Die Nacht, in welcher Er überliefert wurde
Halte fest Jahrgang 1990 - Seite: 141 - Verfasser: W. Runkel
«Betrachtet den, der so grossen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat» (Hebr 12,3).
Auf dem Weg hinauf nach Jerusalem war der Herr Jesus wenige Tage vor dem Passahfest in die Stadt gekommen. Es war am Donnerstag dieser letzten Woche seines Lebens auf der Erde, als zwei seiner Jünger mit der Frage an Ihn herantraten: «Wo willst du, dass wir hingehen und bereiten, auf dass du das Passah essest?» Nach dem Bericht des Lukas handelte es sich um Petrus und Johannes, die diese Frage stellten, während Markus ihre Namen verschweigt. Der Herr bestimmte dann selbst den Ort, wo Er mit seinen Jüngern dieses letzte Passahmahl essen wollte. Mit Sehnsucht hatte Er sich danach gesehnt. «Als die Stunde gekommen war, legte Er sich zu Tische, und die zwölf Apostel mit ihm» (Luk. 22,14). Es wird wohl gegen sechs Uhr am Abend gewesen sein. Die Nacht begann, die für unseren Herrn so voller Mühe und Not war.
Anmerkung: In damaliger Zeit begann die Nacht ungefähr um sechs Uhr am Abend und endete ungefähr um sechs Uhr am Morgen. Sie wurde in vier Nachtwachen eingeteilt: Abend, Mitternacht, Hahnenschrei und früher Morgen. Die nachfolgend erwähnten Zeitangaben sind als annähernd anzusehen. Sie stützen sich auf die Berichte der vier Evangelien.
Paulus erwähnt diese Nacht mit den kurzen, aber so inhaltsschweren Worten: «Die Nacht, in welcher er überliefert wurde» (1.Kor. 11,23). Verfolgen wir nun den Gang der Ereignisse, wie sie uns in den vier Evangelien beschrieben werden.
Im Obersaal
Vor dem Passahmahl (in Johannes 13 Abendessen genannt) legte der Herr seine Oberkleider ab und begann die Füsse der Jünger zu waschen. Er, der wusste, dass «der Vater ihm alles in die Hände gegeben hatte», scheute nicht davor zurück, den Dienst eines Sklaven zu tun und wollte in der Mitte der Jünger wie der Dienende sein. Petrus versuchte, Ihn an diesem Dienst zu hindern, wobei er seinen menschlichen Gefühlen freien Lauf liess. Er verstand nicht, was sein Herr ihn lehren wollte, aber er sollte es «nachher verstehen». Im Gegensatz zu Petrus dürfen wir heute, da wir den Heiligen Geist besitzen, die volle Bedeutung der Fusswaschung erfassen. Wie treffend hat jemand den geistlichen Sinn dieser Handlung mit den Worten beschrieben: Der Herr Jesus gebraucht das Wasser (das Wort Gottes), um die zu reinigen, die von ihren Sünden in seinem Blut gewaschen sind.
Kurz darauf wurde der Herr im Geist erschüttert. Er musste den Verräter bezeichnen. «Einer von euch wird mich überliefern», bezeugte der Herr. Die Jünger wurden durch diese Mitteilung sehr betrübt, worauf der Herr sie mit dem Hinweis beruhigte, dass die Schriften erfüllt werden müssten. Ihr Vertrauen in das geschriebene Wort sollte dadurch gestärkt werden.
Als Judas einen Bissen (vom Passahmahl) genommen hatte, ging er hinaus, um sein schreckliches Werk auszuführen. Wie finster mag es in seinem Herzen gewesen sein. «Es war aber Nacht», so berichtet Johannes. Und diese Nacht würde damit enden, dass Judas sich selbst richtete. Keiner hat die ganze Tragweite der bevorstehenden Handlung so im Herzen empfunden wie der Herr Jesus selbst. Er wusste, was es für Gott, für Ihn selbst, aber auch für Judas bedeutete. Manche denken, dass Judas zu diesem Verrat «bestimmt» gewesen sei, aber das ist ein grosser Irrtum. Vielmehr zeigt die ganze Geschichte des Judas, dass der Mensch für sein Tun voll verantwortlich ist. Dieser Grundsatz wird in der Schrift klar herausgestellt. Lasst uns bedenken: Wir alle müssen früher oder später Rechenschaft ablegen von dem, was wir auf der Erde getan haben, es sei Gutes oder Böses. Aber das Schrecklichste, was ein Mensch tun kann, ist, die Liebe des Herrn Jesus abzulehnen.
