Geistliche Leitung
Halte fest Jahrgang 1981 - Seite: 53
«Ich will dich unterweisen und dich lehren den Weg, den du wandeln sollst; mein Auge auf dich richtend, will ich dir raten. Seid nicht wie ein Ross, wie ein Maultier, das keinen Verstand hat; mit Zaum und Zügel, ihrem Schmucke, musst du sie bändigen, sonst nahen sie dir nicht» (Psalm 32,8.9)
Zu der Segnung, dass die Übertretung vergeben, die Sünde zugedeckt ist und die Ungerechtigkeit nicht zugerechnet wird, kommt eine neue Art der Leitung hinzu - die Leitung durch das Auge, das Auge Dessen, der den Gläubigen aus freier Gnade gerechtfertigt hat, durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist.
Als es Jehova gefiel, Israel aus Ägypten zu erlösen, wurde Er selbst ihr Leiter. Israel brauchte Führung und Jehova ging vor dem Volk her in einer Wolkensäule bei Tag und einer Feuersäule bei Nacht. Das tat Er, um für sie in der Wüste einen Ruheort zu finden. Das war gewiss eine gesegnete Führung in genauer Übereinstimmung mit dem Charakter der damals geoffenbarten Erlösung - dem Schatten einer viel tieferen Wirklichkeit. Aber es war nicht eine Leitung durch das Verständnis. Da war keine Gemeinschaft der Seele mit Jehova nötig, um diese Führung zu erkennen: «Die Wolke Jehovas war ... vor den Augen des ganzen Hauses Israel, auf allen ihren Zügen» (2.Mose 40,38).
Aber jetzt ist es das eigentliche Ziel der Erlösung, uns in die Gemeinschaft mit den Gedanken und Wegen Gottes zu bringen; und eine Leitung, wie Israel sie kannte, würde nicht unserer Stellung entsprechen. «Der Knecht weiss nicht, was sein Herr tut» (Joh. 15,15). Er geht und kommt auf dessen Geheiss, weiss aber den Grund dafür nicht. Ein solcher Charakter des Gehorsams entspräche den heutigen Erlösten nicht, die die Segnung der völligen Vergebung ihrer Übertretung kennen und daher Zugang haben zu den Gedanken und Ratschlüssen Gottes selbst. «Wir haben Christi Sinn.» Der Gehorsam, der jetzt dem Gläubigen zusteht, ist verständnisvoller Gehorsam: «Seid verständig, was der Wille des Herrn sei» (Eph. 5,17); «prüfet, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist» (Röm. 12,2).
Wie nötig ist Gemeinschaft mit Gott, um den Wandel eines Gläubigen zu leiten! Durch die Vernachlässigung dieser Gemeinschaft ziehen wir viel Züchtigung auf uns herab. Gott will seinen Weg mit uns gehen. Aber wir sind oft wie ein Ross oder ein Maultier, das keinen Verstand hat: Wir verstehen den Willen Gottes nicht, weil wir nicht die Leitung seines Auges erforschen; wir werden dann durch Umstände geleitet, nicht durch den Geist.
Wo immer der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Wir wandeln in weitem Raum, wenn wir vor dem Herrn wandeln.
Aber so oft wendet sich jeder auf seinen Weg, und dann hat Gott Zaum und Zügel für uns. Er gebraucht diese sonst für seine Feinde: «Wegen deines Tobens wider mich und weil dein Übermut in meine Ohren heraufgekommen ist, so werde ich meinen Ring in deine Nase legen und mein Gebiss in deine Lippen, und werde dich zurückführen...», so sagte Er zum König von Assyrien. Ja, wie manchmal benötigen wir Kinder Gottes, zu unserer Schande sei es gesagt, Zaum und Zügel, damit wir von dem eigenen Weg zurückkehren, den wir gegangen sind! Wer hätte nicht zu bekennen, dass der richtige Pfad, der unter der Leitung durch das Auge so leicht hätte gefunden werden können, erst nach viel schmerzlicher und demütigender Züchtigung erreicht wurde? Die vielfachen Beweise gegenwärtiger Schwachheit zeigen eines sehr deutlich: das geringe Vertrauen der Gläubigen auf ihren mannigfaltigen Wegen in die Leitung des Geistes. So wenige gehen als solche voran, die bewusst vom Geist geführt werden.
Von manchen wird eine solche Leitung nicht einmal als Grundsatz anerkannt. Lediglich die Leitung der Vorsehung wird als Führung betrachtet. Aber kann man diese überhaupt so nennen? Denn die Fügungen der Vorsehung in unseren Umständen, wie auch unsere Eigenwilligkeit und Launenhaftigkeit, die dabei im Spiele sind, können schwerlich Leitung sein.
Aber selbst da, wo man den Grundsatz der Leitung des Geistes durch unser Verständnis als Vorrecht der Gläubigen aufrechterhält, wie leicht stützt man sich da auf eine Anordnung der Vorsehung als Grundlage für sein Handeln!
Daher kennzeichnen uns Unsicherheit oder das Nachfolgen den Schritten anderer; aber das ist ein Wandeln nach dem Sichtbaren, nicht Leben «aus Glauben». Es kommt aus der Gewohnheit hervor, unsere Segnungen nur in Verbindung mit der Errettung und nicht als das zu betrachten, was uns in die Gegenwart Gottes führt.
Möchte uns doch das kennzeichnen, was der Apostel von den Thessalonichern sagen konnte: dass ihr Werk des Glaubens, ihre Bemühung der Liebe und ihr Ausharren der Hoffnung auf unseren Herrn Jesum Christum «vor unserem Gott und Vater» geschah! (1.Thess. 1,3).