Halte Fest
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Der letzte Kampf des Herrn mit dem Satan

Halte fest Jahrgang 1967 - Seite: 321 - Verfasser: T. D.

«Ich werde nicht mehr vieles mit euch reden, denn der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir; aber auf dass die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und also tue, wie mir der Vater geboten hat. - Stehet auf, lasset uns von hinnen gehen» (Joh. 14,30.31).

I. Seine eigene Voraussage

«Ich werde nicht mehr vieles mit euch reden.» Die Mitteilungen, die zum gegenwärtigen Trost Seiner Jünger so reichlich von des Heilandes Lippen flossen, sollten nun bald aufhören. Er war im Begriff, ihnen Seine leibliche Gegenwart zu entziehen. «Denn der Fürst der Welt kommt und hat nichts in mir.» Eigenartige Benennung des Feindes des Hirten und der Schafe! Keiner sonst hatte ihn je so beschrieben; nur Der vermochte es zu tun, der die Wahrheit ist. Der Feind, der die Welt in all ihren Beweggründen und Wünschen im Verborgenen lenkt, nahte heran. Es sollte jetzt eine Begegnung mit dem Herrn Jesus stattfinden, die von entscheidender, ewiger Bedeutung war und unseren Heiland völlig in Anspruch nahm.

Erfolglose Herausforderung durch Satan

In dieser Stunde sollte endgültig bewiesen werden, dass der Fürst dieser Welt, der in jedem anderen Menschen etwas finden konnte, im Sohne Gottes «nichts hatte». Satan kam als ein Dieb, um zu stehlen, zu schlachten und zu verderben. Er wird Judas stehlen, töten und in elender Weise verderben. Er wird als Wolf kommen, um Petrus zu ergreifen - nachher muss er ihn jedoch wieder gehen lassen - und um die übrigen Jünger zu zerstreuen. Sie fühlten sein Herannahen und fürchteten, dass er sie überwältigen werde, fürchteten die Macht der Finsternis, die er ausübte. Die Auswirkungen dieser Macht unter den Menschen waren offenkundig, der eigentliche Kampf aber zwischen ihm und seinem grossen Gegner wurde unsichtbar ausgetragen, verborgen unter dem Schweigen, der Standhaftigkeit und der Unterwürfigkeit des guten Hirten. Der Feind wird darnach trachten, durch einen einzigen Streich gegen Den, der es auf sich genommen hatte, ihr Heil zu werden, alle Schafe auf einmal und völlig zu vernichten, nicht eines nach dem anderen.

In Pilatus, den Hohenpriestern, den Obersten und dem Volke wird der Fürst dieses Zeitlaufs nur Liebe zur Welt finden. Ach, und in den Jüngern Jesu wird er Unglauben und Angst entdecken; aber in dem Herrn selbst nichts dergleichen. Auch nicht durch einen einzigen eigenen Wunsch stellte Er sich dem Willen Gottes entgegen; nicht um Haaresbreite wich Er davon ab. Weder jetzt, noch bei der Versuchung in der Wüste war es für Ihn eine Frage, ob Er irgendeinen Gegenstand, den die Welt Ihm anbot, annehmen sollte. In Ihm wurde weder Liebe zum Leben in dieser Welt gefunden - war sie doch in Aufruhr gegen Gott! - noch Furcht vor den Menschen oder Furcht vor dem Fürsten der Welt, auch wenn er mit der ganzen Macht des Todes bewaffnet war.