Nachdem der Verräter den Obersaal verlassen hatte, setzte der Herr seinen Jüngern das Gedächtnismahl ein. Er nahm eines von den auf dem Tisch liegenden Broten, dankte, brach und gab es den Jüngern mit den Worten: «Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird.» Dann nahm Er «den Kelch nach dem Mahle» und sagte: «Dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, welches für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.» Die Worte, die der Herr in seinem Dankgebet aussprach, sind uns nicht mitgeteilt worden. Aber die Tatsache, dass Er dankte, ist uns Anlass und Hinweis genug, dass das Brechen des Brotes am ersten Tag der Woche unzertrennlich mit Dank und Anbetung verbunden ist. Wenn dabei unsere Segnungen auch nicht im Vordergrund stehen, so dürfen und sollen wir trotzdem die tiefe Bedeutung der Worte nicht vergessen: für euch. Sie bezeugen seine unfassbare Liebe. Vergiss es nicht, Er hat dich geliebt bis in den Tod, und in grossen Wassern konnte diese Liebe nicht ausgelöscht werden! Dafür wollen wir Ihm jetzt und ewig dankbar sein.
Ohne die Anwesenheit des Judas war der Herr nun auch frei, seinen Jüngern bis dahin unbekannte Dinge mitzuteilen. Sie sind uns erhalten geblieben durch den Dienst des Johannes. Er beschreibt sie uns im 14. Kapitel seines Evangeliums. Da fallen uns zwei markante Wahrheiten auf: 1. Das Haus des Vaters sollte auch der Jünger und damit unser ewiges Heim werden. 2. Der Herr wollte nach seiner Rückkehr zum Vater den Heiligen Geist auf die Erde senden. Wie mögen die Jünger diesen wunderbaren und göttlichen Geheimnissen gelauscht haben, obwohl sie diese in ihrer Tiefe nicht verstanden. Aber der Heilige Geist sollte ja kommen und ihnen alles erklären. Der Herr wollte sie nicht als Waisen zurücklassen. «Ich komme zu euch», so versprach Er ihnen. Und dieses Versprechen hat Er eingelöst. Am Pfingsttag kam Er zu ihnen - in der Person des Heiligen Geistes. Gepriesen sei sein Name dafür!
Die Stunden des Zusammenseins in der abgeschiedenen und trauten Atmosphäre des Obersaals gingen nun zu Ende. Am Schluss dieses Zusammenseins geschah dann etwas, das wir vielleicht aufgrund der ganzen Situation nicht erwartet hätten. Die elf Jünger sangen ein Loblied, und der Herr Jesus stimmte in diesen Lobgesang mit ein. Oder hatte Er vielleicht das Lied selbst angeordnet? Wir wissen es nicht. Ebenso sind uns die Worte, die gesungen wurden, nicht bekannt. Ähnlich wie beim Danken des Herrn vor dem Brechen des Brotes, berührt uns auch hier die Tatsache des Lobens und Dankens. Die Geschichtsschreiber berichten, dass man beim Passahmahl die Psalmen 113 - 118 gesungen habe. Wie dem auch sei, unsere Herzen werden bewegt, den Herrn in seiner Treue und Hingabe an seinen Gott zu sehen. «Beständig soll sein Lob in meinem Munde sein» (Ps. 34,1). Ja, Herr Jesus, wir bewundern Dich! Dein Name ist ein ausgegossenes Salböl!
