Die Leiden und die Herrlichkeiten des Christus in den Psalmen
Halte fest Jahrgang 1996 - Seite: 281 - Verfasser: K. Sander
Bei diesen Ausführungen handelt es sich um Vorträge, wobei der Vortragsstil weitgehend beibehalten wurde.
1. Die Leiden des Herrn Jesus
Einführung
Im Folgenden wollen wir über die Leiden und die Herrlichkeiten des Christus, wie sie uns in den Psalmen dargestellt werden, nachdenken. Der Reif möge unsere Herzen bei diesem Thema öffnen, damit wir innerlich ergriffen werden und Er uns gross werde.
Wir wollen dazu einige Bibelstellen lesen:
«Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen» (Luk. 24,26)?
«Er sprach aber zu ihnen: Dies sind die Worte, die ich zu euch redete, als ich noch bei euch war, dass alles erfüllt werden muss, was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses und den Propheten und Psalmen. Dann öffnete er ihnen das Verständnis, um die Schriften zu verstehen, und sprach zu ihnen: Also steht geschrieben, und also musste der Christus leiden und am dritten Tag auferstehen aus den Toten» (Luk. 24,44-46).
«Gott aber hat also erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten zuvor verkündigt hat, dass sein Christus leiden sollte» (Apg. 3,18).
«Forschend, auf welche oder welcherlei Zeit der Geist Christi, der in ihnen war, hindeutete, als er von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugte» (1.Petr.1,11).
Wenn wir uns mit den Leiden des Herrn beschäftigen, müssen wir uns zuerst einmal fragen, wie wir überhaupt dazu stehen. In unserer christlichen Gesellschaft, in der fast jeder Kenntnis davon hat, dass Christus einst gekreuzigt worden ist, weiss auch fast jeder, was die Leiden des Christus sind. Zumindest hat er bestimmte Vorstellungen davon.
Wir Gläubigen haben konkretere Vorstellungen davon, denn wir wissen, dass das Werk am Kreuz für uns geschah. Es stellt im Grunde unsere eigene Geschichte dar. Insgesamt gesehen kann man aber wohl sagen, dass sowohl der Unbekehrte als auch der Bekehrte von dem, was die Schrift über die Leiden des Herrn Jesus sagt, leider viel zu wenig weiss. Auch unsere Vorstellungen von den Leiden des Herrn sind, wenn wir uns ehrlich prüfen, oft sentimental und durch manche sehr menschliche Darstellungen beeinflusst, wie man sie in der Literatur finden oder auf Bildern sehen kann.
Wenn wir tatsächlich im Allgemeinen oft nur wenig darüber wissen, dann gilt das natürlich besonders für die Leiden des Christus, von denen die Psalmen sprechen. Sicher haben wir schon manches darüber gehört. Wenn wir einmal versuchen, in die Tiefe zu gehen, werden wir erstaunt feststellen, dass wir bisher oft nur an der Oberfläche geblieben sind. Deswegen ist es gut, dass der Herr uns manches zeigt, was unsere Herzen in Bewegung bringen kann. Es ist überhaupt wichtig, Wahrheiten aus dem Wort Gottes nicht einfach kennen zu lernen, sondern in unsere Herzen aufzunehmen.
Die zwei Jünger in Lukas 24 sprachen zueinander: «Brannte nicht unser Herz in uns, als er auf dem Weg zu uns redete, und als er uns die Schriften öffnete?» Der Herr Jesus hatte ihnen gesagt: «Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit eingehen?» Und dann heisst es weiter: «Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf.» Dass Er über seine Leiden und über seine Herrlichkeit sprach, machte ihre Herzen brennend. Ja, das ist der springende Punkt, dass unsere Herzen entflammt werden. Das ist das beglückende Ergebnis, wenn wir uns einmal mit diesem wunderbaren Thema beschäftigen und in unseren Herzen wirklich darüber nachdenken.
Die Leiden Christi in den Psalmen
Es gibt in der Wertskala Gottes nichts Grösseres als die Leiden seines Sohnes. Auch in der Ewigkeit werden wir mit diesem Thema beschäftigt sein. Doch das Geheimnis seiner Leiden werden wir nie ganz ergründen können.
Welche Rolle spielen denn nun die Psalmen? Wir lesen sie meistens aus einer bestimmten Notlage, Schwierigkeit oder Drucksituation heraus, um dann durch sie ermuntert und in unserem Vertrauen gestärkt zu werden. Das ist durchaus richtig, und in diesem Sinn sind sie sogar ein Kernstück der Bibel. Denken wir nur an den einzigartigen Psalm 23. Oder an Psalm 90, der vom Lebensalter der Menschen spricht. Weiter an Psalm 91, auf den sich manche Gläubige schon gestützt haben, wenn sie in ganz konkreten Gefahren waren: «Wer im Schirm des Höchsten sitzt, wird bleiben im Schatten des Allmächtigen» (V. J). Und so kann man die Reihe der Psalmen durchgehen.
Aber so anziehend die Psalmen für den gläubigen Leser auch sind, sie bewegen sich nur bis zum irdischen Horizont. Es ist von einem irdischen Volk, einer irdischen Hoffnung und von einer irdischen Einheit die Rede. Kaum erhebt sich der Blick der Psalmisten über den Tod hinaus. Die Sprache: «Abba, Vater» kennen die Psalmen nicht. Wir bewegen uns darin nicht auf der Höhe des Epheser-Briefes, wie überhaupt die Versammlung Gottes im Sinn des Neuen Testaments in den Psalmen nicht zu finden ist. Trotzdem sind sie sehr kostbar, und wir wollen sie nicht unterschätzen - um so mehr als besonders die Psalmen uns oft den Zugang zu den Leiden und den Herrlichkeiten des Herrn Jesus Christus geben.
Gerade die Psalmen sind es, die uns manches von Ihm sagen, was uns sonst nirgends im Wort mitgeteilt wird. Dabei ist ein wichtiger Umstand zu beachten, der sie noch interessanter macht: Manche Psalmen sind messianisch, d.h. sie haben speziell den Gesalbten Gottes im Auge, wie z.B. Psalm 22 und Psalm 110. Diese Abschnitte reden also direkt vom Herrn Jesus. Manche messianischen Psalmen sprechen von seinen Leiden, andere von seiner Herrlichkeit. Es ist geradezu erstaunlich, wie viel darüber zu finden ist. Wenn wir die Psalmen also unter dem Blickwinkel von dem betrachten, was sie über den Herrn Jesus sagen, werden wir in ihnen immer etwas von seinen Leiden und von seinen Herrlichkeiten entdecken.
Verschiedene Arten von Leiden
In 1.Petrus 1,11 fällt uns auf, dass das Wort «Leiden» in der Mehrzahl steht. Das bedeutet, dass es verschiedene Leidensarten gibt. Das Kreuz war der Höhepunkt der Leiden Christi. Aber seine Leiden begannen viel früher. Sein Leben war von vielen verschiedenen Leiden geprägt. Mit seinem Kommen in diese Welt hat Er eine Fülle von Entsagungen und Beleidigungen hinnehmen müssen. Das tat Er aus Liebe. Wie viel Mitgefühl hatte Er mit den Menschen! Ihn dauerten seine Geschöpfe. Er wollte ihre Not lindern, wie wir das z.B. bei den Krankenheilungen sehen, und tat es voll innigen Mitgefühls. Das war ein Ausdruck von Leiden unseres Herrn.
Und dann der Gedanke an das, was in der letzten Woche vor seinem Tod passierte! Da musste Er Judas beim Passahmahl als Verräter entlarven. Da finden wir Gethsemane, wo der Schweiss des Herrn Jesus wie grosse Blutstropfen wurde. Das waren Leiden seelischer Art, die unseren Herrn getroffen und niedergedrückt haben. So kann man eine ganze Reihe von Leidensarten erkennen, die uns klarmachen, welch «ein Mann der Schmerzen» unser Herr war.
Was muss es für Ihn als vollkommener Diener gewesen sein, durch diese Welt der Sünde zu gehen, denn auch sein Dienst war von Leiden gekennzeichnet. In Lukas 9,51 wird erwähnt, dass Er sein Angesicht feststellte, um nach Jerusalem zu gehen. Später, in Kapitel 18,31-33, sagt Er dann klar voraus, dass dies ein Leidensweg für Ihn sein wurde. Er war von Anfang an ein Mann, der in einer Welt der Leiden lebte, einer Welt, die es darauf abgesehen hatte, Ihn ihre Abneigung fühlen zu lassen, Ihm immer wieder seelischen Schmerz zuzufügen.
