Halte Fest
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Besonderheiten im Leben Jesu

Halte fest Jahrgang 2001 - Seite: 180 - Verfasser: M.Seibel

Übersicht

1) Vom Heiligen Geist gezeugt
2) In einer Krippe liegend
3) Seinen Eltern untertan
4) Worte der Gnade
5) Kein Platz für sein Haupt
6) Ermüdet
7) Auf einem Kopfkissen schlafend
8) Das leuchtende Angesicht
9) Den Feigenbaum verfluchend

 

Das Leben unseres Retters, Jesus Christus, wird uns vor allem in den Evangelien beschrieben. Eine Reihe von Begebenheiten und Hinweisen über unseren Herrn finden wir mehr als einmal erwähnt. Bestimmte Einzelheiten werden jedoch nur einmal genannt. In der Folge wollen wir uns solche einmal erwähnten Besonderheiten im Leben des Herrn Jesus in Erinnerung rufen.

Im Blick auf die Schwangerschaft der Maria sagte der Engel des Herrn zu Joseph: «Das in ihr Gezeugte ist von dem Heiligen Geist» (Matth. 1,20).

Grundsätzlich gibt es zwei Stationen, die jeder Mensch zu durchlaufen hat: seine Geburt und seinen Tod. Diese beiden Eckpfeiler eines menschlichen Lebens hat auch unser Herr erlebt. Er ist geboren worden, und Er ist gestorben. Das zeigt uns, dass Er vollkommen Mensch ist. Aber in beiden Eckpfeilern des menschlichen Lebens finden wir in Bezug auf den Herrn Jesus, wie unendlich erhaben Er über uns steht. Es ist wahr, dass Er geboren wurde. Doch Er wurde nicht durch den Willen des Mannes gezeugt (Joh. 1,13). Nein, es war Gott selbst, der Heilige Geist, der den Menschen Jesus Christus gezeugt hat. Christus hat also keinen Anteil an der sündigen Natur des Menschen, denn seine Natur ist durch vollkommene Heiligkeit und Reinheit gekennzeichnet. Daher war es für Ihn nicht nur undenkbar, sondern unmöglich zu sündigen, denn Sünde ist nicht in Ihm (1. Joh. 3,5).

In Lukas 1,35 lesen wir von dieser für uns Menschen geheimnisvollen Tatsache. Da sagte der Engel Gabriel zu Maria, der Mutter Jesu: «Der Heilige Geist wird auf dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten.» Der vollkommene Mensch Jesus ist nicht einfach ein Mensch unter Menschen, nein, Er ist der Sohn des Menschen, der zugleich der Sohn Gottes ist. Diese übernatürliche, göttliche Zeugung macht deutlich: Dieser von einer Frau geborene Mensch ist niemand anders als Gott selbst.

Hier stossen wir auf ein Geheimnis: Es gibt nur einen Menschen, von dem die Schrift mit Recht sagen kann, dass Er im Fleisch gekommen ist. Denn Er war schon vor Grundlegung der Welt der ewige Sohn des ewigen Vaters. Doch es war der Ratschluss Gottes, dass dieser Sohn in der Fülle der Zeit Mensch werden sollte, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Gott legt Wert darauf, dass wir in Bezug auf die Menschwerdung seines Sohnes wissen, dass sie durch den Heiligen Geist bewirkt wurde.

Die Worte des Evangelisten Lukas erinnern uns an die Einweihung der Stiftshütte: «Die Wolke bedeckte das Zelt der Zusammenkunft, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnung. Und Mose konnte nicht in das Zelt der Zusammenkunft hineingehen; denn die Wolke ruhte darauf, und die Herrlichkeit des Herrn erfüllte die Wohnung» (2. Mose 40,34.35). So, wie Mose nicht in das Zelt hineingehen konnte, können auch wir nicht in das Geheimnis der Person des Sohnes des Menschen hineinschauen, der zugleich der Sohn Gottes ist. Doch wir wissen, dass die Herrlichkeit Gottes in Ihm wohnt, da es Gott selbst war, der Maria überschattete.

So verneigen wir uns nicht nur vor dem gestorbenen und auferweckten Christus, sondern wir bewundern schon das kleine Kind in der Krippe, das auch in jenem Augenblick die Herrlichkeit des ewigen Gottes ausstrahlte. Den meisten Menschen ist dies bis heute verborgen. Für unsere Augen des Glaubens aber ist es kostbar, dies zu betrachten, während unsere Herzen von dieser Person angezogen werden.

Eine weitere Einzelheit, die nur einmal erwähnt wird, finden wir in Lukas 2,7: «Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Raum für sie war.»