In diesem Zusammenhang sei noch einmal mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass Judas nicht an dem Abendmahl teilgenommen hat. Nach dem Bericht des Lukas könnte man zu einer solchen Schlussfolgerung kommen. Man vergisst dabei aber, dass Lukas nicht in einer zeitlichen Reihenfolge berichtet. Die Darstellung des Johannes zeigt klar, dass Judas, nachdem er den Bissen vom Passahmahl genommen hatte, hinausging. Erst als er den Obersaal verlassen hatte, setzte der Herr das Abendmahl ein.
Auf dem Weg nach und in Gethsemane
Durch die stillen Strassen von Jerusalem - die zweite Nachtwache hatte inzwischen begonnen - geht eine kleine Schar von Männern. Ihr Ziel ist der Ölberg. Es ist der Herr Jesus mit seinen Jüngern. Vor sechs Tagen war Er in entgegengesetzter Richtung gegangen. Weinend hatte Er dort am Abhang des Berges gestanden, als Er die geliebte Stadt vor sich sah und klagen musste: «Wenn auch du erkannt hättest, und selbst an diesem deinem Tage, was zu deinem Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen» (Luk. 19,42).
Jetzt geht der Herr aus der Stadt hinaus, und zwar dem entgegen, der Ihn verraten und überliefern würde. Die noch verbleibende Zeit nutzt der Herr, um seine Jünger zu trösten und zu belehren: «Ich bin der wahre Weinstock ... Wer in mir bleibt, und ich in ihm, dieser bringt viel Frucht.» Er bemerkt ihre Betrübnis und redet ihnen zu, dass Er sie wiedersehen werde, und dann sollte ihre Traurigkeit in Freude verwandelt werden.
Ja, wer ist Ihm gleich,
so mild und so reich,
an Liebe und Macht und Erbarmen!
Er kennt auch unseren Kummer und will uns nahe sein, um uns zu trösten, so wie Er es damals bei seinen Jüngern getan hat.
Dann überqueren sie den Bach Kidron, um in den Garten zu kommen. Kidron heisst auf deutsch: dunkel oder trübe. Finsternis war im Herzen des Judas, und der Herr sieht nun die Stunde auf sich zukommen, von der Er bei seiner Gefangennahme sagt: «Dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis» (Luk. 22,53). Aber noch ist es nicht so weit. Der Herr muss dort im Garten Gethsemane erst noch den ringenden Kampf durchstehen. Er bittet seine Jünger, mit Ihm zu wachen. Er sucht nach Tröstern und findet keine. Ein Engel muss kommen, um das zu tun, was die Jünger hätten tun sollen: Ihn stärken. Mit Ihm zu wachen, wäre für den Herrn sicher schon ein Beweis des Mitgefühls gewesen.
Stattdessen schlafen sie ein vor Traurigkeit. So wie sie auf dem Berg angesichts seiner Herrlichkeit einschliefen, so geschah es auch hier, wo der Herr Jesus, nur einen Steinwurf weit von ihnen entfernt, auf der Erde liegt und mit starkem Geschrei und Tränen betet. Das Kreuz steht vor seiner Seele! Er, der Sünde nicht kannte, sollte zur Sünde gemacht werden. Ergeben in den Willen des Vaters, steht Er dann auf: «Lasst uns gehen; siehe, der mich überliefert, ist nahe gekommen.»
Judas kommt mit einer grossen Volksmenge. Sie tragen Leuchten und Fackeln. War das nötig? Es war doch Vollmond (14. Nisan), und im Orient sind die Nächte dann sehr hell. (Übrigens widerlegt das auch die Behauptung der Bibelkritiker, die Sonnenfinsternis während der drei Stunden sei natürlicher Art gewesen. Bei Vollmond gibt es keine Sonnenfinsternis.) Ja, so hell wie die Nacht äusserlich war, so überaus finster war sie aber in sittlicher Hinsicht. Judas verrät den Herrn mit einem Kuss und sagt: «Sei gegrüsst, Rabbi!», was soviel heisst wie: Freue dich! Der Herr Jesus spricht noch einmal zu Herz und Gewissen des ehemaligen Jüngers: «Freund, wozu bist du gekommen?» Es ist vergeblich! Der Sohn des Verderbens vollendet sein Werk. Noch wenige Stunden, dann wird er in die ewige Nacht gehen!
