbesserlich ist. Denn wenn unsere böse Natur durch und durch verdorben ist, wie könnte sie in der Zukunft anders handeln, als wie sie in der Vergangenheit gehandelt hat? Wir können zwar zum Herrn aufblicken, damit Er uns durch Seine Gnade bewahrt, wieder in die gleichen Sünden zurückzufallen. Wenn wir aber wirklich erkannt haben, was das Fleisch ist, dann haben wir gelernt, dass wir auch in Zukunft genau so handeln würden, wie in der Vergangenheit, es sei denn, wir werden durch göttliche Macht bewahrt.

In Römer 7 wird uns der Fall eines Menschen beschrieben, der zwar das neue Leben besitzt, aber, in Unkenntnis der Fülle der Gnade Gottes in der Erlösung, sich unter das Gesetz stellt und sich bemüht, Frucht für Gott hervorzubringen. Zu welcher Schlussfolgerung kommt er dabei? Zu dieser: «Nicht was ich will, das tue ich, sondern was ich hasse, das übe ich aus.» Dann fährt er fort: «Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so stimme ich dem Gesetz bei, dass es recht ist. Nun aber vollbringe nicht mehr ich dasselbe, sondern die in mir wohnende Sünde.» Mit anderen Worten: Er hat entdeckt, dass das Fleisch (auch in seinem Fall) seinen eigenen Weg gehen will, und dass dieser Weg immer Sünde ist. Deshalb kommt er zu der Feststellung: «Ich weiss, dass in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt.» Er hat seine Lektion gelernt und von diesem Augenblick an erwartet er von dem Fleische nichts anderes mehr als nur Böses. Wie gut ist es, wenn die Seele zu dieser Schlussfolgerung gelangt!

Man kann diese Lektion auf zweierlei Weise lernen: Entweder in der Gegenwart Gottes und in Gemeinschaft mit Ihm; oder aber in der Gegenwart Satans, durch die Sünde und die Niederlagen. Paulus selbst scheint ein Beispiel für den ersten Fall zu sein. Er war als Jude so sittenstreng und so rechtschaffen, dass er später, geleitet durch den Geist Gottes, von sich selbst sagen konnte: «Was die Gerechtigkeit betrifft, die im Gesetz ist, tadellos erfunden.» Wenn irgendjemand, so hatte also er allen Grund anzunehmen, dass er in sich selbst etwas Gutes habe und so sagte er: «Wenn irgend ein anderer sich dünkt, auf Fleisch zu vertrauen, - ich noch mehr.» Aber als ihm der verherrlichte Christus offenbart worden war, vollzog sich in seiner Seele ein völliger Umschwung. Nun sah er alle Dinge in einem neuen Lichte, im Lichtglanz der Herrlichkeit Gottes, die im Angesicht Christi leuchtet. Und sogleich erkannte er, dass das Fleisch und seine besten Werke völlig wertlos sind. Von da an konnte er sagen: «Was irgend mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet; ja, wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüsst habe und es für Dreck achte, auf dass ich Christum gewinne» (Phil. 3,8).

Das wurde der Leitgedanke seines ganzen Lebens. Als Folge davon wies er das Fleisch in allen seinen Formen und allen seinen Erscheinungsarten als völlig verdorben zurück, da er wusste, dass es - gleich dem Feigenbaum in den Evangelien - trotz aller erdenklichen Pflege und Sorgfalt niemals Frucht für Gott hervorbringen konnte.

Petrus ist ein Beispiel für jemand, der das Fleisch durch Fehltritte kennen lernt. Als ungestümer und warmherziger Mensch liebte er seinen Meister mit einer starken Zuneigung. Als der Herr Seine Jünger mit den Worten mahnte: «Ihr werdet euch alle ärgern, denn es steht geschrieben: Ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden zerstreut werden», sagte Petrus daher zu Ihm: «Wenn sich auch alle ärgern werden, ich aber nicht» (Mark. 14,27-31). Ja, er vermass sich sogar zu sagen: «Mein Leben will ich für dich lassen» (Joh. 13,37). Und zu was führte dieses Vertrauen in seine eigene Zuneigung und in seine eigene Treue? Es war nichts anderes, als Vertrauen auf das Fleisch, und wir kennen das Ergebnis. Welche Illustration zur Verdorbenheit unserer Natur! Schritt für Schritt sank Petrus tiefer in den Sumpf ein und endete schliesslich bei der völligen Verleugnung seines Herrn. Es hatte nicht an Warnungen und ernsten Hinweisen gefehlt, aber das Fleisch zeigte sich mit aller Deutlichkeit als völlig verdorben und riss Petrus in einen Abgrund der Sünde und der Ungerechtigkeit hinein. Sein Fall gereichte zwar zu seinem eigenen Segen, aber er wurde uns zur Belehrung mitgeteilt, um uns auf die eindrücklichste Weise zu zeigen, dass im Fleische, selbst im Fleische eines aufrichtigen und hingebenden Jüngers, nichts Gutes wohnt.

Wer irgend wissen will, was die in der Erlösung offenbarte Gnade Gottes ist, muss auf dem einen oder dem anderen dieser beiden Wege die gleiche Lektion lernen. Haben wir das noch nicht getan, so werden wir immer etwas von uns selbst erwarten und dabei immer wieder enttäuscht werden. Ein fauler Baum wird immer schlechte Früchte tragen. Sobald wir diese Wahrheit einmal praktisch gelernt haben, sind wir fertig mit uns selbst und erwarten alles nur noch vom Herrn. Aus Mangel an Wachsamkeit kann das Fleisch sich wohl noch offenbaren und uns in die Sünde hineinziehen, aber wir werden nicht mehr enttäuscht sein. Wir haben unsere Lektion gelernt; wir werden uns in einem solchen Fall wegen unseres Fehltrittes in der Gegenwart Gottes richten, gleichzeitig aber auch zu der Gnade Zuflucht nehmen, um inskünftig wachsam zu sein.

Gläubiger Leser, ich mache dich mit allem Nachdruck auf diesen Punkt aufmerksam. Denn solange du diese Erfahrung nicht gemacht hast, kannst du keinen dauerhaften Frieden besitzen. Wenn du ihr auszuweichen suchst, so setzest du dich, wie die Kinder Israel in der Wüste, auf mancherlei Weise vielen eigenen Verfehlungen, Prüfungen und Züchtigungen aus. Wenn du aber das Zeugnis Gottes bezüglich deines Fleisches annimmst, diese Wahrheit in deiner Seele mit Ihm kennen lernst und dann gewohnheitsmässig für Gott Partei nimmst gegen dich selbst - dann bricht für dich ein neuer Tag an. Was auch deine Prüfungen und Leiden sein mögen, dieser Tag wird durch strahlenden Glanz der Gnade und der Freude gekennzeichnet sein, weil du ihn mit Gott verbringen wirst.

Als 2. Lektion haben wir zu lernen, dass wir in uns selbst keinerlei Kraft besitzen und in einem Kampf gegen das Fleisch völlig ohnmächtig sind. Der Apostel drückt sich folgendermassen aus: «In mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes; denn das Wollen ist bei mir vorhanden, aber das Vollbringen dessen, was recht ist, finde ich nicht. Denn das Gute, das ich will, übe ich nicht aus, sondern das Böse, das ich nicht will, dieses tue ich» (Röm. 7,18-19). Mein Leser, ist das nicht die genaue Beschreibung der Erfahrung von so vielen Tausenden und vielleicht auch von dir selbst? Solcherlei Erfahrungen versetzten die Seele in einen Zustand der Gleichgültigkeit oder der Niedergeschlagenheit, bis sie es schliesslich aufgibt, gegen den reissenden Strom zu kämpfen und den Schluss zieht, es bleibe ihr nichts anderes übrig, als sich treiben zu lassen, da es ja doch unnütz sei, sich dagegen zu wehren.

Ach, wenn die Seelen doch aufrichtig sein wollten! Mehr wie eine müsste bekennen, dass dies seit Jahren ihr Zustand ist, ein Zustand, der keineswegs zur Verherrlichung Gottes gereicht und sie selbst unglücklich macht.

