Halte Fest
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Wie ein Stummer...»

Halte fest Jahrgang 1977 - Seite: 29 - Verfasser: M. T.

(Psalm 38,13)

Die Evangelien zeigen uns, wie der Herr Jesus bei verschiedenen Gelegenheiten, als Er von den Menschen befragt wurde, stumm blieb. Manchmal weigerte Er sich ausdrücklich, seinen Gesprächspartnern Antwort zu geben, oder Er antwortete ihnen auf indirekte Weise, bisweilen sogar, indem Er ihnen eine Gegenfrage stellte, die den Fragestellern den Mund verschloss. Umso bemerkenswerter ist es, dass Er den Jüngern, die Ihn in Demut befragen, direkt antwortet. Was auch immer seine Haltung war gegenüber denen, die Ihn befragten, der Herr suchte jedes Mal, ihr Gewissen zu erreichen oder auf die Bedürfnisse ihrer Seele einzugehen. Auch daraus leuchtet die sittliche Vollkommenheit hervor, die Er während seines ganzen Lebens hienieden in allen Umständen offenbarte.

Dieses «Schweigen» enthält kostbare Belehrungen für uns. Es offenbart seine völlige Abhängigkeit vom Vater, wie auch seine bewunderungswürdige Weisheit und seine unendliche Gnade. Wenn Er sprach, redete Er nicht aus sich selbst: «Was ich nun rede, rede ich also, wie mir der Vater gesagt hat» (Joh. 12,49.50). Der Entschluss zu reden und der Inhalt seiner Botschaft wurden Ihm durch den Vater eingegeben. So war es auch mit seinem Schweigen. «Ich tue nichts von mir selbst, sondern wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich allezeit das ihm Wohlgefällige tue» (Joh. 8,28.29).

A. Während seines Dienstes

1. Die Syro-Phönizierin

(Matthäus 15,21-28; Markus 7 24-30)

Von seinem Volk verworfen, geht Jesus aus dem Land Israel hinaus und begibt sich in die Gegenden von Tyrus und Sidon. Dort ruft Ihn eine kananäische Frau an: «Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! meine Tochter ist schlimm besessen.» Das scheint den Herrn gleichgültig zu lassen: «Er aber antwortete ihr nicht ein Wort» (Matth. 15,23). Wie konnte Er, dessen Herz so oft gegenüber den Leidenden von Erbarmen bewegt wurde, der Not dieser Frau gegenüber scheinbar unempfindlich bleiben? Und da sehen wir die Jünger, die unfähig waren, die Beweggründe dieses Schweigens zu verstehen, und denen das Schreien dieser Fremden lästig war, ihren Meister bitten, sie wegzuschicken. Jesus schweigt, die Jünger weisen sie ab: ihr Fall scheint hoffnungslos. Aber warum bewahrt der Herr Stillschweigen gegenüber dieser Frau? Weil diese Kanaaniterin lernen muss, dass sie keinerlei Anrecht hat auf die Segnungen, die der Messias seinem Volk Israel brachte. Tatsächlich hatte sie seine Hilfe angerufen, indem sie Ihn «Sohn Davids» nannte. Als solcher war Er nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt worden (Matth. 15,24).

Aber der Glaube und die Beharrlichkeit der armen Mutter überwinden alle Hindernisse. Sie wirft sich zu den Füssen Jesu nieder und fleht Ihn erneut an: «Herr, hilf mir!» Nun bricht Jesus sein Schweigen und antwortet ihr auf eine Weise, die ihren Glauben noch mehr auf die Probe stellt, als das vorangegangene Schweigen: «Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hündlein hinzuwerfen.» Jetzt scheint jede Hoffnung auf Hilfe für sie verloren zu sein. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als zu ihrer Tochter zurückzukehren, die «schlimm besessen» ist. Aber nein, weit davon entfernt! Was der «Sohn Davids» ihr nicht geben konnte, erhält sie vom «Heiland der Welt». Dazu muss sie den Platz der «Hündlein» einnehmen, «die von den Brosamen essen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen». Der Herr Jesus wollte sie durch das Geständnis ihrer gänzlichen Unwürdigkeit zur Erkenntnis führen, dass sie nichts empfangen konnte, es sei denn auf Grund der Gnade. «Ja, Herr, ich bin nur ein Hündlein!» Ihr Glaube triumphiert und tut ihr die Schleusen der göttlichen Gnade und Macht in Christus weit auf: «O Frau, dein Glaube ist gross; dir geschehe, wie du willst. Und ihre Tochter war geheilt von jener Stunde an.»

