Gemeinschaft
Halte fest Jahrgang 1962 - Seite: 19
Gemeinschaft mit Gott ist das grösste Vorrecht, das der Schöpfer Seinem Geschöpf gewähren konnte. Ein Engel kann dienen und loben; die Gemeinschaft jedoch kennt er nicht. Diese steht über der Erde, über dem Heil, über den Himmeln; sie erhebt mich bis zu Gott selbst, und zwar nicht, um aus der Ferne Ihm zu dienen und Ihn anzubeten, sondern um, wie ein Sohn im Schosse seines Vaters, Seine Stimme zu hören, Seine Gegenwart zu geniessen, Seine Hand auf meinem Haupte zu spüren und mit Ihm jene Beziehungen zu pflegen, die nur zwischen einem Vater und seinen Söhnen bestehen können. Diese kostbare Segnung ist nun mein Teil für immer. Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und dem Sohne durch den Heiligen Geist. Das Gebet wird ein Ende nehmen, die Gemeinschaft jedoch nie.
Wenn zwei Personen Gemeinschaft pflegen, so haben sie etwas Gemeinsames. Sie teilen etwas miteinander; nicht so, dass der eine gibt und der andere empfängt, sondern dass beide geben und beide empfangen. Nicht nur der eine redet und der andere hört zu, sondern beide reden und beide hören zu. Wenn zwischen zweien Gemeinschaft besteht, stellt sich nicht der eine über den anderen, sondern beide befinden sich in der Sache, die sie beschäftigt, auf der gleichen Ebene. So verschieden auch ihre soziale Stellung ist, hier neigt sich der Grössere herab und der Kleinere hebt sich zu ihm empor, bis sie sich, Hand in Hand, von Angesicht zu Angesicht sehen und ihre Herzen sich berühren. Das ist das Wesen einer wahren und glücklichen Gemeinschaft. O Wunder der Wunder, das ist unsere Stellung vor unserem Herrn Jesus Christus! «Gott... durch welchen ihr berufen worden seid in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn» (1.Kor. 1,9).
Aber wie kann dies sein? Ist es auch wirklich wahr? Ich darf mit Ihm Gemeinschaft haben? Ich Erdenwurm mit dem König der Könige? Der erste der Sünder mit dem Herrn der Herrlichkeit? Das Kind Adams mit dem Sohne Gottes? Ja, Gott sei ewig Dank! Es ist so.
Lasst uns diesen Gegenstand erforschen, lasst uns ergründen, welch grosse Dinge Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben! Möge der Sachwalter, den Gott in unsere Herzen gesandt hat, unsere Seelen damit erfüllen; um uns dadurch näher zu Christo zu bringen, zu einer engeren Vertrautheit mit Ihm in all unseren Gedanken und zu einem tieferen Genuss Seiner Liebe!
Gemeinschaft mit dem verherrlichten Herrn
Wer aber ist es, in Dessen Gemeinschaft ich, bis dahin ein armer, verlorener Sünder, berufen worden bin? Es ist Der, Dessen Herrlichkeiten unzählbar sind und alles, was wir erdenken können, weit übertreffen. Welche Gnade, dass Er uns an diesen Herrlichkeiten teilhaben lässt!
Er nimmt als Sohn Gottes, als eine der Personen der Gottheit eine über alles erhabene Stellung ein. - Als Mensch hienieden aber sagte Er zu den Seinen: «Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott» (Joh. 20,17).
Er ist der Erbe aller Dinge. - Wir sind darin Seine Miterben (Hebr. 1,2; Römer 8,17).
Er ist Priester in Ewigkeit. - Auch wir sind Priester Seinem Gott und Vater (Hebr. 7,17.21; Offb. 1,6). Er ist König. - Auch uns hat Er zu Königen gemacht (Offb. 1,6).
Er hat den Sieg davon getragen. - Wir sind mehr als Überwinder durch Den, der uns geliebt hat (Kol. 2,15; Römer 8,37).
Er ist als Mensch auferstanden und verherrlicht; Er ist Gottes Vielgeliebten - Er sagt: «Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben; auf dass die Welt erkenne, dass du ... sie geliebt hast, gleichwie du mich geliebt hast» (Joh. 17,22-23). Er hat sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt. - Gott «hat uns mitauferweckt und mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christo Jesu» (Hebr. 1,3; Epheser 2,6).
In Ihm, dem «Auserwählten Gottes» - sind auch wir auserwählt vor Grundlegung der Welt (Lukas 23,35; Epheser 1,4).