Was sind denn die Ursachen dieses Zustandes? Einerseits ganz einfach die irrige Meinung, es hange alles von ihren eigenen Anstrengungen ab, und anderseits die Nichtannahme der Wahrheit, dass sie ohne jede Kraft und folglich ganz von Gott abhängig sind. Wenn selbst der Sünder lernen muss, dass er nicht nur schuldig und gottlos, sondern auch kraftlos ist (Röm. 5,6), so sollte der Gläubige umso mehr verstehen, nicht nur, dass in seinem Fleische nichts Gutes wohnt, sondern auch, dass er aus sich selbst nichts Gutes tun kann. Wenn dann der Geist Gottes uns die Augen geöffnet hat, entdecken wir, dass es diese Lektion war, die Gott uns durch die lange Reihe der sich immer wiederholenden Niederlagen beibringen wollte. Du hast unermüdlich gegen deine Feinde angekämpft; kaum unterlegen, hast du so manches Mal von neuem angefangen, aber nie den Sieg errungen. Immer wieder hast du dich in den Kampf gestürzt mit dem festen Entschluss, zu siegen, aber ach! es ist dir nie gelungen. Was hast du aus diesen schmerzlichen Erfahrungen zu lernen? Dass der Feind dir zu stark ist und du ihm niemals die Stirne bieten kannst.

Du wirst vielleicht sagen: Können wir denn nicht stärker werden? Müssen wir nicht in der Gnade wachsen? Wird es uns, wenn wir den Charakter des Feindes besser kennen, nicht möglich sein, ihn endlich zu besiegen?

Wir antworten ohne Zögern: Nein! Auf dem Wege deiner eigenen Anstrengungen gehst du unweigerlich den gleichen Niederlagen entgegen. Auf dem Wege der eigenen Kraft gibt es keine Hoffnung.

Wenn du dich aber anderseits von der Wahrheit deines völligen Unvermögens überzeugen lässest und mit deiner eigenen Kraft zu Ende gekommen bist, so wirst du die Ruhe deiner Seele finden. Denn du wirst dann gleichzeitig verstehen, dass deine Hilfe, deine Kraft und dein Beistand von aussen und nicht von innen her kommen, von Christo und nicht von dir selbst. Welch unaussprechliche Segnung liegt doch in einer solchen Entdeckung! Du wirst aufhören zu kämpfen und wissen, was es heisst, sich auf einen anderen zu stützen. Du wirst mit David singen können: «Jehova ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Jehova ist meines Lebens Stärke, vor wem sollte ich erschrecken?» (Ps. 27,1). In der Tat, wenn du dahin gekommen bist, deine Kraftlosigkeit zu erkennen, so wirst du dich nun freuen zu wissen, dass die Kraft des Herrn in deiner Schwachheit vollbracht wird.

Als 3. Lektion hat der Gläubige zu lernen, dass er zwei Naturen hat: die eine kommt von Adam her und wird in der Schrift «Fleisch)? genannt oder «der alte Mensch», «die Sünde», usw. Die andere hat er bei der Wiedergeburt von Gott bekommen. Diese beiden Naturen sind einander völlig entgegengesetzt. So sagt Johannes von der neuen Natur: «Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist» (1.Joh. 3,9). Und Paulus sagt, wie wir schon gesehen haben, von der alten Natur: «Ich weiss, dass in mir, das ist in meinem Fleische, nichts Gutes wohnt.» Der Gegensatz zwischen diesen beiden Aussagen könnte nicht grösser sein, und wir sehen, wie die Seele, die durch die in Römer 7 beschriebenen Erfahrungen hindurchgegangen ist, zwischen diesen beiden Naturen, die einander so völlig gegenüberstehen, zu unterscheiden lernt. So lesen wir: «Wenn ich aber dieses, was ich nicht will, ausübe, so vollbringe nicht mehr ich dasselbe, sondern die in mir wohnende Sünde» (V. 20). Dieser Mensch hat also gelernt sich selbst als mit der neuen Natur einsgemacht zu betrachten, deshalb sagt er: «So vollbringe nicht mehr ich dasselbe» (vergleiche mit Gal. 2,20, wo Christus zum «Ich» des Apostels wird), und er betrachtet gleichzeitig das Fleisch, die alte Natur, ausschliesslich als Sünde und schreibt ihm all das Böse zu, worunter er gelitten hat. Diese böse Natur in seinem Innern, (die im Gläubigen bleibt, solange er auf der Erde ist), behandelt er nun als seinen Feind, als das Element, das in einem fort darnach trachtet, ihn am Gutestun zu hindern und ihn zwingen will, das Böse zu tun. Er fährt fort: «Also finde ich das Gesetz für mich, der ich das Rechte ausüben will, dass das Böse bei mir vorhanden ist. Denn ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen (darum möchte er das Gute tun); aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist» (V. 21-23).

In diesem Grade der Erfahrung ist er also in seinem Kampf gegen den Feind, das heisst gegen die in ihm wohnende Sünde, nicht nur kraftlos, sondern auch besiegt und von ihm beherrscht; er befindet sich völlig in seiner Hand und in seiner Gewalt. Immerhin hat er jetzt gelernt, dass «die Sünde», das Fleisch, sein Feind ist und dass er, was ihn selbst anbelangt, also nach dem inneren Menschen, am Gesetz Gottes Wohlgefallen hat. Das ist aber, lieber Freund, schon eine glückselige Entdeckung.

Zahlreiche gottesfürchtige Seelen aller Zeiten haben geseufzt und sind in der Knechtschaft geblieben, weil sie diese Entdeckung nicht gemacht haben. Sie schrieben, in der Meinung, das sei die notwendige Erfahrung eines jeden Tages ihres Lebens, bittere Dinge gegen sich selbst. Man lese zum Beispiel die Veröffentlichungen aus den persönlichen Tagebüchern mehrerer treu ergebener Diener des Herrn. Man findet in diesen Bruchstücken hauptsächlich Selbstkritik und Selbstgericht; denn sie beschäftigten sich mit sich selbst, statt mit Christo, und zwar in dem vergeblichen Bemühen, das Böse aus ihren Herzen herauszureissen, ein Unterfangen, das ihnen oft die Frage entlockte: Wenn wir Kinder Gottes sind, warum sind wir denn so? Sie verstanden das siebente Kapitel des Römerbriefes falsch, wie auch heute noch viele mit ihnen, und darum wechselten bei ihnen die Augenblicke, in denen sie die Gegenwart und die Gunst Gottes genossen, immer wieder mit Stunden tiefster Traurigkeit und Entmutigung.

Es ist also für den Gläubigen ein grosser Gewinn, wenn er gelernt hat, dass in ihm zwei Naturen sind, und er sie voneinander zu unterscheiden weiss. Und es ist ein noch grösserer Segen für ihn, wenn er durch sein Kämpfen und Ringen zur Erkenntnis geführt wird, dass er sich - was ihn selbst betrifft - in hoffnungsloser Gefangenschaft unter dem Gesetz der Sünde, das in seinen Gliedern ist, befindet, Das ist eine schmerzliche aber notwendige Erfahrung; denn nur auf diese Weise lernen wir, mit uns selbst fertig zu werden. Das Ende des Fleisches ist sozusagen vor uns gekommen, wie «das Ende alles Fleisches» schon längst vor Gott gekommen ist (1.Mose 6,13). Wir wissen von nun an, dass das «Ich» uns nicht zu Hilfe zu kommen vermag, dass wir in uns selbst keine Hilfsquelle finden und, auf uns selber angewiesen, dem inneren Feinde preisgegeben sind.

Nun ist der Weg für die vierte Lektion zubereitet. Das Fleisch hat den Sieg davongetragen. Es hat die arme, hoffnungslos kämpfende Seele unterjocht. Aber nun wird sein Sieg in eine Niederlage verwandelt und endet mit der Befreiung des Opfers. Bis dahin hat die Seele in eigener Kraft gekämpft; jetzt, im Schmerz der Niederlage und der unabwendbaren Knechtschaft, lässt sie davon ab, auf sich selbst zu blicken, schaut um sich und schreit in ihrem Todeskampf: «Ich elender Mensch! Wer wird mich retten von diesem Leibe des Todes?»

Jetzt ist die Befreiung da. Von dem Augenblick an, da sich der Blick nach aussen und nicht mehr nach innen, auf das Ich, richtet, ist der Sieg sicher. Unmittelbar kommt die Antwort: «Ich danke Gott durch Jesum Christum, unseren Herrn!» (Römer 7,25). Wie das Heil, so ist auch die Befreiung nicht aus uns selbst, noch aus unseren Anstrengungen hervorgegangen, sondern ist «durch Jesum Christum, unseren Herrn!»