Der Herr selbst wird gebunden und dann weggeführt. Alle Jünger fliehen, auch der «starke Petrus». Die Folgen seiner Torheit, mit dem Schwert dreinzuschlagen, macht der Herr wieder gut und vollbringt ein letztes Wunder der Heilung.
Deinen Feinden - wer kann's fassen! -
wurdest Du, Herr, überlassen.
Im Hof des Hohenpriesters
In den nun folgenden Stunden der dritten und vierten Nachtwache berichtet die Heilige Schrift von einer Reihe erschütternder Ereignisse:
- Die drei Verhöre vor den Hohenpriestern und dem Synedrium
- Die Verleugnung durch Petrus
- Der Selbstmord des Judas
- Die drei Verhöre vor den Vertretern der politischen Macht
Nach der Gefangennahme hatte man den Herrn zunächst zu Annas, dem Schwiegervater des Hohenpriesters Kajaphas, geführt (Joh. 18,13). Dieser vollzog ein kurzes Verhör und «fragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre». Es scheint so, als ob Annas entscheidenden Einfluss auf den eigentlichen Hohenpriester ausübte, und bei den weiteren Verhören wird sogar von Hohenpriestern in der Mehrzahl gesprochen. Alles in Israel, auch das Hohepriestertum, war in Unordnung.
Von Annas wurde der Herr gebunden zu Kajaphas gebracht. Inzwischen hatte man wohl die Ältesten, die Schriftgelehrten und das Synedrium in aller Eile zusammengerufen. So kam es dann zu einem weiteren Verhör, das eigentlich gar keines war, da es absolut keinen Anspruch auf Rechtmässigkeit erheben konnte. Die Führer des Volkes machten sich dabei grober Verstösse gegen die damalige jüdische Prozessordnung und auch gegen das mosaische Gesetz schuldig. So war eine Gerichtsverhandlung in der Nacht verboten. Es gab keine Entlastungszeugen (5.Mose 19,15-19), und ausserdem wurde falsches Zeugnis gegeben (Mark. 14,57). Wie zutreffend sind doch hier die Worte Salomos: «Und ferner habe ich unter der Sonne gesehen: An der Stätte des Rechts, da war die Gesetzlosigkeit, und an der Stätte der Gerechtigkeit, da war die Gesetzlosigkeit» (Pred. 3,16).
Schweigend stand der Herr Jesus vor seinen Verklägern, «gleich dem Lamme, welches zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf» (Jes. 53,7). Um den Angeklagten zum Reden zu bringen, bediente sich der Hohepriester schliesslich des Eidschwurs. Darauf war der Herr nun aufgrund des Gesetzes gezwungen zu antworten, und Er tat es mit grosser Würde. Auf die Frage des Hohenpriesters, ob Er der Christus sei, der Sohn Gottes, antwortete Er: «Du hast es gesagt.» Der Hohepriester liess sich darauf zu einer Handlung hinreissen, die das Gesetz verbietet: Er zerriss seine Kleider (vgl. dazu 3.Mose 10,6). Das Bekenntnis des Herrn wurde als Lästerung ausgelegt, und alle urteilten, dass darauf die Todesstrafe stehe. Aber was geschah dann? Was die Schrift nun berichtet, lässt uns erschrecken: Man spie Ihm ins Angesicht; man schlug Ihn mit Fäusten und rief Ihm zu: «Weissage uns, Christus, wer ist es, der dich schlug?» Es gab überhaupt keinen Grund, den Herrn so zu behandeln, geschweige denn eine Berechtigung. Wie offenbarte sich hier das menschliche Herz in seiner Härte und Grausamkeit! Der Herr aber übergab sich Dem, der recht richtet.