Wir staunen, wenn wir sehen, welche Familie und welchen Geburtsort der Schöpfer des Universums wählte. Wir Menschen werden ohne unser Zutun geboren. Die Umstände, in die wir hineingeboren werden, können wir nicht beeinflussen. Das war bei unserem Herrn Jesus Christus völlig anders. Er hätte, wenn es seinen Plänen entsprochen hätte, eine würdevolle, reiche und gebildete Familie für sich wählen können. Er hätte auch einen königlichen Geburtsort für sich beanspruchen können. Vielleicht hätten wir so etwas für Ihn – und auch für uns – ausgewählt, wenn wir hätten entscheiden können.

Aber der ewige Gott wählte eine arme Familie, die im Handwerk tätig war. Er bestimmt eine Futterkrippe als sein erstes Bett. Hier können wir nur bewundernd vor Ihm auf unsere Knie fallen. Es bleibt natürlich wahr, dass der Mensch in seiner Verantwortung den Retter der Welt schon bei seiner Geburt ablehnte und Ihm diesen unwürdigen Platz zuwies. Doch wenn Christus es gewollt hätte, dann wäre es Ihm ein Leichtes gewesen, diese Ablehnung sofort zu bestrafen, um einen würdigeren Platz zu erhalten. Aber das war nicht die Absicht unseres Heilands.

Er wollte diesen einfachen Platz in dieser einfachen Familie einnehmen. Er suchte von Geburt an nicht die Ehre der Menschen, sondern die Wertschätzung seines Gottes und Vaters. So war Er bereit, diesen «ausgestossenen» Platz einzunehmen, um Hirten auf dem Feld eine unvergessliche Begegnung mit dem Heiligen, dem Sohn Gottes, zu ermöglichen. Denn Er war gekommen, um die Ausgestossenen, die Sünder, zu erretten.

Auch an diesem elenden Platz konnte die Herrlichkeit des Sohnes Gottes nicht verborgen bleiben: Die Krippe hinderte Gott nicht daran, Ihm Anbeter zuzuführen – wenn es auch «nur» diese Hirten waren. Das bewirkte Gott in jeder Lebenssituation unseres Herrn. Sein Weg führte von der Krippe über die Werkstatt des Zimmermanns, die Häuser von Fischern, Zöllnern und Sündern bis an das Kreuz. Keiner dieser Orte war von äusserer Herrlichkeit umstrahlt. Er aber erfüllte diese Stätten mit seiner Herrlichkeit – und immer gab es solche, die seine damals eher verborgene moralische Herrlichkeit erfassten und sich auf seine Seite stellten. Und sind es nicht gerade diese Orte, die uns in den Evangelien besonders beschrieben werden? Christus ist einfach anders als jeder andere Mensch. Seine Wahl war immer die Wahl der Demut und Gnade, und gerade das lässt seine göttliche Herrlichkeit auf einmalige Weise hervorstrahlen.

Wie beeindruckt dies unsere Herzen, Ihn, den Allmächtigen, bei den Ärmsten und Einfältigsten dieser Welt wiederzufinden! Wie grossartig und tief ist seine Liebe!

Auf eine weitere nur einmal erwähnte Bemerkung stossen wir in Lukas 2,51: «Und er (Jesus) ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth, und er war ihnen untertan.»

Der Geist Gottes hat es für gut befunden, uns fast keine Einzelheiten über die Jugendzeit unseres Herrn mitzuteilen. Doch an dieser Stelle im Lukas-Evangelium lüftet Gott den Schleier über diese Zeit, damit wir eine erstaunliche Entdeckung machen können. Der ewige Gott, dem jedes Wesen, nicht nur die Menschen, auch die Engel, in jeder Hinsicht verantwortlich sind, kommt als Mensch auf diese Erde - und ist als Kind jenen untertan, die Ihm für genau diese Erziehung verantwortlich sind.

Sein Verhältnis als Kind zu seinen Eltern bewegt unsere Herzen. Er hätte seinen Eltern sicher in vielen Punkten aufzeigen können, wie und wo sie hätten besser handeln können. Er tut es nicht, sondern ist ihnen untertan. Das ist mehr als Gehorsam, denn er umfasst auch eine Gesinnung der Unterwürfigkeit, die sich in keinem Moment seiner Jugend gegen die Eltern aufgelehnt hat. Nein, Er ist ihnen untertan. Er befolgt ihre Anweisungen und Gebote, Er liebt seine Eltern nicht nur mit göttlicher Liebe, sondern auch mit der aufrichtigen Liebe eines gehorsamen Kindes - und das in Vollkommenheit. Auch wenn dieses Kind Gott ist - der ewig Seiende -, so unterwirft Er sich als Mensch seinen eigenen göttlichen Geboten - in aller Einsicht, Entschiedenheit und Freude.