Lasst uns nun beachten, was das zur Folge hat. Die Wörtchen «ich» und «mich», die sich in den vorhergehenden Versen so oft wiederholten, verschwinden nun, und an ihre Stelle tritt «Christus». Glückselige Befreiung! Mit dem «Ich» ist es aus; die Seele hat es aufgegeben. Dafür steht Christus da, und wir finden jetzt in Ihm die Antwort auf ein jedes unserer Bedürfnisse. Denn wir sind aus Gott «in Christo Jesu, der uns geworden ist Weisheit von Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung» (1.Kor. 1,30).

Aber bevor der Geist Gottes im achten Kapitel das gesegnete Teil der befreiten Seele vor uns ausbreitet, fügt Er noch ein Wort hinzu: «Also nun diene ich selbst mit dem Sinne Gottes Gesetz, mit dem Fleische aber der Sünde Gesetz» (Röm. 7,25). Durch dieses Wort der Unterweisung werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass wir hienieden immer diese beiden Naturen besitzen werden, trotz aller geistlichen Fortschritte. Dieser Vers zeigt uns den Charakter der beiden Naturen und weist uns gleichzeitig darauf hin, dass sie sich nicht ändern werden. Das Fleisch bleibt immer das Fleisch, obwohl wir von seiner Herrschaft befreit sind, und wird nie verbessert werden können. Der Feind lässt sich weder vertreiben, noch in einen Freund verwandeln; aber wir kennen jetzt sowohl seinen Charakter, als auch die Quelle unserer Kraft und sind auf der Hut.

2. Ruhe, Kraft und Hingabe

Wir wollen nun die herrlichen Ergebnisse betrachten, in deren Genuss die befreite Seele durch die Gnade eintreten kann. Es sind: die Ruhe, die Kraft und die Hingabe. Lasst uns auf jeden einzelnen dieser drei Punkte näher eingehen.

Die Ruhe

Die Ruhe besteht nicht nur im Abbruch des Kampfes gegen die in uns wohnende Sünde. Sie ist auch eine positive Ruhe, die aus der Erkenntnis der Befreiung hervorkommt, die die Seele nun geniesst. Deshalb lauten die ersten Verse des achten Kapitels im Römerbrief: «Also ist jetzt keine Verdammnis für die, welche in Christo Jesu sind.» Hier haben wir nicht die blosse Zusicherung, dass der Gläubige von jeder Verdammnis befreit ist, sondern vielmehr die Entdeckung, dass «die welche in Christo Jesu sind», von jeder Möglichkeit, verdammt zu werden, befreit sind. Das ist das glückliche Ziel, zu dem die Seele nun gelangt ist. Lasst uns kurz untersuchen, was dies in sich schliesst.

Jetzt hat der Gläubige das Bewusstsein, dass er aus seiner alten Stellung und aus seinem alten Zustand herausgenommen und in Christo vor Gott in eine neue Stellung eingeführt worden ist; - in Christo, der aus den Toten auferweckt und in einen neuen Bereich eingetreten ist, der sich jenseits des Todes befindet, ein Bereich, wo weder Tod noch Verdammnis hinzugelangen vermögen. Seit seinem Gestorbensein mit Christo gehört der Gläubige, wie wir schon darauf hingewiesen haben, nicht mehr zum ersten Menschen, zu Adam, so dass er, der sich jetzt der Sünde für tot hält, sich auch als für Gott lebend betrachtet in Christo Jesu. Im Tode Christi hat Gott ein- für allemal die Sünde im Fletsche gerichtet, sowohl die Wurzel als auch die Zweige, und das Gesetz des Geistes des Lebens in dem aus den Toten auferstandenen Christus Jesus hat den Gläubigen von dem Gesetz der Sünde und des Todes frei gemacht. Die Sünde und der Tod haben es nur mit denen zu tun, die im Fleische sind; da aber der Gläubige nicht mehr im Fletsche (Vers 9), sondern im Geiste ist, ist sein Platz nun dort, wo das Gesetz des Geistes des Lebens in Christo Jesu herrscht.

Wir befinden uns also, ich wiederhole es, in einer neuen Stellung, der gegenüber das Fleisch und folglich auch die Verdammnis nichts zu fordern haben, weil wir diese Stellung im auferstandenen Christus besitzen. Gleich wie uns Christi Blut von unserer Schuld befreit hat, so ist auch das Fleisch, die Sünde, im Tode Christi verurteilt und gerichtet worden; wir sind durch Gottes Gnade mit Christus in Seinem Tode einsgemacht worden. Da wir jetzt in Ihm sind, sind wir völlig befreit und als solche von jeder Verdammnis freigesprochen. Wir können in Dem ruhen, in welchem wir vor Gott stehen.

Die Seele entdeckt aber gleichzeitig noch etwas anderes. Was war die Ursache ihrer Unruhe und ihres Leidens? Es war der eigene Zustand, die durch die Gegenwart der Sünde in ihr geschaffene Lage. Was sie aber jetzt lernt, ist nicht das, was wir sind, sondern was Christus ist. Ist Gott mit dem, was Christus ist, zufrieden? Dann können auch wir damit zufrieden sein; denn, vergessen wir es nicht, wir sind in Ihm, und das, was Er ist, nicht das was wir sind, bestimmt unsere Stellung vor Gott.

In Christo entsprechen wir also sogar den Gedanken Gottes, so dass Er mit der gleichen Befriedigung in uns ruhen kann, mit der Er auch in Christo selbst ruht. Wir sind angenehm gemacht in dem Geliebten (Epheser 1,6). Da somit jeder Wunsch des Herzens Gottes befriedigt ist, bleibt auch uns nichts mehr zu wünschen übrig; in Bezug auf unsere neue Stellung sind wir vollkommen, so vollkommen, wie Gott es selbst gewollt hat, und wir haben daher auch eine vollkommene Ruhe. Was das Fleisch anbelangt, so wissen wir, dass es nicht schlechter sein kann, und auch nicht besser werden kann als es ist; und in Bezug auf unsere Stellung in Christo haben wir gelernt, dass Gott im Blick auf uns befriedigt ist, weil wir in der ganzen Vollkommenheit Christi, dem verherrlichten Menschen, vor Ihm sind. Mehr als das zu wünschen, ist unmöglich und somit treten wir in den Genuss einer vollkommenen Ruhe in Christo. In der Tat, gleichwie wir durch die Gnade fähig gemacht worden sind, Christum als unseren Stellvertreter auf dem Kreuze anzunehmen, so freuen wir uns jetzt auch, Ihn als Den anzunehmen, der jetzt vor Gott unseren Platz einnimmt. Die Augen Gottes ruhen auf Ihm und auch die unsrigen, und so haben wir in Gemeinschaft mit dem Herzen Gottes unsere wahre und unveränderliche Ruhe gefunden.

Daraus ergibt sich noch eine andere wichtige Folge. Da wir aufgehört haben, uns mit uns selbst zu beschäftigen, nachdem wir so lange auf diesem Pfad voller Mühsal und Bitterkeit gewandelt und dessen Eitelkeit gekostet haben, freuen wir uns jetzt, dass wir uns einzig und allein mit Christo beschäftigen dürfen. Da Er es ist, der bestimmt, was ich vor Gott bin, so ist es meine Freude, an Seine Vortrefflichkeiten und sittlichen Herrlichkeiten zu denken und über jeden Strahl der Herrlichkeit Gottes nachzusinnen, der das Angesicht Christi erleuchtet (2.Kor. 4,6). Bei dieser glückseligen Beschäftigung in dieser Welt werde ich durch die Kraft des Heiligen Geistes nach und nach in Sein Bild verwandelt (2.Kor. 3,18). Indem ich Den betrachte, dessen Angesicht im Gegensatz zu Mose unverhüllt ist, kann ich Ihm in der Erwartung Seiner Wiederkehr in wachsendem Masse Tag für Tag ähnlicher werden, bis ich Ihm schliesslich gleich sein werde, dann, wenn ich Ihn sehe, wie Er ist.

Ich habe also Christum zum Massstab meiner Stellung, Christum zum Gegenstand meines Herzens, Christum als Den, dem ich gleichförmig gemacht werde. Kann die Seele darüber hinaus noch etwas verlangen? Nein; ich bin in überströmendem Masse zufrieden gestellt und ich habe eine vollkommene Ruhe.