Als Gläubige denken wir natürlich ganz besonders an die sühnenden Leiden, die Er von der sechsten bis zur neunten Stunde am Kreuz von Golgatha erduldete. Da, als Gott Ihn schlug, erreichten seine Leiden den Höhepunkt.
Es gibt auch eine Leidensart, die der Herr Jesus erfahren hat, als Er aus Mitleid mit dem jüdischen Überrest gelitten hat. Er hatte Empfindungen in seinem Herzen, die Er mit diesen Treuen der Zukunft teilte: «in all ihrer Bedrängnis war er bedrängt» (Jes. 63,9). Welch ein erhabener Gedanke: Er durchlebte in seiner Seele, was dieser gläubige, jüdische Überrest der Zukunft empfinden wird. Er machte sich aber auch das zu Eigen, was du und ich an Bedrängnissen empfinden.
Leiden um der Gerechtigkeit willen
Zunächst dieses: Die Leiden um der Gerechtigkeit willen unterscheiden sich von den Leiden um der Sünde willen. Aber was waren das für Leiden «um der Gerechtigkeit willen», die Petrus in seinem ersten Brief erwähnt: «Wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen, glückselig seid ihr!»?
Denken wir dabei an Joseph in Ägypten. Er entging der Verführung durch die Frau des Potiphar, indem er eindeutig Stellung gegen das Böse bezog. Doch dafür musste er leiden. Das trifft genau den Kern der Sache: Eine gerechte Handlung hat ungerechtes Leiden zur Folge. Das ist es, was der Herr Jesus auf Schritt und Tritt bis in die ersten drei Stunden am Kreuz hinein erfahren hat. Das Beispiel von Joseph ist da sehr einleuchtend. Er handelte gerecht vor Gott und vor Menschen, und dafür wurde er ungerecht behandelt. Das ist das Wesen der Leiden um der Gerechtigkeit willen.
In den Psalmen finden wir diese Art von Leiden - auf den Herrn Jesus bezogen - in Psalm 109,2-5: «Denn der Mund des Gesetzlosen und der Mund des Trugs haben sich wider mich geöffnet, mit Lügenzunge haben sie zu mir geredet; und mit Worten des Hasses haben sie mich umgeben, und haben wider mich gestritten ohne Ursache.» Auch im Neuen Testament finden wir diese Leiden: «Die Welt kann euch nicht hassen; mich aber hasst sie, weil ich von ihr zeuge, dass ihre Werke böse sind» (Joh. 7,7). Der Herr Jesus tat das, was recht ist vor Gott, in diesem Fall war es sein Zeugnis vor der Welt. Als Folge davon wurde Er gehasst. Das sind Leiden um der Gerechtigkeit willen.
1.Petrus 2,19-24 zeigt uns den wichtigen Unterschied in den Leiden. Zunächst heisst es: «Dies ist wohlgefällig, wenn jemand um des Gewissens vor Gott willen Beschwerden erträgt, indem er ungerecht leidet. Denn was für ein Ruhm ist es, wenn ihr ausharrt, indem ihre sündigt und geschlagen werdet? Wenn ihr aber ausharrt, indem ihr Gutes tut und leidet, das ist wohlgefällig bei Gott.» Man handelt also richtig, gut und gerecht, und muss doch ungerechterweise leiden. Die Verse 21-23, auf den Herrn Jesus bezogen, gehen bis zu den drei ersten Stunden am Kreuz, als Er um der Gerechtigkeit willen von Menschen gelitten hat. Dann muss man einen Strich ziehen, weil jetzt andere Leiden kommen. In Vers 24 sind es die sühnenden Leiden, das, was Er in den drei Stunden der Finsternis, als Gott Ihn schlagen musste, erduldet hat. Diese Leiden trafen nur den Sohn Gottes, deinen und meinen Heiland.
Wenn Er nun wünscht, dass wir an seinen Empfindungen Anteil nehmen und Ihm in seinen Spuren folgen, dann geht es nicht um die sühnenden Leiden, sondern nur um die Leiden um der Gerechtigkeit willen. Welch einen Weg ging Er! Sind wir bereit, Ihm darin ein wenig zu folgen? 33 1/2 Jahre lebte Er auf dieser Erde und dabei erfuhr Er eine Beleidigung nach der andern und musste viele Entsagungen auf sich nehmen, bis Er das Werk am Kreuz vollbrachte.
Leiden um der Gerechtigkeit willen in den Psalmen
Psalm 69 ist ein Psalm, der uns oft bewegt, wenn wir am Sonntag zum Brotbrechen zusammenkommen und an den Herrn Jesus denken. Die Verse 13-21 haben die Zeit im Auge, als Er am Kreuz hing. Die Verse 7-12 bilden einen Rückblick auf sein Leben vor dem Kreuz.
«Entfremdet bin ich meinen Brüdern» (V. 8). Welche Empfindungen von Leiden verbergen sich hinter diesen kurzen Worten! Seine Brüder, die Söhne seiner Mutter, wollten Ihn nicht. Da waren Familienglieder, die nicht an Ihn glaubten und Ihn ablehnten (Joh. 7,5). Sie hatten später durch die Auferstehung des Herrn erfahren müssen, dass Er doch der Sohn Gottes ist - erst dann glaubten sie an Ihn. Er hat in der Familie manches erlebt, das Ihn zutiefst getroffen haben musste. Da kamen Familienangehörige und sagten: «Er ist ausser sich» (Mark. 3,21). Sie wollten damit sagen: Der ist nicht normal. Stellen wir uns vor, das würde einem in der eigenen Familie passieren; wie trifft einen das! Das musste der Sohn Gottes sich von seiner Familie anhören!
«Der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt» (V. 9). Es scheint, dass dies der Grund war, warum seine Brüder Ihn als einen Fremdling ansahen. Dieser Jesus war für sie sozusagen «das fünfte Rad am Wagen», der nicht erwünscht war. Diese Leiden fühlte Er auf Schritt und Tritt. Er hatte nichts Böses getan, trotzdem hat der Mensch seine ganze sinnlose Wut an Ihm ausgelassen. Das ist das Besondere der Leiden um der Gerechtigkeit willen.
Dreimal spricht Er hier vom Hohn. «Deinetwegen trage ich Hohn», «Du, du kennst meinen Hohn» und «Der Hohn hat mein Herz gebrochen, und ich bin ganz elend; und ich habe auf Mitleiden gewartet» (V. 7.19.20). Der Herr Jesus wartet gewissermassen auf irgendeine Liebes- und Mitleidsbezeugung von Seiten der Menschen - doch nichts dergleichen!
Ganz Ähnliches sagt der Herr Jesus in Psalm 22. Hier heisst es: «ich aber bin ein Wurm und kein Mann, der Menschen Hohn und der vom Volk Verachtete. Alle) die mich sehen, spotten meiner; sie reissen die Lippen auf schütteln den Kopf Er vertraut auf Gott! der errette ihn, befreie ihn, weil er Lust an ihm hat!» (V. 6-8). Vergegenwärtigen wir uns einmal, was es bedeutet, ein Wurm zu sein, also nicht einmal ein Mensch! Oder «kein Mann», mit andern Worten: «Ich habe überhaupt keinen Wert.» Die Vorstellung des Israeliten ist: Wenn jemand ein Mann ist, dann stellt er etwas dar, er hat einen Wert. Aber von unserem Herrn heisst es hier: kein Mann - wertlos, uninteressant für die Gesellschaft.
«Der Menschen Hohn» heisst, verhöhnt von den Menschen im allgemeinen; «der vom Volk Verachtete», vom Volk der Juden noch besonders verachtet. Die Menschen im allgemeinen und die Juden im besonderen hatten nichts für Ihn übrig. «Alle die mich sehen, spotten meiner.» Ja, sie verlachten Ihn, sie machten sich lustig über Ihn. «Sie reissen die Lippen auf», sie beleidigten Ihn, sie nahmen Ihm die letzte Ehre weg. «Sie schütteln den Kopf», in hochmütiger Ironie zogen sie sein Gottvertrauen ins Lächerliche. Man sagte gleichsam über Ihn: Ach der da! Alles erdenkliche Böse fügte man unserem Herrn zu.
«Viele Farren haben mich umgeben, Stiere von Basan mich umringt. Sie haben ihr Maul wider mich aufgesperrt, gleich einem reissenden und brüllenden Löwen» (V. 12.13). Mit diesen starken wilden Tieren werden die Grossen dieser Erde und auch der Juden verglichen. Es waren Menschen, die den Herrn in einer bestialischen, schlimmen Form quälten. Bedenken wir einmal, was es heisst, dass Farren, Stiere, Löwen und Hunde Ihn umgeben haben! Zum Schluss spricht Er von Büffeln - und Er ist das Lamm, die Hindin. Verstehen wir diesen gewaltigen Gegensatz? Er ist das Lamm inmitten dieser schlimmen Tiere.