Er ist unsere Fülle, - und, O wunderbares Geheimnis, auch wir sind Seine Fülle (Eph. 1,23). Gott ... «setzte ihn zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern, über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen, und hat alles seinen Füssen unterworfen ... als Haupt über alles». - Hier aber werden wir wohl nicht mehr in Seiner Gesellschaft bleiben können? Mitnichten: Er ist «als Haupt über alles der Versammlung gegeben!» (Eph. 1,20-22). Er will diese allerhöchste Stellung nicht ohne uns einnehmen. Gott hat uns als Erben Gottes, als die Miterben, die Glieder, die Genossen und Freunde Christi zum Anteil an der Herrlichkeit Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn, berufen.
Ja, zu welcher Herrlichkeit sind wir berufen! Und sie erscheint uns noch viel grösser, wenn wir daran denken, was Der, welcher uns daran teilhaben lässt, in sich selbst ist. Er, der Abglanz der Herrlichkeit Gottes, der Abdruck Seines Wesens, hat sich bis zu uns herab geneigt: «Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat er» - statt uns umkommen zu lassen - «in gleicher Weise an denselben teilgenommen» (Hebr. 2,14). Als der Tod, der gerechte Lohn für unsere abscheulichen Sünden, über unseren Häuptern schwebte, ward Er «gehorsam bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze» (Phil. 2,8). Als wir, in einem Zustand des Verfalles, der Sünde und des Elends, Engeln und Dämonen ein Schauspiel der Verkommenheit boten, hat sich der Sohn, der in des Vaters Schoss ist und in der Herrlichkeit des Himmels war, zu nichts gemacht und ist für uns den Weg des Leidens gegangen, um Seinen Thron und Seine Herrlichkeit mit uns teilen zu können, um uns zu Himmelsbürgern zu machen und zu Gliedern der Familie Gottes im Hause Seines Vaters.
Welch ein Gegenstand der Anbetung ist Er für uns! Er wird der erhabene Inhalt unserer Lobgesänge im Himmel sein, die sich, zum Preise der Herrlichkeit Seiner Gnade, in alle Ewigkeit in Wechselreimen ablösen werden!
Gemeinschaft mit dem verworfenen Herrn
Aber hat uns Gott denn nur in die Gemeinschaft der Herrlichkeit Seines Sohnes berufen? Gewiss nicht. Wir haben sowohl an Seiner Betrübnis als auch an Seiner Freude teil; an Seinen Trübsalen wie auch an Seinem Triumph; an Seiner Erniedrigung und Verwerfung wie auch an Seiner Verherrlichung; wir sind sowohl hienieden mit Ihm vereinigt wie wir es auch droben im Himmel sein werden.
Diese Gemeinschaft ist göttlich. Unter Menschen, bei rein menschlichen Zuneigungen, kann es vorkommen, dass, solange es einem wohlgeht, man innig miteinander verbunden ist; in der Prüfung jedoch den Betrübten verlässt. Oder, wenn von zweien, die in einer gemeinsamen Prüfung verbunden waren, der eine befreit wird, dann erinnert er sich nicht mehr an den andern, so, wie der Oberste der Schenken, als er wieder in sein Amt eingesetzt war, Joseph im Gefängnis vergass (1.Mose 40,23). Bei unserem teuren Herrn ist es nicht so. Er hat uns vor Grundlegung der Welt geliebt. Haben Seine Vorsätze der Liebe eine Änderung erfahren, als der Mensch in Sünde fiel? Hat Er uns vergessen? Nein, vielmehr ist Er Mensch geworden, um Seinen Platz in unserer Mitte, unter uns Sündern einzunehmen und uns zu erlösen. Und nun, da Er, mit Herrlichkeit bekleidet, zur Rechten Gottes sitzt, verachtet Er die Geringen, die Seine Freunde waren? Nein, und tausendmal nein! Er ist treu und ändert sich nie. Er ist Derselbe, gestern, ehe die Welt war, heute, am Tage der Prüfung und der Trübsal, und ist es auch in der Ewigkeit, wo es kein Geschrei mehr geben und jede Träne von unseren Augen abgewischt sein wird. «Es gibt einen, der liebt und anhänglicher ist als ein Bruder» (Spr. 18,24). Dieser Freund ist unser Herr Jesus!
Lasst uns auch diese andere Seite der Wahrheit, die wir soeben erwähnt haben, mit einigen Schriftstellen belegen:
Ist Christus von der Welt verworfen? - Die Freunde und Knechte Christi sind es auch (Joh. 15,20).
Wird Er von der Welt gehasst? Auch wir (Joh. 15,19).
Er war nicht von dieser Welt. - Auch wir nicht (Joh. 17,14. 16).
Sein Vater hatte Ihn in die Welt gesandt. - Der Herr hat auch uns in die Welt gesandt (Joh. 17,18).