Die Liebe zum Vater erwies sich in Seinem Gehorsam bis zum Tode

«Aber auf dass die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe und also tue, wie mir der Vater geboten hat» (V. 31). Er lehnte die Welt ab, wollte aber jene, die in ihren Aufruhr verwickelt waren, wissen lassen, dass Er den Vater liebte, Dessen Wille und Wesen den ihrigen so völlig gegenüberstand, wie Licht und Finsternis. Er wollte Seine Liebe durch Seinen Gehorsam zeigen, ja sogar im Leiden des Todes, entsprechen dem Gebot des Vaters. Die Welt würde sich alsdann nicht damit entschuldigen können, dass sie die Wahrheit nicht gekannt habe, die Wahrheit, die jede Seele, die sie annimmt, frei macht. Vom Kreuze herab wurde ihr Zeugnis vor aller Augen sichtbar. Sie wussten bereits, wie ihr Spott nachher bewies, dass Er auf Gott vertraute. Sie wurden zurückgelassen mit diesem Beweise Seiner äussersten Ergebenheit, Seiner Liebe zum Vater. Diese Demonstration sollte bestehen bleiben, ob richtig verstanden oder nicht, ob geglaubt oder nicht, um zu erretten oder zu richten.

Alles im Sohn war für den Vater

Zum Worte unseres Herrn: «Stehet auf, lasset uns von hinnen gehen», dürfen wir Seinen Ausspruch in Verbindung bringen: «Der Fürst dieser Welt kommt und hat nichts in mir.» Als Er aufbrach, hatte Er Sein eigenes, bestimmtes Ziel vor Augen. Es war wie wenn Er sagen wollte: Ich stehe auf, um den ganzen Weg mit dem Vater zu gehen, und Er wird finden, dass alles in mir für ihn ist. Nach des Vaters eigenem Zeugnis war dies schon während den ersten dreissig Jahren Seines Lebens im Fleische, von dem uns nur wenig berichtet wird, so gewesen. Der Vater konnte damals sagen: «An dir habe ich Wohlgefallen gefunden» (Mark. 1,11). Auch während Seines öffentlichen Dienstes gab Er Ihm dieses Zeugnis (Matth. 17,5) und schliesslich an dem Tage, wo Er als das Lamm Gottes, als unser Passah ausgesondert wurde (Joh. 12,28,2.Mose 12,3). In unserer Stelle erklärt das Lamm selbst, dass es bis zum Ende so sein würde. Er ging in der völligen Bereitschaft voran, dem Gebot des Vaters zu gehorchen, auch wenn es durch die Selbsthingabe ging.

Am Kreuze, als Er Schmach und Leiden bis zum Tode erduldete, trat Ihm die stärkste Versuchung entgegen. Grosse Wasserwogen stürmten gegen Seine Liebe zum Vater, aber dieser letzte Angriff des Betrügers und Zerstörers der Menschen vermochte nicht, sie auszulöschen. Alles, was in Ihm war, wurde in diesen Kampf auf den Tod verwickelt; alles, was Er hatte, musste Er in diesem Opfer hingeben; die Vortrefflichkeit Seiner sittlichen Vollkommenheit und die Vollendung im Gehorsam sollten nun bis zum Höhepunkt ihrer Herrlichkeit aufsteigen. Was würde der Vater in Ihm finden? Alles. Ihn selbst, den Vater, liebte Er mit Seinem ganzen Herzen, mit Seinem Geiste und Verstande, mit Seiner ganzen Seele und Seiner ganzen Kraft, bis in die Weissglut Seiner Leiden hinein, in welchen Er bis zum Tode geprüft wurde. Sein Eifer der Liebe verzehrte Ihn. Und als Ergebnis davon wurde des Vaters Name verherrlicht, Sein Wille erfüllt und Sein Ratschluss ausgeführt, indem Er viele Söhne zur Herrlichkeit brachte.