Die Hunde. Vielleicht kann man darin die römischen Soldaten sehen oder die Heiden überhaupt, die den lebendigen Gott nicht kannten. Die Schrift spricht an anderer Stelle von ihnen als den Hündlein. Alle haben sich grundlos an Ihm ausgelassen, und unser Herr nahm das alles hin. Das sind Leiden um der Gerechtigkeit willen. Weil Er auf diese Weise gelitten hat, wird Er eines Tages auch antworten, d.h. Er wird dann Vergeltung üben. Im Gleichnis von den zehn Pfunden wird dies bestätigt. Die Bürger sagten: «Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche» (Luk. 19,14). Und am Schluss dieses Gleichnisses liest man: «Doch jene, meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringt sie her und erschlagt sie vor mir» (V. 27). Deswegen übt Er Vergeltung, weil man Ihn nicht gewollt hat, weil man Ihn ungerecht behandelt hat.
Daneben kennen wir auch das wunderbare Wort des Herrn Jesus: «Vater, vergib ihnen.» Da geht es nicht um seine sühnenden Leiden, die Er für dich und mich erdulden musste. Da geht es darum, dass der Mensch in seinem Wahn, in seiner Verblendung, in seinem Irrtum, in seiner Sünde den Herrn Jesus ans Kreuz gebracht hat. Da sagte Er gleichsam: «Vater, warte noch mit dem Gericht, weil sie mich um der Gerechtigkeit willen leiden lassen, sie wissen doch nicht, was sie tun.» Aber einmal kommt die Vergeltung, weil man Ihn so schlecht behandelt hat. Dann kommt das Gericht, das man in der Schrift deutlich findet. Das Grossartige jedoch ist, dass Gott das Gericht immer noch zurückhält und wünscht, dass Menschen zu Ihm kommen.
Weitere Arten von Leiden
Es gibt noch eine Reihe anderer Leiden, die der Herr Jesus von Menschen erfahren hat, Leiden, die Er in irgendeiner Form auch ausdrückte. Den Zugang zu ihnen finden wir wieder in Psalm 69, der vom Weinen des Herrn Jesus spricht. Wenn ein Mensch weint, dann leidet er. Der Herr Jesus kannte wahre, tiefe Empfindungen, an denen wir oft so arm sind. «Als ich weinte, und meine Seele im Fasten war, da wurde es mir zu Schmähungen» (V. 10). In den Evangelien weinte Er über Jerusalem, Er weinte am Grab des Lazarus, und auch im Garten Gethsemane hat Er Tränen vergossen. Er hat seine wahren, echten Empfindungen gezeigt.
Er kannte auch das Seufzen: «Ob der Stimme meines Seufzens klebt mein Gebein an meinem Fleisch» (Ps. 102,5). Die Haltung der Menschen Ihm gegenüber und was Er in dieser Welt sah, war derart, dass Er oft seufzte. Unser Herr hatte kein fröhliches Leben, auch wenn es sicher Situationen gab, da Er sich im Herzen freuen konnte. Er sah, was die Sünde angerichtet hatte, Er fühlte mit seiner gefallenen Kreatur und half ihr, soweit das ging. Er war auch betrübt über die Verstockung der Herzen. Das alles sind Ausdrücke von Leiden.
Der Prophet Jesaja hatte schon vorausgesagt: «Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten» (Matth. 8,17). Wenn jemand empfand, wie schlimm Krankheit, Besessenheit, oder der Verlust von Angehörigen ist, dann war Er es. Der Hebräer-Brief sagt uns, dass «er in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde» (Kap. 4,15). Das waren Leiden für Ihn. Auch die Psalmen sprechen von seinem Mitgefühl: «Sie vergelten mir Böses für Gutes; verwaist ist meine Seele. Ich aber, als sie krank waren, kleidete mich in Sacktuch; ich kasteite mit Fasten meine Seele» (Ps. 35,12.13).
Der Herr fühlte also mit seinen Feinden! Er wandte sich nicht ab, Er hatte Empfindungen für sie. Sogar bei seiner Gefangennahme «kleidete Er sich in Sacktuch». Petrus wollte sich für seinen Herrn zur Wehr setzen und schlug Malchus das Ohr ab. Der Herr Jesus hatte sogar in diesem Augenblick noch Empfindungen für diesen Mann; Er heilte das Ohr. Das waren Leiden aus Mitgefühl, sogar seinen Feinden gegenüber.
Ein ganz besonders eindrucksvolles Thema sind die Leiden, die Er empfand, als man sein Zartgefühl verletzte. Der Mensch gewordene Sohn Gottes hatte ein Empfinden, das ohnegleichen war. Wie muss Ihn z.B. der Ausspruch getroffen haben: «Siehe, ein Fresser und Weinsäufer» (Luk. 7,34). Das waren keine Schläge, die seinen Körper trafen, sondern Schläge, die in seine Seele und in sein Herz drangen, die sein Zartgefühl trafen. Wie drückt sich das auch in den Worten aus: «Als ich mich in Sacktuch kleidete, da wurde ich ihnen zum Sprichwort» (Ps. 69,11). Gerade sein Mitempfinden mit den Feinden war der Grund, dass Er ihnen zum Sprichwort wurde. In einem Sprichwort drückt man allgemeine Weisheiten in einer kurzen, griffigen Form aus. Die Leute sagten: «Nur nicht wie dieser Jesus, der sich sogar für Leute, die Ihn gar nicht wollen, in Sacktuch kleidet. Auf keinen Fall wie dieser!»
«Die im Tor sitzen reden über mich, und ich bin das Saitenspiel der Zecher» (Ps. 69,12). Die Männer in der Justiz und Verwaltung redeten bestimmt keine freundlichen Worte über Ihn. Er war für sie ein unangenehmer Staatsbürger. Auch die Menschen in den Gaststätten lachten über Ihn. Die Grossen redeten und die Kleinen lachten über Ihn. Wie furchtbar musste das alles den Herrn getroffen haben!
Was muss Er empfunden haben, als die Worte aus Psalm 22,17.18 über seine Lippen kamen: «Alle meine Gebeine könnte ich zählen. Sie schauen und sehen mich an. Sie teilen meine Kleider unter sich, und über mein Gewand werfen sie das Los.» Hier spricht der Sohn Gottes über sein Schamgefühl, das von den Menschen auf ungebührliche Weise verletzt wurde. Das alles hat Er hingenommen - schweigend, ohne sich zu wehren!
Er wurde von einem Mann verraten, den Er «Freund» nannte. Er wurde von einem andern verleugnet, der wirklich sein Freund war. Und im Augenblick der Entscheidung rannten alle weg. Das mindeste, das man von einem Freund erwartet, ist, dass er einen in der Not nicht im Stich lässt, sondern die Treue hält. Bei den Freunden des Herrn war nichts davon zu finden.
Man hat den Eindruck, dass jeder das Gegenteil von dem tat, was man von ihm hätte erwarten können. Von den Jüngern konnte man erwarten, dass sie zu Ihm hielten. Von einem Richter, der dem Gesetz verpflichtet ist, konnte man erwarten, dass er der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhalf. Von den Priestern konnte man erwarten, dass sie für Schuldige beteten. Doch das Gegenteil war der Fall, obwohl der Herr nicht einmal schuldig war. Auch dies alles hat sein Herz getroffen.
Alle diese Leiden trafen den Herrn noch vor den drei Stunden der Finsternis. Menschen waren es, die sie Ihm zugefügt haben. Das ist doch sehr beeindruckend. Es macht uns klar, wie schlimm wir Menschen sind! Die Schrift vergleicht uns nicht zu unrecht mit Tieren. In Psalm 22 haben wir das gefunden. Das ist unser Bild. Das ist die Kategorie «Mensch». Wie falsch und unangebracht ist es, von Humanität zu sprechen. Wenn es irgendwo angebracht gewesen wäre, humanes Verhalten zu zeigen, dann beim Kreuz. Aber da zeigte der Mensch im Gegenteil ein animalisches, brutales, bestialisches Verhalten. Ob es die Kleinen, die Grossen, die Kultivierten, die Primitiven, die Fürsten oder die Priester waren: keiner machte da eine Ausnahme. Die Nachkommen des ersten Menschen gleichen sich alle.
Welch ein Unterschied, wenn wir an den zweiten Menschen, den vom Himmel, denken! Er ist die Person, die wir lieben, der unsere Herzen gehören. Er ist auf diese Erde gekommen und hat all die Leiden um der Gerechtigkeit willen auf sich genommen, weil Er uns liebt. Aber dadurch wurde die Frage der Sünde und unserer Sünden noch nicht gelöst. Das Schlimmste musste Er noch über sich ergehen lassen: dass Gott sein Schwert nahm und Ihn schlug. Wenn Gott dies tut, dann hat der Mensch nichts mehr zu sagen. In den drei Stunden der Finsternis redete keiner mehr, es herrschte Totenstille. Die Menschen schwiegen, nur Gott redete - durch Schweigen!