Gerade bei der Gelegenheit, wo der Herr Jesus im Tempel seine göttliche Weisheit offenbart, so dass alle ausser sich geraten, und wo Er seinen Eltern deutlich machen muss, dass Er in dem sein muss, was seines Vaters ist, lesen wir, dass Er seinen Eltern untertan war. Seine Weisheit führte nicht dazu, dass Er seinen Eltern vorausging, nein, Er folgte ihnen gehorsam nach. Und das, obwohl Er seinen Eltern schon jahrelang vorgelebt hatte, dass Er aus einer anderen Welt kam und einen ewigen Vater hatte.

Nur durch seinen liebenden Gehorsam können wir wohl erklären, dass seine Mutter alle Worte, die Er zu seinen Eltern sprach, in ihrem Herzen bewahrte. Und wir staunen angesichts der Tatsache, dass bei Ihm das Wachstum, das seine vollkommene Menschheit offenbart, Hand in Hand mit souveräner Weisheit geht, die vollkommen offenbart, dass Er Gott ist, so dass Wachstum gar nicht möglich ist. Wir sind als Menschen nicht in der Lage, das zu begreifen. Aber wir dürfen davon beeindruckt sein und unsere Herzen dieser Person öffnen.

Welche Freude muss das für seinen Vater gewesen sein, der Ihn vom Himmel her «beobachtete». Der ewige Sohn lebte als Sohn eines Handwerker-Ehepaars, und das in völligem Gehorsam: Das ganze Wohlgefallen des Vaters ruhte auf Ihm!

4) Worte der Gnade

Eine weitere Einzelheit, die nur einmal erwähnt wird, finden wir in Lukas 4,22: «Alle gaben ihm Zeugnis und verwunderten sich über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen; und sie sprachen: Ist dieser nicht der Sohn Josephs?»

Nachdem der Herr Jesus im Anschluss an die Taufe durch Johannes von Gott selbst als sein geliebter Sohn bezeugt wurde - also gewissermassen Gottes öffentliche Anerkennung fand -, führte Ihn der Heilige Geist in die Wüste. Dort erfuhr Er zu Beginn seines Dienstes die erste grosse Prüfung. Er wurde sowohl durch schwierige äussere Bedingungen als auch durch den Teufel versucht. Doch Er ging aus allem siegreich hervor.

Das erste, was uns danach im Lukas-Evangelium berichtet wird, sind seine Besuche in verschiedenen Synagogen von Galiläa. In Nazareth las Er aus dem Propheten Jesaja vor. Dieser Prophet spricht an vielen Stellen in einmaliger Weise vom Retter für Israel. So auch in Kapitel 61, wo die Salbung des Herrn durch den Geist betont wird. Diese Salbung hat zum Ziel, dem Volk Rettung und Befreiung zu predigen.

Hatte das Volk so etwas verdient? Lebten die Menschen nicht in völligem Unglauben? Haben sie ihren Retter nicht von Anfang an abgelehnt? Doch! Umso erstaunlicher ist es, dass der Herr Jesus ihnen nun dieses Wort der Errettung ankündigt, nicht aber die Gerichte über das Volk oder die Rache an ihren Feinden, die direkt im Anschluss an die von Ihm gelesenen Verse in Jesaja und an manchen anderen Stellen des Propheten zu finden sind. Denn wenn Christus als der Gesalbte eingeführt wird, ist nur von Gnade und Segen für Israel die Rede.

Hier ist es Gnade in seiner herrlichen Person, voll von Heiligem Geist, um die Gnade Gottes, der treu zu seinen Verheissungen steht, auszudrücken und die Müden und Gebeugten aufzurichten. Hier offenbarte sich Segen vor ihren Augen. In reiner und absoluter Gnade stellte sich der Heiland seinem Volk vor.

Er war nicht gekommen, um zu verdammen, sondern um zu retten. Seine Worte sollten die Menschen an das Herz Gottes, des Vaters, führen. Christus ist das wahrhaftige Licht, das jede Ungerechtigkeit verurteilt. Doch Er kam, getrieben durch Liebe, und brachte durch Wort und Tat göttliche Gnade zu den Menschen.

Wie oft mag in dieser Synagoge das Gesetz vorgelesen worden sein? Nie hatten die Zuhörer jedoch bisher erlebt, dass ihnen eine solche göttliche Güte begegnete. Das war nur möglich, weil Gott selbst unter ihnen war. Über die Lippen des Herrn war in Wahrheit Holdseligkeit ausgegossen worden (Ps. 45,2), und das spürten die Zuhörer.