II. Vergleich mit und Gegensatz zu der Versuchung in der Wüste

«Und als der Teufel jede Versuchung vollendet hatte, wich er für eine Zeit von ihm» (Luk. 4,13). Dieser Bericht des Evangeliums bereitet uns auf weitere Angriffe gegen den Herrn Jesus vor. Den Meisterstreich behielt sich der Versucher bis zuletzt auf. Ein Zwischenangriff, verkleidet in die Fürsorge des Petrus für seines Meisters Sicherheit, stellte in einschmeichelnder Weise dieselbe Versuchung dar (Matth. 16,22), wie sie später, als unser teurer Herr am Kreuze hing, offen und direkt auf Ihn zukam. Des Versuchers Verstellung war zuletzt nicht mehr so raffiniert. Der Sohn des Menschen liess sich in Seiner Abhängigkeit von Gott durch keinen Angriff Satans betrügen. Aber wie wurden die Menschen betrogen, deren sich der Widersacher bediente! Zuerst Petrus und später, bei der Kreuzigung, die Menschen aller Klassen. Sie waren sich nur wenig bewusst, wie völlig ihr Wille dem Willen eines anderen unterworfen war, darin, dass sie zur Stimme der gefährlichsten Versuchung wurden, die ihr Meister, der Teufel, über den Sohn Gottes bringen konnte. Bei der Einmischung des Petrus genügte es, dass der Herr die Gegenwart Satans dadurch ausschloss, dass Er ihm befahl, sich zurückzuziehen. Am Kreuze aber kamen die Sticheleien der Menschen wie mächtige Wogen über einen stillen Dulder, und niemand gebot ihnen Einhalt.

Jetzt viele Spötter, aber derselbe Geist wie einst

«Wenn du Gottes Sohn bist» (Matth. 4,3.6) - diese Worte bildeten die Grundlage der Versuchungen in der Wüste. Ähnliche Worte leiteten nun auch jeden Spott gegenüber dem Gekreuzigten ein. «Wenn du Gottes Sohn bist.» - «Wenn dieser der Christus ist, der Auserwählte Gottes.» - «Wenn du der König der Juden bist.» - «Bist du nicht der Christus?» (Matth. 27,40; Luk. 23,35.37.39). Die Stimmen waren wohl die Stimmen der Vorübergehenden, der Obersten, der Kriegsknechte und der Räuber, aber Satan selbst war der Organisator der ganzen Szene. Drei Versuchungen wurde der Herr in der Wüste unterworfen und dreien oder vieren am Kreuze, aber hier war es jedes Mal dieselbe Versuchung: «Rette dich selbst»; lästerten die Vorübergehenden (Mark. 15,30); «Rette dich selbst», echoten die Kriegsknechte; «Rette dich selbst», wiederholte der unbussfertige Schächer (Luk. 23,37.39). Die Obersten und Hohenpriester halfen sich gegenseitig, Ihn vor dem Volke zu erniedrigen: «Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten» (Mark. 15,31). Diese mehrmalige Wiederholung offenbart die Absicht des Versuchers - er konzentrierte seine Angriffe auf einen Punkt. Sie zeigt auch, dass seine menschlichen Werkzeuge übereinstimmend das Hangen Christi am Kreuze als endgültigen Abbruch aller Seiner Ansprüche auf Erhöhung und Herrschaft betrachteten.

Die frühere Versuchung zur Selbstsucht wird verschärft

Jene verschiedenartigen Versuchungen in der Wüste bezogen sich auf Seinen leiblichen Hunger, Seine gerechten Ansprüche auf den Thron über den ganzen Erdkreis und Sein Recht auf die Anbetung und den Dienst der Engel. Dieser Thron stand Ihm auf Grund der göttlichen, prophetischen Verheissung zu. Die Engel beteten ihn bei Seiner Geburt als Gott an; Er konnte über den Dienst Ihrer Legionen nach Seinem Willen verfügen. - Mache Gebrauch von Deinen Rechten und Deiner Macht zu Deiner Verherrlichung in dieser meiner selbstsüchtigen Welt, hatte ihr Fürst Ihm damals in der Wüste in Wirklichkeit gesagt. Diese böse Versuchung trat nun, wenig verändert, aber in viel grösserer Kraft wieder vor den Herrn, als Seine Stunde gekommen war; und diesmal war Sein Leben verwirkt, wenn Er ihr widerstand.

