Weltlichkeit: Die Gefahr der Weltlichkeit
Halte fest Jahrgang 1962 - Seite: 176
«Liebt nicht die Welt, noch was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.» (1. Joh. 2,15-17).
In den Schriften des Neuen Testamentes sind zwei griechische Hauptwörter mit dem einen Ausdruck «Welt» übersetzt: kosmos, das hier und in allen Schriften des Johannes gebraucht wird; und aion, das wir hauptsächlich im Matthäus-Evangelium und in den Schriften des Apostels Paulus finden. Die Grundbedeutung dieser beiden Wörter ist völlig verschieden:
- kosmos bedeutet «Ordnung» oder «Schönheit» oder auch «Universum, Weltall»
- aion «Zeitalter» oder «Verwaltung»
- aeion «etwas fortwährend Existierendes» oder «der Lauf des Lebens»
Aion bringt hauptsächlich Zeit und Zustand zum Ausdruck, während kosmos in erster Linie die materielle Welt bezeichnet.
«Seid nicht gleichförmig dieser Welt» (aion) (Röm. 12,2), also dem Lauf der Dinge, in welchem wir leben, der anderswo «Zeitlauf (aion) dieser Welt» (kosmos) (Eph. 2,2) genannt wird. In dieser zweiten Stelle sind bedeutsamerweise beide Wörter zusammengestellt; auch Satan ist sowohl der Fürst dieser Welt (kosmos), als auch der Gott dieses Zeitlaufs (aion). (Joh. 14,30; Joh. 16,11; 2. Kor. 4,4).
Die Welt war so, wie sie aus den Händen Gottes hervorging, in der Tat ein kosmos, ein Gebilde der Schönheit, auf das Er mit Wohlgefallen herabblicken und das Er «sehr gut» nennen konnte, und die Erde in ihr war eine geeignete Stätte für des Menschen Wohnung, so wie auch der materielle Teil des Menschen, das Fleisch, das passende Gefäss für dessen Geist war. Aber wie das «Fleisch» nach dem Eintritt der Sünde die neue, wesentliche Bedeutung erhielt, als von etwas unverbesserlich Bösem, so hat der Ausdruck «die Welt» an sehr vielen Stellen, auch in den Versen, die wir jetzt betrachten, eine sittliche Bedeutung. Die Welt, wie sie aus Gottes Händen hervorkam, ist die eine Sache; das, was durch den Eintritt der Sünde aus ihr wurde, leider eine ganz andere.
Und doch ist die uns umgebende Schöpfung, trotz ihrer Narben, die von Sünde zeugen, auch heute noch eine Sache von Schönheit. «Wie viele sind deiner Werke, HERR! Du hast sie alle mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll deiner Reichtümer. Dieses Meer, gross und ausgedehnt...» (Psalm 104.24.25). Gerade dadurch, dass Gott dem Hiob einige Seiner Werke in der Schöpfung vor Augen stellte, brachte Er ihn vor Sich in den Staub. (Hiob 38 – 41). Auch in den Psalmen finden wir immer wieder das Zeugnis Seiner Schöpfung. Und als der Sohn, der in des Vaters Schoss ist, herabkam, um den Namen des Vaters kundzutun, da pflückte Er so manche Blume göttlicher Wahrheit auf dem Felde der Natur. Samen, Lilien, Sperlinge waren in Seinen Händen geeignete Bilder von des Vaters Macht, Weisheit und Sorgfalt.
«Gross sind die Taten des HERRN, sie werden erforscht von allen, die Gefallen an ihnen haben.» (Psalm 111,2). Alles in der Schöpfung spricht von Gott, der darin nicht nur Beweise Seiner Existenz, Seiner ewigen Kraft und Göttlichkeit gibt, sondern dadurch auch in mannigfaltiger Weise Sein Wesen offenbart. (Röm. 1,20). Er ist ein gnädiger Gott und barmherzig, «gütig in allen Seinen Taten (oder Werken)» (Psalm 145,17); dies kommt in der mannigfachen und reichlichen Vorsorge für die Bedürfnisse aller Seiner Geschöpfe, auch der geringsten unter ihnen, zum Ausdruck. Er hat Erde, Meer und Himmel mit Farben der Lieblichkeit gemalt, und die Mannigfaltigkeit und der verschwenderische Überfluss aller Dinge in der Natur deuten im Vorbild auf die unendliche Fülle hin, die in Gott ist.
Die Lehren der Gnade, wie sie in der Schrift offenbart werden, sind in der Natur vorgeschattet. Hätten wir nur Augen und Herzen dafür! Wechselnde Jahreszeiten, Sturm und Sonnenschein, alles spricht von Gott, alles soll uns, wenn das Licht der Offenbarung uns leitet, Seinen Charakter zeigen.