Nur Gott kann in solch unumschränkter Gnade kommen und diese den Sündern anbieten. Sie staunten angesichts dieser Worte der Gnade, fragten sich aber sofort, wie dieser Sohn Josephs solches aussprechen konnte.

Es gibt für den natürlichen Menschen kaum ein grösseres Ärgernis, als wenn ihm in Gnade begegnet wird. Es ist wahr, dass auch dann, als der Herr Jesus später seinen Feinden oder ungläubigen Menschen gegenüber deutliche und scharfe Worte gebrauchte, die Gnade nicht fehlte. Doch gerade zu Beginn seiner öffentlichen Laufbahn äusserte Er sich in einer besonderen und einmaligen Weise in Güte.

Gnade steigt auf die niedrigste Stufe, zu den geringsten Bedürfnissen hinab. Doch der Mensch verachtet sie, weil sie in Demut kommt. Auch wenn er Gott dahinter sieht, kann er diese Demütigung nicht ertragen und zeigt den Hass seines Herzens. Gottes Gnade wird verachtet, seine Souveränität gehasst. Gott verachtete Nazareth nicht, aber der Mensch verachtete Jesus, weil Er aus Nazareth kam. So war es nicht von ungefähr, dass diese einmalige Erwähnung seiner Worte der Gnade gerade an dem Ort geschah, von dem selbst ein treuer Jude wie Nathanael nichts Gutes erwartete.

Ob wir uns immer bewusst sind, welche Worte der Gnade aus dem Mund unseres Retters und Herrn hervorkommen?

Eine weitere Einzelheit wird wohl zweimal erwähnt, aber nur bei einer Gelegenheit. In Matthäus 8,20 und Lukas 9,58 sagt der Schöpfer und Erhalter des Universums als abhängiger Mensch: «Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege.»

Es ist erstaunlich, dass wir diese Begebenheit im Matthäus-Evangelium in Verbindung mit dem Wirken des Herrn in Galiläa in der ersten Zeit seines Dienstes finden. Im Bericht von Lukas lesen wir erst nach der Szene auf dem Berg der Verklärung davon. Im Matthäus-Evangelium will der Geist zeigen, dass, während der Herr ein Herz voller Liebe für die Juden hatte - und dies trotz ihres Unglaubens -, Israel dagegen kein Herz für Ihn hatte.

Er hatte nicht einmal einen Ort, wo Er sein Haupt hätte hinlegen können. Welch eine Situation für den Messias Israels! Er musste jemandem, der Ihm nachfolgen wollte, sagen, dass die Füchse Höhlen haben und die Vögel Nester - also Ruheorte; nicht so jedoch der Sohn des Menschen.

Er war der Verachtete und Verworfene bei den Menschen. Er hatte nirgends einen Platz, wo Er seinen Kopf hätte hinlegen können. Die Erde hatte mehr Raum übrig für Füchse und Vögel als für Ihn, den wir zuvor als den Herrn über Krankheiten und Not sehen.

Was wir hier finden, zeigte sich schon bei seiner Geburt: Man hatte damals keinen Platz für Ihn, so dass Er in eine Krippe gelegt wurde. Jetzt hatte Er nicht einmal einen Platz, wo Er regelmässig seinen Kopf zur Ruhe legen konnte.

Die Schöpfung ist in seiner Hand. Er hat sie gemacht, und Er ist ihr Erhalter. Auch wenn sie voller Unordnung erscheinen mag, das Zepter ist nach wie vor in seiner Hand; es ist Ihm keineswegs entglitten. Inmitten dieser Schöpfung finden wir den Herrn des Universums völlig bescheiden in Bezug auf die Umstände eines Weges, auf dem sich alles gegen Ihn zu richten scheint. Ja, Er verzichtete auf alles, was Ihm zustand. Doch wo wären wir, wenn Er seine Autorität zurückzöge? Aber im Blick auf die Umstände hatten die Füchse ihre Höhlen, und für die Vögel des Himmels wurde besser gesorgt als für Ihn.

Mit Recht ist gesagt worden, dass der Herr Jesus auf dieser Erde nichts besass. Er hatte kein Bett, als Er geboren wurde und in seine Schöpfung eintrat. Er hatte später kein eigenes Haus, denn es scheint, dass Er stets bei anderen wohnte. Er besass kein Kopfkissen, um sein Haupt darauf zu legen. Er hatte kein Geld, sondern «musste» einem Fisch befehlen, das Nötige herbeizubringen. Zuletzt nahm man Ihm sogar seine Kleider weg. So zählte Er zu den Armen des Landes, für die man keine Wertschätzung hatte - die man in einem Massengrab beisetzte, was man auch für Ihn vorgesehen hatte. Was Er «besass», war ein Kreuz, eine Dornenkrone und Nägel, die man durch seine reinen Hände schlug.

