Eli als Priester und Vater
Halte fest Jahrgang 1961 - Seite: 129 - Verfasser: H. W.
Ein Herz für die Dinge des Herrn
Über diesen Priester, Propheten und Richter in Israel werden uns nicht viele Einzelheiten mitgeteilt. Wir finden sie alle in den ersten Kapiteln des 1. Buches Samuel.
Zudem hat alles, was von ihm gesagt wird, auf die Zeit Bezug, da er schon ein alter Mann war (siehe 1.Sam. 2,22; 3,2; 4,15.18). Doch versetzen uns diese Mitteilungen in die Lage, uns von ihm ein Bild zu machen und so Belehrung daraus zu schöpfen. Denn diese Dinge sind zu unserer Warnung niedergeschrieben.
Von seiner vierzigjährigen Richterschaft werden uns keine Einzelheiten mitgeteilt. Und nur in seinem Gespräch mit Hanna sehen wir ihn als Propheten auftreten. Er wird uns hauptsächlich als Priester vor die Augen geführt. Als solcher nahm er unter dem Volke eine reich begnadigte und darum auch verantwortliche Stellung ein.
Das erste, was uns von diesem Manne Gottes gesagt wird, finden wir in 1.Sam. 1,9. Der Priester Eil sass auf dem Stuhle an einem der Türpfosten des Tempels Jehovas, worin sich die Bundeslade befand, auf der Gott inmitten Seines Volkes wohnen wollte. Wir können wohl annehmen, dass dieses Heiligtum von Eli als der wichtigste Ort betrachtet wurde. Dahin ging das Verlangen seines Herzens, und der Dienst im Heiligtum nahm all sein Denken und Handeln in Beschlag. Aus Kapitel 4,13 und 18 geht deutlich hervor, welch einen grossen Platz die Lade Gottes in seinem Herzen und Leben einnahm.
Unwillkürlich denken wir dabei an das, was wir in Psalm 84 lesen: «Es sehnt sich, ja, es schmachtet meine Seele nach den Vorhöfen Jehovas; mein Herz und mein Fleisch rufen laut nach dem lebendigen Gott... Deine Altäre, Jehova der Heerscharen, mein König und mein Gott! Glückselig, die da wohnen in deinem Hause! stets werden sie dich loben.»
In dieser Liebe und Hingebung ist Eli für uns ein anspornendes Beispiel. Auch jetzt hat Gott ein Haus auf der Erde, einen Ort, wo Er wohnen will. Aber es ist nicht mehr ein Zelt, auch nicht ein Haus mit Händen gemacht, sondern es ist Seine Versammlung, ein lebendiges Haus, aus lebendigen Steinen gebaut. Von Eli lesen wir, dass sein Herz wegen der Lade Gottes voll Sorge war, obwohl er in seiner Verantwortlichkeit gefehlt hatte.
Auch Paulus sagte, dass die Sorge um alle Versammlungen täglich auf ihn andringe (2.Kor. 11,28). Das ging zweifellos noch weiter, als das, was Eli kennzeichnete. Aber in ganz verschiedenen Zusammenhängen finden wir bei beiden dieselbe Herzensgesinnung, die auch uns kennzeichnen soll. Nehmen die «Dinge des Herrn» auch in unseren Herzen einen solch grossen Raum ein? Sind auch unsere Herzen mit Sorge erfüllt über die Belange der Versammlung Gottes auf der Erde? Sind wir eifrig und voller Hingebung, wenn es um die Wahrung der Dinge des Herrn und die Belange der Seinen geht?
Auch bei Timotheus nehmen wir diese Gesinnung deutlich wahr. Paulus sagte, dass er niemand habe, «der von Herzen für das Eure besorgt sein wird», als diesen Timotheus (Phil. 2,20). Aber dieser treue Diener sollte nicht nur über die Herde wachen; er wurde auch ermahnt, acht zu haben auf die Lehre, und vor allem acht zu haben auf sich selbst (1.Tim.4,16).
Worin Eli gefehlt hat
Und nun kommen wir beim Studium des Lebens Elis und seines Dienstes zu dem Punkt, worin er gefehlt hat. Und auch daraus können wir wichtige Lehren ziehen.
In Psalm 84 werden nicht allein jene glückselig gepriesen, die im Hause des Herrn wohnen, sondern auch die, in deren Herzen gebahnte Wege sind. Diese beiden Dinge gehören unbedingt zusammen. Die Wahrung der Dinge des Herrn ist ohne ein sorgfältiges Achthaben auf sich selbst unmöglich. Es könnte sein, dass man für das Werk des Herrn mit Eifer erfüllt ist und seine ganze Zeit und Kraft in den Dienst für andere stellt, dabei aber die Sorge um seinen eigenen Herzenszustand vernachlässigt und die Gefahren und das Zukurzkommen im eigenen Leben oder in der eigenen Familie nicht sieht.