Leiden wegen der Sünde
Wenn wir uns jetzt mit den sühnenden Leiden beschäftigen, die Gott Ihm, dem geliebten Sohn, am Kreuz zugefügt hat, ja, zufügen musste, dann steht Er einzig vor uns. Da geziemt sich nur ehrfurchtsvolle Anbetung und Bewunderung mit dem uns gebührenden Abstand. Wir können diesen Leiden nicht auf den Grund gehen, aber wir dürfen mit einem geöffneten und anbetenden Herzen darüber nachdenken. Der Herr Jesus ist in den drei Stunden der Finsternis, von der sechsten bis zur neunten Stunde, allein mit Gott gewesen. Er wurde in der letzten Zeit seines Lebens auf der Erde immer einsamer. Etwa von Johannes 12 an wurden die dunklen Wolken des vor Ihm stehenden Todes immer dichter. Die Schrift gibt uns in den Evangelien und Psalmen Hinweise über seine Vorausempfindungen.
«Jetzt ist meine Seele bestürzt» (Joh. 12,27). Er, der die Gleichmässigkeit in Person war, dessen Seele wurde bestürzt und erschüttert. Das war nicht normal in seinem Leben, aber der Gedanke an Golgatha liess Ihn bestürzt werden. Es war eine Vorausempfindung dessen, was auf Ihn zukommen würde. Auch Gethsemane war eine Art Vorausempfindung, aber das Kreuz war viel, viel schlimmer als Gethsemane, weil Gott Ihn dort verlassen musste.
In diesen zeitlichen Bereich vor Golgatha gehören auch die in Psalm 102 beschriebenen Leiden unseres Herrn. Es handelt sich um die Gefühle, die Christus persönlich über seine Verwerfung als Messias hatte, jedoch nicht um das Tragen des Gerichts über die Sünde. In Hebräer 1,12 wird dieser Psalm auf den Herrn Jesus bezogen.
«Wie Rauch entschwinden meine Tage, und meine Gebeine glühen wie ein Brand. Wie Kraut ist versengt und verdorrt mein Herz, dass ich vergessen habe, mein Brot zu essen. Ob der Stimme meines Seufzens klebt mein Gebein an meinem Fleisch» (V. 3-5). Diese Verse sprechen von der körperlichen Not des Herrn.
«Ich gleiche dem Pelikan in der Wüste, bin wie die Eule der Einöden. Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dach» (V. 6.7). Hier handelt es sich um die seelischen Leiden, um die grenzenlose Einsamkeit, die vor Ihm stand. Wenn je ein Mensch in dieser Welt einsam war, dann war Er es. Sein ganzes Leben war einsam, aber später auf Golgatha wurde Er um unserer Sünden willen der grenzenlos Einsame.
Psalm 22
Fast der ganze Psalm stellt uns deutlich das Kreuz vor Augen, und zwar insbesondere die drei finsteren Stunden und den Herrn Jesus im Gericht Gottes. Dies ist tatsächlich das Höchste im Alten Testament, ja, in der ganzen Bibel. Psalm 22 und Jesaja 53 sind die moralischen Zentren des Alten Testaments, der Mittelpunkt der Belehrung und der Gedanken Gottes.
Im Unterschied dazu spricht Psalm 69, der andere grosse Psalm über die Leiden des Christus, nicht vom Gericht Gottes über die Sünde und nicht vom Gottverlassensein des Herrn Jesus. Psalm 69 lässt sein Sühnungswerk unerwähnt.
Die Überschrift von Psalm 22 lautet: «Dem Vorsänger, nach (Hindin der Morgenröte). Ein Psalm von David.» Obwohl dies also mit Sicherheit ein Psalm von David ist, kann er mit den persönlichen Umständen Davids nichts oder kaum etwas zu tun haben. Hier spricht er, durch den Heiligen Geist getrieben, von einem Grösseren, der nach ihm kommen würde. Vers 1.Können wir als Beispiel anführen: «In den Staub des Todes legst du mich.» Das ist eine Aussage, die nicht in das Leben Davids passt, obwohl er manchmal in Todesgefahren war. Er spricht hier als ein Prophet und hat die grosse Person der Bibel im Blickfeld, unseren Herrn Jesus.
«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ...?» (V. 1a). In den Evangelien spricht der Herr Jesus vor und nach den drei Stunden der Finsternis zum Vater. In den drei Stunden der Finsternis spricht Er zu Gott. Hier trifft Ihn das Gericht, ein Gericht, wie es vorher nie war, und wie es nachher nie mehr sein wird. Gewiss hat Ihn Gott als Vater nie verlassen (Joh. 16,32), aber hier spricht Er seinen Gott als Gott an. Dies ist der Augenblick, wo der heilige Gott Ihn schlagen muss, wo Er als Mittler, als Repräsentant der Menschen, in das göttliche Gericht gehen muss.
Wenn wir an das «Warum» des Herrn Jesus am Kreuz denken, dann ist die Überlegung, dass es um unsertwillen geschah, nicht ausreichend, denn das wusste Er ja auch. Hier geht es um ein viel tieferes «Warum». Er fragte hier in seiner Seelennot gewissermassen: «Warum kann das sein, dass Gott mich verlässt?» Das war ein Ausruf seiner grenzenlosen Not. Wenn wir uns vorstellen, dass Gott auf dem Richterstuhl sitzt und seinen vollkommenen, reinen, heiligen Sohn vor diesen Richterstuhl zitiert und Ihn verurteilt und zur Sünde macht, so fragt der Sohn: Warum tust Du das? Das ist eine ganz beeindruckende Szene. Das Neue Testament, das ja griechisch geschrieben ist, gibt ausgerechnet diese Worte auf aramäisch wieder, um ganz präzise zu sagen, was dort passiert ist. Der Heilige Geist benützt hier die Worte, so wie der Herr sie ausgesprochen hat.
«... bist fern von meiner Rettung, den Worten meines Gestöhns?» (V. 1b). Die einzige Person, die wie keine andere die Nähe Gottes kannte, wurde jetzt auch die einzige Person, die in der grössten Distanz zu Gott stand, die man sich überhaupt denken kann. Hier begegneten sich zwei Extreme. Wie antwortete Gott, der seinem Wesen nach das Wort ist, der spricht und redet? - Er schwieg! Sein Schweigen war gleichsam sein zürnendes Reden zu Dem, der, zur Sünde gemacht, vor dem heiligen Gott stand.
«Mein Gott! ich rufe des Tages, und du antwortest nicht; und des Nachts, und mir wird keine Ruhe» (V. 2). Auch dieser Vers muss uns sehr bewegen. Überhaupt können wir den ganzen Text nur mit einem wirklich anbetenden Herzen verstehen. Unser Intellekt versagt bei diesen Fragen. Der Herr hat doch keine zwölf Stunden am Kreuz gehangen, wie kann Er dann sagen: «Ich rufe des Tages und des Nachts»? Der Ausruf «Ich rufe des Tages» könnte die ersten drei Stunden des Kreuzes bedeuten, denn da war noch Sonnenschein. Bei «des Nachts» könnte man an die zweiten drei Stunden denken, denn da lag Finsternis über Golgatha.
Oder war es vielleicht ein Ausdruck der ganzen Schrecklichkeit, dass Er keine Erhörung fand? Bestimmt liegen hier noch grössere Tiefen verborgen. Der Herr Jesus hat für uns die Ewigkeit unserer Strafe getragen. In der Offenbarung wird die Zeit beschrieben, wenn die Verlorenen ihr Gericht empfangen werden. «Der Rauch ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht» (Kap. 14,11). Hier kann man vielleicht einen Zusammenhang sehen. In der Ewigkeit gibt es weder Tag noch Nacht, und doch ist das die Empfindung, die diese Verlorenen haben werden: In der Ewigkeit, und doch Tag und Nacht keine Ruhe. «Wo sowohl das Tier ist als auch der falsche Prophet; und sie werden Tag und Nacht gepeinigt werden von Ewigkeit zu Ewigkeit» (Kap. 20,10b). So empfinden sie in der Ewigkeit dieses dauernde Gepeinigtwerden. Alles «Rufen» - wenn es das überhaupt noch geben kann - bleibt dann ohne Antwort. Gott «schweigt» ewig. In Ehrfurcht gesagt, hat der Herr in den drei Stunden der Finsternis etwas von der Ewigkeit unserer Strafe empfunden, die uns hätte treffen müssen, wenn wir uns nicht bekehrt hätten.