Ist das der Herr der Herren, der alles ins Dasein rief und zugleich der Erhalter von allem ist (Hebr. 1,2.3)? Er ist es! Oberflächlich betrachtet hat es den Anschein, als würde Gott mehr für die Tiere dieser Erde sorgen als für seinen Christus. Doch es lag im Plan Gottes, Christus in allem zu erproben - und in allem hat Er sich als der vollkommene und abhängige Mensch Gottes erwiesen. Mochten Ihn die Menschen verwerfen und Schuld auf sich laden - es war zugleich der Weg Gottes mit seinem Sohn, den Er nicht schonen konnte, wenn Menschen gerettet werden sollten.

Übrigens wird in der oben zitierten Stelle Christus zum ersten Mal im Matthäus-Evangelium und damit im Neuen Testament überhaupt «Sohn des Menschen» genannt. Es ist der Titel, den Er sowohl als der Verworfene als auch als der Verherrlichte annimmt. Hier wird uns eindeutig seine Verwerfung vorgestellt. Selbst sein eigenes Volk wollte Ihn nicht haben. Als verworfener König aber abhängiger Mensch rächt Er sich nicht, sondern dient Gott weiterhin in Treue und den Menschen in demütiger Gnade.

Welch eine Einsamkeit und welche Einzigartigkeit!

Nur einmal - in Johannes 4,6 - wird in den Evangelien die Ermüdung des Herrn Jesus ausdrücklich erwähnt: «Jesus nun, ermüdet von der Reise, setzte sich so an der Quelle nieder.»

Weil die Menschen Zwietracht zwischen Ihm und Johannes dem Täufer aufbringen wollten, machte der Herr Jesus sich auf eine beschwerliche Reise. Der Sohn Gottes verhinderte eine Unstimmigkeit, indem Er in Demut einen anderen Ort aufsuchte. Er ging nach Galiläa. Doch es gab für Ihn - den Ewigen, der alles bestimmt -, ein geistliches Muss, um durch Samaria zu ziehen.

Er ist ebenso wahrhaftiger, jedoch sündloser Mensch, wie Er zugleich vollkommen Gott ist. Erschöpft und weggestossen sitzt Er am Brunnen von Sichar, aber in unerschöpflicher Liebe. Welch ein Bild von Verwerfung und Demütigung!

Gott zeigt uns im Johannes-Evangelium von Anfang an die Herrlichkeit des Sohnes Gottes und die Gnade, mit der Er erfüllt war. Doch jetzt strahlt diese Herrlichkeit der Gnade auf eine neue Weise in Ihm als dem Menschen hervor, indem wir sehen, wie Er mit der sündigen und erniedrigten Frau aus Samaria handelt.

Wir erkennen hier, dass der Herr die Leiden der Menschheit teilt: Ermüdet von seiner Reise fand Er diesen Brunnen, um ein wenig zu ruhen. Damit begnügte Er sich. Er suchte nichts anderes, als den Willen Gottes zu tun. Dieser brachte Ihn hierhin. Der Herr, ermüdet und durstig, hatte nicht einmal ein Gefäss, um seinen Durst zu löschen. Er war als Mensch abhängig und machte sich von dieser armen Frau abhängig, um ein bisschen Wasser für seinen Durst zu erhalten.

Wie wahrhaftig war Er Mensch! Er wollte in allem - ausgenommen die Sünde - seinen Brüdern gleich sein. So befreite Er sich auch nicht von der Müdigkeit, die eine lange Fussreise unweigerlich mit sich brachte. Daher kann Er volles Mitleid mit uns haben, mit jedem, der müde und erschöpft ist. - Nun hatte Er eine Pause nötig. Vielleicht war Er müder als seine Jünger, die in die Stadt gingen, um einzukaufen. Doch Er stand auch unter einer inneren Anspannung, die sie nicht kannten - abgesehen davon, dass Er oft auch in den Nächten tätig war.

Es gibt Schwachheiten, die wie Müdigkeit mit der menschlichen Natur zusammenhängen. Dies lernte unser Heiland als Mensch auch kennen. Bei Ihm gab es jedoch weder Schwachheit noch körperlichen Verfall, die mit der gefallenen Natur des Menschen zusammenhängen, wie z.B. Krankheit und Tod. Aber Er kannte Müdigkeit, Hunger und Durst, gerade wie wir. In der Wüste war Er hungrig, am Kreuz durstig, am Brunnen ermüdet. Im Sturm auf dem See schlief Er.