2. «Wer hat dir dieses Recht gegeben?»

(Matth. 21,23-27; Mark. 11,27-33; Luk. 20,1-8)

Jesus hat soeben die Verkäufer zum Tempel hinausgetrieben und die Tische der Wechsler umgestossen. Da kommen die Obersten des Volkes und fragen ihn: «In welchem Recht tust du diese Dinge? und wer hat dir dieses Recht gegeben?»

Der Herr Jesus war vom Vater gekommen und das Recht, von dem Er Gebrauch machte, war Ihm von Gott verliehen worden. Alles in Ihm bewies, dass Er der Sohn Gottes und der verheissene Messias war. Er war die Wahrheit, das wahrhaftige Licht, das, in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtete. Aber die Obersten des Volkes hatten Angst, die Autorität zu verlieren, die sie sich selbst angemasst hatten, und wollten die Vollmacht des Herrn nicht anerkennen.

Wären sie aufrichtig gewesen, so wäre die Frage, die sie Ihm stellten, an und für sich berechtigt gewesen. Aber Er, der die Herzen erforscht, unterwirft sie einem Test, der ihren Mangel an Aufrichtigkeit vor allen offenbart. «Siehe, du hast Lust an der Wahrheit im Innern» (Ps. 51,6). «Gegen den Reinen erzeigst du dich rein, und gegen den Verkehrten erzeigst du dich entgegenstreitend» (2.Sam. 22,27). «Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch ein Wort fragen (wörtlich: ein einziges Wort), und antwortet mir, und ich werde euch sagen, in welchem Recht ich diese Dinge tue: Die Taufe Johannes', war sie vom Himmel oder von Menschen? Antwortet mir» (Mark. 11,29.30).

Nun waren sie gezwungen sich zu entlarven. In der Tat, wenn sie antworten: «Vom Himmel», wird Jesus ihnen sagen: «Wenn ihr anerkennt, dass Johannes von Gott gesandt war, warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt, als er mir Zeugnis gab, als dem Lamm Gottes, das die Sünde der Welt weg nimmt, als dem Sohn Gottes und als Dem, der seine Rute in seinen Händen hat und seine Feinde richten wird?» Sie wagten nicht zu sagen: «Von Menschen» - weil sie das Volk fürchteten, «denn alle hielten von Johannes, dass er wirklich ein Prophet war». Daher zogen sie es vor, sich weder gegenüber Jesus noch gegenüber dem Volk zu verpflichten und sagten: «Wir wissen es nicht.» Nun erklärt ihnen der Herr: «So sage ich auch euch nicht, in welchem Recht ich diese Dinge tue.» Durch ihren Mangel an Aufrichtigkeit machten diese Männer sich selbst unwürdig, eine Antwort auf ihre Frage zu bekommen. Übrigens welche Wirkung hätte diese Antwort auf solch verhärtete Herzen haben können? Sie hatten sich entschlossen, Jesus nicht zu glauben, und beraubten sich damit freiwillig der Gnade, die Er von seiten des Vaters brachte. «Ihr wollt nicht zu mir kommen, auf dass ihr Leben habet Darum höret ihr nicht, weil ihr nicht aus Gott seid» (Joh. 5,40; 8,47).

Enthält diese Weigerung des Herrn Jesus, auf die Frage der Juden Antwort zu geben, nicht auch eine Belehrung für uns Gläubige? Die angebliche Unwissenheit dieser Bösen verriet ihre Falschheit. Hüten wir uns vor solchen Verheimlichungen, welche die trügerischsten aller Lügen sind. Auch wenn wir den Herrn bitten, uns angesichts einer Wahl oder einer Entscheidung, die wir treffen müssen, seinen Willen zu offenbaren, lasst uns darüber wachen, dass wir dies in voller Aufrichtigkeit tun, bereit, Ihm zu gehorchen, koste es uns, was es wolle. Wenn wir Ihn bitten, uns den Weg zu zeigen, den wir gehen sollen, während wir unsere Wahl bereits getroffen haben, dann wird Er uns keine Antwort geben. «Das Geheimnis Jehovas ist für die, welche ihn fürchten» (Ps. 25,14). «Der Verkehrte ist Jehova ein Gräuel, aber sein Geheimnis ist bei den Aufrichtigen» (Spr. 3,32).