Die Kraft

Aber ich besitze nun auch die Kraft. «Ihr aber seid nicht im Fleische, sondern im Geiste, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt» (Römer 8,9). Ja, der Heilige Geist wohnt in einem jeden Menschen, der in Christo ist, und Er ist die Quelle der Kraft für den Wandel, den Kampf, den Dienst unter den Menschen und auch für den Gottesdienst. Ohne diese kostbare Kraftquelle wären wir versucht zu sagen: Es ist wohl wahr, dass wir in Christo sind, aber wie wird es uns möglich sein, die arglistigen Regungen des Fleisches, das immer in uns bleibt, zu überwinden? Wir finden die Antwort in Römer 8,13: «Wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes tötet, so werdet ihr leben». Die Kraft wird uns also immer im Verhältnis der uns begegnenden Umstände dargereicht, um uns zu befähigen, die Vorrechte der Stellung zu geniessen, in die wir versetzt worden sind, und alles zu verwerfen, was dazu dienen könnte, uns diese Segnungen zu rauben.

Lasst uns dabei nicht vergessen, dass die Wirksamkeit dieser Kraft abhängig ist von unserem geistlichen Zustand. Kein Kind Gottes möchte es anders haben. Der Heilige Geist wohnt in uns, so dass unser Leib Sein Tempel ist. Lassen wir es nun an der Wachsamkeit fehlen, sind wir sorglos, gleichgültig, suchen wir unser Vergnügen mehr in der Welt als in Christo, betrüben wir auf irgendeine Weise, sei es in Gedanken, im Wort, im Blick oder anderen Handlungen des Fleisches den Heiligen Geist Gottes, durch welchen wir auf den Tag der Erlösung versiegelt worden sind, so dürfen wir keinen Augenblick daran denken, Er werde sich herablassen, um uns als Gefässe Seiner Macht zu gebrauchen. Das wäre unmöglich. Simson ist eine Illustration für diese wichtige Wahrheit. Solange er seine Absonderung, sein Nasiräertum bewahrte, waren seine Feinde machtlos gegen ihn. Er konnte sie sozusagen unter seine Füsse zertreten. Aber von dem Augenblick an, wo er den Verführungskünsten einer Delila erlag und das Geheimnis seiner Kraft verriet, wurde er so schwach wie andere Menschen und fiel sogleich in die Hände seiner unbarmherzigen Feinde. Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes in Kraft wird in dem Gläubigen und durch den Gläubigen nur insoweit aufrechterhalten, als er in Gemeinschaft mit Gott wandelt.

Versäumen wir es, uns selbst zu richten und in dem Lichte zu wandeln, in das wir versetzt sind, so wie Gott selbst im Lichte ist, so werden wir vergeblich auf die Erweisung der Kraft des Heiligen Geistes warten, obwohl Er uns nicht verlässt. Ist aber im Gegensatz dazu unser Auge einfältig - ein solches sieht nichts anderes als Christum - und ist Er somit der Gegenstand unseres Lebens, so wird der Heilige Geist der in diesem Fall durch nichts betrübt ist, uns in jeder Lage, in welcher wir uns befinden mögen, aufrecht halten und bewirken, dass wir aus jedem Kampf, den wir zu bestehen haben, siegreich hervorgehen. Sucht das Fleisch seine Herrschaft über uns wieder aufzurichten, so wird Er uns befähigen, es zurückzustossen, es als einen durch das Gericht Gottes schon überwundenen Feind zu behandeln; will uns die Welt durch ihre Lockungen bezaubern, so wird uns der Geist im Lichte des Kreuzes Christi an ihren wahren Charakter erinnern, und sie wird ihren Reiz für uns verlieren; fällt Satan über uns her, so wird der Geist uns stärken, damit wir ihm widerstehen können und er von uns fliehen muss.

Lasst uns jedoch nicht vergessen, dass es sich bei dieser Kraft nicht um eine Gefühlssache handelt. Gar viele stolpern über diesen Punkt. Sie möchten diese Kraft fühlen, und da sie nichts davon verspüren, ziehen sie daraus den Schluss, sie seien in einem schlechten Seelenzustand, und der verhindere ihre Ausübung. Einen grösseren Irrtum könnte es nicht geben.

Anderseits aber ist der Herr damit beschäftigt, die Kraft Seiner Diener zu zerbrechen, um sie zur Erkenntnis ihrer völligen Kraftlosigkeit zu führen und zum Bewusstsein, dass Seine Kraft in Schwachheit vollbracht wird. Er erreicht dies auf verschiedenen Wegen. Paulus gab Er, damit sich diese Einsicht bei ihm festige und er sich der empfangenen ausserordentlichen Offenbarungen wegen nicht überhebe, einen Dorn ins Fleisch (1.Kor. 12). Erst «wenn wir schwach sind», können wir mit dem Apostel sagen: «Wir sind stark», weil uns dann das Bewusstsein unserer Schwachheit zur Abhängigkeit führt. Nur in dem Masse, wie wir abhängig sind, verwirklichen wir die Kraft Dessen, auf Den wir uns stützen.

Und selbst wenn wir abhängig sind - ich lege auf diesen Punkt allen Nachdruck - werden wir uns der Kraft des Geistes in uns nicht immer bewusst sein. So schrieb Paulus an die Korinther: «Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und in vielem Zittern» (1.Kor. 2,3). Doch ist es offensichtlich, wie aus jenem Briefe und auch aus dem Bericht in Apostelgeschichte 18 über seinen Aufenthalt in Korinth hervorgeht, dass er zu jener Zeit in ganz besonderer Weise der Kanal einer aussergewöhnlichen Kraft im Dienste des Wortes war. Auch heute verhält es sich oft so bei den Dienern des Herrn. In Zeiten, in denen sie ihre Schwachheit und ihr Unvermögen in der Predigt des Wortes ganz besonders gefühlt haben, wird es ihnen manches Mal vergönnt, zu sehen, dass der Herr sie gerade dann am meisten zum Segen für die Seelen gebraucht hatte.

Der gleiche Grundsatz ist auf alle Bereiche des christlichen Lebens anwendbar. In der biblischen Geschichte liessen sich dafür viele Beispiele finden. «Bitte, mein Herr!» sagte Gideon, «womit soll ich Israel retten? Siehe, mein Tausend ist das ärmste in Manasse, und ich bin der Jüngste im Hause meines Vaters.» War das ein Beweis der Unfähigkeit für die Aufgabe, zu welcher er berufen wurde? Lasst uns die Antwort des Herrn beachten: «Ich werde mit dir sein, und du wirst Midian schlagen wie einen Mann» (Richter 6,15-16). Gideon war in Wirklichkeit nichts, aber der Herr wollte alles für ihn sein; Er kann dort wirken, wo man seine Ohnmacht fühlt.

So müssen auch wir die Unabhängigkeit in allen ihren Formen ablehnen, damit der Herr Seine Kraft in und durch uns offenbaren kann. Wir müssen sogar allem entsagen, was aus unserer Natur kommt, aber in unserem Werk und unseren Kämpfen eine Hilfe zu sein scheint, um einzig und allein von der göttlichen Kraft des Heiligen Geistes abhängig zu sein.

Es ist ferner ein weit verbreiteter Irrtum, zu meinen, wir könnten mit geistlicher Kraft begabt werden. Gott gibt keinem Seiner Diener einen Vorrat an Kraft, aus dem er von Zeit zu Zeit schöpfen kann, bis das Ganze aufgebraucht ist. Die Kraft ist immer in Gott selbst und nicht im Menschen aufgespeichert; Er reicht sie nur von Augenblick zu Augenblick dar, je nach dem Bedarf derer, die mit Ihm und in Seiner Abhängigkeit wandeln. Daraus ergibt sich, dass wer heute ein mächtiger und tapferer Mann ist, morgen schwach und zaghaft sein kann. Das war bei Elia der Fall. In 1.Könige 18 sehen wir ihn der ganzen Menge der Baalspriester und Propheten gegenübergestellt, die sich unter dem Schutz und der Gunst des Königs sicher fühlen. Er ist ganz allein, aber, von sich selbst wegblickend und über sich selbst hinaus erhoben, fordert er sie heraus. Er stützt sich auf Gott in der Erwartung, dass Er die Ehre Seines Namens aufrecht halte und geht in der göttlichen Kraft voran. Er dringt gegen Satan vor bis ins Innere seiner Festung und erringt einen herrlichen Sieg. Aber was berichtet uns das nächste Kapitel? Dieser selbe Elia flieht vor den Drohungen der bösen Isebel! Ach, er hatte in diesem Augenblick die Quelle seiner Kraft vergessen! Und so war dieser tapfere Mann von gestern heute schwächer als ein kleines Kind. Eine fortwährende Abhängigkeit ist also die unumgängliche Voraussetzung für die Fortdauer geistlicher Kraft. Sobald die Gläubigen diesen grossen Grundsatz vergessen, wird es Satan immer wieder gelingen, sie zu besiegen.