Nun sass Er da, zunächst ganz allein. Ein einziges Wort als Schöpfer, und die ganze Engelwelt hätte Ihm sofort zu Diensten gestanden. Aber dieses Wort hat Er nicht gesprochen. Gottes Ratschluss der Gnade für die Menschen in Sichar war ein anderer. Wenn wir bei Johannes ganz besonders die Gottheit des Herrn vorgestellt bekommen, dann wacht der Geist Gottes darüber, uns in diesem Evangelium auch die vollkommene Menschheit deutlich zu machen.

Der Heiland wusste, was Müdigkeit ist. Doch Er war nicht müde im Gutestun, sondern müde vom Gutestun. Und doch wacht der Heilige Geist auch an dieser Stelle über die Herrlichkeit der Person Christi und zeigt sie uns. Neben der Bemerkung, die seine Menschheit betont, zeigt Er uns die Allwissenheit dieser göttlichen Person: Er kannte die ganze Lebensgeschichte dieser Frau! Das Gleiche finden wir auch an anderen Stellen, z.B. als Er im Boot schlief und kurz nachher dem Sturm gebot, oder als Er am Grab des Lazarus weinte und nachher als Sohn Gottes seinen Freund ins Leben zurückrief.

Der Heiland sass hier nicht nur an der Quelle, weil Er von der Hitze und der langen Reise ermüdet war, sondern auch weil Er nach Gottes Willen genau diese Route über Sichar genommen hatte - auf der Suche nach Seelen, um sie für Gott zu gewinnen.

Diese einzige ausdrückliche Erwähnung der Müdigkeit unseres Erretters ist ein Denkmal seiner unermüdlichen Tätigkeit. Trotz seiner Müdigkeit finden wir Ihn tätig. War Er nicht erschöpft und müde, auch für dich und mich?

Eine weitere Einzelheit, die nur bei einer Gelegenheit genannt wird, finden wir in Matthäus 8,24 und Markus 4,38. Dort lesen wir von Jesus, dem Sohn des Menschen, dass Er schlief. In Matthäus 21 heisst es zwar, dass Er in Bethanien übernachtete. Doch der Geist Gottes benutzt in Verbindung mit dem Herrn das Wort «schlafen» nur bei der oben erwähnten Gelegenheit.

Es wird uns von einer Situation berichtet, bei der wir am wenigsten gedacht hätten, dass unser Retter schlafen könnte. Auf dem See Genezareth herrschte ein Sturm mit hohem Wellengang. Matthäus spricht von einem so grossen Unwetter, dass das Schiff von den Wellen bedeckt wurde. Als erfahrene Fischerleute hatten die Jünger zwar schon manchen Sturm miterlebt. Aber war es je so schlimm gewesen? Sie konnten in dieser Situation keinen Augenblick an Schlaf denken. Nicht nur, weil diese Umstände ihren ganzen Einsatz erforderten, sondern auch, weil sie echt Angst um ihr Leben hatten.

Und ihr Meister? Er schlief, und zwar als der unermüdliche Diener. Welch ein gewaltiger Ausdruck seines Gottvertrauens!

Markus 4 zeigt uns, dass der Herr Jesus einen arbeitsreichen Tag hinter sich hatte. Wir können gut verstehen, dass Er am Abend ermüdet war. So finden wir den besonderen Ausdruck: «Und sie nehmen ihn, wie er war, in dem Schiff mit.» Wer Er war, hatten die Jünger mehrfach erlebt, noch an diesem Tag, und sie würden es in einer eindrücklichen Weise kurze Zeit später noch einmal erfahren. Aber wie war Er - ihr Meister? Er war als Diener den ganzen Tag unterwegs gewesen, hatte die Menschen ununterbrochen belehrt und sich um sie gekümmert. Die ganze Zeit hatte Er nicht an sich selbst gedacht. Abgearbeitet, im Sinn von «ermüdet» (Joh. 4,6), stand Er am Ufer, um zur anderen Seite zu gelangen. Dort wollte Er weiter dienen. Ob man Ihm nicht die Arbeit ansehen konnte, die jetzt tagelang hinter Ihm lag? Sie nahmen Ihn mit, wie Er war. Er zog sich nicht vorher um. Er gönnte sich keine Pause, sondern ging weiter.