3. «Du nun, was sagst du?»

(Johannes 8,3-11)

Wir haben gesehen, wie der Herr Schweigen bewahrte und dann ein Wort der Macht und der Gnade aussprach, als Antwort auf den Glauben der Syro-Phönizierin. Dann hörten wir Ihn sich weigern den Obersten des Volkes Antwort zu geben, als sie wissen wollten, wer Ihm die Vollmacht gegeben habe. Nun betrachten wir Ihn in einer seltsamen Szene, in der Er, gedrängt, auf eine Frage Antwort zu geben, langes Schweigen bewahrt, gefolgt von einer kurzen Erklärung, die, ohne eine ausdrückliche Antwort darzustellen, seine Gegner in die Flucht schlägt. Es ist die Geschichte der Frau, die im Ehebruch ertappt und von den Schriftgelehrten und Pharisäern zu Jesus gebracht wurde, indem sie zu Ihm sagten: «In dem Gesetz hat uns Moses geboten, solche zu steinigen; du nun, was sagst du?» Das Wort fügt hinzu: «Dies aber sagten sie, ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, um ihn anzuklagen.» Die heimtückische Absicht dieser Männer war offenbar, denn sie wollten den Herrn Jesus bei einem Fehler ertappen, was immer seine Antwort sein mochte. In der Tat, hätte Er geantwortet, diese Frau solle nicht gesteinigt werden, so hätte Er die göttliche Autorität des Gesetzes verleugnet; hätte Er dagegen gesagt: steinigt sie, dann hätte Er seiner eigenen Belehrung widersprochen. «Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.» Seine Feinde meinten Ihn in Verlegenheit gebracht zu haben. In Wahrheit war Er im Begriff einen Pfeil auf sie abzuschiessen, der in ihr Gewissen dringen und sie in ihren Machenschaften völlig verwirren sollte.

Sein Schweigen reizt sie; sie drängen Ihn, Antwort zu geben. Da richtet Er sich auf und spricht zu ihnen: «Wer von euch ohne Sünde ist, werfe zuerst den Stein auf sie.» Dann bückt Er sich und schreibt wieder auf die Erde. Es ist, als hätte Er zu ihnen gesagt: «Das Gesetz Mose ist vollkommen. Die Sünde, die diese Frau begangen hat, ist ein Gräuel. Aber wie steht es mit euch? Verdammt dieses Gesetz nicht auch euch?» Aber statt jetzt ihre eigene Schuld anzuerkennen, gehen sie einer nach dem andern weg, «anfangend von den Ältesten», die ohne Zweifel das am meisten belastete Gewissen hatten. In der Gegenwart Dessen, der «das Licht der Welt» war (Johannes 8,12), ging es nicht mehr um Mose, noch um die ehebrecherische Frau, sondern um sie allein. Statt sich von diesem Licht erforschen zu lassen wichen sie ihm aus und blieben so in ihren Sünden und unter der Verurteilung durch dieses Gesetz, das sie auf andere anwenden wollten. Die Sünderin hingegen, die sie hatten steinigen wollen, darf aus dem Mund des Herrn Jesus diese Erklärung voller Gnade vernehmen: ,4 Ich verurteile dich nicht; gehe hin und sündige nicht mehr.» Er, der allein ohne Sünde war und sie deshalb verdammen konnte, verurteilt sie nicht. [«Jesus sagt nicht zu ihr: Dein Glaube hat dich errettet, gehe hin in Frieden. Er lässt dem Gesetz seine Kraft. Die Frau war nur der Anlass, den andern das Gesetz vor Augen zu stellen» (J.N.D.)]

B. Vor seinen Richtern

Siebenmal wird in den Evangelien das Schweigen erwähnt, das der Herr vor seinen Richtern bewahrte (Matth. 26,63,27,12 und 14; Mark. 14,61; 15,5; Luk. 23,9; Joh. 19,9). Der prophetische Geist hatte mehrere Jahrhunderte zuvor davon gesprochen. «Ich aber, wie ein Tauber, höre nicht, und bin wie ein Stummer, der seinen Mund nicht auftut. Und ich bin wie ein Mann, der nicht hört, und in dessen Mund keine Gegenreden sind» (Ps. 38,13.14). «Er tat seinen Mund nicht auf» und war «wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf» (Jes. 53,7).