Es gibt somit, wie alle aufrichtigen Seelen es bejahen, Bedingungen für die Ausübung der Kraft, die Gott durch den in ihnen wohnenden Heiligen Geist den Seinen gegeben hat. Unter dieser Voraussetzung weisen wir mit allem Nachdruck darauf hin, dass die Kraft des Heiligen Geistes in jeder Lage vollkommen ausreichend ist, um jedem Bedürfnis zu begegnen. So wird in Römer 8 von denen gesagt, die in Christo Jesu sind, dass sie nach dem Geiste wandeln, durch den Geist geleitet werden, durch den Geist die Handlungen des Leibes töten und dass ihnen der Geist in ihren Schwachheiten zu Hilfe kommt und sich selbst für sie verwendet in unaussprechlichen Seufzern. In mehreren anderen Stellen sehen wir, dass der Geist uns befähigt, das Fleisch, die Welt und den Teufel zu überwinden, wie wir schon festgestellt haben (siehe Gal. 5,16-25; Eph. 6,17-18; 1.Joh. 2,14-27). Durch den Geist vermögen wir auch das Wort Gottes zu verstehen und anderen mitzuteilen (1.Kor. 2). Durch Ihn haben wir Zugang zu Gott, dem Vater (Eph. 2,18). Mit einem Wort: Der Heilige Geist ist unsere alleinige und allgenugsame Kraft für den Wandel, den Kampf, das Zeugnis (Apg. 4) und den Gottesdienst (Eph. 5,18-19; Phil. 3,3).

Besteht nicht die Gefahr, dass wir dies alles als Lehre erfassen, aber in der Praxis vergessen? Viele Kinder Gottes haben zwar gelernt, in gewissem Masse ihre Schwachheit zu erkennen; aber sie wissen fast nichts von der Kraftquelle, die sie in dem Heiligen Geiste besitzen. Andere glauben daran, wissen aber nicht, wie sie daraus schöpfen sollen. Andere wieder handeln im christlichen Leben so, als ob alles von ihnen selbst und nicht vom Geiste abhinge. Lasst uns diesen Fragen ins Angesicht schauen und uns prüfen, ob einer dieser Zustände auf uns zutrifft. Wenn dem so ist, so sollten wir uns keine Ruhe gönnen, bis wir praktisch wissen, was es heisst, in dieser Welt Werkzeuge zur Offenbarung göttlicher Kraft zu sein. Wenn es unser Wunsch ist, auf diese Weise den Namen des Herrn zu verherrlichen, werden wir bald wahrnehmen können, dass Gott sich herablässt, um sich unser zu bedienen, und zwar in dem Masse wie wir in Seiner Abhängigkeit und in Gehorsam gegenüber Seinem Worte wandeln.

Wir kommen nun zum dritten der obgenannten drei Dinge, zur

Die Hingabe

Die religiöse Entwicklung im letzten Jahrhundert führte weit herum zu einem grossen Verlangen nach völligerer Hingabe an den Herrn. Wer könnte daran zweifeln, dass trotz des Gemisches von Wahrheit und Irrtum, das bei diesen verschiedenen «Heiligungsbewegungen» zutage trat, tausende von Seelen teilweise dabei gefunden haben, was sie suchten, und dadurch einer reichlicheren geistlichen Segnung teilhaftig wurden? Man darf nicht ausser acht lassen, dass Gott entsprechend den empfundenen Bedürfnissen der Seele zu Hilfe kommt, sogar über ihr Verständnis hinaus. Wo irgend sich Gläubige versammelt haben, um vom Herrn etwas zu empfangen, ist ihnen auf ihr Rufen eine herrliche Antwort zuteil geworden.

Von diesem Augenblick an begannen mehrere unter ihnen ein Leben des Friedens und der Freiheit mit Gott. Sie bedienten sich dabei vielleicht mehrerer Ausdrücke, die nicht schriftgemäss sind; sie täuschten sich über die wahre Wirklichkeit ihrer Beziehung zum Herrn; sie verblieben in Unwissenheit über die Fülle der Gnade Gottes in der Erlösung und über die glückselige Hoffnung der Wiederkehr des Herrn; aber der Herr nahm nun in ihren Herzen einen Platz ein, den Er vorher nie besass; Er war sowohl zum Gegenstand ihrer Seelen wie auch zum Mittelpunkt geworden, dem sie zustrebten; die Folge davon war eine grosse Segnung. Wir anerkennen dies alles voll und ganz und mit Freuden. Das Einzige, worauf wir im Interesse einer völligeren Segnung der Gläubigen Nachdruck legen möchten, ist die Wichtigkeit, die Gedanken Gottes in Bezug auf die Hingabe der Seinen zu verstehen.

Wir haben also die Frage zu untersuchen: Was ist Hingabe?

Nach der vorherrschenden Meinung besteht sie in einem Akt der Selbstaufgabe zum Zwecke eines völlig Gott geweihten Dienstes. Manchmal hört man sogar sagen, bei der Hingabe handle es sich um eine einmalige Tat unseres Willens; durch einen endgültigen und unabänderlichen Entschluss könnten wir uns selbst, nach Geist, Herz, Leib und Seele dem Herrn darbringen, um Ihm gänzlich zur Verfügung zu stehen. Es werden oft Versammlungen abgehalten, in welchen die Anwesenden ermahnt werden, sich auf diese Weise dem Herrn hinzugeben.

Wenn sich eine Seele bewusst wird, in der Gegenwart Gottes zu stehen, ist es sehr wohl möglich, dass dann irgend ein Hindernis, eine gewohnheitsmässige Sünde, eine schlechte Gewohnheit oder irgend eine Verbindung mit Bösem ans Licht kommt, bekannt und gerichtet wird. In diesem Fall wird eine solche Seele zweifellos einen wahren Segen davontragen. Aber das ist nicht die Hingabe, und wir müssen uns fragen: Sind solche Heiligungsversammlungen, bei welchen man zur Selbstheiligung und Selbstauslieferung aufgerufen wird, nach der Schrift?

Alle diese Aufforderungen setzen beim natürlichen Menschen Kraft voraus. Das ist das erste, was wir hier feststellen müssen. Wir werden dabei als solche betrachtet, die fähig sind, das vorgesteckte Ziel zu erreichen, während wir doch - gemäss den Belehrungen in Römer 7 - zu lernen haben, dass wir das Gute, das wir wollen, ja gar nicht ausüben können, und dass wir, mit einem Wort, ganz und gar unvermögend sind, weder in uns noch durch uns selbst, irgend etwas für Gott zu tun.

Da wird man mich fragen: Werden wir denn nicht ermahnt, «unsere Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer»? Wird das nicht als «unser vernünftiger Dienst» bezeichnet? (Römer 12,1).

Gewiss, aber weder diese noch andere Bibelstellen über diesen Punkt bestätigen die soeben dargestellte Auffassung der Hingabe. Eine nähere Untersuchung dieser Stellen macht es uns klar. Die erste findet sich in Römer 6. In diesem Kapitel finden wir die Wahrheit unseres Gestorbenseins mit Christo und die Tatsache, dass wir als mit Christo Gestorbene von der Sünde gerechtfertigt (oder freigelassen) sind (Verse 1-7). Dann sagt der Apostel: «Wenn wir aber mit Christo gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, dass Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn. Denn was er gestorben ist, ist er ein für allemal der Sünde gestorben; was er aber lebt, lebt er Gott. Also auch ihr, haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christo Jesu. So herrsche denn nicht die Sünde in eurem sterblichen Leibe, um seinen Lüsten zu gehorchen; stellt auch nicht eure Glieder der Sünde dar zu Werkzeugen der Ungerechtigkeit, sondern stellet euch selbst Gott dar als Lebende aus den Toten, und eure Glieder Gott zu Werkzeugen der Gerechtigkeit. Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade» (Verse 8-14). Hier werden wir also nicht nur als mit Christo gestorben und von der Sünde gerechtfertigt oder freigesprochen betrachtet, sondern wir haben uns auch als «Gott lebend in Christo Jesu» zu halten, da Christus ein für allemal der Sünde gestorben ist und Er das, was Er lebt, Gott lebt. Unser Leib, der von der Sünde freigemacht ist, steht nicht mehr unter ihrer Herrschaft und wir sollen daher - so wird uns hier gesagt - unsere Glieder nicht mehr der Sünde als Werkzeuge der Ungerechtigkeit zur Verfügung stellen. Vielmehr sollen wir uns Gott als Lebende aus den Toten darstellen, d.h. als solche, die mit Christo gestorben sind, jetzt aber in dem aus den Toten auferstandenen Christus neues Leben besitzen.