Genau in diesem Augenblick kam jener heftige Sturm auf. Der Meister aber hatte sich hingelegt und schlief auf einem Kopfkissen. Es handelte sich vermutlich um das einfache Ruderkissen, das im Boot zur Verfügung stand. Aber der Schöpfer des Universums hatte als Diener keine Ansprüche. Er nutzte die kurze Gelegenheit, die Ihm zwischen seinen Arbeitsstationen blieb, um sich ein wenig auszuruhen.

Wir wissen heute, dass auch diese Ruhe zugleich «Arbeit» war, denn Er wollte seinen Jüngern eine weitere Lektion mit auf den Lebensweg geben. Aber berührt es uns nicht, dass wir von unserem Retter an keiner anderen Stelle lesen, dass Er geschlafen hat? Natürlich hat auch Er normalerweise nachts geschlafen, denn Er war vollkommen Mensch. Aber da, wo wir die Jünger schlafend finden, und wo wir dies erwartet hätten, da steht nichts von seinem Schlaf. Nur hier, in dem Moment, wo jedem Angst und Bange werden musste - war unser Herr nicht vollkommen Mensch? -, da hatte Er die Ruhe zu schlafen.

Welch eine Ruhe - in dieser Unruhe! Der Sturm konnte Ihn nicht stören. Er, der sein Werk mit Hingabe tat, nutzte einen Moment zur Ruhe, als der Dienst seine Aktivität nicht benötigte. Nur göttliche Ruhe, die kein Misstrauen kannte, und wahres Gottvertrauen erlaubten es Ihm, während des Sturms zu schlafen.

Wir bewundern Ihn in dieser Würde - die sich im aufopfernden Dienst zugleich zu den Jüngern und zu uns herabneigt. Bis heute!

Eine weitere Einzelheit, die nur ein einziges Mal genannt wird, finden wir in Matthäus 17,2. Dort heisst es vom Herrn Jesus: «Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiss wie das Licht.»

Die Sonne ist das Bild höchster Herrlichkeit und Autorität. Es ist zweifellos wahr, dass diese Szene auf dem «Berg der Verklärung» einen Vorgeschmack von der Herrlichkeit gibt, die im Tausendjährigen Reich, ausgehend von Israel, über diese Erde kommen wird. Dann wird der Sohn des Menschen, Jesus Christus, seine Herrschaft als König der Könige antreten. Es handelt sich um die höchste Herrlichkeit, die Er als grosser König in Empfang nehmen wird.

Der Ausdruck, dass sein Angesicht wie die Sonne leuchtete, wird nur in Matthäus benutzt, denn in diesem Evangelium sehen wir Ihn als den verheissenen König. Markus zieht unsere Aufmerksamkeit auf seine Kleider, die von seinem Dienst zeugen (Mark. 9,3). Lukas sagt, dass sein Aussehen anders und sein Gewand weiss, strahlend wurden (Luk. 9,29). Dort steht die Herrlichkeit seiner ganzen Person vor unseren Blicken.

Durch die Betonung des Angesichts hebt Matthäus besonders den Charakter dieser Szene im Blick auf eine zukünftige Zeit hervor. Das Gesicht des Herrn leuchtete wie die Sonne, denn mit Christus wird jener gesegnete Tag kommen, an dem die Nacht beendet sein wird. Seine Kleidung wird wie das Licht sein, denn die Sonne ist gewissermassen mit Licht bekleidet. Es ist Gott, der in Ihm offenbar wird, denn Gott ist Licht.

So betont das Leuchten seines Angesichts nicht nur seine zukünftige Herrlichkeit als Messias, sondern zugleich seine Ihm eigene Herrlichkeit als Gott, denn die Sonne ist zu hell, als dass wir in sie hineinschauen könnten. Ist Christus nicht die Ausstrahlung der Herrlichkeit Gottes (Hebr. 1,3)? Das reine Weiss seiner Kleider deutet zugleich auf die Vollkommenheit all seiner Eigenschaften hin.

Wer in dieses leuchtende Angesicht schaute, sah die Liebe und das Licht Gottes. Er konnte in Ihm den Vater schauen. «Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen» (Joh. 14,9). Ist nicht auch 2.Korinther 4,6 ein erklärender Hinweis zur Szene aus Matthäus 17? «Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.» In seinem Angesicht erblicken wir die ganze Herrlichkeit Gottes.

Die Welt wird diesen Glanz zwar erst im Tausendjährigen Reich bestaunen und erkennen. Aber wir dürfen es heute schon tun. Diese für die Menschen verborgene Szene auf dem Berg darf uns, die wir an den Herrn Jesus glauben und seine Verwerfung teilen, schon heute zur Bewunderung führen. Denn in seinem Angesicht bestaunen wir die ganze Liebe Gottes, der Kinder für sein Vaterherz suchte, und das herrliche Licht Gottes, das einmal die ganze Welt von seinem Glanz erstrahlen lassen wird.