Während dieser Zeit hatte sich im Hof des Hohenpriesters noch etwas anderes ereignet, was den Herrn Jesus zutiefst geschmerzt haben muss:
die Verleugnung durch Petrus. Er war Ihm «von ferne» in den Hof des Hohenpriesters gefolgt, «um das Ende zu sehen». Dabei kam ihm Johannes in der Weise zu Hilfe, dass er aufgrund seiner Bekanntschaft mit dem Hohenpriester dem Petrus Zugang in den Hof verschaffte. Nach dem Bericht des Markus krähte der Hahn nach der ersten Verleugnung. Innerhalb von einer Stunde - um dem Bericht des Lukas zu folgen - verleugnete Petrus den Herrn zum zweiten und dritten Mal, worauf der Hahn zum zweiten Mal krähte. Da gedachte Petrus des Wortes, wie Jesus zu ihm gesagt hatte: «Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen» - so schreibt Markus, während Lukas hinzufügt, dass der Herr sich umwandte und Petrus anblickte. Dieser Blick brachte Petrus zur Besinnung. Es war sicher ein Blick voller Liebe. Das war der letzte Dienst, den der Herr Jesus während seines Lebens einem seiner Jünger erwies.
Es ist nicht von ungefähr, dass Lukas unmittelbar danach schreibt, wie der Herr verhüllt wurde und seine Augen dem Petrus nicht mehr begegnen konnten. Petrus ging hinaus, bitterlich weinend. Vielleicht hat er gedacht: Hätte ich doch auf den Meister gehört! Jetzt, wo er sich an das Wort des Herrn erinnerte, kam ihm die ganze Tragweite des «Nicht-Bewahrens» des Wortes zum Bewusstsein.
Die Mitteilungen über die Verleugnung enthalten für uns eine ernste Belehrung. Petrus hatte tatsächlich eine brennende Liebe zu seinem Herrn, aber sein grosser Fehler war, dass er auf diese seine Liebe vertraute. Sein Mitjünger Johannes bezeichnete sich als den «Jünger, den Jesus liebte», wodurch wohl ausgedrückt wird, dass Johannes auf die Liebe des Meisters vertraute. Ausserdem hatte der Herr Jesus zu Petrus gesagt: «Du kannst mir jetzt nicht folgen», und ihm sogar mitgeteilt, dass er Ihn verleugnen werde. Lasst uns deshalb die Worte des Psalmisten beherzigen: «In meinem Herzen habe ich dein Wort verwahrt, auf dass ich nicht wider dich sündige»( und: «Bevor ich gedemütigt ward, irrte ich; jetzt aber bewahre ich dein Wort.»
Es folgt dann die letzte und entscheidende Verhandlung der Juden, bevor der Herr noch drei weitere Verhöre vor den Vertretern der weltlichen Macht über sich ergehen lassen musste. «Und alsbald am frühen Morgen hielten die Hohenpriester Rat samt den Ältesten und Schriftgelehrten und das ganze Synedrium.» (Das Synedrium war das oberste jüdische Gericht, bestehend aus 71 Mitgliedern unter dem Vorsitz des amtierenden Hohenpriesters; vgl. dazu 4.Mose 11,16.) Es ging jetzt um die Frage, wie das Todesurteil ausgeführt werden konnte. Das Ergebnis dieser Verhandlung war, dass sie den Herrn gebunden zu Pilatus bringen wollten. Ein Todesurteil zu vollstrecken, war den Juden nicht erlaubt. Dazu waren sie auf die ihnen so verhasste Besatzungsmacht angewiesen. Der Herr wurde dann, so wie Er selbst angekündigt hatte, den Nationen überliefert und zu Pilatus geführt.
Im Prätorium
Bevor wir das Geschehen im Prätorium betrachten, müssen wir uns noch mit dem Ende von Judas beschäftigen. Er hatte - so berichtet Matthäus - gesehen, dass der Herr Jesus verurteilt wurde. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Vielleicht dachte er, der Herr würde auch dieses Mal seinen Feinden entkommen. Jetzt brannte ihm das Geld in den Händen. Er brachte es mit den Worten «Ich habe gesündigt» zu den Hohenpriestern zurück. Es war ein gewisses Bedauern, aber keine Busse. Mit beispielloser Gefühllosigkeit antworteten diese: «Was geht uns das an? Siehe du zu.» Armer Judas! Betrogen vom Teufel und verstossen von seinen Auftraggebern, trieb Satan ihn sogar an, seinem Leben ein Ende zu machen. Er ging hin und erhängte sich.