Der Versucher und seine menschlichen Sklaven hielten diese Herausforderung zur Selbsterhaltung für unwiderstehlich. Wir können uns in der Tat fragen: Weshalb vermochte die Schande des Kreuzes, der Entzug des Rechtes durch die Obersten und den römischen Statthalter und das Fehlen der göttlichen Hilfe Ihn nicht anzutreiben, sich selbst zu befreien? Da gibt es nur eine Antwort. Der Sohn des Menschen war nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und Sein Leben zu geben als Lösegeld für viele. Er ging den Ihm bezeichneten Weg voran, im unabänderlichen Entschluss, Gott zu gehorchen und «andere» auf ewig «zu retten». Auf alles andere verzichtete Er jetzt. Es ging für Ihn nur darum, Sein Leben zu geben. Wenn Er in dieser Welt Sein Leben nur lebte, konnte Er niemals Sühnung tun. Nur durch die Dahingabe Seines Lebens konnte Er die Menschen erlösen. Der Wille Gottes hatte jetzt diese Aufgabe auf Ihn gelegt, und so liess Er sich in die tiefen Wasser sinken, nicht achtend auf die höhnischen Stimmen um sich her. So überwand Er den letzten Angriff des Widersachers. Das Sich-Klammern an sein Leben, an seinen letzten Besitz in dieser Welt, ist der stärkste der menschlichen Triebe. Doch hier war Einer, der, «in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde», selbst dem grössten Druck völlig widerstand und dieser Liebe zum Leben keinerlei Raum gab. Der Fürst der Welt hatte sein äusserstes versucht - aber «er hat nichts in mir».

Der Herr antwortete damals, aber jetzt ist Er stille

In der Wüste begegnete Jesus - nach vierzigtägigem Fasten - jeder Versuchung mit einem Worte Gottes. Das war Sein Schwert in jenem Kampfe mit dem Feind. Die Versuchungen traten in einer Form an Ihn heran, die Seinen eigenen Wünschen und Ansprüchen entsprach. Aber Er wies jede Erfüllung zurück, die hinsichtlich Zeit und Mittel nicht mit dem Willen Gottes in Übereinstimmung war. Er las diesen Willen im Worte Gottes; Sein Gebrauch davon machte dies offenbar und zeigt uns die inneren Beweggründe Seiner Seele. Auch als Er sich aufmachte, das Werk auszuführen, das Sein Vater Ihm aufgetragen hatte, regelte das Wort Gottes jeden Wunsch und jeden Vorsatz in Seinem Herzen und bestimmte jeden Seiner Schritte. Während Seines ganzen Dienstes bildete das Wort Gottes Seine Botschaft an die Menschen. Er bestätigte mit Seiner ganzen Autorität, was vor Seinem Kommen durch den Heiligen Geist geschrieben worden war, und Er teilte neue Offenbarungen mit, die nur den Sohn, der den Vater gesehen hatte und kannte, machen konnte. Doch hatte das, was Ihn betraf, eine Vollendung (Luk. 22,37), und es kam die Zeit, wo die Menschen entschlossen waren, das Licht Seines Zeugnisses auszulöschen, indem sie Ihn töteten. Sich darunter zu beugen, als unter die Hand Gottes, war der besondere Prüfstein Seines unveränderten Gehorsams. Seine Stunde des Leidens war jetzt gekommen und Er ertrug sie mit einer Ruhe, die sowohl von geduldigem Ertragen jeder Prüfung zeugte, wie auch von einer endgültigen Zurückweisung der schrecklichen Versuchung!

III. Der Angriff selbst

Lasst uns nun auf die offenbarten Einzelheiten dieser schrecklichen Äusserungen des Spottes näher eingehen und tiefer über die Reaktionen des Stillschweigens unseres Herrn nachsinnen.

Um Ihn zu schmähen, verdrehten die Vorübergehenden Seine Worte, die Er einmal ausgesprochen hatte: «Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten» (Joh. 2,19). Die Zerstörung des Tempels Seines Leibes durch böse Menschen war vor ihren Augen im Gange, aber sie erkannten nichts von deren Bedeutung. Ihre Verdrehung der Worte des Herrn machte es klar, dass das Licht dieses Ausspruchs über ihnen geleuchtet hatte, aber sie erfassten es nicht.