«Doch du bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels» (V. 3). Der Herr Jesus gibt hier selbst die Antwort auf seine Frage. Gott gibt sie Ihm nicht, Er kann sie Ihm nicht geben. «Du bist heilig.» Damit sagt Er gewissermassen: «Du musst so handeln, es geht nicht anders. Deine Wege sind richtig, ich unterwerfe mich diesen Wegen.» Welche Herrlichkeiten sind hier in Ihm zu finden, dass Er nicht müde geworden ist, und dass Er - menschlich gesprochen - nicht in eigener Machtvollkommenheit das Kreuz verlassen hat!
Weiter lesen wir in Psalm 22: «Wie Wasser bin ich hingeschüttet, und alle meine Gebeine haben sich zertrennt» (V. 14). Hingeschüttetes Wasser, das bald versickert, ist ein Bild äusserster Schwachheit. Das sagt der Sohn Gottes, den die Schrift «den starken Gott» nennt. Da sehen wir diesen grossen Gegensatz, der sich immer wieder zeigt: der Herr Jesus, in Schwachheit gekreuzigt und doch der starke Gott.
In Vers 15, über den wir schon nachgedacht haben, lesen wir vom Staub des Todes. Von aussen gesehen ist der Herr Jesus ermordet worden (vgl. Apg. 5,30; 7,52). Aus der Sicht Gottes betrachtet, hat Er Ihn in den Staub des Todes gelegt. Der Herr Jesus sagt von sich, dass Er sein Leben selbst gelassen hat (Joh. 10,18). Alle drei Seiten sind biblisch und wahr. Besonders interessant ist, dass Er geschehen liess, dass Gott Ihn in den Staub des Todes gelegt hat. Man liest nichts von einem Kampf. Er wurde in Schwachheit gekreuzigt. Er hat sich hingegeben, aber nicht wie ein menschlicher Held, der bis zum letzten Blutstropfen kämpft. Ein Held leistet Widerstand. Er aber hat angenommen, was Gott Ihm bestimmt hat.
«Errette vom Schwert meine Seele, meine einzige von der Gewalt des Hundes» (V. 20). Unter dem Schwert ist sicher das Schwert Gottes zu verstehen und unter der Gewalt des Hundes die Gewalt der Menschen.
«Rette mich aus dem Rachen des Löwen!» (V. 21). Hier ist der Rachen Satans gemeint. Auf Golgatha hatte auch Satan seine Hand im Spiel. Die ganze Szenerie rund um Golgatha war ein Tummelplatz der Dämonen. Satan bot seine ganzen Armeen auf, um den Sohn Gottes zu vernichten. Aber er hat dort seine grösste Niederlage erlitten. Von aussen gesehen hätte man meinen können, der Herr Jesus sei der Unterlegene. Aber in Wirklichkeit hat Er den grössten Sieg errungen, den man sich überhaupt denken kann.
Psalm 40
Auch dieser Psalm spricht prophetisch vom Herrn Jesus. Das beweist Hebräer 10, denn Vers 7 ist ein Zitat aus Psalm 40. Hier kommt der Sohn Gottes, übereinstimmend mit den ewigen Ratschlüssen der Gottheit, in diese Welt: «ich komme, O Gott, um deinen Willen zu tun.»
Dieser Weg brachte Ihn in die Grube des Verderbens, aber Er versank nicht in dieser Grube: «Er hat mich heraufgeführt aus der Grube des Verderbens und in meinen Mund hat er gelegt ein neues Lied, einen Lobgesang unserem Gott» (V. 2,3).
Der Herr Jesus ist in diesem Psalm der vollkommen gehorsame Diener, der die Ratschlüsse Gottes völlig erfüllt hat.
In Vers 12 wird von Ungerechtigkeiten, von Übeln gesprochen. Es steht sogar: «Meine Ungerechtigkeiten haben mich erreicht.» Aber der Herr meinte nicht etwa eigene Ungerechtigkeiten! Im Neuen Testament wird an mehreren Stellen bezeugt, dass Er der in jeder Beziehung Vollkommene gewesen ist, ohne die geringste Ungerechtigkeit, ohne den geringsten Makel in seinem heiligen Leben. Nein, mit diesem Ausdruck meint Er, dass Ihm, dem wahren, vollkommenen Opfer, fremde Schuld und Ungerechtigkeiten auferlegt wurden. Er hat das Gericht Gottes über diese Ungerechtigkeiten erfahren, wie wenn es seine eigenen gewesen wären.
In diesem Psalm geht es um das wahre Opfer. Die vielen tausend Opfer, die zur Zeit des Alten Testaments dargebracht wurden, waren im Hinblick auf die Sünden alle wirkungslos. Aber dann kam der Herr Jesus, und Er war in seiner Person das wirkungsvolle Opfer. Er war das vollkommene Opfer, der vollkommene Diener, der Gott in allem verherrlicht hat. Psalm 40 ist ein Brandopfer-Psalm. Der Herr Jesus steht hier in seiner ganzen Wohlgefälligkeit vor Gott. Psalm 40 spricht nicht davon, dass Christus von Gott verlassen war und dass Gottes Zorn auf Ihm ruhte.
Psalm 88
Man sagt, Psalm 88 sei der traurigste aller Psalmen, ein Trauerlied ohne jeden Lichtstrahl. Er endet genau so dunkel, wie er anfängt. Dieser Psalm zeigt den Überrest unter dem schrecklichen Gefühl, das Gesetz gebrochen zu haben, gewissermassen unter dem Fluch Gottes zu stehen. Das Land der Vergessenheit ist eine bildhafte Umschreibung des Todes (V. 12). Wenn ein Israelit das Gesetz gebrochen hatte, kam der Tod auf ihn zu. Das ist der Hauptgedanke in Psalm 88. Das können wir auf den Herrn anwenden. Die Parallele bietet sich sozusagen an; denn wer das Gesetz übertrat, war deswegen verflucht, und der Herr Jesus ist für uns ein Fluch geworden (Gal. 3,13).
Manche Gedanken in diesem Psalm sind denen in Psalm 22 sehr ähnlich. Einige davon seien erwähnt:
Die Einsamkeit des Herrn. «Meine Bekannten hast du von mir entfernt ... Freund und Genossen hast du von mir entfernt, meine Bekannten sind Finsternis» (V. 8.18).
Sein Verlassensein von Gott. «Du hast mich in die tiefste Grube gelegt, in Finsternisse, in Tiefen. Auf mir liegt schwer dein Grimm, und mit allen deinen Wellen hast du mich niedergedrückt» (V. 6.7)
Sein Rufen zu Gott. «Ich habe geschrieen ... ich habe jeden Tag gerufen ... ich aber schreie zu dir» (V. 1.9.13).
Sein «Warum». «Warum, Ewiger, verwirfst du meine Seele, verbirgst dein Angesicht vor mir?» (V. 14). Auch dieses «Warum» bleibt ohne Antwort! Wir verstehen, dass auch die Empfindungen in Vers 3 die Gefühle unseres Herrn wiedergeben: «Satt ist meine See/e von Leiden.» Jetzt «sättigt» Er sich von der Mühsal seiner Seele (Jes. 53,11)!
Die Leiden des Herrn Jesus sind und bleiben ein unerschöpfliches Thema. Die Beschäftigung damit macht unsere Herzen glücklich und dankbar, denn Er hat wirklich alles für uns getan. Wir haben alle Veranlassung, uns des Kreuzes zu rühmen, und uns dessen nicht zu schämen. Wir dürfen gewissermassen stolz sein auf diese Person dort am Kreuz!
II. Die Herrlichkeiten des Herrn Jesus nach dem Erlösungswerk
Auch bei der Behandlung dieses Themas ist es unsere Schwierigkeit, dass wir Unendliches in endliche Worte fassen müssen, dass wir also das, was im Grunde nicht oder nur schwer erfassbar ist, für unser begrenztes Verstehen fasslich ausdrücken müssen. Aber der Augenblick wird kommen, da wir das Vollkommene sehen und erfassen werden. Wir wollen auch die Herrlichkeiten des Herrn Jesus im Blickwinkel der Psalmen betrachten, und uns dabei immer wieder am Neuen Testament orientieren.
Die Psalmen stehen ja nicht für sich da, sozusagen in einem leeren Raum, sondern das Neue Testament bestätigt an vielen Stellen, dass die Psalmen auch prophetisch vom Herrn sprechen.
Zunächst erinnern wir uns wieder an einige Bibelstellen:
«Die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn aus den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit gegeben hat» (1.Petr. 1,21).