Wie ernst und eindringlich warnend stellt der Heilige Geist dieses tragische Ende vor uns! Wir haben schon gesehen, dass Judas nicht zu entschuldigen ist und für sein Tun voll verantwortlich war. Bei seinem Ende wird aber noch eine andere Wahrheit deutlich: Gott kann auch ein Herz verhärten. Aber das tut Er erst dann, wenn alle Bemühungen der Liebe vergeblich waren. Und genau das war bei Judas der Fall. Möge niemand, der in trotzigem Unglauben verharrt, sich täuschen: Gott ist Liebe, aber auch Licht. Es ist schrecklich, unversöhnt in die Ewigkeit zu gehen.
Es war «frühmorgens», als man Jesus in das Prätorium führte, um dort von Pilatus verhört zu werden. Die Juden gingen selbst nicht in das Prätorium hinein. Sie wollten sich wegen des bevorstehenden Passahessens nicht verunreinigen.
Anmerkung: Als Prätorium wurde einerseits das Hauptquartier eines römischen Lagers bezeichnet, andererseits aber auch der Saal, in welchem der Landpfleger (Prätor) einer römischen Provinz - wie der Oberbefehlshaber im Hauptquartier - Anordnungen traf und Urteile fällte. - Die Geschichtsschreiber berichten, dass Sadduzäer und Pharisäer wegen des Zeitpunktes für das Passahessen zerstritten waren. Ein grosser Teil der Juden habe an diesem Freitag das Passahmahl noch vor sich gehabt. Die Schlachtung des Passahlammes sei zeitlich mit dem Tod des Herrn Jesus zusammengefallen.
Bei diesem Verhör sollte Pilatus feststellen, ob der Herr Jesus der König der Juden sei. Auf die diesbezügliche Frage legte Er «das gute Bekenntnis» ab, von dem Paulus in seinem ersten Brief an Timotheus schreibt. Christus fügte jedoch hinzu: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt ... jetzt aber ist mein Reich nicht von hier.» So wie der Herr sich vor den Juden als Sohn Gottes bekannte, so bekennt Er sich hier als der König seines Volkes. Aber sein Reich hat einen ganz anderen Charakter als die Reiche dieser Welt, nämlich einen himmlischen. Wäre dieses Reich gleich einem solchen wie in dieser Welt, so hätten seine Diener gekämpft. Nein, jetzt musste Er als «der hochgeborene Mann in ein fernes Land ziehen, um dort ein Reich für sich zu empfangen» (Luk. 19,12), und seine Knechte sollten, genau wie ihr Herr, auf der Erde leiden anstatt kämpfen. Aber was verstand ein Pilatus schon von diesen Dingen? Er war nicht «aus der Wahrheit» und konnte deshalb auch nicht «seine Stimme hören». Er, den der Geschichtsschreiber Philo als grausam, boshaft und brutal beschreibt, war innerlich von der Unschuld des Herrn völlig überzeugt. Dreimal hatte er im Verlauf der Verhöre diese Unschuld bezeugt. Er suchte deshalb nach einem Ausweg und fand auch schnell einen solchen.
Nachdem er gefragt hatte, ob der Herr Jesus ein Galiläer sei, sandte er Ihn zu Herodes (Herodes Antipas, zweiter Sohn von Herodes dem Grossen, der für den Kindermord verantwortlich war). Dieser weilte gerade in Jerusalem und suchte schon lange eine Gelegenheit, mit Jesus zusammenzutreffen (Luk. 9,9). Nun geschah es auf eine ganz andere Weise, als er es sich vielleicht gedacht hatte. Bei diesem fünften Verhör gab der Herr auf die vielen Fragen des Herodes keine Antwort, was diesen dazu veranlasste, Jesus geringschätzig zu behandeln und Ihn zu verspotten. Er warf Ihm als Zeichen dieses Spottes ein glänzendes Gewand um und sandte Ihn zu Pilatus zurück.