In welcher Kraft lässt sich dies verwirklichen? In eigener, fleischlicher Willenskraft? Nein, denn wir haben uns ja für tot zu halten, usw. Also kann es nur durch den Heiligen Geist, in der Kraft des neuen Lebens geschehen, das wir in einem auferstandenen Christus besitzen. Als Ergebnis unserer Teilhaberschaft am Tode Christi sind wir nicht mehr der Sünde Sklaven, sondern von ihr befreit. Was werden wir also mit unseren Gliedern tun? Die Antwort findet sich in der Ermahnung dieses Abschnittes: Sie sollen jetzt für Gott Werkzeuge der Gerechtigkeit sein. Denn wie wir uns selbst einerseits der Sünde für tot zu halten haben, so sollen wir uns anderseits als für Gott lebend halten in Christo Jesu. Die in diesem Kapitel gelehrte Wahrheit entspringt diesem elften Vers.

Die schon erwähnte Ermahnung von Römer 12,1: «Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes», gründet sich zwar auf die am Ende des achten Kapitels entwickelte Wahrheit, knüpft aber doch an die Lehre dieses sechsten Kapitels an. Die in der Erlösung entfalteten Erbarmungen Gottes werden uns in diesem Briefe der Reihe nach vorgestellt. Anknüpfend an das, was Gott in Christo für uns ist und was Er getan hat, ermahnt uns der Apostel auf diesem Boden unsere Leiber als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer darzustellen, welches unser vernünftiger Dienst ist. Auch hier, wie im sechsten Kapitel, bezieht sich die Ermahnung auf unsere Leiber - jene von der Sklaverei der Sünde befreiten Leiber, in denen jetzt, nach der Belehrung des achten Kapitels, der Heilige Geist wohnt. Das erklärt den Gedanken des Apostels. Wir haben nicht, wie einst die Priester, ein totes Opfer darzubringen und auf Gottes Altar zu legen, sondern in der Kraft des Heiligen Geistes ein lebendiges und somit fortwährendes Opfer, das Gott dargebracht werden soll, solange wir auf der Erde sind.

Aber wie kann das geschehen? wird man wieder fragen. Durch einen Willensakt? Nein, das wäre unmöglich. Es lässt sich nur auf Grund der Anwendung des Todes verwirklichen, indem Christus unseren Leib regiert, und nicht wir selbst, wie wir es im Nachstehenden noch näher erläutern. Dies ist ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer und gleichzeitig unser vernünftiger Dienst, die Anerkennung dessen, was Gott auf dem Boden der Erlösung zukommt. Mit anderen Worten: Unser Leib gehört Dem, der uns erkauft hat und soll Ihm daher von Augenblick zu Augenblick als ein lebendiges Opfer dargestellt werden, damit Er uns jetzt zu Seiner eigenen Verherrlichung gebrauchen kann, Seinem geliebten Sohne zum Zeugnis.

Nachdem wir nun diese Bibelstellen näher untersucht haben, sind wir vorbereitet, um zu betrachten, was Hingabe in Wirklichkeit ist. Wir wenden uns zu diesem Zweck zuerst einer Stelle im Alten Testament zu, in der uns die Weihe Aarons und seiner Söhne zum Priesteramt beschrieben wird (2.Mose 29). Wenn diese Weihe auch nicht freiwillig geschah, so kann sie uns doch als Bild für die Hingabe dienen. Wir wollen dabei nicht auf Einzelheiten eingehen, sondern nur auf die Bedeutung der Vorgänge, die diese Weihe begleiteten.

Erstens wurden die, die geweiht werden sollten, mit Wasser gewaschen (Vers 4), ein Bild von der Wiedergeburt. Sie besteht in der Tatsache, aus Wasser und Geist geboren zu sein (Joh. 3,5), also in der Anwendung des Wortes auf die Seele durch den Heiligen Geist. Darauf wurden sie unter die Wirksamkeit des Opfers für die Sünde gestellt: Durch das Auflegen ihrer Hände auf dessen Kopf wurden ihre Sünden in bildlicher Weise auf das Opfer übertragen. Das Gericht ging über das Opfer hin, das Blut kam an die Hörner des Altars und das Fleisch, die Haut usw. wurden ausserhalb des Lagers mit Feuer verbrannt (Verse 10-14). So waren nun ihre Sünden hinweggetan und sie selbst zu Gott gebracht gemäss der vollen Annahme des Brandopfers (Verse 15-18). Das alles geschah, um sie für die Weihe fähig zu machen; in dem was folgt, haben wir die Weihe selbst.

Zuerst wurde von dem Blute des Einweihungswidders auf das rechte Ohrläppchen, auf den Daumen der rechten Hand und auf die grosse Zehe des rechten Fusses der Priester getan; das übrige Blut aber wurde an den Altar ringsum gesprengt. Auf uns übertragen bedeutet dies, dass Gott auf Grund des Opfers Christi, entsprechend dem Werte Seines kostbaren Blutes, die völlige Hingabe Seiner Diener und Priester will. Unter die Wirksamkeit dieses Blutes gebracht, sollen sie fortan ausschliesslich auf Gott hören, für Ihn handeln und wandeln. Um einen Preis erkauft, sollen sie in dem Leibe, der Ihm gehört, Ihn verherrlichen. Ferner musste man von dem Blute nehmen und es zusammen mit dem Salböl auf die Priester und ihre Kleider sprengen: Ein Bild von der Kraft, in welcher sich ihr Dienst zu erfüllen hatte. Er sollte nicht in der Energie des Fleisches oder durch eigene Willensanstrengung geschehen, sondern in der Salbung und durch die Kraft des Heiligen Geistes.

In der darauf folgenden Zeremonie ist die heutige Wahrheit der Hingabe dargestellt. Wir wissen alle, dass jene Opfer Vorbilder von Christo sind. Lesen wir also im Lichte dieser Wahrheit, was man mit dem Widder der Einweihung tat Gewisse Teile dieses Opfers wurden mit einem Laib Brot, einem Kuchen geölten Brotes und einem Fladen aus dem Korbe des Ungesäuerten in die Hände Aarons und seiner Söhne gelegt und als Webopfer vor Jehova gewebt. ihre Hände waren also mit Christo gefüllt - Christus in der Hingabe Seines Lebens, wie es durch das ungesäuerte Brot bildlich dargestellt wird (siehe 3.Mose 2 über das Speisopfer); und Christus in Seiner Aufopferung bis zum Tode, dargestellt in dem Vorbilde des Brandopfers. In Wirklichkeit bedeutet das mit Einweihen übersetzte Wort: «die Hände füllen». Indem Aaron und seine Söhne ihre Hände dem Bilde nach mit Christo gefüllt hatten, waren sie eingeweiht, und sie konnten sich mit Ihm, dem einzigen annehmbaren Opfer, vor Jehova hinstellen. Ferner lernen wir hier, dass die Speise der dem Herrn Geweihten aus den Zuneigungen Christi und aus der Kraft Christi, die durch die Brust und die Schenkel des Webopfers vorgebildet sind, bestehen soll. Nur so konnte ihre Weihe oder Hingabe aufrechterhalten und offenbart werden.

Wenn wir nun zu Römer 8 übergehen, so sehen wir, dass die Hingabe genau der in 2.Mose 29 enthaltenen Wahrheit entspricht, nur in einem tieferen Sinn. Ihr aber seid nicht im Fleische», sagt der Apostel, «sondern im Geiste, wenn anders Gottes Geist in euch wohnt. Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot der Sünde wegen, der Geist aber Leben der Gerechtigkeit wegen» (Verse 9-10).