Nun kommen wir zu der Frage: Was ist eigentlich Weltlichkeit? - Es ist die Liebe zur gefallenen Welt, aus der Gott ausgeschlossen ist. - Das ist es, was uns die Schriftstelle am Eingang dieser kurzen Betrachtung lehrt. Was nicht «vom Vater» ist, ist «von der Welt». Die auf die Welt gerichtete Lust bezeichnet sie als «Lust des Fleisches, Lust der Augen und Hochmut des Lebens», ein Verlangen, das sich immer nur für den Augenblick befriedigen lässt.
Habsucht, das Verlangen, etwas zu besitzen, was wir nicht haben, ist Götzendienst. (Kol. 3,5). Gott wird beiseite gesetzt. Umgekehrt kann dann, wo Er Seinen Platz hat, keine Habsucht, keine Lust sein. Wir sind zufrieden mit Seiner Fülle. «Er hat gesagt: Ich will dich nicht versäumen, noch dich verlassen». (Hebr. 13,5). Wo der Vater ausgeschlossen ist, da schmachtet die Seele; besässe sie auch die ganze Welt, so bliebe sie doch dürre und leer. Gott allein kann das Herz füllen, und die Welt ist durch die Sünde eine gottlose Welt geworden.
Weltlichkeit kann sich in mancherlei Weise äussern: Als verdorbene, meist sinnliche Lust des Fleisches, oder als Lust der Augen im Anschauen, oder als ein Trachten nach Ehre, Macht und Ansehen, Reichtum und Besitz, das heisst, als «Hochmut des Lebens», der sich dieser Dinge rühmt. Auf welche Weise die Welt auch immer von den Herzen Besitz nehmen mag, es ist stets dasselbe: Der «Vater» ist nicht darin.
Gerade in dieser Weise fiel auch Eva den Betrügereien Satans zum Opfer: «Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Speise, und dass er eine Lust für die Augen, und dass der Baum begehrenswert wäre, um Einsicht zu geben; und sie nahm von seiner Frucht und ass, und sie gab auch ihrem Manne mit ihr, und er ass». (1. Mose 3,69. Die Frucht war «gut zur Speise»; sie entsprach der Lust des Fleisches, dem rein sinnlichen Verlangen; sie war auch eine «Lust für die Augen» und versprach dazu noch «Einsicht zu geben», was schon immer die Hauptnahrung für den Hochmut war. Evas Sünde bestand darin, dass sie die Befriedigung dieser Lüste an die Stelle Gottes setzte, in offenem Ungehorsam gegen Ihn.
Kain wandte Gott den Rücken zu, baute sich eine Stadt und liess sich ruhig darin nieder, um sich ihrer zu erfreuen. Hierin wurde seine schreckliche Abtrünnigkeit noch deutlicher sichtbar als bei seinem früheren Ausruf: «Zu gross ist meine Strafe, dass ich sie tragen könnte.» (1. Mose 4,13).
Als Lot seine Augen aufhob und sah, dass die ganze bewässerte Ebene von Sodom und Gomorra gleich dem Garten Jehovas war - nur Gott war aus jenen Städten ausgeschlossen - da tat er seinen ersten Schritt auf dem Wege, der so schändlich in jener Höhle auf dem Gebirge endete.
So lasst uns nie leichtfertig mit dem umgehen, was die Wurzel des Abweichens von Gott ist! Der Apostel beschreibt den hoffnungslosen Zustand der Nationen mit den Worten: «Ohne Gott in der Welt». (Eph. 2,12). Mit Tränen warnt er vor solchen, deren Ende Verderben und deren Ehre in ihrer Schande ist, ... und beschreibt sie als solche, «die auf das Irdische sinnen». (Phil. 3,18.19). Das eigentliche Wesen der Weltlichkeit liegt also im Ausschliessen Gottes. Dabei tut es nicht so viel zur Sache, von was Er ausgeschlossen ist. In Hanoch, der Stadt Kains, gab es nicht nur Gewalttat, da gab es auch Viehzucht und allerlei Handwerk, und ihre Bewohner lauschten gerne auf die Klänge der Lauten und Flöten. Aber sowohl das Böse, wie auch das Nützliche und Harmlose, alles geschah «fern vom Angesicht Jehovas» (1. Mose 4,16); jene Menschen lebten ohne Gott in ihrer Welt und fragten nicht nach Seinem Willen.
Wir haben somit einen tiefen Blick in die Wesensart der Weltlichkeit getan. Über ihre verheerenden Folgen brauchen wir nicht mehr viel zu sagen.