«Durch die Auferstehung Jesu Christi, der, in den Himmel gegangen, zur Rechten Gottes ist, indem Engel und Gewalten und Mächte ihm unterworfen sind» (1.Petr. 3,21.22).
«Wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel wegen des Leidens des Todes erniedrigt war, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt - so dass er durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte» (Hebr. 2,9).
«Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln; er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein» (Jes. 52,13).
«Du hast mich erhört von den Hörnern der Büffel. Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will ich dich loben. Ihr, die ihr den ewigen Gott fürchtet, lobt ihn; aller Same Jakobs, verherrlicht ihn, und scheut euch vor ihm, aller Same Israels! Denn nicht verachtet hat er, noch verabscheut das Elend des Elenden, noch sein Angesicht vor ihm verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er» (Ps. 22,21-24)
Nach einem knappen, begrenzten Leben von 33 1/2 Jahren, einem Leben voller Entsagungen und unermesslichen Leiden, beginnt der Triumph, die Herrlichkeit des Herrn Jesus. Er kam auf diese Erde, eigentlich nicht um zu leben, sondern um zu sterben. Wenn wir geboren werden, erscheinen wir in dieser Welt mit der erklärten Absicht, hier zu leben und glücklich zu sein. Als der Herr Jesus hier erschien, kam Er mit der erklärten Absicht, nicht zu leben, sondern zu sterben. Welch grosser Unterschied! Darum hat Gott Ihn erhöht.
Es ist interessant, dass 1.Petrus 1,11 von den Herrlichkeiten (Mehrzahl) des Herrn Jesus spricht. Gott zählt sie in seinem Wort auf und erlaubt uns, in einer ehrfürchtigen Haltung zu betrachten, welche Herrlichkeiten sein geliebter Sohn jetzt besitzt.
Herrlichkeit ist ein Begriff, den wir gut kennen, ohne vielleicht genau zu wissen, was er eigentlich bedeutet. Mit Herrlichkeit verbinden wir die Vorstellung von Grösse, von Anerkennung, von Würde, von etwas Herausragendem, das sich vom Normalen abhebt. Das trifft ganz auf unseren Herrn zu, der nach einem Leben schwerster Leiden in eine Herrlichkeit unerhörten Ausmasses eingetreten ist. Da berühren sich wirklich die Extreme. So niedrig und erniedrigt Er damals war, so hoch und erhöht ist Er jetzt. Diese herrliche Person macht wahres Christentum aus. Sich mit den Leiden und Herrlichkeiten des Herrn Jesus zu beschäftigen, macht alte und junge Christen glücklich.
Psalm 22
Im ersten Teil schildert uns dieser Psalm die Leiden des Herrn Jesus unter dem Aspekt der Feindschaft des Menschen, der Vernichtungsabsicht des Teufels und des Verlassenseins von Gott. Ab Vers 21 haben wir ganz plötzlich eine Veränderung: «Du hast mich erhört von den Hörnern der Büffel.» Man hat den Eindruck, dass jetzt das Erlösungswerk, neutestamentlich gesagt, erfüllt ist. Zwischen Vers 21 und 22 befindet sich aber eine Lücke. Was gehört denn in diese Lücke? Der Tod und die Auferweckung! Und beides übergeht der heilige Text keineswegs. Denn schon vorher wird davon gesprochen, dass der Herr in den Staub des Todes gelegt wurde, und nachher finden wir seine Herrlichkeit, die im Grunde die Auferweckung voraussetzt. Vers 22 ist der Augenblick, da der Herr nach vollbrachtem Werk erhört, befreit und glücklich ist. Er lobt, und das ist ein wichtiger Punkt dieses Psalms. Nach den furchtbaren Qualen des Kreuzes geniesst Er jetzt tiefe Freude.
«Er vertraut auf den ewigen Gott! der errette ihn, befreie ihn, weil er Lust an ihm hat» (V. 8). Gott gibt in Psalm 18,19 auf diese frivole Rede eine Antwort: «Und er führte mich heraus ins Weite, er befreite mich, weil er Lust an mir hatte.» Er hat diese spöttische Rede aufgegriffen und sie in einer ganz anderen Form in den Mund seines Sohnes gelegt. So ist unser Herr der Befreite, der Erhöhte und auch der Lobende. Die Unergründlichkeit und Tiefe der Leiden im ersten Teil des Psalms entspricht der unvorstellbaren Grösse der moralischen Herrlichkeit des Herrn im zweiten Teil des Psalms.
Der zweite Teil dieses Psalms spricht nur noch von Gnade, kein Wort von Gericht. Von Golgatha aus ergiesst sich die Gnade wie ein Strom. Er fängt als ein Rinnsal an und verbreitert sich immer mehr und wird auch immer tiefer.
«Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern» (V. 22a). Hier denken wir an den Auferstehungsmorgen, als der Herr Jesus zu Maria Magdalene sagte: «Gehe hin zu meinen Brüdern.» Die Jünger waren die erste kleine Gruppe von Menschen, die das hören durfte. In einem kleinen Kreis begann die Gnade zu wirken.
In Vers 22b wendet Er sich sofort einer grösseren Schar zu: «Inmitten der Versammlung will ich dich loben.» In Johannes 20 finden wir, dass der Herr Jesus am ersten Tag der Woche in der Mitte der Seinen steht, dem ersten Ausdruck der Versammlung der Christen, die sich dort gebildet hat. Nachdem der Herr Jesus auferstanden war, bildeten die Jünger den Kern der Versammlung der Christen, die am Pfingsttag mit dem Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde ihren Anfang nahm und dann ganz deutlich in Erscheinung trat.
Das Loblied, das der Herr Jesus hier anstimmt, ist ein Loblied der Freude und des tiefen Glücks. Er wünscht sehr, dass wir in sein Glück, in seinen Lobgesang, miteinstimmen.
«Denn nicht verachtet hat er, noch verabscheut das Elend des Elenden» (V. 24). Gott hat ihn nicht verachtet, sondern sein Werk angenommen.
«Von dir kommt mein Lobgesang in der grossen Versammlung; bezahlen will ich meine Gelübde vor denen, die ihn fürchten» (V. 25). Hier wird eine erneute Erweiterung des Stroms der Gnade beschrieben: Er erfasst die grosse Versammlung. In der Ausdrucksweise der Psalmen ist damit ganz Israel gemeint. Die Gnade und die Erlösung werden einmal das ganze irdische Volk Israel erfassen. Der Herr Jesus wird allen Bedürfnissen dieses Volkes Rechnung tragen.
«Es werden eingedenk werden und zu dem Ewigen umkehren alle Enden der Erde» (V. 27). Der Strom der Gnade weitet sich noch mehr aus, er erfasst alle Enden der Erde. Er ist nicht mehr auf Israel beschränkt, er wird zu einer globalen, erdumspannenden Sache. Die Gnade Gottes ist da, um alle Enden der Erde zu erreichen.
«Denn des ewigen Gottes ist das Reich, und unter den Nationen herrscht er» (V. 28). Gott herrscht immer durch seinen Sohn. Er ist gewissermassen der Repräsentant Gottes auf dieser Erde, durch den die Herrschaft Gottes sich manifestiert. Der Herr Jesus nimmt das Heft in die Hand und hat allein das Sagen. Jedes Knie muss sich vor Ihm beugen.
«Es essen und fallen nieder alle Fetten der Erde; vor ihm werden sich beugen alle, die in den Staub hinabfahren» (V. 29). Dieser Vers hat nichts mit Gericht zu tun. Er bedeutet, dass die Wohlhabenden, die Elenden und die Bedürftigen auf die Knie fallen und Ihn anbeten werden. Jede soziale Schicht wird letztlich von der Segnung erfasst und kann sich in ihr erfreuen.
«Ein Same wird ihm dienen ... Sie werden kommen und verkünden seine Gerechtigkeit» (V. 30.31). Die Gnade fliesst unaufhaltsam weiter. Auch die kommenden Generationen werden erfasst, nicht nur die jetzt lebenden. Der Strom der Gnade ergiesst sich in die verlorene Welt hinein.
Jesaja 52,13: «Erhoben, erhöht und sehr hoch» bedeutet: Auferweckt, zum Himmel aufgefahren und verherrlicht zur Rechten Gottes. Diese Aspekte der Herrlichkeit des Herrn Jesus finden wir auch in den Psalmen. Hier ist zunächst Psalm 16 anzuführen.
Psalm 16
Die Verse in Apostelgeschichte 2,25-28 und 13,35 verbinden diesen Psalm mit der Auferweckung des Herrn. Daher könnte man ihn den Auferstehungspsalm nennen. Sein Kerngedanke ist der Herr Jesus als der grosse Diener Gottes, der in völliger Abhängigkeit gelebt hat und der der Verwesung nicht preisgegeben wird; denn Gott lässt dies nicht zu (V. 10). Christus wird auferweckt und lebt.