Vers 9 zeigt uns die wahre christliche Stellung, die durch den Besitz des Heiligen Geistes und Sein Wohnen in uns gekennzeichnet ist. Der Ausdruck ist sehr stark. Wenn jemand Christi Geist nicht hat - den Geist, in welchem Christus selbst wandelte und handelte, als Er hienieden war - der ist nicht Sein. Es fehlt ihm das Kennzeichen, dass er Christo angehört. Hier gelangen wir zum gleichen Punkt, wenn auch in einer ausgedehnteren Bedeutung, an dem die Priester standen vor ihrer eigentlichen Einweihung, auf die sie durch die Salbung mit Öl vorbereitet waren. Daher lesen wir im nächsten Vers: «Wenn aber Christus in euch ist» - ebenfalls ein Kennzeichen des Christentums (siehe Kolosser 1,27). Anders ausgedrückt: Nicht nur der Geist Gottes, sondern auch Christus wohnt im Gläubigen. Der Herr sagte im Blick auf die Zeit, wo der Heilige Geist gekommen sein würde: «An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch» (Joh. 14,20). So wird dann in Römer 8,1 gesagt, dass wir in Christo Jesu sind, und im 10. Vers, dass Christus in uns ist, gemäss den soeben erwähnten Worten des Herrn, die erst verstanden werden konnten, als der Heilige Geist gekommen war. Diese Wahrheit, dass Christus in uns ist, ist nun gerade die Quelle unserer Hingabe oder, wie man es auch sagen kann: Unsere Hingabe ist der Ausfluss der Tatsache, dass Christus in uns ist. Wir haben schon gezeigt, dass wir durch die Befreiung in den Besitz der Ruhe und der Kraft gelangen; und nun werden wir sehen, dass die dritte Segnung die Hingabe ist.

Wir lenken die Aufmerksamkeit zuerst auf die Sprechweise des Apostels: «Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot der Sünde wegen, der Geist aber Leben der Gerechtigkeit wegen» (Römer 8,10). Wenn wir diese Stelle richtig verstehen, so erkennen wir, was Hingabe ist. Darum möchte ich sie mit Gottes Hilfe klarzumachen suchen.

Vor unserer Bekehrung, wie wir alle wissen, waren wir es, die unseren Leib regierten. Er diente, entsprechend unserem eigenen Willen, der Erfüllung unserer Aufgaben, unseren Wünschen oder unseren Vergnügungen. In jedem von uns war der eigene Wille die treibende Kraft. Das war es, was der Apostel meinte, wenn er sagte, wir seien früher Sklaven der Sünde gewesen (Röm. 6,16-17). Unser eigener Wille, durch das Fleisch der Macht Satans unterworfen und durch ihn in Bewegung gesetzt, war die höchste Gewalt, die über uns regierte. Das war aber nicht Freiheit, denn «jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht «(Joh. 8,34) und ach! wir lebten nur die Sünde aus, denn die Sünde ist nichts anderes als Unabhängigkeit von Gott; sie ist die Gesetzlosigkeit, das heisst ein zügelloser Wandel ohne Gesetz (1.Joh. 3,4). Sünde bedeutet soviel wie: Nur sich selbst und seine eigenen Wünsche zum Gesetz haben.

Das war es, worin wir lebten. Jetzt aber lesen wir: «Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot der Sünde wegen.» Wenn ich es wagen darf, diesen Satz in andere Worte zu kleiden, so würde ich sagen: Ich weiss, dass, wenn mein eigener Wille in Tätigkeit kommt, nur Sünde daraus resultiert; da jetzt aber Christus in mir ist, halte ich den Leib für tot, damit nicht mehr ich ihn gebrauche, nach meinem Willen, sondern auf dass sich Christus seiner als Werkzeug zur Erfüllung Seines Willens bediene. Wir halten den Leib für tot, weil wir überzeugt sind, dass Sünde entsteht, wenn wir ihn selbst regieren. Nun fügt der Apostel hinzu: «Der Geist aber Leben der Gerechtigkeit wegen.» Wenn wir den Leib für tot halten, so wünschen wir, da Christus in uns ist, dass der Herr und nicht die Sünde sein Gebieter sei, und wir betrachten die Tätigkeit des in uns wohnenden Geistes als das einzige Leben, das wir Christen kennen sollten, wenn wir anders erfüllt sein wollen «mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesum Christum ist, zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes» (Phil. 1,11). Mit andern Worten: Die praktische Gerechtigkeit kann nur dann in unserem Leben hervorgebracht werden, wenn der Leib als ein Gefäss für Christum, in der Kraft des Heiligen Geistes, betrachtet wird.

Nunmehr können wir auf einige Punkte hinweisen, die dem Leser die Wahrheit über die Hingabe auf einfache Weise noch klarer machen. Zuerst stellen wir fest, dass die Hingabe darin besteht, dass Christus die völlige Herrschaft über den Leib der Seinigen hat, so dass er ein Organ ist, der nichts anderes als Ihn Selbst zum Ausdruck bringt. Zwei Schriftstellen werden meinen Gedanken erläutern: «Ich bin mit Christo gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleische lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat» (Gal. 2,20). Der gleiche Apostel schreibt an einer anderen Stelle: «Allezeit das Sterben Jesu am Leibe umhertragend, auf dass auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde» (2.Kor. 4,10). In beiden Stellen haben wir denselben Gedanken: Christus allein soll durch den Leib der Seinen offenbart werden. Der Unterschied zwischen diesen beiden Versen liegt darin, dass im ersten das «Ich» durch Christus ersetzt wird, während der zweite uns das Mittel vorstellt («allezeit das Sterben Jesu am Leibe umhertragen»), durch welches sich «das Leben Jesu» offenbaren kann. Das also ist die Weihe: Christus ist an die Stelle des «Ich» getreten, Er hat die Oberherrschaft in uns, und Er selbst bedient sich unseres Leibes, um inmitten dieser Welt zu offenbaren, was Er ist. Es ist der Wunsch eines jeden aufrichtigen Gläubigen, zu erkennen, wie man zu dieser Hingabe gelangen kann. Wir haben schon daran erinnert, wie glücklich wir gewesen sind, Christum als unseren Stellvertreter am Kreuze anzunehmen. Als uns dann die Wahrheit der Befreiung klar wurde, waren wir glücklich, Ihn als Den anzunehmen, der an unserer Stelle vor Gott steht. Und nun haben wir einen weiteren Schritt zu tun: Wir sollen Ihn als Den annehmen, der nun die Stelle unseres «Ich» einnimmt, als Den, der in dieser Welt unser Leben ist. Wie der Apostel dürfen wir nun sagen: «Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.» Dies wird uns dazu führen, das «Ich» zu verwerfen, in welcher Gestalt es sich auch zeigen mag, weil wir gelernt haben, dass das «Ich» (der eigene Wille) nur böse ist. Nun wird Christus die Triebfeder, der Gegenstand und das Ende von allem sein, was wir sagen oder tun. Er selbst, der allerdings immer vollkommene Mensch, hat uns den Weg zu diesem Ziel gezeigt. Er redete und handelte nie aus sich selbst; d.h. Er schöpfte Seine Worte und Seine Handlungen nicht aus dem Eigenen. Alles war vom Vater, wie Er gesagt hat: «Der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke» (Joh. 5,19; 14,10). Nach dem gleichen Grundsatz soll Er, der in uns ist, durch die Kraft Seines Geistes unsere Worte und unsere Taten hervorbringen, damit sie für Ihn ein Zeugnis und zu Seiner Verherrlichung seien.

Wir begegnen dabei Hindernissen - Er hatte keine. Er war ein vollkommenes Gefäss und konnte sagen: «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.» Wir aber haben noch das Fleisch in uns, und das Fleisch gelüstet immer wider den Geist und sucht in unseren Seelen Seine Macht zu hemmen. Deshalb sagt der Apostel: «Allezeit das Sterben Jesu am Leibe umhertragend», und in Römer 8,13: «Wenn ihr aber durch den Geist die Handlungen des Leibes tötet». Das will sagen: Es ist immer nötig, den Tod auf alles anzuwenden, was wir sind, damit wir in einem gewissen Masse der ungehinderte Ausdruck dessen seien, was Christus ist. Die Kraft, um dies zu verwirklichen, findet sich im Heiligen Geiste, Den wir besitzen.