Räumt man im Herzen der Welt einen Platz ein, so kommt Kälte. Ist dein Herz kalt, mein Bruder? Bist du, wie Israel, des süssen Mannas überdrüssig geworden? Oh, dann gib acht! Der Lauch, der Knoblauch und die Melonen Ägyptens haben dich von unserem Herrn abgezogen! Nur wenn wir «in dem Licht wandeln, wie er in dem Licht ist, so haben wir Gemeinschaft miteinander». (1. Joh. 1,7). Schleicht sich aber die Weltlichkeit ein, so verlieren wir die Gemeinschaft mit Gott; sehr leicht kommen Spaltungen hinzu, die das Volk Gottes trennen; die Arbeit am Evangelium hört auf oder wird zu einer blossen Routinesache; alle geistliche Tätigkeit schläft ein; die Tür für manche offene Sünde ist weit aufgetan, wenn die Gnade Gottes nicht das Schlimmste verhütet. Es mag das Geschäft, es mag das Vergnügen, es mögen an sich gute und harmlose Dinge sein, die in unseren Herzen Gott beiseitesetzen; wenn sie aber zu diesem Ergebnisse führen, so haben sie ihr Werk getan. Oh, was für Verwüstungen hat die Weltlichkeit schon hervorgebracht! Wie manchen heiteren, tätigen und frommen Christen hat sie überwältigt!
Wir sprechen von der Gefahr der Weltlichkeit. Denken wir ja nicht, dieses Übel sei weit von uns entfernt! Sie umgibt uns und bedrängt uns von jeder Seite. Sie wirkt unter der leitenden Hand ihres Meisters mit aller Energie und wartet nur darauf, einen Einbruch zu erzielen. Sie ist heimtückisch und verlockend. Sie übt ihre Anziehungskraft sowohl auf junge wie auch auf reifere Christen aus. Wie der Wüstensand nach den Oasen greift, wie die See gegen die Deiche anstürmt, so bedrängt uns die Welt. Lasst uns auf der Hut sein! Wie gut kannte der Herr diese Gefahr; und Er betete: «Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen.» (Joh. 17,15).
Drei Gefahren bedrohen die Kirche: Falsche Lehre, Spaltungen und Weltlichkeit; und wir können mit Sicherheit sagen, dass die Kraft zur Entfaltung der ersten beiden ihre Wurzel in der Weltlichkeit hat.
Gibt es ein Schutz- und Heilmittel gegen die Weltlichkeit? Kein anderes als des Vaters Gegenwart. Die Welt ist durch Seine Abwesenheit gekennzeichnet; da aber, wo Er gegenwärtig ist, ist Glaube und auch Sieg über die Welt.
Wie bedeutsam, wie anziehend ist das Wort «Vater!» Es erinnert uns an den «Sohn», durch Den wir Söhne geworden sind und Zugang zu dem Vater haben. Es redet von inniger Verbindung, von Nähe und Zuneigung. Es redet nicht von einem Platze, obwohl es auch diesen andeutet, sondern es erinnert uns an eine Person. Der Platz allein könnte keine Heiligkeit hervorrufen, aber wo die Gegenwart des Vaters ist, kann die Sünde ihr Haupt nicht erheben.
Wie lieblich und wie einfach ist doch dieses Heilmittel! Haben wir in unserem Herzen der Welt einen Platz eingeräumt? Hat als Folge davon die Herzenskälte von uns Besitz ergriffen? Oh, dann lasst uns zum Vater umkehren! Möge uns keine Ausflucht daran hindern! Es gibt nichts, was das Kind mit Recht von der Freude am Vater abhalten dürfte. Wie tief das Untersinken in die Welt auch war, wie lange es auch anhielt - die Ansprüche des Vaters sind stärker, Seine Gnade, Seine wiederherstellende Gnade, ist allgenügend.
Wir leben in Zeiten erschreckender Weltlichkeit. Wie in den Tagen Kains benutzt der Mensch auch heute die Erfindungen und Genussmittel dieses Zeitalters, um Gott vor sich zu verbergen. In der Christenheit sogar, die ein Zeugnis für Den sein sollte, der nicht von dieser Welt war, befindet sich die Heimstätte der Weltlichkeit. Es ist tief schmerzlich, zu sehen, wie die in ihr bekundete Frömmigkeit vielfach so sehr mit der Welt verknüpft ist. Sie ist dann nur eine «Form der Gottseligkeit».
Möge es Gott gefallen, Sein teures Volk aufzuwecken! Oh, was für Schmach, Schande und Unehre ist durch die Christen auf Seinen heiligen Namen gebracht worden!
Weder scheinheilige Selbstkasteiung, die nur leere Täuschung ist, noch Gesetzlichkeit, die in Knechtschaft führt, tut uns not, sondern völlige Hingabe an Den, der uns liebt. Sie besteht darin, dass Er unsere Herzen besitzen und regieren kann. Dann ist es unsere Freude, in Seiner Gegenwart zu wellen. «Damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.» (Joh. 17,26).