«Du wirst mir kundtun den Weg des Lebens; Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht, Lieblichkeiten in deiner Rechten immerdar» (V. 1]). Der Herr Jesus hatte keine Freuden in dieser Welt. Er war der am meisten Gehasste. Die Freude, die Er kannte, war in seinem Gott. Er wird hier für allen Verzicht entschädigt. Bei seinem Gott geniesst Er jetzt Fülle und Sättigung von Freuden. Das ist eigentlich normal, wenn wir Ihn als den ewigen Sohn Gottes sehen. Aber es ist etwas Besonderes, wenn wir daran denken, dass Er der gepeinigte und gequälte Messias war, an dem der Mensch seine Wut ausgelassen hat, den Satan vernichten wollte und den Gott geschlagen hat. Dieser Mann, unser Heiland, geniesst jetzt Fülle von Freuden.
Psalm 68
Unter dem Gesichtspunkt der Herrlichkeit des Herrn Jesus ist es gerechtfertigt, von diesem Psalm als dem Himmelfahrtspsalm zu sprechen. Epheser 4,8 berechtigt uns dazu. Der Herr ist «aufgefahren in die Höhe». Die Schrift findet immer wieder neue Ausdrücke, um die Herrlichkeit des Herrn Jesus zu beschreiben.
«Du hast die Gefangenschaft gefangen geführt» (V. 18). Dies hat der zum Himmel aufgefahrene Herr, den der Tod nicht behalten konnte, getan. Aber es ist auch eine Beschreibung unseres Zustands. Wir waren die Gefangenen, die Sklaven Satans und der Sünde. Der Herr Jesus hat sich die Hände binden lassen und ist, äusserlich gesehen, der Gefangene geworden, damit wir frei würden. Wenn jemand wirklich frei ist auf diesem Globus, dann sind es die gläubigen Christen. Wir sind die freiesten Leute, die es überhaupt gibt. Worauf beruht unsere Freiheit? Auf unserem Gehorsam, denn Gehorsam im Sinn der Schrift, macht frei und glücklich. Mit der Bekehrung tut man den ersten Schritt in die Freiheit. Unser Glück beruht auf dem Gehorsam gegenüber dem einfachen, schlichten Wort Gottes, dem zu gehorchen wir berufen sind.
Psalm 110
«Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füsse» (V. 1). Dieser Vers spricht klar vom Herrn Jesus, denn im Neuen Testament wird er mehrfach auf Ihn bezogen. Es ist eine interessante Tatsache, dass Er zur Rechten Gottes «sitzt». Der Sohn sitzt, bis seine Feinde am Boden liegen. Unser Herr nimmt den Platz der höchsten Ehre ein. Er ist «sehr hoch» (Jes. 52,13).
Auffällig ist dabei, dass einerseits Gott den Herrn zu seiner Rechten setzte (Eph. 1,20), während anderseits der Herr selbst sich zur Rechten Gottes setzte (Mark. 16,19). Schon dem Synedrium hatte der Herr Jesus erklärt, dass der Sohn des Menschen zur Rechten der Macht Gottes sitzen werde (Luk. 22,69). Das allein ist der Platz, der Ihm zusteht.
In Johannes 16,8 sagt der Herr: «Wenn der Geist Gottes gekommen ist, wird er die Welt überführen von ... Gerechtigkeit.» Warum? Weil Er zu seinem Vater ging. Er nimmt nun dort den Ihm gerechterweise zukommenden Platz zur Rechten Gottes ein. Auch Psalm 80,17 spricht davon, dass der Herr Jesus zur Rechten Gottes ist. Wir finden also in den Psalmen den Gedanken der Herrlichkeit des Herrn Jesus zur Rechten Gottes klar ausgedrückt.
Die Herrlichkeit des ewigen Priestertums nach der Ordnung Melchisedeks wird hier ebenfalls angesprochen. Stellen wir uns vor, wie erstaunt die Engel dastanden, als der Herr Jesus in den Himmel zurückkehrte und von Gott als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks begrüsst wurde (Hebr. 5,10)! Das muss ein erhabener Augenblick gewesen sein. Diese Herrlichkeit unterscheidet sich natürlich von der Herrlichkeit bzw. Verherrlichung, die Er in Johannes 17 erwähnt (V. 1.10.24). Wir wollen uns von Herzen freuen, dass die Herrlichkeiten des Herrn Jesus so vielgestaltig sind.
Psalm 102
Nach Hebräer 1,10-12 darf man beim Lesen von Psalm 102 an den Herrn Jesus denken. Der Herr spricht in Vers 23 davon, dass Gott seine Tage verkürzt, das heisst, zu Ende bringt. In Vers 24a fügt Er hinzu: «Mein Gott, nimm mich nicht hinweg in der Hälfte meiner Tage!». Mit 33 1/2 Jahren hatte Er ungefähr die Hälfte eines Lebens auf der Erde erreicht. In Vers 24b gibt Gott Ihm aus der Ewigkeit eine grossartige Antwort, die göttliche Antwort auf seine Leiden und auf sein Ausgestossen-werden als Mensch: «Von Geschlecht zu Geschlecht sind deine Jahre.» Hier sagt die Schrift mit unmissverständlichen Worten, dass der Messias, diese abgeschnittene, ausgerottete Person, doch der ewige Gott ist, derjenige nämlich, der Unsterblichkeit besitzt und über Unsterblichkeit verfügt, und diese wunderbare Person «zählt» sozusagen ihre Tage! Und doch ist Er der Schöpfer aller Dinge: «Du hast vormals die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden untergehen, du aber bleibst; und sie alle werden veralten wie ein Kleid; wie ein Gewand wirst du sie verwandeln, und sie werden verwandelt werden» (V. 25.26).
Alles unterliegt der Veränderung, dem Wandel - nur Er nicht. Er bringt alles zur Verwandlung, und Er ist der unwandelbare Urheber aller Veränderung. Er ist der grosse Veränderer - aber Er selbst bleibt. Hier macht uns Gott ganz besonders seine Grösse har. Was für eine Herrlichkeit hat hier unser Herr, eine Herrlichkeit als verherrlichter Sohn des Menschen im Himmel!
Psalm 2
Dieser mehrfach im Neuen Testament erwähnte Psalm beschreibt den verworfenen König und seine Herrlichkeit. Der Herr Jesus ist auch in seiner Verwerfung mit Herrlichkeit umgeben, gleichzeitig hat sich aber alles gegen Ihn verschworen. Apostelgeschichte 4 beschreibt eine Art satanische Allianz oder Koalition gegen Gott und seinen Christus: Es kam zu einem Bündnis zwischen Herodes, Pilatus, den Nationen und den Völkern Israels (Apg. 4,25-27).
In den Versen 2 und 3 wollen sich die Könige der Erde von Ihm lösen und in eine vermeintliche Freiheit treten, die in Wirklichkeit die grösste Sklaverei ist: «Es treten auf die Könige der Erde, und die Fürsten ratschlagen miteinander wider den Ewigen und wider seinen Gesalbten: Lasst uns zerreissen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile!» Angesichts dieser Verwerfung des Königs sagt Gott, dass Er diesen König gesalbt habe und dass dieser König sein Sohn sei, heute habe Er Ihn gezeugt (V. 6.7).
Hier fällt übrigens auf, dass die Formulierung in Vers 7, menschlich überlegt, eigentlich unlogisch ist. Wir würden schreiben: Heute habe ich dich gezeugt, du bist mein Sohn. Das wäre für uns logisch. Aber hier spricht Gott, der zum Herrn Jesus sagt, der neben Ihm sitzt: «Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.» Gott lässt hier anklingen, dass dieser Mensch, der einst von einer Frau geboren werden würde, doch der ewige Sohn ist. Gott macht es uns hier in einer besonderen Form der Satzstellung deutlich. Er sagt es uns nicht im Klartext, aber Er deutet es an. Das Neue Testament wirft dann spezielles Licht darauf, damit wir es ganz klar sehen können. Dieser in die Zeit hinein geborene Sohn ist zugleich auch der ewige Sohn.
«Mit eisernem Zepter wirst du sie zerschmettern, wie ein Töpfergefäss sie zerschmeissen. -.. Küsst den Sohn, dass er nicht zürne, und ihr umkommt auf dem Weg, wenn nur ein wenig entbrennt sein Zorn. Glückselig alle, die auf ihn trauen» (V. 9.12).