Das Streben nach persönlicher Gemeinschaft mit dem Herrn, das persönliche Gebet, die Anwendung des Wortes Gottes auf das eigene Herz und Gewissen muss unserem Dienst vorangehen.
Würde es uns nicht befremden, wenn ein Gärtner seinen eigenen Garten vernachlässigte, wenn ein Maler für den Unterhalt seines eigenen Hauses nicht sorgte, wenn ein Schuhmacher seine eigenen Kinder mit defekten Schuhen herumlaufen liesse, oder wenn ein Lehrer die Erziehung seiner Kinder vernachlässigte? Und doch geschehen solche Dinge.
Wie viel schlimmere Folgen aber zieht der Mangel an Wachsamkeit über sein eigenes Herz und Haus nach sich, wenn es um den Dienst des Herrn geht! Der Dienst wird dadurch in seinen Ergebnissen unweigerlich nutzlos und kraftlos werden. Es kann nichts Gutes mehr davon ausgehen und der Herr selbst wird ihm ein Ende machen. Das sehen wir im Leben und im Dienst Elis anhand einiger Stellen in diesen Kapiteln. Selbstverständlich spüren wir diesen Dingen nicht nach, um den alten Diener des Herrn zu verurteilen, sondern um für uns selbst nützliche Belehrungen daraus zu ziehen.
Das Wort des Herrn war selten
«Und das Wort Jehovas war selten in jenen Tagen, Gesichte waren nicht häufig» (1.Sam. 3,1).
Zweifellos wird dadurch der traurige Zustand des Volkes im Allgemeinen geschildert. Aber dieses Wort betraf doch besonders die Priester und vor allem die Person Elis. Als Priester war er berufen, das Gesetz zu lehren und das Wort Gottes zu erklären.
Aber es war bei ihm so weit gekommen, dass Gott einen anderen Diener gebrauchen musste, um ihm seinen verkehrten Zustand vor Augen zu stellen.
In welch einem traurigen Zustand ist ein Diener des Herrn, wenn in seinem Leben das Wort selten wird und seine Sicht nicht mehr klar ist!
Vor allem ist es nötig, dass man sich selbst von dem Worte nährt, dass es auf das eigene Herz und Leben seine reinigende Kraft ausübt und darin einen zentralen Platz einnimmt. Dann bildet sich eine gute, klare Einsicht in die Gedanken Gottes, und das Wort kann dann auch mit Überzeugung und Kraft an andere weitergegeben werden.
Welch ein Unterschied besteht doch zwischen dem ersten und dem 21. Vers im dritten Kapitel! «Und Jehova fuhr fort in Silo zu erscheinen; denn Jehova offenbarte sich dem Samuel in Silo durch das Wort Jehovas.»
Was musste es für das Herz Gottes gewesen sein, einen Mann zu finden, dessen Herz offen stand, um Sein Wort zu empfangen und an andere weiter zu geben!
Ist diese persönliche Gemeinschaft mit Gott nicht vorhanden und kann Er durch Seinen Geist nicht in uns wirken, wird der Dienst unfruchtbar sein, auch wenn viel Eifer und Energie an den Tag gelegt wird. Wir mögen dabei über noch so viel Schriftkenntnis, die an sich selbst gut ist, verfügen, so dass wir die Worte wie Wasser aus dem Hahn hervorströmen lassen können, - sie werden nicht von geistlicher Kraft und Segen begleitet sein.
Ein ungerechtes Urteil
Das Gespräch in 1.Sam. 1,13.14 offenbart ein seltsames Gemisch von geistlicher Einsicht und einer völlig verkehrten Beurteilung Hannas durch Eli.
Den tiefen Schmerz dieser Frau und ihr unhörbares Rufen zu Gott bezeichnete er als Auswirkung der Trunkenheit! Und ohne die Sache ernstlich zu prüfen, kam ein hartes Urteil über seine Lippen. Ja, wie hart war sein Urteil über diese arme, betrübte Seele im Vergleich zu den Worten, die er brauchte, um den eigenen Söhnen ihr erschreckend gottloses Betragen vor Augen zu führen!
Zum Glück hat er seinen Fehler eingesehen und Gott brauchte ihn dann, um in das wunde Herz dieser Frau Öl zu giessen und ihr durch ein prophetisches Wort grosse Freude zu geben.