1. Die Hohenpriester und die Ältesten

In Matthäus 26,62.63 lesen wir: «Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nicht? Was zeugen diese wider dich? Jesus aber schwieg.» Im Evangelium Markus wird es so ausgedrückt: «Er aber schwieg und antwortete nichts» (14,61).

Der Herr Jesus antwortete nicht auf die lügenhaften Anklagen der falschen Zeugen, die vom Synedrium gedingt worden waren. Er wusste, dass «sein Recht bei Jehova und sein Lohn bei seinem Gott» war (Jes. 49,4). Er «übergab sich somit dem, der recht richtet» (1.Petr. 2,23). Er wurde in der Tat völlig gerechtfertigt durch seine Auferstehung und durch seine Verherrlichung zur Rechten des Vaters.

Darum öffnete Er vor seinen Richtern den Mund nur, wenn es sich darum handelte, der Wahrheit über seine Person Zeugnis zu geben. In dieser Beziehung lässt Er das Synedrium nicht in Unwissenheit. Als Kajaphas Ihn beschwört, ihnen zu sagen, ob Er der Christus, der Sohn Gottes sei, antwortet Er: «Du hast es gesagt.» Dann macht sich der Angeklagte zum Richter, wendet sich an seine Richter wie an Angeklagte und erklärt ihnen: «Doch ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels.» Dann wird Er, mit himmlischer Herrlichkeit bekleidet, als der Löwe aus Juda erscheinen, um seine Feinde zu vernichten und seine Herrschaft anzutreten.

2. Pilatus

Jesus hatte vor dem römischen Landpfleger sein Anrecht auf das Königtum bestätigt (Matth. 27,11), indem Er jedoch hinzufügte: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft, auf dass ich den Juden nicht überliefert würde; jetzt aber ist mein Reich nicht von hier» (Joh. 18,36). Das ist dieses Zeugnis, das der Apostel Paulus «das gute Bekenntnis vor Pontius Pilatus» nennt (1.Tim. 6,13). Als Jesus dies gesagt hatte, schwieg Er.

«Und als er von den Hohenpriestern und den Ältesten angeklagt wurde, antwortete er nichts. Da spricht Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, wie vieles sie wider dich zeugen? Und er antwortete ihm auch nicht auf ein einziges Wort, so dass der Landpfleger sich sehr verwunderte» (Matth. 27,12-13; siehe auch Markus 15,3-5). Die Zeit, in welcher der Herr Jesus Zeugnis gab, war vorbei. Seine Worte, seine Wunder, sein vollkommener Wandel hatten seine Göttlichkeit inmitten seines Volkes offenbart, ohne von dem Zeugnis zu reden, das Ihm zweimal von Gott selbst gegeben wurde, noch von dem Zeugnis Johannes des Täufers. «Wer hat unserer Verkündigung geglaubt, und wem ist der Arm Jehovas offenbar geworden?» (Jes. 53,1). Die Juden waren ungläubig und gleichgültig geblieben. Was nützte es, ihre Anklagen zu widerlegen, in dieser Stunde der Finsternis, in der sie das Mass ihrer Bosheit voll machten indem sie ihren Messias kreuzigten?

Als die Juden sehen, dass ihre Beteuerungen bezüglich des Königtums Christi Pilatus nicht überzeugen, erklären sie: «Wir haben ein Gesetz, und nach unserem Gesetz muss er sterben, weil er sich selbst zu Gottes Sohn gemacht hat» (Joh. 19,7). Diese Worte schienen den Landpfleger zu beunruhigen, denn wir lesen: «Als nun Pilatus dieses Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr; und er ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesu: Wo bist du her? Jesus aber gab ihm keine Antwort. Da spricht Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weisst du nicht, dass ich Gewalt habe, dich loszugeben, und Gewalt habe, dich zu kreuzigen?» (Joh. 19,8-10).