Und gerade in dem Augenblick, als die Sonne ihr Licht verfinstern musste, weil der Retter der Welt unsere Schuld auf sich nahm und von Gott zur Sünde gemacht wurde (2.Kor. 5,21), da erstrahlte das moralische Licht der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi auf einmalige und erhabene Weise. Die Welt hat es nicht gesehen. Gott hat es wertgeschätzt und angenommen, wir Gläubige sind beeindruckt, ergriffen und beugen uns in Demut vor jenem Geschehen.

Eine weitere nur einmal erwähnte Einzelheit finden wir in Markus 11,21. Dort steht, dass der Herr Jesus etwas verfluchte. Zwar hören wir auch in Matthäus 25,41 davon, dass der Sohn des Menschen als der Richter Ungläubige «Verfluchte» nennt, weil sie sich den Fluch Gottes zugezogen haben.

Es ist auffällig, dass wir nur dieses eine Mal in Markus 11 davon lesen, dass der Herr Jesus etwas verflucht hat. Es war keine Person, sondern eine Sache, ein Baum. Liest man den ganzen Abschnitt, dann stellt man fest, dass nicht Christus von sich sagt, Er habe den Feigenbaum verflucht. Es ist Petrus, der Ihn darauf aufmerksam macht: «Rabbi, siehe, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.»

Es hat den Anschein, als sollte dieses Verfluchen als ein «befremdliches» Werk dargestellt werden, das nicht zur eigentlichen Aufgabe des Herrn Jesus gehörte. Er selbst sagt an einer anderen Stelle: «Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele» (Mark. 10,45), und: «Ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu erretten» (Joh. 12,47). Sein Ziel war es, Menschen vom Tod zu erretten, nicht sie zu verfluchen, so dass sie ewig verloren gehen.

Und doch kam dieser eine Moment, da Er diesen Feigenbaum verfluchen musste. Christus hatte Hunger, und als Er einen Feigenbaum mit Blättern sah, suchte Er Früchte daran. Aber Er «fand nichts als Blätter». Obwohl die Zeit der Ernte noch nicht gekommen war und somit niemand die Früchte abgenommen haben konnte, gab es keine.

Dieser Feigenbaum ist ein Bild des ungläubigen Volkes Israel. Es hatte zwar «Blätter» des Bekenntnisses, brachte aber keine Frucht für Gott, obwohl Er dem Volk jede Zuwendung entgegengebracht hatte, damit es Frucht brächte. Er gab sogar seinen eigenen Sohn! Doch es half nichts. Daher verfluchte der Herr diesen Baum.

Auch heute gibt es wohl kaum etwas Verabscheuenswerteres für den Herrn Jesus, als wenn jemand bekennt, ein Christ zu sein, in Wirklichkeit aber geistlich tot ist (Offb. 3,1-6.14-22). Fängt dieses Übel nicht bereits dort an, wo es wohl noch grossartige Werke gibt, wo aber das Entscheidende - die erste Liebe - fehlt? (Offb. 2,1-7).

Der Herr Jesus ist gekommen, um zu erretten und zu Gott zu führen. Das hat Er während seines ganzen Lebens auf der Erde gezeigt - und durch seine Hingabe bis in den Tod völlig bewiesen. Er rettet bis heute. Wenn jedoch ein Mensch dieses Werk nicht annehmen will, dann zieht er sich selbst den Fluch Gottes zu. Gericht auszuüben ist bis heute ein für den Herrn Jesus «befremdendes Werk» und eine «aussergewöhnliche Arbeit» (Jes. 28,21). Wer die Gnade Gottes zurückweist, zieht sich diesen Fluch selbst zu. Schon zur Zeit Elisas war dies nicht anders. Er kam in Gnade. Aber jene, die diese Gnade abwiesen, zogen sich Gericht zu.

Der Herr hat alle Autorität, dieses «befremdende» Werk auszuführen. Es ist schrecklich, daran zu denken, dass das Wort: «Herr, siehe, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt», einmal auf alle die zutreffen wird, die die Gnade unseres Heilands heute ablehnen.

Auch wenn der Retter der Welt heute noch seine segnenden Hände ausstreckt, ist Er zugleich der Richter der Welt. Dazu hat Er alle Vollmacht. Er hat es damals bewiesen, und Er wird in der Zukunft wieder als der Richter auftreten. Welch ein Ernst liegt doch in jener Handlung unseres Herrn!

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Letzte Änderung am 27.03.2010.