«Der du den Tempel abbrichst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst», lästerten sie, indem sie ihre Köpfe schüttelten (Matth. 27,40). Sie meinten, es handle sich da um einen Menschen, der weltlichen Ruhm suchte durch den Wiederaufbau dessen, was er selber zerstört hatte - sinnloses Kunststück eines Zauberers, um ihre Neugierde zu erregen, ihre Augen zu ergötzen und vielleicht ihren politischen Eifer aufzustacheln. Nun waren sie völlig überzeugt, dass dies nur eine leere Prahlerei gewesen war. Sie zählten Ihn zu den machtlosen Grosssprechern, und um Ihn zu verletzen, riefen sie aus: «Wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuze.» Welch ein Schmerz in diesen Stunden des Leidens, so begafft und im Spott belacht zu werden durch diese gedankenlosen und verständnislosen Menschen! Die Augenblicke, in denen sie im Vorübergehen stehen blieben, füllten sie damit aus, dass sie ihrer Enttäuschung - die auch Herodes empfand - Ausdruck gaben, das erhoffte «Wunder» nicht gesehen zu haben.

Die Führer suchten bis zuletzt ein Zeichen zu sehen

Unter denen, die dem Schauspiel der Kreuzigung beiwohnten, waren solche, die an die vielen Zeichen dachten, die sie kannten und wovon sie vielleicht sogar Augenzeugen gewesen waren. Sie, die Seine Leiden vermehren wollten und nur darauf sannen, wie sie Ihn schmähen konnten, kamen auch darauf zu sprechen: «Gleicherweise spotteten aber auch die Hohenpriester samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten» (Matth. 27,41-42). Besonders die Hohenpriester hätten vor allen anderen die geistliche Bedeutung des Werkes erfassen müssen, das Sein Vater dem Sohne gegeben hatte, um es zu tun. Dass sie sich Seiner überströmenden Gnade gegenüber den bedürftigen Volksmengen erinnerten, erhöhte ihre Verantwortung; ihre eigenen Worte verurteilten sie. Der aufgestaute Neid raubte diesen gelehrten Spöttern beim Kreuze den gesunden Menschenverstand. Weil sie Ihn hassten, waren sie unfähig, ehrlich zu überlegen. «Haha, so wollten wir's!» war die Sprache ihrer Herzen (Ps. 35,25).

Sie dachten nicht nach über den Widerspruch, den sie zum Ausdruck gebracht hatten, und suchten den verborgenen Sinn desselben nicht zu ergründen, der doch für das Auge des Glaubens so offensichtlich ist. Hier, im Opfer des Lammes Gottes, das Er nach dem Willen Gottes darbringen wollte, war doch das vollkommene Heil für die Menschen, in Seiner ewigen Tiefe und Fülle begründet - die überströmende Erfüllung jeglicher Hoffnung für die Seele, die je in menschlichen Herzen aufgekommen ist. Wie war diese Hoffnung in den Herzen derer, welche die Erfahrung körperlicher Heilung durch den Gesandten Gottes mit dem Glauben vermischt hatten, entzündet und zur Flamme entfacht worden! Die Menschen aber, die ein heiliges Priestertum hätten sein sollen, häuften Ungerechtigkeit auf Ungerechtigkeit. «Er ist Israels König; so steige er jetzt vom Kreuze herab, und wir wollen an ihn glauben», höhnten sie jetzt.