Er war das Licht der Welt. - Auch wir sind nun «Licht in dem Herrn» und dürfen ein Licht sein in dieser Welt (Joh. 8,12; Matth. 5,14, Eph. 5,8; Phil. 2,15).
Er brachte den schuldigen und gefallenen Menschen die Botschaft der Liebe. - Das ist auch unsere grosse Aufgabe (Mark. 16,15).
Er hat Sein Kreuz aufgenommen und getragen. - Auch wir sollen Sein Kreuz aufnehmen (Matth. 10,38).
Er ist durch Leiden in Seine Herrlichkeit eingegangen. - Wenn wir mitleiden, werden auch wir mitverherrlicht (Luk. 24,26; Röm. 8,17).
Der Apostel sagt: «Gleichwie er ist sind auch wir in dieser Welt». «Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist» (1.Joh. 4,17; 3,2). Er musste in allem Seinen Brüdern gleich werden, damit sie Ihm gleichförmig würden.
Es geht um die Gemeinschaft mit einer Person
Und nun, wozu dies alles? Weshalb hat sich der Herr der Herrlichkeit so sehr erniedrigt? Weshalb hat Er uns so hoch erhoben? Weshalb hat Er uns diese Wahrheiten offenbart? - Ich zögere nicht zu sagen: Auf dass Er mit uns Gemeinschaft habe und wir mit Ihm. Wir verkündigen euch dies, sagt Johannes, «auf dass auch ihr mit uns Gemeinschaft habet; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus» (1.Joh. 1,3). Sowohl hier als auch in der Herrlichkeit wird dies so sein. Unser Herr wird immer Seine Lust an Seinen Erlösten haben, und wir unsererseits werden uns allezeit in Ihm freuen, der uns liebt und uns von unseren Sünden gewaschen hat in Seinem Blute. Diese wechselseitige Freude beginnt schon jetzt, solange wir noch in diesem Leibe und abwesend vom Herrn sind. Gewiss, sie wird erst im Himmel vollkommen sein; aber es ist so wichtig, dass wir sie schon auf der Erde, in diesem gegenwärtigen bösen Zeitlauf, immer besser verwirklichen lernen, damit wir uns nicht zu den nichtigen Dingen dieser Welt wenden.
Diese erhabenen und herrlichen Wahrheiten erlaben und stärken und demütigen uns. Aber, beachten wir es wohl, wenn wir sie nicht in der Gemeinschaft Dessen erforschen und geniessen, der sie für uns zur Tatsache gemacht hat, so wird ihre Ergründung nur dazu dienen, uns hochmütig zu machen, wie geschrieben steht: «Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut» (1.Kor. 8,1).
Der Heilige Geist macht es sich zur Aufgabe, uns in die ganze Wahrheit einzuführen. Aber es gibt noch mehr. Der Herr sagt: «Er wird von mir zeugen. Er wird mich verherrlichen» (Joh. 15,26; 16,14). Wenn die Wahrheit, die wir lernen, uns nicht näher zu dem Sohn und zu dem Vater führt, wenn das Licht und die Wahrheit, die von Gott kommen, uns nicht zu dem Berge Seiner Heiligkeit leiten, werden sie uns nichts nützen. Dessen können wir gewiss sein.
Jesus sehen, mit dem Auge des Glaubens, auf Grund der uns über Ihn offenbarten Wahrheit - das ist es, was uns errettet und was uns auf unserem Wege aufrecht hält, in Erwartung des glückseligen Augenblicks, wo wir Ihn in Seiner ganzen Pracht, von Angesicht zu Angesicht, sehen werden.
Wenn ich nicht, wie David, einzig danach trachte, zu wohnen in Seinem Hause alle Tage meines Lebens, um Seine Lieblichkeit anzuschauen und nach Ihm zu forschen (Ps. 27,4), so gibt es bei mir kein Fruchttragen, keine Freude im Herrn, keine Liebe, keinen wahren Frieden, keine Heiligkeit. Das war es auch, wovon der Herr sprach, als Er sagte: «Ausser mir könnt ihr nichts tun.» Das war «das gute Teil», das von Maria, die zu Seinen Füssen sass, und Ihm zuhörte, nicht genommen werden sollte. Das ist wahre Gemeinschaft: Er wohnt in uns und wir in Ihm; Er geniesst unsere Liebe und wir die Seine; Er hört unsere Worte und wir die Seinigen; Er nimmt Anteil an unseren Leiden und wir denken an Seinen Leidensweg hienieden; Seine Freude ist die unsere und unsere Freude die Seine; Er wartet auf uns und wir warten auf Ihn; Er ist fortwährend mit uns beschäftigt, und wir dürfen uns beständig mit Ihm beschäftigen.