Wenn der Herr Jesus sich weigert, auf die Frage des Pilatus nach seiner Herkunft Antwort zu geben, so deshalb, weil Er ihm einige Augenblicke zuvor schon offenbart hatte, dass Er König sei, aber dass sein Königreich nicht von dieser Welt sei, indem Er hinzufügte: «Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, auf dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme» (Joh. 18,37). In jenem denkwürdigen Gespräch hatte der Herr Jesus versucht, das Herz dieses Heiden für die Wahrheit zu gewinnen, indem Er ihm den Weg zeigte, der ihn zur Erkenntnis der in Ihm offenbarten Gnade führen konnte. Er hatte zu ihm von seiner Geburt gesprochen, von seinem Kommen in diese Welt und vom Zweck dieses Kommens: von «der Wahrheit Zeugnis zu geben». «Die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden» (Joh. 1,17). Beides war dem Pilatus in diesem feierlichen Augenblick durch Den vorgestellt worden, der von dem Vater ausgegangen und in die Welt gekommen war (Joh. 16,28). Nahm Pilatus von dieser Gnade und Wahrheit Besitz? Ach nein! Er unterbrach das Gespräch: «Was ist Wahrheit?», sagte er und ging dann zu den Juden hinaus. Sein Schicksal war fortan besiegelt. Deshalb gibt der Herr ihm keine Antwort, als er Ihn fragt: «Wo bist du her?»

3. Herodes

Pilatus schickte Jesus zu Herodes, und dieser freute sich sehr, als er Ihn sah; «denn er wünschte schon seit langer Zeit ihn zu sehen, weil er vieles über ihn gehört hatte, und er hoffte, irgend ein Zeichen durch ihn geschehen zu sehen. Er befragte ihn aber mit vielen Worten; er aber antwortete ihm nichts» (Luk. 23,8.9).

Herodes hatte schon früher gesucht, Jesum zu sehen (Luk. 9,9). Der Beweggrund dieses Wunsches war reine Neugier. Er bildete sich ein, in Jesus einen Wundertäter zu finden, der bereit war, ihm etwas Unterhaltung zu verschaffen. Vor Kajaphas und Pilatus hatte der Herr Jesus sein Schweigen gebrochen, aber an Herodes richtete er kein einziges Wort. Dieser Mensch war so verdorben, dass kein Wort der Wahrheit sein Gewissen erreicht hätte. Diesem gewissenlosen, von der Sünde beherrschten «Fuchs» gegenüber, der leichtfertig Verbrechen beging, hatte Jesus nichts zu sagen: Er steht vor ihm ohne seinen Mund zu öffnen. Übrigens hatte Herodes schon mehrmals die Wahrheit gehört durch das Zeugnis Johannes des Täufers, als dieser ihn «wegen alles Bösen, das er getan hatte», zurechtwies (Luk. 3,20). Aber er hatte nicht auf ihn gehört, hatte ihn ins Gefängnis geworfen und enthaupten lassen. Daher bleibt für ihn nur noch das beunruhigende Schweigen Jesu, in Erwartung seines schrecklichen Gerichts.

Während der darauf folgenden Szenen und bis zum Kreuz war der Herr Jesus angesichts seiner Feinde «wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern», obwohl die Evangelien sein Schweigen nicht ausdrücklich erwähnen. Petrus zieht als Zeuge der Schmach, die Er erduldete, für uns eine Belehrung daraus und sagt: «Denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, auf dass ihr seinen Fussstapfen nachfolget ... der, gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der recht richtet» (1.Petr. 2,21-23).

Bald wird Er «mit Macht und grosser Herrlichkeit» kommen (Luk. 21,27). Dann wird Er nicht mehr der von Menschen Verachtete und Verlassene sein und wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt, sondern «Könige werden es sehen und aufstehen, Fürsten, und sie werden sich niederwerfen» (Jes. 49,7). «Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln; er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein. Gleichwie sich viele über dich entsetzt haben ebenso wird er viele Nationen in Staunen setzen, über ihn werden Könige ihren Mund verschliessen» (Jes. 52,13ff.).

Wir haben Ihn nun in seiner tiefen Erniedrigung betrachtet. Welche Freude für uns, durch den Glauben den nahen Tag zu erwarten, an dem wir seinen Triumph mit Ihm feiern werden, «wenn er kommen wird, um an jenem Tag verherrlicht zu werden in seinen Heiligen und bewundert in allen denen, die geglaubt haben» (2.Thess. 1,10).

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Letzte Änderung am 27.03.2010.