So machten sie ihre eigene Schande kund. Hörte Nathanael, der Israelit, in welchem kein Trug war, diese Worte? Wenn ja, wie musste ihn dies betrüben! Seine klaren Augen hatten schon längst diese königliche Person auf den ersten Blick erkannt und Seinen Anspruch auf den Thron anerkannt (Joh. 1,49). Aber diese Spötter! Die zahllosen und überwältigenden Beweise Seiner königlichen Würde hatten sie von der Wahrheit nicht überzeugen können. Sie bekannten sich zur Selbsterlösung. Sie hatten für sich selbst und für die Nation die Wahl getroffen, einem König zu dienen, der zu seiner eigenen Sicherheit den Willen Gottes aufgeben würde. Befreie Dich vom Kreuz, steige herab, komme in Deinem eigenen Namen, wenn nötig im Sturm und im Feuer, so werden wir an Dich glauben!

Die Führer verspotteten Seinen Glauben

Als Diener Gottes hätten sie die Aufgabe gehabt, in sterbende Ohren Vertrauen in Gott einzuflössen. Aber hier ist Einer, der bis zum letzten Augenblick in diesem Vertrauen verharrt. Sie betrachten Ihn, sie geben Zeugnis von Seinem Vertrauen in Gott, aber wozu? Um Ihn mit Verachtung und Spott zu überschütten! Denn Nägel sind in Seinen Händen und Füssen.

Aber wie schwach sind diese Fesseln für Ihn! Denn ein Stärkerer als Simson ist hier, und ein Heiligerer. Wenn wir schon einen Vergleich machen wollen, so finden wir hier einen grossen Gegensatz. Heiligkeit schien Simson fremd; Heiligung war für ihn nur äusserlich und betraf physische Dinge. Jesus hätte durch Seine Macht die Nägel viel leichter lösen können, als Simson jene frischen Stricke und neuen Seile, mit welchen sie ihn banden (Richt. 16). Als Delila ihn in der Gegenwart seiner Feinde warnte, erhob sich der Geist Simsons zum Handeln und rief seine Kraft herbei, um sich zu befreien. Jetzt umringten zahllose Feinde den Sohn des Menschen, dem Gottes Macht zu Gebote stand, aber Er verharrte am Kreuz.

Wieder bricht die Flut des Hohnes der Führer hervor. Wir sind betroffen, dass sie ihn jetzt unbewusst in Worte kleiden, die wir in der Schrift finden (Ps. 22,8). «Er vertraute auf Gott, der rette ihn jetzt, wenn er ihn begehrt; denn er sagte: Ich bin Gottes Sohn» (Matth. 27,43). Worte des Geistes, der alles voraussah, werden jetzt unwissentlich zitiert und kommen, inspiriert durch Satan, aus den Tiefen der Feindschaft in menschlichen Herzen hervor! Diese Worte, schärfer als gezogene Schwerter, werden hier gebraucht, um sie durch Seine Seele zu stossen! Diese Wunden brachten Ihm unerträgliche Qualen, aber da war kein Gedanke, sich ihnen zu entziehen. Eben hatte Er Seinen Rücken den Schlagenden dargeboten, und nun legte Er Seinen Leib willig auf den Altar und gab sich hin, um zum Sühnopfer gemacht zu werden. Die Bande, die Ihn festhielten, waren Sein Glaube, der nur Gott gehorchen wollte, und Seine göttliche Liebe, die nur auf das Heil der Menschen sann.

So redeten also die anerkannten Führer Seines eigenen Volkes, die gefrässigen Hirten (Jes. 56,11; Hes. 34,2), um den Schmerz Dessen zu mehren, Den Gott für die Schuld der Menschen schlug (Ps. 69,26). Die Bosheit konnte keinen schlechteren Gebrauch vom Verstand machen, und Seine heilige Treue keiner schwereren Prüfung unterworfen werden, als dieser, dass Er von der Galle menschlichen Hasses trinken musste, die siebenfach verbittert war. Die Spötter waren die Stimme der Bosheit Satans; sie gaben damit ihre eigene Versklavung und Sünde kund, und diese Sünde brachte Ihn in unergründliche Seelennot.