Nehmen wir zum Beispiel an, ich stehe in einer Versuchung und sei im Begriff, mich gerade dem Zorn hinzugeben oder in irgendeine andere Sünde zu fallen. Sehe ich nun von mir weg auf Christum hin und erinnere ich mich dabei, dass ich durch die Gnade in Seinem Tode mit Ihm einsgemacht bin, dann bin ich durch den Geist fähig, das Fleisch zurückzuweisen, mich der Sünde für tot zu halten. Auf diese Weise hält Christus Seine Herrschaft über mich aufrecht, Er lebt in mir und redet durch mich, anstatt dass das, was ich bin, zum Ausdruck kommt. Daher auch die Ermahnung, den Heiligen Geist nicht zu betrüben (Eph. 4,30). Wenn ich in irgendeiner Form dem Fleische nachgebe und dadurch den Heiligen Geist zum Schweigen bringe, so wird nicht nur der Ausdruck davon, was Christus in mir ist, abgeschwächt, ich verliere dann auch die Kraft, die Handlungen des Leibes zu töten.

Somit, selbst wenn ich Christum als mein Leben hienieden annehme, statt meines alten «Ich», kann die Hingabe nur durch fortwährendes Selbstgericht in der Gegenwart Gottes aufrecht erhalten werden, Tag um Tag, Stunde um Stunde. Das Licht ist es, welches alles offenbar macht. Halte ich mich bewusst in dem Lichte auf, so wie Gott in dem Lichte ist, so werde ich sofort erkennen, wenn etwas nicht damit in Übereinstimmung ist. Ich übe dann Selbstgericht, indem ich meinen Fehltritt bekenne, und meine Weihe bleibt aufrecht erhalten (siehe 1.Johannes 1). Weit entfernt von der gewöhnlichen Auffassung, die Hingabe bestehe in einem entschiedenen Willensakt der Selbstübergabe, sehen wir also, dass sie vielmehr mit der Tatsache beginnt, Christum an die Stelle unseres «Ich» zu setzen und Ihm den vorherrschenden Platz in unserem Herzen und Leben einzuräumen; und diese Hingabe wird durch den fortwährenden Verzicht auf das «Ich» in der Kraft des Heiligen Geistes aufrecht erhalten. Das ist die Hingabe, zu welcher Gott in Seiner unendlichen Barmherzigkeit die befreite Seele hinführt.

Ich muss zwar hinzufügen, dass unsere Hingabe hier in dieser Welt nie vollkommen sein wird. Der Herr Jesus ist der einzige Gott vollkommen geweihte Mensch, und Er ist das Vorbild, dem wir gleichförmig werden sollen. Unsere Hingabe entspricht durchaus dem Masse unserer Gleichförmigkeit mit Ihm. Wer von einer völligen Hingabe seiner selbst spricht, versteht die Schrift falsch; das ist ein noch grösserer Irrtum als zu sagen, sie könne in einem bestimmten Augenblick, durch eine einzige Handlung der Selbstübergabe erreicht werden. Der Herr sagte in Seinem, an den Vater gerichteten Gebet, am Vorabend Seiner Kreuzigung: «Ich heilige mich selbst für sie, auf dass auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit» (Joh. 17,19). Er war immer der wahre Nasiräer gewesen, völlig für Gott abgesondert; jetzt aber stand Er im Begriff, sich selbst zu heiligen, sich auf eine neue Art, nämlich als verherrlichter Mensch, für Gott abzusondern; und als solcher sollte Er das Mass unserer Heiligung - unserer praktischen Heiligung werden. Deshalb sagte Er: «Auf dass auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit», durch Wahrheit in Bezug auf das, was Er ist, als geheiligt und in der Herrlichkeit abgesondert. Für uns ist diese Heiligung demnach fortschreitend, und zwar in dem Verhältnis, wie die «Wahrheit» über unsere Seelen Macht gewinnt.

Der Apostel erklärt uns, wie dies vor sich geht: «Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bilde von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist» (2.Kor. 3,18). Christus in der Herrlichkeit ist vor unseren Seelen, Er ist dort ganz ohne Decke unseren Herzen offenbart; wir betrachten an Ihm die ganze Herrlichkeit Gottes, die auf Seinem Angesicht erglänzt) alle sittlichen Vollkommenheiten, alle Eigenschaften und die ganze geistliche Vortrefflichkeit Gottes, in diesem verherrlichten Menschen vereinigt und offenbart. In dieser Weise mit Ihm, als dem Gegenstand unserer Betrachtung und Wonne beschäftigt, werden wir durch die Macht des Heiligen Geistes nach und nach - denn es heisst: von Herrlichkeit zu Herrlichkeit - in das Bild Dessen verwandelt, auf Den unsere Blicke gerichtet sind.

Aber ich wiederhole es, hienieden werden wir die völlige Verwandlung nach demselben Bilde nie erreichen, denn erst, wenn wir Ihn sehen, wie Er ist, werden wir Ihm gleich sein (1.Joh. 3,2). Die Offenbarung Seines Lebens in unserem Leibe hienieden steht immer im gleichen Verhältnis wie unsere Gleichförmigkeit mit Ihm. Deshalb kann es auf der Erde in dem Streben nach vollkommener, praktischer Heiligkeit keinen Halt geben, ihr Höchstmass ist hienieden nicht erreichbar. Wir sollen im Glauben wohl nach Heiligkeit streben, aber es kann nicht zu stark betont werden, dass die Heiligkeit) von der die Schrift spricht, eine völlige Gleichförmigkeit mit dem verherrlichten Christus ist. Das ist die schriftgemässe Heiligung, und wir können ihr durch Gottes Gnade täglich näher kommen. Sie wird aber erst dann unser völliges Teil sein, wenn wir unseren teuren Heiland von Angesicht zu Angesicht sehen. Zu gleicher Zeit werden jene, die die Wahrheit der Erlösung erkannt haben und in die Freude der Befreiung eingetreten sind, nur einen Wunsch haben, nämlich, dass Christus und nur Er allein die Vorrangstellung und den Platz der Oberherrschaft in ihrem Herzen und in ihrem Leben einnehme und sie völlig regiere.

Zum Schluss skizziere ich kurz die Charakterzüge, die den gottgeweihten Gläubigen kennzeichnen.

  • Vor allem hat er keinen eigenen Willen. Er sagt, wie der Apostel: «Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.» Da er mit Christo gekreuzigt ist, ist er vor Gott mit seinem an den alten Menschen gebundenen, eigenen Willen zu Ende gekommen. Er behandelt ihn folglich als eine gerichtete Sache und lehnt seine Tätigkeit ab. Der Wille Christi ist sein einziges Gesetz. Ihm gehört er ganz und gar an, damit der Herr allein ihn regiere.
  • Ferner sucht der hingegebene Gläubige ausschliesslich die Verherrlichung Christi. Als der Apostel im Gefängnis war und die Möglichkeit des Märtyrertodes vor sich sah, was sagte er da? «Nach meiner sehnlichen Erwartung und Hoffnung, dass ich in nichts werde zu Schanden werden, sondern mit aller Freimütigkeit, wie allezeit, so auch jetzt Christus hoch erhoben werden wird an meinem Leibe, sei es durch Leben oder durch Tod» (Phil. 1,20). Das «Ich» war seinen Augen entschwunden, nur die Verherrlichung Christi erfüllte seine Seele.
  • Christus war auch das ein und alles, das Ziel, der Beweggrund und der Gegenstand des Lebens des Apostels und das war das sichere Kennzeichen seiner Hingabe. «Das Leben ist für mich Christus», sagte er. Und obwohl für ihn das Sterben Gewinn gewesen wäre, wollte er nicht selber wählen, weil Christus alles für ihn war und Er allein es wusste, wie der Apostel Ihm am besten dienen konnte.
  • Schliesslich bestand seine Hoffnung darin, bei Christo zu sein. Wenn Christus der Gegenstand unserer Zuneigungen ist, wenn Er unsere Herzen erfüllt, kennen wir nichts anderes, als vorwärts zu schauen, dem Augenblick entgegen, wo wir bei Ihm sein werden. «Wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein»; das Herz strebt immer darnach, bei seinem Schatz zu sein. Steht dann der Tod vor dem hingegebenen Gläubigen, so wird auch er mit Paulus sagen: «Abzuscheiden und bei Christo zu sein, ist weit besser». Ist aber der Tod noch nicht vor ihm, so wird er in der glückseligen Hoffnung der Wiederkunft des Herrn leben, in der Erwartung, für immer bei Ihm zu sein. Er selbst hat gesagt: «Siehe, ich komme bald.» Und das Herz dessen, der Ihm geweiht ist, antwortet: «Amen, komm Herr Jesu!»
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Letzte Änderung am 27.03.2010.