Aber alle, die berufen sind, in irgendeiner Weise Seelsorge auszuüben - und wir alle haben die Aufgabe, auf einander acht zu geben - finden hier eine ernste Warnung. Wie leicht können wir durch eine oberflächliche Beurteilung äusserlicher Dinge zu einem völlig verkehrten Urteil und zur Verurteilung anderer kommen! Und wer kann ermessen, wie viel geistlicher Schaden dann durch solche harten Worte angerichtet wird, die vielleicht in bester Meinung ausgesprochen werden!
Träge im Verstehen
«Da erkannte Eli, dass Jehova den Knaben rief» (1.Sam. 3,8). Das hatte reichlich lange gedauert! Erst als Samuel zum dritten Male mit den gehörten Worten zu Eli kam, begriff dieser, dass es die Stimme des Herrn sein musste! Woher kam es, dass er so träge war im Hören, so träge im Verstehen? Auch das war eine Folge seines geistlichen Zustandes und hat auch uns etwas zu sagen! Petrus ist gewiss nicht der einzige gewesen, für den der Hahn zweimal krähen musste!
«Rede Herr, denn dein Knecht hört!» Glückselig die Seele, die diese Worte verstanden hat und verwirklicht! Wir sind in Gefahr, unsere eigenen Worte so wichtig zu finden, dass wir gar nicht mehr zum Hören kommen.
«Wendet euch schweigend zu mir» (Jes. 41,1). Wie wichtig sind diese Worte für alle, die vom Herrn gebraucht zu werden wünschen. Und in Jesaja 50,4 wird prophetisch auf den Herrn Jesus, den vollkommenen Diener Gottes auf der Erde hingewiesen: Er liess sich jeden Morgen das Ohr wecken, um zu hören. Unsere rastlose Wirksamkeit, unser tätiges Naturell und so viele andere Dinge können die Ursachen sein, dass wir die Stimme des Herrn in Seinem Worte und daher auch die Leitung des Geistes nicht erkennen. Dann wird sich der Dienst des Wortes nicht in uns auswirken können.
Lasst uns nicht träge sein im Hören und nicht träge im Verstehen!
Die Erziehung seiner Söhne
Was uns in 1.Samuel 2,12 über die Söhne Elis mitgeteilt wird, ist sehr schlimm.
Sie waren jetzt erwachsene Männer, und Eli war ein Greis geworden. Wir mögen vielleicht sagen, man habe ihn für das schändliche Betragen seiner gottlosen Söhne doch nicht mehr verantwortlich machen können. Aber Gott denkt anders.
Im 27. Vers lesen wir, dass Gott einen Diener, einen Mann Gottes, sandte, um ihm seine grosse Verfehlung in der Erziehung seiner Söhne zum Bewusstsein zu bringen. Auch hier finden wir den wichtigen Grundsatz, dass jemandes Verantwortlichkeit entsprechend der ihm erwiesenen Gnade zunimmt. Das war bei Eli der Fall. Wie sehr hat er hierin gefehlt! Konnte ihm persönlich in der Ausübung seines Priesterdienstes auch nichts zur Last gelegt werden, so wurden ihm die schrecklichen Sünden seiner Söhne doch zugerechnet, und er wurde dafür verantwortlich gemacht. Es waren ernste Dinge, auf die ihn der Mann Gottes aufmerksam machte. Die Verordnungen des Herrn waren missachtet und mit Füssen getreten worden. Er hatte seine Söhne mehr geehrt als Gott.
Das angekündigte Urteil ist schrecklich. Seine beiden Söhne würden an einem Tage sterben und die Priesterschaft würde von seinem Hause weggenommen und einem anderen gegeben werden.
Dieses strenge Urteil über einen alten Mann wegen des schlechten Betragens seiner erwachsenen Söhne mag uns ungerechtfertigt erscheinen. Aber wir müssen bedenken, dass Eli nicht immer ein alter Mann gewesen war und dass seine Söhne nicht als Erwachsene geboren wurden.
Es geht deutlich hervor, dass Eli schon früher in der Erziehung seiner Söhne sehr gefehlt hat. Es ist zwar den Vätern nicht gegeben, aus ihren Kindern gehorsame und unterwürfige und noch viel weniger gottesfürchtige Menschen zu machen. Weder gestern noch heute war es so.
Aber wenn wir für irgendeine Pflichterfüllung in ernstem Flehen die Hilfe des Herrn erwarten dürfen, dann doch ganz bestimmt gerade für diese uns von Gott aufgetragene Aufgabe. Und wir können unmöglich mit Freimütigkeit um Hilfe und Leitung bitten, wenn wir dabei die deutlichen Aussprüche Gottes in den Wind schlagen. Sowohl das Neue - als auch das Alte Testament enthält im Hinblick auf die Erziehung der Kinder eine Menge deutlicher Unterweisungen.