Die sterbenden Räuber

Die mit Ihm gekreuzigten Schächer schmähten Ihn wegen Seiner scheinbaren Unfähigkeit, sich selbst und auch sie zu retten. Wie mag Er bei diesen Worten bitterlich gelitten haben, Er, der gekommen war, um das Verlorene zu suchen und zu erretten! Er litt nicht nur, weil sie in Ihm nichts Begehrenswertes entdeckten, sondern weil sie nur eine «Errettung» begehrten, die sie wieder ihrem alten Leben der Sünde überliefert hätte! Aber der Vater wirkt, um Seine Gnade zu verherrlichen, indem Er zu Seiner Ehre durch Seinen Sohn da und dort Seine Macht der Errettung ausübt. Als einer der Räuber das Angesicht betrachtete, das ganz entstellt war, mehr als irgend eines Menschen, und die Stimme hörte, die redete, wie niemals sonst ein Mensch geredet hat, offenbarte der Vater Seinen Sohn in ihm. Der Sohn nimmt diesen Verlorenen auf, der jetzt zurückkehrt, um ihn noch an diesem selben Tage ins Paradies zu bringen. Nun erkennt der Bussfertige in Ihm den göttlichen Heiland und empfängt durch den Glauben an Ihn den Ausblick auf ein Leben jenseits des Todes, wo Christus wirklich König sein und wo Gerechtigkeit und Friede regieren wird. Er erkennt nicht nur, sondern wünscht auch beides, den Heiland und Sein Königtum. Das war für den sterbenden Heiland wie ein von Gott bereiteter Tisch der Erquickung, angesichts Seiner Feinde. Seine heilige Liebe fand Erfrischung und Speise darin, dass der Räuber Ihn im Glauben erkannte und aufnahm.

Die Horde der Kriegsknechte

Die Kriegsknechte, die mehrmals den höllischen Chorus der Schmähungen hörten: «Rette dich selbst», sahen darin nur die Verspottung eines Anspruchs auf das Königtum. Sie fanden ihren Spass darin, sich ebenfalls einzumischen (Luk. 23,36-37). Jesus wurde dadurch zum «Saitenspiel der Zecher». Nicht von den Kriegsknechten, sondern nur von ihrem Hauptmann wird berichtet, dass er zu einer anderen Überzeugung kam. Als alles vorüber war, verherrlichte er Gott und sagte: «Fürwahr, dieser Mensch war gerecht» (Luk. 23,47).

Wir finden keine Andeutung davon, dass auch nur bei einem einzigen unter den anwesenden Priestern, Schriftgelehrten und Ältesten und dem jüdischen Volke, die doch wissen mussten, auf was ihre Nation hoffte, Mitleid erwacht wäre. Trotz den unter ihnen herrschenden Meinungsverschiedenheiten war unter der ganzen Menge eine traurige Einmütigkeit: Die Ankläger Jesu, die im Synedrium Sein Urteil gefällt hatten (die Priester), dessen Vollstrecker (die Kriegsknechte) wie auch der unbussfertige Räuber, der mit Ihm die Todesstrafe erduldete - sie alle hatten Anteil an der Schuld, dem Willen und der Versuchung Satans Ausdruck verliehen zu haben, indem sie immer wieder denselben scharfen Pfeil gegen Ihn abschossen: «Rette dich selbst.»

«Ich aber, wie ein Tauber, höre nicht, und bin wie ein Stummer, der seinen Mund nicht auftut. Und ich bin wie ein Mann, der nicht hört, und in dessen Munde keine Gegenreden sind» (Ps. 38,13.14). Jedes Mal war Er stille und verharrte in Seinem heiligen Entschluss. Jede Stichelei war eine Aufforderung, sich selbst statt den Vater zu suchen, sich selbst statt den Sünder, der auf keine andere Weise zur Errettung kommen konnte. Jedes Mal war es eine Versuchung, sich selbst zu verleugnen und alles zu widerrufen, was Er geredet hatte und ungültig zu machen, was Er getan - das Werk aufzugeben, das Ihm der Vater zu tun gegeben hatte. Widerstehend bis aufs Blut, litt Er schweigend, in einem vollkommenen Gehorsam gegenüber Gott, der nicht herrlicher und kostbarer sein konnte (Joh. 13,31).