Dieser wurde jetzt auf das Drängen der Juden zu einer Entscheidung gezwungen. Während des jetzt folgenden und damit sechsten Verhörs liess Pilatus den Herrn Jesus geisseln, etwas, was nach römischem Recht ohne vorherigen Urteilsspruch verboten war. Bei einer solchen Geisselung wurde der Rücken des Gefangenen entblösst und dann mit einer Peitsche, an deren Riemen Bleikugeln befestigt waren, blutig geschlagen. Diese grausame und völlig ungerechtfertigte Behandlung liess den Geist Jesu klagen: «Pflüger haben auf meinem Rücken gepflügt, haben lang gezogen ihre Furchen» (Ps. 129,3). Wie bewundern wir unseren Herrn, den Mann der Schmerzen, der hier so furchtbar von der Hand der Menschen leiden musste! Und was wollte Pilatus damit erreichen? Der Anblick des Gefangenen, der mit einem Purpurkleid bekleidet und mit einer Dornenkrone gekrönt war, der nun wie einer war, «vor dem man das Angesicht verbirgt», veranlasste Pilatus zu dem Ausruf: «Siehe, der Mensch!» Er wollte damit das Mitleid der Juden erregen. Wie offenbarte sich hier das menschliche Herz in seiner ganzen Härte! Sie schrieen: «Kreuzige, kreuzige ihn!» Keine Regung von Mitleid, geschweige denn Barmherzigkeit! Sicher hat mancher von uns schon die Frage im Herzen gehabt: Warum hat Gott das alles zugelassen? Wir können es nur so verstehen, dass der Herr Jesus auch hier letztlich ein Prüfstein war, um zu offenbaren, was im Herzen des Menschen ist. Ja, dieses Herz kann härter sein als Stein. Als der Herr Jesus wenige Stunden später am Kreuz starb, da zerrissen die Felsen, aber nicht die Herzen der Menschen. Alles dieses aber konnte die Liebe unseres Herrn nicht überwinden. Er blieb in seiner Liebe treu und fest gegenüber seinem Gott.
Die letzte Frage, die Pilatus an den Herrn richtete, lautete: «Weisst du nicht, dass ich Gewalt habe, dich zu kreuzigen?» Wie wunderbar und für uns von tiefer Bedeutung war die Antwort des Herrn: «Du hättest keinerlei Gewalt wider mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.» Lasst uns sinnen über dieses Wort: von oben! Wie viel hat es uns zu sagen, auch zu unserer Ermunterung! Alle Gewalt (Autorität) ist droben. Und der Herr Jesus ist unser Herr, dem wir leben und dienen möchten. Bald wird die Herrschaft des Himmels auch auf der ganzen Erde anerkannt werden.
Es ist gegen sechs Uhr in der Früh. Pilatus macht einen letzten Versuch, das Urteil abzuwenden: «Siehe, euer König!» Vergebens! Sie schreien: «Wir haben keinen König, als nur den Kaiser.» Pilatus urteilt, dass Er gekreuzigt werden soll. Der Herr wird fortgeführt, damit das Urteil vollstreckt würde. Der Mensch hat seine Schuld voll gemacht, aber - was kein Mensch bis dahin ahnte - der Ratschluss Gottes sollte sich erfüllen: Unser hochgelobter Herr sollte am kreuz sterben.
So ging diese lange und so überaus schmerzliche Nacht zu Ende. Es war eine Nacht, die ihresgleichen sucht und die wir sicher schon des öftern im Geist mit dem Herrn durchlebt haben. Möge diese kurze Betrachtung uns noch einmal die Not und Mühsal des Herrn Jesus ins Gedächtnis rufen und dazu dienen, Ihn mehr zu lieben. Dazu segne Er selbst, der diese Nacht so still duldend durchschritten hat, diese Zeilen!