Dies spricht davon, dass Er der Richter ist, aber auch der Sohn, diese wunderbare Person. Gott macht klar, dass das sein Christus ist und bleibt. Dieser Christus wird das letzte Wort haben. An mehreren Stellen der Apostelgeschichte sieht man, dass die Apostel gerade diese Stelle anführen, um nach der Auferweckung des Herrn deutlich zu machen, dass Er der Mann ist, den Gott zum Christus und zum Herrn gemacht und erhöht hat. Das ist die Freude des Herrn Jesus, und wir dürfen uns mit Ihm darüber freuen.
Der Rebellion der Könige und Fürsten dieser Erde gegen Gott wird der Herr Jesus hier als der König Gottes, als der Sohn Gottes und als der Richter Gottes gegenübergestellt. In dieser dreifachen Würde tritt Er hier auf.
Psalm 8
Der Sohn Gottes ist der Verworfene, darum finden wir in den Versen 4 und 5, dass Gott von Ihm als vom Sohn des Menschen spricht: «Was ist der Mensch, dass du sein gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du auf ihn acht hast? Denn ein wenig hast du ihn unter die Engel erniedrigt; und mit Herrlichkeit und Pracht hast du ihn gekrönt.» Hier tritt die Herrlichkeit des Sohnes des Menschen vor uns. In Hebräer 2,6.7 wird diese Stelle zitiert.
Wenn wir Psalm 8 lesen, spüren wir, wie klein und unbedeutend der Mensch angesichts des Firmaments ist. Wenn der Mensch an die Grösse der Schöpfung denkt, verschwindet er völlig. Aus der Sichtweise von Hebräer 2 hat man dagegen den Eindruck, dass die Schöpfung zurücktritt und der Sohn des Menschen gross wird. Hier in Psalm 8 ist es umgekehrt. Der Mensch wird klein und die Schöpfung ist gross. Denkt man aber an den Sohn des Menschen, an sein Sterben und an sein gewaltiges Erlösungswerk, dann tritt sogar die Schöpfung in den Hintergrund. Alles ist diesem Sohn des Menschen unterworfen.
Kurz erwähnt seien auch die
Psalmen 21 und 72
Diese beiden Psalmen sprechen von besonderen Herrlichkeiten des Herrn Jesus als König.
«Den Wunsch seines Herzens hast du ihm gegeben, und das Verlangen seiner Lippen nicht verweigert» (Ps. 21,2). Der Wunsch seines Herzens und das Verlangen seiner Lippen sind: als König über sein irdisches Volk gekrönt zu werden. Psalm 21 redet prophetisch von der Krönung des Königs (V.3).
Nach seiner Krönung übt der König seine Königsherrschaft aus. Davon spricht Psalm 72: «O Gott, gib dem König deine Gerichte, und deine Gerechtigkeit dem Sohn des Königs! ... Er wird Recht schaffen den Elenden des Volkes. ... Vor ihm werden sich beugen die Bewohner der Wüste, und seine Feinde werden den Staub lecken» (V. 1.4.9). Es wird eine Herrschaft sein, die die Herrlichkeit des Königs auf der ganzen Erde aufs hellste erstrahlen lassen wird.
Psalm 45
Hebräer 1,8.9 berechtigt uns, diesen Psalm auf den Sohn Gottes auszulegen. Dieser Psalm führt uns die moralische Schönheit des Herrn vor Augen, die Schönheit des Königs. Es ist eine Schönheit, die auf Golgatha basiert, weil sie mit seinem Tod zusammenhängt. Der ganze Psalm hat einen intimen Charakter. Der Psalmist redet von einer Person, die er liebt. Warum lieben auch wir diesen Herrn? Weil wir an das denken, was Er ist und was Er getan hat.
Wenn man diesen Psalm oberflächlich liest, findet man eine orientalische Königshochzeit mit viel farbiger Pracht beschrieben. Das benutzt der Geist Gottes, um uns etwas vom Herrn Jesus und seiner Schönheit zu sagen. Wir können diesen Psalm nicht mit der Versammlung, den neutestamentlichen Gläubigen, verbinden. Wir müssen dabei an Israel, vielleicht sogar an den gläubigen Überrest oder an Jerusalem denken. Aber wir dürfen den Psalm auf uns anwenden.
«Du bist schöner als die Menschensöhne» (V. 2). Kennen wir etwas von der Schönheit und Erhabenheit dieser Worte? Dieser König ist der Sieger über alle Feinde, ein Mann, der wunderbare Worte spricht. Ein ganz besonderer König, der Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit auf seine Fahne geschrieben hat (V. 4). Es hat nie Könige gegeben, die an diesen König heranreichten. Er war die leidende Gerechtigkeit und gleichzeitig dieser siegreiche König, der sich seine Feinde unterwirft (V. 5).
«Dein Thron, o Gott, ist immer und ewiglich» (V. 6). Was ist das für ein Thron? Eigentlich ist es der messianische Thron, den der Herr Jesus einst als der grosse König seines irdischen Volkes einnehmen wird. Doch wir haben gelesen, dass er ewig ist. Es besteht eine enge Verbindung zwischen diesem messianischen Thron und dem Thron Gottes im Himmel. Genau genommen finden wir an dieser Stelle den messianischen Thron des Sohnes Gottes - einen ewigen Thron, der höher ist als jeder andere Thron.
«Gerechtigkeit hast du geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst: darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit Freudenöl, mehr als deine Genossen» (V. 7). Drei Empfindungen unseres Herrn begegnen uns hier: seine Liebe, sein Hass und seine Freude. Dies alles kennt unser Herr. Er hasst Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit, Er liebt aber Gerechtigkeit und kennt die Freude des Herzens. Er ist mit Freudenöl gesalbt.
«Myrrhen und Aloe, Kassia sind alle deine Kleider; aus Palästen von Elfenbein erfreut dich Saitenspiel» (V. 8). Myrrhen und Aloe stellen bildhaft die Kleider des Königs dar, denen der Duft der Leiden und des Todes anhaften. Neutestamentlich gesehen wird unser Herr immer seine Wundmale tragen. Für uns wird Er immer der Gestorbene, der Auferstandene und der Verherrlichte sein. Wir werden Ihn immer als den Gekreuzigten kennen, obwohl Er nicht mehr am Kreuz ist. Dies wird uns mit den poetischen Worten dieses Verses gesagt.
Im Gegensatz zum Saitenspiel der Zecher (vgl. Ps. 69,12) dient jetzt das Saitenspiel dazu, den Sohn Gottes zu erfreuen und Ihm Ehre und Herrlichkeit zu geben. So sehr man Ihn erniedrigt hat, so sehr darf Er jetzt erfreut werden, sozusagen durch die gleichen Mittel, die dann allerdings von anderen benutzt werden.
In Vers 9 wird die Königin erwähnt: «Die Königin steht zu deiner Rechten in Gold von Ophir.» Damit meint der Geist Gottes in seiner bildhaften Sprache die Stadt Jerusalem. In der Anwendung dürfen wir uns, die Braut der Gnadenzeit, sehen. Wann wird die Königin erwähnt? Sobald von Myrrhe und Aloe, d.h. vom Tod, die Rede ist. Sobald Er gestorben ist, richtet der Geist Gottes den Blick auf die Braut, die Geliebte. Wir begegnen diesem Gedanken wiederholt in der Bibel, so z.B. in 1.Mose 22. Nach der Opferung, die Gott zwar verhindert hat, erwähnt Er Rebekka, die für Isaak bestimmte Frau. Sobald der Tod des Geliebten eingeführt wird, taucht die Braut auf. Matthäus 1 3,45.46 zeigt uns etwas Ähnliches. Der Herr Jesus musste alles hingeben, um diese eine kostbare Perle zu erwerben. Sie war vorher nicht da, Er musste zuerst sterben.
Gold spricht von der Herrlichkeit, der Gerechtigkeit und dem Glanz des Königs. Das Wort «Ophir» wird von einem hebräischen Wort, das mit Fruchtbringen zusammenhängt, abgeleitet. Wir Gläubige waren vor der Bekehrung fruchtlos für Gott. Jetzt sind wir dazu berufen, für Ihn Frucht zu bringen: «Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt» (Joh. 15,16).
«Ganz herrlich ist des Königs Tochter drinnen, von Goldwirkerei ihr Gewand» (V. 13). Hier wird die Königin als Königstochter bezeichnet. Das hebräische Wort für Königin bedeutet, dass sie nicht aus eigenem Recht Königin ist, sondern weil ihr Mann König ist. Sie hat alles Ihm zu verdanken. So geht es auch uns. Gleichwohl ist sie auch «des Königs Tochter» - lässt uns das nicht an Hebräer 2,11 denken?
Der Herr schenke es uns, dass das Nachdenken über seine Leiden und seine Herrlichkeiten unsere Herzen mehr zu Ihm selbst bringen. Unser Christentum wird dadurch eine ganz persönliche Beziehung zu Ihm bekommen