Als Angeklagter schwieg Er, aber als Zeuge niemals

Ein Leser wird sich vielleicht fragen, ob man bei diesem Nachdruck auf Sein Schweigen am Kreuze nicht die «sieben Worte» übersehe, die Er doch dort ausgesprochen habe. Es scheint, dass alle diese Worte ganz am Anfang oder am Ende der sechs Stunden am Kreuze zu hören waren. Da müssen wir uns in Erinnerung rufen, was Jesaja geschrieben hat (Jes. 53,7): «Er tat seinen Mund nicht auf, gleich dem Lamme, welches zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf.» Dieser Ausspruch kann sowohl auf Sein Verhör, wie auch auf das Kreuz angewandt werden. Es ist bezeichnend, dass Er während der letzten Stunden Seines Lebens hienieden der Welt gegenüber auffallend stille war. Er hatte nichts zu sagen, um sich selbst zu rechtfertigen. Das war es, was den Hohenpriester herausforderte, Ihn zu beschwören, und was Pilatus in Erstaunen setzte. Er liess Seine Worte und Werke für sich selbst sprechen, die Seinen eigenen Namen verherrlichten. Er, der wahrhaftige und treue Zeuge, benützte das Verhör und das Kreuz nur als Gelegenheiten zu einem guten Bekenntnis, um die Gnade und Wahrheit völlig zu entfalten. Als Angeklagter und Verurteilter antwortete Er auf nichts (Matth. 26,62-64; 27,11-14; Joh. 18,20.23.33-37; 19,9-11). Er schwieg auch als der Eine, an den eine Versuchung herantrat, die in der Vergangenheit und in der Zukunft nicht ihresgleichen hat.

Hiob, von dem Gott bezeugte, «seinesgleichen ist kein Mann auf Erden», erlitt durch denselben Versucher den Verlust aller Dinge, mit Ausnahme seines Lebens. Seine Antwort war: «Jehova hat gegeben, und Jehova hat genommen, der Name Jehovas sei gepriesen!» (Hiob 1,21). Darin sündigte er nicht, und in diesem Stück wurde Satan geschlagen. Aber Gott entdeckte in Hiobs Herzen eine verborgene Wurzel der Selbstgerechtigkeit. Um diese zu offenbaren, liess es Gott zu, dass Hiobs Freunde ihn mit ihrem Trost herausforderten. Und da, welche Reden bekamen sie von Hiob zu hören!

Wenn wir den Herrn Jesus mit ihm vergleichen, überfliessen unsere Herzen von Freude und Bewunderung. Bei Ihm verfehlte die Versuchung des Bösen seine ganze Wirkung. Er, der in Seinem Schweigen versucht wurde, blieb allezeit in Gott, Dessen allsehendes Auge bei Ihm nur Vollkommenheit wahrnahm. Wie das ganze Brandopfer, zertrennt und in die vorgeschriebenen Stücke zerlegt, auf dem Altar lag, so opferte auch Er am Kreuze sich selbst ohne Flecken Gott, in jeder Hinsicht versucht und heilig erfunden, ein Opfer unaussprechlich annehmlich für den Gott des Heils. Schweigend nahm Er unsere Schuld auf sich und beugte sich unter die Schläge der Heiligkeit Gottes, die die Ungerechtigkeit von uns allen an Ihm heimsuchte. Worte vermögen der Anbetung liebender Herzen, die Ihm alles verdanken, nicht völligen Ausdruck zu geben. Aber anbetende Bewunderung geziemt uns, wenn wir auf das Lamm Gottes schauen, das für unsere Sünden litt und starb, um all unsere Ungerechtigkeit zu sühnen.

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Letzte Änderung am 27.03.2010.