Aus dem ganzen Zusammenhang geht klar hervor, dass Eli bei all seinen Bemühungen und seiner Sorge um das Haus des Herrn, seine Aufgabe in der eigenen Familie vernachlässigt hat. Die Treue auf der einen Seite lässt sich mit der Untreue auf der andern Seite durchaus nicht vereinbaren, wie wir auch aus 1.Tim. 3,2-5 entnehmen können.
Auffallend ist es auch, dass mit keinem Wort erwähnt wird, wie diese Botschaft des Mannes Gottes von Eli aufgenommen wurde. Hat er dessen ernste Warnung einfach über sich hingehen lassen, und ist er in seiner gewohnten Weise weitergegangen?
War es zu spät und hatte er seinen Einfluss über seine Söhne schon völlig verloren? Wir wissen es nicht.
Die zweite Warnung
Gott fand es später nötig, Eli durch den Dienst des jungen Samuel noch einmal auf diese Dinge aufmerksam zu machen (Kap. 3,11-18). In diesen Versen werden noch ein paar Einzelheiten hinzugefügt: Eli hatte um die Ungerechtigkeit seiner Söhne gewusst.
Vielleicht hat er anfänglich vor dem schlechten Betragen seiner Kinder die Augen geschlossen. Das kommt noch mehr vor. Es ist der bequemste Weg. Vielleicht hat er auch ihr Tun ein wenig beschönigt. Auch das kommt vor. Aber schliesslich konnte er seine Augen nicht mehr davor verschliessen. Es wurde darüber gesprochen. Das anstössige Betragen von Hophni und Pinehas wurde allen bekannt. In Kapitel 2,22 lesen wir, dass Eli von den bösen Handlungen seiner Söhne hörte. Es ist an sich schon bedenklich, wenn ein Vater von der Aussenwelt hören muss, dass es um seine Kinder nicht gut steht. Man kann einwenden, Eli sei nun eben alt und blind gewesen. Das mag sein, aber es kommt auch vor, dass sich die Väter angesichts der Missstände in der eigenen Familie absichtlich blind stellen, statt in der Kraft, die der Herr geben will, in der rechten Weise dagegen aufzutreten.
Als zweite Einzelheit sei erwähnt, dass Gott zu Samuel sagte, Eli habe seinen Söhnen nicht gewehrt. Tiefgreifende Massnahmen wären da am Platze gewesen. Aber nicht einmal dieses «Wehren» hatte stattgefunden. Die schwache Zurechtweisung, in Kapitel 2,24, verdient diesen Namen nicht.
Das Ende
Armer Eli! Auf seinen eigenen Wunsch erzählte ihm Samuel alles, was der Herr zu ihm gesprochen hatte. Und dann kam seine Antwort: «Er ist Jehova; er tue, was gut ist in seinen Augen.» Auch diese Worte könnte man in einem ungünstigen Sinne auslegen. Wir wollen es aber nicht tun. Wir wollen lieber die Anerkennung seiner eigenen Schuld und die Rechtfertigung Gottes darin sehen. Wer dies tut, hat es mit einem vergebenden Gott zu tun.
Doch war es unmöglich, den entstandenen Schaden wieder gut zu machen und dessen schreckliche Folgen abzuwenden. Wie ernst ist dies! Wie muss es zum Herzen aller sprechen, die noch junge Kinder haben und sie veranlassen, ihre Aufgabe ernst zu nehmen und die Kinder in der Furcht des Herrn aufzuziehen!
Am Ende der Geschichte finden wir Eli auf einem Stuhle sitzend an der Seite des Weges. Seinen Platz am Türpfosten des Tempels Jehovas, wo wir ihn am Anfang der Geschichte sitzen sahen, hat er verlassen. Was hatte er dort noch zu tun, da die Lade nicht mehr darin war? Die Sorge um sie machte sein Herz jetzt tief erzittern.
Den Bericht von der Niederlage des Volkes konnte er noch ertragen, selbst die Botschaft vom Tode seiner Söhne. Als er aber hörte, dass auch die Lade weggenommen sei, da fiel er rücklings von seinem Stuhle und starb.
Wie deutlich kam hier zum Ausdruck, dass ihm die Dinge des Herrn zu Herzen gingen! Und darin wird er als ein Vorbild vor uns hingestellt. Lasst uns diesem Vorbild nachtrachten, aber dabei auch die andere Lektion zu Herzen nehmen, die Gott uns durch Seine Geschichte lehren will.